Kondore und Menhire

In der Nähe Otavalos gibt es eine Reihe lohnender Sehenswürdigkeiten. Nachdem wir den Lechero gesehen, seine Aura gespürt und uns durch Berührung einen Teil seiner kosmischen Energien einverleibt hatten (ich fühlte mich aufgeladen wie eine Duracell), war es höchste Zeit, einem anderen und weit berühmteren Mythos der Anden unsere Aufwartung zu machen – dem Kondor.

Die Menagerie mit den majestätischen Vögeln liegt ganz in der Nähe des Lechero und man kann sie mit dem Auto in ein paar Minuten erreichen. Obwohl die Straße gut ausgeschildert ist, so dass man erwarten könnte, Touristen würden leicht in den Kondorpark finden, hatte sich an diesem Tag nur ein kleines Häuflein Interessierter zu den Volieren verirrt. Der Parkplatz vor dem Eingang war leer und so hegten wir keine großen Erwartungen. Doch wieder einmal mussten wir uns belehren lassen, dass der Geschmack der Masse nie ein verlässlicher Gradmesser dafür ist, welche Orte es zu besuchen lohnt und welche nicht. Würden allein Besucherzahlen entscheiden, müsste man sämtliche Museen schließen und die Zahl der Shopping-Malls verzehnfachen.

Der Parque el Condor ist eine jener unscheinbaren Attraktionen, die ihr Geheimnis erst auf den zweiten Blick preisgeben. Wenn man die Anlage betritt, hat man zunächst den Eindruck, man befinde sich in einem botanischen Garten – überall leuchten einem Blüten in schwelgerischer Pracht aus den schön angelegten Beeten und Rabatten entgegen. Wege, die wie die alten Inkapfade mit unbehauenen Steinen gepflastert sind, führen den Besucher durch einen üppigen Paradiesgarten.

Es herrscht so wenig Besucherverkehr, dass die Pförtnerin für jeden Ankömmling einzeln aus ihrer Pförtnerloge herauskommt, das Eintrittsgeld entgegennimmt und die Gäste mahnt, die Parkordnung einzuhalten. Nachdem man das Eingangstor durchschritten hat, findet man sich in einer romantischen Idylle aus einsamen Wegfluchten und schattigem Grün. Aus dem allgegenwärtigen Blattwerk funkeln Blüten gleich seltenen Edelsteinen. Ein berückendes Panorama, eine Komposition aus dem Fels der Berge und dem Grün der Täler, umgibt den Park wie die Mauern, die einst das Paradies beschirmten. Man kann ganz in die Stille dieses Ortes eintauchen und sich an die Besinnlichkeit verlieren, die einen befällt, wenn man nur lange genug auf den einsamen Wegen wandelt. Fast immer ist man allein. Anderen Besuchern begegnet man selten.

Gleich hinter dem Eingang befindet sich ein Ausstellungsraum, der den Besucher über die Lebensgewohnheiten der Vögel, über die Arten, die man in Ecuador findet, und über Raubvögel bzw. Aasfresser im Besonderen informiert. In einer Vitrine kann man die Schwungfeder eines Kondors bestaunen: Vom Federkiel bis zur Spitze misst sie mindestens einen Meter. Wir konnten es kaum erwarten, den großen Vögeln in natura zu begegnen.

Nachdem wir eine Weile auf den labyrinthischen Wegen durch den Park spaziert waren, kamen wir an die ersten Volieren. Der Vogelpark hält ausschließlich Raubvögel oder Geier. Meist hocken die großen Vögel unbeweglich auf ihren Horsten oder krallen sich an Stangen oder Baumstämme. Von den Besuchern, die vor den Gittern vorbeiziehen und die manchmal versuchen, die Tiere durch Winken oder Zurufen aus der Reserve zu locken, nehmen sie in der Regel keine Notiz. Sicher erscheinen ihnen die Menschen als zu uninteressant, als dass sie ihre Aufmerksamkeit an sie verschwenden würden. Das Gefieder mancher der Tiere gibt ihnen so gute Deckung, dass man sie vor einem natürlichen Hintergrund kaum ausmachen kann. Es gibt ein kleines Freilufttheater, in dem Falkner Flugvorführungen veranstalten, so dass man die Vögel auch einmal in Aktion erlebt. Die nächste Vorführung sollte in drei Stunden stattfinden, doch so lange wollten wir dann doch nicht warten.

Dann standen wir vor dem Gehege der Kondore. Das Vogelhaus war ziemlich groß, aber für die gewaltigen Vögel kaum groß genug. Sie konnten von den Felsen im hinteren Teil abheben und mit Mühe ein paar Meter durch die Luft gleiten, ehe sie das Gitter auffing. Man hatte ein Pärchen zusammen in die Voliere gesperrt. Während das Männchen ununterbrochen vor seiner Partnerin balzte und versuchte, ihre Aufmerksamkeit zu erregen, zeigte Madame ihm im wahrsten Sinne des Wortes die kalte Schulter. Sie war nicht im Mindesten an seinen Offerten interessiert. Wenn sie sich zu sehr bedrängt fühlte, ließ sie sich von den Felsen gleiten und landete dann auf dem Boden – so weit entfernt von ihm, wie es das enge Gehege nur zuließ.

Nur einmal sah ich das Männchen in seiner ganzen Pracht mit voll entfalteten Schwingen. Als es seiner Partnerin nachsetzte, hob es ab und landete mit ausgebreiteten Flügeln in den Gittern der Voliere. Das sind wahrhaft gewaltige Tiere. Mit ausgestreckten Schwingen wirkt so ein Kondor bedrohlich wie ein riesiger schwarzer Schatten und ein wenig ist man froh darüber, dass die Vögel sich ausschließlich an Aas nähren. Die Flügel sind wie ein Dach – ein Mensch könnte sich bequem unter eine Schwinge legen und wäre beschützt. Was für majestätische Vögel – kein Wunder, dass der Kondor im ecuadorianischen Staatswappen seinen Platz gefunden hat. Bemerkenswert ist einzig die Tatsache, dass man ihm diese Ehre zugesteht, obwohl er ein Aasfresser ist, wie man sie doch sonst nicht sonderlich schätzt.

