Exodus zum Zweiten

Unsere nächste Wohnung befand sich in Miravalle, das auf halbem Weg zwischen Quito und Cumbayá liegt. Für die kleine Dreizimmer-Wohnung zahlten wir achthundert Dollar, aber dafür kamen wir in den Genuss einer Sicherheit, die in Santa Inés nicht zu finden ist (die Wohnung in Santa Inés hatte übrigens genauso viel gekostet, war aber viel größer und schöner).

Unsere Vermieterin zeigte sich am Anfang von ihrer besten Seite. Sie war überaus freundlich und zuvorkommend. Sie half mir sogar dabei, einen Prüftermin für unser Auto zu bekommen. Allerdings offenbarte sie schon anlässlich unseres ersten Treffens eine geradezu pathologische Leidenschaft für das Parkett: Sie gab mir Pflegetipps und wies mehrfach darauf hin, dass der Holzfußboden beständiger Achtsamkeit und aufopfernder Pflege bedürfe. Ich versprach, ich würde den Fußboden künftig als den Mittelpunkt meines Lebens betrachten.

Unser Verhältnis kühlte dann sehr schnell ab: Hatte sich die Vermieterin am Anfang noch jede Woche mindestens einmal nach dem Befinden und vor allem nach dem Zustand der Wohnung erkundigt – und insbesondere nach dem Parkett (wobei sie nicht müde wurde zu mahnen, wir sollten dem Holzfußboden jedwede Pflege angedeihen lassen), ließ sie schon bald monatelang nichts mehr von sich hören. Nur wenn die Miete einmal einen Tag später als sonst einging, meldete sie sich, denn die Wohnung war über einen Kredit finanziert und die regelmäßigen Mieteinnahmen waren fest im Budget verplant.

Als wir ihr mitteilten, dass wir ausziehen und den Vertrag damit zu kündigen beabsichtigten, flatterte uns schon wenige Tage später eine Forderung über zweitausend Dollar ins Haus. Das Geld, das sie von uns zu erpressen versuchte, sollte offenbar für entgangene Mieteinnahmen entschädigen. In der Zwischenzeit hatten wir uns aber der Dienste einer Anwältin versichert und über diese ließen wir der Frau ausrichten, dass ihre Forderung „absolut illegal“ sei.

Die gesamte Summe mussten wir am Ende zwar nicht zahlen, aber da wir den Vertrag vor den vereinbarten zwölf Monaten kündigten, hatten die Vermieter ein Anrecht auf eine Monatsmiete. In diesem Fall handelte es sich immerhin um achthundert Dollar. Im übrigen sah ich mich auch noch veranlasst, die Wände zu streichen und dem Parkett jene aufopfernde Pflege angedeihen zu lassen, die mich in den Augen unserer Vermieterin zu ihrem Lieblingsmieter gemacht hätte. Doch alle Liebesbekundungen kamen natürlich zu spät.

Die Wohnungsübergabe vollzog unsere Anwältin. Wir wollten die Vermieterin nicht treffen, weil wir ahnten, dass sie versuchen würde, uns in endlose Diskussionen zu verwickeln. Die Anwältin besah sich die Wohnung und fand keine Mängel: Das Apartment war so sauber, als hätte jemand mit Putzzwang die Reinigung vorgenommen, die Wände waren frisch geweißt, das Parkett ebenfalls gründlich gereinigt, gewachst und auf Hochglanz poliert.

In Ermangelung einer Poliermaschine hatte ich einen ganzen Tag auf den Knien verbracht und den Fußboden von Hand poliert. Ich bin überzeugt, so schön strahlte das Parkett nicht einmal als es neu war. Wir machten noch Fotos – zum Beweis, dass wir die Wohnung in ordnungsgemäßem Zustand hinterließen – und suchten dann schleunigst das Weite, denn unseren Vermietern wollten wir auf keinen Fall begegnen.

Am Ausgang der Wohnanlage lief uns freilich der Sohn der Vermieterin über den Weg. Er schien geradezu perplex, uns die Anlage verlassen zu sehen, bevor die Übergabe stattgefunden hatte. Ich gab ihm zu verstehen, dass sich unser Rechtsbeistand um die Details kümmern werde. Später tauchte dann auch noch seine Mutter auf, die eigentliche Vermieterin, und wie befürchtet, versuchte sie unsere Anwältin in eine Diskussion über angeblich noch ausstehende Forderungen zu verwickeln.

Die Coolness unserer Anwältin lässt sich nur schwer überbieten. Kalt wie die Schneekönigin in Andersens Märchen teilte sie der Vermieterin mit, dass die Forderungen, mit denen sie uns beizukommen versuchte, „absolut illegal“ seien, zumal die Wohnung sich, wie man leicht nachprüfen könne, in exzellentem Zustand befände. Eigentlich sah das Apartment jetzt viel besser aus als zum Zeitpunkt unseres Einzugs.

