Regime Change

Unser Gastgeber wirkte auf Anhieb sympathisch, so sympathisch, dass man ihm den Politiker gern verzeihen wollte. Nachdem wir die Kartons abgeladen und in seiner Garage untergestellt hatten, bat er uns ins Haus. Hierzulande wird noch der Tradition einer ursprünglichen Gastfreundschaft gehuldigt und man würde es schlicht als unanständig ansehen, einen Besucher an der Haustür zurückzuschicken. Sein Haus, eine strahlende Residenz im Gewand postmodernistischer Zurückhaltung, hatte sicher mehrere Millionen Dollar gekostet, wie übrigens alle Häuser innerhalb der Mauern dieser Suburbanisation. Ein magischer Vollmond ging gerade über dem Dachgiebel auf. Die Szene wirkte so irreal wie die extravaganten Sehnsuchtsbilder in einem Immobilienkatalog für Superreiche.

Wir nahmen auf den schönen Sofas vor dem Kamin Platz. Das Wohnzimmer war sehr geschmackvoll eingerichtet. In der Dekoration ließ sich ein verhaltener Minimalismus erkennen, und an den Wänden hingen Kunstwerke, wie man sie wohl kaum auf dem Flohmarkt finden würde. Ein Bild gefiel uns besonders und meine Frau fragte nach dem Künstler. Wir googelten später, um mehr herauszufinden. Wir überschlugen, dass die Kunst, die allein in diesem Raum an den Wänden hing, gut zwanzigtausend Dollar wert war, vielleicht sogar noch mehr, denn der Künstler lebt nicht mehr und man darf davon ausgehen, dass seine Werke ständig an Wert gewinnen.

Wir unterhielten uns auf Englisch, dem einzigen Idiom, das alle gut genug sprachen, um darin eine gepflegte Unterhaltung zu führen. Die Frau unseres Gastgebers ist Amerikanerin und er selbst spricht ein perfektes Englisch, das jedoch den harten spanischen Akzent nicht ganz verhehlen kann. Um das Eis zu brechen, ergingen wir uns ein wenig in Smalltalk. Wir plauderten über Kunst – und über die schönen Bilder, die es an den Wänden zu bestaunen gab, ließ sich auch trefflich reden – und über einiges andere, Dinge, die man schnell wieder vergessen hat.

Der Verlauf des Gesprächs bot unserem Gastgeber dann aber doch Gelegenheit, recht schnell zur Sache zu kommen: Als meine Frau meinte, dass sein Name ihr irgendwoher bekannt sei, erklärte er, dass sie ihn wahrscheinlich in Zusammenhang mit der Mesa gehört habe; er sei darin Mitglied. Er fügte scherzhaft hinzu, er wäre somit ihr Boss, und das war keineswegs nur ein ironisches Bonmot, um das Gespräch aufzulockern, sondern es war die Wahrheit, nur eben in einen Witz und in ein sympathisches Lächeln verpackt. Die Mesa ist das, was in den USA das School board ist, also das Gremium, das die großen Entscheidungen in der Schulpolitik trifft. Selbstverständlich kann einer derart einflussreichen und mächtigen Körperschaft nur ein erlauchter Personenkreis angehören. Es ist immer gut zu wissen, mit wem man es zu tun hat.

Ich werde stets hellhörig, wenn man mir erzählt, man entstamme einer alten Familie, denn was man damit wirklich zu sagen versucht, ist, dass man eigentlich reich sei und dass man es schon gewesen sei zu einer Zeit, für die die meisten Menschen nicht einmal die Namen ihrer Vorfahren anzugeben wüssten. Einen langen Stammbaum hinter sich zu haben, ist aber kein Verdienst, sondern allenfalls Gunst des Schicksals oder doch eher reiner Zufall.

Ich habe gegoogelt – ich konnte einfach nicht widerstehen, zumal unser Gastgeber ja selber ins Gespräch eingebracht hatte, dass er einer Familie mit Herkommen entstamme: alter spanischer Kolonialadel aus Quito und reich begütert. Der Name ist bekannt. In Deutschland ist ein Name wie der andere und allenfalls ein „Von“ vor dem Nachnamen verleiht seinem Träger den schwachen nostalgischen Glanz einer vermeintlich besser geordneten Welt. Hierzulande sagt der Name aber viel über die soziale Stellung einer Person aus und manche Namen haben einen schöneren Klang als andere. Und der Name unseres Gastgebers ist für ecuadorianische Ohren schon fast ein Engelschoral.

Unser Gastgeber ist Anwalt und er strebt eine politische Karriere an. Seit Kurzem kandidiert er für einen Wahlkreis in Quito. Ich konnte nicht herausbekommen, für welche Partei er eigentlich ins Rennen geht, aber aus seinen Äußerungen wurde klar, in welche Richtung sein politisches Engagement zielt: Von der derzeitigen Regierung sprach er nur als „Regime“. Regimen haftet der Ruch des Unrechts und der Gewalt an und selbstverständlich ist es eine ehrenhafte Tat, sie zu beseitigen, vor allem, wenn man edle Ziele verfolgt. Er sprach davon, dass man (wer auch immer dies sein soll) die Demokratie (was immer das sein soll) „reinstallieren“ wolle. Ich wagte einzuwenden, dass der derzeitige Präsident sich dem Votum des Volkes in drei Wahlen habe stellen müssen, und in den letzten zwei hätte er sogar im ersten Wahlgang die absolute Mehrheit errungen. Mehr demokratische Legitimation kann man eigentlich kaum haben.

Unseren Gastgeber focht das nicht an: Die Regierung hätte ihre Leichen im Keller. Ich verstand nicht, was er mir damit sagen wollte, und er sah sich zu einer Erklärung genötigt. Die Regierung führe Listen mit über drei Millionen Wählern, die es in Wirklichkeit gar nicht gibt – Phantome, Geister, Harvey der Hase. Bei einer Einwohnerzahl von sechzehn Millionen würde man mit solch einem Stammkapital natürlich jede Wahl gewinnen, ganz gleich, wie sehr sich die Opposition auch anstrengen mag. Ich konnte es nicht glauben, doch er beharrte, es sei die Wahrheit. Den Beweis blieb er natürlich schuldig, aber ich erwartete auch nicht, dass er die gefälschten Wählerlisten in diesem Augenblick aus der Schreibtischschublade ziehen würde.

