El Lechero

Wenn man der Panamericana von Quito aus nach Norden folgt, gelangt man in ca. neunzig Minuten nach Otavalo. Otavalo ist berühmt für seinen traditionellen Markt, der an jedem Wochenende in der Stadt abgehalten wird und auf dem man vor allem schöne Webarbeiten kaufen kann. Die meisten Touristen nutzen die Gelegenheit, um sich einen Poncho zuzulegen, denn im allgemeinen Bewusstsein gibt es kein Kleidungsstück, das typischer für die Andenregion wäre als der bunte Wollumhang (Typisch für die Küste ist der Hut aus Toquilla, der landläufig – jedoch fälschlicherweise – als Panamahut firmiert).

So ein Poncho ist wirklich ein schönes Kleidungsstück, aber ich bezweifle, dass man damit irgendwo in Europa Eindruck schinden könnte. Zwar würde man kaum Aufsehen erregen, wenn man, ausstaffiert wie ein Hochlandbewohner, in Berlin auf die Straße ginge, in einer Stadt, die an Merkwürdigkeiten jeglicher Art gewöhnt ist, aber so ganz passt man natürlich doch nicht ins Bild. Hier in Ecuador habe ich noch nie jemanden einen Poncho tragen sehen. Ich vermute, dieses traditionelle Kleidungsstück steht in der Vorstellung der meisten Menschen für Bäuerlichkeit, Rückständigkeit und Armut. In einem Land wie Ecuador mit einem so ausgeprägten Klassenbewusstsein und einem starken Bedürfnis nach gesellschaftlicher Anerkennung möchte natürlich niemand für einen Campesino, einen Bauern, gehalten werden.

Wir haben uns trotzdem Ponchos gekauft, denn schließlich wird uns in Berlin kaum jemand für Landeier halten. In unserer Berliner Wohnung ist es im Winter oft unangenehm kalt und selbst wenn man die Heizung bis zum Anschlag aufdreht, wird es nie mollig warm. Mit so einem Poncho bleibt man warm, auch ohne dass man sich gleich durch exorbitante Heizkosten ruinieren müsste. Ich habe das Kleidungsstück einmal zur Probe getragen. Wenn ich den vorderen Saum über die Schulter werfe, sehe ich fast so lässig aus wie Clint Eastwood in „Für eine Handvoll Dollar“. Den Poncho zurückzuschlagen hat den Vorteil, dass man die Hände frei hat (im Falle Eastwoods die Schusshand). Der Poncho ist aus dicker Alpaka-Wolle gewebt und damit würde man selbst im kältesten Berliner Winter nicht frieren. Auch wenn ich mir in meinem neuen Poncho ziemlich cool vorkomme, sehe ich vielleicht doch lieber davon ab, ihn auf der Straße zu tragen.

Wir waren diesmal nicht nach Otavalo gekommen, um den Markt zu besuchen – Ponchos hatten wir ja schon –, sondern einer anderen Attraktion wegen: Wir wollten zum Lechero. Ehrlich gesagt, weiß ich bis heute nicht, was es damit auf sich hat. Der Lechero ist ein Baum, in der Vorstellung der Einheimischen sogar ein Wunderbaum. Welche Art Wunder der Besucher allerdings erwarten darf, bleibt ein Geheimnis. Gleichermaßen geheimnisumwittert ist, was es mit dem merkwürdigen Namen auf sich hat, denn „Leche“, von dem er offenbar abgeleitet ist, bedeutet „Milch“.

Die Geschichten, die man sich in den Tälern der Anden auch heute noch erzählt wie schon vor Jahrtausenden, sind tief in das kulturelle Gedächtnis der Bewohner des andinen Raumes eingegraben. Traditionen reichen oft bis in eine mythische Zeit zurück. Niemand weiß, wo die Anfänge liegen – im Bewusstsein der Menschen waren die Mythen und die Geschichten, in denen von ihnen berichtet wird, schon immer da. Und auch heute noch spürt man die Macht des Numinosen und man huldigt ihr fast auf dieselbe Weise wie die Vorfahren.

Doch die Menschen haben vergessen, wie die Mächte, die sie ehren, in die Welt kamen, wo ihr Ursprung liegt und woher ihre Kraft stammt. Manchmal wissen sie nicht einmal mehr, was ihr Name bedeutet, aber dennoch bezeugen sie ihnen Verehrung, ganz so, wie man die Kräfte der Natur beachten müsste, auch wenn man nicht wüsste, dass es sie gibt (ich kann freilich so tun, als gäbe es keine Gravitation, aber spätestens, wenn ich die Treppe herunterfalle, bin ich gezwungen anzuerkennen, dass Schwerkraft tatsächlich existiert). Man weiß, dass der Lechero ein besonderer Ort ist, doch Jahrhunderte brutaler Unterdrückung und christlichen Glaubenseifers haben die Menschen vergessen lassen, worin der Quell seiner Macht liegt.

Nicht weit unterhalb Otavalos liegt die Laguna San Pablo. Wenn man sich der Stadt auf der Panamericana von Süden nähert, sieht man im Osten plötzlich die Wasserfläche wie einen Spiegel aus poliertem Stahl zwischen den geschwungenen Flanken der Berge liegen. Häuser stehen am Ufer des ruhigen Sees gleich Streichholzschachteln. Wir haben die beschauliche Laguna de San Pablo schon einmal ganz umrundet – am jenseitigen Ufer gibt es nur schlechte Straßen und winzige Dörfer ohne jede touristische Infrastruktur. Wer dort ein Restaurant vermutet, von dem noch kein Reiseführer weiß, oder ein verstecktes Café, in dem er in authentischen Genüssen schwelgen kann, sucht vergeblich. Es gibt Cabañas (kleine Ferienbungalows) am Seeufer, aber die Ruhe, die man dort findet, ist wahrscheinlich so vollständig, dass man schon nach drei Tagen den Verstand verliert.

Am westlichen Ufer steht ein Restaurant, das in den See hineinwächst als würde es jeden Augenblick auf seinen Stelzen übers Wasser schreiten. An diesem Tag hatte das Lokal geöffnet und in einer Ecke des Parkplatzes drängten sich die Autos der Gäste wie Schafe, die versuchen, vor dem Hütehund Reißaus zu nehmen. Das Seeufer machte einen viel lebendigeren Eindruck als bei unserem ersten Besuch: Ausflugsboote legten von der Anlegestelle des Lokals ab und tuckerten gemächlich über den See. Touristen – alle ausnahmslos Ecuadorianer – spazierten am Ufer entlang und stellten sich für ein paar schnelle Fotos vor dem See in Position. Enten quakten aufgeregt, wenn die Boote sie vom Steg vertrieben. Die Sonne schien. Das Restaurant war gut besucht und als der Kellner mich sah, winkte er mich herein. Es war noch zu früh, um zu Mittag zu essen, und außerdem wollten wir zum Lechero.

Die Menschen haben ihr Leben in der Talniederung zwischen den Bergen eingerichtet. Wiesen und Felder liegen lieblich in der Sonne und der Flickenteppich menschlicher Tätigkeit strebt die Hänge hinauf, als wollte er selbst noch die Gipfel erobern. Der Landbau hört erst dort auf, wo das Terrain so steil ist, dass man selbst zu Fuß kaum noch vorwärtskäme.

Ein Feldweg windet sich durch die bestellte Flur und führt dann um einen Berg herum, dessen Kuppe sanft wie ein Hügelgrab gewölbt ist. Wir ließen den Wagen kurz hinter der Abzweigung stehen, die den Berg an seiner Flanke umläuft, denn die Straße war an dieser Stelle so schmal, dass es unmöglich war zu wenden, ohne den Hang hinunterzurollen. Das restliche Stück gingen wir zu Fuß.

Auf der flachen Kuppe wächst Rasen und ein lichter Hain bildet Spalier um den Gipfel gleich einer dünnen Tonsur. Die Wölbung des Berges ist so flach und ebenmäßig, dass man den Eindruck hat, man spaziere über eine Rasenkugel von den Dimensionen einer Welt wie im „Kleinen Prinzen“. Und dann hatten wir den Hügel fast erklommen und wir sahen den Lechero, der hinter dem gekrümmten Horizont der Bergkuppe wie eine Verheißung emporwuchs.

