American Diner

Dieser Artikel ist Teil einer Serie von Posts, die auf einen einzelnen Blogpost unter dem Titel „Eine wahre amerikanische Odyssee“ zurückgehen. Siehe auch die Einleitung zu dieser Serie!

Am nächsten Morgen wollen wir nach Long Island aufbrechen. Ein neuer Wagen, Modell Chevrolet Malibu, wartet auf uns am McArthur-Airport, aber erst einmal müssen wir auch dorthin gelangen, damit wir das Auto in Empfang nehmen können. Wir möchten die lange Reise nicht antreten, ohne uns vorher gut gestärkt zu haben. Und wo könnte man sich besser satt essen als in einem echten Diner. Der Diner, in den es uns schließlich verschlägt, ist eigentlich kein „echter“ amerikanischer Diner, denn die Betreiber sind Griechen und vieles auf der Karte ist etwa so amerikanisch wie Pfälzer Saumagen oder Thüringer Klöße. Aber dies wäre nicht Amerika, wenn der hungrige Gast nicht auch Klassiker wie Pancakes in allen nur denkbaren Variationen, Scrambled eggs und Hash browns serviert bekäme.

Es ist Sonntag Morgen um Elf und der Laden ist so voll, dass man glauben möchte, alle Diner im Land wären während der letzten zwanzig Jahre geschlossen gewesen und genau heute, just an diesem Sonntag, hätten sie wieder geöffnet. Wir müssen lange warten, ehe wir einen Platz irgendwo im hinteren Teil an der Wand zugewiesen bekommen. Die meisten Gäste sind gleich in Familienstärke angereist und drei Generationen Amerikaner okkupieren die großen runden Tische in der Mitte des Restaurants wie der Generalstab einer Invasionsarmee.

Obwohl dies ein griechisches Restaurant ist (zumindest behauptet dies die Karte) und obwohl die meisten Gerichte auf der Speisekarte ihren Ursprung in dem Land am Mittelmeer haben, bestellt man ohne Ausnahme Pancakes, French Toast und Waffeln, also das, was man kennt und was man jeden Tag essen könnte, und zwar so ziemlich überall. Die Größe der Portionen ist einfach nur atemberaubend und stellt wie so vieles in diesem Land der unbegrenzten Möglichkeiten einen typischen amerikanischen Exzess dar: Die Teller sind mit Essen überladen, als wäre eine Hungersnot im Anzug, für die man sich mit diesem allerletzten opulenten Mahl rüsten müsste.

Ein an normale Portionsgrößen gewöhnter Magen kann solche Mengen an Nahrung unmöglich aufnehmen. Kaum ein Teller wird an diesem Sonntagmorgen leergegessen, doch die Gäste tragen keine Scheu, sich die Reste einpacken zu lassen. In Deutschland kommt man sich ja immer ein wenig schäbig vor, wenn einem der Kellner den Doggy bag mit spitzen Fingern und abschätzigem Blick aushändigt. In den USA muss man sich als zahlender Gast eigentlich für nichts schämen, denn der Kunde ist hier wirklich noch König. Amerikaner genieren sich auch kein bisschen, wenn sie die Bedienung mit einer endlosen Liste von Sonderwünschen in den Wahnsinn treiben.

Der Diner scheint es zu lokaler Berühmtheit gebracht zu haben, denn ganze Sippen reisen an diesem Sonntag an, um gemeinsam zu brunchen. Man darf davon ausgehen, dass ausnahmslos an jedem Sonntag eine derartige Massenversammlung stattfindet, und der Brunch in Familie ist ein Vergnügen, das sich die Leute nach allen Härten, die ihnen das Leben in den letzten Jahren aufgebürdet hat, anscheinend noch wirklich leisten können. Das Essen ist gut und die Preise sind fair. Für wenig Geld kann man sich bis zum Anschlag vollstopfen – vorausgesetzt, man weiß die einfachen, aber guten amerikanischen Gerichte zu schätzen.