Sitzend war das Männchen sicher so hoch wie ein fünfjähriges Kind. Mit angelegten Flügeln sah es ein bisschen so aus wie ein glatzköpfiger alter Mann in einem viel zu großen schwarzen Mantel. Doch ihre wahre Grazie zeigen die majestätischen Vögel erst in der Luft, wenn sie scheinbar schwerelos über den Andenhimmel gleiten. Leider sind sie in freier Wildbahn fast ausgestorben: In den Tälern finden sie kaum noch Aas, von dem sie sich nähren könnten, und Umweltgifte machen ihrer Brut zu schaffen. Außerdem wird ihr Lebensraum immer weiter eingeschränkt, denn die Bevölkerung in den Bergen nimmt zu. Immer neue Straßen führen selbst bis in die entlegensten Regionen und Menschen stören die Ruhe des einsamen Herrschers dieser kalten, schweigenden Welt.

Der Park ist keine solch spektakuläre Attraktion wie Ingapirca oder das einmalige koloniale Ensemble aus Kirchen und Klöstern in Quitos Altstadt. Doch man muss in Ecuador schon über jeden Ort der Schönheit froh sein und darf sich glücklich schätzen, dass es überhaupt Orte im Land gibt, die eigens dazu geschaffen wurden, die Sinne zu erfreuen. Noch vor nicht allzu langer Zeit wäre wohl keine Regierung auf die Idee gekommen, Geld für Projekte auszugeben, die keinen unmittelbaren praktischen Nutzen versprechen. Der Gedanke, einen Ort zu schaffen, an dessen Schönheit sich die einfachen Menschen erfreuen können, war den Eliten dieses Landes so fremd wie die Vorstellung, dass ihre Steuern dazu dienen könnten, öffentliche Ausgaben zu bestreiten (wenn man sich überhaupt dazu herbei ließ, Steuern zu zahlen). Wer nur wohlhabend genug war, schuf sich stattdessen sein eigenes kleines Paradies hinter den Mauern seines Anwesens. Der Gegensatz zwischen der Unansehnlichkeit der meisten Städte auf der einen und der Schönheit vieler teurer Privatresidenzen auf der anderen Seite könnte nicht größer sein.

Mitten im Park begegnet einem ein kreisrunder Platz. Der Bezirk ist mit Natursteinen gepflastert und die Himmelsrichtungen sind nach Art einer Kompassrose als schnurgerade Linien von helleren Steinen eingelegt. Der aufmerksame Beobachter findet nicht nur die Himmelsrichtungen, sondern auch die Punkte der Tagundnachtgleiche und der Sonnenwenden markiert. Im Zentrum aber steht hoch aufgerichtet wie ein Menhir ein massiver Monolith.

Obwohl dieser Platz sicher erst vor wenigen Jahren angelegt wurde, kann man sich durchaus nicht des Eindrucks erwehren, man befinde sich an einem Ort uralter heidnischer Frömmigkeit, wo bärtige Priester die Gestirne beobachten und Versammlungen heiliger Männer und Frauen die Zäsuren des Lebens verkünden. Und in dem Monolithen im Zentrum scheinen sich wie im Fokus eines kosmischen Brennglases die Schwingungen der Himmelssphären zu bündeln. An diesem Ort, der Mitte des Universums, heben sich die Sphärenklänge gegenseitig auf und wie im Auge eines Orkans herrscht vollkommene ätherische Stille. Die Schöpfer des Platzes kennzeichneten diesen Ort wie die Frommen vor Tausenden von Jahren: Sie richteten einen Monolithen auf, zum Zeichen, dass sich hier der Nabel der Welt befinde.

Nach dieser Überdosis romantischer Schwärmerei fühlte ich mich schon fast in andere Sphären entrückt. Mein kritischer Verstand war sicher stark in Mitleidenschaft gezogen, denn überraschenderweise erklärte ich mich einverstanden, an diesem Tag auch noch die Wasserfälle von Peguche zu besuchen. Ich kann nur hoffen, dass der esoterische Tieftauchversuch keine größeren Schäden an meinem rationalen Urteilsvermögen angerichtet hat. Ich glaube, nur schwere Trunksucht könnte die Synapsen noch stärker schädigen.

El Lechero

Wenn man der Panamericana von Quito aus nach Norden folgt, gelangt man in ca. neunzig Minuten nach Otavalo. Otavalo ist berühmt für seinen traditionellen Markt, der an jedem Wochenende in der Stadt abgehalten wird und auf dem man vor allem schöne Webarbeiten kaufen kann. Die meisten Touristen nutzen die Gelegenheit, um sich einen Poncho zuzulegen, denn im allgemeinen Bewusstsein gibt es kein Kleidungsstück, das typischer für die Andenregion wäre als der bunte Wollumhang (Typisch für die Küste ist der Hut aus Toquilla, der landläufig – jedoch fälschlicherweise – als Panamahut firmiert).

So ein Poncho ist wirklich ein schönes Kleidungsstück, aber ich bezweifle, dass man damit irgendwo in Europa Eindruck schinden könnte. Zwar würde man kaum Aufsehen erregen, wenn man, ausstaffiert wie ein Hochlandbewohner, in Berlin auf die Straße ginge, in einer Stadt, die an Merkwürdigkeiten jeglicher Art gewöhnt ist, aber so ganz passt man natürlich doch nicht ins Bild. Hier in Ecuador habe ich noch nie jemanden einen Poncho tragen sehen. Ich vermute, dieses traditionelle Kleidungsstück steht in der Vorstellung der meisten Menschen für Bäuerlichkeit, Rückständigkeit und Armut. In einem Land wie Ecuador mit einem so ausgeprägten Klassenbewusstsein und einem starken Bedürfnis nach gesellschaftlicher Anerkennung möchte natürlich niemand für einen Campesino, einen Bauern, gehalten werden.

Wir haben uns trotzdem Ponchos gekauft, denn schließlich wird uns in Berlin kaum jemand für Landeier halten. In unserer Berliner Wohnung ist es im Winter oft unangenehm kalt und selbst wenn man die Heizung bis zum Anschlag aufdreht, wird es nie mollig warm. Mit so einem Poncho bleibt man warm, auch ohne dass man sich gleich durch exorbitante Heizkosten ruinieren müsste. Ich habe das Kleidungsstück einmal zur Probe getragen. Wenn ich den vorderen Saum über die Schulter werfe, sehe ich fast so lässig aus wie Clint Eastwood in „Für eine Handvoll Dollar“. Den Poncho zurückzuschlagen hat den Vorteil, dass man die Hände frei hat (im Falle Eastwoods die Schusshand). Der Poncho ist aus dicker Alpaka-Wolle gewebt und damit würde man selbst im kältesten Berliner Winter nicht frieren. Auch wenn ich mir in meinem neuen Poncho ziemlich cool vorkomme, sehe ich vielleicht doch lieber davon ab, ihn auf der Straße zu tragen.

