Am Scheideweg

Nur eine kurze Strecke nördlich von Archidona befinden sich die Cuevas de Jumandy. Dabei handelt es sich um ein weites Höhlensystem, das der Tourist in Begleitung fachkundiger Führer auch begehen und erkunden kann. Nachdem Tena sich als Enttäuschung erwiesen hat und uns auch die Zeit fehlt, an einer längeren Urwald-Expedition teilzunehmen – zumal es uns am Willen mangelt, länger auf die gewohnte Bequemlichkeit zu verzichten als bloß ein paar Stunden –, bieten die Höhlen noch einmal Gelegenheit, den unverfälschten Geschmack der Aventüre zu kosten. Die Cuevas de Jumandy sind der letzte Höhepunkt in einer an vielfältigen Eindrücken keineswegs armen Reise und nachdem wir uns bis an den Rand des Himmels vorgewagt haben, wollen wir nun in den Schoß der Erde hinabsteigen.

Der Parque Amazónico in Tena ist leider geschlossen und die Stadt selbst bietet dem neugierigen Reisenden zu wenig Reize, als dass er wünschte, länger zu verweilen. Nach einem Spaziergang entlang des Flussufers beschließen wir daher, weiter nach Norden zu fahren. Über Archidona, wo wir schon die Nacht verbrachten, geht es durch die Provinz Napo Richtung Baeza. Hier gabelt sich die Autopista: Ein Abzweig führt in weitem Bogen nach Nordosten, dicht entlang der Grenze zum Nationalpark Sumaco Galeras. Würden wir dieser Route folgen, könnten wir in wenigen Stunden Lago Agrio erreichen – vorausgesetzt, das Beförderungsmittel, das sich den stolzen Namen „Automobil“ anmaßt, wäre in der Lage, die Strecke zu meistern. Man darf es bezweifeln.

Lago Agrio oder Nueva Loja ist eine Gründung der Ölindustrie. Vor zwanzig Jahren war die Gegend noch unerschlossene Wildnis, doch die Gier nach dem schwarzen Gold brachte die Sünde in das grüne Paradies: neben Träumen von unermesslichen Reichtümern auch texanische Bohrspezialisten. Aus einem Mangel an Phantasie oder schlicht aus Bequemlichkeit liehen sie der Siedlung, die sie soeben aus dem lehmigen Boden gestampft hatten, den Namen ihrer Heimat nahe Houston: Sour Lake. Spanische Zungen können die englischen Namen mit den weichen Vokalen aber unmöglich aussprechen und deshalb werden Fremdwörter in die spanische Sprache eingemeindet, gnadenlos und ohne jede Ausnahme: So wurde Sour Lake zum ecuadorianischen Lago Agrio.

Der andere Abzweig, der in Baeza seinen Ausgang nimmt, führt in die entgegengesetzte Richtung, nach Westen. Diese Strecke ist uns bereits bekannt: Zunächst erreicht man die Thermen von Papallacta ehe man am Pass gleichen Namens auf über viertausend Metern die Kordillere überschreitet. Bis zur Passhöhe geht es stetig und unwiderruflich bergauf und schon kurz hinter Baeza betritt man das Reich der Berge mit den schneebedeckten Vulkangipfeln und den kalten nebligen Tälern. Wir ahnen, welche Qualen dem Automobilisten auf den langen Anstiegen noch bevorstehen, denn schon auf ebener Strecke tendiert das Beschleunigungsvermögen unseres Wagens gegen Null. Wir trösten uns mit dem Gedanken, dass dies die letzte Fahrt ist – schon zwei Tage später werden wir das Auto zurückgeben.

