Connecticut

Dieser Artikel ist Teil einer Serie von Posts, die auf einen einzelnen Blogpost unter dem Titel „Eine wahre amerikanische Odyssee“ zurückgehen. Siehe auch die Einleitung zu dieser Serie!

Niemand ist verletzt und der Wagen fährt auch noch – das sind gute Nachrichten. Ich hoffe, dass die Pechsträhne beendet ist, aber es muss bekanntlich erst noch schlimmer kommen, bevor es besser wird. So ein Unfall kann einen ganz schön durcheinanderbringen und auch wenn eigentlich nicht viel passiert ist – vor allem ist niemand zu Schaden gekommen –, strapaziert selbst so ein kleiner Zusammenstoß die Nerven mehr, als man es für möglich halten möchte.

Nach einer kurzen Pause fühle ich mich so weit hergestellt, dass wir die Reise fortsetzen können, zumal wir unsere Pläne nicht in letzter Minute ändern möchten. Denn eigentlich hält uns nichts mehr in New Jersey. Die Region gehört eher zu den langweiligeren Bundesstaaten und viele seiner Einwohner leben nur deshalb hier, weil sie sich die exorbitanten New Yorker Mieten nicht leisten können. Morgens sind die Vorortzüge mit Pendlern überfüllt und am Abend spielt sich dasselbe Drama in die entgegensetzte Richtung ab. Ich finde, es ist kein großes Versäumnis, den Staat nach ein paar Tagen schon wieder zu verlassen, und auch wollen wir Joao und Tere, bei denen wir kostenlos wohnen dürfen, nicht übermäßig zur Last fallen. Gäste im Haus können die Routine einer Familie ganz gehörig durcheinanderbringen. Wir haben den Eindruck, dass unsere Gastgeber wieder zur Ruhe kommen müssen. Uns aber treibt das Reisefieber.

Unser Ziel ist Newhaven in Connecticut. Dort hat die Yale University ihren Sitz und wir wollen diese berühmte Universität besuchen, um uns einmal selbst ein Bild von einer der berühmtesten Kaderschmieden Amerikas zu machen. Darüber hinaus soll Newhaven eine sehr schöne Stadt sein und schon deshalb lohnt sich die weite Reise. Auf dem Weg dorthin kommen wir durch Milford, ein Küstenstädtchen in Connecticut etwa zehn Kilometer vor unserem Ziel. Wenigstens einmal möchten wir zum Strand und dann bietet es sich auch an, gleich hier zu übernachten, denn die Hotels in der bekannten Universitätsstadt sind wahrscheinlich viel teurer als die Unterkünfte in dem unbedeutenden Milford. Am nächsten Tag wollen wir weiterfahren.

Milford wirkt heruntergekommen. Viele Bereiche der Innenstadt erscheinen regelrecht verwahrlost – die meisten Geschäfte sind geschlossen, Büros stehen leer und manche Fassade erweckt den Anschein, als ob sie dringend einer Auffrischung bedürfte. Das ist nicht das Amerika, das man von den Hochglanzseiten der Reiseprospekte kennt. Zu anderen Zeiten sah es hier gewiss ganz anders aus: Auf den Straßen die Menschen dicht gedrängt, die Geschäfte lohnend, die Büros voll mit Angestellten, die eifrig damit beschäftigt waren, Geld zu verdienen. Doch nun liegen weite Teile der Innenstadt wie verwaist und hier bei Dunkelheit unterwegs zu sein, ist wahrscheinlich nicht die klügste Idee, die man haben kann. Die Einsicht des Reisenden bleibt meist an der Oberfläche hängen und so ist sein Urteil direkt: Ich hatte den Eindruck, Milford sei eine sterbende Stadt, aber natürlich kann ich mich täuschen.

Carcrash

Dieser Artikel ist Teil einer Serie von Posts, die auf einen einzelnen Blogpost unter dem Titel „Eine wahre amerikanische Odyssee“ zurückgehen. Siehe auch die Einleitung zu dieser Serie!