Meine Frau und mein Sohn bestellen einen gemischten griechischen Teller mit Gyros, Souvlaki, Spinat, gefüllten Weinblättern, Bauernsalat und Pita. Sie langen zu wie hungrige Trucker, aber obwohl sie zu zweit sind und obwohl beide nicht dafür bekannt sind, gutes Essen zu verschmähen, schaffen sie ihre Portion am Ende doch nicht. Es scheint, an diesem Tag sind wir auf weiter Flur die einzigen, die etwas Griechisches bestellen. Auf den Tellern der anderen Gäste türmten sich Gebirge aus Pancakes und Waffeln, von denen der Sirup herabrinnt wie Gletscherbäche nach der Schneeschmelze. Mit unserem griechischen Teller kommen wir uns ein wenig fremd vor inmitten all der kulinarischen Exzesse a la americana. Mir scheint, Souvlaki und Co. werden an diesem Ende Connecticuts nicht sehr oft bestellt.

Zu meiner Verwunderung gibt es leider keinen griechischen Kaffee, mit dem ich meinen Blutdruck wieder auf messbare Werte treiben könnte. Aber mein Wunsch hat bei der Kellnerin einige Verwirrung gestiftet. Sie schaut mich an, als hätte sie in ihrem ganzen Leben noch nie eine derart ausgefallene Bestellung entgegennehmen müssen. Ich nehme das Getränk der Wahl und bekomme die übliche dünne Plörre, die hierzulande als Kaffee firmiert. Doch der Cheese cake, den ich dazu bestelle, ist wirklich zum Dahinschmelzen – ein sündiger Traum in Creme, jeder Bissen ein hyperkolorisches Nirwana. Ich hätte gern noch ein zweites Stück genossen, aber schon nach diesem habe ich eine Ahnung, wie sich Stopfgänse nach der Fütterung fühlen müssen.

Am Nebentisch hat eine Familie Platz genommen. Mutter und Vater bringen es zusammen leicht auf dreihundert Kilo. Ihre zwei Kinder im Alter vor sechs und sieben sind aber erstaunlicherweise normalgewichtig und darum habe ich fast den Verdacht, sie seien adoptiert. Die Mengen an Essen, die man hat auftafeln lassen, könnten selbst eine Brigade ausgehungerter Bauarbeiter sättigen. Dass die Kinder da schlank sind, ist erstaunlich und kommt dem Kunststück gleich, als geistig gesunder Mensch die Zwangseinweisung in die geschlossene Abteilung der psychiatrischen Anstalt unbeschadet zu überstehen.

Von meinem Platz aus scheint mir das Gesäß der Mutter gleich einem gewaltig großen Mond entgegen. Es wölbt sich wie eine kosmische Bedrohung über den zum Bersten strapazierten Bund der veilchenfarbenen Leggings. Cellulite furcht das Hinterteil wie Gletscherrillen die Oberfläche eines Eismondes. Und die dunkle Klamm, die sich als tektonischer Riss tief in die weiche Kruste dieses überschweren Himmelskörpers kerbt, hat sich bereits auf einer Länge von Tausenden Kilometern über den Horizont erhoben. Wir haben an diesem Tag genug Exzessen beigewohnt. Wir brechen nach Long Island auf.

Nur ein Reifen

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Eigentlich wollen wir nach Newhaven, aber wieder einmal läuft uns die Zeit davon, während das Schicksal schon andere Pläne für uns schmiedet: Am Nachmittag besuchen wir einen Wendy’s Diner (die Schoko-Shakes sind große Klasse!). Als wir vom Parkplatz rollen, bekomme ich im Display die Meldung, dass der Luftdruck im hinteren rechten Reifen zu niedrig sei. Erst glaube ich, dass es sich um eine Falschmeldung handeln muss, aber das rote Licht ist so nervig, dass ich schließlich parke und nachsehe. Und tatsächlich, eine dicke Schraube hat sich durch den Mantel des Reifens gebohrt. Ich kann es sogar zischen hören. Da es schon zu spät ist und die Reifenshops bereits um 18:00 Uhr schließen, entscheide ich, bis zum nächsten Tag zu warten.

