Malts und Shakes

Nachdem wir uns eine Zeitlang in den Ruinen des Inka-Palastes von Pumapungo verloren haben und uns durch die Säle des Museums der Zentralbank haben treiben lassen, sind wir ermattet von so viel Kultur, aber vor allem tun uns die Füße weh. Leicht vergisst man, wie anstrengend ein Museumsbesuch sein kann: Minutenlang verharrt man vor den Vitrinen, versunken in die Betrachtung eines Exponats, ehe man seinen Weg gedankenverloren fortsetzt, aber kaum ist man ein paar Schritte gegangen, da zieht das nächste Schaustück die Aufmerksamkeit auf sich. Irgendwann sind drei Stunden vorbei, doch die Zeit scheint in einem einzigen Augenblick verflogen. Nur die Füße brennen.

Es ist schon Nachmittag und nach dem schmackhaften, aber nicht sehr üppigen Frühstück im Hotel sehnen wir uns nach einer opulenten Vesper. So wie wir hergefunden haben, lassen wir uns wieder zurück treiben – ohne klares Ziel und ohne sonderlichen touristischen Ehrgeiz. Vor Hunger halb entkräftet, schwanken wir auf der Calle larga, einer der Hauptstraßen, dem Stadtzentrum entgegen. Die Calle larga verläuft nördlich des Río Tomebamba und auf der Karte spreizt sie sich wie das Bein eines Zirkels vom Fluss ab. Die Straße führt auf geradem Wege direkt ins Zentrum der Stadt. Natürlich wollen wir nicht den ganzen Weg bis zum Hotel zurücklegen, ohne vorher gegessen zu haben, zumal wir fürchten, unterwegs an Entkräftung dahinzuscheiden.

Entlang der Calle larga reiht sich ein Restaurant an das andere. Nahezu an jeder Ecke könnte man einkehren, doch offenbar hat unsere Auszehrung noch nicht den Grad erreicht, da es einem egal ist, in welcher Form die dringend benötigten Kalorien zugeführt werden: Sobald wir vor der Tür eines Lokals anlangen, entspinnt sich ein ums andere Mal eine angeregte Diskussion darüber, ob es nicht lohnender wäre, lieber noch ein Stück weiter zu laufen, um zu sehen, was die nächste Adresse für uns bereithalte.

Wahrscheinlich ist es nur eine Auswirkung des Hungerdeliriums, ein klarsichtiges Halluzinieren infolge akuten Blutzuckerabfalls, aber wie ein Blitzstrahl (und völlig unvorbereitet) trifft mich in diesem Moment die Erkenntnis, dass der Merowinger völlig recht hat: Das Wissen um die Kausalität ist die einzige Freiheit im Leben – zu wissen, warum etwas geschieht. Ich sehe die anderen diskutieren und ich verstehe, warum es nichts zu essen gibt.

Wir laufen weiter und wie ich uns kenne, wären wir auch noch den ganzen übrigen Tag durch die Stadt marschiert, ein Zug der Elenden auf der Suche nach etwas Essbarem. Wenn es niemand sonst tut, muss man die Dinge selbst in die Hand nehmen. Mittlerweile hat sich der Fokus meiner Gedanken auf solche hochkalorischen Extravaganzen wie Cheeseburger oder Eiscreme verlegt oder auf Burger und Eiscreme oder Burger mit Eiscreme. Angesichts des lebensbedrohlichen Energieabfalls werden alle höheren Funktionen eingestellt; das Denken ist auf seine Urinstinkte reduziert.

Mit Tunnelblick wanke ich durch die Calle larga. Plötzlich stehe ich vor einem Schild mit der Aufschrift „Bagels“. Ich denke nicht nach – die wenigen Glukosemoleküle, die noch durch mein System zirkulieren, reichen gerade aus, um die Vitalfunktionen aufrechtzuerhalten. Es ist der reine kreatürliche Instinkt, der mich kurzerhand nach rechts durch die Tür schwenken lässt. Ich verschwende nicht einen einzigen Gedanken daran, was mich dahinter erwarten könnte.

Wir durchschreiten die Pforte zu einer anderen Welt. Nachdem wir Hunger und Elend nur knapp entronnen sind, erwartet uns ein Schlaraffenland, ein schwelgerisches Eldorado für alle, die das Kalorienzählen verabscheuen und denen Schlagsahne ein Lebenselixier bedeutet. Der Zufall hat uns in ein amerikanisches Café geführt ober vielmehr in ein Café, das von einer Amerikanerin geführt wird. Der Laden ist urgemütlich und macht Lust, länger zu verweilen, um sich mit Kalorien in ihrer leckersten Form den Bauch zu füllen.