Als wir durch Newark (New Jersey) fahren, will ich vor der Kreuzung die Spur wechseln. Die Linie der Fahrbahnbegrenzung ist noch nicht durchgezogen, der Verkehr ist auch nicht allzu dicht. Was sollte also schiefgehen? Ich leite den Spurwechsel mustergültig wie im Fahrschullehrbuch ein: Blinker setzen, Spiegel, Spiegel, Schulterblick – alles frei und los geht’s. Als ich nach rechts ziehe, schert plötzlich von hinten ein Wagen aus der anderen Spur mit sehr hoher Geschwindigkeit genau in die Spur ein, in dich ich auch gerade hineinlenke. Der andere sieht mich nicht und rammt mich in die Seite, dass es nur so kracht. Wir räumen die Kreuzung und klären die Sache abseits der Straße.

Der Schaden ist gering, nur ein paar Beulen sind zu sehen; beide Fahrzeuge sind absolut fahrtüchtig und verletzt wurde Gott sei Dank niemand. Der andere Fahrer regt sich furchtbar auf („My brand new car!“), flucht und ist ganz außer sich, doch er beruhigt sich so schnell, dass es einem schon komisch vorkommt. Und plötzlich wirkt er so entspannt, als hätte er sich eine Extrapackung Chillpills eingeworfen: „Shit happens.“ meint er achselzuckend.

Während wir unsere Daten über Fahrzeugpapiere und Versicherungen austauschen, fordert sein Beifahrer, der nun ebenfalls ausgestiegen ist, man solle die Polizei holen. Er macht, um es einmal vorsichtig auszudrücken, einen sehr desolaten Eindruck – unter anderen Umständen als diesen hätte ich vermutet, er habe Drogen genommen. Er trägt ein weißes Unterhemd über der Hühnerbrust und um seinen Hals baumeln mehrere dicke Goldketten. Auf dem Kopf hat er eine Cap wie es Gangsterrapper tragen. Und tatsächlich wirkt er auf mich wie die billige Kopie eines solchen.

Der Fahrer, der bis zu diesem Moment tiefenentspannt wirkte, zuckt kurz zusammen und verbietet seinem Kompagnon den Mund: Keine Polizei! Er zwingt ihn etwas unsanft auf den Beifahrersitz und dann hat er es auf einmal sehr eilig. Er steigt ins Auto und erklärt etwas gehetzt, er habe es sich anders überlegt und wolle nun doch zur Polizei; eine Polizeistation sei gleich da vorn. Ich könne ja folgen, meint er noch und gibt auch schon Vollgas. Sekunden später taucht er in den Verkehr und dann ist er plötzlich verschwunden.

Ich bleibe etwas perplex zurück. Später, bevor ich den Schaden der Autovermietung melde, sehe ich mir noch einmal seine Papiere an (mein Sohn hat mit dem Handy Fotos gemacht). Sein Auto ist nicht so neu, wie er behauptete, sondern in Wahrheit sechs Jahre alt und auch das Kennzeichen des Wagens auf dem Nummernschild stimmt nicht mit dem in den Papieren genannten Kennzeichen überein. Ich kann mir zwar keinen Reim darauf machen, aber ich habe das unbestimmte Gefühl, dass irgendetwas nicht ganz koscher ist.

Eine wahre amerikanische Odyssee

Als wir durch Newark fahren, will ich vor der Kreuzung die Spur wechseln. Die Linie der Fahrbahnbegrenzung ist noch nicht durchgezogen, der Verkehr ist auch nicht allzu dicht – was soll also schon schiefgehen? Ich leite den Spurwechsel mustergültig wie im Fahrschullehrbuch ein: Blinker setzen, Spiegel, Spiegel, Schulterblick – alles frei und los geht’s. Als ich nach rechts ziehe, schert plötzlich von hinten ein Wagen aus der anderen Spur mit sehr hoher Geschwindigkeit genau in die Spur ein, in dich ich auch gerade hineinlenke. Der andere sieht mich nicht und rammt mich in die Seite, dass es nur so kracht. Wir räumen die Kreuzung und klären die Sache abseits der Straße.

