Frischer Wind am Río Guayas

Unser Hotel befindet sich in der Nähe der Avenida Quito. Das ist eine Straße, über die der Autoverkehr auf acht Spuren dahinfließt, und zwar auf acht Spuren in jede Richtung! Am Morgen sind die Straßen noch leer, doch ab Mittag kann man erleben, dass selbst sechzehn Spuren nicht ausreichen, den Verkehr der Stadt aufzunehmen. Man fragt sich verwundert, wie viele Autos nötig sind, damit all die Fahrspuren von einer einzigen kompakten Blechwalze verstopft werden können.

Man möchte dies für Wahnsinn halten, aber irgendwie scheint es symptomatisch für eine Stadt, die in allem das Extrem sucht. In Guayaquil fühlt man sich immer ein wenig an New York erinnert. Die Straßen sind nach dem gleichen regelmäßigen Muster wie in Manhattan angelegt und die quirlige Atmosphäre spiegelt wie in der Metropole am Hudson River den allgegenwärtigen Wunsch nach Veränderung wider.

Ich habe Guayaquil immer als einen heißen, brodelnden Moloch empfunden, nicht als eine Stadt, in der man gern leben möchte. Doch jetzt, da ich diesen Ort neuerlich besuche, fühle ich mich auf eigenartige Weise hingezogen zu der Stadt am Río Guayas. Ich fühle Sympathie für diesen außergewöhnlichen Ort, und ich weiß, dass ich die Stadt mag, und zwar gegen meinen Willen und wahrscheinlich auch gegen meine bessere Einsicht.

Guayaquil ist so ganz anders als das beschauliche Quito mit seinem architektonischen Erbe aus der Kolonialära und seinem steifen konservativen Vermächtnis. Eingezwängt zwischen Bergen, lässt die Hauptstadt die weite Perspektive des Geistes vermissen. Neue Ideen müssen sich langsam ihren Weg durch die Berge suchen und sie gelangen nur allmählich zu den Menschen, die lieber am Althergebrachten festhalten, als dass sie es zuließen, ihren Alltag durch neue Einsichten erschüttern zu lassen. Quito ist stockkonservativ und es hat ein schier unüberwindliches Beharrungsvermögen – so mancher Reformer und so mancher Revolutionär hat sich an der Stadt schon die Zähne ausgebissen.

Guayaquil ist eine Hafenstadt und wie bei allen großen Städten am Meer fühlt man den frischen Wind neuer Ideen und weltumstürzender Ansichten durch die Gassen wehen. Die Meeresbrise macht den Kopf frei und befruchtet das Denken. Denn der Ozean hat einen weiteren Horizont als die Berge und der Samen, der von jenseits des Meeres in die Stadt getragen wird, findet einen günstigeren Nährboden, um zu keimen und zu sprießen. Guayaquil war immer das Zentrum (und nicht Quito), von dem aus neue Ideen ihren Weg in die Köpfe der Menschen fanden. Durch die Jahrhunderte war die Stadt ein Hort des Aufruhrs und der Revolution und ein wenig von diesem rebellischen Geist hat sich durch die Zeit gerettet. Ich bin gern in Guayaquil und ich bedauere, dass ich die Stadt so lange Zeit unterschätzt habe, denn Guayaquil ist ein großartiger Ort für Ideen.

Nach Quito

Von New York JFK-Airport flogen wir mit Copa-Airlines zunächst nach Panama-City und nach einem vierstündigen Zwischenstopp ging es weiter nach Quito. Wir brachen rechtzeitig von New Jersey auf, denn zuvor hatten wir noch den Mietwagen wieder zur Autovermietung zurückzubringen. Zwar liegt die Vermietungsstelle direkt am Flughafen, doch wenn man sich nicht auskennt, so wie wir, ist man immer ein wenig unsicher, ob man den Weg findet und es rechtzeitig schafft. Das Flughafengelände ist riesig und man könnte stundenlang ziellos umherfahren. Zur Beruhigung unserer Nerven planten wir daher großzügig Extrazeit ein.

Wir rechneten mit dem Schlimmsten, aber die Fahrt zum Flughafen gestaltete sich erstaunlich ruhig, vor allem stießen wir diesmal nicht auf den dichten Verkehr, der uns all die Tage vorher begegnet war, wann immer wir nach New York fuhren oder die Stadt Richtung Long Island zu durchqueren versuchten. Bis Manhatten ging alles gut, doch dann verloren wir die Richtung, weil wir es nicht mehr rechtzeitig schafften, zur Rush hour über vier Spuren von der linken auf die rechte Straßenseite zu gelangen, um dann nach rechts abzubiegen, wie es die Stimme aus dem Navi befahl. Ich kann es nicht genug wiederholen: so ein Navi ist eine der großartigsten Erfindungen, welche die Menschheit je gemacht hat. Wir verpassten an diesem Abend noch so manches Mal die Ausfahrt, aber unser elektronischer Freund (oder besser gesagt unsere Freundin – die Stimme ist weiblich) berechnete schnurstracks eine neue Route und geleitete uns sicher ans Ziel. Durch den Lincolntunnel fuhren wir nach Long Island und schließlich kamen wir zum Flughafen, fanden auch rasch die Autovermietung und konnten den Wagen abgeben – so einfach kann Reisen sein. Mit dem Shuttle-Train fuhren wir zu unserem Gate.