Man muss dazu wissen, dass in Ecuador die Wahl Staatsbürgerpflicht ist. Wer wählt, erhält darüber einen amtlichen Nachweis. Ohne diesen Nachweis kann man auf verschiedenen staatlichen Stellen ernste Probleme bekommen und dann benötigt man eine Freistellung, eine Art Ablassbrief, der wiederum bestätigt, dass alle Schuld beglichen sei und dass man ab sofort wieder in dieselben Rechte eingesetzt sei wie jemand, der seiner Staatsbürgerpflicht brav nachgekommen ist.

Da jeder Wahlberechtigte also wählen muss, denn andernfalls hätte er Sanktionen zu gewärtigen, ist davon auszugehen, dass die Wahlbeteiligung nahe einhundert Prozent liegt – das dürften schon fast realsozialistische Quoten sein. Drei Millionen zusätzliche Wähler würden da natürlich auffallen. Doch keine Wahlbeobachterkommission hat je beanstandet, dass die Wahlen im Land nicht dem allgemein anerkannten Standard entsprochen hätten, wie er für demokratische Wahlen als angemessen erachtet wird.

Ich wollte diese Ungeheuerlichkeit nicht weiter kommentieren. Meine Frau verwies darauf, dass die derzeitige Regierung das Land wie kaum eine Regierung zuvor vorangebracht hätte. Zum ersten Mal – man möchte sagen, seit Menschengedenken – hat man den Eindruck, die jahrzehntelange Erstarrung, in der sich das Land befunden hatte, wäre beendet und Ecuador hätte doch noch seine Ausfahrt in die Zukunft gefunden. Meine Frau verwies auf Infrastrukturprojekte, die das Land völlig umgestaltet hätten, auf die Bildungs- und Justizreform, auf die Reform des Ämterapparates und nicht zuletzt darauf, dass dieser verschlafene Flecken namens Ecuador, dieses letzte Stückchen Erde am äußersten Ende der Welt endlich einen Zugang zur Moderne gefunden hätte.

Alle diese Dinge sind wahr und jeder, der das Land im Abstand von mehreren Jahren besucht hat, kann sich mit eigenen Augen davon überzeugen. Unser Gastgeber hatte darauf nur zu entgegnen, dass alle diese Werke die Pflicht der Regierung gewesen seien, die Pflicht jeder Regierung, die den Anspruch erhebt, ein Land verantwortungsvoll zu führen und die auch über die Fähigkeiten verfügt, dieser Aufgabe nachzukommen. Eine solche Argumentation führt geradezu zwingend zu dem Schluss, dass es allen Vorgängerregierungen entweder am Willen mangelte, das Land zum Besseren zu verändern, oder dass man schlicht unfähig war und deshalb scheitern musste. Führer, so fügte er enigmatisch hinzu, würden stets für ihre schlechten Taten in Erinnerung bleiben. Er ließ offen, was er damit meinte, aber seine Worte schwebten wie ein Verdikt im Raum.

Wir sprachen noch ein wenig über die Zukunft. Unser Gastgeber ging davon aus, dass die derzeit im Amt befindliche Regierung auch die nächsten Wahlen gewinnen werde – dank ihrer drei Millionen Phantomwähler. Er konnte sich nicht mit dem Gedanken versöhnen, dass man sie vielleicht auch deshalb gewählt und zweimal im Amt bestätigt hatte, weil alle vorangegangen Regierungen das Wohlergehen der großen Mehrheit im Lande sträflich vernachlässigt hatten, und zwar über Jahrzehnte.

Rafael Correa, der derzeitige Amtsinhaber, wird 2017 zurücktreten. Die Opposition wittert Morgenluft, doch die meisten halten sie nicht für die Alternative, die das Land weiter voranbringen könnte. An der Spitze der Bewegung steht ein Banker und die Leute spotten, er unterhalte ein gut gefülltes Konto in der Steueroase Panama. Dass sich dieser Mann als Anwalt der einfachen Leute ausgibt, ist wirklich lächerlich, aber allein mit den Stimmen der reichen Elite (die ihm, wie ihre Herzen, ohnehin schon zufliegen) könnte er keine Wahl gewinnen. Viele im Lande fürchten, mit einem Sieg der Opposition würde das Land einen Rückfall in die Zeiten dreister Klientelpolitik erleben, da eine raffgierige Elite sich dank ihrer Beziehungen und dank ihres Einflusses die lukrativsten Pfründen zu sichern verstand. Wenn man sich die jüngste Geschichte Ecuadors anschaut, sind diese Ängste nicht ganz unbegründet.

Unser geschätzter Gastgeber schien nicht besonders erfreut über den Umstand, dass nach der nächsten Wahl ein Mann wie Lenín Moreno das Präsidentenamt übernehmen könnte, doch er lächelte die bittere Pille einfach weg. Moreno war unter Correa bis Mitte 2013 Vizepräsident, aber seitdem ist es ruhig um ihn geworden und eigentlich hegt man keine großen Erwartungen mehr für seine politische Zukunft. Seit einem Raubüberfall 1998 sitzt er im Rollstuhl und er war der erste hohe Amtsträger mit einer Behinderung in ganz Lateinamerika. Im Jahre 2012 wurde er wegen seines Engagements für Behinderte sogar als Kandidat für den Friedens-Nobelpreis gehandelt (den Preis hat dann aber die EU erhalten – wofür eigentlich?).