Atemlos vom Aufstieg verharrten wir am Gipfel. Auf der Spitze steht der Lechero, solitär und unangefochten wie ein lebendiges Kultbild. Ich könnte behaupten, dies wäre nur ein gewöhnlicher Hügel mit einem alten, knorrigen Baum darauf, und doch drängt sich einem der Eindruck auf, man befinde sich an einem sakralen Ort. Tatsächlich glaubt man so etwas wie eine Magie zu spüren oder die Aura des Genius loci.

Vielleicht zogen einst Prozessionen zu dieser Weihestätte, um den numinosen Mächten Verehrung zu erweisen und vielleicht auch, um ihnen Opfer darzubringen. Wurde einst Blut vergossen, um die geheimnisvollen Mächte dieses Ortes gnädig zu stimmen? Ich glaube nicht, aber meine Phantasie malt mir eine kultische Massenorgie mit Strömen von Blut aus. Der Lechero aber steht still und friedlich auf seinem Hügel und schweigt. Niemand wird das Geheimnis je lüften (Ich glaube, ich habe mir die Indiana-Jones-Reihe viel zu oft angeschaut).

Der Blick reicht weit: Felder und Weiden erstrecken sich bis in den letzten Winkel dieses Stücks Schöpfung und sinken dann hinter den Horizont. Die Welt liegt vor einem wie ein Schachbrett und mit der Hybris, die dieser euphorische Augenblick heraufbeschwört, ist es möglich zu glauben, wie die alten Götter könnte man jeden Zug der Menschen sehen, die winzig wie Mikroben in den Tälern wimmeln.

Im Vergleich zu den Bergen ringsherum ist der Berg, auf dem der Lechero steht, winzig. Man könnte ihn fast für einen Hügel halten, und dennoch scheint es, man blicke vom Gipfel eines Weltberges auf die Erde herab. Ströme kosmischer Energien kreuzen sich in den Wurzeln des Baumes und konzentrierten sich in den Säften unter der zernarbten Rinde. Wenn man die Hand auf die rissige Borke legt, fühlt man etwas auf sich übergehen, als würde man von einem leibhaftigen Heiligen berührt.

Besorgte Denkmalschützer haben die Kuppe des Hügels weiträumig mit einem Zaun abgesperrt, doch in guter alter anarchistischer Tradition hat man die Zaunpfähle einfach umgeworfen. Das Bedürfnis, den Baum anzufassen, ist so stark, dass man sich auch durch Zäune nicht davon abbringen lässt. Wahrscheinlich sind es archaische Traditionen, welche die Menschen glauben lassen, dass die Kraft des Lechero auf einen übergehe, wenn man ihn berührt. Freilich habe auch ich meine Hand auf den Stamm gelegt. Man kann noch so viele vernünftige Gründe dagegen anführen – selbst als durch und durch rationaler Mensch fällt es schwer, der Versuchung zu widerstehen. Es scheint, manch einer hat der wundersamen Kraftübertragung ein wenig nachgeholfen, indem er seine Initialen in die Rinde schnitzte.

Wir fragten Leute, welche Bewandtnis es mit dem Lechero habe, doch kein einziger konnte uns irgendetwas Nützliches dazu sagen, obwohl doch alle in der Gegend zu wohnen schienen. Einige machten Picknick auf der Wiese unterhalb des Baumes und gerade fand eine Rotkreuz-Übung mit hundert Teilnehmern statt. Warum man sich ausgerechnet diesen Ort dazu ausgesucht hatte, bleibt rätselhaft. Vielleicht hoffte man auf die reanimierende Wirkung, die von den Energiefeldern des Wunderbaumes ausgeht. Die Leute pflegen einen völlig ungezwungenen Umgang mit heiligen Orten und alten Traditionen. Für die meisten sind sie genauso Teil des Lebens wie die trivialsten Dinge des Alltags. Manchmal drängt sich einem der Eindruck auf, wären sie plötzlich verschwunden, würde man sie nicht sonderlich vermissen.

Markttag in El Quinche

El Quinche ist eine kleine Stadt nordwestlich von Quito. Von Quito aus gelangt man mit dem Auto dorthin, indem man der Ausschilderung zum Flughafen folgt, dann aber, statt weiter geradeaus auf der Route zum Airport zu bleiben, nach Osten Richtung Cayambe abbiegt.

Eigentlich gibt es keinen besonderen Grund, nach El Quinche zu fahren, es sei denn, ein starkes religiöses Bedürfnis zieht einen dorthin oder man möchte den berühmten Markt besuchen, der immer Sonntags abgehalten wird. Wir wollten auf den Markt, wenn auch das religiöse Spektakel, das alljährlich in der zweiten Novemberwoche zu Ehren der Virgen de El Quinche veranstaltet wird und das über achthunderttausend Pilger in die Stadt zieht, ein Ereignis ist, das einmal mit eigenen Augen zu schauen, ein ganz besonderes Erlebnis sein muss. Aber dies war nur ein normaler Sonntag und außer der sonntäglichen Messe ist es vor allem der Wochenmarkt, der die Leute in Scharen in die Stadt zieht.

Der Grund, der uns veranlasste, den Markt zu besuchen, ist ganz prosaisch: Seit unserer Ankunft in Quito leidet meine Frau an der Höhe und wir suchten nach einem Mittel, das Abhilfe schafft. Zwar ist sie Ecuadorianerin, aber sie stammt von der Küste, und die Leute der Costa sind ein ganz anderer Menschenschlag als die an die dünne Luft und die eisige Kälte gewöhnten Hochlandbewohner. Es kommt nicht selten vor, dass sie an hohem Blutdruck, Kreislaufbeschwerden und Herzrasen leiden, obwohl sie doch, solange sie im Tiefland lebten, völlig gesund waren.

Streng medizinisch betrachtet, habe ich keine Probleme mit der Höhe, dennoch macht mir die dünne Luft manchmal zu schaffen: Wenn ich trainiere, muss ich viel längere Pausen einlegen als in Berlin, denn nach einer anstrengenden Übung bekomme ich manchmal einfach keine Luft mehr und mein Atem geht dann keuchend wie der eines asthmatischen Kettenrauchers beim Reha-Sport. Besonders schlimm ist es, wenn wir nach Quito fahren, das noch einmal achthundert bis tausend Meter höher liegt als Cumbayá.

Auf dreitausend Metern Höhe kann es einem sehr wohl passieren, dass plötzlich die Luft weg ist, wenn man nur ein paar Treppen steigt. Manchmal reicht es schon, einen langen Satz zu sagen, und in der Mitte merkt man auf einmal, dass einem die Luft ausgeht. Dann unterbricht man japsend und wie ein neunzigjähriger Zigarren-Connoisseur muss man erst einmal gierig Sauerstoff in die Lungen saugen, um weitersprechen zu können. Wenn ich mich mehrere Stunden in Quito aufhalte, beginnen meine Augen in der trockenen Höhenluft manchmal so furchtbar zu brennen, dass ich sie kaum noch offen halten kann. Vorsichtshalber nehme ich mir immer ein Fläschchen künstliche Tränen mit, aus dem ich mir hin und wieder etwas in die Augen träufele. Die Einheimischen, die Quiteños, haben mit diesen Problemen natürlich nicht zu kämpfen. Nur dem Zugereisten macht die Höhe zu schaffen.

Zwar kann sich der Organismus den neuen Bedingungen anpassen, doch gelingt ihm dies nur unvollkommen und auch nur vorübergehend. Um den niedrigeren Sauerstoffgehalt der Höhenluft effizienter nutzen zu können, vermehren sich genau wie bei einem Topathleten im Höhentrainingslager die roten Blutkörperchen, wenn man sich eine gewisse Zeit in der Höhe aufhält. Dieser Vorgang ist aber leider reversibel und sobald man wieder ins Flachland zurückkehrt, geht die Anpassung verloren. Um den menschlichen Organismus dauerhaft an das Leben in der Höhe zu gewöhnen, bedarf es des ununterbrochenen Aufenthalts in dünner Luft während dreier Generationen. Ich bezweifle aber, dass mein Sohn und seine Kinder für immer im Andenhochland leben wollen.

Meine Frau hat in der großen Höhe nicht nur mit Luftnot, sondern oft auch mit Kreislaufbeschwerden und Kopfschmerzen zu kämpfen. Das ist nicht nur sehr unangenehm, sondern auch eine starke Beeinträchtigung der Lebensqualität, denn nicht selten fühlt man sich regelrecht krank. Um solchen und anderen gesundheitlichen Beeinträchtigungen entgegenzutreten, greift man in Ecuador weit häufiger als in Deutschland auf bewährte Naturheilmittel zurück: Kräutermischungen, Tinkturen, Pasten, Pulver, Salben finden bei gesundheitlichen Beschwerden mindestens genauso häufig Anwendung wie die Produkte der Pharmaindustrie. Die meisten Ecuadorianer sind arm und viele können sich die teuren Medikamente aus der Apotheke nicht leisten. Wer schon einmal gezwungen war, einen größeren Posten in den hiesigen Apotheken zu kaufen, wird nie wieder über die gierige deutsche Apothekerzunft schimpfen.