Nach Ecuador ging’s mit Copa-Airlines. Copa ist die Angstfluglinie meines Sohnes, denn ausnahmslos jedes Mal, wenn wir mit dieser Airline flogen – und wenn man nach Ecuador möchte, muss man das sehr oft – wurde ihm so übel, dass er sich während desselben Fluges gleich mehrmals erbrach (zur Freude der Bordcrew). Man kann über Copa nicht viel Erfreuliches sagen. Bisher flogen wir immer mit einer Boeing 737. Die Sitze in der Economy Class sind derart eng und unbequem, dass Menschen meiner Größe, und ich bin wahrlich kein Riese, schon nach kurzer Zeit Krämpfe bekommen. Zudem gibt es keine Bildschirme in den Sitzen, auch keine reichhaltige Menüauswahl an Filmen, welche die langen Stunden im Flugzeug verkürzen helfen. Stattdessen klappen Bildschirme von der Decke; ein Film wird gezeigt und das war es dann auch schon.

Mein Sohn hielt sich übrigens prima. Beim Landeanflug auf Panama-City wurde er zwar ganz grün im Gesicht und der Schweiß stand ihm auf der Stirn; er klammerte sich tapfer an seine Kotztüte, aber am Ende blieb die Bordmahlzeit drin. Und ich war froh, dass mir der Geruch der ekelhaften Pampe, die sie einem während des Fluges als „Essen“ servieren, ein zweites Mal erspart blieb. Schließlich, nach fünf Stunden eines unruhigen, mit unzählbaren Luftlöchern gespickten Fluges, landeten wir endlich in Panama-City.

Von Copa kann man zwar nicht sehr viel Gutes sagen, die Stewardessen sind jedoch – um es mit einem gewissen Understatement zu sagen – eine echte Augenweide: Copa hat die mit Abstand bestaussehendsten Flugbegleiterinnen. Das würde ich jederzeit beeiden. Eigentlich sehen sie viel zu gut aus für diesen Beruf. Fast jede von ihnen könnte Model sein und man gerät schon ein wenig in Verzückung, wenn man ihnen bei der Arbeit zuschaut. Ich bin jedoch absolut sicher, dass Äußerlichkeiten keine Rolle bei der Bewerbung gespielt haben. Ich bin überzeugt, Copa legt großen Wert auf Qualität in allen Bereichen des Bordservice. Und damit nicht überflüssiger Stoff bei der Tätigkeit stört, sind die Uniformen der weiblichen Angestellten so eng, dass kein Ticket zwischen Haut und Kleidung passt. Das Auge fliegt ja bekanntlich auch mit. Auf ihr „Thank you“, das sie mir am Ausstieg entgegenhauchten, konnte ich nur entgegnen: „No, thank you.“

Vom Flughafen in Panama-City ist nicht viel zu berichten – dieselbe Misere wie vor Jahren, als ich zum ersten Mal dort zwischenlandete. Der Airport ist alt und hässlich und einer Stadt wie Panama, mit ihrem Kanal, den Reedereien und Banken unwürdig. Man ist jedoch fleißig am Bauen. Vom Passagierbereich aus kann man schon die neuen Abfertigungshallen entstehen sehen.

Endlich verließen wir Panama. Leider konnten wir den Panama-Kanal nicht sehen, aber vor der Südküste bot sich ein paradiesischer Anblick. Ein Archipel grüner Inseln lag auf dem dunklen Spiegel des Meeres. Jede von ihnen war von hellen Sandstränden gesäumt. Schiffe fanden ihren Kurs zwischen den Eilanden und zogen lange Gischtspuren ins Meer. Wir stiegen höher, Wolken verdeckten die Sicht und bis Quito sahen wir nichts als ein Meer aus Watte.

Long Beach

Unsere Übernachtung in Long Island hatten wir strategisch geplant: Meine Frau hätte sich gern einen Vineyard angesehen, von denen es einige am östlichen Ende der Insel gibt. Sie hätte sich ebenfalls darauf gefreut, das Haus von Walt Whitman zu besuchen. Leider hat es sich nicht ergeben, denn um die Vineyards zu erreichen, hätten wir bestimmt zwei Stunden fahren müssen. Das Haus des Dichters, das als Museum erhalten geblieben ist, liegt nicht an der Atlantikseite, sondern an der Seite, die auf das amerikanische Festland blickt. Wir aber hatten in einem Motel im Süden eingecheckt. Die Zeit war recht knapp und wir wollten sie nicht verschwenden, indem wir den halben Tag mit dem Auto umherfuhren. Mein Sohn erklärte schon vorher wenig diplomatisch, dass er zu den von uns avisierten Zielen auf keinen Fall fahren wolle; das sei alles langweilig.