An der Laguna de Limpiopungo

Am Fuße des Vulkans liegt ein stiller See, die Laguna de Limpopungo. Das heißt, still ist es, wenn sich nicht gerade Massen von lärmenden Touristen am Ufer der Lagune aufhalten. Das flache Gewässer mit dem kristallklaren, aber eiskalten Wasser liegt wie ein glänzendes Juwel in der kargen Hochgebirgslandschaft. Schilf säumt die Ufer, die Bärte an den Halmen flattern im Wind wie Wimpel. Rallen paddeln geschäftig über die ruhige Oberfläche des Gewässers. Ein hölzerner Steg führt zum Ufer und es gibt kleine Pavillons, von denen aus man die schweigende Landschaft genießen kann. Wer will, mag dem Wanderweg halb um den See herum folgen, doch nur wenige suchten an diesem Tag das Vergnügen und begaben sich auf den schlammigen Pfad.

Zwischen See und Berg liegt ein großer Parkplatz, auf dem sich die Fahrzeuge der Parkbesucher sammelten. Mehr als zwei Dutzend mochten sich eingefunden haben. Die Leute liefen ein paar oder ein paar Hundert Meter am Seeufer entlang, bewunderten den Berg und schossen Fotos mit dem Handy. Viele versuchten, Selfies mit dem Cotopaxi im Hintergrund einzufangen, aber da der Vulkan an diesem Tag ständig in dichte Wolkenschleier gehüllt war, wird man auf den Aufnahmen wohl nicht viel erkennen. Querfeldein durch den Páramo zu laufen, ist natürlich strikt verboten, aber in einigen ging dann doch der Abenteurer durch und man stapfte fröhlich durch die empfindliche alpine Flora. Viele hatten sich in wattierte Anoraks oder in Ponchos gehüllt, denn ein eisiger Wind strich über die weite karge Grasebene am Fuße des Vulkans und selbst als Mitteleuropäer, als der man eigentlich an Kälte gewöhnt sein sollte, begann man zu frösteln.

Wir warteten geduldig am Rande des Parkplatzes, dass sich die Wolken einmal teilten und man einen Blick auf den Gipfel erhaschen könnte. Als wir uns auf Deutsch unterhielten, schaltete sich ein anderer Besucher in unser Gespräch ein und riet uns – ebenfalls auf Deutsch – zu ein wenig Geduld. Meine Frau fragte ihn natürlich sofort, wie es käme, dass er die Sprache so gut beherrsche und der Mann erklärte in einem sehr distinguierten Deutsch, er habe in Deutschland studiert. Leider konnten wir das Gespräch nicht fortsetzen, denn eben traf seine Familie ein und die Enkel fielen ihm wie kleine Wilde um den Hals und er war fürs Erste beschäftigt. Außerdem hob sich just in diesem Augenblick der Wolkenschleier und gab in nur wenigen Sekunden den Blick auf die Eisfelder unterhalb des Gipfels frei.

Der Anblick ist unbeschreiblich, und einmal mehr wird dem Beobachter bewusst, dass es eine besondere Gunst sein muss, die ihm Einblick in diese ganz und gar fremde Welt gewährt. Sofort richtete ich das Teleobjektiv auf das grandiose Spektakel, aber nach wenigen Augenblicken war es schon wieder vorbei. Wolkenschleier, dick wie Milchsuppe, zogen vor den Berg und nahmen jede Sicht. Es dauerte fast zwanzig Minuten, ehe sich die Wolken wieder öffneten und wenigstens für Sekunden einen Blick auf die Gletscher freigaben. Der eisige Wind strich derweil über die weite kahle Ebene und nachdem ich so lange auf meine Chance gewartet hatte, war ich ganz durchgefroren. Ich beneidete jene Parkbesucher, die sich in dicke Wattejacken gehüllt hatten, aber noch vor kurzem wäre es mir lächerlich erschienen, sich auszustaffieren wie zu einem Trip in die Antarktis, wenn man doch bloß einen Berg am Äquator besuchen wollte.

