Bahía por siempre y para siempre

Der Tag, an dem wir von Bahía Abschied nehmen, ist grau und trüb. Meer und Himmel verschmelzen miteinander, so dass das Auge zwischen den Elementen kaum zu unterscheiden vermag. Fast scheint es, die Welt wäre in ihren ursprünglichen Zustand zurückversetzt, da Himmel und Meer noch nicht voneinander geschieden und alles noch Eins war. Der Ozean brandet donnernd gegen die Küste und es fällt mir nicht leicht, das Gefühl der Melancholie zu bezwingen, das mich beim Gedanken an den Abschied so schmerzlich überkommt. Es ist das letzte Mal, dass wir den Pazifik sehen. Ein blinder Himmel hängt gleichgültig über der Stadt, die so leer wirkt, als hätten die Menschen ihr für immer den Rücken gekehrt.

Wir verlassen Bahía in dem Gefühl, dass es keine Rückkehr geben wird. Gefühle können bekanntlich täuschen – und ich hoffe sogar, dass ich mich irre –, aber der Morgen, an dem wir aus der Stadt fortgehen, lässt uns zurück mit der quälenden Gewissheit eines endgültigen Abschieds, eines Abschieds ohne Wiederkehr.

Unser Entschluss steht fest und die Entscheidung ist bereits vor langer Zeit gefallen: Wir werden Ecuador verlassen. Unsere innige Verbundenheit mit der Stadt und ihren Menschen, mit der Familie und den Freunden vermag nichts daran zu ändern – sie macht uns den Abschied nur schwerer. Selbst der noch so starke Wunsch, die unbeschwerte Zeit möge niemals enden, kann nicht verhindern, dass wir am Ende des Tages in Guayaquil sein werden und nur wenige Wochen später in Berlin. Die Zeit vergeht und irgendwann ist auch dieses Stück Leben, von dem man glaubte, es würde ewig dauern, einfach bloß vorbei.

Unsere Zeit in Ecuador mag fast abgelaufen sein, doch unser Abenteuer muss erst noch seinen würdigen Abschluss finden. Das letzte Kapitel unserer Reise wartet darauf, geschrieben zu werden. So viel in diesem Land harrt noch der Entdeckung, so viel muss noch mit eigenen Augen geschaut werden, in so viel Erleben muss noch geschwelgt werden. Ein ganzes Leben reichte dafür kaum aus, geschweige denn dieses eine, viel zu kurze Jahr, das uns für Erkundungen zur Verfügung stand, und das sich nun unerbittlich seinem Ende neigt.

Bevor wir zurückkehren auf die andere Seite der Welt, wollen wir ein letztes großes Unternehmen wagen, das der donnernde Schlussakkord unserer Odyssee sein soll. Es wird die letzte Reise sein, die wir in Ecuador unternehmen. Manche der Wege, auf denen wir das Land durchqueren werden, sind uns bereits vertraut, andere werden wir erkunden.

Von Bahía aus folgen wir der Küste in südlicher Richtung und nach einem kurzen Zwischenstopp in Montecristi, wo wir der Ciudad Alfaro einen neuerlichen Besuch abstatten, führt uns der Weg ein weiteres Mal nach Guayaquil und 444 Stufen hinauf über die Stadt. Über die Pässe der Cordillere gelangen wir nach Cuenca, wo wir Orte besuchen, an denen wir noch nie zuvor gewesen sind, und kulinarischer Genüsse teilhaftig werden, die niemand hier vermutet hätte. Ingapirca wird eine vertraute Station auf unserem Weg sein, doch von hier an folgen wir der abenteuerlichen Route ins Unbekannte.

Riobamba liegt noch an der Panamericana. Von diesem verschlafenen Andenstädtchen nimmt auch der Weg seinen Ausgang, auf dem wir zum Chimborazo reisen, den höchsten Berg Ecuadors. Unser unwiderstehlicher Aufstieg wird uns bis in die eisigen Höhen der Tierra helada führen und weder die Elemente – Wind und frostige Temperaturen – noch unsere lachhaft dilettantische Ausrüstung werden den Gipfelsturm vereiteln. Ein übellauniger Parkranger wird uns stattdessen zur Umkehr anhalten.

Von den windigen Gletscherhöhen aus führt unser Weg geradewegs in den Urwald: Bei Ambato, das wieder an der Panamericana liegt, zu der wir zurückkehren, nachdem wir den Chimborazo um ein Haar bezwungen haben, vollführen wir einen Schwenk nach Osten ins Amazonas-Tiefland, vorbei am berühmten Baños. In Puyo umfängt uns zum ersten Mal der Regenwald in verschwenderischer Pracht und von hier aus geht es zu unserer nächsten Etappenstation nach Tena, das als das eigentliche Tor zum Oriente gilt. Durch dichten Wald führt die Reise weiter nach Norden und über Baeza finden wir schließlich glücklich zurück ins vertraute Cumbayá.

Wir sind viel gereist, wir haben viel gesehen und viele Orte in Ecuador besucht, aber mein Herz hängt an Bahía. Am liebsten hätte ich das ganze Jahr hier verbracht. Doch unsere Besuche konnten immer nur Stippvisiten bleiben, kaum länger als ein paar Tage, und dann kehrten wir schon wieder in den Alltag zurück.

Bahía ist eine Stadt, wie man keine zweite in Ecuador findet. Die ganz besondere Atmosphäre lässt sich nur schwer beschreiben und wer hier noch nie gewesen ist, kann nicht verstehen, worin die Faszination dieses Ortes liegt. Aber jemand, der in seinem Leben noch nie das Meer gesehen hat, vermag sich ja auch nicht vorzustellen, wie machtvoll der Ozean nach seiner Seele greift, bis er ihn dann mit eigenen Augen sieht. Bahía wird immer einen Platz in meinem Herzen haben. Bahía de Caráquez, du Schöne – wir werden dich vermissen.

Abschied vom Pazifik

Am Tag vor unserer Abreise aus Bahía fahren wir nach Manta an den Strand. Santa Marianita liegt nur wenige Kilometer westlich der großen Stadt und doch hat man den Eindruck, man sei einen halben Kontinent und einen Ozean von der nächsten größeren Ansiedlung entfernt. Der Strand ist mit dem Auto gut erreichbar, denn die nagelneue Küstenstraße – ein Teilstück von Ecuadors Küstenautobahn, der Ruta del Spondylus – verbindet Manta auf dem kürzesten Weg mit all den anderen wundervollen Orten, die sich jenseits der Stadt wie Perlen an einer Kette aufreihen.

Kurz vor Manta kommen wir durch einen Wald von Ceibos, jenen gewaltigen Bäumen, deren bauchig ausladende Stämme an Wasserschläuche erinnern. Der Baum speichert darin das kostbare Nass, das er braucht, um die langen Trockenzeiten zu überstehen. Die Gegend erinnert in der Tat an eine Wüste und außer den Ceibos und etwas Gestrüpp, das sich verzweifelt an die staubtrockene Krume krallt, sieht man so gut wie kein Leben. (Es kann allerdings vorkommen, dass man in dieser gottverlassenen Gegend echten Aliens begegnet, Reisenden von fremden Welten, die auf diesem lebensfeindlichen Planeten gestrandet sind mit nichts weiter bewaffnet als einer teuren Spiegelreflexkamera mit Teleobjektiv.)

Bei Manta empfängt uns der pazifische Ozean wie eine Offenbarung. Sonnenglanz liegt blendend hell auf dem Wasser. Die See wiegt sich im Glitzern von Abermillionen von Diamanten. Im Hafen von Manta schaukelt ein Wald von Masten sanft in den Wellen. Ich habe Lust, an Bord zu gehen. Die Magie dieses ruhigen sonnigen Ozeans lockt mich an die entferntesten Gestade. Der Parkplatz vor dem Murcielago-Beach, dem Vorzeigestrand der Stadt, ist nicht übermäßig gefüllt – seit dem Beben hat Manta, wie viele Städte an der Küste, empfindliche Einbußen im Tourismusgeschäft hinnehmen müssen.

Es hat den Anschein, in Santa Marianita würde der Strand nur auf uns warten. Man sieht eine Handvoll Badender, aber sie verlieren sich in der schier grenzenlosen Ausdehnung der Küste. Die bunten Segel der Kite-Drachen hängen am ätherisch blauen Himmel. Sie wiegen sich im Wind wie Blumen an dünnen Blütenstängeln. Immer hat man den Eindruck, man sei allein. Das Geräusch des Windes und der Klang der Wellen verschlucken die Stimmen der anderen Besucher. Doch es besteht auch keine Notwendigkeit, enger zusammenzurücken, denn der Strand scheint an diesem Tag ohnehin viel zu groß zu sein für so wenig Gäste.

Später, ermattet von Sonne und Meer wie die Quallen in den Gezeitentümpeln, versuchen wir irgendwo etwas zu essen. Die Bars in unserem Rücken sind geschlossen wie auch fast alle Restaurants. Wir müssen weit laufen, um überhaupt ein Lokal zu finden, das geöffnet hat, und dann ist das Essen ziemlich gewöhnlich, aber dafür kommen uns die Preise reichlich übertrieben vor. Vielleicht empfindet es das halbe Dutzend Gäste, das trübsinnig an den Tischen hockt, ganz genauso: Missmutig stochern die Leute in den lieblos zubereiteten Fisch- und Krabbengerichten herum. Nicht wenige erwecken ganz den Anschein, als bedauerten sie, etwas bestellt zu haben. Wir kaufen nur Wasser und eisgekühlte Fanta und begnügen uns darüber hinaus mit Keksen und Schokolade aus unserem Notvorrat.

Der Hund hetzt derweil am Strand umher, als hätte man ihn mit starken Aufputschmitteln vollgepumpt. Mit hängender Zunge jagt er am Wasser entlang. Zu versuchen, ihn wieder einzufangen, wäre aber zwecklos, denn obwohl er so klein ist, kann er rennen wie ein geölter Blitz. Irgendwann hat er genug und dann kommt er von allein zurück, glücklich hechelnd, wie mir scheinen will. Ins Wasser wagt er sich zwar nicht, aber dafür gräbt er mit großer Hingabe Löcher in den Sand. Vielleicht hat ja jemand seine Lieblingssnacks am Strand verbuddelt. So ein verrücktes Hundi!