Nur eine kurze Autofahrt von unserem Motel entfernt, lag jedoch Long Beach, einer der schönsten und berühmtesten Strände der Welt. Zwar hatte der Wetterbericht Wolken und leichten Regen vorhergesagt, aber am Vormittag klarte es auf und eine gnadenlose Hitze brannte von einem wolkenlosen Himmel herab. Wir mussten einfach nach Long Beach!

Wir packten unsere sieben Sachen und checkten aus. Auf der Fahrt zum Strand fiel zwei der drei Reisenden ein, dass sie Hunger hätten und sofort essen müssten, so groß war die Hungerqual. Aus dem Augenwinkel gewahrte ich im Vorbeifahren irgendwo die Aufschrift „Falafel“ und wir beschlossen, dass wir etwas essen müssten, um uns für den Strandaufenthalt zu wappnen. Nachdem wir uns ein paarmal verfahren hatten, gelangten wir dann doch zu dem kleinen Bistro, das wir zufällig entdeckt hatten.

Für den Berliner ist Falafal ja kulinarisch nichts Neues und es ist etwa so exotisch wie die Currywurst oder der Döner, also normales Berliner Streetfood. Meine Frau liebt Falafel und Hummus und sie isst es, wann immer sie Gelegenheit dazu hat (bei mir macht die Verdauung Schwierigkeiten und mein Sohn hasst alles, was auch nur entfernt an Gemüse erinnert). In Berlin ist man daran gewöhnt, Falafel als eine typisch arabische Speise anzusehen, denn die allermeisten Falafel-Shops werden von Arabern betrieben. Als wir vor der Tür des Bistros standen, das mit seiner Falafel warb, fiel uns der Name „Geffen“ ins Auge und da erst merkten wir, dass wir unbewusst einem Irrtum aufgesessen waren. Der Laden war über und über mit israelischen Landesfahnen tapeziert. Auf einem Tisch an der Tür lagen Zeitungen in hebräischer Sprache sowie die jüdische Lokalzeitung aus. Die männlichen Kunden, egal welchen Alters, trugen allesamt Kippa, die Frauen waren züchtig gekleidet.

An der Theke bestellten wir Hummus und Falafel, eine Pita mit Falafel, Tee und als Nachtisch für unseren Sohn einen koscheren Schokoriegel. Die junge Frau hinter dem Tresen nahm unsere Bestellung mit einem strahlenden Lächeln entgegen. Einige der Gäste, die an den Tischen im hinteren Teil ihr Mittagessen einnahmen, drehten sich neugierig nach uns um – wir passten so wenig ins hiesige Biotop wie ein Fisch in der Wüste. Auf einer Seite des Ladens standen Regale mit einer großen Auswahl an Lebensmitteln darin, unter anderem Kaffee, Tee und Schokolade. Vieles war aus Israel importiert und alles war natürlich koscher. Es gab auch eine Kühlteke, in der ich koscheres Ham sah.

Neben der jungen Frau, die hinter dem Tresen arbeitete, war noch ein älterer Herr zugegen, vielleicht der Besitzer des Ladens. Er lief umher und bediente die Gäste, nahm Bestellungen entgegen und machte Smalltalk. Ich konnte sehen, dass er uns die ganze Zeit über neugierig beäugte. Vielleicht wollte er herausfinden, wer wir waren, denn offenbar verirrten sich in diese Gegend Long Islands nicht viele Touristen und schon gar nicht solche wie wir: Wir sprachen deutsch miteinander und meine Frau wird in Berlin oft für eine Araberin oder Türkin gehalten. Ich weiß nicht, zu welchen Schluss er kam; vielleicht blieben wir ein Rätsel für ihn. Er unterließ es, uns zu fragen, obwohl er durchaus interessiert schien, mehr zu erfahren.

Erst nachdem wir das kleine Lokal verlassen hatten, fiel uns auf, dass es uns in eine Gegend mit überwiegend jüdischer Bevölkerung verschlagen hatte: Die Namen der Lebensmittelgeschäfte fingen alle an mit „kosher“. Es gab viel „Kosher Meat“, einmal sahen wir sogar „Kosher Chinese Food“. Das Essen, Hummus und Falafel, war übrigens ausgezeichnet und selbst mein Sohn, der ein echter Gemüse-Verächter ist, verdrückte seine Pita mit Falafel, scharfer Soße und viel Gemüse mit regelrechtem Heißhunger.

Endlich gelangten wir ans Ziel – Long Beach. Wir konnten schon das Meer riechen und die Brandung hören, aber es ist gar nicht so einfach, an den Strand zu gelangen. Weite Teile der Küste sind in Privatbesitz und es ist einfach unmöglich zum Wasser vorzudringen, ohne von bestellten Aufpassern davon abgehalten zu werden. Ich fragte einen Passanten, wo es denn Strände mit öffentlichem Zugang gäbe und er sagte mir, ich müsste noch viel, viel weiter fahren. Das taten wir dann auch, ungeduldig, endlich das Meer zu sehen. Als wir glaubten, weit genug gefahren zu sein, parkten wir das Auto auf einem kostenlosen Parkplatz und machten uns auf zum Strand.