Unterhalb der Eisabhänge des Gletschers steht die alpine Schutzhütte „José Rivas“. Sie ist der gemeinsame Anlaufpunkt sämtlicher Gipfelexpeditionen und der letzte Außenposten der Zivilisation vor dem ewigen Eis. Von der Laguna aus kann man die Hütte sehr gut sehen, denn ihre karmesinroten Dachschindeln heben sich gut von den dunkleren Schotterflächen ab. Direkt an der Eiskante wirkt das Gestein rötlich, doch nur wenige Hundert Meter tiefer sitzen weite Schotterfächer auf den Hängen. Das lose Geröll ist schwarz wie Hochofenschlacke und man hat den Eindruck, die Knechte des Hephaistos hätten es aus vollen Eimern den Hang hinuntergekippt.

Eine Gletscherzunge streckt sich nach der Schutzhütte als wollte sie an den roten Dachschindeln lecken. Vor der hellgrauen Firnfläche wirkt die Berghütte winzig wie eine Streichholzschachtel neben einem Eisbärfell. Ich habe gehört, manchmal herrsche unter den Gipfelaspiranten so großer Andrang, dass nicht genug Betten für alle vorhanden sind und schon so mancher weitgereiste Alpinist musste die Nacht vor dem Aufstieg auf dem Boden verbringen.

Gerne hätten wir einen kurzen Blick auf den schneebedeckten Gipfel erhascht, aber am Ende nützte auch alle Geduld nichts – der Vulkanriese wollte sein schneebedecktes Haupt an diesem Tag nicht zeigen. Es war fast, als wäre unter den schützenden Schleiern der Wolken ein Geheimnis verborgen, das nur selten enthüllt werden darf, soll es nicht seine magische Kraft einbüßen.

Der Hals des Mondes

Mit seinen fast 5.900 Metern ist der Cotopaxi nach dem Chimborazo der zweithöchste Berg Ecuadors und dazu noch einer der höchsten aktiven Vulkane der Welt. Cotopaxi bedeutet auf Quechua „Hals des Mondes“ und wenn man den Berg bei Vollmond aus einer bestimmten Richtung sieht, wirkt er wie der Hals unter dem bleichen Antlitz des Erdtrabanten. Als wir den majestätischen Vulkankegel vor einigen Wochen besuchten, war Ausbruch-Warnstufe „Gelb“ ausgerufen worden und sämtliche alpinistischen Aktivitäten mussten eingestellt werden – nicht dass wir vorgehabt hätten, den Gipfel zu erstürmen.

Der Berg selbst und der Nationalpark, in dessen Zentrum er wie sein Herrscher thront, befinden sich nicht einmal eine Autostunde südlich von Quito. Die gute Erreichbarkeit mag einer der Gründe sein, warum der Cotopaxi so oft wie kaum ein anderer Berg in Südamerika bestiegen wird – Alpinisten müssen nicht erst eine lange, beschwerliche Anreise in Kauf nehmen, um ihr Ziel zu erreichen. Vom Hotel aus fährt man mit dem Auto direkt bis zum Fuß des Berges, lädt die Ausrüstung aus und schon kann das Abenteuer beginnen.

Unser Aufstieg endete da, wo das Abenteuer des ambitionierten Bergtouristen gerade erst beginnt, nämlich am Fuße des Vulkans. Natürlich konnte unsere Tour nicht mit dem Schwierigkeitsgrad einer alpinistischen Unternehmung wie der Besteigung eines Vulkans mithalten, aber dafür führte unser Weg auch nicht ausschließlich über Felsklippen, Geröllfelder und Gletscherspalten. Kein geringerer als Humboldt sollte unser Reisegefährte sein und der Weg, dem wir folgten, trägt noch heute den Namen des berühmten Naturforschers und Humanisten: „Humboldtsche Straße der Vulkane“. Was für ein stolzer Name!

Durch die Tierra helada nach Cuenca

Von Guayaquil geht es weiter nach Cuenca. Wir hatten unsere Reise in Bahía de Caráquez begonnen und dann über Montecristi nach Guayaquil fortgesetzt. Jetzt verlassen wir die Hafenmetropole am Pazifik. Wir fahren auf dem mehrspurigen Highway über die Brücke, die uns von der Stadt im Delta des Río Guayas über Durán immer weiter nach Osten führt. Bei Boliche schwenken wir nach Süden und nun verläuft die Route entlang der Küste, parallel zum Delta des Río Guayas.