Wir waren diesmal nicht nach Otavalo gekommen, um den Markt zu besuchen – Ponchos hatten wir ja schon –, sondern einer anderen Attraktion wegen: Wir wollten zum Lechero. Ehrlich gesagt, weiß ich bis heute nicht, was es damit auf sich hat. Der Lechero ist ein Baum, in der Vorstellung der Einheimischen sogar ein Wunderbaum. Welche Art Wunder der Besucher allerdings erwarten darf, bleibt ein Geheimnis. Gleichermaßen geheimnisumwittert ist, was es mit dem merkwürdigen Namen auf sich hat, denn „Leche“, von dem er offenbar abgeleitet ist, bedeutet „Milch“.

Die Geschichten, die man sich in den Tälern der Anden auch heute noch erzählt wie schon vor Jahrtausenden, sind tief in das kulturelle Gedächtnis der Bewohner des andinen Raumes eingegraben. Traditionen reichen oft bis in eine mythische Zeit zurück. Niemand weiß, wo die Anfänge liegen – im Bewusstsein der Menschen waren die Mythen und die Geschichten, in denen von ihnen berichtet wird, schon immer da. Und auch heute noch spürt man die Macht des Numinosen und man huldigt ihr fast auf dieselbe Weise wie die Vorfahren.

Doch die Menschen haben vergessen, wie die Mächte, die sie ehren, in die Welt kamen, wo ihr Ursprung liegt und woher ihre Kraft stammt. Manchmal wissen sie nicht einmal mehr, was ihr Name bedeutet, aber dennoch bezeugen sie ihnen Verehrung, ganz so, wie man die Kräfte der Natur beachten müsste, auch wenn man nicht wüsste, dass es sie gibt (ich kann freilich so tun, als gäbe es keine Gravitation, aber spätestens, wenn ich die Treppe herunterfalle, bin ich gezwungen anzuerkennen, dass Schwerkraft tatsächlich existiert). Man weiß, dass der Lechero ein besonderer Ort ist, doch Jahrhunderte brutaler Unterdrückung und christlichen Glaubenseifers haben die Menschen vergessen lassen, worin der Quell seiner Macht liegt.

Nicht weit unterhalb Otavalos liegt die Laguna San Pablo. Wenn man sich der Stadt auf der Panamericana von Süden nähert, sieht man im Osten plötzlich die Wasserfläche wie einen Spiegel aus poliertem Stahl zwischen den geschwungenen Flanken der Berge liegen. Häuser stehen am Ufer des ruhigen Sees gleich Streichholzschachteln. Wir haben die beschauliche Laguna de San Pablo schon einmal ganz umrundet – am jenseitigen Ufer gibt es nur schlechte Straßen und winzige Dörfer ohne jede touristische Infrastruktur. Wer dort ein Restaurant vermutet, von dem noch kein Reiseführer weiß, oder ein verstecktes Café, in dem er in authentischen Genüssen schwelgen kann, sucht vergeblich. Es gibt Cabañas (kleine Ferienbungalows) am Seeufer, aber die Ruhe, die man dort findet, ist wahrscheinlich so vollständig, dass man schon nach drei Tagen den Verstand verliert.

Am westlichen Ufer steht ein Restaurant, das in den See hineinwächst als würde es jeden Augenblick auf seinen Stelzen übers Wasser schreiten. An diesem Tag hatte das Lokal geöffnet und in einer Ecke des Parkplatzes drängten sich die Autos der Gäste wie Schafe, die versuchen, vor dem Hütehund Reißaus zu nehmen. Das Seeufer machte einen viel lebendigeren Eindruck als bei unserem ersten Besuch: Ausflugsboote legten von der Anlegestelle des Lokals ab und tuckerten gemächlich über den See. Touristen – alle ausnahmslos Ecuadorianer – spazierten am Ufer entlang und stellten sich für ein paar schnelle Fotos vor dem See in Position. Enten quakten aufgeregt, wenn die Boote sie vom Steg vertrieben. Die Sonne schien. Das Restaurant war gut besucht und als der Kellner mich sah, winkte er mich herein. Es war noch zu früh, um zu Mittag zu essen, und außerdem wollten wir zum Lechero.

Die Menschen haben ihr Leben in der Talniederung zwischen den Bergen eingerichtet. Wiesen und Felder liegen lieblich in der Sonne und der Flickenteppich menschlicher Tätigkeit strebt die Hänge hinauf, als wollte er selbst noch die Gipfel erobern. Der Landbau hört erst dort auf, wo das Terrain so steil ist, dass man selbst zu Fuß kaum noch vorwärtskäme.

Ein Feldweg windet sich durch die bestellte Flur und führt dann um einen Berg herum, dessen Kuppe sanft wie ein Hügelgrab gewölbt ist. Wir ließen den Wagen kurz hinter der Abzweigung stehen, die den Berg an seiner Flanke umläuft, denn die Straße war an dieser Stelle so schmal, dass es unmöglich war zu wenden, ohne den Hang hinunterzurollen. Das restliche Stück gingen wir zu Fuß.

Auf der flachen Kuppe wächst Rasen und ein lichter Hain bildet Spalier um den Gipfel gleich einer dünnen Tonsur. Die Wölbung des Berges ist so flach und ebenmäßig, dass man den Eindruck hat, man spaziere über eine Rasenkugel von den Dimensionen einer Welt wie im „Kleinen Prinzen“. Und dann hatten wir den Hügel fast erklommen und wir sahen den Lechero, der hinter dem gekrümmten Horizont der Bergkuppe wie eine Verheißung emporwuchs.

Atemlos vom Aufstieg verharrten wir am Gipfel. Auf der Spitze steht der Lechero, solitär und unangefochten wie ein lebendiges Kultbild. Ich könnte behaupten, dies wäre nur ein gewöhnlicher Hügel mit einem alten, knorrigen Baum darauf, und doch drängt sich einem der Eindruck auf, man befinde sich an einem sakralen Ort. Tatsächlich glaubt man so etwas wie eine Magie zu spüren oder die Aura des Genius loci.

Vielleicht zogen einst Prozessionen zu dieser Weihestätte, um den numinosen Mächten Verehrung zu erweisen und vielleicht auch, um ihnen Opfer darzubringen. Wurde einst Blut vergossen, um die geheimnisvollen Mächte dieses Ortes gnädig zu stimmen? Ich glaube nicht, aber meine Phantasie malt mir eine kultische Massenorgie mit Strömen von Blut aus. Der Lechero aber steht still und friedlich auf seinem Hügel und schweigt. Niemand wird das Geheimnis je lüften (Ich glaube, ich habe mir die Indiana-Jones-Reihe viel zu oft angeschaut).