Endlich, da lag das ersehnte Ziel zum Greifen nahe – Long Beach: von der hölzernen Strandpromenade aus erstreckte sich ein etwa fünfzig Meter breites Band feinkörnigen, weißen Sandes bis zum Meer. Auf der Promenade begegneten wir tätowierten Bodybuildern, deren Körper unglaublich massig und zugleich so hart waren, dass es schon an Wahnsinn grenzt. Sie waren sonnengebräunt, wie ich es noch nie zuvor gesehen habe: wie schwarz angelaufenes Kupfer. Eine kleine zähe Frau um die sechzig, die zerknitterte Haut braun wie Milchschokolade, kam uns auf einer silbernen Beinprothese entgegengejoggt. Unter ihren grauen, wie Stacheln auffrisierten Haaren warf sie mir einen herausfordernden Blick zu – ich hatte ihre Beinprothese wie hynotisiert angestarrt.

Von der Promenade zum Strand waren es noch einmal drei, vier Meter. Man musste nur die Stufen einer Treppe hinabsteigen und schon lief man durch weichen, warmen Sand. Das war leichter gesagt als getan, denn vor dem Zugang zur Treppe stand eine Art Maut-Häuschen und darin thronte eine dicke Frau wie ein Zerberus und kassierte Eintritt. Eintritt für den Strand? Zwölf Dollar waren pro Person zu entrichten. Ich fragte, ob es denn irgendwo einen freien Strand gäbe und sie antwortete mir gleichgültig, ich müsste nur sechs Meilen die Küste hochfahren. Nachdem wir eine Ewigkeit gebraucht hatten, um überhaupt hierher zu gelangen, wollte ich jetzt nicht schon wieder ins Auto steigen. Wir zahlten also die zwölf Dollar. Mein Sohn ging einfach so durch, weil ich log, er sei erst zwölf Jahre alt. Als wir außer Hörweite waren, meinte er: „Die hat ja einen Bart.“

Am Strand selbst erlebten wir die nächste Überraschung: Die Lifeguard machte uns darauf aufmerksam, dass das Baden nur zwischen den grünen Fahnen gestattet sei. Der Strand zog sich unendlich weit hin, aber Badestellen gab es nur ca. alle zweihundert Meter, und der Abstand zwischen den Fähnchen betrug nicht mehr als zwanzig, dreißig Meter. Alles andere, sagte uns die Strandaufsicht, sei Surfer-Beach. Wir sahen keinen einzigen echten Surfer, nur ein paar Möchtegerns, die nicht mal dann auf dem Brett zu stehen vermocht hätten, wenn es auf dem Sand gelegen hätte. Einmal verließen wir beim Baden versehentlich den eingegrenzten Bereich um einige Meter, doch sogleich war der Aufpasser zur Stelle und forderte uns freundlich, aber bestimmt auf, in den zum Baden bestimmten Bereich zurückzukehren. Er war so dünn und nervte uns so sehr, dass wir beschlossen, ihn gleich an Ort und Stelle zu ertränken und seinen Körper dem Meer zu überlassen. Wenn uns die Polizei befragte, würden wir einfach sagen, er wollte schwimmen gehen.

Das Meer und der Strand waren überwältigend, einfach herrlich! Die 24 Dollar Standtaxe taten uns kein bisschen leid. Wir warfen uns in die Brandungswellen bis uns ganz schwindelig war und es in unseren Ohren nur noch rauschte. Man glaubt gar nicht, welche Kraft das Meer hat. Weit draußen sahen wir blasse Silhouetten an der Horizontlinie entlangschwimmen – Schiffe mit Fracht aus aller Welt, die den Hafen von New York anlaufen.

Ich hätte den ganzen Tag am Strand verbringen können, aber irgendwann haben einen Meer und Sonne so ermattet, dass man nur noch nach Hause will. Wir verließen Long Beach erschöpft und glücklich und ein wenig gebräunter als zuvor (so braun wie die Bodybuilder würde ich im Leben nicht mehr werden). Auf dem Heimweg versprachen wir uns, sollte uns das Schicksal noch einmal hierher führen, würden wir zum öffentlichen Strand gehen, dorthin, wo man keinen Eintritt zahlen muss. Aber das Geld konnten wir getrost verschmerzen, denn dieser Tag war jeden einzelnen Cent wert.

Alles anders!

Der Alltag hat einen daran gewöhnt, die meisten Dinge als völlig normal zu erachten. Erst wenn man den gewohnten Standpunkt verlässt, wenn man gezwungen ist, die Welt aus einer anderen Perspektive zu betrachten, merkt man, dass es das „Normale“ eigentlich gar nicht gibt und vielleicht auch gar nicht geben kann. Wenn das, was man eben noch als normal empfand, plötzlich die Ausnahme ist, und die gewohnte Welt auf dem Kopf zu stehen scheint, begreift man, dass man einer Illusion erlegen war.