Der Schaden ist gering, nur ein paar Beulen sind zu sehen; beide Fahrzeuge sind absolut fahrtüchtig und verletzt wurde Gott sei Dank niemand. Der andere Fahrer regt sich furchtbar auf („My brand new car!“), flucht und ist ganz außer sich, doch er beruhigt sich so schnell, dass es einem schon komisch vorkommt. Und plötzlich wirkt er so entspannt, als hätte er sich eine Extrapackung Chillpills eingeworfen: „Shit happens.“, meint er achselzuckend. Während wir unsere Daten über Fahrzeugpapiere und Versicherungen austauschen, fordert sein Beifahrer, der nun ebenfalls ausgestiegen ist, man solle die Polizei holen. Er macht, um es einmal vorsichtig auszudrücken, einen sehr desolaten Eindruck – unter anderen Umständen als diesen hätte ich vermutet, er habe Drogen genommen. Er trägt ein weißes Unterhemd über der Hühnerbrust und um seinen Hals baumeln mehrere dicke Goldketten. Auf dem Kopf hat er ein Cap wie es Gängsterrapper tragen. Und tatsächlich wirkt er auf mich wie die billige Kopie eines solchen. Der Fahrer, der bis zu diesem Moment tiefenentspannt wirkte, zuckt kurz zusammen und verbietet seinem Kompagnon den Mund: keine Polizei! Er zwingt ihn etwas unsanft auf den Beifahrersitz und dann hat er es auf einmal sehr eilig. Er steigt ins Auto und erklärt etwas gehetzt, er habe es sich anders überlegt und wolle nun doch zur Polizei; eine Polizeistation sei gleich da vorn. Ich könne ja folgen, meint er noch und gibt auch schon Vollgas. Sekunden später taucht er in den Verkehr und dann ist er plötzlich verschwunden.

Ich bleibe etwas perplex zurück. Später, bevor ich den Schaden der Autovermietung melde, sehe ich mir noch mal seine Papiere an (mein Sohn hat mit dem Handy Fotos gemacht). Sein Auto ist nicht so neu, wie er behauptete, sondern in Wahrheit sechs Jahre alt und auch das Kennzeichen des Wagens auf dem Nummernschild stimmt nicht mit dem in den Papieren genannten Kennzeichen überein. Ich kann mir zwar keinen Reim darauf machen, aber ich habe das unbestimmte Gefühl, dass irgendetwas nicht ganz koscher ist.

Niemand ist verletzt und der Wagen fährt auch noch – das sind gute Nachrichten. Ich hoffe, dass die Pechsträhne beendet ist, aber es muss erst noch schlimmer kommen, bevor es besser wird: In Connecticut, wo wir der billigen Hotels und der schönen Strände wegen einige Tage zu verbringen beabsichtigen, besuchen wir einen Wendy’s Diner (die Schokoshakes sind große Klasse!). Als wir wieder abfahren, bekomme ich im Display die Meldung, dass der Luftdruck im hinteren rechten Reifen zu niedrig sei. Erst glaube ich, dass es sich um eine falsche Meldung handeln muss, aber das rote Licht ist so nervig, dass ich schließlich parke und nachsehe. Und tatsächlich, eine dicke Schraube hat sich durch den Mantel des Reifens gebohrt. Ich kann es sogar zischen hören. Da es schon zu spät ist und die Reifenshops bereits um 18:00 Uhr Feierabend machen, beschließe ich, bis zum nächsten Tag zu warten. Ich suche ein Geschäft für Autoteile auf und lasse mir vom Verkäufer, der so jung ist, dass er locker mein Sohn sein könnte, zu einem Dichtungsschaum raten. Ich fülle den Schaum ein und pumpe den Reifen an der Tankstelle noch einmal gut auf. Und tatsächlich, der Druck hält über Nacht. Am nächsten Morgen ist der Reifen immer noch prall gefüllt. Ich fahre los – nichts passiert -, doch kaum bin ich auf den Highway eingebogen, ist die Luft innerhalb weniger Sekunden aus dem Reifen entwichen und ich habe einen Platten. Ich nehme die erstbeste Ausfahrt und rette mich auf den Parkplatz einer Tankstelle.