Ich suche ein Geschäft für Autoteile auf und reihe mich in die Schlange ein, während der undichte Reifen leise vor sich hin zischt. Ich kann mir nicht erklären, warum dieser Car-Shop um diese Zeit so voll ist. Vor mir in der Reihe wartet ein älterer Herr, ein Gentleman im Freizeitoutfit. Er duftet nach teurem Rasierwasser und der eisgraue Haarschopf ist akkurat frisiert. Die Kleidung ist penibel sauber und frisch gebügelt. Als er hört, dass mein Wagen einen undichten Reifen hat, erklärt er mit der Stimme eines News-Anchorman: „When it comes to tire pressure, you come first.“ Und er macht mir augenblicklich Platz, damit ich schneller an die Reihe komme.

Ich lasse mir vom Verkäufer, der so jung ist, dass er leicht mein Sohn sein könnte, zu einem Dichtungsschaum raten. Ich fülle den Schaum ein und pumpe den Reifen an der Tankstelle noch einmal gut auf. Und tatsächlich, der Druck hält über Nacht. Am nächsten Morgen ist der Reifen immer noch prall gefüllt. Ich fahre los – nichts passiert –, doch kaum bin ich auf den Highway eingebogen, ist die Luft innerhalb weniger Sekunden aus dem Reifen entwichen und ich habe einen Platten. Ich nehme die erstbeste Ausfahrt und rette mich auf den Parkplatz einer Tankstelle.

Ich habe noch nie eigenhändig einen Reifen gewechselt, aber bekanntlich ist ja irgendwann immer das erste Mal. Das Aufziehen des Ersatzrades geht mir wider Erwarten so leicht von der Hand, als hätte ich mein ganzes Leben lang nie etwas anderes getan. Aber ein Reifen reicht aber fürs Erste und ich bin froh, als ich den Platten im Kofferraum verstaut habe. Anschließend frage ich den Angestellten des Tankstellen-Shops, ob ich mir die Hände waschen könnte und wir kommen ins Gespräch.

Er sagt, er stamme aus Texas und sei eigentlich nur wegen seiner Frau nach Connecticut gezogen. Aber es gefalle ihm hier nicht. Das Leben sei viel zu hektisch und die Leute seien einfach zu kalt, nicht so wie in Texas. Er freut sich zu hören, dass wir drei Jahre in Texas gelebt haben. Ich sage ihm, dass es uns dort sehr gefallen hätte. Das scheint ihn irgendwie aufzumuntern. Er meint, er und seine Frau wollten fortziehen nach Westvirginia. Dort sei es viel ruhiger. Er spendiert uns noch einen Kaffee und dann fahren wir auf unserem nagelneuen Ersatzrad zum Reifenshop.

Man sollte annehmen, im Autoland USA wäre das Wechseln eines Reifens eine ganz simple Angelegenheit und ein Viertelstündchen müsste mehr als ausreichend sein, um den neuen Reifen aufzuziehen und nebenbei auch noch die anderen Reifen einmal herum zu rotieren – so jedenfalls war es mir aus Texas in Erinnerung geblieben. Nachdem wir dann aber drei Stunden im Tireshop gewartet haben, teilt man uns mit, dass kein passender Reifen gefunden werden könnte. Wir sollten uns aber noch bis zum Abend gedulden – bis dahin würde man uns den passenden Reifen ganz sicher besorgt haben.

Am Abend klingelt mich die Werkstatt an, um mir lapidar mitzuteilen, dass es in ganz Connecticut keine passenden Reifen für unseren Wagen gäbe – „Sorry about that.“ Ich setze mich mit der Autovermietung in Verbindung: Ja, es sei schwierig, passende Reifen für dieses Modell (Chevrolet Malibu) aufzutreiben – als ob wir das nicht schon wüssten. Man bietet uns stattdessen einen neuen Wagen an. Allerdings könnten wir das neue Auto nicht in Connecticut entgegennehmen. Vielmehr müssten wir uns nach Long Island bemühen.