Der Kulturschock zeigt sich immer in den kleinen Dingen. Wie man es auch dreht und wendet – wir kommen nie über das hinweg, was wir einmal gelernt haben. Was uns einmal antrainiert worden ist, bleibt ein Leben lang der Maßstab, an dem wir alles messen müssen. Die Moral steckt uns in den Knochen und wir können sie nicht auf dieselbe Weise austreiben, wie sie uns eingetrichtert wurde. Ich habe bereits drei Jahre in Texas gelebt und glaubte daher, dass es nichts gäbe, was mich noch wirklich beeindrucken könnte. Aber manchmal irrt man eben.

In Belleville, New Jersey, (in der Nähe Newarks), wohnen wir bei Freunden meiner Frau. In der Nähe befindet sich ein Supermarkt, und da wir als Gäste nicht nur den Kühlschrank leeren wollen, ist schnell der Entschluss gefasst, wir müssten einkaufen gehen. Man kann den Supermarkt in ca. fünf Minuten zu Fuß erreichen und wir beschließen hinzulaufen – ein Kuriosum in einem Land, in dem selbst kürzeste Entfernungen mit dem Auto zurückgelegt werden. Drinnen erwartet uns eine unglaubliche Fülle an Lebensmitteln. Belleville liegt zwar weniger als eine Autostunde von New York entfernt, ist aber dennoch nur eine Kleinstadt, und eine ziemlich provinzielle dazu. Der Supermarkt aber ist, was die Reichhaltigkeit des Angebots betrifft, besser ausgestattet als die Masse der Berliner Verbrauchermärkte, ganz gleich, welcher Kette sie angehören. Es gibt einfach alles: Kochbananen, sogar in unterschiedlichen Reifegrade, getrocknete Chilis in verschiedenen Sorten, Mangos, Süßkartoffeln, Melonen. Insbesondere das Angebot an Obst und Gemüse ist überwältigend. Und auch alles übrige ist in solch einer überbordenden Fülle vorhanden, dass beim Einkaufen die Qual der Wahl der Normalzustand ist.

Die meisten Waren sind jedoch nicht gerade billig. Die Preise sind mit denen in Deutschland durchaus vergleichbar. Ich habe den Eindruck, es ist alles sogar noch teurer als in Berlin. Seit 2008, als wir Amerika verließen, hat die Preisschraube noch einmal deutlich angezogen. Ist das nun nur ein Eindruck oder tatsächlich eine Konsequenz der Geldpoliktik der FED, dem quantitative easing, was nichts anderes als eine gesteuerte Inflation bedeutet? Man fragt sich, wie die einfachen Leute überleben. Allerorten hört man von Zweit- oder Drittjobs, mit denen sich die Menschen notdürftig über Wasser halten.

Gestern sprach mich ein Mann auf der Straße an. Er versicherte mir, er wolle nichts Böses. Zum Beweis zeigte er mir seinen Führerschein – was auch immer das beweisen mochte. Stattdessen bot er mir zwei Bruce-Lee-DVDs zum Kauf an. Ich log, ich sei kein großer Fan von Bruce Lee, denn ich wollte die DVDs auf keine Fall kaufen. Ich fragte ihn stattdessen, ob ich ihm sonst irgendwie helfen könnte. Ein bisschen Geld für den Bus wäre nicht schlecht, meinte er. Er habe nur das, was er bei sich hätte und sonst nichts (außer seinen Sachen schien er nichts zu besitzen). Ich gab ihm alles, was ich an Kleingeld in den Taschen hatte und er zog dankbar in die Nacht. Ich kam mir ganz schlecht dabei vor, ihn einfach so gehen zu lassen.

Unsere Reisekasse war zu diesem Zeitpunkt noch gut gefüllt und wir hielten uns mit Einkäufen im Supermarkt nicht zurück. Am Ende wollte ich noch etwas Bier kaufen, denn Wasser allein löscht bekanntlich nicht den Durst. Ich war ein wenig schockiert zu erfahren, dass die Supermärkte keine alkoholischen Getränke verkaufen. Vielleicht ist diese Regelung ein archaisches Überbleibsel aus der Zeit der Prohibition, vielleicht will man Jugendliche davor schützen, sich auch noch der letzten funktionsfähigen Gehirnzellen zu entledigen, vielleicht wollen radikale Abstinenzler einfach nur den ganzen Bundesstaat terrorisieren – ich weiß es nicht. Joao, unser Gastgeber, ist erstaunt, dass ich etwas anderes erwartet habe und meint bloß, wenn wir Bier kaufen wollten, müssten wir mit dem Auto zehn Minuten weit fahren, zu einem speziellen Laden. Das wäre angeblich kein Liquor-Store. New Jersey versucht sich doch nicht etwa am schwedischen Modell? Ich nehm’s so hin; durch die Gegend zu fahren, habe ich keine Lust, zumal mir Joao am Tag zuvor erzählte, dass die Gegend fünf Straßen weiter ein ganz übles Pflaster sei.