Ich habe noch nie eigenhändig einen Reifen gewechselt, aber bekanntlich ist ja irgendwann immer das erste Mal. Das Aufziehen des Ersatzrades geht mir wider Erwarten so leicht von der Hand, als hätte ich mein ganzes Leben lang nie etwas anderes getan. Ein Reifen reicht aber fürs Erste und ich bin froh, als ich den Platten im Kofferraum verstaut habe. Anschließend frage ich den Angestellten des Tankstellenschops, ob ich mir die Hände waschen könnte und wir kommen ins Gespräch: Er sagt, er stamme aus Texas und sei eigentlich nur wegen seiner Frau nach Connecticut gezogen. Aber es gefalle ihm hier nicht. Das Leben sei viel zu hektisch und die Leute seien einfach zu kalt, nicht so wie in Texas. Er freut sich zu hören, dass wir drei Jahre in Texas gelebt haben. Ich sage ihm, dass es uns dort sehr gefallen hätte. Das scheint ihn irgendwie aufzumuntern. Er meint, er und seine Frau wollten fortziehen nach Westvirginia. Dort sei es viel ruhiger. Er spendiert uns noch einen Kaffee und dann fahren wir auf unserem nagelneuen Ersatzrad zum Reifenshop.


Man sollte annehmen, im Autoland USA wäre das Wechseln eines Reifens eine ganz simple Angelegenheit und ein Viertelstündchen müsste mehr als ausreichend sein, um den neuen Reifen aufzuziehen und nebenbei auch noch die anderen Reifen einmal herum zu rotieren – so jedenfalls war es mir aus Texas in Erinnerung geblieben. Nachdem wir dann aber drei Stunden im Tireshop gewartet hatten, beschied man uns, dass kein passender Reifen gefunden werden könnte. Wir sollten uns noch bis zum Abend gedulden – bis dahin würde man uns den passenden Reifen ganz sicher besorgt haben. Am Abend klingelte mich die Werkstatt an, um mir lapidar mitzuteilen, dass es in ganz Connecticut keine passenden Reifen für unseren Wagen gäbe – „Sorry about that.“ Ich setzte mich mit der Autovermietung in Verbindung: Ja, es sei schwierig, passende Reifen für dieses Modell (Chevrolet Malibu) aufzutreiben – als ob wir das nicht schon wüssten. Man bot uns stattdessen einen neuen Wagen an. Allerdings könnten wir das neue Auto nicht in Connecticut entgegennehmen. Vielmehr müssten wir uns bis nach Long Island bemühen.

Nach viertündiger Fahrt kamen wir endlich am McArthur-Airport in Long Island an, wo unser Ersatzauto auf uns wartete. Erschöpft, aber glücklich nahmen wir den neuen Wagen in Empfang. Unsere Frage, ob wir einen Discount erwarten könnten, weil wir doch so viel Zeit und Mühe aufwenden mussten nur wegen eines undichten Reifens, wurde mit der üblichen eingeübten Floskel abgewimmelt: Darum kümmere sich stets die Stelle, bei der das Auto ursprünglich angemietet wurde. Als ich dort anrief, erachtete man es nicht einmal für angemessen, dass ich mein Anliegen einem Mitarbeiter vortrug; man verband mich gleich mit der Mail-Box. Ich unterließ es, eine Nachricht zu hinterlassen.

Irgendwo im Nirgendwo finden wir einen Starbucks. Ich muss erst einmal meine Nerven beruhigen und so beschließen wir, eine kleine Rast einzulegen. Wir bestellen überteuerten Kaffee und einen viel zu teuren Chai latte, dazu nehmen wir noch etwas Kuchen, der auch zu teuer ist und nicht mal schmeckt. Wenigstens gibt es freies W-Lan. Ich buche unser Hotel für die Nacht und dann versuche ich, ein wenig zu entspannen und meinen Chai latte zu genießen, was mir aber nicht gelingen will, da er regelrecht mit Zimt kontaminiert ist (und an der Theke steht noch ein Streuer, aus dem man sich extra Zimt hineinschütten kann). Alles schmeckt nur noch nach Zimt, vom Tee keine Spur. Am Nebentisch sitzen ein paar Jungs, die mit viel zu großen Autos gekommen sind. Sie sind gebräunt wie Fitnessmodels, die Haare haben sie sorgsam frisiert, die Arme sind noch immer ordentlich aufgepumpt vom Workout im Gym. So posieren sie vor den Mädchen, die sie mitgebracht haben, um ihnen einen Kaffee auszugeben, und weil sie vielleicht auch auf mehr hoffen. Die Mädchen haben sich in ultrakurze Pants gezwängt; sie sitzen auf dem Schoß der Jungs und lachen über deren Witze und Neckereien – manche Dinge werden sich wohl niemals ändern, egal wie alt die Welt noch werden mag.