Mir ist nicht ganz klar, warum unser Gastgeber den Ex-Vizepräsidenten überhaupt ins Spiel brachte, aber er schien ihn als einen möglichen und aussichtsreichen Bewerber für das Präsidentenamt anzusehen. Vielleicht ist das aber nur eine taktische Finte, um die Leute zu ängstigen, so dass sie es sich überlegen und ihre Stimme im letzten Moment doch noch dem Banker mit dem Auslandskonto geben. Wenn man unseren Gastgeber so reden hörte, hätte man glauben können, mit einem Rollstuhlfahrer als Präsidenten setze man das Schicksal der Republik aufs Spiel. Denn auf den Gesundheitszustand Morenos anspielend, meinte er mit besorgter Miene, er könnte im Amt sterben und er beschwor damit den Alptraum eines Staatsnotstandes herauf. Woher er seine ärztliche Weisheit nahm, weiß ich nicht zu sagen, aber wenn dem so wäre und tatsächlich jeder, der im Rollstuhl sitzt, in akuter Lebensgefahr schwebte, wäre zumindest im Falle Schäubles noch zu hoffen.

Im übrigen meinte er, Moreno sei ein „funny guy“ – vielleicht spielte er auf die Lachtherapie an, durch die es ihm gelang, seinen Gesundheitszustand zu stabilisieren, nachdem ihn die Ärzte schon abgeschrieben hatten. Ob aber jemand, dessen offenbar einzige Qualität darin zu bestehen scheint, „lustig“ zu sein, als Präsident eine gute Figur abgäbe, mag man bezweifeln, ganz abgesehen davon, dass er ein todkranker Mann sei – jedenfalls nach der Meinung eines Laiendoktors.

Man ist ganz hin und hergerissen zwischen der persönlichen Liebenswürdigkeit und Hilfsbereitschaft dieses Mannes, der zudem noch überaus sympathisch wirkt, und seinen Aussagen, die man wohl weniger als persönliche Meinung zu werten hat, sondern vielmehr als knallharte politische Agenda ansehen muss. All die Schlagworte, die er an diesem Abend bemühte, um sein Missbehagen gegenüber der Regierung zum Ausdruck zu bringen, kamen mir verdächtig bekannt vor: Regime, Wahlen manipuliert (auch wenn er das explizit nicht so sagte), Demokratie reinstallieren.

Es braucht keinen genialen Politstrategen, um daraus ein griffiges Programm zu schmieden, welches das Potential hat, als politischer Brandbeschleuniger zu wirken. NGOs spielen nach wie vor eine zweifelhafte Rolle in der ecuadorianischen Politik und es würde mich keineswegs überraschen, wenn unser Gastgeber den Segen und die Unterstützung mächtiger Schirmherren gewonnen hätte.

Regime haben leider keinen guten Leumund und wenn man eine rechtmäßig gewählte Regierung nur lange genug so tituliert, hängt man ihr eine Zielscheibe um, auf die man sich in aller Ruhe einschießen kann. Denn es ist ein Verbrechen, eine legitime Regierung zu stürzen, aber es ist legitim, ein Regime zu beseitigen. Eine neue, eine bessere Ordnung ist denkbar und sie ist sogar wünschenswert und vor allem ist sie gerecht – zumindest wenn man Propagandisten vom Schlage unseres Gastgebers glaubt. Wäre dem wirklich so, hätten die Menschen sich doch längst für eine andere Führung entschieden, denn schließlich ist Ecuador nach allgemeinem Dafürhalten keine Diktatur, und auch wenn man eine Regierung als Regime bezeichnet, heißt das natürlich nicht, dass sie wirklich eines wäre. Zu schade, dass man sich das Volk, das einen wählen soll, nicht aussuchen kann.

[Anmerkung: Lenín Moreno wurde vom linken Lager – wie von unserem Gastgeber vorausgesehen – tatsächlich als Präsidentschaftskandidat aufgestellt. Im April 2017 hat er die Stichwahl gegen den Banker Guillermo Lasso denkbar knapp gewonnen. Wie ebenfalls vorhergesehen, behaupteten die Verlierer, die Wahlen seien manipuliert worden. Gleichsam als Beweis führten sie die völlig anderslautenden Prognosen an. Unabhängige Wahlbeobachter konnten jedoch keine Manipulationen feststellen und sie kamen zu dem Ergebnis, dass die Wahl korrekt abgelaufen sei. Prognosen der dem konservativen Lager nahestehenden Info-Institute hatten Lasso zunächst deutlich vor Moreno gesehen, so dass sich für viele mittlerweile die Frage erhebt, ob nicht eher hier eine gezielte Manipulation vorliegt, welche dem konservativen Lager im Falle einer Niederlage einen bequemen Vorwand bieten würde, die Wahl anzufechten. Die Opposition bestreitet dies und erklärt, sie wolle das Wahlergebnis in jedem Falle überprüfen lassen.]

Neue Keramik und alte Töpferkunst

Man kann Cuenca gut zu Fuß erkunden, denn die Stadt ist recht klein. Meine Frau ist auf der Suche nach Keramik und wir laufen die Straßen ab in der Hoffnung, irgendwo einen Laden zu finden, in dem man die traditionelle bunte Töpferware kaufen kann. Noch 1992 bekam man die schöne einheimische Keramik fast überall in der Stadt. Meine Frau, die eine Art Fetisch für solche Dinge hat, erstand damals ein schönes Tee-Service. Sie hat es heute noch und wir benutzen es nur, wenn Gäste im Haus sind. Das ist ein bisschen wie früher, zu Ur-Omas Zeiten, da man das „gute Geschirr“ nur zu ganz besonderen Anlässen auftrug. Obwohl wir die halbe Stadt absuchen, finden wir nicht ein einziges Geschäft. Später erfahren wir, dass die einheimische Keramikherstellung praktisch ganz zum Erliegen gekommen ist. Billige Importware hat die traditionellen Handwerkserzeugnisse verdrängt.

Töpferwaren ganz anderer Art kann man in der Stadt aber immer noch finden: Am Nachmittag besuchen wir das Museum für indigene Kulturen. Es regnet in Strömen und wir sind die einzigen, die zu dieser Stunde Einlass begehren. Die Exponate bieten einen repräsentativen Querschnitt durch fast alle bedeutenden Kulturen Ecuadors, angefangen bei den ältesten Zivilisationen bis in die Epoche der Inkas. Manche der Stücke sind wirklich beeindruckend, etwa die polychromen Tonskulpturen aus der Jama-Kultur. Meine Frau ist so begeistert, dass sie später die Replik einer Plastik ersteht. Laut Auskunft der Museumsdirektorin stellt die Skulptur einen Schamanen oder einen Priester dar.