Wir stürzen uns auf die Speisekarte wie ein Rudel hungriger Wölfe. Die Bestellung ist aberwitzig: Bald türmen sich auf dem Tisch Berge saftiger Toasts aus dem Grill und Bagels, aus denen der Creme cheese so üppig hervorquillt wie die Hüftrollen, die der Genuss des ringförmigen Backwerks verheißt; vor unseren Augen breitet sich ein buntes Potpourri von Lemon-, Apple- und Maracuja-Pies aus; ein Cesar Salad, der sich wie der Komposthaufen in einer Gärtnerei mittlerer Größe ausnimmt, türmt sich in der Schüssel.

Die Mixer surren ununterbrochen – es scheint, unsere Bestellung hat sie an die Grenze ihrer Kapazität getrieben – und als dann schließlich mein Chocolate-Malt auf dem Tisch steht, kann ich mein Glück kaum fassen: Das Glas ist riesig wie ein Meisterschaftspokal und sein Inhalt fließt über den Rand wie dickflüssige Magma über die Hänge eines Vulkans. Die Monstrosität wird zudem noch von einem Sahnehäubchen gekrönt. Die Besitzerin des Cafés stellt mir sogar den Mixbecher daneben – er ist immer noch gut zur Hälfte gefüllt. Ich glaube, ich bin im Himmel.

Der Malt, den ich bestellt habe, ist so dick, dass ich ihn selbst mit größter Anstrengung kaum durch den Strohhalm bekomme. Ein ganzes Kilo Schokoladeneis muss darin verarbeitet worden sein. Es dauert ewig, bis ich mein Glas und auch den Mixbecher bis auf den Grund geleert habe, aber danach bin ich so satt, als hätte ich eine Zwei-Liter-Einscreme-Box allein ausgelöffelt. Ich koste also lediglich von dem Maracuja-Pie, der ein so intensives und angenehmes Maracuja-Aroma verströmt, wie es nur mit frisch verarbeiteten Früchten gelingt. Gerade ist Saison und kaufen kann man die sauren Früchte nahezu überall.

Nach dem mächtigen Shake fühlte ich mich so schwer, als wäre ich mit dem Hosenboden am Stuhl festgeschraubt. Auch die anderen sind mit ihrem Essen sehr zufrieden und der warme Abglanz von Glückseligkeit liegt in ihren Augen, während der Kalorienexzess sie mit angenehmer Schläfrigkeit schlägt. Alle sind der Meinung, es hat sich gelohnt. Die besten Empfehlungen gibt eben manchmal der Zufall.

Die Besitzerin des Cafés ist Amerikanerin und sie ist überaus nett und vor allem ist sie sehr gesprächig. Während sie die Bestellung entgegennimmt, kommen wir ins Plaudern. Da ich das Glück habe, endlich einmal eine Expertin zu treffen, nutze ich die Gelegenheit und stelle ihr die eine Frage, die mir schon seit langem den Schlaf raubt: Worin besteht der Unterschied zwischen einem Malt und einem Shake? Die Chefin erklärt, im Grunde sei beides dasselbe, nur werde beim Malt etwas malted barley, also gemälzte Gerste, hinzugesetzt, was dem Shake eine malzige Note verleihe. Damit wäre auch diese existenzielle Frage ein für allemal beantwortet.

Manchmal kann man sich nur wundern, mit welcher Entschlossenheit und welchem Enthusiasmus manche Menschen sich einer Aufgabe verschreiben: Die Besitzerin des Cafés mag gut und gerne in einem Alter sein, in dem man in Deutschland den wohlverdienten Ruhestand zu genießen pflegt. Es ist sicher nicht leicht, jeden Tag zehn, zwölf Stunden auf den Beinen zu sein – freiwillig, wohlgemerkt. Dafür muss man das, was man tut, wirklich lieben. Ich glaube, dass die Café-Besitzerin nicht weniger als das Glück gefunden hat, ihre ganze private Insel der Glückseligkeit. Alles an diesem Ort strahlt jene Sorgfalt, Hingabe und Leidenschaft aus, die man nur dann aufzubringen bereit ist, wenn man sich seiner Arbeit mit Liebe widmet. Ich denke, das ist die einzige Weise, auf die es sich zu arbeiten lohnt. Alles andere ist Geldverdienen.