Darauf behauptete die Vermieterin dreist, dass der Fußboden Dellen habe, die man ausbessern lassen müsse, dabei waren wir doch ein Dreivierteljahr auf Strümpfen durch die Wohnung gehuscht. Die Dellen hatten sich schon vorher im Boden befunden, aber wer denkt beim Einzug daran, eine geologische Karte des Fußbodens zu erstellen.

Die Vermieterin drohte mit einer Klage, doch unsere Anwältin ließ sich natürlich nicht einschüchtern und forderte sie sogar noch auf, das Verfahren nur ja schnell in die Wege zu leiten, wohl wissend, dass man die Mittel dafür nicht würde aufbringen können, zumal der Ausgang höchst ungewiss wäre. Am Ende hatte man nichts in der Hand, denn alle Rechnungen waren beglichen und wir schuldeten unseren Vermietern nicht das Geringste. Wir beglückwünschten uns dazu, eine Anwältin mit der Sache beauftragt zu haben. Manchmal trifft man im Leben eben nicht nur falsche Entscheidungen.

Über den Pass

Von Papallacta hatten wir gehört, dass es sich um die schönsten Thermalquellen des ganzen Landes handeln soll. Abgesehen davon, dass Superlative in mir immer eine gesunde Skepsis wachrufen, kann man über solch ein Urteil durchaus geteilter Meinung sein. Viele meinen, Baños sei unübertroffen, aber nach Baños sollten unsere Wege vielleicht nicht mehr führen. Einmal zumindest wollten wir eine echte Therme in diesem an Vulkanen reichen Lande besuchen – umso besser, wenn es sich da gleich um die angeblich schönste handelte.

Von Cumbayá aus benötigt man mit dem Auto gerade eine Stunde nach Papallacta. Mein Reiseführer, den ich mir vorsorglich aus Deutschland mitgenommen hatte, obwohl ich ja eigentlich kein Tourist bin, empfahl den Besuch ausdrücklich (Wenn man sich nur immer auf Reiseführer verlassen könnte!), merkte jedoch an, dass die Bäder fast immer überlaufen seien und empfahl deshalb den Besuch unter der Woche. Wenn wir auch keine großen Erwartungen hegten, hofften wir zumindest, dass die enthusiastischen Beschreibungen des Travel-Guides die Wirklichkeit nicht allzu zu sehr beschönigten. Kurzentschlossen fuhren wir also nach Papallacta.

Bis nach Papallacta ist es nicht weit und auf der Karte erscheint die Strecke als ein Katzensprung, kaum die Spanne eines Zolls, den man leicht mit Daumen und Zeigefinger abmessen kann. Ich hatte freilich die Höhenangabe auf halber Strecke übersehen und erst auf den zweiten Blick stach mir die vierstellige Ziffer ins Auge. Die Straße führt hinauf in die Ostkordillere und am Scheitelpunkt ist man auf fast 4.100 Meter aufgestiegen. Nur wenige Menschen gelangen in ihrem Leben in solche alpinen Höhen und dazu musste ich noch nicht einmal das Auto verlassen. So hoch war ich noch nie über dem Meeresspiegel und wie ein Skipper, der Kap Hoorn umrundet hat, sich stolz Kaphoornier nennen darf, wird man wahrscheinlich automatisch Mitglied irgendeines Stratosphärenvereins, wenn man diesen Pass überwindet. Ich warte immer noch auf die Einladung.

Die Straße führt geradewegs nach Osten. Von unserer Haustür in Miravalle aus fährt man immer geradeaus und über Cumbayá, Tumbaco und Pifo gelangt man schließlich zur Passhöhe. Man hat die Autopista erst kürzlich ganz neu ausgebaut und wir glitten förmlich über den Asphalt, der so glatt war, als hätte man eigens für uns einen Teppich ausgelegt. Hinter Pifo verliert die Landschaft allmählich alle Siedlungsspuren und das Gelände steigt immer steiler an. Manchmal hat man den Eindruck, die Erdoberfläche wäre gegen die Richtung der Gravitation gekippt und irgendwie wirkt alles „schief“.

Nach mehreren langen Steigungen schien die schwachbrüstige Maschine unseres Wagens an die Grenzen ihrer Belastbarkeit zu stoßen, doch dank des hervorragenden Zustandes der Straße gelangten wir dann doch relativ schnell zum Pass. Es gibt nur einen kurzen Streckenabschnitt, an dem noch gebaut wird. Dort führt die Autopista dicht unterhalb einer Felswand entlang. Immer wieder stürzen Felslawinen auf die Straße und Arbeiter sind mit schweren Maschinen zugange, um auch diesen Abschnitt alsbald wieder in einen perfekten Zustand zu versetzen. Am Scheitelpunkt der Strecke gönnten wir dem Motor, der zuletzt in der dünnen Luft wie ein Ertrinkender gejapst hatte, erst einmal eine Rast.