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New Jersey

In New Jersey, dem direkt an New York angrenzenden Bundesstaat, scheint so etwas wie ein schleichender Besitzerwechsel stattgefunden zu haben. Zwar sehen die Städte exakt so aus, wie man sich amerikanische Städte vorstellt – also ein bisschen eintönig und auswechselbar –, aber die Menschen, die darin leben, sind überwiegend Zugewanderte der ersten Generation und ihre Kinder, die bereits in den Staaten geboren wurden. Auf den Straßen, in den Shopping-Malls, an der Tankstelle, im Supermarkt, nahezu überall hört man fast nur noch Spanisch. Die in den USA Geborenen sprechen natürlich in der Regel beide Sprachen, aber für einen Spanisch-Muttersprachler besteht überhaupt keine Veranlassung, noch irgendeine Notwendigkeit, jemals Englisch zu sprechen. Man kommt überall mit Spanisch durch. Die Auslagen in den Geschäften, die Werbung, Anzeigen – alles ist zweisprachig beschriftet bzw. verfasst, wenn nicht gleich nur auf Spanisch. Es gibt spanischsprachiges Fernsehen und Zeitungen auf Spanisch. Manche der Einwanderer der ersten Generation sprechen auch nach Jahrzehnten in den USA nur sehr schlechtes Englisch, so dass man schon genau hinhören muss, um sie überhaupt zu verstehen.

Meiner Frau, die Spanisch als Muttersprache spricht, war das alles schon ein bisschen unheimlich. Selbst auf sie wirkte diese Entwicklung wie eine feindliche Übernahme. So lange wir uns nicht gerade direkt in Newark (wo es tatsächlich noch vorkommt, dass man Englisch spricht), sondern in den kleineren Städten drumherum aufhielten, musste sie sich nie der englischen Sprache bedienen. Natürlich hätte man auch Englisch sprechen können, aber auf Spanisch ging alles viel einfacher und schneller: Im Elektronikshop wurden wir selbstverständlich auf Spanisch bedient. Im Verlaufe des Verkaufsgesprächs stellte sich heraus, dass der Verkäufer Ecuadorianer ist oder vielmehr Sohn ecuadorianischer Eltern, die in die Staaten eingewandert sind. Bei Marshalls, einem Kaufhaus für Bekleidung und Wohungseinrichtungen, stammte der Verkäufer ebenfalls aus Ecuador oder jedenfalls seine Eltern. Er selbst ist in den USA geboren und somit Amerikaner, aber die kulturelle Herkunft prägt. Anders als in Texas versucht man nicht schamvoll zu verheimlichen, woher man selbst stammt oder die Eltern. Die Hispanics sind in weiten Teilen des Bundesstaates längst in der Mehrheit und müssen sich nicht mehr verstecken.

Beim Abflug aus den USA gab es am Flughafen Probleme und es schien einen bangen Moment lang fraglich, ob wir die Reise überhaupt fortsetzen könnten. Meine Frau, die die Tickets gebucht hatte, regelte schließlich alles, ohne auch nur einmal auf das Englische zurückgreifen zu müssen. Der Angestellte der Fluglinie, der uns eincheckte und uns sehr half, stammte übrigens – na, woher wohl? – aus Ecuador, und zwar aus Portoviejo, einem Ort, der in der Nähe der Heimatstadt meiner Frau liegt. Man verständigte sich schnell, denn man hatte in denselben Restaurants gegessen und dieselben Strände besucht. Ich fragte mich einen Augenblick lang, ob ich eifersüchtig sein sollte, aber dann wurde mir klar, dass er viel zu jung war – und zu nett, wirklich nett, nicht diese aufgesetzte Business-Freundlichkeit. Wir haben ihm viel zu verdanken. Hoffentlich bleiben wir in Kontakt.

Alles anders!

Der Alltag hat einen daran gewöhnt, die meisten Dinge als völlig normal zu erachten. Erst wenn man den gewohnten Standpunkt verlässt, wenn man gezwungen ist, die Welt aus einer anderen Perspektive zu betrachten, merkt man, dass es das „Normale“ eigentlich gar nicht gibt und vielleicht auch gar nicht geben kann. Wenn das, was man eben noch als normal empfand, plötzlich die Ausnahme ist, und die gewohnte Welt auf dem Kopf zu stehen scheint, begreift man, dass man einer Illusion erlegen war.