Der Blick reicht weit: Felder und Weiden erstrecken sich bis in den letzten Winkel dieses Stücks Schöpfung und sinken dann hinter den Horizont. Die Welt liegt vor einem wie ein Schachbrett und mit der Hybris, die dieser euphorische Augenblick heraufbeschwört, ist es möglich zu glauben, wie die alten Götter könnte man jeden Zug der Menschen sehen, die winzig wie Mikroben in den Tälern wimmeln.

Im Vergleich zu den Bergen ringsherum ist der Berg, auf dem der Lechero steht, winzig. Man könnte ihn fast für einen Hügel halten, und dennoch scheint es, man blicke vom Gipfel eines Weltberges auf die Erde herab. Ströme kosmischer Energien kreuzen sich in den Wurzeln des Baumes und konzentrierten sich in den Säften unter der zernarbten Rinde. Wenn man die Hand auf die rissige Borke legt, fühlt man etwas auf sich übergehen, als würde man von einem leibhaftigen Heiligen berührt.

Besorgte Denkmalschützer haben die Kuppe des Hügels weiträumig mit einem Zaun abgesperrt, doch in guter alter anarchistischer Tradition hat man die Zaunpfähle einfach umgeworfen. Das Bedürfnis, den Baum anzufassen, ist so stark, dass man sich auch durch Zäune nicht davon abbringen lässt. Wahrscheinlich sind es archaische Traditionen, welche die Menschen glauben lassen, dass die Kraft des Lechero auf einen übergehe, wenn man ihn berührt. Freilich habe auch ich meine Hand auf den Stamm gelegt. Man kann noch so viele vernünftige Gründe dagegen anführen – selbst als durch und durch rationaler Mensch fällt es schwer, der Versuchung zu widerstehen. Es scheint, manch einer hat der wundersamen Kraftübertragung ein wenig nachgeholfen, indem er seine Initialen in die Rinde schnitzte.

Wir fragten Leute, welche Bewandtnis es mit dem Lechero habe, doch kein einziger konnte uns irgendetwas Nützliches dazu sagen, obwohl doch alle in der Gegend zu wohnen schienen. Einige machten Picknick auf der Wiese unterhalb des Baumes und gerade fand eine Rotkreuz-Übung mit hundert Teilnehmern statt. Warum man sich ausgerechnet diesen Ort dazu ausgesucht hatte, bleibt rätselhaft. Vielleicht hoffte man auf die reanimierende Wirkung, die von den Energiefeldern des Wunderbaumes ausgeht. Die Leute pflegen einen völlig ungezwungenen Umgang mit heiligen Orten und alten Traditionen. Für die meisten sind sie genauso Teil des Lebens wie die trivialsten Dinge des Alltags. Manchmal drängt sich einem der Eindruck auf, wären sie plötzlich verschwunden, würde man sie nicht sonderlich vermissen.

Am Meerschweinchensee

Ecuador ist ein Land der Vulkane. Der Reisende, den es aus einer tektonisch eher verschlafenen Weltgegend wie Deutschland in ein Land verschlägt, das von Nord nach Süd von einem Gürtel aktiver Vulkanberge durchzogen wird, ist erstaunt darüber, in welchem Einvernehmen und mit welcher stillen Gelassenheit die Menschen mit den Kräften der Natur leben. Die Vulkane gehören seit Urzeiten zum Alltag der Menschen, nicht anders als überfüllte Bankfilialen, stundenlanges Warten auf Ämtern und KFC (nur kann man nicht genau sagen, wer zuerst da war – die Berge oder der Colonel).

Am westlichen Saum des amerikanischen Kontinents taucht die pazifische unter die südamerikanische Platte. Die Kontinentalplatte wird dabei gestaucht wie ein Bogen Papier, der sich in den Walzen eines Druckers verklemmt hat. Das gewaltige Bergmassiv der Anden faltet sich in die Höhe und von Magmakammern aus wachsen Kanäle durch das Gestein gleich den Fäden eines Myzels. Wo sie die Erdoberfläche durchbrechen, wird Lava ausgespien und Vulkane wachsen als feuriges Fanal der plutonischen Kräfte in den Himmel.

Die Menschen haben dem Schauspiel der Natur seit frühester Zeit ehrfurchtsvoll und staunend gegenübergestanden. Oft mischte sich Angst in die Faszination, da man die Ursache für Lavaströme und Ascheregen nicht kannte. Die Angst mag gewichen sein, seit ein immer präziserer wissenschaftlicher Verstand den Vulkanen viele ihrer Geheimnisse entrissen hat, doch die Gefahren sind geblieben.

Oft liegt die Gefahr in Sichtweite städtischer Ansiedlungen: Von Quito aus kann man zum Beispiel bei klarem Wetter den Vulkan Pichincha majestätisch über der Stadt thronen sehen (bezeichnend ist, dass man ausgerechnet einer Bank den Namen eines unberechenbaren Vulkanberges gegeben hat: Banco del Pichincha). Auch einer der berühmtesten Vulkane der Welt, der Cotopaxi, den wir das Glück hatten, besuchen zu dürfen, befindet sich nicht einmal eine Autostunde von Quito entfernt. Seismologen beobachten den Berg so aufmerksam wie Anstaltsärzte einen somnambulen Axtmörder. Wenn sie ungewöhnliche Ausschläge im seismischen Herzschlag des Vulkanriesen entdecken, bereitet sich die Hauptstadt auf den Notfall vor.

Die Menschen leben seit Jahrtausenden mit der Gefahr, aber sie sind sich auch der Wohltaten bewusst, die ihnen die Vulkane spenden. Die Vulkanasche verwandelt die Gegend rund um die Berge in ein fruchtbares Eden, und so sind es gerade diese gefährdeten Regionen, in die es die Menschen seit der Erfindung des Ackerbaus zieht. Oft kann man beobachten, dass die Berge weit die Hänge hinauf in eine grüne Flickendecke aus Feldern, Wiesen und Weiden gewandet sind.

Wie überaus gnädigen, manchmal jedoch jähzornigen, aber immer unberechenbaren mächtigen Patronen begegnen die Menschen den Bergen mit Respekt, Ehrerbietung und stets auch mit der sehr realen Angst, die Wohltäter könnten ihnen ihre Gnade auch wieder entziehen. Immer wieder haben katastrophale Eruptionen die Anstrengungen vieler Generationen zunichte gemacht, und immer wieder und fast schon mit der Regelmäßigkeit eines Opferrituals haben die Berge Menschenleben gefordert – sei es, dass man ihnen freiwillig das Opfer brachte, um sie zu besänftigen, sei es, dass pyroklastische Ströme und Ascheregen ganze Landstriche auslöschten. Es ist kein Wunder, dass alle frühen Kulturen des amerikanischen Kontinents mächtige Gottheiten in den Vulkanen erkennen wollten.