Viele Menschen in den ärmeren Gegenden und gerade auf dem Lande verlassen sich noch immer auf Heilmittel, welche eine freigiebige Natur ihnen in großer Fülle zur Verfügung stellt. Sie schöpfen dabei aus einem reichen Schatz überlieferten pharmakologischen Wissens, das seine Ursprünge in den indigenen Kulturen des Hochlandes hat. Als meine Frau einige ihrer Bekannten fragte, ob es denn nicht ein natürliches Mittel gäbe, von dem zuverlässig Abhilfe bei Höhenkrankheit zu erwarten sei, antworteten sie unisono: Cocablätter.

Die Blätter des Cocastrauches werden im Andenhochland seit Jahrtausenden konsumiert. Der Genuss hat überhaupt nichts Anrüchiges an sich, wie mancher Europäer oder Gringo vermutet, sobald er nur das Wort „Coca“ hört. Coca half der indigenen Bevölkerung seit jeher, eisige Höhen und schwerste körperliche Strapazen zu ertragen. Man wird die Blätter, die man kaut, oder aus denen man Tee brüht, auch wohl kaum mit dem kristallinen Pulver gleichsetzen dürfen, das sich so mancher Berliner Partygast zum Auftakt des Abends auf der Toilette seines Lieblingsklubs durch die Nase zieht.

Man kann ein gepflegtes Bier trinken oder man kann eine Flasche Wodka auf Ex kippen. Beides ist Alkohol, eine erwiesenermaßen gefährliche Droge mit hohem Suchtpotential, jedoch wird sie gesellschaftlich akzeptiert, weil ihr Konsum Teil der kulturellen Tradition ist. Dennoch besteht zwischen dem gepflegten Pils und der Flasche Wodka auf Ex ein Unterschied und wer schon einmal einen Abend im Kreise von Leuten verbracht hat, die sich gern und willig dem Suff ergeben, weiß auch, worin er besteht.

Coca war schon immer Alltagsdroge und Volksmedizin, nicht anders als das Bier in Bayern oder der Schoppen Wein im Rheinland, und daher sollte man eigentlich annehmen, dass im Andenland Ecuador niemand am Konsum Anstoß nimmt. Man wundert sich nur, warum es so schwer ist, überhaupt irgendwo an Cocablätter zu kommen. Ich vermute, die Globalisierung und der übermächtige Einfluss westlicher Wertvorstellungen, vor allem hinsichtlich der Frage, welche Drogen erlaubt sein sollen, hat die Cocapflanze mit einem Bann belegt, der sich gegen die Interessen der Andenländer und vor allem gegen ihre kulturellen Traditionen richtet. Aber Bekannte hatten uns einen Tipp gegeben: Man könne Cocablätter auf dem sonntäglichen Markt in El Quinche kaufen. Bei der ersten Gelegenheit machten wir uns auf nach El Quinche.

Wer mit dem Wunsch nach Ecuador kommt, etwas Authentisches zu erleben, etwas, das sich dem verfälschenden Einfluss des internationalen Tourismusbetriebs bis heute entzogen hat, der sollte die einheimischen Märkte wie etwa jenen in El Quinche besuchen. Vom Standpunkt eines an den Warenüberfluss der westlichen Welt gewöhnten Konsumenten hat der Markt in El Quinche kaum etwas zu bieten, das dem Reisenden nicht auch von zuhause bekannt wäre. Abgesehen von weißlichen fetten Käferlarven, die man zu medizinischen Zwecken konsumieren soll, gibt es nicht viel, das man nicht auch auf dem Wochenmarkt einer beliebigen Großstadt in Europa finden könnte (das Interesse an den Käferlarven hielt sich sehr in Grenzen und solange wir uns auf dem Markt aufhielten, war der Stand leer). Die Leute gehen nach El Quinche, um Waren des täglichen Bedarfs zu kaufen, und da hier alles um Welten billiger ist als in den modernen Shopping-Malls nach westlichem Standard, hat man es mit einem Andrang zu tun wie bei einer Völkerwanderung.

Faszinierend für den Besucher aus dem säkularen Mitteleuropa ist die symbiotische Verbindung aus religiösem Ereignis und geschäftlicher Aktivität, die sich aus einer fernen vormodernen Zeit bis in die Gegenwart gerettet zu haben scheint: Viele Menschen kommen in die Stadt, um am Gottesdienst teilzunehmen oder um der Virgen Ehre zu erweisen oder schlicht, um ihr ein Anliegen vorzutragen, für das man die Hilfe oder den Segen der Heiligen zu gewinnen hofft. Da man aber schon einmal den beschwerlichen Weg in die Stadt auf sich genommen hat – nur die wenigsten scheinen mit dem eigenen Auto angereist zu sein –, kann man die Gelegenheit auch gleich nutzen, um die Wocheneinkäufe zu erledigen.

Niemand findet etwas dabei, dass der Markt, der sich wie ein feindliches Heerlager fast in der ganzen Stadt ausgebreitet hat, in Sichtweite der Kirche abgehalten wird, in die es die Gläubigen an diesem Sonntag in dichten Scharen zum Gottesdienst zieht. Vor der Kirche haben die Devotionalienhändler ihre Stände aufgebaut: Man kann Heiligenfiguren, die Jungfrau von El Quinche, das Jesuskind oder unheilabwehrende Anhänger für das Auto oder die Wohnung kaufen.

Die Geschäfte scheinen gut zu gehen, denn den Platz vor der Kirche haben wenigstens ein Dutzend Händler für sich in Beschlag genommen und alle bieten dasselbe Warensortiment. Doch fürchten, dass ihnen die Kunden ausgehen, müssen die Händler nicht – oft begegnet man in der Menge Besuchern des Gottesdienstes, die Christusfiguren, welche sie gerade erstanden haben, oder Figuren der Heiligen im Arm halten, als wären es ihre eigenen Kinder.

Während im Innern der Kirche der Gottesdienst stattfindet, nimmt an einem Seitenportal eine Ordensschwester die Weihwasserspende vor: Sie taucht einen Strauß Blumen in das Gefäß mit dem geweihten Wasser und verteilt es dann über die Menge als wollte sie auf die Köpfe einschlagen. Die Menschen empfangen den Regen im uralten Gestus der Anbetung, mit verzückten Gesichtern und erhobenen Armen.

Wir schlendern ziellos auf dem Markt und dem Kirchplatz umher, denn eigentlich haben wir kein dringliches Anliegen, dessentwegen wir nach El Quinche gekommen wären. Die Gelegenheit scheint günstig und so mache ich immer wieder Fotos. Allerdings ist es kein wirklich angenehmes und vor allem kein sicheres Unterfangen, in der Masse der Marktteilnehmer eine teure Kamera zu zücken. Sobald ich den Apparat heraushole, richten sich mindestens zehn Augenpaare darauf – neugierig, fragend, voller Verwunderung oft, nicht selten misstrauisch. Ich genieße sofort die ungeteilte Aufmerksamkeit, als hätte ich in einem aufsehenerregenden Akt der Zurschaustellung damit begonnen, mich splitterfasernackt auszuziehen. Kaum einmal gelingt es mir, unentdeckt zu bleiben – nicht dass die Leute Anstoß daran nehmen würden, dass man sie fotografiert, es scheint nur noch nie vorgekommen zu sein.

Es ist ein wirklich unangenehmes Gefühl, auf Schritt und Tritt beobachtet zu werden, denn man weiß nie, ob sich hinter diesem Interesse allein schiere Neugier verbirgt oder etwas anderes. Ich habe keine Lust, es herauszufinden und lasse die Kamera alsbald wieder in der Tasche verschwinden. Erst jetzt fällt mir auf, dass kein einziger der Markt- oder Kirchbesucher eine Kamera oder ein Handy oder sonst irgendetwas, das man für wertvoll erachten könnte, für jedermann sichtbar mit sich führt. Ich lasse mich durch den Augenschein überzeugen, dass es einen gewichtigen Grund dafür geben muss, und für den Rest des Tages bleibt die Kamera in der Tasche.