Man muss sich immer vor Augen halten, dass die in allen Museen Ecuadors versammelten Ausstellungsstücke kaum einen Bruchteil dessen ausmachen, was wahrscheinlich an Schätzen noch in der Erde schlummert. Man muss sich aber auch immer wieder bewusst machen, wie viele unersetzbare Zeugnisse der indigenen Kulturen mutwilliger Zerstörung anheimfielen, wie viele einmalige Werke infolge von Gleichgültigkeit und Ignoranz dem Verfall überlassen wurden, wie viele Kulturgüter allein um der Befriedigung materieller Gier willen vernichtet wurden. Ein nicht geringer Teil des kulturellen Reichtums der Indigenen wurde bereits bei der Eroberung des Kontinents ausgelöscht und die folgenden Jahrhunderte meinten es kaum besser mit den kulturellen Zeugnissen der einheimischen Völker.

Die schönsten Stücke aber verschwanden oft in Privatsammlungen. Früher gab es kein Gesetz, das die Aneignung von Kulturgütern unter Strafe stellte. Jeder, den es danach gelüstete, konnte einfach irgendwo graben und wenn man dann etwas fand, durfte man es auch behalten und in den eigenen vier Wänden ausstellen, um es dem staunenden Hausgast nach dem Essen bei Kaffee und Brandy zu präsentieren. Einer der leidenschaftlichsten und kenntnisreichsten Sammler präkolumbianischer Kunst war Oswaldo Guayasamín. Obwohl er im Grunde nichts anderes als ein Raubgräber war – wenn auch aufgrund der Gesetzeslage kein Krimineller –, muss man ihm dankbar sein, denn ohne seine Sammelleidenschaft wären die meisten jener Stücke, die der kunstinteressierte Besucher in seinem Museum bewundern kann, heute wahrscheinlich verloren.

Vor Jahren schenkte mir ein Cousin meiner Frau ein kleines Tongefäß, auf dessen bauchigen Körper der Töpfer ein Gesicht modelliert hat. Ich glaube, es handelt sich um eine Arbeit der Bahía-Kultur. Der Künstler ist schon seit Jahrhunderten tot, aber sein Werk existiert immer noch und wahrscheinlich wird es auch noch da sein, wenn wir alle längst zu Staub zerfallen sind. Ich habe keinen Zweifel daran, dass es echt ist. Die Leute sind in solchen Dingen ganz arglos und sie haben keinerlei Schuldbewusstsein. Was man zufällig irgendwo in der Erde findet, behält man eben und darin sieht man auch gar kein Unrecht. Und wem sollte man den Fund denn schon melden, da zu befürchten steht, dass dann ein anderer die Lorbeeren einheimst oder das große Geschäft macht. Ich weiß nicht, ob ich eine strafbare Handlung begangen habe, indem ich das Geschenk annahm, aber es zurückzuweisen, hätte eine Beleidigung des Schenkenden bedeutet. Nun steht das kleine hübsche Tongefäß gut sichtbar im Regal und ich kann es Besuchern zeigen.

Als wir das Museum verlassen, kommen wir am Souvenir-Shop zufällig mit einer älteren Dame ins Gespräch. Wir wissen zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass es sich um die Direktorin der Einrichtung handelt, doch am Ausgang laufen wir an einem kleinen Schaukasten vorbei, in dem Fotos ausgestellt sind. Auf einem der Bilder sehen wir die Frau zusammen mit Fidel Castro, auf einem anderen mit dem ecuadorianischen Vizepräsidenten. Auf vielen Bildern posiert sie mit Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens. Ich muss annehmen, dass es sich um wichtige Persönlichkeiten handelt, aber keine der Personen ist mir bekannt, doch dieses Manko ist sicherlich nur meiner Ignoranz zuzuschreiben.

Meine Frau kauft noch eine kleine Figur aus der Jama-Kultur – wie gesagt, es handelt sich um eine Replik. Wir wissen natürlich nicht, dass die Figur ein Werk der Jama-Kultur ist, aber die vielfarbige Bemalung spricht uns an und macht die kleine Skulptur unter allen Ausstellungsstücken zu etwas ganz Besonderem (Jama, die Stadt, nach der diese Kultur benannt ist, liegt übrigens nur ca. dreißig Autominuten nördlich von Bahía). Als meine Frau Näheres über die Statuette erfahren möchte, blüht die Direktorin, die uns die Skulptur auch noch eigenhändig einpackt, förmlich auf. Offenbar hat sie nicht erwartet, dass jemand Fragen stellt, doch sie scheint geradezu glücklich darüber zu sein: Endlich einmal kann sie Besucher an ihrem enzyklopädischen Wissen über die präkolumbianischen Kulturen Ecuadors teilhaben lassen.

Man merkt sofort, wie engagiert sie ist, und das muss man als Leiterin eines Museums wohl auch sein in einem Land, in dem der Mehrheit der Bewohner alte Keramiken nicht so wichtig sind. Es wäre dem Museum zu wünschen, dass mehr Gelder zur Verfügung gestellt würden, damit die Ausstellung erweitert und damit vor allem die Löcher im Dach gestopft werden könnten, durch die es immer wieder in die Ausstellungsräume tröpfelt. Während wir uns im Museum aufhalten, regnet es ohne Unterlass und ich fühle mich fast wie ein Entdecker, der nach gefahrvoller Expedition durch die Wildnis die Schatzkammer einer untergegangenen Kultur entdeckt.