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Nach Quito

Von New York JFK-Airport flogen wir mit Copa-Airlines zunächst nach Panama-City und nach einem vierstündigen Zwischenstopp ging es weiter nach Quito. Wir brachen rechtzeitig von New Jersey auf, denn zuvor hatten wir noch den Mietwagen wieder zur Autovermietung zurückzubringen. Zwar liegt die Vermietungsstelle direkt am Flughafen, doch wenn man sich nicht auskennt, so wie wir, ist man immer ein wenig unsicher, ob man den Weg findet und es rechtzeitig schafft. Das Flughafengelände ist riesig und man könnte stundenlang ziellos umherfahren. Zur Beruhigung unserer Nerven planten wir daher großzügig Extrazeit ein.

Wir rechneten mit dem Schlimmsten, aber die Fahrt zum Flughafen gestaltete sich erstaunlich ruhig, vor allem stießen wir diesmal nicht auf den dichten Verkehr, der uns all die Tage vorher begegnet war, wann immer wir nach New York fuhren oder die Stadt Richtung Long Island zu durchqueren versuchten. Bis Manhatten ging alles gut, doch dann verloren wir die Richtung, weil wir es nicht mehr rechtzeitig schafften, zur Rush hour über vier Spuren von der linken auf die rechte Straßenseite zu gelangen, um dann nach rechts abzubiegen, wie es die Stimme aus dem Navi befahl. Ich kann es nicht genug wiederholen: so ein Navi ist eine der großartigsten Erfindungen, welche die Menschheit je gemacht hat. Wir verpassten an diesem Abend noch so manches Mal die Ausfahrt, aber unser elektronischer Freund (oder besser gesagt unsere Freundin – die Stimme ist weiblich) berechnete schnurstracks eine neue Route und geleitete uns sicher ans Ziel. Durch den Lincolntunnel fuhren wir nach Long Island und schließlich kamen wir zum Flughafen, fanden auch rasch die Autovermietung und konnten den Wagen abgeben – so einfach kann Reisen sein. Mit dem Shuttle-Train fuhren wir zu unserem Gate.

Nach Ecuador ging’s mit Copa-Airlines. Copa ist die Angstfluglinie meines Sohnes, denn ausnahmslos jedes Mal, wenn wir mit dieser Airline flogen – und wenn man nach Ecuador möchte, muss man das sehr oft – wurde ihm so übel, dass er sich während desselben Fluges gleich mehrmals erbrach (zur Freude der Bordcrew). Man kann über Copa nicht viel Erfreuliches sagen. Bisher flogen wir immer mit einer Boeing 737. Die Sitze in der Economy Class sind derart eng und unbequem, dass Menschen meiner Größe, und ich bin wahrlich kein Riese, schon nach kurzer Zeit Krämpfe bekommen. Zudem gibt es keine Bildschirme in den Sitzen, auch keine reichhaltige Menüauswahl an Filmen, welche die langen Stunden im Flugzeug verkürzen helfen. Stattdessen klappen Bildschirme von der Decke; ein Film wird gezeigt und das war es dann auch schon.

Mein Sohn hielt sich übrigens prima. Beim Landeanflug auf Panama-City wurde er zwar ganz grün im Gesicht und der Schweiß stand ihm auf der Stirn; er klammerte sich tapfer an seine Kotztüte, aber am Ende blieb die Bordmahlzeit drin. Und ich war froh, dass mir der Geruch der ekelhaften Pampe, die sie einem während des Fluges als „Essen“ servieren, ein zweites Mal erspart blieb. Schließlich, nach fünf Stunden eines unruhigen, mit unzählbaren Luftlöchern gespickten Fluges, landeten wir endlich in Panama-City.