Wir bleiben, bis die Sonne nur noch zwei Hände breit über dem Meereshorizont hängt. Wir hätten die Abendstimmung gern noch ein wenig länger genossen, aber wir müssen zurück nach Bahía. Nächtliche Fahrten auf den größtenteils unbeleuchteten Straßen sind nicht immer ein Vergnügen und ganz ungefährlich sind sie auch nicht. Wir möchten nicht in Verlegenheit geraten, Manta, die große, quirlige Hafenstadt, nach Einbruch der Dunkelheit durchqueren zu müssen, zumal sich das Korps der freiwilligen „Helfer“, das die Stadt nächstens nach hilfsbedürftigen Fremden durchstreift, seit der Erdbebenkatastrophe beträchtlich vergrößert hat.

Das herabsinkende Tagesgestirn breitet seinen Strahlenfächer über das Meer und wo das Licht den Ozean berührt, verwandelt dieser sich in geschmolzenes Silber. Unter einer dünnen erkalteten Kruste scheinen die Wolken von innen heraus zu glühen. Schiffe ziehen über den Horizont, schwimmen durch die trüben Lichtbalken, als versuchten sie, den Tag mit ihren Netzen einzufangen. Wir spüren eine große Wehmut, denn es ist der letzte Abend, den wir in Bahía verbringen sollten, und es ist unser letzter Besuch am Strand. Schon bald werden wir vom Pazifik Abschied nehmen. Es wird ein Abschied für immer sein.

Vor der Flut

Auf der Rückfahrt von Canoa führt uns der Weg am „Pelícano“ vorbei. Wir waren schon öfter zu Gast in diesem kleinen Restaurant, das seinen Gästen eine gute Auswahl lokaler Spezialitäten offeriert. Serviert wird Comida manabita, also Essen, wie es für die Küstenprovinz Manabí typisch ist. Ganz hervorragend ist der Ceviche de camarón (mit Shrimps). Ceviche ist eine Erfindung der lateinamerikanischen Küche. Das Besondere daran ist, dass die Meeresfrüchte (es gibt auch Ceviche de pescado, d.h. mit Fisch, oder Ceviche de concha, d.i. mit Muschelfleisch) nicht gekocht, sondern in Zitronensaft gegart werden. Die Zubereitungsart variiert freilich von Region zu Region, aber die Ceviches im „Pelícano“ sind mit das Beste, was man essen kann – zumindest, wenn man meiner Frau glaubt, einer ausgewiesenen Kennerin und Liebhaberin dieses Gerichts. Ich selbst mache mir leider nicht viel aus Meeresfrüchten.

Ich hatte geglaubt, es sei die Großmutter, die kocht, aber an diesem Tag bedienen uns die Enkel und von ihnen erfahren wir, dass es der Großvater ist, der in der Küche wirkt. Es scheint, je öfter man fragt, desto mehr Versionen der derselben Geschichte bekommt man zu hören, aber es ist natürlich nicht auszuschließen, dass auch die Oma hin und wieder am Herd steht. Als der Chef dann höchstpersönlich an den Tisch kommt, um sich nach dem Wohl seiner (einzigen) Gäste zu erkundigen, fragt ihn meine Frau ein wenig aus.

Wir erfahren, dass er früher bei einer der berühmten Familien Bahías als Koch angestellt war. In ihren Diensten lernte er, selbst die einfachsten Gerichte zu wahren Gaumenfreuden zu veredeln. Meine Frau kennt die Leute sogar und wie über alle prominenten Familien gäbe es auch über diese jede Menge Geschichten zu erzählen. In einer kleinen Stadt wie Bahía lassen sich Geheimnisse nur schwer verbergen, zumal die Leute nichts lange für sich behalten können.

Berühmte und vor allem vermögende Familien beschäftigen nicht selten ein ganzes Heer von Angestellten. Wer diese Art der Abhängigkeit nicht aus eigener Anschauung kennt, fühlt sich auf eine unangenehme Weise berührt, wenn er ihr als etwas begegnet, das so allgemein verbreitet und vor allem so alltäglich ist, dass niemand daran Anstoß nimmt. Solche Klientelverhältnisse wecken Erinnerungen an längst vergangene Zeiten, aber hierzulande ist das Wort „Padrón“, womit natürlich ganz wörtlich der Patron gemeint ist, noch keineswegs aus der Alltagssprache verschwunden. Eine Anstellung bei einem vermögenden Brotherrn – manchmal auf Lebenszeit – ist oft die einzige Möglichkeit, überhaupt Geld zu verdienen in Gegenden, in der es sonst keine Arbeit gibt.

Die beiden Enkelkinder, die an diesem Tag das Essen servieren, mögen zehn oder elf Jahre alt sein. Sie nehmen ihre Aufgabe mit großem Ernst wahr und stellen eine sehr „erwachsene“ Würde zur Schau. Streng genommen ist das natürlich Kinderarbeit, aber obwohl auch hierzulande die Kinderarbeit verboten ist, nimmt man es mit dem Gesetz nicht immer allzu genau. Außerdem scheinen die beiden Jungs ganz erpicht darauf zu sein, dem Großvater zu helfen, und da wir an diesem Tag die einzigen sind, die sich hierher verirrt haben, kann man auch nicht wirklich von Arbeit sprechen.

Später gibt meine Frau jedem von ihnen einen Dollar Trinkgeld. Die Kinder freuen sich darüber wie die Könige und zeigen sich gegenseitig ihre Dollars als wären es Trophäen. Sie schwelgen im Vorgefühl des Glücks, das sich einstellt, als sie sich wortreich ausmalen, was sie damit wohl alles kaufen könnten. Manchmal kostet das Glück nicht viel.

Nach dem Essen fahren wir zum Strand. Wir passieren den Verkaufsstand des Kokosmannes, der zwischen Kühltruhe und Tresen entspannt in seiner Hängematte liegt, und setzten mit Schwung über ein Sandfeld, das schon andere vor uns aufgewühlt haben. Der Wagen, den wir zur Zeit fahren, hat kleinere und schmalere Reifen als unser alter Kia und außerdem ist er erbarmungswürdig schwach motorisiert. Würde man das Auto mit einem Pferd vergleichen, wäre es eine klapperdürre Schindmähre, die zudem noch lahmt. Wir machen uns Sorgen, wir könnten steckenbleiben. Doch mit aufheulendem Motor schaffen wir es bis auf die Strandebene. Dort hat die letzte Flut den Sand zu einer betonharten Piste zusammengebacken.

Wir fahren einen halben Kilometer die Küste hinauf. Das Verhängnis nimmt seinen Lauf, als wir unseren Jungs gestatten, das Steuer zu übernehmen. Das Auto, ein Mietwagen, verfügt über eine recht wackelige Knüppelschaltung, und wer in seinem Leben noch nie mit einer Schaltung gefahren ist, lässt den Motor erst einmal ein Dutzend Mal absaufen, bevor es ihm gelingt, auch nur eine Strecke von hundert Metern zurückzulegen.

Der Strand ist an diesem Tag leer und wir fühlen uns so allein wie an der Küste eines unentdeckten Kontinents. Wir sind gekommen, um den Sonnenuntergang zu sehen – den letzten, den wir in Bahía erleben sollten. Für gewöhnlich versammelt sich bei Ebbe eine Autokarawane auf der flachen Halbinsel. Die Leute verabschieden den Tag mit einem fröhlichen Familienfest – man grillt, trinkt, lacht und hat Spaß.

An diesem Abend liegt der Himmel düster und schwer über einem bleigrauen Ozean. Es ist etwas kühler als an anderen Tagen, aber man genießt die Frische, die wenigstens für den Augenblick die Gluthitze vergessen macht. Eine stramme Brise weht warme, feuchte Seeluft in unsere Gesichter. Sie ist erfüllt von den Gerüchen des Meeres, von Salz und Tang und Wehmut. Ich sauge die Aromen tief in mich ein, damit sie meine Erinnerungen durchtränken wie ein Schwamm, denn ich weiß nicht, ob ich den Pazifik je wiedersehen werde.

Irgendwann setzen wir über ein Sandfeld, das so glatt wirkt wie der übrige Strand, und wahrscheinlich wäre auch gar nichts passiert, wenn der Wagen nicht gestoppt hätte. Bisher ist alles gut gegangen, doch dann stottert der Motor unter der unsachgemäßen Handhabung des Fahreleven. Der Wagen bäumt sich ein paarmal auf und mit einem Ruck bleibt er stehen. Wir lassen den Motor wieder an, aber die Räder stecken bereits fest und beim Versuch anzufahren, graben sie sich noch tiefer ein. Behutsam versuche ich zurückzusetzen, doch der Motor heult nur auf und das Auto schaukelt wie ein Irrer, der in eine Zwangsjacke gefesselt ist.

Die Vorderräder stecken im feuchten Sand als wären sie darin einbetoniert. Da nützen auch alle Fahrkünste nichts – wir müssen den Wagen ausgraben und hoffen, dass wir irgendwie wieder freikommen. Während also die eine Hälfte der Fahrgäste die Räder freischaufelt, sucht die andere stabile Äste und Bretter. Der Strand ist übersät mit Treibgut und so haben wir im Nu genug beisammen. Wir graben hastig und mit bloßen Händen, wie Piraten, die einen Schatz vor der anrückenden Royal Navy verstecken. Aber zur Eile besteht eigentlich kein Grund, denn die Flut würde erst in einigen Stunden einlaufen. Und dann glauben wir, dass unsere Anstrengungen weit genug gediehen sind. Voller Ungeduld wollen wir den Start versuchen.

Der Wagen ruckt kurz an, aber er schafft es nicht aus der Kuhle. Stattdessen graben sich die Reifen mitsamt Stöcken und Brettern noch tiefer in den feuchten Sand. Jetzt hat sich sogar die Karosse wie der Schild einer Planierraupe in die Erde geschoben. Ich habe das Gefühl, wir werden noch eine ganze Weile festsitzen. Langsam senkt sich die Dunkelheit herab und außer uns ist niemand am Strand. Die Küste scheint sich endlos in die Ferne zu erstrecken. Irgendwo in der Nähe des Horizonts verliert sie sich im Dunst des Meeres. Zwar sind wir in den nächsten Stunden noch sicher vor der Flut, doch mir will der weiße Streifen aus Sand schon jetzt viel schmaler erscheinen.

Wir überlegen, ob meine Frau ihren Onkel anrufen soll, damit er uns mit seinem Pickup aus dem Sand herauszieht. Mit schwindendem Tageslicht verlöschen Strand und Meer allmählich zu einer dunklen Schwarz-weiß-Fotografie. Die Farben schwinden und dort, wo das sinkende Tagesgestirn das Firmament allabendlich mit Rottönen tränkt, sieht man nichts als eine graue Wolkenfläche, die den Himmel bedeckt wie eine leere Leinwand. Wir wollten den Sonnenuntergang sehen, doch der Tag verdämmert als würde eine Kerzenflamme ersticken.