Die Cuicocha-Kraterruine ist, wie der Name schon vermuten lässt, kein aktiver Vulkan – zumindest nicht in dem winzigen erdgeschichtlichen Augenblick, den wir Menschheitsgeschichte nennen. Cuicocha bedeutet je nach Lesart „Meerschweinchensee“ (Cuy heißt Meerschweinchen) oder Regenbogensee. Die gewaltige Caldera entstand vor über dreitausend Jahren infolge eines Ausbruchs unvorstellbaren Ausmaßes: Nicht nur wurde der Vulkankegel regelrecht vaporisiert und in die Stratosphäre geschleudert, die Explosion hat auch ein Loch von der Größe eines Asteroidenkraters in die Erdoberfläche gegraben. Die Asche fiel im Tal von Otavalo nieder und machte die Gegend zu einer der fruchtbarsten Regionen in Ecuador. Die Kraterruine füllte sich rasch mit Regenwasser und es entstand ein See. Zwei Inseln erheben sich über das stille Gewässer. Merkwürdig genug, sind beide nach deutschen Forschern benannt.

Der Krater liegt in der Nähe von Cotacachi, einer Stadt, die vor allem für ihre Lederarbeiten berühmt ist. Wir waren schon mehrmals dort und wir fahren immer wieder gern hierher, auch deshalb, weil man in einer Nebenstraße ein kleines Café namens „Serendipity“ findet. Dort gibt es alles, wonach das Herz des an zivilisatorischen Luxus gewöhnten Reisenden verlangt: guten Kaffee und einen Lemon pie, bei dessen Genuss einem die Sinne schwinden. Man verlässt Quito auf dem Abzweig der Panamericana, der nach Norden führt, aber von Cumbayá aus führt eine günstigere und weit angenehmer zu befahrende Route über Tababela, den nagelneuen internationalen Flughafen der Hauptstadt.

Man erreicht Cotacachi von Quito aus mit dem Auto in ca. anderthalb Stunden. Nachdem man den nördlichen Vororten Quitos glücklich entronnen ist, beschreibt die Autopista eine Schleife um das Tal des Río Pisque. Die Straße legt sich um die Flanke des Berges und auf der Beifahrerseite kann man in den Cañon blicken – wenn man nicht alle Hände voll damit zu tun hat, auf der Straße zu bleiben. Über dem Flusstal, direkt am Hang, dort, wo die Arbeit des Wassers Jahrmillionen alte Gesteine freigelegt hat, befindet sich ein Aussichtspunkt mit einem Parkplatz. Viele Reisende lassen sich die Gelegenheit zu einem Zwischenstopp nicht entgehen. Man picknickt oder vertritt sich die Beine, während man den Blick über das Tal des Río Pisque genießt.

Wann immer wir auf der Panamericana nach Norden fahren, halten wir an dieser Stelle. Die Landschaft wirkt eher karg und abweisend und sie erinnert mich ein wenig an New Mexico, was vielleicht einer der Gründe sein mag, warum ich so gern durch diese Gegend reise. Doch dieser Aussichtspunkt mit seiner grandiosen Fernsicht schmeichelt nicht nur dem ästhetischen Empfinden, sondern er dient auch ganz und gar praktischen Zwecken: Ein breiter Fächer Müll ergießt sich vom Parkplatz über Jahrmillionen alte Sedimente den Hang hinunter, womöglich sogar über Fossilien, die den Tod der Dinosaurier gesehen haben.

Unter den illegal entsorgten Relikten unserer Konsumkultur finden sich nicht nur Getränkeflaschen, Styropor-Boxen und Plastiktüten, sondern auch Artefakte der Wohnkultur des 21. Jahrhunderts, wie Sofas, Stühle und sogar ein Kühlschrank. Ich bin zuversichtlich, die Archäologie der fernen Zukunft wird allein schon durch die akribische wissenschaftliche Auswertung unserer zahlreichen Mülldepots mit fast absoluter Sicherheit auf die Ursache schließen können, die zum Untergang unserer Kultur geführt hat.

Wir halten uns in Cotacachi nur kurz auf, denn wir wollen zum Kratersee. Als würde man das unaussprechliche Geheimnis vor Fremden verbergen wollen, ist der Weg dorthin kaum ausgeschildert. Eigentlich sehen wir nicht einen einzigen Wegweiser und als wäre der Vulkansee nicht eine erstklassige touristische Attraktion, geht es über Landstraßen, die nicht nur so aussehen, als wären sie von allen Verkehrsministerien der letzten fünfzig Jahre ignoriert worden. Vielleicht ist aber nur noch kein Straßenbautrupp bis in diese entlegene Gegend vorgedrungen. Mancher Angehörige der Oberschicht lässt sich gern vernehmen, Ecuador verfüge über die besten Straßen in ganz Lateinamerika. Ich habe das Gefühl, dass damit keineswegs ein Kompliment ausgesprochen ist.

Wir müssen die Einheimischen fragen. Sie zeigen uns gutwillig den Weg. Wir befinden uns in einer dörflichen Einöde, die Lichtjahre vom nächsten ordentlichen Espresso entfernt scheint, aber die Jugendlichen, die wir treffen, stehen ihren Altersgenossen in Berlin in nichts nach: Der Schritt der Hose hängt fast an den Knien, die Cap lässig ins Gesicht gezogen, teure Sneakers, die Hände tief in den Taschen vergraben und die Schultern zum Buckel gerundet. In einer beliebigen europäischen Großstadt würde man so nicht weiter auffallen. Einzig die Gesichtszüge verraten, dass man von hier ist und dass die Vorfahren schon hier lebten, bevor die ersten Weißen übers Meer kamen.

Und dann sehen wir endlich den Kratersee. Bevor die Straße in den Naturpark einmündet, führt sie oberhalb der Uferböschung entlang. Viele Besucher ergreifen schon hier die Gelegenheit, das Auto am Straßenrand zu parken und fleißig Fotos zu schießen. Man kann einfach nicht weiterfahren, denn der Anblick des Sees ist so unglaublich fremd und über alle Maßen beeindruckend, dass man nicht erst warten möchte, bis man den Besucherparkplatz erreicht hat. Nachdem unsere Neugier fürs Erste befriedigt ist, fahren wir dann doch auf den Parkplatz des Besucherzentrums, der zu diesem Zeitpunkt erstaunlich leer wirkt.