Wir erinnern uns daran, dass wir auf den Markt gekommen sind, um Cocablätter zu kaufen. Meine Frau fragt aufs Geratewohl eine der Obstverkäuferinnen in der Markthalle, die sich doch eigentlich auskennen müssten. Die Frau sagt, sie wisse nicht, wo man so etwas kaufen könne, und guckt uns dabei an, als hätten wir ihr soeben ein unsittliches Angebot gemacht. Auch beim nächsten, den wir mit unserer Frage behelligen, haben wir kein Glück, aber immerhin gibt man uns den Tipp, es doch einmal beim Naturista (eine Art Laden für Naturprodukte) eine Straße weiter zu versuchen. Aber selbst dort erleben wir eine Enttäuschung und wir fangen allmählich an zu glauben, wir seien einer Ente aufgesessen, als man uns sagte, dass man die begehrten Blätter in El Quinche kaufen könne.

Aber mir ist noch ein anderer Gedanke gekommen: Es könnte auch sein, dass man uns einfach nichts verkaufen wollte. Es kommt immer wieder vor, dass Reisende, die es nach exotischen Abenteuern hungert, sich mit Hilfe der lokalen Flora eine Reise ins psychedelische Orbit zu verschaffen suchen. Da ich unzweifelhaft wie ein Gringo aussehe und nach Meinung der Leute wie ein Hippie dazu, ist der Schluss natürlich unausweichlich, ich wäre allein deshalb nach Ecuador gekommen sei, um mir einen Trip zu verpassen, dass es nur so raucht im Oberstübchen.

Es ist übrigens noch gar nicht so lange her, da wurde man entweder für einen Hippie, für einen Headbanger oder einfach nur für schwul gehalten, wenn man als Mann das Haar schulterlang trug. Noch 1992, also zu einer Zeit, da die Inquisition seit Menschengedenken abgeschafft und die Hexenverbrennung eingestellt war, musste ich mir am Flughafen von einem Polizisten sagen lassen, ich solle mir das Haar kürzen. Aber die Zeiten haben sich geändert, zumindest ein wenig, und wenn man heutzutage lange Haare hat, sehen die Leute in einem nur mehr jemanden, der halt gerne kifft.

Die Leute sahen uns so misstrauisch an, als wären wir zwei Hippies, die sich mit Cocablättern einen Trip ins Nirwana verschaffen wollen. Vielleicht hätte ich außer Sicht bleiben und meine Frau den Einkauf allein erledigen lassen sollen, denn mit mir im Schlepptau konnte man glauben, ich schicke sie als Strohmann vor, damit sie mir die begehrten Drogen verschaffe. Die Menschen, durch alle nur vorstellbaren kriminellen Umtriebe sensibilisiert, stellen sich die verrücktesten Dinge vor, und wenn sie jemanden sehen, der auf den ersten Blick schon verrät, dass er nicht hierher gehört, fällt es wahrscheinlich leicht zu glauben, diese Person habe es auf Drogen abgesehen.

An diesem Sonntag war ich übrigens der einzige Besucher des Marktes weit und breit, der nicht wie ein Einheimischer aussah. Die Stadt war einheitlich mit Ecuadorianern bevölkert und da fällt man natürlich auf wie der sprichwörtliche bunte Hund. El Quinche ist eben nicht Berlin, wo man als Batman verkleidet herumlaufen könnte, und die Leute würden einfach so tun, als hätten sie es nicht bemerkt.

Damit die Reise nicht ganz umsonst wäre, kauften wir noch ein paar nützliche Dinge ein, bevor wir die Rückfahrt antraten: ein neues Schneidebrett, Obst und etwas Kuchen. Das Schneidebrett kostete fünf Dollar und liegt so schwer in der Hand wie ein Kricket-Schläger. Zwar kann ich die Qualität nicht beurteilen, aber ich habe den Eindruck, dass es sich um gute Ware handelt. Doch getreu der ecuadorianischen Tradition versuchte meine Frau zu handeln, um so den Preis noch ein wenig zu drücken. Aber sie war an diesem Tag nicht recht bei der Sache und hatte offenbar auch keine Lust, sich auf das mühselige Feilschen einzulassen, und deshalb blieb es am Ende bei fünf Dollar. Ich fand, wir hätten einen guten Kauf gemacht, doch meine Frau meinte, fünf Dollar seien immer noch viel zu viel. Ich bin sicher, meine Schwiegermutter hätte der armen Verkäuferin das Brett für drei Dollar abgeschwatzt.

El Quinche war zwar eine Enttäuschung – zumindest in Hinsicht auf die Hoffnung, dort Cocablätter zu finden –, aber eine Woche später sollten wir doch noch Glück haben: Wir besuchten den Cotopaxi-Nationalpark – ein überwältigendes Erlebnis, von dem noch zu berichten sein wird. Am Eingang legten wir einen kurzen Stopp ein. Es war weniger laues Interesse, das uns ins dortige Besucher-Zentrum zog, als vielmehr die drängende Notwendigkeit, präventiv die letzte zivilisierte Toilette für wie weiß wie lange Zeit aufzusuchen, bevor wir uns in die wilde Vulkanlandschaft hinauswagten.

Wir schauten uns ein wenig an den Ständen um und völlig unerwartet entdeckten wir dort Produkte aus Coca. Die englische Sprache hat für solche freudigen Entdeckungen aus heiterem Himmel das Wort Serendipity erfunden – pleasant surprise. Und das war es in der Tat: eine freudige Überraschung. Wir kauften zwei Päckchen getrockneter Blätter und eine mit Cocaextrakt angereicherte Salbe, die natürlich nur zu äußeren Anwendung bestimmt ist. Glaubt man der Beschreibung auf der Dose, lassen sich mit dem Wunderelixier alle Beschwerden von Muskelkater bis Liebeskummer zuverlässig behandeln.

Einige Tage später ließ mich mein niedriger Blutdruck ein wenig schwächeln und ich sah die Gelegenheit gekommen, das Hausmittel der alten Andenvölker auszuprobieren: Wer nun erwartet, er würde nach dem Genuss einiger Cocablätter wie ein abgeschossenes Moorhuhn mit Kreuzen in den Augen auf dem Sofa liegen und rosa Elefanten würden um seinen Kopf flattern, der irrt. Mein Herz schlug ein wenig schneller, mein Kopf fühlte sich ein wenig leichter an und mir war ein wenig wohler zumute; irgendwie fühlte ich mich vitaler.

Da würde jeder echte Pothead bloß abfällig lachen und der mondäne Berliner Partygast würde darüber sowieso nur das weiß gepuderte Näschen rümpfen. Eine große Tasse schwarzer Kaffee ist vielleicht sogar noch potenter, und ich bin mir nicht einmal sicher, ob es nicht allein der belebenden Wärme des Getränks zu verdanken ist, dass ich eine tonisierende Wirkung verspürte. Hätte ich nicht gewusst, dass es sich um Cocatee handelt, würde ich meinen Lebtag lang geglaubt haben, ich hätte Salbeitee getrunken.

Auf dem Tütchen mit den Cocablättern sieht man übrigens Evo Morales, den Präsidenten Boliviens, ein Cocablatt ganz leger in die Kamera halten. Man stelle sich den Skandal vor, ein ranghoher europäischer Politiker ließe sich so ablichten! Zwar weiß jeder um die zerstörerische Wirkung von Alkohol, dennoch muss man die Politprominenz nicht zweimal bitten, wenn es darum geht, sich auf dem Oktoberfest publikumswirksam in Szene zu setzen. Sag mir, welche Drogen du nimmst, und ich sage dir, woher du kommst. Drogen sind eben auch Teil der Kultur, und wie der Alkohol in Deutschland, so erhält hierzulande Coca das präsidiale Gütesiegel. Denn als erster indigener Präsident ist Evo Morales zugleich auch ein Förderer der indigenen Landeskultur. Und Coca gehört seit Jahrtausenden zu dieser Kultur – trotz des Banns, den der Westen der uralten Kulturpflanze auferlegt hat.

Ponchos in Genf

Es war spät geworden und eigentlich hatten wir unseren Trip nach Cotacachi als Tagesreise geplant. Doch eingedenk unserer Erfahrungen wollten wir es nicht darauf ankommen lassen, bei Dunkelheit zurückzufahren. Nachts mit dem Auto durch die Anden zu fahren, ist ein Abenteuer, das jedem empfohlen sei, der den Nervenkitzel der ganz großen Herausforderung sucht. Wir wollten nicht zurück nach Cumbayá und in Cotacachi hatten wir alles gesehen, was man gesehen haben sollte, doch Otavalo lag nur einen Katzensprung entfernt. Mit dem Auto schafft man die Strecke in nicht mehr als fünfzehn Minuten. Also machten wir uns auf nach Otavalo, um dort zu übernachten und vielleicht auch den berühmten Markt zu besuchen, der hier jedes Wochenende abgehalten wird.