Da wir die einzigen Besucher sind, fragen wir die Direktorin, ob denn auch Ecuadorianer die Ausstellung besuchen würden. Die Dame meint, dass es vor allem Ausländer seien, die hierher kämen. Aber das ist verständlich, denn die Ecuadorianer kaufen sich keine Reiseführer, in denen der Besuch des kleinen Museums ausdrücklich empfohlen wird. Da man keine Museen besichtigen möchte, ist es nur allzu schade, dass es im alten Stadtkern von Cuenca keine Shopping-Malls gibt.

Ein Tempel für die Menschheit

Wenn man nach Quito reist, lohnt es sich, der Capilla del Hombre einen Besuch abzustatten. Auch wenn der Name etwas anderes vermuten lässt, ist die „Kapelle“ kein wirklich sakrales Gebäude, denn sie ist erdacht und erbaut als ein der Verehrung des Menschen gewidmeter Tempel und sie ist deshalb auch keinem höheren Wesen geweiht als dem Menschen selbst. Die Capilla del Hombre ist das Werk Oswaldo Guayasamíns, des bis dato bedeutendsten und einflussreichsten Künstlers Ecuadors. Guayasamín selbst betrachtete die Kapelle immer als sein Hauptwerk, doch ihre Vollendung sollte er nicht mehr erleben: Erst im Jahre 2002, drei Jahre nach seinem Tod, wurde der Bau feierlich eröffnet.

Informationen zu Leben und Werk Oswaldo Guayasamíns kann man aus jeder einschlägigen Enzyklopädie ziehen. Die Schaffensperiode des Künstlers überspannt fünfeinhalb Jahrzehnte bis zu seinem Tode im Jahre 1999. Mit einem Oeuvre von mehreren Tausend Werken, die meisten davon Gemälde, gehört Guayasamín mit Sicherheit zu den produktivsten bildenden Künstlern überhaupt. Die meisten seiner Bilder befinden sich im Besitz der „Fundación Guayasamín“, einer von ihm selbst gegründeten Stiftung, die sein Werk und sein Erbe verwaltet. Das Grundstück mit der Capilla del Hombre und dem Privathaus des Künstlers ist ebenfalls Eigentum der Stiftung.

Auf dem Parkplatz vor der „Fundación Guayasamín“ standen an diesem Tag gerade einmal drei oder vier Autos. Das ist natürlich nichts im Vergleich zu dem Andrang, der an jedem einzelnen Tag der Woche im Quicentro, der größten Shoppingmeile der Stadt, herrscht. Aber hinter den Pforten des Stiftungsgeländes wartet auch nur Kunst auf den Besucher und nicht Gucci. So fanden wir uns dann fast allein auf dem riesigen Areal wieder und an diesem Tag begegnete man auf dem Gelände mehr Wächtern und Gärtnern als Besuchern. Aber ich empfand die Stille als sehr angenehm, denn man konnte überall umherstreifen und wurde von niemandem dabei gestört.

Gerade fand eine Führung statt und wir schlossen uns der Gruppe an. Mit uns waren es gerade einmal sieben Teilnehmer und darüber hinaus begegneten wir niemandem. Die Führung fand auf Englisch statt, denn bei der Gruppe der Kunstinteressierten handelte es sich größtenteils um Amerikaner, wie man unschwer aus dem breiten Akzent ersehen konnte. Man kann die Capilla als eine Art Kunstgalerie oder einen Kunsttempel unter anderem Namen ansehen, doch einige der Leute, die mit uns zusammen durch die Säle schlenderten, hatten sich ausstaffiert, als wollten sie gleich im Anschluss zu einer Expedition in die unerforschten Regionen des Amazonas-Regenwaldes aufbrechen. In einem Kosmonautenanzug oder mit einer Taucherausrüstung hätte man sicher kaum mehr auffallen können.

Ecuador gilt eben noch immer als einer der abenteuerlichsten Flecken auf diesem Planeten und in der Wildnis ist gute Ausrüstung nun einmal alles. Irgendwo in den Urwäldern des Oriente, der östlichsten Region des Landes, könnte man noch Verständnis für Trekkingstiefel, Cargohosen in Khaki, Tool-Westen und Ranger-Hüte aufbringen. Aber hier, in der Hauptstadt, im Zentrum Quitos? Es würde mich nicht wundern, hätten sie sich auch noch ihr Bushcraft-Messer an den Leib geschnallt – zur Abwehr von Jaguaren wie zudringlichen Einheimischen gleichermaßen.

Kaum hatte ich das Innere der Capilla del Hombre betreten, da begann ich auch schon eifrig Fotos zu schießen. Doch ich kam gerade noch dazu, zweimal auf den Auslöser zu drücken, da machte mich die Führung freundlich darauf aufmerksam, dass das Fotografieren sowohl in der Capilla als auch in den Räumlichkeiten des Wohnhauses des Künstlers untersagt sei. Ich hatte das Verbotsschild, das ohne jeden Zweifel am Eingang angebracht war, leider übersehen und die Belehrung wohl auch überhört. Die anderen Teilnehmer der Führung sahen mich strafend und auch ein wenig peinlich berührt an, dass ich die Etikette auf solch eklatante Weise verletzt hatte. Ich hätte ihnen mit einer gewissen Berechtigung entgegenhalten können, dass es die Regeln des Anstands und erst recht die des guten Geschmacks verletze, wie zur Safari gerüstet in einem Kunsttempel zu erscheinen. Das einzige gelungene Bild aus dem Innern der Kapelle findet sich übrigens in der Galerie.

Der Bau erinnerte mich auf seltsame Weise an einen parsischen Feuertempel, zumal in seinem Zentrum eine ewige Flamme brennt. Nicht, dass ich schon je ein zoroastrisches Heiligtum besucht hätte, ich hatte nur plötzlich den Eindruck, so müsse es in seinem Innern aussehen. Wie man auf den Fotos erkennen kann, ist der Baukörper streng kubisch mit einem quadratischen Grundriss. Darüber thront eine Kuppel. Außen ist diese wie ein Konus gestaltet, doch im Innern wölbt sich über den Betrachter ein Kuppelgewölbe mit einem Oculus im Zenit. Es gibt zwei Geschosse – eines auf ebener Erde und ein zweites darunter, einer Krypta ähnlich. Im Zentrum, direkt unter dem Auge der Kuppel, brennt die ewige Flamme.