Ich grübelte noch lange, welchen Sinn es haben könnte, Bier aus dem Supermarkt zu verbannen, zumal in einigen Bundesstaaten jeder, der Alkohol kauft, einen Adult-Check über sich ergehen lassen muss, ganz gleich wie alt er wirklich ist (und wie alt er aussieht). Eine vernünftige Antwort fällt mir nicht ein. Ich brauche ein Bier, um meine Hirnzellen anzukurbeln. Joao hat eine Coronita im Kühlschrank, die er mir, als der warmherzige Mensch, der er ist, sofort mit einem strahlenden Lächeln serviert. Eine Coronita ist eine kleine Corona extra, nur ein Shot in einer winzigen Flasche, zu leeren in einem einzigen Zug. Ich genieße das kalte Bier nach einem langen heißen Tag.

Einige Tage später haben wir dann tatsächlich Gelegenheit, ein Weingeschäft aufzusuchen. Wir waren die einzigen Kunden in dem auf winterliche Temperaturen gekühlten Geschäft, das eher an eine große Lagerhalle denn an eine gediegene Weinhandlung erinnerte. Die Auswahl war wirklich sehr gut, viele Qualitätsweine fanden sich darunter, aber meine Frau hatte sich nun einmal in den Kopf gesetzt, ihren Freunden ein ganz besonderes Geschenk zu machen: Es sollte ein deutscher Eiswein sein und nichts anderes. Da die Weine nicht mehr in den Koffer passten, waren wir also gezwungen, ein paar Flaschen hier in Amerika zu kaufen. Eiswein hatten sie leider nicht und ich bezweifele, dass der Angestellte, der ein wenig wie der Comic-Guy aus den Simpsons aussah, sich überhaupt vorstellen konnte, was wir meinten. Er zeigte uns einen kanadischen „Ice wine“, was immer das sein sollte. Als ich den Karton mit der Flasche aus dem Regal nahm, um ihn mir genauer anzusehen, wäre mir fast ein Malheur passiert. Mehrere Flaschen fielen um; zum Glück ging nichts zu Bruch.

Am Ende entschieden wir uns für zwei Flaschen Riesling von der Mosel, ein Wein süß, der andere trocken ausgebaut. Ich glaube, wir haben eine gute Wahl getroffen. Jedenfalls kann man mit einem deutschen Qualitäts-Riesling nicht wirklich etwas falsch machen. Als wir schon gehen wollten, entdeckte ich noch eine kleine, aber wohlbestellte Abteilung mit Craft-Bieren. Eine Flasche (0,3 Liter) kostete um die 2,50 Dollar. Wir hatten wenig Zeit, so dass ich mir nicht in Ruhe die Etiketten anschauen konnte, und die Namen der meisten Biere sagten mir gar nichts. Auch gab es viele exotische Sorten, z.B. Schokoladen- oder Apfelbiere, mir war aber eher nach Gerste und Hopfen in seiner natürlichen Form als Pils. Ein Ale hätte es auch getan, aber dann verließ ich den Laden doch, ohne etwas zu kaufen.

Diese fast schon panische Angst vor dem Alkohol in allen seinen Spielarten ist schon merkwürdig. Man scheut ihn offenbar wie der Teufel das Weihwasser. High Fructose Corn Syrup scheint aber etwas Gutes zu sein, denn sonst würden nicht alle Lebensmittel den süßen Syrup aus biochemisch umgewandelter Maisstärke enthalten. Es ist fast unmöglich, eine Marmelade mit „richtigem“ Zucker zu finden (zumindest eine Industriemarmelade), oder – wenn es denn schon sein muss – eine Limonade, die übrigens in einer an Wahnsinn grenzenden Vielfalt zu finden ist. Wenn das Zeug wenigstens betrunken oder high machen würde, könnte man zumindest die körperlichen Schäden gegen die zu erwartende Rauschwirkung abwägen. Aber so holt mal sich einfach nur Diabetes. Schön saufen kann man sich die Welt damit jedenfalls nicht.

Richtig voll werden die Supermärkte eigentlich erst am Abend, aber dann, nach Sonnenuntergang, stürmen die Menschen wie auf ein geheimes Zeichen hin die Geschäfte. Schon damals, 2006 in Texas, fiel mir auf, dass sich Familien mit kleinen Kindern bevorzugt in den späten Abendstunden in den Supermärkten aufhalten. Hier in New Jersey ist es nicht anders. Zum Teil mag das daran liegen, dass es im Sommer am Tag oft unerträglich heiß ist. Es ist nicht zum Aushalten – man fühlt sich wie in einem Backofen. Im Grunde kann man den Sommer nur auf zweierlei Weise überstehen: in gut klimatisierten Räumlichkeiten oder in einer kühlen Seebrise am Antlantikstrand. Büros, Shoppingmalls und Wohnungen werden auf frostige 20 oder gar 18 Grad heruntergekühlt – eine Stunde im Supermarkt und man ist regelrecht unterkühlt und schlottert nur so vor Kälte. Wegen der ständigen Temperaturwechsel und wegen des andauernden Zugs aus der Klimaanlage ist mir schon die Nase zugeschwollen, aber anders lassen sich die Temperaturen einfach nicht aushalten.