Otavalo ist ein kleines hübsches Städtchen, dessen Einwohner sich vor allem auf Textilarbeiten spezialisiert haben. Darüber hinaus kann man noch schöne Kunstgewerbearbeiten bewundern und natürlich auch kaufen. Als wir eintrafen, war man auf dem Markt bereits damit beschäftigt, die Stände abzubauen. Seit ich den Ort das erste Mal besucht hatte – mir scheint, es war vor einer Ewigkeit –, war der Markt über die Plaza mayor hinaus wie eine Wucherung in die Stadt hineingewachsen. Weite Teile der Innenstadt waren für den Verkehr gesperrt, weil Händler dort dicht an dicht ihre Marktstände aufgebaut hatten. Feilgeboten wurden alles, was geschickte Hände nur zu weben, zu klöppeln oder zu stricken vermochten, und wer einen erstklassigen Poncho erstehen möchte, um sich einmal wie ein waschechter Hochlandbewohner zu fühlen (oder wie ein Idiot – es kommt nur darauf an, wo man das Kleidungsstück trägt), ist hier genau an der richtigen Adresse.

Man sagt, die Bewohner der Stadt, die Otavaleños, hätten dank konsumfreudiger Touristen ihr Geschäft so groß aufziehen können, dass nicht wenige von ihnen steinreich geworden seien. In der Tat sind es vor allem Touristen, die auf dem Markt kaufen, aber das Gros bilden dabei die Ecuadorianer und nicht die Ausländer. Die sieht man zwar häufig und auch hört man gar nicht so selten Deutsch (merkwürdigerweise immer mit unverkennbarem Schweizer Akzent), doch ist der Markt in der Regel so gut besucht, dass die paar Nicht-Ecuadorianer gar nicht ins Gewicht fallen.

Wir schlenderten noch ein wenig durch die Kunstgewerbegalerien. Es gibt viele schöne Dinge zu kaufen und man könnte wirklich ein Vermögen dalassen und würde es nicht bereuen, sofern man eines hat, das man verschwenden kann. Kein Wunder, dass die Stadt – anders als viele andere ecuadorianische Städte – so aufgeräumt, so sauber und so ordentlich wirkt. Die Bürgersteige sind in der gesamten Innenstadt mit bunten Kacheln ausgelegt; die Straßen sind so gut gepflastert wie in nur irgendeinem properen Städtchen Mitteleuropas; die Fassaden der Häuser sind in ordentlichem Zustand und selbst die alte Barockkirche an der Plaza mayor ist adrett renoviert und strahlt so schön und sauber, als wäre sie gerade erst hingebaut worden. In einem Land wie Ecuador und wahrscheinlich an den meisten Orten dieser Welt sind solche profanen Dinge keineswegs selbstverständlich, und umso mehr ist man erstaunt und freut sich, wenn man ihnen dann doch unvermutet begegnet. Durch den Markt und das Textilgeschäft wurde Otavalo wohlhabend, und das merkt man der Stadt auch an.

Nachdem die Händler ihre Zelte abgebaut hatten, fuhr die Müllabfuhr durch die nächtlichen Straßen und sammelte den Unrat des Tages ein. Von überall her konnte man das Lied der Müllautos hören, das wie ein Kinderlied aus einer antiken Spieluhr klang. Die Müllmänner arbeiteten im Akkord, um die Straßen in Rekordzeit blitzsauber zu räumen: Während die Laster unter klingendem Spiel langsam durch die nächtlichen Gassen rollten, turnten die Müllmänner wie Reitakrobaten um die Maschine, sammelten in einem schier wahnwitzigen Tempo den Müll vom Bordstein und schleuderten ihn in den Container. Nach zwei Stunden klingender Kinderlieder waren die Straßen so sauber als hätte der Markt mit Abertausenden von Besuchern nie stattgefunden.

Meine Frau, obgleich Ecuadorianerin von Geburt, ist in der Sierra eine Fremde geblieben. Die kulturellen Unterschiede und vor allem die Mentalitätsunterschiede zwischen Sierra und Costa sind so groß, dass man glauben könnte, es handelte sich um Bewohner verschiedener Länder, die dazu noch auf weit entfernten Kontinenten liegen. Sie meinte einmal, sie könne nicht verstehen, warum die Serranos in Deutschland immer jammerten, denn im Grunde seien sie nicht viel anders als die Deutschen oder zumindest entsprächen sie genau dem Klischee, das man den Deutschen immer gern anhängt: sie seien wortkarg, humorlos und arbeitsam. Es erübrigt sich zu erwähnen, dass die Costeños das genaue Gegenteil dessen verkörpern – so behauptet man zumindest. Die Serranos sagen ihren ungeliebten Vettern von der Küste nach, dass diese immer nur feiern wollten, vom Arbeiten hingegen hielten sie nicht allzu viel. Meine Frau ist selbstverständlich eine Ausnahme – falls an der Sache etwas dran sein sollte.

Wir suchten ein Hotel für die Nacht und meine Frau, die schon einmal vor ein paar Jahren in Otavalo übernachtet hatte, empfahl uns das „Indio Inn“. Das „Indio Inn“ ist eines der besten Hotels am Ort und wird von Otavaleños, also Einheimischen, geführt. Man muss wissen, dass „Indio“ eigentlich ein Schimpfwort ist. „Indio“ steht für Rückständigkeit, Unbildung, Unterdrückung und ist der Name, den die vermeintlich bessere Hälfte der Gesellschaft dem vermeintlichen Bodensatz gegeben hat. Niemand würde sich freiwillig als „Indio“ bezeichnen, wenn man jedoch auf die ethnischen Wurzeln anspielt, spricht man von „Indigenas“.

Als ich im Jahre 1992 Ecuador besuchte, wurde gerade der fünfhundertste Jahrestag der Entdeckung Amerikas durch Kolumbus gefeiert. Natürlich bot dieses Jubiläum nicht für alle Ecuadorianer Anlass zu grenzenloser Freude, besonders nicht für jene Teile der Bevölkerung, die aufgrund ihrer ethnischen Zugehörigkeit noch heute von der gesellschaftlichen Teilhabe ausgeschlossen sind. Ich erinnere mich, dass wir gerade mit dem Taxi unterwegs waren, als wir plötzlich in eine Demonstration gerieten. Die Teilnehmer des Aufmarsches prangerten nicht weniger als Völkermord und fünfhundert Jahre Unterdrückung an. Meine Frau fragte den Taxifahrer, was für eine Bewandtnis es mit dem Protestzug hätte, und der Fahrer antwortete, wie wohl die Mehrheit geantwortet haben würde: Er wisse nicht, was diese Indios eigentlich wollen.

Seit damals hat sich viel verändert, vor allem in der Mentalität der Leute. Noch vor Jahren wäre es undenkbar gewesen, dass sich Menschen stolz ihrer indigenen Abkunft rühmen – und dass sie ein Hotel betreiben. Als meine Frau zum ersten Mal im „Indio Inn“ übernachtete, war sie ganz begeistert, dass so etwas in Ecuador möglich ist. Die Bewegung der Indigenen hat in den letzten Jahren einen leidenschaftlichen Aufschwung genommen und jene seit so langer Zeit unterdrückten Menschen sind mit deutlich gestärktem Selbstbewusstsein aus dem Ringen um gesellschaftliche Anerkennung hervorgegangen. Man muss sagen, ihr Erfolg hat dem Land gut getan.

An dieser Erfolgsgeschichte hat sicher auch der Tourismus mitgestrickt: Wer nach Ecuador kommt, will etwas Landestypisches und Authentisches sehen und möchte zugleich den Kitzel des Exotischen spüren. Die Vielfalt der einheimischen Kulturen bedient dieses Bedürfnis und die Touristen sind auch gern bereit, dafür Geld auszugeben. So hat die einst verachtete Kultur der Indigenen eine Aufwertung erfahren, und es ist jetzt sogar möglich, dass ein Hotel einen Namen trägt, den man noch vor gar nicht langer Zeit allein dann auszusprechen pflegte, wenn man damit eine Herabwürdigung meinte.