An den Wänden hängen Gemälde von oft monumentalen Ausmaßen. Das größte, eine Allegorie auf das Ringen zwischen Spanien und Lateinamerika, misst von einer Seite zur anderen geschätzte zehn Meter (vielleicht auch weniger, jedenfalls wirkt es so groß wie eine Kinoleinwand). Wie ein riesiges Altarbild hängt es an prominenter Stelle im Hauptraum und wahrscheinlich nicht zufällig hat man den Eindruck, man stehe vor einer gewaltigen Ikonostase.

Auf fast allen Bildern sind jedoch Menschen dargestellt, doch oft fällt es schwer, in den gequälten, zerstückelten, geschundenen Leibern überhaupt noch etwas Menschliches zu erkennen. Der künstlerische Gestaltungswillen hat sich hier mit äußerster Expressivität entladen und nur zu oft sieht der Betrachter in dem Schlachthaus auf der Leinwand bloß eine Reflexion der schrecklichsten Facetten der beunruhigenden Realität seiner eigenen Welt.

Die Capilla del Hombre ist dem Leiden und dem Schmerz der ganzen Menschheit gewidmet und deshalb sind es auch nicht Heilige oder Engelswesen, die im seligen Reigen über das Kuppelgewölbe ziehen, sondern Menschen, denen Furchtbares angetan wurde: Man sieht skelettierte Gestalten, blass wie Würmer, die sich in verzehrendem Sehnen nach dem Licht strecken. Es wurde ihnen genommen, als man sie in die Dunkelheit eines Berges verbannte wie die Verdammten, die im innersten Kreis der Hölle ihre Sündenschuld büßen. Doch diese menschlichen Schattenwesen im Schlund des Tartaros sind ohne Schuld. Das sind die Sklaven von Potosí, des Cerro rico, des Berges, auf dessen Reichtümern das Spanische Imperium gründete und von dem aus die ganze Welt einst mit Silberpesos überschwemmt wurde. Der Oculus im Gewölbe dient als ein Sinnbild der Sonne, zu der diese lebenden Toten streben gleich dem Getier, das aus den Tiefen des Meeres zum Licht emporsteigt. Ich konnte mich nicht des Eindrucks entziehen, dies sei ein Totentanz, und vielleicht hat der Künstler diese Metapher mit Absicht zitiert.

Das ist keine Kunst, die man sich in die eigenen vier Wände hängen würde. Niemand möchte seinen Blick auf geschundene und zerstückelte Leiber richten, wenn er, gemütlich am Kamin sitzend, sich seinen wohlverdienten Sherry hinter die befrackte Brust kippt. Man verlässt die Capilla in gedrückter Stimmung: So viel Leid und Schmerz, wie im Fokus einer Linse an einem einzigen Ort konzentriert, lassen selbst wenig empfindsame Naturen mit sehr verstörenden Gefühlen zurück.

Als wir dann später das Haus des Künstlers besuchten, fragte einer der Anwesenden die Führung, ob denn Guayasamíns Kunst ausschließlich von solchen düsteren Themen bestimmt gewesen sei. Habe er denn nicht auch einmal Blumen, Stillleben, Akte oder Landschaften gemalt? Kunst, so die Antwort, sei für ihn stets eine Art des Protests gegen den Zustand der Welt gewesen. Mit lieblichen Landschaften und Akten werden wohl die meisten von uns einverstanden sein, nicht aber mit Unterdrückung, Terror, Folter und Mord. Die einzigen Landschaftsbilder, die Guayasamín malte, sind Ansichten von Quito, die sich in großer Zahl in seinem Nachlass finden. Dabei kam es vor, dass er, getreu seiner expressionistischen Grundhaltung, den Himmel je nach Stimmung einmal in Schwarz, bei anderer Gelegenheit jedoch in Rot ausführte. Sein Hauptaugenmerk lag jedoch immer auf dem Menschen, der unverrückbar im Zentrum seiner Kunst steht.

Da sich die Gelegenheit anbot, besuchten wir auch noch das Wohnhaus des Künstlers. Wenn man versuchte sich vorzustellen, wie das Haus eines berühmten Malers auszusehen hätte, würde man mit Sicherheit die Wohn- und Arbeitsstätte Guayasamíns als Beispiel zitieren. Die Architektur nimmt Anleihen beim spanischen Kolonialstil, doch in einer beeindruckenden Synthese aus Tradition und Moderne ist etwas ganz Neues entstanden.

Das Anwesen ist buchstäblich bis auf den letzten Quadratzentimeter vollgestopft mit Kunst. Wenn man die Räumlichkeiten betritt, ist man praktisch von allen Seiten von Kunst umgeben, man taucht förmlich darin ein. Alles ist sehr geschmackvoll zu einem großen Ganzen arrangiert, so dass sich einem trotz der ungeheuren Anzahl der Exponate und trotz der unterschiedlichen Herkunft und der sehr verschiedenen Stile nirgends der Eindruck des Überladenen aufdrängt. Viele Künstler, Freunde des Hausherrn, spendeten eigene Werke. So findet man zum Beispiel an einer der Wände Marc Chagall mit leichter Hand verewigt. Darüber hinaus war Guayasamín Zeit seines Lebens ein eifriger wie kenntnisreicher Sammler präkolumbianischer Kunst. Die Kollektion umfasst Tausende von oft sehr eindrucksvollen Stücken aus den verschiedenen Kulturepochen des amerikanischen Kontinents. Abgesehen von der hohen Qualität der Exponate würde eine Sammlung dieses Umfangs jedem kunsthistorischen Museum zur Ehre gereichen.

Noch viel beeindruckender als die Privatgemächer mit ihren Kunstschätzen, ja, selbst noch als die Capilla del Hombre in ihrer Monumentalität des Leidens ist das Atelier des Künstlers. Guayasamín war ein Workoholic; dem Vernehmen nach arbeitete er vierzehn Stunden am Tag, und zwar jeden Tag. Das Atelier war sein eigentlicher Lebensmittelpunkt, denn die meiste Zeit seines Lebens verbrachte er dort. Von ihm ist der Ausspruch überliefert, er hätte zwar viele Frauen geliebt, aber die einzig wahre und unvergängliche Liebe in seinem Leben sei die Liebe zur Kunst.