Im Supermarkt begegnet einem der übliche Wahnsinn. Amerika ist ja vor allem eine Sitzkultur. Ich glaube, kein Volk hat die Sitzkultur so weit vorangetrieben wie die Amerikaner. Ein Wohnzimmersofa ist nicht nur irgendein Möbelstück, sondern der Mittelpunkt des Hauses, gewissermaßen die Schaltzentrale, von der alle Aktivität ausgeht, ja von der das Leben selbst seinen Anfang nimmt. Man kann nicht genau sagen, ob das Sofa die Verlängerung des Autos ist oder umgekehrt, jedenfalls muss ein echt amerikanisches Sofa mit Cupholdern und Mittelkonsole ausgerüstet sein; vor allem aber muss es groß sein – verglichen mit seinen europäischen Pendants einfach gigantisch groß.

Das neue Sofa unserer Gastfamilie liegt wie eine Endmoräne im Wohnzimmer. In die Cup-Halter passen XXL-Becher und das Aufbewahrungsfach in der Mittelkonsole ist so groß wie eine kleine Kühlbox; sämtliche Fernbedienungen verlieren sich darin geradezu. Die Auswirkungen der sitzenden Lebensweise kann man jeden Abend im Supermarkt betrachten. Dick zu sein, ist keine Ausnahme, etwas mollig ist fast jeder. Man sieht nur wenige dünne Menschen im Straßenbild. Erschreckend ist aber die Anzahl der wirklich massiv Übergewichtigen.

Schon auf dem Flug von Dublin nach New York fiel auf, dass sich einige unglaublich adipöse Personen unter die übrigen Passagiere gemischt hatten. Man darf zurecht annehmen, dass es sich um Amerikaner handelte. Ich war froh, dass ich nicht neben einen von ihnen sitzen musste – nicht, weil ich sie nicht leiden könnte oder weil ich etwas gegen Dicke hätte, sondern weil die Sitze schon für normalgewichtige Personen zu eng und zu unbequem waren. Jeder Zentimeter Ellenbogenfreiheit muss mühsam mit dem Sitznachbarn ausgehandelt werden. Ich hätte nicht gern neben jemanden sitzen wollen, der nicht in der Lage ist, Kompromisse zu machen.

New York

New York – diese Stadt hat einfach zu viel von allem: Menschen, Straßen, Autos, Geschäfte. Manhattan gleicht einer gigantischen Gefängniszelle, in der die Menschen auf engstem Raum zusammengepfercht sind. Ein bisschen fühlt man sich immer an „Flucht aus New York“ erinnert. Trotz eines gewissen Trash-Appeals kann man dem Film nicht absprechen, eine treffende Metapher auf die Zustände im Big Apple zu bieten, Snake Plissken als Tourist sozusagen. Wenn man am Time Square steht oder die Fifth Avenue herunterläuft, hat man wirklich den Eindruck, man befände sich im Zentrum der Welt. Hätte die Welt eines, wäre es mit Sicherheit New York. Das Gewirr der Sprachen, Kulturen und Ethnien ist einfach babylonisch. Die Vielfalt ist ungeheuer, man kann sich kaum sattsehen an all dem Neuen. Die Eindrücke, die wie ein Trommelfeuer auf den Besucher einprasseln, sind so überwältigend, dass die Sinne nach einem Tag Sightseeing so abgestumpft sind wie nach einem 24stündigen Feiermarathon in einem Techno-Club.

Man vergleicht Berlin immer mit New York, doch so sehr ich Berlin auch liebe – mit dem Big Apple kann es die Spreemetropole nicht aufnehmen. New York ist größer, lauter, verrückter als Berlin es je sein könnte. Eine Ähnlichkeit gibt es allerdings: New York wirkt wie Berlin auf Steroiden. Wäre die Stadt ein Wesen aus Fleisch und Blut, könnte es vor Kraft nicht mehr laufen und würde alle anderen schon durch seine schiere Größe erdrücken. Für Zugezogene erscheint Berlin schnell, manchmal zu schnell und die Berliner Kodderschnautze tut ein Übriges, um diesen Eindruck noch zu verstärkten, aber das Tempo in New York ist einfach nur brutal. Man hat den Eindruck, auch die innere Vereinsamung der Menschen ist viel weiter vorangeschritten als in Berlin. Jeder interessiert sich nur für sich selbst. Dafür hat die Stadt mit ihrer in den Himmel strebenden Architektur die Sphäre des Irdischen längst hinter sich gelassen. New York ist die Welt im Kleinen und eine Welt nach eigenem Recht.