Durch das Halbdunkel kommt ein Motorrad. Erst als der Fahrer schon fast bei uns ist, erkennen wir, dass es sich um einen Polizisten handelt. Mir rutscht das Herz in die Hose, denn ich rechne damit, dass er uns mindestens einen strengen Verweis erteilt, weil wir es gewagt haben, seinen Strand mit dem Auto zu befahren. Er hält, steigt von der Maschine wie der Sheriff vom Pferd und nimmt das Malheur neugierig und auch ein wenig amüsiert zur Kenntnis. Unsere Beschämung ist vollständig, als er uns auch noch fragt, worin das Problem bestehe. Wir sind erleichtert, dass er uns nicht rügt – offenbar ist die Vergnügungsfahrt über den Strand keine Ordnungswidrigkeit.

Er steht lässig im Sand und beobachtete uns geraume Zeit dabei, wie wir aufgeregt wie die Hühner um das Auto laufen und uns den Kopf darüber zerbrechen, was zu tun sei. Er rät, wir sollten den Wagen ausgraben. Wir wagen nicht, ihn darauf aufmerksam zu machen, dass wir genau das schon probiert hätten. Die Motorrad-Polizisten in Ecuador sehen etwa so aus wie der T-1000 im „Terminator“ und zu widersprechen würde wahrscheinlich nur dazu führen, dass man „terminiert“ wird. Während wir graben, spaziert er lässig über den Strand. Irgendwann – er hat es nicht eilig – kommt er mit einem langen, stabilen Brett zurück. Ich frage mich, wie wir es übersehen konnten. Mit bloßen Händen schaufeln wir uns ein Stück näher an den Erdmittelpunkt heran, und als unsere Ausschachtungsarbeiten weit genug gediehen sind, platzieren wir die Rampen.

Einer fährt und alle anderen müssen schieben – selbst unser Polizist hilft mit, freilich so, wie der Kapitän seiner Crew dabei helfen würde, das Rettungsboot zu Wasser zu lassen. Der Motor heult auf, die Kupplung greift und rückwärts zieht die Maschine den Wagen so leicht aus dem Loch, als hätte er sich nie eingegraben. Ich schiebe direkt vor einem der Vorderräder. Das Rad dreht plötzlich durch und eine Fontäne aus Sand und Schlamm sprudelt mir ins Gesicht. Der Wagen ist frei, aber ich sehe nun aus wie einer der Typen, die sich bei Urwald-Trophies werbewirksam als „echte Kerle“ profilieren. Vielleicht sind Schlamm und Dreck die Wegmarken zum Männerruhm – ich nehme es als Auszeichnung. Ausgerechnet an diesem Tag trage ich ein weißes T-Shirt. Selbst nach dreimaligem Waschen sind die Dreckflecken noch sichtbar.

Unser Polizist entlässt uns mit einer lässigen Geste – geht doch! Wir danken ihm für die Hilfe. Er zieht von dannen in der sicheren Gewissheit, wieder einmal ein paar einfältigen Fremden aus der Patsche geholfen zu haben. Ohne Eile steigt er auf seine Maschine und Augenblicke später ist er auch schon verschwunden. Wir sind nun allein am Strand. Die Sonne ist längst untergegangen. Himmel und Ozean verschmelzen als graue Schemen mit der Dunkelheit. Noch immer lässt die Flut auf sich warten. Erst in einigen Stunden würde das Meer den Strand wieder in Besitz nehmen. Doch wir haben keine Veranlassung, länger zu verweilen. Wir fahren zurück nach Bahía.

Pazifische Träume in Stein

Von Bahía aus benötigt man auf der glänzend ausgebauten Küstenstraße mit dem Auto keine halbe Stunde bis Canoa. Kurz hinter San Vicente legen wir einen Zwischenstopp ein, um eine eisgekühlte Kokosnuss (Coco helado) zu genießen. Wenn es richtig heiß ist – und das ist es hier an fast jedem Tag –, löscht das isotonische Kokoswasser (Agua de coco) den Durst einfach am besten. Da in so einer unreifen grünen Nuss ziemlich viel des milchigen Getränks enthalten ist, kann man anschließend auch wieder ordentlich schwitzen, wenn man nicht gerade das Glück hat, im frostig-kühlen Innern eines vollklimatisierten Wagens Platz nehmen zu dürfen. Doch das Auto, das wir zu diesem Zeitpunkt fahren, ist nicht nur äußerst schwachbrüstig motorisiert – an mancher Steigung hätte Schieben wirklich geholfen –, sondern verfügt nicht einmal über eine Klimaanlage. In einem tropischen Land ist das eigentlich schon ein Verbrechen.

Der Kokosverkäufer hat seinen Verkaufsstand an der Küstenstraße direkt hinter einem Berg eingerichtet. Eine Ausfahrt führt zum Strand und wenn man wollte, könnte man mit dem Wagen ins Meer rollen. Wer sich traut, kann bei Ebbe mit dem Auto der Küste nach Norden bis Briceño folgen. So eine Strand-Rallye ist ein großer Spaß, aber die Fahrt ist nicht ganz ungefährlich – wir sollten dies schon bald selbst herausfinden. Der Kokosmann sitzt direkt neben der Ausfahrt, auf der man nach nicht einmal fünfzig Metern den Strand erreicht, und jeder, der vom Meer kommt oder dorthin will, löscht seinen Durst mit einem Coco helado. Lage ist eben alles, soll sich so ein Geschäft lohnen.

Der Berg, an dessen Fuß die eisgekühlten Kokosnüsse auf durstige Kehlen warten, verfügt übrigens über eine eigene Zufahrt. Auf der gegenüberliegenden Seite, nach San Vicente hin, führt ein gepflasterter Weg unter einem romantischen Blättergewölbe hindurch. Stauden von Beerenfrüchten leuchten einladend aus dem Blattwerk. Die Straße, die gerade breit genug ist, dass ein einzelnes Auto sie befahren kann, schlängelt sich halb um die Flanke des Berges und mündet dann abrupt auf einem Parkplatz.

Der Berg selbst, der sich nur eine kurze Strecke von San Vicente entfernt befindet, erhebt sich unvermittelt aus der Strandebene. Er ist nahezu kegelförmig und er steht über dem Meer als solitäres geologisches Monument, fast wie ein Leuchtturm, der auf einem Landvorsprung Wache hält. Auf dem Konus wächst der Wald struppig wie ein grüner Pelz, doch wenn man sich von Norden nähert, sieht man an der steilen Flanke, hoch über dem Meer, eine Wohnanlage. Die Nobelimmobilie klammert sich an den Fels wie die Festung des Alten vom Berge. Eine kleine Kuppel am Eingang blendet den Besucher mit einer Art ägäischem Zauber.

Wir haben uns schon immer gefragt, wer sich in diesem Schloss à la Philipp K. Dick hoch über dem Meer eingerichtet haben mag, und obwohl wir den Ort mehrere Male besuchten, trafen wir nie jemanden an, den wir mit Fragen belästigen konnten. Wir stellen den Wagen auf dem Parkplatz ab. Wir sind die einzigen Besucher, zumindest ist unser Auto das einzige Gefährt auf dem großen Parkplatz und daher drängt sich die Vermutung auf, dass derzeit niemand die Anlage bewohnt. Einige der Parkplätze werden von neckischen Zelten überdacht, einer Art Tunnelgewölbe aus Zeltplane mit Wimpeln daran, wie man sie vor Luxushotels und edlen Sterne-Restaurants findet.

Wir betreten die Anlage, bei der es sich genau genommen um Privatbesitz handelt, mit der Unverfrorenheit von reichen Kaufinteressenten. Von der Balustrade aus eröffnet sich dem Besucher ein atemberaubendes Panorama: Der Blick schweift bis zum Horizont, wo Himmel und Ozean in einer dünnen Linie ineinanderfließen. Im Schein der Nachmittagssonne vermählen sich Land und Meer zu einer unendlichen Ebene. Die Küste ragt als flacher Sporn in die See und eine milde Brise legt einen Saum aus Wellen darum. Es ist Ebbe, der Strand ist so flach und breit wie die Krempe eines Sombreros. Obwohl der Himmel etwas trübe ist, reicht der Blick bis Briceño und sogar bis Canoa.

Wir sind laut und benehmen uns mit der Ungezwungenheit von Leuten, die daran gewöhnt sind, mit einem Bündel Geldscheinen in der Tasche durch die Welt reisen, um reflexartig alles zu kaufen, was ihr Entzücken hervorruft. In einer Ecke liegt einsam ein Basketball und mein Sohn dribbelt aus Langeweile über die Terrasse. Das Geräusch macht dann doch jemanden auf uns aufmerksam: Der Junge ist etwa sechzehn Jahre alt und sein Vater sei, wie er uns später erzählt, der Verwalter der Anlage. Während der Abwesenheit der Eigentümer kümmere er sich darum, dass alles in gutem Zustand bliebe. Im Augenblick ist der Vater aber auch nicht da und so fragen wir den Sohn ein wenig aus.

Der Junge gibt sich ganz fachmännisch. Unter der Oberfläche seiner Abgeklärtheit spüre ich aber, wie aufgeregt er ist. Er ist stolz darauf, dass wir ihn für kompetent halten, unsere Fragen zu beantworten, denn immerhin treten wir als reiche Immobilienkäufer auf (wenn wir erklärt hätten, wir wollten uns bloß umsehen, hätte man uns sicher aufgefordert, die Anlage unverzüglich zu verlassen). Wir erfahren auf unsere Nachfrage, dass die Wohnungen vornehmlich Leuten aus Quito gehörten. Die Eigentümer lebten aber nicht darin, sondern sie nutzten sie entweder als Ferienwohnungen oder sie vermieteten sie an Touristen. Was für eine Verschwendung – man könnte sich jahrelang sozusagen frei Haus die Sonnenuntergänge am Pazifik ansehen und dennoch würde man nie genug daran haben.

Eine der Wohnungen sieht ziemlich heruntergekommen aus. Das Haus stünde seit zwanzig Jahren leer, erfahren wird. Durch den Beton der Terrasse ziehen sich Risse und die salzige Meeresluft hat die Farbe abgebeizt. Infolge der Erschütterungen durch das Erdbeben seien einige Häuser nicht mehr sicher und sie müssten deshalb abgerissen werden. Ich empfinde ein wenig Bedauern für die Besitzer, denn die Lage der Wohnungen auf ihrem Adlerhorst in der Höhe des Berges ist so unglaublich schön, dass man selbst in einem an Naturschönheit reichen Land wie Ecuador lange suchen müsste, um einen zweiten Ort wie diesen zu finden.