Der Kulturschock zeigt sich immer in den kleinen Dingen. Wie man es auch dreht und wendet – wir kommen nie über das hinweg, was wir einmal gelernt haben. Was uns einmal antrainiert worden ist, bleibt ein Leben lang der Maßstab, an dem wir alles messen müssen. Die Moral steckt uns in den Knochen und wir können sie nicht auf dieselbe Weise austreiben, wie sie uns eingetrichtert wurde. Ich habe bereits drei Jahre in Texas gelebt und glaubte daher, dass es nichts gäbe, was mich noch wirklich beeindrucken könnte. Aber manchmal irrt man eben.

In Belleville, New Jersey, (in der Nähe Newarks), wohnen wir bei Freunden meiner Frau. In der Nähe befindet sich ein Supermarkt, und da wir als Gäste nicht nur den Kühlschrank leeren wollen, ist schnell der Entschluss gefasst, wir müssten einkaufen gehen. Man kann den Supermarkt in ca. fünf Minuten zu Fuß erreichen und wir beschließen hinzulaufen – ein Kuriosum in einem Land, in dem selbst kürzeste Entfernungen mit dem Auto zurückgelegt werden. Drinnen erwartet uns eine unglaubliche Fülle an Lebensmitteln. Belleville liegt zwar weniger als eine Autostunde von New York entfernt, ist aber dennoch nur eine Kleinstadt, und eine ziemlich provinzielle dazu. Der Supermarkt aber ist, was die Reichhaltigkeit des Angebots betrifft, besser ausgestattet als die Masse der Berliner Verbrauchermärkte, ganz gleich, welcher Kette sie angehören. Es gibt einfach alles: Kochbananen, sogar in unterschiedlichen Reifegrade, getrocknete Chilis in verschiedenen Sorten, Mangos, Süßkartoffeln, Melonen. Insbesondere das Angebot an Obst und Gemüse ist überwältigend. Und auch alles übrige ist in solch einer überbordenden Fülle vorhanden, dass beim Einkaufen die Qual der Wahl der Normalzustand ist.

Die meisten Waren sind jedoch nicht gerade billig. Die Preise sind mit denen in Deutschland durchaus vergleichbar. Ich habe den Eindruck, es ist alles sogar noch teurer als in Berlin. Seit 2008, als wir Amerika verließen, hat die Preisschraube noch einmal deutlich angezogen. Ist das nun nur ein Eindruck oder tatsächlich eine Konsequenz der Geldpoliktik der FED, dem quantitative easing, was nichts anderes als eine gesteuerte Inflation bedeutet? Man fragt sich, wie die einfachen Leute überleben. Allerorten hört man von Zweit- oder Drittjobs, mit denen sich die Menschen notdürftig über Wasser halten.

Gestern sprach mich ein Mann auf der Straße an. Er versicherte mir, er wolle nichts Böses. Zum Beweis zeigte er mir seinen Führerschein – was auch immer das beweisen mochte. Stattdessen bot er mir zwei Bruce-Lee-DVDs zum Kauf an. Ich log, ich sei kein großer Fan von Bruce Lee, denn ich wollte die DVDs auf keine Fall kaufen. Ich fragte ihn stattdessen, ob ich ihm sonst irgendwie helfen könnte. Ein bisschen Geld für den Bus wäre nicht schlecht, meinte er. Er habe nur das, was er bei sich hätte und sonst nichts (außer seinen Sachen schien er nichts zu besitzen). Ich gab ihm alles, was ich an Kleingeld in den Taschen hatte und er zog dankbar in die Nacht. Ich kam mir ganz schlecht dabei vor, ihn einfach so gehen zu lassen.

