Am nächsten Tag bezwingen wir die 444 Stufen, die uns hoch hinauf nach Las Peñas führen. Obwohl das Viertel so etwas wie das Schaukästchen der Stadt ist und normalerweise Touristen in Scharen hierher pilgern, sind wir an diesem Tag allein. Außer einigen Anwohnern, die heimlich aus der Tür lugen, und den unentbehrlichen Polizisten, die für Sicherheit sorgen, begegnen wir niemandem. Erst oben auf dem Gipfel, unter dem Leuchtturm, sehen wir wieder Touristen; Ausländer finden sich freilich nicht unter ihnen. Wir machen Fotos und steigen durch die verschlungenen Gassen des Viertels zum Ufer des Río Guayas hinab.
Die Uferpromenade macht einen belebteren Eindruck, doch viel ist auch hier nicht los. Die Leute fotografieren sich vor dem Guayaquil-Schriftzug und Kinder versuchen, auf die monumentalen Buchstaben zu klettern. Seit unserem letzten Besuch hat man die Lettern mit den Farben der Stadt geschmückt: Himmelblau und Weiß. Das Banner mit den Sternen war sogar einmal die Nationalfahne des Landes bevor die bolivarianische Trikolore in Rot, Blau, Gelb – die Farben Gran Colombias – es wieder ablöste. Überall in den Straßen sieht man die Fahne Guayaquils wehen und fast könnte man den Eindruck gewinnen, die stolzen Guayaquileños zögen ihr Sternenbanner der Trikolore vor.
Der Hund ist von dem stundenlangen Spaziergang erschöpft und möchte sich nur immerfort hinsetzen. Aber noch können wir ihm keine Rast gönnen, erst müssen wir wieder zurück zum Hotel. Später im Auto hat er es dann ruhig und bequem. Auf der Promenade sind keine Hunde erlaubt und so fordern uns die schmucken Politessen ein ums andere Mal auf, das Tier zu tragen. Mittlerweile sind jedoch auch wir mit jener Renitenz gegen jede Art Gesetz infiziert, wie sie für die Bewohner dieses Landes typisch ist, und deshalb tragen wir den Hund auch gerade so lange, wie die wachsamen Augen des Gesetzes auf uns ruhen. Schließlich wiegt das Tier acht Kilo und mit der Zeit werden einem die Arme lahm.
Als wir schließlich das Hotel erreichen, fällt den Jungs wie aus heiterem Himmel ein, dass sie unbedingt noch einen Milchshake bräuchten, andernfalls könnten sie nicht abreisen. Die Drohung ist ernst. Wir könnten sie freilich einfach hier lassen, aber wer soll sich dann um den Hund kümmern? Es trifft sich gut, dass wir in der Nähe einen Wendy´s gesehen haben. Nur kann ich mich beim besten Willen nicht mehr daran erinnern, wo das gewesen sein soll, doch unser Freund Google-Maps hilft uns wieder einmal aus der Patsche. Ich warte mit dem Hund vor dem Laden (Hunde dürfen nicht hinein), während die anderen die Shakes ordern. Der Laden ist so voll, als würde man gerade Baconator mit extra crispy Bacon verschenken. Es dauert geraume Zeit, bis die Jäger wieder mit ihrer Beute auftauchen. Ich harre derweil geduldig vor dem Eingang aus.
Man glaubt gar nicht, wie viele Leute man trifft, wenn man mit einem Hund vor dem Fast-Food-Restaurant steht – kaum einer, der ihn nicht zu streicheln versuchte oder nach seinem Namen fragte. Und der Hund ist glücklich, dass er so viel Aufmerksamkeit bekommt: Zwei ältere Damen, beide klein, übergewichtig, stark geschminkt, auf den Köpfen monströs auftoupierte Frisuren, heben den Hund auf, herzen ihn, drücken in an ihren Busen und knuffen ihn so liebestoll, dass mir wirklich Bange wird und ich schon fürchte, sie könnten ihn zerquetschen. Es scheint, sie wollten ihn nie wieder hergeben – oder aufessen – und tatsächlich können sie sich nur mit Mühe losreißen. Bereits im Gehen begriffen, drehen sie sich immer wieder um, werfen dem Hund Kusshände zu und winken ihm hinterher wie verliebte junge Dinger.
Ein Typ, der aussieht wie der Geldeintreiber des lokalen Mobs, streichelt das Tier. Er hält sich gar nicht erst damit auf, meine Erlaubnis einzuholen. Nach einer Weile fragt er mich wie beiläufig, ob der Hund einen Namen hätte. Er lüftet lässig die Sonnenbrille und ein eisiger Blick trifft mich. Ich sage ihm, wie der Hund heißt – das ist ja kein Geheimnis –, aber im selben Augenblick fühle ich, dass dies ein Fehler war, denn ich glaube nicht, dass der Hund sich Schutzgeldzahlungen leisten kann, zumal er von uns nur Leckerlis bekommt.