Schon ein einziger flüchtiger Blick auf die Stadt lässt sie als das Maximumum dessen erscheinen, was für eine Stadt überhaupt nur möglich scheint. Nichts wird verschwendet, kein Raum bleibt ungenutzt. Manhattan ist voll von Menschen, Konsum und Geld. Die Straßen sind förmlich gepflastert mit Geschäften. Es ist fast unmöglich, nichts zu kaufen, denn die Auslagen sind derart verführerisch, dass man sofort zugreifen möchte. Die Preise sind jedoch alles andere als einladend. Unsere am Anfang prall gefüllte Reisekasse schrumpfte schneller als ein Ballon, dem man die Luft ablässt. Zwei Tüten Softeis aus dem Eiswagen schlugen mit 13 Dollar zu Buche. Dafür hätte ich in Berlin in meinem Lieblingseiscafe in den Potsdamer Arkaden den größten Schlemmereisbecher bestellen können. Der Hotdog ohne alles (nur mit Senf und Ketchup) kostet vier Dollar. Was soll’s – wann isst man schon mal einen Hotdog in New York! Mein Sohn, der ihn mit Genuss verspeiste, pries ihn als den besten Hotdog ever. Das will was heißen!

Schon die Fahrt nach New York war ein Abenteuer für sich: Als Berliner ist man es ja gewohnt, die öffentlichen Verkehrsmittel zu nutzen, mit denen die Stadt auch großzügig ausgestattet ist. New York ist übrigens eine von wenigen Städten in den USA, die über ein öffentliches Beförderungssystem verfügen, das diesen Namen auch wirklich verdient. In Dallas etwa gibt es nur ein paar Buslinien, welche die Stadt von einem Ende zum anderen verbinden. Man steht sich die Füße in den Bauch bis mal ein Bus kommt und die Fahrten dauern eine Ewigkeit. Wer Amerika bereist, braucht unbedingt ein Auto, denn dieses Land ist für Autos gebaut, nicht für Menschen.

Die Freunde, bei denen wir übernachteten, wohnen in Belleville, New Jersey. Am Anfang hatten wir noch keinen Mietwagen, mit dem wir nach New York hätten fahren können. Doch hinterher war ich ganz froh, dass wir nicht das Auto nahmen. Die Strecke hat es wirklich in sich: Man muss gefühlte zwanzigmal den Highway wechseln – Exit links, Exit rechts – und dabei auch noch auf den Verkehr achten, der zu jeder Tageszeit im besten Fall zähflüssig ist. Ich hätte auch gar nicht gewusst, wo ich den Wagen abstellen soll und bestimmt ist stundenlanges Parken nicht ganz billig. Ohne Navi ist man verloren und wann immer ich in amerikanischen Großstädten zu fahren gezwungen bin, preise ich den Erfinder dieser hilfreichen Technik als einen der Heroen der Menschheit.

Wir fuhren mit dem Zug von Silverlake nach Newark Penn Station. Von dort ging es weiter mit der Linie Richtung World Trade Center (WTC). In der Station Journal Avenue stiegen wir um in die Linie zur 33sten Straße. Wir glaubten uns schon verloren, aber dann hatten wir rein zufällig doch die richtige Linie bestiegen. Von Station 33ste Straße ging es zu Fuß weiter. Wir ließen uns im Stadtgetümmel treiben. Eigentlich wollte ich auf das Empire State Building, aber als ich erfuhr, wie viel eine Tour kostet, war mir die Lust vergangen. Jeder von uns dreien hätte 32 Dollar Eintritt bezahlen müssen und der Trip einmal hoch und wieder runter hätte anderthalb Stunden gedauert. Für sparten uns das Geld, dafür hätten wir uns viele Eistüten kaufen können.

Manhattan muss man zu Fuß erkunden. Mit dem Auto zu fahren, bietet keinen Komfort, weil man ständig gezwungen ist, sich auf den Verkehr zu konzentrieren. Als Fußgänger kann man sich im Grunde auch gar nicht verlaufen, denn die Straßen sind nach Art eines Rasters durchnummeriert. Ich habe mir dennoch einen kleinen Touristenstadtplan gekauft. Das Stück Papier ist so groß wie eine A4-Seite und kostete 4,50 Dollar. Wir schauten uns die New York Public Library an, Grand Central Station und das Rockefeller Center.

Mitten in Manhattan auf der Fifth Avenue begegneten wir zufällig Bekannten aus Berlin. Das deutsch-peruanische Paar und seine zwei Kinder machen in New York und in Miami Urlaub. Wie hoch ist wohl die Wahrscheinlichkeit, dass man seinem Nachbarn in Manhattan begegnet? Wir machten ein wenig Small-Talk mitten auf der Straße, während uns der Strom der Passanten umfloss wie die Flutwasser eine Insel. Sie verkündeten stolz ihren Entschluss, auf die Spitze des Empire State Building hinauffahren zu wollen. Ich nannte ihnen die Preise und die Ernüchterung trat augenblicklich ein. Schon nach kurzer Zeit trennten wir uns wieder und ein jeder verfolgte seinen eigenen ziellosen Kurs. Dass uns der Zufall noch einmal zusammenführt, halte ich für ausgeschlossen, auch wenn dafür eine mathematische Wahrscheinlichkeit bestehen mag.