Mal was Exotisches: Deutscher Kuchen

Meine Frau pries mich unter ihren Verwandten als den besten Bäcker. Sie hätte dies lieber nicht getan, denn zwar ist noch niemand an meinem Kuchen verreckt und ein gutes Weißbrot bekomme ich auch hin, mich aber als den besten Bäcker zu bezeichnen, ist doch gehörige Übertreibung. Noch ganz beschämt über so viel Ehre, entging mir, dass sie die Verwandtschaft sogleich zu einem Probebacken einlud, und die Leute waren natürlich erpicht darauf zu erfahren, wie man in Deutschland Kuchen bäckt. Alle freuten sich darauf und ich erst! Nicht, dass die hiesigen Hausfrauen mir Jahrzehnte an Erfahrung voraus hatten! Ich machte freundliche Miene und willigte schließlich ein. Jetzt war ich gefordert.

Selbst dann, wenn man schon Dutzende Male erfolgreich auf dasselbe Rezept zurückgegriffen hat, kann beim Backen immer etwas schiefgehen, zumal wenn man den Ofen und das Mehl nicht kennt. Und dies war nicht meine heimische Arena. Ich beschloss, etwas ganz Einfaches zu backen, einen Apfelkuchen mit einem simplen Rührteig. Schon beim Einkauf zeigte sich, dass es keine ganz einfache Aufgabe ist, das richtige Mehl zu finden, denn die meisten Mehle, die man im Supermark angeboten werden, sind zusätzlich mit Gluten gestärkt. Sie eignen sich zwar hervorragend zum Brotbacken, Kuchen werden aber schnell fest und bekommen eine gummiartige Konsistenz und niemand möchte Gummikuchen essen. Schließlich fanden wir dann eine Mehlsorte, die geeignet schien (es war auch zufällig die, welche die Hausfrauen für ihre Kuchen verwenden). Fehlten noch die Äpfel: Äpfel sind in Ecuador gewissermaßen etwas Exotisches. In Deutschland mag man Mango, Tomate de arbol oder Papaya als Exoten ansehen, in Ecuador ist es der Apfel. Bis vor ein paar Jahren gab es ausschließlich Importware aus Chile, die berühmten Manzanas chilenas. Mittlerweile findet man im Supermarkt aber auch Früchte aus einheimischer Produktion. Die Äpfel, die ich schließlich kaufte, waren relativ unansehnlich, aber anders als die Industrieäpfel aus Chile verströmten sie einen unverkennbaren Apfelduft – gesehen, gerochen, gekauft.

Besonders interessiert zeigte sich Ildara, die Frau des Onkels meiner Frau. Es war für sie eine Überraschung, dass ich Butter statt Margarine für den Teig verwendete. Ich finde, Butter schmeckt einfach besser und außerdem traue ich der Erfindung der Chemieindustrie nicht so ganz. Ich erwartete eigentlich nicht viel, denn ich kannte weder den Ofen, noch wusste ich, wie das Mehl reagieren würde. Deshalb war ich sehr gespannt, was am Ende herauskommen würde. Nach 45 Minuten holte ich den Kuchen aus dem Ofen – er sah spektakulär aus. Schnell noch mit passierter Marmelade bestreichen und etwas abkühlen lassen – da es zum Aprikotieren keine Aprikosenmarmelade gab, nahmen wir einfach Ananasmarmelade. Gespannt warteten wir, dass sich der Kuchen ein wenig abgekühlt hatte, um ihn zu probieren. Dann schien er endlich nicht mehr so heiß, dass man sich den Magen verdarb.

Was soll ich sagen – er schmeckte einfach phantastisch! Das hätte ich nicht erwartet. Die Äpfel waren pefekt: butterig weich und saftig, nicht zu süß, mit leichter Säure als Akzent. Der Teig war ein Traum, weich, locker und saftig mit unwiderstehlichem Butter-Vanille-Aroma. Ich war zufrieden und die anderen waren es auch. Der Kuchen erhielt viel Lob und war schneller aufgegessen, als man gucken konnte. Ein bisschen grummelte es in meinem Bauch, aber das war wohl zu erwarten, denn schließlich hätte niemand von uns genug Geduld aufgebracht, den Kuchen erst auskühlen zu lassen.