Der Raum ist riesig wie ein Salon und in der Tat befindet sich im hinteren Teil eine Bibliothek mit bequemen Klubsesseln, die dem Ambiente ein wenig großbürgerliches Flair verleihen. Wären nicht die Staffeleien und die langen Tische mit den Farben, Pinseln, Spachteln, Tiegeln und Paletten, würde man meinen, man befände sich in den Räumlichkeiten eines exquisiten Gentleman-Clubs. Guayasamín war ein Mensch, der sich gern mit schönen Dingen umgab, und schön ist einfach alles in diesem Haus, selbst noch der Ort, an dem er seine Werke schuf.

Als wir das Atelier betraten, empfing uns Bach so schön und herzerwärmend, dass ich zuerst dachte, die künstlerische Leitung der Stiftung wäre der Marotte verfallen, die Besichtigungstouren mit musikalischer Begleitung zu versehen. Doch ich wurde eines Besseren belehrt: Wann immer der Künstler in seinem Atelier arbeitete, pflegte er Bach zu hören, und da man ihn auch jetzt spielte, war es fast, als würde Guayasamín jeden Augenblick durch die Tür treten und die Besucher in seiner Künstlerwerkstatt begrüßen. Der Mann hat wahrhaftig in seinem eigenen Paradies gelebt.

Auf einer der Staffeleien stand ein großformatiges Porträt Fidel Castros, eines guten Freundes des Künstlers. Der kubanische Staatschef hielt übrigens die Rede zur Einweihung der Capilla del Hombre. Guayasamín hat den Máximo Líder insgesamt dreimal gemalt. Auf diesem Bild erinnert er mich sehr an die streng blickenden spanischen Adligen in den Werken El Grecos. Mit seiner willensstarken Stirn, der kräftigen gebogenen Nase und dem schwarzen Bart könnte man den kubanischen Revolutionär glatt für einen Konquistador halten.

Am Ende waren wir Oswaldo Guayasamín noch eine Pflicht schuldig: Im Garten des Hauses befindet sich seine letzte Ruhestätte. Es war sein Wunsch, dass seine Asche an dem Ort verbleibe, den er sich selbst ausgesucht hatte: Von hier aus könnte er sowohl seine Kapelle des Menschen als auch sein Haus sehen, sowie die Stadt, die er so sehr liebte – Quito. Über dem Grab steht eine Pinie – er hat sie eigenhändig gepflanzt. Es heißt, dies sei ein Lebensbaum, ein Symbol des ewigen Lebens. An seinen Ästen flattern bunte Bänder und hängen Amulette. Man kann sich nur schwer des Eindrucks erwehren, der Geist des Künstlers durchwehe diesen Ort und verwandle alles in etwas Wunderbares. Und so kann es geschehen, dass ein Haus der Kunst zu einer sakralen Weihestätte des Menschen wird und eine gewöhnliche Pinie zu einem heiligen Baum des Lebens.

Es ist kein trauriger Ort und doch macht es einen betroffen, wenn man an der Stelle steht, die das letzte Refugium auf dieser Welt sein soll für einen Menschen, dessen außergewöhnliche Odyssee des Geistes andauerte, so lange er lebte. Aber es wäre möglich, seine Prophezeiung erfüllt sich und er kehrt eines Tages zurück. Vielleicht hat er aber nie die Welt der Lebenden verlassen, wenn wahr ist, was man über große Geister sagt: nämlich dass sie unsterblich sind.

Als wir die Anlage verließen, drangen plötzlich Worte in einer bekannten Sprache an mein Ohr: Zwei ältere Damen spazierten Arm in Arm zum Ausgang und parlierten dabei im gewählten akademischen Deutsch der Vor-Achtundsechziger über die Welt im Allgemeinen und über die Kunst Guayasamíns im Speziellen. Vielleicht waren es pensionierte Kunstprofessorinnen oder bloß Laien, die sich leidenschaftlich für die Kunst interessieren. Ich glaube, Oswaldo Guayasamín hätte bei diesem Anblick seinen Spaß gehabt, und ich habe das Gefühl, dass man noch sehr lange Zeit über seine Kunst sprechen wird. Denn die Welt, die er durch sein Schaffen zu einem besseren Ort zu machen versuchte, ändert sich nun doch nicht so schnell, wie alle Menschen guten Willens glauben möchten. Jedoch, schön wäre es.

Abenteuerliche Bergfahrten

Zu den Orten, die man in Quito unbedingt besucht haben sollte, zählt die Capilla del Hombre, ein Hauptwerk Oswaldo Guayasamíns. Sie auszulassen, wäre ungefähr so, als hätte der Berlinbesucher das Brandenburger Tor nicht gesehen oder versäumt, den berühmten Kunstschätzen der Museumsinsel seine Aufwartung zu machen. Die Capilla del Hombre ist nicht nur eines der beeindruckendsten Werke individuellen Schöpferwillens, seit ihrer Eröffnung im Jahre 2002 hat sie sich auch zu einem der bedeutendsten Orte der Kunst in der Hauptstadt des Andenlandes entwickelt.

Als echter ecuadorianischer Patriotin war es meiner Frau natürlich ein ganz besonderes Anliegen, diese dem Menschen geweihte Andachtsstätte zu besuchen. Zwar kannte sie die Kapelle schon von früheren Reisen, doch es ist immer wieder ein bewegender Moment, in die ganz eigene, fast schon sakrale Atmosphäre dieser „Kirche des Menschen“ einzutauchen. Wir beschlossen, einen ganzen Samstagvormittag der Kunst zu widmen.