Im grünen Innern der Landzunge, die sich in die See bohrt wie die Schnauze eines Delphins, sieht man die Dächer zweier Anwesen aus der dichten Vegetation wachsen. Eines davon sei, wie man uns sagt, einmal ein Hotel gewesen, doch es hätte den Betrieb eingestellt. Es liegt nun als traurige Ruine im wuchernden Gestrüpp, ein Tummelplatz für Eidechsen, Spinnen und Geckos. Das andere liegt näher zum Meer hin und es erweckt ganz den Eindruck, als wäre es erst vor kurzer Zeit verlassen worden. Vielleicht hatte es einmal einer Familie als Heim gedient.

Aber auch dieses Anwesen ist verlassen, und wer auch immer einst darin gelebt haben mag – das Haus ist nun sich selbst überlassen und seinem Schicksal, das darin besteht, allmählich mit der Natur der Halbinsel zu verschmelzen. Ich kann mir vorstellen, die einstigen Bewohner fanden sehr schnell heraus, dass es kein ungeteiltes Vergnügen ist, an diesem einsamen Ort zu leben. Man zieht nur Ungemach, Ärger und letztlich Gefahren auf sich, wenn man hier in Ecuador sein Glück in der Abgeschiedenheit der Natur sucht. Ich muss gestehen, gäbe es eine vollkommene Version dieses Landes, hätte es mich gereizt, an diesem Ort zu leben – nur schade, dass sich die Welt weder um Träume, noch um Vollkommenheit schert.

Seit dem Erdbeben scheint der Küstenstreifen verlassen. Nicht nur einmal drängt sich uns der Eindruck auf, viele hätten der Region für immer den Rücken gekehrt und die, die geblieben sind, wären noch hier, weil sie keinen anderen Ort hätten, zu dem sie Zuflucht nehmen könnten. Manch einer will aber gar nicht weg und wenn man hier geboren ist und sein ganzes Leben am Meer verbracht hat, ist die Aussicht, etwa in eine so bedrückende Stadt wie Quito zu ziehen, keine Perspektive, die man freudigen Herzens annehmen würde.

Noch einmal Canoa

An einem Nachmittag fahren wir nach Canoa. Ein letztes Mal wollen wir eintauchen in die Unbeschwertheit, in die Leichtigkeit der Strandkommune. Wir wollen den fröhlichen Ort besuchen, den ein partywütiges Völkchen dazu auserkoren hat, tagein, tagaus auf das Vergnüglichste seine Vermählung mit dem Meer zu feiern.

Das einstige Fischerdorf hat sich über die Jahre zu einem Hotspot für alle entwickelt, die neben präkolumbianischer Kunst und Architektur, kolonialer Pracht und hinreißenden wilden Landschaften auch das Vergnügen nicht zu kurz kommen lassen wollen. In Canoa gibt es Surf- und Yogaschulen, man kann mit dem Motordrachen über den Strand gleiten oder auf dem Rücken eines Pferdes darübergaloppieren. Dutzende von Restaurants in unterschiedlichen Preisklassen und ebenso viele Pensionen und Hotels offerieren dem Besucher ihre unverzichtbaren Dienste. Zwar ist der Ort weit von den gefürchteten Exzessen so manches berühmt-berüchtigten Ferienortes entfernt, doch kann der vergnügungswillige Reisende auch hier feiern, als gäbe es kein Morgen.

Kristallisationspunkt für die Entwicklung vom verschlafenen Dorf an der Pazifikküste hin zur gefragten Urlauber-Destination ist das „Bambú“. Beim „Bambú“ handelt es sich um eine Hotelanlage mit angeschlossenem Restaurant. Wie der Name schon verrät, sind alle Gebäude, einschließlich des Restaurants, aus Bambus, dem haltbaren Naturbaustoff, gefertigt. Der Besitzer und Initiator ist ein Holländer, der sich Anfang der achtziger Jahre in den Ort verliebte. Als er damals sein Hotel zu bauen begann, gab es nur Strand und Fischerhütten.

Bambusarchitektur war damals etwas ganz Neues und auch heute noch ist sie in Ecuador weit davon entfernt, alltäglich zu sein. Über die Jahre hat das Projekt an Fahrt aufgenommen und immer mehr Menschen entdeckten Canoa als einen Ort, an dem Träume noch wirklich wahr werden können. Südlich des „Bambú“ und direkt in seiner Nachbarschaft entstanden bald weitere Hotels, Pensionen, Restaurants und Bars, zu denen sich binnen Kurzem Strand-Boutiquen, Surf- und Yogaschulen gesellten. Doch das „Bambú“ blieb einzigartig und das Original zieht heute wie damals Scharen von Gästen aus Nah und Fern an.

Wann immer wir in Bahía Urlaub machen, unternehmen wir einen Abstecher nach Canoa. Allein das Essen im „Bambú“ würde die Fahrt schon lohnen, doch das eigentliche und unübertroffene Glanzstück sind die herrlichen Strände – man wird schwerlich einen schöneren Platz auf diesem Planeten finden. Es hätte sich nicht „richtig“ angefühlt, wenn wir Bahía Lebewohl gesagt hätten, ohne wenigstens ein letztes Mal die Strandkommune besucht zu haben.

Die Atmosphäre ist einfach unbeschreiblich und man fühlt sich augenblicklich in eine Welt versetzt, in der die Gesetze der Schwerkraft nicht mehr zu gelten scheinen. Dies mag aber vor allem an den vielen Joints liegen, mit denen sich hier – will man den Gerüchen glauben – jeder nur immerzu einen Trip in stratosphärische Höhen zu verschaffen sucht. Doch nicht immer braucht es Stimulanzien, um in Stimmung zu kommen: Wenn ich Sonne, Meer und Strand habe, möchte ich vor Glück geradezu bersten. An einem Nachmittag packten wir also die Sachen für den Strand und machten uns auf nach Canoa, das pazifische Eldorado für Erholungssuchende und Spaßsüchtige.

Frischer Wind am Río Guayas

Unser Hotel befindet sich in der Nähe der Avenida Quito. Das ist eine Straße, über die der Autoverkehr auf acht Spuren dahinfließt, und zwar auf acht Spuren in jede Richtung! Am Morgen sind die Straßen noch leer, doch ab Mittag kann man erleben, dass selbst sechzehn Spuren nicht ausreichen, den Verkehr der Stadt aufzunehmen. Man fragt sich verwundert, wie viele Autos nötig sind, damit all die Fahrspuren von einer einzigen kompakten Blechwalze verstopft werden können.

Man möchte dies für Wahnsinn halten, aber irgendwie scheint es symptomatisch für eine Stadt, die in allem das Extrem sucht. In Guayaquil fühlt man sich immer ein wenig an New York erinnert. Die Straßen sind nach dem gleichen regelmäßigen Muster wie in Manhattan angelegt und die quirlige Atmosphäre spiegelt wie in der Metropole am Hudson River den allgegenwärtigen Wunsch nach Veränderung wider.

Ich habe Guayaquil immer als einen heißen, brodelnden Moloch empfunden, nicht als eine Stadt, in der man gern leben möchte. Doch jetzt, da ich diesen Ort neuerlich besuche, fühle ich mich auf eigenartige Weise hingezogen zu der Stadt am Río Guayas. Ich fühle Sympathie für diesen außergewöhnlichen Ort, und ich weiß, dass ich die Stadt mag, und zwar gegen meinen Willen und wahrscheinlich auch gegen meine bessere Einsicht.

Guayaquil ist so ganz anders als das beschauliche Quito mit seinem architektonischen Erbe aus der Kolonialära und seinem steifen konservativen Vermächtnis. Eingezwängt zwischen Bergen, lässt die Hauptstadt die weite Perspektive des Geistes vermissen. Neue Ideen müssen sich langsam ihren Weg durch die Berge suchen und sie gelangen nur allmählich zu den Menschen, die lieber am Althergebrachten festhalten, als dass sie es zuließen, ihren Alltag durch neue Einsichten erschüttern zu lassen. Quito ist stockkonservativ und es hat ein schier unüberwindliches Beharrungsvermögen – so mancher Reformer und so mancher Revolutionär hat sich an der Stadt schon die Zähne ausgebissen.

Guayaquil ist eine Hafenstadt und wie bei allen großen Städten am Meer fühlt man den frischen Wind neuer Ideen und weltumstürzender Ansichten durch die Gassen wehen. Die Meeresbrise macht den Kopf frei und befruchtet das Denken. Denn der Ozean hat einen weiteren Horizont als die Berge und der Samen, der von jenseits des Meeres in die Stadt getragen wird, findet einen günstigeren Nährboden, um zu keimen und zu sprießen. Guayaquil war immer das Zentrum (und nicht Quito), von dem aus neue Ideen ihren Weg in die Köpfe der Menschen fanden. Durch die Jahrhunderte war die Stadt ein Hort des Aufruhrs und der Revolution und ein wenig von diesem rebellischen Geist hat sich durch die Zeit gerettet. Ich bin gern in Guayaquil und ich bedauere, dass ich die Stadt so lange Zeit unterschätzt habe, denn Guayaquil ist ein großartiger Ort für Ideen.

Comida manabita

Das „Pelícano“ ist ein einfaches Strandrestaurant mit einer großartigen Küche. Es befindet sich nur einen Katzensprung außerhalb von San Vicente. Wir kehren um die Mittagszeit ein, aber das Lokal ist leer wie eine Cocktailbar am Morgen. Wir glauben schon, man habe geschlossen, als plötzlich die junge Bedienung auftaucht und etwas schüchtern die Bestellung entgegennimmt. Meine Frau, die Salat solchen stärkehaltigen Magenfüllern wie Kochbanane vorzieht, äußert ihren Sonderwunsch und die junge Frau vom Restaurant meint, sie werde fragen, ob ihre Großmutter es einrichten könne. Das Lokal ist also in Familienhand – wir nehmen es als ein gutes Zeichen.

Während wir auf das Essen warten, haben wir Zeit, uns ein wenig umzusehen. Durch das Souterrain unter dem Gastraum gelangt man zu einem Ausgang auf der Strandseite. Nachdem wir Berge von Treibgut überstiegen haben, vertreten wir uns die Beine am Wasser. Zwar kommen wir gerade vom Strand und die Sonne hat uns ordentlich zugesetzt, aber als geborene Landratten und als Bewohner eines kalten Landes kann man nie genug davon kriegen. Vom Restaurant aus blickt man auf das weite Mündungsdelta des Río Chone und am anderen Ufer sieht man Bahía geisterhaft im Dunst des Meeres liegen. Es scheint fast, die Stadt schwimme auf dem Wasser. Schneller als wir es erwartet hatten, ist das Essen fertig, und der Junge aus dem Restaurant ruft uns zurück.