Das Besucherzentrum ist ein massiver Bau direkt am Ufer der Cuicocha-Kraterlagune. Es gibt eine Kantine, in der landestypische deftige Schweinefleischgerichte angeboten werden und einen Bootssteg, von dem Ausflugsboote zum Rundkurs um die Inseln ablegen. Als wir eines der Boote zurückkehren sehen, entschließen wir uns spontan zu einer „Kreuzfahrt“. Die Tourteilnehmer haben ganz verfrorene Gesichter, doch das kann uns nicht schrecken. Aber erst einmal kaufen wir Tickets, sehen uns an den Souvenirständen um und machen Fotos. Als wir an der Lagune eintrafen, hatte gerade einmal ein halbes Dutzend Interessierter an der Bootsanlegestelle gestanden. Mittlerweile hat sich eine lange Schlange gebildet und wir bedauern, dass wir uns so viel Zeit gelassen haben. Aber wer zu spät kommt, den bestraft bekanntlich das Leben.

Wir reihen uns dennoch unter den Wartenden ein, denn zu dieser Zeit des Tages – es war bereits Nachmittag – nimmt der Besucherstrom deutlich zu, und zu hoffen, dass der Andrang nachlassen würde, scheint uns deshalb zwecklos. Also hieß es warten. Die meisten, die den See besuchen, wollen auch zu den Inseln. Wir warten eine geschlagene Stunde, doch dann endlich sind wir so weit nach vorn gerückt, dass wir mit der nächsten Tour an Bord dürfen. Zuvor wird man genötigt, eine Schwimmweste anzulegen, und wenn man dann inmitten all der anderen Schwimmwestenträger am Bootssteg steht und darauf wartet, dass es endlich losgeht, kommt man sich vor, als nähme man gerade an einer Rettungsübung auf der Titanic teil.

Dann kam das Boot, eine überdachte Ausflugsbarke. Nachdem die Passagiere, die das Glück hatten, vor uns in der Reihe zu stehen, ihren Platz geräumt haben, gehen wir an Bord, immer einer hübsch nach dem anderen. Ein kleines Mädchen hat ihre Rettungsweste so lieb gewonnen, dass sie sich weigert, sie wieder herzugeben. Man muss sie ihren kleinen Händen förmlich mit Gewalt entreißen und dann schreit die Kleine, als hätte man ihr den Arm ausgerissen. Ich kann sie noch hören, als wir längst abgelegt haben und das Boot sich schon fast in der Mitte des Sees befindet. Doch dann wird es mit einem Mal ganz still und man hört nichts weiter als das Brummen des Schiffsmotors und das sanfte Plätschern des Wassers.

Der See ist glatt wie ein Spiegel, das Wasser kristallklar und nahe der Bootsanlegestelle sieht man Seegras sich sanft in der Strömung wiegen. Ich tauche meine Hand hinein und ich bin mir nicht sicher, ob jemand mit einem nicht mehr ganz so kräftigen Herzen einen Sturz in die Fluten überleben würde, denn die Kälte beißt einen förmlich in die Finger. Bear Grylls wäre begeistert. Der Bootsführer erklärt, siebzig Meter sei der See tief und es lebten keine Fische darin. Der Grund dafür sei, dass es keine Zuflüsse gibt; Regen ist die einzige Quelle, aus der sich das Wasserreservoir speist.

Wir nähern uns den Inseln, die in der Mitte des Sees die Wasseroberfläche durchstoßen wie die Buckel der Midgardschlange. Das größere der beiden Eilande trägt den Namen Teodoro Wolf, das kleinere heißt Yerovi. An Steuerbord gleiten die in dichte Vegetation gehüllten Hänge der größeren Insel vorbei. Die Pflanzen sind braun wie überkochtes Gemüse, aber so passen sie viel besser zu dem schwermütigen Himmel, der wie eine Wattedecke über dem Kraterloch liegt.

An Backbord erheben sich die Kraterwände. Sie sind so steil, dass Pflanzen keinen Halt finden. Ein Freizeitkletterer könnte sie wohl kaum ohne Hilfsmittel erklimmen. Da man auf allen Seiten von senkrechten Wänden eingeschlossen ist, fühlt man sich wie ein Käfer in einer Schüssel. Die Landschaft ist mit nichts zu vergleichen, was man kennt, jedenfalls mit nichts in der Welt der Realität. Nicht nur einmal drängt sich mir der Eindruck auf, ich wäre in die Romanwelt Jules Vernes versetzt, und manchmal habe ich das Empfinden, es hätte mich in die romantischen, unheimlichen und oft bizarren Kulissen Karel Zemans verschlagen.

Wir umrunden die große Insel und dann kommt der Höhepunkt des Bootsausfluges: die Fahrt durch den Sund zwischen den Inseln, der passend zur Landschaft „Canal de los ensueños“ heißt. Ensueño kann gleichermaßen Traum, Träumerei oder Trugbild bedeuten und so bleibt es jedem Besucher selbst überlassen, ob er seine Träume oder seine Illusionen in der fremdartigen Landschaft gespiegelt sehen will.

Das Boot gleitet langsam durch den schmalen Kanal. Man sieht nichts als einen Wald aus Schilf und dahinter erheben sich die Inseln wie die aufgeblähten Kadaver toter Giganten. Das Rohr raschelt leise, wenn die Bordwände daran vorbeistreichen, doch es ist eigenartig, dass man keine Vögel hört. Die Vegetation wirkt welk, als begännen die Pflanzen unter dem trüben Himmel bereits zu vermodern, noch ehe sie in Blüte gestanden haben. Alles Leben scheint erstorben. Die Landschaft ist so tot wie die Darstellung eines Friedhofs auf einem vergilbten Gemälde.

Irgendwo an der Einfahrt zum Kanal sehen wir Ruinen. Sie verwittern langsam in der Wildnis aus braunem Gestrüpp, doch Niedergang und Verfall wollen zu dieser leblosen Landschaft viel besser passen als Entstehen und Wachsen. Ein Restaurant sollen die Mauern einst beherbergt haben, aber man vermag sich nicht so recht vorzustellen, dass sich Gäste an jenem trübsinnigen Ort zu feucht-fröhlicher Runde eingefunden haben könnten. Der Anblick ist bedrückend. Doch die Inseln sind nun Schutzgebiet und niemand darf sie betreten. So bleiben die traurigen Überbleibsel menschlicher Kolonisationsgelüste sich selbst überlassen. Irgendwann wird die Natur sie verschlungen haben.