Unsere Reisekasse war zu diesem Zeitpunkt noch gut gefüllt und wir hielten uns mit Einkäufen im Supermarkt nicht zurück. Am Ende wollte ich noch etwas Bier kaufen, denn Wasser allein löscht bekanntlich nicht den Durst. Ich war ein wenig schockiert zu erfahren, dass die Supermärkte keine alkoholischen Getränke verkaufen. Vielleicht ist diese Regelung ein archaisches Überbleibsel aus der Zeit der Prohibition, vielleicht will man Jugendliche davor schützen, sich auch noch der letzten funktionsfähigen Gehirnzellen zu entledigen, vielleicht wollen radikale Abstinenzler einfach nur den ganzen Bundesstaat terrorisieren – ich weiß es nicht. Joao, unser Gastgeber, ist erstaunt, dass ich etwas anderes erwartet habe und meint bloß, wenn wir Bier kaufen wollten, müssten wir mit dem Auto zehn Minuten weit fahren, zu einem speziellen Laden. Das wäre angeblich kein Liquor-Store. New Jersey versucht sich doch nicht etwa am schwedischen Modell? Ich nehm’s so hin; durch die Gegend zu fahren, habe ich keine Lust, zumal mir Joao am Tag zuvor erzählte, dass die Gegend fünf Straßen weiter ein ganz übles Pflaster sei.

Ich grübelte noch lange, welchen Sinn es haben könnte, Bier aus dem Supermarkt zu verbannen, zumal in einigen Bundesstaaten jeder, der Alkohol kauft, einen Adult-Check über sich ergehen lassen muss, ganz gleich wie alt er wirklich ist (und wie alt er aussieht). Eine vernünftige Antwort fällt mir nicht ein. Ich brauche ein Bier, um meine Hirnzellen anzukurbeln. Joao hat eine Coronita im Kühlschrank, die er mir, als der warmherzige Mensch, der er ist, sofort mit einem strahlenden Lächeln serviert. Eine Coronita ist eine kleine Corona extra, nur ein Shot in einer winzigen Flasche, zu leeren in einem einzigen Zug. Ich genieße das kalte Bier nach einem langen heißen Tag.

Einige Tage später haben wir dann tatsächlich Gelegenheit, ein Weingeschäft aufzusuchen. Wir waren die einzigen Kunden in dem auf winterliche Temperaturen gekühlten Geschäft, das eher an eine große Lagerhalle denn an eine gediegene Weinhandlung erinnerte. Die Auswahl war wirklich sehr gut, viele Qualitätsweine fanden sich darunter, aber meine Frau hatte sich nun einmal in den Kopf gesetzt, ihren Freunden ein ganz besonderes Geschenk zu machen: Es sollte ein deutscher Eiswein sein und nichts anderes. Da die Weine nicht mehr in den Koffer passten, waren wir also gezwungen, ein paar Flaschen hier in Amerika zu kaufen. Eiswein hatten sie leider nicht und ich bezweifele, dass der Angestellte, der ein wenig wie der Comic-Guy aus den Simpsons aussah, sich überhaupt vorstellen konnte, was wir meinten. Er zeigte uns einen kanadischen „Ice wine“, was immer das sein sollte. Als ich den Karton mit der Flasche aus dem Regal nahm, um ihn mir genauer anzusehen, wäre mir fast ein Malheur passiert. Mehrere Flaschen fielen um; zum Glück ging nichts zu Bruch.

Am Ende entschieden wir uns für zwei Flaschen Riesling von der Mosel, ein Wein süß, der andere trocken ausgebaut. Ich glaube, wir haben eine gute Wahl getroffen. Jedenfalls kann man mit einem deutschen Qualitäts-Riesling nicht wirklich etwas falsch machen. Als wir schon gehen wollten, entdeckte ich noch eine kleine, aber wohlbestellte Abteilung mit Craft-Bieren. Eine Flasche (0,3 Liter) kostete um die 2,50 Dollar. Wir hatten wenig Zeit, so dass ich mir nicht in Ruhe die Etiketten anschauen konnte, und die Namen der meisten Biere sagten mir gar nichts. Auch gab es viele exotische Sorten, z.B. Schokoladen- oder Apfelbiere, mir war aber eher nach Gerste und Hopfen in seiner natürlichen Form als Pils. Ein Ale hätte es auch getan, aber dann verließ ich den Laden doch, ohne etwas zu kaufen.