In Ecuador gabelt sich die Panamericana – ein Zweig folgt dem Hochtal der Anden zwischen Ost- und Westkordillere, der andere führt an der Küste entlang nach Süden. Wir fahren auf dem Küstenzweig jener Lebensader, die den ganzen Kontinent von Nord nach Süd verbindet. Würde man dieser Route immer weiter folgen, käme man irgendwann nach Machala, dem großen Ausfuhrhafen für eines der wichtigsten Exportgüter des Landes: Bananen. Da Ecuador der weltgrößte Bananenexporteur ist, könnte man die Stadt mit einigem Recht als die Welthauptstadt der Banane bezeichnen, aber außer den Frachtterminals und der alljährlich stattfindenden Miss-Wahl hat die Stadt dem Besucher kaum etwas zu bieten.

Die Autopista zieht sich schnurgerade durch die flache Schwemmlandebene östlich des Flusses. Das Land ist bis in den entferntesten Winkel von einem Meer aus Gras überzogen. Die unendlichen Weiden müssen der Traum jedes Großagrariers sein, denn Rinderherden könnten hier das ganze Jahr über grasen. Das Gras steht so saftig auf dem Halm, dass die Tiere wahrscheinlich nicht einmal zusätzliches Futter benötigten. Ich wundere mich, dass wir so wenige Herden sehen, doch die weite Ebene ist fast leer. Wie ein sattgrüner Ozean erstreckt sich das Grasland bis zum Horizont.

Bei Jesús María schlagen wir einen Bogen nach Osten, und die Route, auf der wir uns jetzt befinden, führt uns geradewegs nach Cuenca. Nur wenige Kilometer hinter der Küste überschreiten wir die Grenze zur Provinz Azuay. Von nun an geht es bis zur Passhöhe von Tres Cruces nur noch in eine Richtung, nämlich steil bergauf. Das Gebirge erhebt sich unvermittelt aus der Ebene und es steigt so schroff aus dem flachen Land wie die Bergketten von Mordor. Gleich einer schwarzen unüberwindlichen Mauer erstreckt sich der Gebirgszug von Horizont zu Horizont. In den Klüften hängen die Wolken wie weiße Federboas. Wer nach Cuenca will, muss dieses steinerne Bollwerk überwinden.

Beiderseits der Straße beginnt sich der Fels bedrohlich aufzutürmen. Die Berge rücken immer näher und dann ist die Straße plötzlich zwischen ihnen eingekeilt und der einzige Ausweg führt nach oben. Die Steigung nimmt weiter zu und bald windet sich die Autopista in immer irrwitzigeren Verrenkungen an der Flanke des Gebirges hinauf in Wolken und Nebel. Es scheint, wir haben die Pforten in eine andere Welt durchschritten, denn so schnell wir ins Gebirge eingetreten sind, so rasch wandelt sich der Charakter des Landes.

Immer wieder fahren wir durch Nebelschwaden, die so dicht sind, dass man entgegenkommende Fahrzeuge erst auf eine Distanz von zwanzig, dreißig Metern erkennt. Ungeachtet der Sichtverhältnisse befleißigen sich nicht wenige Verkehrsteilnehmer auch weiterhin einer recht sportlichen Fahrweise. Tapfer verzichten sie darauf, die Scheinwerfer einzuschalten, denn wie man weiß, liegt das Hauptaugenmerk im Straßenverkehr weniger auf der Sicherheit, sondern vielmehr darauf, die Autobatterie unter allen Umständen zu schonen. Mit vorschriftsmäßig eingeschaltetem Licht komme ich mir da fast schon wie ein Sonderling vor. Die Leute haben doch wirklich nicht mehr alle Tassen im Schrank und ich fürchte, ein freundschaftlicher Ratschlag würde nur dann fruchten, wenn man ihn mit dem Baseballschläger erteilte. Ich will mich vor diesen gemeingefährlichen Irren in Acht nehmen und fahre daher langsam und sehr, sehr aufmerksam.