Am Ende war unsere Begeisterung doch nicht groß genug, um uns davon zu überzeugen, die Nacht im „Indio Inn“ zu verbringen. Nach Otavalo zu kommen, war das Ergebnis eines spontanen Entschlusses, aber achtzig Dollar wollten wir dann doch nicht für ein bisschen Spontaneität opfern. Und schließlich waren wir nicht der schönen Hotels wegen gekommen. Otavalo ist gut auf den Ansturm der Touristen eingerichtet (der Markt zieht Tausende jedes Wochenende hierher). Die Stadt ist geradezu gespickt mit Hotels und ein Zimmer für die Nacht zu finden, ist deshalb kein großes Kunststück. Wir zogen nur eine Straße weiter und dort fanden wir unsere Bleibe. Das Zimmer, das uns der Nachtportier anbot, war sauber, die Betten bequem und es gab HBO – was will man mehr? Und das alles für nur dreißig Dollar!

Nachdem wir eingecheckt hatten, gingen wir noch einmal auf die Straße, um ein wenig durch die abendliche Stadt zu schlendern. Wie es der Zufall so will, trafen wir auf zwei Kolleginnen meiner Frau, die eine Ecuadorianerin, die mehr als die Hälfte ihres Lebens in Deutschland verbracht hat, die andere Schweizerin. Man kam sofort ins Plaudern und ehe man sich´s versah, hatte man sich schon zum fröhlichen Umtrunk verabredet. Ich kam mir ein bisschen vor wie das fünfte Rad am Wagen und verabschiedete mich unter einem Vorwand, zumal ich die einmalige Gelegenheit nutzen wollte, um bis in die Puppen fernzusehen.

Zuhause in Cumbayá haben wir kein Fernsehen und nach Monaten der Abstinenz giert man regelrecht nach der Glotze – selbst Werbung verschafft einem da schon ein Hochgefühl. Während meine Frau genüsslich Piña coladas mit den Kolleginnen schlürfte, machten mein Sohn und ich es uns im Bett bequem und zappten uns durch das nächtliche Fernsehprogramm. Nichts geht über einen Fernsehabend unter Jungs: Niemand beschwert sich über Gewaltorgien oder versucht einen mit didaktischer Raffinesse über die psychischen Folgen exzessiven Fernsehkonsums aufzuklären. Über die Mattscheibe flimmerten Mord und Totschlag und zu so einem spaßigen Happening fehlten eigentlich nur noch die opulente, fleischlastige Abendmahlzeit und natürlich das Bier.

Bis zum Mittag des nächsten Tages wollten wir zurück in Cumbayá sein. Meine Frau nutzte den Morgen, um dem Markt noch schnell einen Besuch abzustatten. Sie kaufte zwei schöne T-Shirts und war rechtzeitig zum Frühstück wieder zurück. Otavalo befindet sich in der Nähe der Laguna San Pablo, eines recht großen Sees hoch in den Anden. Schon auf der Fahrt nach Cotacachi hatten wir von der Autopista aus einen Blick auf die majestätische Wasserfläche erhaschen können. Nun wollten wir einen kurzen Abstecher zum Ufer machen, auch um herauszufinden, ob sich ein Wochenendaufenthalt am Wasser lohnen könnte.

Über eine einsame Landstraße gelangten wir zu einem Parkplatz vor einer Art Pier, auf dem ein Restaurant stand. Wir waren die einzigen Besucher. Der Pier sah so hinfällig aus, dass es nur eine Frage der Zeit zu sein schien, wann ihn die Wasser des Sees samt dem Restaurant verschlingen würden. Ein zweiter Pier, auf dem einmal ein Hotel oder auch ein Restaurant gestanden haben mochte, war bereits ins letzte Stadium des Verfalls übergegangen: Eine morsche Holzruine, von der sich gerade noch erahnen ließ, was sie einmal darstellte, hielt sich, wie es schien, mit verzweifelter Anstrengung eben so über dem Wasserspiegel. Ein scharfer Windstoß – die vermoderten Stützbalken würden nachgeben und der Pier fände sein nasses Grab im See.

Das Wasser des Sees war kristallklar; am Grund wogte Seegras. Die Sonne brannte als wäre sie der Erde noch nie so nahe gewesen. Der Morgen setzte das Bergpanorama in ein ätherisches Licht. Man hätte glauben können, dort irgendwo, jenseits des Sees, befinde sich das Tor nach Shangri La. Am liebsten wäre ich gleich in den See gesprungen und zu seinem Grund getaucht, doch die Laguna San Pablo befindet sich im Hochgebirge und das reine, klare Wasser sieht nicht nur so aus, als ob es sich aus den frostkalten Gletscherbächen der Berge speiste.

Wir stellten uns vor den See und machten Fotos. Als wir zum Parkplatz zurückkehrten, lagerten dort zwei Frauen in der Tracht der Indigenen. Ihre Gesichter waren von Falten zerfurcht, als hätten darin geologische Kräfte in Äonen ihre Spuren hinterlassen. Sie erschienen mir steinalt wie mythische Wahrsagerinnen. Man bettelte uns freundlich um etwas Geld an und ich gab ihnen alles, was ich an Kleingeld in den Taschen hatte. Vielleicht sagten sie mir dafür ein günstiges Schicksal voraus.

Auf der Rückfahrt nahmen wir den Umweg um den See. Die schön gepflasterte Landstraße, auf der es sich so bequem fahren ließ, wich bald einer abenteuerlichen Buckelpiste. Offenbar war in diese Gegend noch kein Straßenbautrupp vorgedrungen. Am jenseitigen Ufer des Sees zogen sich die Dörfer in langer Reihe hin. Eigentlich war es nur ein einziges Dorf, dessen Häuser sich an der Hauptstraße entlangreihten wie Perlen an einer Schnur. Zwischen Seeufer und Bergen gibt es nicht viel Platz und so ist die Umgehungsstraße oft die einzige Verkehrsader im Ort.

Ich bezweifle, dass je ein Tourist aus dem Ausland diese Gegend besucht. Rund um den See findet sich nicht die geringste Spur einer touristischen Infrastruktur, und alles was man über die sonstige Infrastruktur mit Sicherheit sagen kann, ist, dass sie nicht existiert. Wir haben gehört, dass es irgendwo ein schönes Restaurant geben soll, von dem aus man einen wundervollen Blick über den See hat. Manch einer behauptet sogar, man komme sich vor wie in Genf. Die Leute übertreiben gern. Leider haben wir das Lokal verpasst und wir fanden auch keine Muße, erst umständlich danach zu suchen. Vielleicht beim nächsten Mal.

Die Straße führte oberhalb des Sees in den Ausläufern der Berge entlang und von hier oben hatte man einen guten Blick auf das Seeufer und die Lagune: Der Berg senkte sich ziemlich steil bis zum See ab. Dort aber, wo er das Niveau des Wasserspiegels erreichte, ging er in einen breiten sattgrünen Ufersaum über, der aus der Ferne so wirkte wie eine angenähte Bordüre aus grünem Samt. Als wir so auf der engen, mit Schlaglöchern gespickten Straße durch die Dörfer zuckelten, entdecken wir plötzlich rechter Hand die Zufahrt zu einem Ferienressort. „Cabañas“, also kleine Bungalows, war auf einem Schild zu lesen. Wir hielten und unser Blick folgte der Zufahrtsstraße immer weiter bis zum Seeufer hinab und tatsächlich: auf dem moosgrünen Ufersaum, unmittelbar am Wasser, warteten niedliche Ferienbungalows auf die Gäste. Aus der Ferne sahen sie den Häuschen aus dem Monopoly-Spiel zum Verwechseln ähnlich. Ganz reizend, würde der Connoisseur sagen.

Es muss schön sein, mit einem guten Schoppen im Glas gemütlich auf der Terrasse zu sitzen, und dabei den Blick über den See schweifen zu lassen. Vielleicht kommt es einem ja wirklich ein bisschen so vor, als sei man in der Schweiz und vielleicht ist es Heimweh, das die vielen Schweizer in diese Gegend zieht. Wer weiß schon, was in den Köpfen der Schweizer vorgeht.

Angeln im Pazifik

Wir sind am Strand und versuchen zu angeln. Eine Angel haben wir nicht, aber eine Schnur mit einem Haken daran und einer Schraubenmutter als Gewicht tun es auch. Wir versuchen es mit einem Shrimp als Köder. Tags zuvor haben wir den örtlichen Markt besucht und ein Pfund davon gekauft. Bahía ist eine kleine Stadt, aber der Markt bietet alles, was man zum Leben braucht. Die Auswahl an Obst und Gemüse ist riesig; vieles sieht zwar nicht so makellos aus wie die Produkte im deutschen oder ecuadorianischen Supermarkt, aber dafür kann man sicher sein, dass die Ware wirklich von lokalen Erzeugern stammt.