Immer wieder überholten wir Radfahrer, die sich schaukelnd die Steigung hinaufquälten. Auch sie schienen ihre Belastungsgrenze erreicht zu haben (und einige hatten sie wahrscheinlich schon überschritten), doch ausgerechnet auf der Passhöhe sieht man so viele Laienpedaleure wie sonst nirgendwo auf den Straßen. Nicht wenige zeigten eine solch erbarmungswürdige Leidensmiene, dass man schon glauben wollte, sie versuchten die Imitatio Christi. Es muss eine unbeschreibliche Plackerei sein, die unendliche Steigung auf fast viertausend Metern Höhe mit dem Rad zu bewältigen. Manch einer dieser Freizeitsportler hat sicher eine ausgeprägte pathologische Affinität zu allen Arten von Leiden. Aber man muss den Schmerz schon lieben, denn sonst würde man diese Folter wohl kaum freiwillig auf sich nehmen.

Am Scheitelpunkt der Strecke, direkt an der Straße, steht eine kleine Kapelle mit einer Statue der Madonna darin. Die meisten Reisenden machten hier Rast, um dem Auto und sich selbst eine Erholung vom anstrengenden Aufstieg zu gönnen. Nicht wenige statteten der Jungfrau einen Besuch ab, einfach, um sie zu sehen, oder um zu beten – es ist sicher kein Fehler, sich für die Fahrt auf gefährlichen Straßen himmlischen Schutzes zu versichern.

Am Straßenrand sah man Radfahrer in voller Profimontur ihre Maschinen checken. Dem äußeren Anschein nach zu urteilen, stand mancher der Hobbypedaleure kurz vor dem Zusammenbruch. Man wartete erst einmal ab, bis sich die Vitalwerte aus dem Bereich akuter Lebensgefahr wieder auf ein normales Niveau eingepegelt hatten. Ein schnelles Bittgebet kann da manchmal Wunder wirken, zumal die nächste Rettungsstelle mit Sicherheit weiter entfernt ist als die Hilfe der Mutter Gottes.

Wir vertraten uns ein wenig die Beine. Meine Frau und mein Sohn bewegten sich aber kaum einige Schritte vom Auto fort, denn schon bei der kleinsten Anstrengung bekam man Atemnot. Ein kalter Wind strich zudem beständig über den Pass und in der dünnen Luft begann man leicht zu frösteln. Auf der Suche nach Motiven lief ich ein Stück die Autopista entlang. Schon nach wenigen Sekunden fing mein Herz wie verrückt an zu pumpen und als ich ein Stück rannte, hatte ich einen Eindruck davon, wie man sich beim Waterboarding fühlen muss.

Am Pass befindet man sich tatsächlich an einem Scheitelpunkt, denn folgte man der Autopista von hier nach Osten, gelangte man irgendwann in den Amazonas-Urwald. Auf dem Grat der Kordillere verläuft zudem die Grenze zwischen den Provinzen Pichincha und Napo. Die Provinz jenseits der Anden ist natürlich nach dem Río Napo benannt und auch, wenn man hier noch ganz unter dem Eindruck des Gebirges steht, beschwört allein schon der Name „Napo“ vor Feuchtigkeit dampfenden Dschungel und träge braune Gewässer unter lichtundurchlässigem Blätterdach herauf.

Wir haben uns fest vorgenommen, den Konquistadoren, Forschern und Abenteurern zu folgen. Eine Tour in das Amazonastiefland gilt als beschlossene Sache und es wäre wirklich ein unverzeihliches Versäumnis, wenn wir Ecuador verlassen würden, ohne wenigstens einmal in das grüne Herz dieses Planeten hinabgestiegen zu sein. Unser Weg wird uns dann wieder hinauf zum Pass von Papallacta führen, doch das nächste Mal werden wir unserer Bestimmung folgen, bis sich die Straße im undurchdringlichen Dickicht des Waldes verliert (oder in Coca am Ufer des Río Napo endet).

Von der Passhöhe aus ließen wir uns von der Autopista durch die zerklüftete Landschaft des Hochgebirges hinab ins Tiefland führen. Freilich würden wir der Route nur bis zu den Thermen von Papallacta folgen, dem immer noch das Flair eines Andenstädtchens anhaftet, denn das einer Urwaldstadt. Eine Anhöhe gestattete den Blick über eine in Berge und Täler gefaltete Landschaft. Die Autopista lag wie ein dünner Lebensfaden am Fuße einer himmelwärts strebenden Felswand. Das schräg einfallende Sonnenlicht schnitt ein wild bewegtes Relief in das zerfurchte Gestein. Man sah Autos die dünne Linie der Straße entlangkriechen, winzig wie Blattläuse auf einem Grashalm.