Es ist nun merklich kühler geworden. Die tropisch heiße Küstenebene liegt hinter uns und auf dem Weg nach oben erreichen wir zuerst die Tierra templada mit ihren immergrünen regenfeuchten Wäldern. Die Gebirgslandschaft unterhalb der eisigen Höhen ist grün und üppig wie ein Garten Eden. Wolken streichen über die Flanken der Berge und der dichte Pelz der Vegetation kämmt die Feuchtigkeit aus der Luft. Blätter und Halme triefen vor Nässe. Die Stämme der Bäume glänzen feucht. Tauperlen glitzern auf Mooskissen. Die nebelfeuchte Luft fühlt sich an wie ein nasser Waschlappen.

An einer Raststation halten wir, um uns ein wenig die Beine zu vertreten. Wir sind nun schon weit oberhalb der temperierten Zone und es ist unangenehm kühl geworden. Wenn man, so wie wir, nur mit Shorts und Sandalen bekleidet ist, kriecht einem die feuchte Kälte irgendwann bis in die Knochen. Wir sind zu dieser Stunde die einzigen, die hier einen Zwischenstopp einlegen, und gäbe es keine Toiletten, bestünde auch gar kein Grund für eine Rast. Hinter dem Haus gibt die Landschaft den Blick auf das weite Bergpanorama frei: In der Perspektive scheint es, als würden sich die Bergketten übereinander türmen. Dabei werden sie immer blasser, bis sie schließlich der Dunst verschluckt. Weiße Wolkengirlanden hängen wie zerzupfte Wattebäusche zwischen den Graten.

Nach einem kurzen Zwischenstopp geht die Fahrt weiter, denn wir wollen noch vor Einbruch der Dunkelheit in Cuenca sein. Doch wir müssen immer weiter ins Gebirge hinaufsteigen: Ab einer Höhe von zweitausend Metern betreten wir die Tierra fría, das „kalte Land“. Bei über dreitausend Metern überschreiten wir abermals eine Grenze und vor unserem Auge breiten sich die leeren Fluren der Tierra helada aus, des „eisigen Landes“. Wolken hängen wie gefroren in den Hochtälern und eisige Winde streichen über das Páramo-Gras, das sich stachelig gegen die Kälte sträubt. Die typischen Bewohner dieser alpinen Region sind die Lamas, aber obwohl wir schon oft durch die Anden gereist sind, habe ich noch nie eines der Tiere zu Gesicht bekommen. Der Pass liegt auf über 4.100 Metern Höhe und nur ein paar Hundert Meter höher beginnt die Tierra nevada, das „schneebedeckte Land“, die grimmig kalte Welt des ewigen Eises. Von jetzt an geht es wieder hinab in grünere und vor allem in wärmere Gefilde.

Irgendwo auf einsamer Flur ereilt mich das Schicksal und mir drückt die Blase, dass ich kaum zu lachen wage, ohne fürchten zu müssen, ein peinliches Malheur zu provozieren. Aber irgendwann ist für jeden Reisenden einmal der Zeitpunkt gekommen, sich der Landessitte anzupassen. Ich mache es wie die Ecuadorianer: Man hält einfach irgendwo am Straßenrand und erledigt sein Geschäft, wie es sich eben ergibt. Dabei spielt es gar keine Rolle, ob man sich gerade in menschenleerer Einöde befindet oder zufällig auf einer belebten Straße in einer großen Stadt. Die natürlichen Bedürfnisse gehen vor.