Eine Abteilung ist für Fleisch reserviert: Man sieht riesige Brocken Fleisch von Fleischerhaken hängen. Auf den blanken Fliesen liegen die unterschiedlichen Cuts: Kotelettes, Filets, Rippchen. In einer weiteren Abteilung wird verkauft, was auch immer sich in den Netzen der heimischen Fischer verfangen hat. Wir bestaunen einen riesigen Block Fleisch, der offenbar aus der Flanke eines Thuns geschnitten wurde und ich bekomme augenblicklich Appetit auf Thunfischsteaks vom Grill. Es gibt eine reiche Auswahl an verschiedenen Arten Fisch und auch die unvermeidlichen Shrimps finden sich in großen Mengen. Freilich muss man sich erst an den Anblick gewöhnen: Die Händlertische in den Hallen bestehen aus massivem Beton und sind weiß gefliest – ein Anblick wie man ihn auch aus alten Fleischereigeschäften in Berlin kennt. Die fang- bzw. schlachtfrische Ware wird schnörkellos auf den Fliesen ausgelegt. Blut und Säfte sammeln sich in den Ritzen und tropfen auf den Boden, wo sich klebrige Pfützen bilden; eine Melange aus Blut, Fisch und Innereien liegt schwer in der Luft. Ein bisschen kommt man sich vor wie auf einer Zeitreise, denn genau so hat es vermutlich auch in den Markthallen Berlins gerochen, bevor die Idee populär wurde, dass Lebensmittel wie Reiniger riechen sollten.


Wir wollten auf dem Markt einige Camarones (Shrimps) kaufen, die wir als Köder verwenden könnten. Uns war es aber peinlich, nur vier oder fünf zu kaufen, also nahmen wir gleich ein Pfund, für das uns der Händler zwei Dollar abverlangte – nicht viel, dachten wir. Meine Frau meinte später, das sei aber teuer und der Verkäufer hätte uns eindeutig zu viel berechnet. Ich weiß, dass es eine weit verbreitete Praxis ist, Gringos immer mehr abzuknöpfen. Schließlich, so denkt man, haben diese Leute Geld und die paar Dollar extra tun ihnen gewiss nicht weh. Wenn wir mit dem Taxi fahren wollen, muss meine Frau vorgehen und den Preis aushandeln; wir, mein Sohn und ich, müssen uns derweil verstecken oder so tun, als gehörten wir nicht dazu. Als Gringos werden häufig alle Personen gezählt, die nur so aussehen, wie zum Beispiel ich, denn eigentlich gilt nur der US-Amerikaner als Gringo. Zwei Dollar sind gewiss nicht viel Geld für ein Pfund frischer Krabben und es tut mir nicht leid, sie so leicht ausgegeben zu haben. Jedoch habe ich ein schlechtes Gewissen, weil wir die Shrimp zum Fischen verwenden wollten, statt sie zu essen. Manch einer in der Stadt hätte sich bestimmt über ein Pfund Shrimps gefreut.

Wir fischen schon eine Stunde und haben nichts gefangen. Wir fangen an zu glauben, dass die Fische in der Bucht sich derart mit den Shrimps aus den Shrimp-Farmen vollgefressen haben, dass sie den Appetit auf unseren Köder verloren haben. Wir beschließen, an einem anderen Tag wiederzukommen und es mit einem anderen Köder zu versuchen. Vielleicht mögen sie Maiskörner oder Makrelenstücke – wir sind nicht sehr optimistisch. Als wir gerade enttäuscht unsere Sachen zusammenpacken, kommt ein alter Mann angeschlurft. Er trägt ein viel zu weites rotes Hemd, die Hosen sind auf Hochwasser gezogen, der Hosenbund sitzt unter den Achseln. Er kann kaum laufen und für ein paar Meter braucht er eine Ewigkeit. Ich denke erst, er sei einer jener unglücklichen armen alten Menschen, die weder Haus, noch eine Familie haben, die sie aufnehmen könnte und die daher gezwungen sind, auf der Straße zu leben. Dann aber bemerke ich, dass er nagelneue Adidas-Sneaker trägt. Plötzlich bleibt der alte Mann mitten auf dem Strand stehen. Es sieht fast so aus, als hätte ihn sein kleiner Spaziergang überanstrengt und er müsse eine Pause machen. Doch dann, wie aus heiterem Himmel, öffnet er den Hosenschlitz und uriniert, den Blick selig in den Himmel gewandt, in den Sand. Er hat es nicht eilig – ohne jede Hast schüttelt er ab, zieht sich die Hose zu und schlürft weiter, als sei nichts geschehen. Sind wir die einzigen, die daran Anstoß nehmen?

Auf der Suche nach Bequemlichkeit

An einem Sonnabend wollten wir uns nach Matratzen, Betten, einem Kühlschrank und einem Fernseher umsehen – kurz, nach allem, was das Leben komfortabel und lebenswert macht. Zunächst suchten wir nach einer Möglichkeit, preiswert drei Matratzen für uns zu kaufen, denn teuer bekommt man sie immer. Die Kunst besteht aber darin, die Sachen billig zu bekommen, oder zumindest billiger als anderswo. Und in der Kunst, etwas billiger zu kriegen als anderswo, darin ist der Ecuadorianer Meister. Ich muss erwähnen, dass meine Frau, obwohl sie schon sehr lange in Deutschland lebt, geborene Ecuadorianerin ist, und demzufolge in diese mir verschlossene Kunst vollständig eingeweiht ist.

Als wir los wollten, trafen wir unseren Nachbarn, der uns zwei Tage zuvor den Schlüssel zur Wohnung ausgehändigt hatte. Er gab uns ein paar Tipps, wo wir suchen sollten und wie wir schnell dorthin gelangen könnten, denn zwar ist meine Frau Ecuatorianerin, aber sie stammt nicht aus Quito. Ich hatte einen Rucksack mit einer Kamera dabei und der Nachbar riet, die Kamera in jener Gegend, die wir beabsichtigten zu besuchen, sicherheitshalber nicht hervorzuholen; auch sollte ich mir den Rucksack vor den Bauch hängen und vor allem immer gut festhalten. Ich war so verunsichert, dass ich mir schwor, mir seinen Rat zu Herzen zu nehmen.

Wir fuhren mit dem Bus. Ein Fahrt kostet nur 25 Cents, aber dafür kann man ein Abenteuer erleben. Nicht nur fährt man für nur einen Vierteldollar von einem Ende der Stadt bis zum anderen, unterwegs kann man auch erfahren, was sportliches Fahren eigentlich bedeutet. Wenn man einen Stehplatz hat, ist es ratsam, sich stets mit beiden Händen gut festzuhalten, sich breit hinzustellen und leicht in die Knie einzufedern. Die Kurven werden von den Fahrern, die den aggressiven Fahrstil bevorzugen, grundsätzlich mit Vollgas genommen, und wer sich nicht gut festhält, wird gegen die Scheibe geschleudert. Anders als in Berlin, fährt man immer noch mit der traditionellen Knüppelschaltung und die meisten Busfahrer geben nach dem Schalten so hart Gas, dass ihr Gefährt formlich einen Satz nach vorn macht. Wer sich nicht festhält, landet unweigerlich auf dem Hosenboden.

Das Ein- und Aussteigen an sich ist schon ein Abenteuer, denn die Busse stoppen an den Haltestellen immer nur kurz und der Fahrgast, der das Pech hat, als Letzter einzusteigen, ist nicht selten gezwungen, auf den fahrenden Bus aufzuspringen, um überhaupt noch mitzukommen. Damit es keine Verzögerungen an den Haltestellen gibt, öffnen die Fahrer oft schon vorher die Türen, während der Bus noch mit Höchstgeschwindigkeit fährt, was aber auch den Vorzug hat, dass es drinnen immer schön frisch ist.