An einem der Tische sitzt ein weißhaariger alter Amerikaner. Er scheint eine Art Faktotum zu sein und ich wette, man trifft ihn fast immer hier an, auf seinem Stammplatz. Hin und wieder wirft er der Besitzerin einen launigen Kommentar zu. Man sieht dieser Tage viele alte Amerikaner in Ecuador – manche verzehren mehr schlecht als recht ihre Rente, andere betreiben Cafés.

Mir will es als regelrecht paradox erscheinen, dass ausgerechnet die Amerikaner, die doch bis zum Aufstieg von Starbucks und Konsorten über keine eigene Kaffeekultur verfügten (zumindest über keine, die diesen Namen verdiente), nun die Kultur der Coffee-Shops in alle Welt tragen. Es ist faszinierend, wie ein Land mit so wenig eigener Tradition sich aller Traditionen bemächtigt, mit ihnen experimentiert und sie der Welt um ein Vielfaches multipliziert wieder zurückgibt.

Oft hat man den Eindruck, der geschäftliche Erfolg sei nur möglich, weil man gleichsam das tief in der menschlichen Seele verankerte Bedürfnis nach Geborgenheit, nach Gemütlichkeit und natürlich nach gutem Essen so vorzüglich zu bedienen versteht. In der Tat ist so ein Coffee-Shop gemütlich, der Kaffee ist gut und man fühlt sich wohl. Es scheint, die Amerikaner haben einen siebten Sinn für solche lebenswichtigen Banalitäten und wo auch immer sie sich niederlassen, beginnen sie sofort geschäftstüchtig damit, ihre Netzwerke zu knüpfen. Da viele Amerikaner Ecuador zu ihrem Wohnsitz erkoren haben, sind die Maschen dieses Netzes nirgendwo allzu groß.

Wir fragen die Besitzerin ein wenig aus – nicht, dass wir sie nötigen müssten, unsere Fragen zu beantworten: Sie sagt, sie stamme aus Minnesota. Wir haben einige Jahre in Texas gelebt, und auch wenn für jemanden aus dem Norden Amerikas Texas als ein Land der Hillbillies erscheinen muss, freut sie sich doch zu hören, dass wir uns gern an unsere Zeit in den Staaten zurückerinnern.

Unser Sohn, der auch in den USA aufgewachsen ist und Englisch deshalb wie ein Amerikaner spricht, fühlt sich sofort wie zuhause. Er plaudert mit der Chefin, als würde man sich schon eine Ewigkeit kennen, und er fühlt sich dabei sichtlich wohl und ist auch ein wenig stolz, dass man ihn wie einen Erwachsenen behandelt. Ich bewundere die spielerische Leichtigkeit, mit der er die unsichtbare Grenze zwischen den Kulturen überwindet. Natürlich ist er sich dessen gar nicht bewusst, ich hingegen, der ich erst als Erwachsener in anderen Kulturen gelebt habe, bewege mich durch ein weites Niemandsland, passiere unsichtbare Grenzkontrollen und das Büro des Zolls. Fremde Kulturen sind faszinierend und in ihnen zu leben, hat seinen Reiz, heimisch aber fühlt man sich nur selten – es sei denn, man ist ihnen durch die Kindheit innig verbunden.

Wir verlassen das Café in gehobener Stimmung und wir fragen uns, warum es so etwas nicht in Quito oder gar in Cumbayá gibt. Doch im selben Augenblick, da wir uns diese Frage stellen, wissen wir die Antwort. Wahrscheinlich sind die Gewerbemieten dort so exorbitant hoch, dass es kaum jemand wagt, seine schwer verdienten Ersparnisse zu investieren. Und außerdem, wer möchte schon sein Leben in einem so trostlosen Ort wie Cumbayá beschließen. Etwas ähnliches wie das „Windhorse Café“ – so der Name des Lokals, in dem man uns so vorzüglich bewirtet hat – habe ich in Cumbayá noch nie gesehen und ich glaube, man wird noch sehr lange darauf warten müssen. Wir sind jedenfalls froh, dass der Zufall uns hierher geführt hat – ins Schlaraffenland der Toasts und Bagels und Pies und Cakes, ins süße Wunderland der Malts und Shakes.