Von Copa kann man zwar nicht sehr viel Gutes sagen, die Stewardessen sind jedoch – um es mit einem gewissen Understatement zu sagen – eine echte Augenweide: Copa hat die mit Abstand bestaussehendsten Flugbegleiterinnen. Das würde ich jederzeit beeiden. Eigentlich sehen sie viel zu gut aus für diesen Beruf. Fast jede von ihnen könnte Model sein und man gerät schon ein wenig in Verzückung, wenn man ihnen bei der Arbeit zuschaut. Ich bin jedoch absolut sicher, dass Äußerlichkeiten keine Rolle bei der Bewerbung gespielt haben. Ich bin überzeugt, Copa legt großen Wert auf Qualität in allen Bereichen des Bordservice. Und damit nicht überflüssiger Stoff bei der Tätigkeit stört, sind die Uniformen der weiblichen Angestellten so eng, dass kein Ticket zwischen Haut und Kleidung passt. Das Auge fliegt ja bekanntlich auch mit. Auf ihr „Thank you“, das sie mir am Ausstieg entgegenhauchten, konnte ich nur entgegnen: „No, thank you.“

Vom Flughafen in Panama-City ist nicht viel zu berichten – dieselbe Misere wie vor Jahren, als ich zum ersten Mal dort zwischenlandete. Der Airport ist alt und hässlich und einer Stadt wie Panama, mit ihrem Kanal, den Reedereien und Banken unwürdig. Man ist jedoch fleißig am Bauen. Vom Passagierbereich aus kann man schon die neuen Abfertigungshallen entstehen sehen.

Endlich verließen wir Panama. Leider konnten wir den Panama-Kanal nicht sehen, aber vor der Südküste bot sich ein paradiesischer Anblick. Ein Archipel grüner Inseln lag auf dem dunklen Spiegel des Meeres. Jede von ihnen war von hellen Sandstränden gesäumt. Schiffe fanden ihren Kurs zwischen den Eilanden und zogen lange Gischtspuren ins Meer. Wir stiegen höher, Wolken verdeckten die Sicht und bis Quito sahen wir nichts als ein Meer aus Watte.

Eine wahre amerikanische Odyssee

Als wir durch Newark fahren, will ich vor der Kreuzung die Spur wechseln. Die Linie der Fahrbahnbegrenzung ist noch nicht durchgezogen, der Verkehr ist auch nicht allzu dicht – was soll also schon schiefgehen? Ich leite den Spurwechsel mustergültig wie im Fahrschullehrbuch ein: Blinker setzen, Spiegel, Spiegel, Schulterblick – alles frei und los geht’s. Als ich nach rechts ziehe, schert plötzlich von hinten ein Wagen aus der anderen Spur mit sehr hoher Geschwindigkeit genau in die Spur ein, in dich ich auch gerade hineinlenke. Der andere sieht mich nicht und rammt mich in die Seite, dass es nur so kracht. Wir räumen die Kreuzung und klären die Sache abseits der Straße.

Der Schaden ist gering, nur ein paar Beulen sind zu sehen; beide Fahrzeuge sind absolut fahrtüchtig und verletzt wurde Gott sei Dank niemand. Der andere Fahrer regt sich furchtbar auf („My brand new car!“), flucht und ist ganz außer sich, doch er beruhigt sich so schnell, dass es einem schon komisch vorkommt. Und plötzlich wirkt er so entspannt, als hätte er sich eine Extrapackung Chillpills eingeworfen: „Shit happens.“, meint er achselzuckend. Während wir unsere Daten über Fahrzeugpapiere und Versicherungen austauschen, fordert sein Beifahrer, der nun ebenfalls ausgestiegen ist, man solle die Polizei holen. Er macht, um es einmal vorsichtig auszudrücken, einen sehr desolaten Eindruck – unter anderen Umständen als diesen hätte ich vermutet, er habe Drogen genommen. Er trägt ein weißes Unterhemd über der Hühnerbrust und um seinen Hals baumeln mehrere dicke Goldketten. Auf dem Kopf hat er ein Cap wie es Gängsterrapper tragen. Und tatsächlich wirkt er auf mich wie die billige Kopie eines solchen. Der Fahrer, der bis zu diesem Moment tiefenentspannt wirkte, zuckt kurz zusammen und verbietet seinem Kompagnon den Mund: keine Polizei! Er zwingt ihn etwas unsanft auf den Beifahrersitz und dann hat er es auf einmal sehr eilig. Er steigt ins Auto und erklärt etwas gehetzt, er habe es sich anders überlegt und wolle nun doch zur Polizei; eine Polizeistation sei gleich da vorn. Ich könne ja folgen, meint er noch und gibt auch schon Vollgas. Sekunden später taucht er in den Verkehr und dann ist er plötzlich verschwunden.