Unser Ziel liegt im Stadtteil Bellavista alta. Wie der Name schon andeutet, handelt es sich um eines der höher gelegenen Stadtviertel Quitos, von denen aus man einen grandiosen Panoramablick über die Berge und die Stadt hat. Eine Straßenkarte kann hilfreich sein, doch man benötigt sie nicht in jedem Fall, denn die Kapelle wie auch die Casa Guayasamín, das Haus des Künstlers, befinden sich an der höchsten Stelle, und wenn man nur immer den Berg hinauffährt, gelangt man schließlich fast zwingend zum Ziel. Wir wollten uns natürlich nicht auf die Reise machen, ohne uns vorher versichert zu haben, dass wir entspannt und gutgelaunt ankommen, und deshalb gaben wir die Koordinaten ins Navi ein.

Das Haus des Künstlers und die Kapelle befinden sich auf dem Grat eines steilen Bergrückens und für den Liebhaber der Kunst gibt es zwei Möglichkeiten, dorthin zu gelangen: Man kann an den relativ sanft auslaufenden Enden des Höhenrückens zum Gipfelgrat hinauffahren oder man kann sein Glück an den Flanken versuchen, an denen der Winkel der Steigung von respekteinflößend bis irrwitzig reicht. Man fragt sich, welches normal motorisierte Kraftfahrzeug imstande ist, solche Steigungen zu bewältigen, aber beiderseits der Straße wohnen Menschen – der Berg ist bis in die Höhe dicht bebaut – und es ist anzunehmen, dass zumindest einige von ihnen hin und wieder mit dem eigenen Auto fahren. Das Navi, das von unüberwindlichen Steigungen noch nie gehört zu haben scheint, führte uns, wie zu erwarten, zuverlässig über die Straßen mit den extremsten Höhenunterschieden.

Wie ein gegen den Wind kreuzendes Segelschiff arbeiteten wir uns im Zickzackkurs gegen die Schwerkraft empor. Die Straßen waren an diesem Samstagvormittag wie ausgestorben; weder sah man Menschen noch sonst irgendein Lebewesen, das einem die Versicherung gab, dass Leben in dieser Höhe möglich sei. Es schien, die Bewohner dieses Stadtteils – und zwar Mensch wie Tier gleichermaßen – nutzten die Wochenenden, um sich von der anstrengenden Steigarbeit an den restlichen Tagen der Woche auszuruhen.

Langsam arbeiteten wir uns voran, doch wir kamen dem Ziel näher: Statt Häusern, die sich wie Legoburgen auftürmten, sahen wir über uns schon bald nur noch das ätherische Blau des Andenhimmels. Wattewölkchen schwammen darin gleich Marshmallows. Nur noch wenige Meter und der Aufstieg wäre geschafft. Doch dann, nach einer letzten Neunzig-Grad-Kurve, standen wir plötzlich vor der furchteinflößendsten Steigung, die ich je vom Fahrersitz eines Auto aus gesehen habe. Ich glaubte, vor einer Wand zu halten, denn die Straße schien wie eine Jakobsleiter geradewegs nach oben in den Himmel zu führen. Als jemand, der den Bilderwelten der Filmindustrie hoffnungslos wie ein Morphiumsüchtiger verfallen ist, dachte ich natürlich sofort an „Inception“ und zwar an den Augenblick, als sich die Realität des Traumes im Wortsinne aufzurollen beginnt wie ein Blatt Pergament.

Ich atmete kurz durch und gab Vollgas. Wir schossen die Steigung mit der Gewalt eines Raketenstarts hinauf. Der Motor röhrte, als würden sich die Zylinderkopfdichtungen jeden Augenblick wie Geschosse durch die Motorhaube bohren. Auf der Hälfte der Distanz wurde die Maschine merklich stiller. Das war fast so beunruhigend wie in einem Flugzeug zu sitzen und festzustellen, dass die Propeller aufhörten, sich zu drehen. Der Wagen hatte sich mittlerweile so bedrohlich aufgebäumt, dass ich mir in meinem Sitz vorkam wie ein Astronaut vor dem Start seiner Rakete. Auf den letzten Metern vor der rettenden Querstraße gluckste der Motor nur noch wie ein Ertrinkender und dann, als hätte unser Raumschiff die Zone der Schwerelosigkeit erreicht, wurde es mit einem Mal ganz still. Meine Frau und ich sahen einander an und es war wie ein letztes stummes Lebewohl, das wir uns über Raum und Zeit hinweg zusandten.

Doch der Wagen rollte noch immer, quälend langsam zwar, aber er rollte. Der Augenblick schien sich zur Unendlichkeit zu dehnen. Ich hörte das Geräusch der Reifen und ich hatte sogar noch Zeit, mich daran zu erinnern, dass ich die Pneus beim nächsten Werkstatt-Check rotieren lassen wollte. Mit dem letzten Quäntchen Bewegungsenergie schafften wir es und der Wagen kam punktgenau auf dem Absatz zum Stehen. Erst jetzt sprang der Motor wieder an. Wie ein klinisch totes Herz, durch die Adrenalinspritze wiederbelebt, heulte die Maschine auf, als hätte sie ein Leben, an das sie sich klammern könnte. Hinter dem Heck des Wagens fiel die Straße in die Todesschlucht. Mir sträubten sich die Nackenhaare.

Die Gegend, in die uns das Navi geführt hatte, schien kaum besucht und die Straßen wurden dem Anschein nach nur selten befahren. Eine nahe Aussichtsplattform bot einen grandiosen Blick über die Stadt. Leider war es etwas dunstig, so dass alle Fotos aussehen, als läge eine Kondensschicht auf der Kameralinse. Wir machten ein paar Aufnahmen von der Stadt, die an den Hängen beiderseits des Tals wie ein Moosteppich hinaufwächst. Gläserne Wohn- und Bürotürme schießen von den sonnenverwöhnten Berggipfeln Stalagmiten gleich in den Himmel. Zwar waren die Straßen fast menschenleer, dennoch fanden sich schon bald die üblichen neugierigen Beobachter ein, die uns mit großem Interesse dabei zusahen, wie wir mit unserer Lumix hantierten. Unter diesen Umständen schien es uns geraten, die Fahrt fortzusetzen.