Serviert wird Comida manabita, also Essen, wie es für die Küstenprovinz Manabí typisch ist: Unsere gute Freundin, die mit uns reist, hatte sich Corvina al ajillo bestellt, meine Frau nimmt einen Ceviche de camarón und mich erwartet die Corvina a la plancha. Ceviche ist eine lateinamerikanische Erfindung. Wenn man ganz streng sein will, darf man das Fleisch der Meeresfrüchte nur in Zitronensaft ziehen lassen, denn das ist das Besondere am Ceviche: Die Meeresfrüchte werden nicht gekocht, sondern ausschließlich in Zitronensaft „gegart“. Ich glaube aber, in der Gegend um Bahía ist es üblich, die Camarones, die Shrimps, vorher zu kochen. Dagegen ist im Prinzip nichts einzuwenden und nur haarspalterische Puristen würden darüber die Nase rümpfen. Serviert werden die Krustentiere in einer würzigen Tomatensoße mit Chilis, rohen Zwiebeln und gehacktem Korianderkraut. Dazu gibt es Patacones. Das sind frittierte Kochbananenscheiben, die man anschließend zusammendrückt, so dass sie aussehen wie zerquetschte Doughnuts.

Die Corvina ist ein wohlschmeckender Speisefisch, der an der gesamten Pazifikküste Südamerikas vorkommt. Im Pons Online-Wörterbuch wird Corvina wahlweise mit Adlerfisch, Seebarsch oder Meerbarbe übersetzt; der Langenscheidt weist sie schlicht als Adlerfisch aus. Die Gattungsbezeichnung lautet Cilus gilberti, aber das wird den hungrigen Restaurantbesucher in der Regel wohl kaum interessieren, es sei denn, er hätte eine „ichthyophile“ Marotte oder wäre ein Hobby-Fischkundler. Das Fleisch ist weiß und fest und man findet nur wenige oder gar keine Gräten darin. Der Geschmack erinnert mich ein wenig an Seelachs.

Eigentlich esse ich nie frischen Fisch. Nur wenn ich in Ecuador bin, mache ich eine Ausnahme, und hier auch nur dann, wenn ich mich an der Küste aufhalte. Ich meine, wenn man den Ozean nicht sehen, hören und riechen kann, schmeckt der Fisch nur halb so gut. In Berlin begnüge ich mich eigentlich immer mit Thunfisch aus der Büchse. Ich hätte natürlich nichts gegen ein dickes Thunfischsteak vom Grill, aber für den Gegenwert könnte man wahrscheinlich bei Aldi einen ganzen Einkaufswagen füllen. Wie man ihn hier an der Küste zubereitet, ist der Fisch wirklich lecker, und eigentlich kann man nichts falsch machen, wenn man ihn in irgendeinem der Restaurants Manabís frisch bestellt.

Das Essen im „Pelícano“ hat uns so gut geschmeckt, dass wir gleich am nächsten Tag noch einmal wiederkommen. Wir sind ein wenig verwundert darüber, dass ein gutes Restaurant wie dieses mit solch einem vorzüglichen Essen so schlecht besucht ist. An den Preisen kann es jedenfalls nicht liegen, denn für ein Essen bezahlt man gerade einmal fünf Dollar. Verglichen mit dem Preisniveau in Cumbayá, ist das wirklich lächerlich, aber hier bekommt man ein Schlemmermahl zum Spottpreis.

Ich glaube, die Leute aus der Sierra fahren deshalb so gern an die Costa, weil sie sich dort endlich einmal preiswert mit gutem Essen vollstopfen können. Man kann es ihnen nicht verdenken, denn die Küche der Sierra kann bei weitem nicht die Vielfalt an Zutaten und Aromen aufbieten, wie sie für die Speisen der Küste typisch sind. Die Cocina manabita gilt nicht ohne Grund als die beste Küche des Landes. Im Essen macht sich eben der Einfluss des Meeres bemerkbar und all die Händler, Siedler, Seefahrer und Reisenden aus fernen Weltgegenden, die über Jahrhunderte mit ihren Schiffen die ecuadorianische Küste ansteuerten, haben nicht nur ihre Spuren im Lande und in den Gesichtszügen der Menschen hinterlassen, sie haben letztlich auch die Kochkunst bereichert.

Strand-Rallye

Das Leben in Bahía besteht natürlich nicht nur aus Sonne, Strand und Frohsinn. Meine Frau hat sich schon seit längerer Zeit mit dem Wunsch getragen, den Friedhof zu besuchen, und eines Morgens fahre ich sie mit dem Auto dorthin und begleite sie. Es ist zwar erst früher Vormittag, aber es ist heiß wie in einer Sauna und nachdem ich das klimatisierte Innere des Wagens verlassen habe, bin ich augenblicklich in Schweiß gebadet. Angezogen von dem verführerischen Schweißgeruch, stürzen sich Schwärme von Mosquitos sogleich angriffslustig auf jede freie Hautstelle.

Wir finden den Platz mit den Gräbern der Großeltern meiner Frau nicht sofort und irren wie zwei Touristen, die sich verlaufen haben, auf dem labyrinthischen Gottesacker umher – für die Mücken Zeit genug, erst einmal in aller Ruhe ein gehaltvolles Frühstück zu tanken. Meine Frau legt Blumen nieder und nach einer kurzen Andacht geht es schon wieder zurück. Länger hätte man es ohnehin nicht ausgehalten, wegen der Hitze und wegen der stechlustigen Plage. Als wir zum Auto zurückkehren, ist meine Haut von Schwellungen übersät und sieht aus wie eine Hügellandschaft; die Stiche wachsen sich zu eitrigen Beulen aus und jucken noch Tage später so höllisch, dass ich an die Decke gehen könnte.

Gegen Mittag fahren wir zu einer Landzunge nördlich von San Vicente. Ein breiter Sandstreifen ragt dort wie ein Dorn dreihundert Meter in die glitzernde Weite des Ozeans hinein. Bei Ebbe ist der Strand breit wie ein Fußballplatz und flach wie ein Teller. An einer Stelle gibt es eine Zufahrt und man kann mit dem Auto bis auf den Strand fahren und diesem sogar noch entlang der Küste folgen, wenn man will. In Deutschland wäre das natürlich strengstens verboten, aus vielerlei Gründen, nicht zuletzt, weil der Amtsschimmel schlicht an Langeweile eingehen würde, wenn er nicht alle Naselang Verbote aufstellen und deren Einhaltung überwachen könnte. Wie man weiß, sind Bußgelder ein substantieller Bestandteil des kommunalen Budgets.

Aber wir sind hier in Ecuador und die Polizei kümmert sich hierzulande lieber darum, mehr schlecht als recht den Verkehr zu regeln, oder man sieht sie irgendwo einfach nur gravitätisch und gleichermaßen nutzlos herumzustehen. Dabei gäbe es mehr als genug zu tun: Die Gesetzeshüter könnten zum Beispiel versuchen, die vielen Wohnungseinbrüche aufzuklären; sie könnten die Leute davon abhalten, den Müll einfach aus dem Fenster ihres Autos zu werfen. Die illegale Müllentsorgung ist so weit verbreitet, dass man sie fast schon als gute alte Landessitte ansehen muss. Manches Teilstück der neuen Autopistas ist links und rechts des Asphalts bereits flächendeckend zugemüllt. An einigen Aussichtspunkten, die man nach US-Vorbild an landschaftlich besonders reizvollen Stellen angelegt hat, empfangen den Reisenden stinkende Halden aus Haus- und Sperrmüll. Man könnte fast den Eindruck gewinnen, die Ecuadorianer mögen ihr Land nicht sonderlich.

Da es allgemein üblich ist, mit dem Auto zum Strand zu fahren, müssen auch wir kein schlechtes Gewissen haben, zumal der Wagen fast neu ist und die Ölwanne dichthält. Wir sind an diesem Tag nicht die einzigen motorisierten Strandbesucher, denn mit uns kurvt ein halbes Dutzend weiterer Wagen fröhlich durch den Sand. Wir hatten lediglich beabsichtigt, ein paar hundert Meter den Strand hinauf zur Landspitze zu ziehen, aber als wir dort angekommen sind, sehen wir manchen der Strandbesucher weiter nach Norden fahren. Der Strand schlängelt sich flach und glatt wie eine Autobahn an der Küste entlang. Bei Ebbe gelangt man mit dem Wagen bis nach Briceño, einen kleinen Badeort kurz vor Canoa. Erst hinter Briceño wird der Strand dann immer schmaler und Felsen versperren den Weg gleich den Mauern eines Festungsgürtels.

Im Innern der Landzunge hatte die Flut einen riesigen Gezeitentümpel zurückgelassen. Das flache, spiegelglatte Gewässer hat die Ausmaße eines Sees; man könnte darauf sogar segeln oder Wasserski fahren. Am Ufer hat sich eine Fischerfamilie unter einem schattenspendenden Baldachin niedergelassen. Der Fischer wirft träge das Netz aus. Die Kinder spielen im flachen Wasser oder rennen quietschend und schreiend am Ufer entlang – halbnackte Wilde in ihrem Paradies. Später, nachdem die Hitze und das Toben sie ermattet haben, ruhen sie wie Könige unter ihrem roten Baldachin.

Es ist heiß wie in einem Backofen und die Sonne brennt aus einem schmerzhaft gleißenden Himmel erbarmungslos auf den Strand hernieder. Man hat den Eindruck, Nadeln würden sich einem in den Schädel bohren, so grell gleißt der Strand im hellen Sonnenlicht. Der Sand streut die Helligkeit in alle Richtungen, so dass das Auge nirgendwo Linderung findet. Ich war klug genug, mir eine Cap mitzubringen, denn ohne Schutz hätte mein Hirn zu kochen angefangen wie ein Blumenkohl im Schnellkochtopf. Nur selten streicht an diesem Tag eine kühlende Brise über den Strand und wenn sich doch einmal ein Lüftchen hierher verirrt, fühlt es sich glühend heiß an wie die Winde über der Atacama.

Mit dem Auto folgen wir dem Strand nach Norden. Es tut gut, den Schweiß für einen Augenblick im kühlen Luftstrahl der Klimaanlage trocknen zu lassen. Die Piste ist fast hundert Meter breit und die letzte Flut hat den Sand zu einer betonharten Schicht verfestigt. Besucher gibt es nicht und der Wagen rollt leicht dahin über den Strand, der so ausgedehnt erscheint wie das Rollfeld eines Flughafens. Die Autos vor uns sind längst im Dunst irgendwo weiter die Küste hinauf verschwunden und hinter uns ist ebenfalls niemand zu sehen. Der Strand wirkt verwaist wie am Tage nach der Schöpfung.