Ich bleibe etwas perplex zurück. Später, bevor ich den Schaden der Autovermietung melde, sehe ich mir noch mal seine Papiere an (mein Sohn hat mit dem Handy Fotos gemacht). Sein Auto ist nicht so neu, wie er behauptete, sondern in Wahrheit sechs Jahre alt und auch das Kennzeichen des Wagens auf dem Nummernschild stimmt nicht mit dem in den Papieren genannten Kennzeichen überein. Ich kann mir zwar keinen Reim darauf machen, aber ich habe das unbestimmte Gefühl, dass irgendetwas nicht ganz koscher ist.

Niemand ist verletzt und der Wagen fährt auch noch – das sind gute Nachrichten. Ich hoffe, dass die Pechsträhne beendet ist, aber es muss erst noch schlimmer kommen, bevor es besser wird: In Connecticut, wo wir der billigen Hotels und der schönen Strände wegen einige Tage zu verbringen beabsichtigen, besuchen wir einen Wendy’s Diner (die Schokoshakes sind große Klasse!). Als wir wieder abfahren, bekomme ich im Display die Meldung, dass der Luftdruck im hinteren rechten Reifen zu niedrig sei. Erst glaube ich, dass es sich um eine falsche Meldung handeln muss, aber das rote Licht ist so nervig, dass ich schließlich parke und nachsehe. Und tatsächlich, eine dicke Schraube hat sich durch den Mantel des Reifens gebohrt. Ich kann es sogar zischen hören. Da es schon zu spät ist und die Reifenshops bereits um 18:00 Uhr Feierabend machen, beschließe ich, bis zum nächsten Tag zu warten. Ich suche ein Geschäft für Autoteile auf und lasse mir vom Verkäufer, der so jung ist, dass er locker mein Sohn sein könnte, zu einem Dichtungsschaum raten. Ich fülle den Schaum ein und pumpe den Reifen an der Tankstelle noch einmal gut auf. Und tatsächlich, der Druck hält über Nacht. Am nächsten Morgen ist der Reifen immer noch prall gefüllt. Ich fahre los – nichts passiert -, doch kaum bin ich auf den Highway eingebogen, ist die Luft innerhalb weniger Sekunden aus dem Reifen entwichen und ich habe einen Platten. Ich nehme die erstbeste Ausfahrt und rette mich auf den Parkplatz einer Tankstelle.

Ich habe noch nie eigenhändig einen Reifen gewechselt, aber bekanntlich ist ja irgendwann immer das erste Mal. Das Aufziehen des Ersatzrades geht mir wider Erwarten so leicht von der Hand, als hätte ich mein ganzes Leben lang nie etwas anderes getan. Ein Reifen reicht aber fürs Erste und ich bin froh, als ich den Platten im Kofferraum verstaut habe. Anschließend frage ich den Angestellten des Tankstellenschops, ob ich mir die Hände waschen könnte und wir kommen ins Gespräch: Er sagt, er stamme aus Texas und sei eigentlich nur wegen seiner Frau nach Connecticut gezogen. Aber es gefalle ihm hier nicht. Das Leben sei viel zu hektisch und die Leute seien einfach zu kalt, nicht so wie in Texas. Er freut sich zu hören, dass wir drei Jahre in Texas gelebt haben. Ich sage ihm, dass es uns dort sehr gefallen hätte. Das scheint ihn irgendwie aufzumuntern. Er meint, er und seine Frau wollten fortziehen nach Westvirginia. Dort sei es viel ruhiger. Er spendiert uns noch einen Kaffee und dann fahren wir auf unserem nagelneuen Ersatzrad zum Reifenshop.