Glücklicherweise bin ich auf einer einsamen Landstraße, die sich durch eine gottverlassene Gegend in der Wildnis der Anden windet. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich zum letzten Mal eine menschliche Siedlung gesehen habe – so lange liegt die Begegnung mit der Zivilisation zurück. Wir scheinen fast die einzigen zu sein, die auf dieser abgelegenen Verkehrsader durch die schroffe Bergwelt reisen. Man könnte am hellichten Tag einen Mord begehen und niemand würde es bemerken – es wäre nur schwer, in dieser menschenleeren Gegend ein Opfer zu finden. Ich rechne fest damit, dass mein Vorhaben unentdeckt bleibt.

Ich kann dem Druck nicht länger standhalten. Kurzentschlossen halte ich einfach irgendwo am Straßenrand. Ich verlasse den Wagen so eilig wie nur irgendjemand, den ein solch dringliches Vorhaben zu einem ungeplanten Stopp zwingt, und gehe ein Stück am Seitenstreifen entlang, bis ich genügend dichtes Buschwerk finde, das mir Deckung bietet. Der echte Ecuadorianer würde sich keineswegs um diese Art der Diskretion bemühen, denn für seine natürlichen Bedürfnisse muss man sich nicht schämen. Ich aber stelle mich hinter den Busch, denn ein echter Ecuadorianer bin ich noch lange nicht und ich fühle, dass es vollkommen sinnlos ist zu versuchen, einer zu werden.

Gleich neben der Straße senkt sich ein von üppigem Grün bewachsener Hang sanft zu einer Wiese hinab. Das Gras ist so grün wie die Almwiesen in der Milka-Werbung, und um das Bild zu vervollständigen, schneidet sich ein kristallklarer Bach durch die Flur. Ich höre das Wasser rauschen. Vögel zwitschern und der summende Flügelschlag von friedlichen Insekten liegt in der Luft. Wolkengebirge treiben majestätisch über ein Himmelsmeer aus Azur. Tiefe Stille liegt über diesem Bild und Frieden. Wer würde sich da nicht dem natürlichen Lauf der Dinge ergeben und einfach loslassen wollen.

Als die Geschäfte in diesem winzigen Teil des Universums im Begriff stehen, sich gemäß den ewigen kosmischen Gesetzen zu vollziehen, tauchen plötzlich zwei junge Frauen in der Tracht der Einheimischen auf. Sie erklimmen den Hang, der von der Wiese hinauf zur Straße führt. Ein verborgener Pfad leitet sie durch den dichten Bewuchs. Ich wundere mich, warum ich sie nicht eher gesehen habe, aber ich bemerke sie erst, als sie praktisch schon hinter mir stehen. Ich habe gerade noch Zeit, den Reißverschluss zuzuziehen und ich tue so, als wäre ich mit irgendetwas beschäftigt, nur nicht mit dem, wonach es auf den ersten Blick aussieht.

Sie grüßen freundlich – Buenas tardes, denn es ist ja schon später Nachmittag – und setzen dann ihren Weg fort, als wäre es das Selbstverständlichste auf der Welt, irgendwo in der Einsamkeit der Anden Gringos mit halb heruntergelassenen Hosen anzutreffen. Mein Problem harrt derweil noch immer einer Lösung und sobald der Überraschungsbesuch außer Sichtweite ist, folge ich dem Hang in ungezügelter Erwartung ein Stück weit nach unten. Hier nun, friedvoll verbogen unter schattigem Buschwerk, unter der Begleitmelodie von Vogelgezwitscher und dem Plätschern des Baches, findet das Drama doch noch seine glückliche Auflösung. Was die beiden jungen Frauen in der idyllischen Einsamkeit der Berge eigentlich zu finden hofften, bleibt indes ein ungelöstes Rätsel.