Ich lasse meinen Sohn das Steuer übernehmen – was soll schon passieren, schließlich hat der Wagen Automatik und Gefahr, dass jemand überfahren wird, besteht auch nicht. Cool wie ein professioneller Rallye-Pilot nimmt er im Fahrersitz Platz und dann treibt er den Wagen mit Sechzig über die sich scheinbar endlos hinziehende Sandpiste. Ich muss ihn immer wieder zügeln, aber die fast unendliche Weite des Strandes verlangsamt die Bewegung und man könnte noch viel schneller fahren und würde dennoch den Eindruck haben, man krieche langsam dahin wie eine Schnecke.

Wir fahren bis nach Briceño. Rauschende Palmenhaine und grüne Hügel ziehen an uns vorbei, Strandhäuser und Berge von Treibgut, die der Ozean mit der letzten Flut ans Land geworfen hat. Kurz vor der Stadt treffen wir auf eine Gruppe von etwa zwei Dutzend Einheimischen, die damit beschäftigt sind, etwas im Sand zu suchen. Die Szene wirkt so archaisch, dass ich mich für einen kurzen Augenblick in eine ferne prähistorische Zeit zurückversetzt glaube. Die Leute knien auf dem Strand und zerreiben den feuchten Sand zwischen den Fingern. Wenn ihre akribische Suche etwas zutage gebracht hat, stecken sie es in ein winziges Eimerchen, das jeder von ihnen bei sich hat. Man kann nicht erkennen, was sie sammeln, denn es ist zu klein.

Wir halten und meine Frau fragt ein Mädchen von etwa zehn Jahren, was sie denn da im Sand suchten. Das Mädchen bringt ein paar kaum verständliche Sätze hervor und spricht, als hätte es überhaupt keine Ahnung, was es da eigentlich tue (unser Sohn wundert sich und fragt uns leise, ob das arme Ding nicht ganz richtig im Kopf sei). Trotz mehrfachen geduldigen Nachfragens ist aus ihm nicht herauszubringen, was es ist, wonach man so angestrengt sucht. Ein paar der Erwachsenen gucken schon, als wären wir Sittenstrolche auf der Suche nach einem schnellen Abenteuer. Meine Frau stellt die Befragung frustriert ein und wir drehen bei. Wahrscheinlich hatte man dem Kind eingeschärft, niemandem zu verraten, was man da tue. Ich vermute, die Leute waren auf der Suche nach Muschelstücken und Korallen, aus denen man Schmuck herstellen kann. Vielleicht hat man in dieser Gegend ein Monopol, das man eifersüchtig zu hüten bestrebt ist, und da kann man natürlich niemandem trauen, selbst wenn es sich augenscheinlich nur um harmlose Touristen wie uns handelt.

Mein Sohn fährt uns auch wieder sicher zurück zur Landspitze und stolz überlässt er mir schließlich das Steuer – so einfach kann Autofahren sein! Am Ausgang des Strandes, nur wenige Schritte vom spiegelnden Asphalt der Straße entfernt, hat ein Kokosverkäufer seinen Stand aufgebaut. Wie ein mächtiger Kazike liegt er in seiner Hängematte und wartet darauf, dass ihm die Straße die durstige Kundschaft direkt in die Arme treibt. Auf dem Schild an seinem Verkaufsstand soll man lesen „Se vende coco helado“ (eisgekühlte Kokosnuss zu verkaufen), geschrieben steht aber „Seven de coco hela do“. Völlig perplex, sinne ich geraume Zeit darüber nach, welche mystische Bedeutung die Zahl Sieben wohl im Zusammenhang mit Kokosnüssen haben könnte, bis mir plötzlich aufgeht, dass es sich keinesfalls um ein pythagoräisches Zahlenrätsel handelt, sondern bloß um eine simple Anzeige. Wir kaufen ein paar Cocos, denn bei dieser Hitze gibt es nichts Besseres, als den Durst mit kaltem Agua de coco (Kokoswasser) zu stillen.

Ein paar Meter entfernt sitzt ein Junge am Straßenrand. Er wartet augenscheinlich auf den Bus, der entweder jeden Augenblick wie eine Fata Morgana aus der flimmernden Hitze auftaucht oder niemals kommt. Wir fragen, ob wir ihn mitnehmen können. Er nimmt unser Angebot an und wir fahren ihn zurück nach San Vicente, wo, wie er sagt, sein Onkel auf ihn warte. Meine Frau versucht ein wenig Konversation zu treiben, aber die ungewöhnliche Tatsache, dass ihn jemand Wildfremdes mit dem Auto mitgenommen hat, und der Umstand, dass das Auto auch noch vollgestopft ist mit neugierigen Gringos, scheinen ihn über alle Maßen zu beeindrucken. Er bringt kaum ein Wort heraus. Wir setzen ihn in San Vicente ab und fahren weiter zum „Pelícano“, denn so ein Strandausflug macht unglaublich hungrig.

Heroen und andere Unsterbliche

Die Tage in Bahía sind eine unbeschwerte Zeit, die bei Sonne, Strand und Meer nur allzu schnell verrinnt. Der Rhythmus der Stadt ist ansteckend und fünf Tage sind schnell vergangen, wenn man nichts weiter zu tun hat, als den natürlichen Bedürfnissen zu gehorchen. Es gibt keine Pflichten, denen man zu genügen hätte, keine lästigen Obliegenheiten, mit denen einen der Alltag nur allzu oft quält, und am Strand zu liegen, Muße zu pflegen und hin und wieder das gute einheimische Essen zu genießen, sind schon die einzigen Forderungen, denen man sich zu fügen hat.

Man könnte so das ganze Leben zubringen und es wäre in nur einem Augenblick vorbei. Selbst die Ewigkeit wirkt kürzer angesichts des Gleichmaßes, das der stete Takt von Tag und Nacht der Welt als unerschütterliches Gesetz auferlegt. In Bahía richtet sich das Versmaß des Lebens nach dem Rhythmus der Natur und das Metrum der Zeit schlägt immer mit derselben unveränderlichen Geschwindigkeit. Nie geschieht etwas, das ihren Lauf beschleunigt und Uhren, die einen daran gemahnen, immer hübsch im Takt zu bleiben, sind daher ganz unnötig. Das Leben ist ein einziges unerschütterliches Kontinuum. Es ist friedlich und ruhig – kein Wunder, dass es so viele Expats in die Stadt zieht: Einen größeren Kontrast zu den Großstädten der USA oder Europas könnte man sich wahrlich nicht denken.

Einmal fahren wir nach Rocafuerte, um Süßigkeiten einzukaufen. Wir schaufeln die Dulces gleich tütenweise ins Auto, aber die Leckereien sind auch schnell aufgegessen. Ich bin geradezu abhängig von dem Naschwerk mit Maní (Erdnussbutter) und ich kann mich schon ein paar Tage später nicht mehr zurückhalten und esse gleich zwei große Behälter an nur einem einzigen Abend leer.

Ganz in der Nähe liegt Montecristi, ein kleiner Ort, der für seine Flechtarbeiten aus Toquilla bekannt ist. Toquilla ist ein Gras, das ausschließlich an der ecuadorianischen Pazifikküste vorkommt. Schon in präkolumbianischer Zeit fand es Verwendung und Händler brachten Erzeugnisse daraus bis nach Mexiko. Berühmtheit erlangte Montecristi durch den Panama-Hut, denn auch wenn die Kopfbedeckung nach dem Land in Mittelamerika benannt ist, stammen die Hüte doch aus der ecuadorianischen Küstenregion, besonders aus Montecristi und dessen näherer Umgebung.

Montecristi wird ebenfalls als der Geburtsort Eloy Alfaros gerühmt. Eloy Alfaro war zweimal Präsident Ecuadors (bis 1911) und gilt als der Wegbereiter der liberalen Revolution. Unter seiner Ägide wurde die Trennung von Kirche und Staat vollzogen. Darüber hinaus initiierte er den Bau einer Eisenbahn, die zum ersten Mal Costa und Sierra direkt verbinden sollte. Das Projekt galt seinerzeit als undurchführbar, doch im Jahre 1908 wurde das letzte Teilstück der Route Guayaquil-Quito fertiggestellt. Vor dem Bau der Eisenbahnstrecke dauerte eine Reise Wochen. Für die Bergregionen bestimmte Handelsgüter mussten auf Eseln transportiert werden und der Weg führte über steinige Pfade bis hinauf in eisige Höhen.

Mit der Eisenbahn schaffte man dieselbe Strecke, für die man vorher Wochen benötigt hatte, in nur zwei Tagen. Damit wurden Costa und Sierra zum ersten Mal auch wirtschaftlich eng miteinander verbunden (Heute braucht man mit dem Auto etwa acht Stunden.). Als sich der General später zum dritten Mal zum Präsidentenamt zu putschen versuchte, verlor er seine Unterstützer, wurde festgenommen, in Quito ins Gefängnis gesperrt und dort von einer wütenden Menge gelyncht. Seine Leiche wurde in einem der großen Parks der Stadt verbrannt.

Heute gilt Eloy Alfaro als eine Art Nationalheiliger und er wird als der mächtigste Bannerträger des Fortschritts in der ecuadorianischen Geschichte verehrt. Die derzeitige Regierung, die sich als Wahrerin jener Werte versteht, für die der General einst unter Einsatz seines Lebens kämpfte, beruft sich explizit auf dessen Vorreiterrolle in der liberalen Bewegung. Die Regierung Correa versteht sich als Alleinerbin der liberalen Revolution und sieht sich zugleich als kämpferische Verwalterin ihres Vermächtnisses. Sie wird nicht müde, diesen Anspruch propagandistisch akzentuiert unters Volk zu bringen, um noch dem Letzten im Lande klarzumachen, dass die liberale Revolution im Sinne Eloy Alfaros mit dieser Regierung ihre Fortsetzung und letztlich ihre Vollendung gefunden hat. Amtsinhaber Rafael Correa ist übrigens ein entfernter Verwandter des berühmten Generals.

Oberhalb von Montecristi, dem Geburtsort Eloy Alfaros, hat man eine nationale Weihestätte zum Andenken an den großen Präsidenten errichtet. In der Ciudad Alfaro, der „Alfaro-Stadt“, gibt es eine Gedenkstätte, die einem Mausoleum nicht unähnlich sieht. Darüber hinaus kann man noch ein Museum besuchen, das zur Geschichte und Kultur Ecuadors informiert sowie Stationen aus dem Leben Eloy Alfaros zeigt; auf dem Gelände findet sich ein Besucherzentrum, Tagungssäle für Parlamentssitzungen oder internationale Konferenzen und ein Areal mit kleinen Läden, in denen der Besucher schöne landestypische Handwerksarbeiten kaufen kann. Der große Parkplatz vor dem Eingang ist auf Massenandrang ausgerichtet.

