Einsame Ladies und sonderbare Gestalten

Auf der Fahrt nach Montecristi hatten wir eine jener sonderbaren Begegnungen, wie man sie nur auf den Landstraßen Ecuadors haben kann: Die Straße führte durch eine einsame Landschaft. Man sah weder Häuser noch Menschen. Wahrscheinlich versteckten sich die wenigen Bewohner der Gegend vor der sengenden Sonne, die an diesem Tag mit erbarmungsloser Gewalt auf die tropische Landschaft niederbrannte. Das Land schien wie im Hitzeschock erstarrt und nur auf der Straße, der einzigen Lebensader in dieser Einöde, gab es Bewegung. Doch nur selten begegnete man anderen Reisenden – offenbar mied man die Hitze. Es war zwar erst Vormittag, doch ein zorniger Himmel sandte seine Strahlen zur Erde hinab, als wollte er die Menschheit verdorren lassen. Ich saß im kühlen Innern des Wagens in der sicheren Gewissheit, dass ich meinen Platz hinter dem Steuer an diesem Tag nicht würde verlassen müssen. Die Klimaanlage lief derweil auf Hochtouren.

In der flimmernden Hitze tauchte plötzlich ein einsamer Wanderer am Straßenrand auf. Als ich näher kam, sah ich, dass es eine Frau von etwa sechzig war, die hurtig wie ein Paradesoldat über den glühenden Asphalt marschierte. Sie trug ein Tanktop, khakifarbene Shorts und ihre Füße steckten in robusten Wanderstiefeln. Am Hals baumelte eine teure Kamera mit massivem Teleobjektiv. Rücken, Schultern und Gesicht waren gerötet, als wären sie im Abgasstrahl eines startenden Düsenjets geröstet worden.

Ich weiß nicht, was manche Gringos glauben, wo sie eigentlich sind. Der kriminelle Abschaum hierzulande macht nämlich nur selten einen Unterschied zwischen arglosen Naturfotografen und reichen Urlaubern. Und wer mit einer teuren Kamera durch eine gottverlassene Gegend stolziert, als handelte es sich um den Broadway, fordert das Gesindel ja geradezu heraus. Genauso gut könnte man einer hungrigen Hundemeute mit einem Beefjerky vor der Nase herumfuchteln; man muss sich dann nur nicht wundern, wenn man gebissen wird. Ich hoffe, die Lady blieb von unangenehmen Begegnungen verschont und erreichte irgendeinen Außenposten der Zivilisation, bevor die Sonne sie zu Beefjerky dörrte.

Da gerade die Rede von merkwürdigen Begegnungen ist, muss ich eine Begebenheit noch unbedingt erwähnen: Angelegentlich einer unserer länger zurückliegenden Reisen fuhren wir von Quito nach Bahía. Nicht weit westlich von Quito führt die Route über die Kordillere und die Straße schraubt sich in schier endlosen Serpentinen durch Steigungen und Gefälle. In den Bergen leben kaum Menschen und nur alle paar Dutzend Kilometer fährt man durch Dörfer, die in Tälern zwischen Felsmassiven eingeklemmt sind. Auf dem weitaus größten Teil der Strecke sieht man bloß von dichtem Grün überzogene Berge oder tiefe Täler, durch die Wildwasserbäche rauschen. Die Straße folgt den Flüssen und so hat man die Wahl zwischen einer Felswand auf einer Seite der Straße und einer Schlucht auf der anderen Seite. Da bleibt man am besten immer schön auf dem Asphalt.

Wir fuhren gerade mitten durch die Berge, auf dem einsamsten Teil der Strecke zwischen Quito und Santo Domingo. Weit und breit gab es keine menschliche Ansiedlung und wäre man irgendwo abseits der Straße gestrandet, hätte man wahrscheinlich Tage gebraucht, um wieder in die Zivilisation zurückzufinden. Es regnete in Strömen. Die Scheibenwischer peitschten hektisch über die Frontscheibe und dennoch konnte man allenfalls Umrisse erkennen. Was für ein scheußliches Wetter! Man hätte keinen Hund vor die Tür jagen wollen. Titan, unser vierbeiniger Hausgenosse, fiepste nur immerzu mitleidig – wahrscheinlich erriet er meine finstersten Gedanken.