Alles anders!

Der Alltag hat einen daran gewöhnt, die meisten Dinge als völlig normal zu erachten. Erst wenn man den gewohnten Standpunkt verlässt, wenn man gezwungen ist, die Welt aus einer anderen Perspektive zu betrachten, merkt man, dass es das „Normale“ eigentlich gar nicht gibt und vielleicht auch gar nicht geben kann. Wenn das, was man eben noch als normal empfand, plötzlich die Ausnahme ist, und die gewohnte Welt auf dem Kopf zu stehen scheint, begreift man, dass man einer Illusion erlegen war.

Der Kulturschock zeigt sich immer in den kleinen Dingen. Wie man es auch dreht und wendet – wir kommen nie über das hinweg, was wir einmal gelernt haben. Was uns einmal antrainiert worden ist, bleibt ein Leben lang der Maßstab, an dem wir alles messen müssen. Die Moral steckt uns in den Knochen und wir können sie nicht auf dieselbe Weise austreiben, wie sie uns eingetrichtert wurde. Ich habe bereits drei Jahre in Texas gelebt und glaubte daher, dass es nichts gäbe, was mich noch wirklich beeindrucken könnte. Aber manchmal irrt man eben.

In Belleville, New Jersey, (in der Nähe Newarks), wohnen wir bei Freunden meiner Frau. In der Nähe befindet sich ein Supermarkt, und da wir als Gäste nicht nur den Kühlschrank leeren wollen, ist schnell der Entschluss gefasst, wir müssten einkaufen gehen. Man kann den Supermarkt in ca. fünf Minuten zu Fuß erreichen und wir beschließen hinzulaufen – ein Kuriosum in einem Land, in dem selbst kürzeste Entfernungen mit dem Auto zurückgelegt werden. Drinnen erwartet uns eine unglaubliche Fülle an Lebensmitteln. Belleville liegt zwar weniger als eine Autostunde von New York entfernt, ist aber dennoch nur eine Kleinstadt, und eine ziemlich provinzielle dazu. Der Supermarkt aber ist, was die Reichhaltigkeit des Angebots betrifft, besser ausgestattet als die Masse der Berliner Verbrauchermärkte, ganz gleich, welcher Kette sie angehören. Es gibt einfach alles: Kochbananen, sogar in unterschiedlichen Reifegrade, getrocknete Chilis in verschiedenen Sorten, Mangos, Süßkartoffeln, Melonen. Insbesondere das Angebot an Obst und Gemüse ist überwältigend. Und auch alles übrige ist in solch einer überbordenden Fülle vorhanden, dass beim Einkaufen die Qual der Wahl der Normalzustand ist.

Die meisten Waren sind jedoch nicht gerade billig. Die Preise sind mit denen in Deutschland durchaus vergleichbar. Ich habe den Eindruck, es ist alles sogar noch teurer als in Berlin. Seit 2008, als wir Amerika verließen, hat die Preisschraube noch einmal deutlich angezogen. Ist das nun nur ein Eindruck oder tatsächlich eine Konsequenz der Geldpoliktik der FED, dem quantitative easing, was nichts anderes als eine gesteuerte Inflation bedeutet? Man fragt sich, wie die einfachen Leute überleben. Allerorten hört man von Zweit- oder Drittjobs, mit denen sich die Menschen notdürftig über Wasser halten.

Gestern sprach mich ein Mann auf der Straße an. Er versicherte mir, er wolle nichts Böses. Zum Beweis zeigte er mir seinen Führerschein – was auch immer das beweisen mochte. Stattdessen bot er mir zwei Bruce-Lee-DVDs zum Kauf an. Ich log, ich sei kein großer Fan von Bruce Lee, denn ich wollte die DVDs auf keine Fall kaufen. Ich fragte ihn stattdessen, ob ich ihm sonst irgendwie helfen könnte. Ein bisschen Geld für den Bus wäre nicht schlecht, meinte er. Er habe nur das, was er bei sich hätte und sonst nichts (außer seinen Sachen schien er nichts zu besitzen). Ich gab ihm alles, was ich an Kleingeld in den Taschen hatte und er zog dankbar in die Nacht. Ich kam mir ganz schlecht dabei vor, ihn einfach so gehen zu lassen.