Wir gleiten mit halber Motorkraft in den Kanal. Das stille Wasser schneidet sich durch einen dichten Wald aus Binsen. Einen Augenblick lang werden wir vollständig vom Schilf eingeschlossen, doch dann weichen die Halme zurück und wir blicken über den See auf das Besucherzentrum, auf das wir nun Kurs halten. An Backbord erscheint hoch über dem Wasser eine Grotte, in der, gleich der Madonnenerscheinung von Lourdes, die weiße Statue der Jungfrau steht. Wer gute Augen hat, kann sie sogar vom Besucherzentrum aus sehen, doch wahrscheinlich bekommt sie nur selten Besuch, denn schließlich gibt es an jeder Straßenkreuzung eine Madonna und es besteht keine echte Notwendigkeit, erst den beschwerlichen Weg hierher auf sich zu nehmen. Als ich einen letzten Blick hinauf zur Grotte werfe, kommt mir Arnold Böcklins „Toteninsel“ in den Sinn, doch im Brummen des Schiffsmotors und im Geschwätz der Passagiere verfliegt der Gedanke.

Nur Augenblicke später haben wir die Bootsanlegestelle erreicht. Wir geben die Rettungswesten artig ab und lassen den Bootstouristen nach uns den Vortritt. Oberhalb des Anlegers befindet sich die Kantine und dort wird jetzt an alle Teilnehmer der Tour Canelazo ausgeschenkt. Canelazo ist eine Art Grog, nur ohne Rum. Der Sud ist heiß, süß und schmeckt angenehm nach Zimt (Canela – Zimt). Und so ein wärmendes Getränk ist jetzt auch genau das Richtige, denn auf dem Wasser ist es kalt wie in einem Kühlschrank. Wenn man eine Dreiviertelstunde dem Fahrtwind ausgesetzt ist, fährt einem die feuchte Kälte irgendwann bis in die Knochen. Die dünne Höhenluft tut ein Übriges und eigentlich ist einem immer nur kalt. Der Canelazo wärmt uns aber wieder auf.

Wir streifen noch eine Zeitlang ziellos über das Gelände oberhalb des Bootsanlegers, schießen Fotos und lassen uns von dem spektakulären Panorama gefangennehmen. Wenn man vom Besucherzentrum aus nach oben blickt, sieht man über einer Klippe die Glasfront eines Restaurants. Wir denken uns, die Aussicht muss einfach großartig sein und so machen wir uns auf den Weg. Eine holprige Schotterstraße balanciert auf dem Grat des Kraterwalls entlang. Wir fahren mit dem Auto, weil wir nach der kurzen Stippvisite gleich aufbrechen wollen. Die Schotterstraße läuft nach ein paar Hundert Metern vom Kraterwall herunter und mündet in eine idyllische Landstraße ein. Es gibt übrigens einen Wanderweg, der auf dem Kraterwall entlang läuft, und wer gut zu Fuß ist, kann die Vulkanruine in sechs Stunden umrunden.

Wir erreichen das Restaurant über eine schmale Zufahrt. Die Einfahrt zum Parkplatz ist mit einem Seil gesperrt – nur Gäste des Restaurants haben das Privileg, hier parken zu dürfen. Wir geben uns als solche aus und ein glatzköpfiger kleiner Mann sprintet herbei und öffnet das Tor. Offenbar haben wir es mit dem Maître zu tun. Der See liegt auf der anderen Seite des Gebäudes und vom Parkplatz aus kann man leider überhaupt nichts sehen. Eigentlich wollen wir nur die Aussicht genießen, aber der kleine agile Mann schaut mich fragend an, und deshalb bekunde ich den Wunsch, Kaffee zu trinken. Ich ernte einen misstrauischen Blick. Der Mann scheint seine ganz eigene Philosophie zu haben und wie man potentielle Kundschaft verprellt, darauf versteht er sich offenbar ganz ausgezeichnet.

Der Gästeraum des Restaurants entpuppt sich als ein schmuckloser Saal. Es gibt keine Gardinen an den Fenstern und Energiesparlampen ragen nackt aus den Fassungen. Der Raum versprüht den Charme einer Bahnhofsmission der Heilsarmee. Aber ich glaube auch nicht, dass die Gäste, wenn schon nicht des Ambientes wegen, hier gern einkehren würden, um das gute Essen zu genießen.

Ich entscheide mich im letzten Moment gegen den Kaffee, denn ich ahne Schlimmes, und ich nehme stattdessen die heiße Schokolade. Heiß ist sie – daran gibt es nichts zu deuteln –, aber ich habe das Gefühl, man hat einfach gewöhnliches Kakaopulver aus dem Supermarkt in die gepanschte Milch gerührt. Dafür zwei Dollar zu verlangen, empfinde ich als eine Unverschämtheit.

Die Betreiber scheinen allen Ernstes zu glauben, allein schon der schöne Ausblick würde die Gäste in Scharen zu ihnen treiben. Berückend schön ist die Aussicht in der Tat. Man könnte sich durchaus vorstellen, in gepflegter Atmosphäre hinter den weiten Panoramafenstern zu sitzen und bei gutem Kaffee und leckerem Kuchen diesen phantastischen Ausblick über den See und die Inseln zu genießen. Leider findet man sich nur im Wartesaal eines Bahnhofs wieder und sogar das Essen erinnert an Mitropa. Was für eine Lage – und was für eine grandiose Verschwendung!

Wir brechen auf, sobald ich ein paarmal anstandshalber von meiner „Schokolade“ genippt habe. Zahlende Gäste sind wir und so kann man uns kaum verbieten, ein paar Aufnahmen vom See und den Inseln zu machen. Doch wir wollen die Kreise des misstrauischen Restaurantbesitzers nicht länger stören. Wir fahren auf den Asphalt der Straße und durch die liebliche Landschaft geht es zurück nach Quito. Es dauert eine Weile, bis die Kälte ganz aus meinem Körper gewichen ist.

Ponchos in Genf

Es war spät geworden und eigentlich hatten wir unseren Trip nach Cotacachi als Tagesreise geplant. Doch eingedenk unserer Erfahrungen wollten wir es nicht darauf ankommen lassen, bei Dunkelheit zurückzufahren. Nachts mit dem Auto durch die Anden zu fahren, ist ein Abenteuer, das jedem empfohlen sei, der den Nervenkitzel der ganz großen Herausforderung sucht. Wir wollten nicht zurück nach Cumbayá und in Cotacachi hatten wir alles gesehen, was man gesehen haben sollte, doch Otavalo lag nur einen Katzensprung entfernt. Mit dem Auto schafft man die Strecke in nicht mehr als fünfzehn Minuten. Also machten wir uns auf nach Otavalo, um dort zu übernachten und vielleicht auch den berühmten Markt zu besuchen, der hier jedes Wochenende abgehalten wird.