Ich tastete mich langsam durch den dichten Regen, als ich plötzlich eine Gestalt am rechten Straßenrand stehen sah. Als ich nahe genug war, erkannte ich, dass es ein Mann mit Hut war und er trug einen Anzug, als wäre er zu einer Geschäftsbesprechung verabredet: schwarzes, frisch gebügeltes Sakko, die Hose mit scharfen Bügelfalten, weißes Hemd, akkurat gebundene Krawatte, auf Hochglanz polierte Schuhe und natürlich der Hut. Er stand einsam im strömenden Regen und schaute mir direkt in die Augen.

Es gab im Umkreis von mehreren Dutzend Kilometern absolut nichts, wofür es notwendig gewesen wäre, einen Anzug zu tragen (in dieser Gegend hätten ausnahmsweise einmal Cargohose, Wanderstiefel und Buschmesser gepasst). Die Begegnung wirkte so unwirklich wie eine surreale Szene in einem David-Lynch-Film. Als ich das Erlebnis später mit den anderen teilte, beteuerten sie aber nur, sie hätten nichts bemerkt. Doch der Mann stand direkt am Straßenrand und ich fuhr auf Armeslänge an ihm vorbei, und da ich wegen des Regens nur langsam vorankam, konnte ich ihn ganz deutlich sehen. Vielleicht war er zu einem Geschäftstermin eingeladen und er wartete auf seine Partner. Um welche Art Business es sich handeln könnte, das in dieser Einöde Erfolg verspräche, bleibt allerdings rätselhaft. Merkwürdige Dinge geschehen in den Bergen …

[…]

P.S. Als meine Frau die Geschichte las, bezweifelte sie keineswegs, dass ich tatsächlich jemanden im Regen hatte stehen sehen, obwohl sie selbst sich nicht daran erinnern konnte, jemanden gesehen zu haben. Sie versuchte mir auch nicht weiszumachen, dass ich mich getäuscht hätte oder dass meine Beobachtung bloß eine Halluzination gewesen sei, die von einer Überdosis Erdnussschokolade verursacht worden wäre. Ohne mit der Wimper zu zucken, erklärte sie, dies sei ein Fantasma gewesen, ein Gespenst oder ein Geist. Sie schloss jede andere Erklärung kategorisch aus, denn was ich beobachtet hatte, sei zu absurd, als dass man es anders würde deuten können.

In der Tat, wenn man im Ausschlussverfahren all jene Ursachen eliminiert, die logisch nicht in Frage kommen können, muss zwangsläufig wahr sein, was am Ende übrigbleibt, auch wenn es vollkommen absurd erscheint. Dass der Mann zu einer Geschäftssitzung eingeladen war, wird man wohl aus naheliegenden Gründen ausschließen dürfen. Und sehr viel mehr andere Deutungen, die nicht ins Komische abrutschen, lässt die Situation kaum zu. Für viele Ecuadorianer wäre eine übernatürliche Erklärung ohnehin plausibler.

Aber wenn der Mann wirklich ein Geist war – um einmal die Logik ins Spiel zu bringen –, frage ich mich, warum er sich ausgerechnet diese (Achtung, Kalauer!) todlangweilige Gegend ausgesucht hatte, um herumzuspuken, noch dazu an einem Tag, an dem es ohne Unterlass regnete. Wäre ich ein Geist, würde ich viel lieber die Villen mit den Swimmingpools heimsuchen oder die schönen tropischen Strände, ja, selbst noch die Shopping-Malls. Tagein, tagaus an so einer zügigen Autopista zu stehen, muss wirklich kein Vergnügen sein – kein Wunder, dass die Toten im Film immer so schlecht gelaunt sind.

[…]

P.P.S. Mein Sohn konnte sich plötzlich wieder erinnern, den Mann ebenfalls gesehen zu haben, obwohl er zuerst das Gegenteil behauptet hatte. Es soll ja schon vorgekommen sein, dass mehrere Personen Zeugen derselben Erscheinung wurden. Aber das würde dann wirklich die Grenzen der Logik sprengen.