Unsere Reisekasse war zu diesem Zeitpunkt noch gut gefüllt und wir hielten uns mit Einkäufen im Supermarkt nicht zurück. Am Ende wollte ich noch etwas Bier kaufen, denn Wasser allein löscht bekanntlich nicht den Durst. Ich war ein wenig schockiert zu erfahren, dass die Supermärkte keine alkoholischen Getränke verkaufen. Vielleicht ist diese Regelung ein archaisches Überbleibsel aus der Zeit der Prohibition, vielleicht will man Jugendliche davor schützen, sich auch noch der letzten funktionsfähigen Gehirnzellen zu entledigen, vielleicht wollen radikale Abstinenzler einfach nur den ganzen Bundesstaat terrorisieren – ich weiß es nicht. Joao, unser Gastgeber, ist erstaunt, dass ich etwas anderes erwartet habe und meint bloß, wenn wir Bier kaufen wollten, müssten wir mit dem Auto zehn Minuten weit fahren, zu einem speziellen Laden. Das wäre angeblich kein Liquor-Store. New Jersey versucht sich doch nicht etwa am schwedischen Modell? Ich nehm’s so hin; durch die Gegend zu fahren, habe ich keine Lust, zumal mir Joao am Tag zuvor erzählte, dass die Gegend fünf Straßen weiter ein ganz übles Pflaster sei.

Ich grübelte noch lange, welchen Sinn es haben könnte, Bier aus dem Supermarkt zu verbannen, zumal in einigen Bundesstaaten jeder, der Alkohol kauft, einen Adult-Check über sich ergehen lassen muss, ganz gleich wie alt er wirklich ist (und wie alt er aussieht). Eine vernünftige Antwort fällt mir nicht ein. Ich brauche ein Bier, um meine Hirnzellen anzukurbeln. Joao hat eine Coronita im Kühlschrank, die er mir, als der warmherzige Mensch, der er ist, sofort mit einem strahlenden Lächeln serviert. Eine Coronita ist eine kleine Corona extra, nur ein Shot in einer winzigen Flasche, zu leeren in einem einzigen Zug. Ich genieße das kalte Bier nach einem langen heißen Tag.

Einige Tage später haben wir dann tatsächlich Gelegenheit, ein Weingeschäft aufzusuchen. Wir waren die einzigen Kunden in dem auf winterliche Temperaturen gekühlten Geschäft, das eher an eine große Lagerhalle denn an eine gediegene Weinhandlung erinnerte. Die Auswahl war wirklich sehr gut, viele Qualitätsweine fanden sich darunter, aber meine Frau hatte sich nun einmal in den Kopf gesetzt, ihren Freunden ein ganz besonderes Geschenk zu machen: Es sollte ein deutscher Eiswein sein und nichts anderes. Da die Weine nicht mehr in den Koffer passten, waren wir also gezwungen, ein paar Flaschen hier in Amerika zu kaufen. Eiswein hatten sie leider nicht und ich bezweifele, dass der Angestellte, der ein wenig wie der Comic-Guy aus den Simpsons aussah, sich überhaupt vorstellen konnte, was wir meinten. Er zeigte uns einen kanadischen „Ice wine“, was immer das sein sollte. Als ich den Karton mit der Flasche aus dem Regal nahm, um ihn mir genauer anzusehen, wäre mir fast ein Malheur passiert. Mehrere Flaschen fielen um; zum Glück ging nichts zu Bruch.

Am Ende entschieden wir uns für zwei Flaschen Riesling von der Mosel, ein Wein süß, der andere trocken ausgebaut. Ich glaube, wir haben eine gute Wahl getroffen. Jedenfalls kann man mit einem deutschen Qualitäts-Riesling nicht wirklich etwas falsch machen. Als wir schon gehen wollten, entdeckte ich noch eine kleine, aber wohlbestellte Abteilung mit Craft-Bieren. Eine Flasche (0,3 Liter) kostete um die 2,50 Dollar. Wir hatten wenig Zeit, so dass ich mir nicht in Ruhe die Etiketten anschauen konnte, und die Namen der meisten Biere sagten mir gar nichts. Auch gab es viele exotische Sorten, z.B. Schokoladen- oder Apfelbiere, mir war aber eher nach Gerste und Hopfen in seiner natürlichen Form als Pils. Ein Ale hätte es auch getan, aber dann verließ ich den Laden doch, ohne etwas zu kaufen.