Diese fast schon panische Angst vor dem Alkohol in allen seinen Spielarten ist schon merkwürdig. Man scheut ihn offenbar wie der Teufel das Weihwasser. High Fructose Corn Syrup scheint aber etwas Gutes zu sein, denn sonst würden nicht alle Lebensmittel den süßen Syrup aus biochemisch umgewandelter Maisstärke enthalten. Es ist fast unmöglich, eine Marmelade mit „richtigem“ Zucker zu finden (zumindest eine Industriemarmelade), oder – wenn es denn schon sein muss – eine Limonade, die übrigens in einer an Wahnsinn grenzenden Vielfalt zu finden ist. Wenn das Zeug wenigstens betrunken oder high machen würde, könnte man zumindest die körperlichen Schäden gegen die zu erwartende Rauschwirkung abwägen. Aber so holt mal sich einfach nur Diabetes. Schön saufen kann man sich die Welt damit jedenfalls nicht.

Richtig voll werden die Supermärkte eigentlich erst am Abend, aber dann, nach Sonnenuntergang, stürmen die Menschen wie auf ein geheimes Zeichen hin die Geschäfte. Schon damals, 2006 in Texas, fiel mir auf, dass sich Familien mit kleinen Kindern bevorzugt in den späten Abendstunden in den Supermärkten aufhalten. Hier in New Jersey ist es nicht anders. Zum Teil mag das daran liegen, dass es im Sommer am Tag oft unerträglich heiß ist. Es ist nicht zum Aushalten – man fühlt sich wie in einem Backofen. Im Grunde kann man den Sommer nur auf zweierlei Weise überstehen: in gut klimatisierten Räumlichkeiten oder in einer kühlen Seebrise am Antlantikstrand. Büros, Shoppingmalls und Wohnungen werden auf frostige 20 oder gar 18 Grad heruntergekühlt – eine Stunde im Supermarkt und man ist regelrecht unterkühlt und schlottert nur so vor Kälte. Wegen der ständigen Temperaturwechsel und wegen des andauernden Zugs aus der Klimaanlage ist mir schon die Nase zugeschwollen, aber anders lassen sich die Temperaturen einfach nicht aushalten.

Im Supermarkt begegnet einem der übliche Wahnsinn. Amerika ist ja vor allem eine Sitzkultur. Ich glaube, kein Volk hat die Sitzkultur so weit vorangetrieben wie die Amerikaner. Ein Wohnzimmersofa ist nicht nur irgendein Möbelstück, sondern der Mittelpunkt des Hauses, gewissermaßen die Schaltzentrale, von der alle Aktivität ausgeht, ja von der das Leben selbst seinen Anfang nimmt. Man kann nicht genau sagen, ob das Sofa die Verlängerung des Autos ist oder umgekehrt, jedenfalls muss ein echt amerikanisches Sofa mit Cupholdern und Mittelkonsole ausgerüstet sein; vor allem aber muss es groß sein – verglichen mit seinen europäischen Pendants einfach gigantisch groß.

Das neue Sofa unserer Gastfamilie liegt wie eine Endmoräne im Wohnzimmer. In die Cup-Halter passen XXL-Becher und das Aufbewahrungsfach in der Mittelkonsole ist so groß wie eine kleine Kühlbox; sämtliche Fernbedienungen verlieren sich darin geradezu. Die Auswirkungen der sitzenden Lebensweise kann man jeden Abend im Supermarkt betrachten. Dick zu sein, ist keine Ausnahme, etwas mollig ist fast jeder. Man sieht nur wenige dünne Menschen im Straßenbild. Erschreckend ist aber die Anzahl der wirklich massiv Übergewichtigen.

Schon auf dem Flug von Dublin nach New York fiel auf, dass sich einige unglaublich adipöse Personen unter die übrigen Passagiere gemischt hatten. Man darf zurecht annehmen, dass es sich um Amerikaner handelte. Ich war froh, dass ich nicht neben einen von ihnen sitzen musste – nicht, weil ich sie nicht leiden könnte oder weil ich etwas gegen Dicke hätte, sondern weil die Sitze schon für normalgewichtige Personen zu eng und zu unbequem waren. Jeder Zentimeter Ellenbogenfreiheit muss mühsam mit dem Sitznachbarn ausgehandelt werden. Ich hätte nicht gern neben jemanden sitzen wollen, der nicht in der Lage ist, Kompromisse zu machen.