Im Zentrum der Ciudad Alfaro erhebt sich ein massiver Kuppelbau. Darin befindet sich eine pompöse Monumentalplastik, die Eloy Alfaro als kettensprengenden Heroen zeigt (der Mann war in Wirklichkeit selbst für seine Zeit außergewöhnlich klein). Auf dem Postament ruhen in einem im Kontrast zur Statue sehr schlichten Ossuarium die sterblichen Überreste des Präsidenten. Man kann sich nur schwer des Eindrucks erwehren, dies sei weniger ein Gedenkmonument für einen Staatsmann als vielmehr der Reliquienschrein für einen Heiligen.

Wenn man den Bau betritt, führt der Weg zunächst durch einen langen Gang, der unheimlich wie das Innere einer Mysteriengrotte erleuchtet ist. Das flache Gewölbe, das sich über die Köpfe der Besucher spannt, erzeugt eine Atmosphäre des Mystischen und Geheimnisvollen. In die Wände sind Vitrinen eingelassen und Tafeln mit berühmten Zitaten aus Briefen und Reden des Präsidenten stimmen den Besucher auf den Geist des Ortes ein. Fast scheint es, man gehe durch eine dunkle Krypta, und wenn man dann das Ende des Weges erreicht hat, tritt man urplötzlich ins helle Licht unter der Kuppel. Gleich einem heidnischen Idol erhebt sich dort die mächtige Heroenstatue des Präsidenten, und ich musste wirklich an einen Archäologen denken, der als erster Besucher seit Tausenden von Jahren den unterirdischen Kultraum einer vergessenen Kultur betritt. Wahrscheinlich ist dieser Effekt gewollt und wahrscheinlich fühlt es sich für einen wahren Gläubigen gar nicht anders an, wenn er seinen Tempel, seine Kirche oder seine Moschee betritt.

Von außen wird der Bau von den Spitzbögen einer Stahlkonstruktion gleich dem Fächer eines Blütenkelches eingerahmt. Angesichts ihrer schieren Größe lassen die Bögen öfter an das Gerippe eines Wals denken denn an irgendetwas anderes. Ich habe immer noch nicht herausgefunden, was die fächerförmige Konstruktion eigentlich darstellt, aber vielleicht kommt mir ja noch eine Erleuchtung.

Ich hätte gern ein paar Fotos gemacht, aber aus Gründen, die sich der Erfassung durch den Verstand entziehen, waren der Akku der Kamera sowie das Ladegerät leider wie vom Erdboden verschluckt [Anmerkung des Autors: Die Fotos, die man sieht, stammen von einem späteren Besuch]. Die hektische Suche, die sich daraufhin entspann, hatte nicht den gewünschten Erfolg und auch als wir später noch einmal gründlich und methodisch suchten, blieb das Ladegerät verschwunden. Man hätte ja Fotos mit dem Handy schießen können. Allerdings werde ich das Gefühl nicht los, die Eigenwerbung der Hersteller übertreibt doch maßlos, wenn es um die Qualität der Bilder geht, die sich mit solch einer popeligen Handykamera angeblich erzielen lässt. Die Aufnahmen, die ich bisher gemacht habe, gleichen da schon eher Lomografien. Übrigens fand sich das Ladegerät später im Koffer (sic!), begraben unter Bergen all jener nützlichen wie unentbehrlichen Dinge, die man auf alle Fälle braucht, um eine siebentägige Reise zu überstehen.

Von so viel Bedeutungsschwere war mir schon ganz schummerig und ich war froh, dass wir noch vor dem Abend ins leichtlebige Bahía mit seinen spektakulären Sonnenuntergängen und seinen gutgelaunten Bewohnern zurückkehren konnten. Bahía gehört wahrscheinlich zu den wenigen Orten auf der Welt, an denen man den lieben langen Tag im Prinzip einfach mal nichts tun kann, ohne deswegen ein schlechtes Gewissen haben zu müssen, denn paradoxerweise fühlt man sich am Abend, als hätte man wie einst Herkules die Welt aus den Angeln gehoben und auch gleich wieder ganz neu eingehängt.

In Bahía bedarf es nicht viel, um das Leben in seiner reinsten Form zu genießen. Aber braucht es denn auch viel mehr als Sonne, Strand und Zeit – vor allem Zeit, viel Zeit? Zeit jedenfalls hat man genug, und zwar immer. Wäre Zeit Geld, wie das Sprichwort behauptet, hätte man in Bahía stets mehr davon zur Hand, als man ausgeben könnte. Zeit kann nicht verschwendet werden, denn es gibt sie im Überfluss, doch überflüssige Zeit ist unbekannt.

Die Bahieños verlassen ihre Stadt nur ungern: Das Leben anderswo sei viel zu hektisch. Warum soll man das beruhigende Gefühl, eine Unendlichkeit zur Verfügung zu haben, um Dinge ins Lot zu bringen, gegen den Akkord nach dem rasenden Takt der Uhr tauschen? Ich kann die Leute gut verstehen, die leben, als wären sie unsterblich. Fast wünschte ich, ich wäre selbst ein Bahieño.

Pazifische Sonnenuntergänge

Wir waren auf Reisen. Ausgangspunkt unserer Grand Tour de Ecuador war Bahía de Caráquez. Nicht zum ersten Mal zog es uns zur Küste und eigentlich ist Bahía bei jeder Reise – ganz gleich, welches Ziel wir auch ansteuern – immer unser erster Anlaufpunkt. Ecuador ist zwar ein Land in den Tropen, doch besteht zwischen Costa und Sierra mindestens ein so großer Unterschied wie zwischen dem winterlichen Berlin und dem sonnenverwöhnten Neapel. Aber nicht nur Geographie und Klima bewirken, dass Küste und Gebirge als zwei völlig verschiedene Welten empfunden werden, auch die Mentalität der Leute unterscheidet sich und vielleicht ist doch nicht alles falsch an der alten, im Kehricht der Studierstuben vergessenen Idee, dass das Klima den Charakter beeinflusst.

Ich habe nie verstehen können, warum man statt an die liebliche Amalfiküste oder zum mythischen Kreta, im Sommer zum kalten Nordkap pilgern muss. Norwegen hat sicher seinen Reiz, aber wenn man aus einem kalten Land kommt – und Deutschland ist nun einmal ein kaltes Land (man frage die Ecuadorianer!) – sehnt man sich nach Wärme, nach Sonne und nach der Leichtigkeit des Südens mit seiner kultivierten Lebensart und seinen freundlichen Menschen. Ich habe nie begriffen, dass man nichts dabei fand, wenn der Berliner Sommer grau, kalt und verregnet wäre, hätte man doch nur einen wunderbaren Goldenen Herbst zu erwarten!

Ich brauche Wärme, Sonne und freundliche Menschen um mich. Die Küste hat in vielerlei Hinsicht die Leichtigkeit und die Leichtlebigkeit der mediterranen Kultur geerbt. Manch einer mag zu der nicht ganz unbegründeten Auffassung neigen, sie habe auch ihren Leichtsinn geerbt, aber das ist ein anderes Thema. Nachdem sie einmal mit Italienern zu tun gehabt hatte, wunderte sich meine Frau, die von der Küste stammt, dass die Leute von der Apenninenhalbinsel den Costeños in ihrer ganzen Art sehr ähnlich seien. Das ist einer der Gründe, warum ich so gern an die Küste fahre.

Wie üblich fuhren wir über Santo Domingo und wie üblich ließ es sich mein Schwiegervater nicht nehmen, uns zum Essen einzuladen. Der Mann hat offenbar einen Spenderkomplex, aber irgendwie ist er nett und ich kann ihn gut leiden. Bei Pedernales stießen wir auf die Küste und von dort braucht man noch einmal neunzig Minuten bis Bahía. Wir fuhren auf der hervorragend ausgebauten Küstenstraße nach Süden und da es schon spät geworden war, konnten wir der Sonne dabei zusehen, wie sie gleich einem auf die Erde stürzenden Himmelskörper zunächst allmählich und dann immer schneller dem Horizont entgegensank.

Als wir San Vicente erreichten (das ist die Stadt auf der Festlandseite jener Bucht, auf deren anderer Seite Bahía de Caráquez liegt), hing die orange-rote Feuerkugel der Sonne nur eine Daumenbreite über dem Meereshorizont. Wir hielten an einem Aussichtspunkt und sahen gebannt dabei zu, wie der glühende Sonnenball in nur wenigen Augenblicken auf der Oberfläche des Pazifiks zerschmolz. Noch minutenlang füllte Abendrot den Himmel. Von jenseits des Horizonts setzte das sinkende Tagesgestirn das Firmament mit letzter Kraft in Brand. Wie im Widerschein einer kataklysmischen Vulkaneruption glühten die Wolken in einem feurigen Orange.

Nicht anders als das berühmte Macondo, ist Bahía ein Ort der Geschichten und der Mythen, wobei sich nur selten mit einiger Sicherheit bestimmen lässt, was davon wahrer ist – Mythos oder Geschichte. Denn mancher Mythos ist wirklich wahr, wohingegen nicht wenige Geschichten wohl mehr auf die überschäumende Einbildungskraft der Leute zurückzuführen sind. Eine wahre Geschichte von fast schon Shakespeareschen Ausmaßen erzählt vom Schicksal der Rupertis, einer berühmten Familie der Stadt.

An einem warmen Abend kurz vor Sonnenuntergang ließen wir uns ohne ersichtliches Ziel durch die Stadt treiben. Bahía hat viele berühmte, von Mythen und Geheimnissen umwitterte Orte, denn anders als das skeptische Berlin mit seiner alles hinterfragenden, fast schon lästerlichen Vernunft lebt die Stadt am Pazifik von den Geschichten am Rande des Irrationalen. Und die wahren Geschichten erkennt man daran, dass sie verrückter sind als die erfundenen es je sein könnten. Wir fuhren durch die Stadt und als der Tag sich anschickte, im Goldgewand des Abends in den Pazifik zu tauchen, kamen wir plötzlich zu der Ruine eines Hauses auf der Spitze eines Hügels hoch über dem Meer.

Ähnlich dem Palazzo eines vornehmen Geschlechts im Italien der Renaissance erhob sich über der Stadt einst die strahlende Residenz der Rupertis. Die Familie hatte das repräsentative Anwesen erst kürzlich errichten lassen und mit dem neuen Haus sollte sich eine glückliche Zukunft verbinden. Doch das Schicksal folgte nicht dem geraden Weg des Glücks, sondern schlug eine Abzweigung ein, die zu einem dunklen, trostlosen Ort führte.