Diese fast schon panische Angst vor dem Alkohol in allen seinen Spielarten ist schon merkwürdig. Man scheut ihn offenbar wie der Teufel das Weihwasser. High Fructose Corn Syrup scheint aber etwas Gutes zu sein, denn sonst würden nicht alle Lebensmittel den süßen Syrup aus biochemisch umgewandelter Maisstärke enthalten. Es ist fast unmöglich, eine Marmelade mit „richtigem“ Zucker zu finden (zumindest eine Industriemarmelade), oder – wenn es denn schon sein muss – eine Limonade, die übrigens in einer an Wahnsinn grenzenden Vielfalt zu finden ist. Wenn das Zeug wenigstens betrunken oder high machen würde, könnte man zumindest die körperlichen Schäden gegen die zu erwartende Rauschwirkung abwägen. Aber so holt mal sich einfach nur Diabetes. Schön saufen kann man sich die Welt damit jedenfalls nicht.

Richtig voll werden die Supermärkte eigentlich erst am Abend, aber dann, nach Sonnenuntergang, stürmen die Menschen wie auf ein geheimes Zeichen hin die Geschäfte. Schon damals, 2006 in Texas, fiel mir auf, dass sich Familien mit kleinen Kindern bevorzugt in den späten Abendstunden in den Supermärkten aufhalten. Hier in New Jersey ist es nicht anders. Zum Teil mag das daran liegen, dass es im Sommer am Tag oft unerträglich heiß ist. Es ist nicht zum Aushalten – man fühlt sich wie in einem Backofen. Im Grunde kann man den Sommer nur auf zweierlei Weise überstehen: in gut klimatisierten Räumlichkeiten oder in einer kühlen Seebrise am Antlantikstrand. Büros, Shoppingmalls und Wohnungen werden auf frostige 20 oder gar 18 Grad heruntergekühlt – eine Stunde im Supermarkt und man ist regelrecht unterkühlt und schlottert nur so vor Kälte. Wegen der ständigen Temperaturwechsel und wegen des andauernden Zugs aus der Klimaanlage ist mir schon die Nase zugeschwollen, aber anders lassen sich die Temperaturen einfach nicht aushalten.

Im Supermarkt begegnet einem der übliche Wahnsinn. Amerika ist ja vor allem eine Sitzkultur. Ich glaube, kein Volk hat die Sitzkultur so weit vorangetrieben wie die Amerikaner. Ein Wohnzimmersofa ist nicht nur irgendein Möbelstück, sondern der Mittelpunkt des Hauses, gewissermaßen die Schaltzentrale, von der alle Aktivität ausgeht, ja von der das Leben selbst seinen Anfang nimmt. Man kann nicht genau sagen, ob das Sofa die Verlängerung des Autos ist oder umgekehrt, jedenfalls muss ein echt amerikanisches Sofa mit Cupholdern und Mittelkonsole ausgerüstet sein; vor allem aber muss es groß sein – verglichen mit seinen europäischen Pendants einfach gigantisch groß.

Das neue Sofa unserer Gastfamilie liegt wie eine Endmoräne im Wohnzimmer. In die Cup-Halter passen XXL-Becher und das Aufbewahrungsfach in der Mittelkonsole ist so groß wie eine kleine Kühlbox; sämtliche Fernbedienungen verlieren sich darin geradezu. Die Auswirkungen der sitzenden Lebensweise kann man jeden Abend im Supermarkt betrachten. Dick zu sein, ist keine Ausnahme, etwas mollig ist fast jeder. Man sieht nur wenige dünne Menschen im Straßenbild. Erschreckend ist aber die Anzahl der wirklich massiv Übergewichtigen.

Schon auf dem Flug von Dublin nach New York fiel auf, dass sich einige unglaublich adipöse Personen unter die übrigen Passagiere gemischt hatten. Man darf zurecht annehmen, dass es sich um Amerikaner handelte. Ich war froh, dass ich nicht neben einen von ihnen sitzen musste – nicht, weil ich sie nicht leiden könnte oder weil ich etwas gegen Dicke hätte, sondern weil die Sitze schon für normalgewichtige Personen zu eng und zu unbequem waren. Jeder Zentimeter Ellenbogenfreiheit muss mühsam mit dem Sitznachbarn ausgehandelt werden. Ich hätte nicht gern neben jemanden sitzen wollen, der nicht in der Lage ist, Kompromisse zu machen.