Allmählich wird es dunkel und die Nacht senkt sich wie ein schwarzer Vorhang über die Anden. Kurz vor Cuenca, aber schon hinter der Passhöhe von Tres Cruces schneidet die Straße durch den Saum des Nationalparks von El Cajás. Die Landschaft ist anders als alles, was ich je gesehen habe. Sie wirkt so fremdartig, dass man gar nicht sagen könnte, ob man sie als schön oder als bedrohlich empfinden soll. Man könnte in der Tat glauben, man sei auf einem fremden Planeten gestrandet. Zwischen all dem Staunen fühle ich mich einen kurzen Augenblick an „The Long Rain“ erinnert, eine Kurzgeschichte aus der Feder Ray Bradburys. In der Filmadaption kämpft sich Rod Steiger unter immerwährendem Regen durch eine Landschaft voller bizarrer Gewächse. Zwar regnet es nicht, aber irgendwie habe ich den Eindruck, gäbe es eine alptraumhafte Version der Venus, müsste sie so aussehen wie die Landschaft in El Cajás. Leider ist es schon viel zu dunkel, um noch Fotos zu machen.

Die Straße führt nun gemächlich bergab und ich lasse den Wagen rollen. Auf den letzten paar Kilometern hängen wir uns an einen alten Transporter, dessen rechtes Hinterrad so bedenklich vor sich hin eiert, dass ich jeden Moment damit rechne, es könnte abfallen. Und tatsächlich, plötzlich wird das Eiern zu einem wilden Schlagen, das sich auf das ganze Auto überträgt. Und dann knickt das Rad zur Seite ein wie die Knöchel eines Schlittschuhläufers, der sich zum ersten Mal im Leben auf Kufen zu halten versucht. Der Wagen rutscht nur noch auf der Achse, doch dem Fahrer gelingt es, sein Gefährt ohne Schaden zum Stehen zu bringen.

Nicht weit entfernt befinden sich Häuser und in den Fenstern sieht man Licht. Der Fahrer des Transporters würde also Hilfe finden. Cuenca liegt ganz in der Nähe und im Notfall könnte er mit dem Taxi in die Stadt fahren und dort auch übernachten. Es ist ein Glück, dass der Schaden nicht im Nationalpark oder auf der Passhöhe eingetreten ist, denn einmal gestrandet, würde es wahrscheinlich eine Ewigkeit dauern, bis Hilfe einträfe.

Wir haben unser Ziel nun fast erreicht. Dass man nicht mehr weit von der Stadt entfernt ist, erkennt man an den adretten Häuschen, die einem am Wegesrand begegnen. Alles wirkt so sauber und aufgeräumt und müsste man einen (etwas schiefen) Vergleich bemühen, würde man sagen, Cuenca sei die Schweiz Ecuadors. Aber Cuenca gilt in der Tat nicht nur den Ecuadorianern als eine der schönsten und vor allem als eine der saubersten Städte des Landes. Das Leben ist ähnlich organisiert wie in einer historischen Kleinstadt in Europa mit ihren alten Gemäuern und den schönen Fassaden, und wenn man über die sauberen Bürgersteige flaniert, hat man nicht selten den Eindruck, man befände sich in einer Stadt auf dem alten Kontinent und nicht in Ecuador. Und wirklich gibt es in Spanien ebenfalls ein Cuenca, denn ganz ähnlich wie die Spanier bemüht waren, die Sitten und Gebräuche ihrer Heimat in die überseeischen Kolonien ihres Weltreiches zu verpflanzen, überzogen sie den neuen Erdteil mit Kopien ihrer Städte.

Wir sind im Augenblick vor allem daran interessiert, unser Hotel zu finden, was trotz Navi keine leichte Aufgabe ist, denn in der Stadt wird gebaut und viele Straßen sind gesperrt – die Gleistrassen für die neue Straßenbahn werden gerade verlegt. Wir müssen im Hotel anrufen, um den Weg zu erfragen, doch mit ein wenig Glück finden wir die „Cuenca Suits“ dann doch. Nach einer langen anstrengenden Fahrt über die eisigen Passhöhen der Anden sind wir froh, uns endlich ein wenig ausruhen zu dürfen. Doch es ist noch nicht spät genug, als dass man den Abend guten Gewissens im Hotel ausklingen lassen könnte. Und wir haben Hunger. Und so machen wir uns alsbald wieder auf, um das abendliche Cuenca zu erkunden.