Das Verhängnis drängte in das Leben der Familie mit der Macht des Schicksals in einer griechischen Tragödie: Eines Tages fand man den Vater tot im Bett, niedergestreckt mit einem Kopfschuss. Es gab keine Indizien, die einen Schluss zuließen, wer hinter dem Mord steckte; auch ein Motiv ließ sich nicht ermitteln. Zusammen mit ihren drei Kindern lebte die Mutter weiter in dem Haus bis zu jenem verhängnisvollen Tage, etwa zwei Jahre später, da man auch sie tot in ihren Gemächern fand. Auch sie wurde erschossen und wieder fand sich nicht die geringste Spur. Die Morde sind bis heute ein Rätsel und alles, was man darüber hört, sind die verrückten Geschichten, die sich die Leute in den Straßen Bahías zuraunen.

Schicksalsschläge wie diese hätten wohl jeden aus der Bahn geworfen, und so ist es nicht verwunderlich, dass die Geschichte, die als Tragödie begann, auch als Tragödie endete. Wie ein tausend Tonnen schwerer Güterzug, der ohne Bremsen einen Berg hinunterrast, und der erst in einer Katastrophe zum Stehen kommt, musste das Vermögen der Familie verschleudert und die Leben der Kinder vollständig ruiniert werden, ehe die Waagschalen des Schicksals wieder ins Gleichgewicht kamen.

Man kann einem Menschen, der einen traumatischen Verlust erlitten hat, nicht vorwerfen, dass er den Schmerz in jeder nur möglichen Weise zu betäuben versucht. Doch leider findet man auf diesem Weg keine Erlösung, denn wenn die Betäubung nachlässt, erleidet man nur immer wieder dieselbe Qual. Am Ende aller Wege steht man am Abgrund und ob man noch einen Schritt weiter geht, ist die letzte Entscheidung, die man im Leben zu treffen hat.

Die Kinder hatten in geschäftlichen Dingen leider nicht das Geschick der Eltern geerbt und so verzettelten sie sich in teils waghalsigen, teils törichten Unternehmungen, die das riesige Vermögen der Familie in nur wenigen Jahren vernichteten. Nachdem alle Konten geplündert und noch der letzte Notgroschen verschleudert war, ließ sich der standesgemäße Lebensstil, den man als Angehöriger einer honorigen Familie gewohnt war, nicht länger aufrechterhalten und der unaufhaltsame Abstieg ging in den freien Fall über.

Mit dem Verlust des Vermögens fielen die Schranken des Anstands und als handelte es sich um einen namenlosen Leichnam am Straßenrand fledderte man auch noch die letzten Überbleibsel dessen, was einst der Ruhm und der ganze Stolz der Familie war: Alles von Wert wurde aus dem Haus fortgeschafft. Möbel, Türen, Fenster, Bodenbeläge, Armaturen und Installationen wurden entfernt und eilig verhökert, als gelte es, die eigene Seele aus dem Fegefeuer freizukaufen. Am Ende blieben von dem strahlenden Anwesen nur die kahlen Mauern. Die Zeit und Plünderer rissen auch sie bis auf die Fundamente nieder. An den Resten nagt die salzige Meeresluft und allmählich zerfällt alles zu Staub.

Die Kinder haben überlebt. Ähnlich Suchtpatienten, die nach Jahren ruchloser Exzesse ein schweres Fieber befällt und die, nachdem die Fiebermären ausgestanden sind, friedlich ihrer Genesung entgegenschlafen, führen sie heute ein ruhiges, unscheinbares Leben abseits der öffentlichen Aufmerksamkeit. Vielleicht träumen sie manchmal von ihrem früheren Leben und man könnte es ihnen nicht verübeln, wenn sie es sich zurückwünschten.

Doch eine Rückkehr ist unmöglich, denn die Vergangenheit ist ausgelöscht: Vom Vermögen der Familie ist nichts geblieben als Erinnerung. Und auch ihr Ruf ist dahin, getilgt in Exzessen jeglicher Art und zur Legende verteinert mit den Jahren. Nur die alten Geschichten sind noch da, die sich die Leute auf den Straßen Bahías erzählen, Geschichten von Reichtum, Neid und Rache, Geschichten von Intrige und Mord. Manche dieser Geschichten sind so verrückt, dass man sie kaum glauben möchte, aber wahrscheinlich sind sie wahr, so wie alle Mythen irgendwie wahr sind.

Das Grundstück, auf dem sich einst das stolze Anwesen der Familie erhob, ist heute verwaist. Der warme Pazifikwind streicht um die Ruine und Unkraut sprießt aus den Mauerritzen. Dabei befindet sich die Immobilie in bester Lage und jeder, der ein wenig Geschäftssinn hat, müsste sich eigentlich die Finger danach lecken: Die Spitze des Hügels bietet eine grandiose Aussicht auf den Ozean und allabendlich könnte man von der Terrasse aus den pazifischen Sonnenuntergang bewundern. Auf der anderen Seite streift der Blick über die Dächer Bahías und man schaut herab auf die Stadt wie ein Fürst vom Altan seines Palastes.

Es verwundert, dass noch niemand Interesse an dem Grundstück angemeldet hat, aber die Leute sind abergläubisch. Man meint, ein Fluch liege über dem Ort, und jedem, der die Kühnheit besitze, eine so offensichtliche Tatsache zu ignorieren, indem er dort ein Haus errichtet, werde es nicht anders ergehen als den Vorbesitzern. Mit Logik hat das natürlich nichts zu tun, aber wie soll man den Leuten mit Vernunft kommen, wenn höhere Mächte im Spiel sind.

Wir fuhren weiter zur Strandpromenade auf der dem Pazifik zugewandten Seite der Stadt. Dort versammelt sich jeden Abend eine bunte Gesellschaft aus Einheimischen und Urlaubern, um bei Musik und ausgelassener Stimmung den Sonnenuntergang zu feiern. Die Sonnenuntergänge am Pazifik sind spektakulär wie sonst kaum ein Naturereignis und die Leute sind so fröhlich, dass man fast meinen könnte, die Sonne ginge nur alle paar Jahre unter. Aber wann nimmt man sich schon einmal Zeit für solche Dinge? Wie oft im Leben hat man die Silberscheibe des Vollmonds gesehen und wie oft wird man noch Gelegenheit dazu haben? Wann hat man zum letzten Mal vor dem Abendrot ausgeharrt bis das letzte Licht erlischt und die Sterne heraufziehen? Und wann käme man schon auf die Idee, den Sonnenuntergang zu feiern? Da feiert man öfter den eigenen Geburtstag.

Am Rande der feiernden Menge tauchte plötzlich ein Jogger in voller Fitnessmontur auf: die windschnittige Kleidung des Profiathleten auf den eher weichlichen Leib gepresst, Stirnband, Fitnesstracker, sündhaft teure Laufschuhe. Doch er schleppte sich eher müde durch den Abend, als dass er leichtfüßig dem Sonnenuntergang entgegeneilte. In der Regel beherrschen die Läufer am Morgen die Szene, Abends sieht man sie jedoch nie. „Guck mal, ein Jogger!“ bemerkte ich, denn der Läufer, der sich keuchend auf der Promenade entlangschleppte, nahm sich mit seinem Leidensausdruck unter all den jungen, fröhlichen Gesichtern sehr fremd aus.

Ein kurzer Blick reichte meiner Frau, um sich zu vergewissern, dass sie den Mann kannte. Wie nebenbei bemerkte sie, es handele sich um einen bekannten Drogenabhängigen der Stadt – früher jedenfalls wäre er dafür bekannt gewesen. Aber offenbar hat er sein Leben von Grund auf geändert, denn schließlich machen einen Drogen nicht jünger. Doch Spaß scheint ihm das neue Leben nicht zu machen: Ich sah ihn später wie das traumatisierte Opfer eines Flugzeugabsturzes völlig lethargisch auf den Stufen vor seinem Haus sitzen. Eine Schweißpfütze hatte sich zwischen seinen Füßen gebildet. Er guckte in die Gegend mit dem vollkommen leeren Gesichtsausdruck eines Menschen, der nicht begreifen kann, in welche Richtung sich sein Leben gewendet hatte.

An diesem Abend hatten sich ungewöhnlich viele Surfer am Strand versammelt. Sie schwammen wie die Seeotter auf der spiegelnden Oberfläche des Meeres und warteten auf die perfekte Welle. Ein warmer auflandiger Wind türmte die Brandung zu langen Wellenkämmen, die diagonal gegen die Küste rollten. Meist verharrten die Surfer bewegungslos im Wasser, aber wenn es einmal eine Welle schaffte, die Brandungszone zu überwinden, ohne zu Schaum zu zerfallen, warf sich ein Dutzend von ihnen zugleich auf die Bretter und paddelte der Welle wie auf Kommando davon. Wenn sie die Welle zu fassen bekam, sprangen sie auf das Brett und die Woge trug sie Richtung Strand. Das war keine Physik mehr, das war reine Magie. Die geschicktesten Surfer ritten die Welle, bis der Wellenkamm zusammenbrach und dann hechteten sie übermütig wie spielende Delfine in die brodelnden Wassermassen, nur um Augenblicke später als braungebrannte junge Meeresgötter aus der Gischt emporzutauchen.

Dann kam der Höhepunkt des Abends als die Sonne die Oberfläche des Meeres berührte. Alle folgten nun in atemloser Spannung dem Schauspiel und selbst die Surfer stellten für einen Moment ihre Jagd nach der perfekten Welle ein. Als die glühende Kupferscheibe unter den Horizont tauchte, brach die Menge in frenetischen Jubel aus. Die Menschen schickten dem Tag einen letzten Gruß hinterher und verabschiedeten das Tagesgestirn mit einem ausgelassenen Vale. In wenigen Minuten war es vorüber: Der Ozean verschluckte den letzten Rest flüssigen Goldes und die Welt erstrahlte in der ganzen Pracht des Abendrots, ehe sie in das mit Sternen gesprenkelte Gewand der Nacht schlüpfte. Wie ein Weltenbrand brach die Abenddämmerung über den Himmel und mit einem Mal schien es viel stiller geworden zu sein.

Doch am Strand ging die Party weiter und man feierte den Tag und das Leben bis in die späten Nachtstunden. Und auch am nächsten Tag würde die Sonne untergehen und die Bewohner Bahías werden dann wieder feiern, als wäre es der erste Sonnenuntergang seit Anbeginn der Zeit.