Während der Fahrt füllte sich der Bus immer mehr. Ich stand eingekeilt zwischen Menschen mit indigenen Gesichtszügen und ich kann mit einiger Sicherheit sagen, dass ich der einzige Weiße in dem ganzen Bus war. Mein Sohn ist ja zumindest halber Ecuadorianer und wenn es darauf ankommt, zählt die eine Hälfte – nicht, dass ich mir darüber je ernsthaft Gedanken gemacht hätte oder dass es für mich überhaupt wichtig wäre. Wenn man aber plötzlich merkt, dass man weit entfernt von allem ist, was man als vertraut empfindet, wird einem klar, dass die Welt größer ist, als man glaubte, und dass das, was man für den Mittelpunkt hielt, in Wahrheit nur eine Provinz unter vielen ist. Ich bin mir sicher, in diese Gegend Quitos verirrt sich nie ein Tourist, denn das ist nicht das Quito, das der gewöhnliche Tourist zu sehen wünscht.

Als wir ausstiegen, herrschte überall geschäftiges Treiben. Es war Markt, Leute verkauften Obst, Gemüse, Gewürze und alles, was man sonst so zum Kochen braucht. Eine von Baldachinen überdachte Ladenzeile mit Dutzenden Marktständen zog sich den Berg hinauf. Straßengarküchen gaben Essen aus. Man sah knusprig frittierte Truthahnflügel und kross gebratenes Schweinefleisch mit Mais und Kartoffeln, große Kessel mit deftigen Eintöpfen. Ich wäre gern noch länger geblieben und hätte auch gern fotografiert, aber ich entsann mich der Warnung unseres Nachbarn und ließ es lieber. Man starrte mir auch so schon auf Schritt und Tritt hinterher. Aber es war kein böses Starren, eher ein neugieriges, verwundertes Mustern.

Wir besuchten einen Möbelmarkt. Um eine Halle herum hatte man weitere Marktstände aufgebaut und notdürftig mit Wellblech überdacht. Das war keine Ikea-Verkaufsaustellung, denn die Möbel waren oft meterhoch gestapelt und zwischen ihnen saßen die Besitzer auf Hockern oder auf den Stühlen, die sie selbst verkauften und taxierten die Kunden. Oft wusste man nicht, wo ein Laden aufhörte und wo der nächste anfing, denn noch der letzte Quadratzentimeter war mit Ware vollgestellt. Es war gerade Mittagszeit und die meisten Besitzer saßen eingekeilt zwischen ihren Waren und ließen sich ihre deftige Mahlzeit schmecken (ich sah Schweinefleisch mit Mais und Kartoffeln). Wenn wir vorbeigingen, hoben sie die Köpfe und sahen uns an, als wären wir eben einem Raumschiff entstiegen. Einen wie mich, hat man hier bestimmt noch nie gesehen.

Die Ausländer und Touristen tummeln sich zumeist im historischen Stadtkern und auf der Avenida Amazonas, in Gegenden, die von den Einheimischen halb belustigt, halb spöttisch „Gringolandia“ genannt werden. Meine Frau und mein Schwager gingen voraus, denn als „Gringos“ würden wir nur die Preise kaputtmachen. Mein Sohn ist zwar halber Latino, aber für einen Ecuadorianer ist er viel zu hell. Selbstverständlich konnte man von einem Gringo etwa für denselben Schrank mehr verlangen als von einem Einheimischen. Was macht es da schon für einen Unterschied, dass ich gar kein Gringo bin (Gringos werden für gewöhnlich nur die Nordamerikaner genannt). Aber das ist wohl historische Gerechtigkeit. Ich fand’s nur lustig, denn ich hätte mich kaum verstecken können – selbst, wenn ich es gewollt hätte – und so zu tun, als wäre ich ein Einheimischer, war aus naheliegenden Gründen ebenfalls ausgeschlossen. Genauso gut hätte ich mir gleich ein pinkfarbenes Eisbärkostüm anziehen können. Damit hätte ich auch nicht mehr Aufmerksamkeit auf mich gezogen, als ich ohnehin schon genoss.

Zwar kauften wir nichts, aber andere kauften und so wurden ständig Waren aus dem Markt herausgetragen. Das Schleppen übernahm ein Träger. Er war mindestens sechzig Jahre alt und nur halb so groß wie ich. Trotzdem lud er sich unglaubliche Lasten auf die Schultern. Ich sah mit eigenen Augen, wie er eine ganze Schrankwand schulterte, als wäre es nichts. Seine Last war mindestens doppelt so groß wie er selbst. Und dann, nachdem er sie sich aufgeladen hatte, preschte er mit kleinen Trippelschritten los, seine Last geschickt zwischen den Möbelbergen hindurchbalancierend; im Laufschritt fegte er durch die engen Gänge. Wenn ihm ein Kunde im Weg stand, forderte er ihn freundlich auf, beiseite zu treten. Ich halte mich nicht für einen Schlappschwanz, aber hätte ich auch nur für einen Tag tun müssen, womit dieser Mann sich wahrscheinlich schon sein ganzes Leben lang abplagt, wäre ich am Abend zusammengebrochen und mein Rücken wäre ruiniert.

Wir fuhren mit dem Bus zurück. Die Pfennigfuchser unter uns hatten haarscharf kalkuliert: Eine Busfahrt schlug mit 25 Cent pro Person zu Buche; wir waren vier, also zahlten wir einen Dollar. Eine Taxifahrt hätte zwei Dollar gekostet. Sparen kann so einfach sein! Beim Ausstieg wurde so gedrängelt, dass man Angst hatte, einem würden die Kleider vom Leib gerissen. Eine Frau hatte sich ihr Baby mit einem Tuch auf den Rücken gebunden, doch sie ging nicht weniger zielstrebig als die anderen daran, sich ihren Weg durch die Menge zu bahnen. Dann, als sie sich in einen Durchgang schob, stieß sich das Kleine den Kopf so heftig am Türrahmen, dass es „Boing“ machte. Doch das Baby schlief einfach friedlich weiter. Vom Bus ging es durch eine Schleuse, an welcher der Vierteldollar für die Fahrt zu entrichten war. Mein Sohn fand das spaßig und vergaß, das Geld in den Schlitz zu werfen. Ein Polizist wies ihn sogleich streng zurecht; reumütig ging er zurück und warf die Münze ein. Erziehung braucht manchmal eben doch Autorität.

Zu Mittag aßen wir in einem kleinen Restaurant mit Namen Café Ambassador: Lange schwere Holztische und Bänke, die Türrahmen mit Schnitzwerk versehen, die Decke von Holzbalken gestützt – man hatte den Eindruck, man befinde sich in einem bayerischen Traditionswirtshaus. Serviert werden einfache Gerichte. Ich hielt mich an das, was ich kenne und bestellte Churrasco. Das ist eine gegrillte Scheibe Rindfleisch, dazu zwei Spiegeleier, die darüberdrapiert werden. Reis und eingelegte Babykartoffeln dienen als Beilagen. Dazu trinkt man am besten ein Bier und ich bestellte mir gleich eins der Marke „Club“. In Ecuador gibt es zwei bekannte einheimische Biermarken. Die eine ist „Pilsener“, die andere „Club“. Beide schmecken sehr gut und brauchen den Vergleich mit europäischen Bieren nicht zu scheuen. Ich finde allerdings, das Pilsener hat ein wenig zu viel Kohlensäure und daher halte ich mich lieber an das Club.

Das Essen ist von wirklich sehr guter Qualität. Das Lokal selbst ist sehr sauber und sieht ordentlich aus; ich glaube nicht, dass man Angst haben muss, sich den Magen zu verderben. Man muss auch nicht lange auf sein Essen warten: Man bestellt am Tresen und bezahlt. Dann bekommt man eine Nummer ausgehändigt (ein kleiner Holzwürfel mit einer Zahl darauf), die man auf den Tisch stellt. Schon nach kurzer Zeit ist die Bedienung da und bringt das Essen. Es muss alles schnell gehen, denn die Leute, die hier essen, sind zumeist Angestellte aus den umliegenden Büros und Geschäften. Sie würden wohl kaum ihre kostbare Mittagspause damit verschwenden wollen, auf ihr Essen zu warten. Das Essen selbst ist sehr gut, und für solch ein exzellentes Essen zahlt man einen geradezu lächerlichen Preis. Das Almuerzo, also das Tagesgericht, kostet immer 3,50 Dollar. Dafür bekommt man Fleisch oder Fisch mit Soße, Kartoffeln oder Kartoffelbrei, Reis und Salat. Vorweg gibts noch eine Suppe und anschließend ein kleines Dessert, in diesem Fall ein Stück Bananenkuchen. Das Churrasco kostete übrigens 5,50 Dollar, aber auch das ist nicht viel für einen vollen Mittagsteller. Man ist pappesatt und gut schmeckt es auch. Touristen sieht man hier übrigens auch nicht.