Man sollte annehmen, im Autoland USA wäre das Wechseln eines Reifens eine ganz simple Angelegenheit und ein Viertelstündchen müsste mehr als ausreichend sein, um den neuen Reifen aufzuziehen und nebenbei auch noch die anderen Reifen einmal herum zu rotieren – so jedenfalls war es mir aus Texas in Erinnerung geblieben. Nachdem wir dann aber drei Stunden im Tireshop gewartet hatten, beschied man uns, dass kein passender Reifen gefunden werden könnte. Wir sollten uns noch bis zum Abend gedulden – bis dahin würde man uns den passenden Reifen ganz sicher besorgt haben. Am Abend klingelte mich die Werkstatt an, um mir lapidar mitzuteilen, dass es in ganz Connecticut keine passenden Reifen für unseren Wagen gäbe – „Sorry about that.“ Ich setzte mich mit der Autovermietung in Verbindung: Ja, es sei schwierig, passende Reifen für dieses Modell (Chevrolet Malibu) aufzutreiben – als ob wir das nicht schon wüssten. Man bot uns stattdessen einen neuen Wagen an. Allerdings könnten wir das neue Auto nicht in Connecticut entgegennehmen. Vielmehr müssten wir uns bis nach Long Island bemühen.

Nach viertündiger Fahrt kamen wir endlich am McArthur-Airport in Long Island an, wo unser Ersatzauto auf uns wartete. Erschöpft, aber glücklich nahmen wir den neuen Wagen in Empfang. Unsere Frage, ob wir einen Discount erwarten könnten, weil wir doch so viel Zeit und Mühe aufwenden mussten nur wegen eines undichten Reifens, wurde mit der üblichen eingeübten Floskel abgewimmelt: Darum kümmere sich stets die Stelle, bei der das Auto ursprünglich angemietet wurde. Als ich dort anrief, erachtete man es nicht einmal für angemessen, dass ich mein Anliegen einem Mitarbeiter vortrug; man verband mich gleich mit der Mail-Box. Ich unterließ es, eine Nachricht zu hinterlassen.

Irgendwo im Nirgendwo finden wir einen Starbucks. Ich muss erst einmal meine Nerven beruhigen und so beschließen wir, eine kleine Rast einzulegen. Wir bestellen überteuerten Kaffee und einen viel zu teuren Chai latte, dazu nehmen wir noch etwas Kuchen, der auch zu teuer ist und nicht mal schmeckt. Wenigstens gibt es freies W-Lan. Ich buche unser Hotel für die Nacht und dann versuche ich, ein wenig zu entspannen und meinen Chai latte zu genießen, was mir aber nicht gelingen will, da er regelrecht mit Zimt kontaminiert ist (und an der Theke steht noch ein Streuer, aus dem man sich extra Zimt hineinschütten kann). Alles schmeckt nur noch nach Zimt, vom Tee keine Spur. Am Nebentisch sitzen ein paar Jungs, die mit viel zu großen Autos gekommen sind. Sie sind gebräunt wie Fitnessmodels, die Haare haben sie sorgsam frisiert, die Arme sind noch immer ordentlich aufgepumpt vom Workout im Gym. So posieren sie vor den Mädchen, die sie mitgebracht haben, um ihnen einen Kaffee auszugeben, und weil sie vielleicht auch auf mehr hoffen. Die Mädchen haben sich in ultrakurze Pants gezwängt; sie sitzen auf dem Schoß der Jungs und lachen über deren Witze und Neckereien – manche Dinge werden sich wohl niemals ändern, egal wie alt die Welt noch werden mag.

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