Otavalo ist ein kleines hübsches Städtchen, dessen Einwohner sich vor allem auf Textilarbeiten spezialisiert haben. Darüber hinaus kann man noch schöne Kunstgewerbearbeiten bewundern und natürlich auch kaufen. Als wir eintrafen, war man auf dem Markt bereits damit beschäftigt, die Stände abzubauen. Seit ich den Ort das erste Mal besucht hatte – mir scheint, es war vor einer Ewigkeit –, war der Markt über die Plaza mayor hinaus wie eine Wucherung in die Stadt hineingewachsen. Weite Teile der Innenstadt waren für den Verkehr gesperrt, weil Händler dort dicht an dicht ihre Marktstände aufgebaut hatten. Feilgeboten wurden alles, was geschickte Hände nur zu weben, zu klöppeln oder zu stricken vermochten, und wer einen erstklassigen Poncho erstehen möchte, um sich einmal wie ein waschechter Hochlandbewohner zu fühlen (oder wie ein Idiot – es kommt nur darauf an, wo man das Kleidungsstück trägt), ist hier genau an der richtigen Adresse.

Man sagt, die Bewohner der Stadt, die Otavaleños, hätten dank konsumfreudiger Touristen ihr Geschäft so groß aufziehen können, dass nicht wenige von ihnen steinreich geworden seien. In der Tat sind es vor allem Touristen, die auf dem Markt kaufen, aber das Gros bilden dabei die Ecuadorianer und nicht die Ausländer. Die sieht man zwar häufig und auch hört man gar nicht so selten Deutsch (merkwürdigerweise immer mit unverkennbarem Schweizer Akzent), doch ist der Markt in der Regel so gut besucht, dass die paar Nicht-Ecuadorianer gar nicht ins Gewicht fallen.

Wir schlenderten noch ein wenig durch die Kunstgewerbegalerien. Es gibt viele schöne Dinge zu kaufen und man könnte wirklich ein Vermögen dalassen und würde es nicht bereuen, sofern man eines hat, das man verschwenden kann. Kein Wunder, dass die Stadt – anders als viele andere ecuadorianische Städte – so aufgeräumt, so sauber und so ordentlich wirkt. Die Bürgersteige sind in der gesamten Innenstadt mit bunten Kacheln ausgelegt; die Straßen sind so gut gepflastert wie in nur irgendeinem properen Städtchen Mitteleuropas; die Fassaden der Häuser sind in ordentlichem Zustand und selbst die alte Barockkirche an der Plaza mayor ist adrett renoviert und strahlt so schön und sauber, als wäre sie gerade erst hingebaut worden. In einem Land wie Ecuador und wahrscheinlich an den meisten Orten dieser Welt sind solche profanen Dinge keineswegs selbstverständlich, und umso mehr ist man erstaunt und freut sich, wenn man ihnen dann doch unvermutet begegnet. Durch den Markt und das Textilgeschäft wurde Otavalo wohlhabend, und das merkt man der Stadt auch an.

Nachdem die Händler ihre Zelte abgebaut hatten, fuhr die Müllabfuhr durch die nächtlichen Straßen und sammelte den Unrat des Tages ein. Von überall her konnte man das Lied der Müllautos hören, das wie ein Kinderlied aus einer antiken Spieluhr klang. Die Müllmänner arbeiteten im Akkord, um die Straßen in Rekordzeit blitzsauber zu räumen: Während die Laster unter klingendem Spiel langsam durch die nächtlichen Gassen rollten, turnten die Müllmänner wie Reitakrobaten um die Maschine, sammelten in einem schier wahnwitzigen Tempo den Müll vom Bordstein und schleuderten ihn in den Container. Nach zwei Stunden klingender Kinderlieder waren die Straßen so sauber als hätte der Markt mit Abertausenden von Besuchern nie stattgefunden.

Meine Frau, obgleich Ecuadorianerin von Geburt, ist in der Sierra eine Fremde geblieben. Die kulturellen Unterschiede und vor allem die Mentalitätsunterschiede zwischen Sierra und Costa sind so groß, dass man glauben könnte, es handelte sich um Bewohner verschiedener Länder, die dazu noch auf weit entfernten Kontinenten liegen. Sie meinte einmal, sie könne nicht verstehen, warum die Serranos in Deutschland immer jammerten, denn im Grunde seien sie nicht viel anders als die Deutschen oder zumindest entsprächen sie genau dem Klischee, das man den Deutschen immer gern anhängt: sie seien wortkarg, humorlos und arbeitsam. Es erübrigt sich zu erwähnen, dass die Costeños das genaue Gegenteil dessen verkörpern – so behauptet man zumindest. Die Serranos sagen ihren ungeliebten Vettern von der Küste nach, dass diese immer nur feiern wollten, vom Arbeiten hingegen hielten sie nicht allzu viel. Meine Frau ist selbstverständlich eine Ausnahme – falls an der Sache etwas dran sein sollte.

Wir suchten ein Hotel für die Nacht und meine Frau, die schon einmal vor ein paar Jahren in Otavalo übernachtet hatte, empfahl uns das „Indio Inn“. Das „Indio Inn“ ist eines der besten Hotels am Ort und wird von Otavaleños, also Einheimischen, geführt. Man muss wissen, dass „Indio“ eigentlich ein Schimpfwort ist. „Indio“ steht für Rückständigkeit, Unbildung, Unterdrückung und ist der Name, den die vermeintlich bessere Hälfte der Gesellschaft dem vermeintlichen Bodensatz gegeben hat. Niemand würde sich freiwillig als „Indio“ bezeichnen, wenn man jedoch auf die ethnischen Wurzeln anspielt, spricht man von „Indigenas“.

Als ich im Jahre 1992 Ecuador besuchte, wurde gerade der fünfhundertste Jahrestag der Entdeckung Amerikas durch Kolumbus gefeiert. Natürlich bot dieses Jubiläum nicht für alle Ecuadorianer Anlass zu grenzenloser Freude, besonders nicht für jene Teile der Bevölkerung, die aufgrund ihrer ethnischen Zugehörigkeit noch heute von der gesellschaftlichen Teilhabe ausgeschlossen sind. Ich erinnere mich, dass wir gerade mit dem Taxi unterwegs waren, als wir plötzlich in eine Demonstration gerieten. Die Teilnehmer des Aufmarsches prangerten nicht weniger als Völkermord und fünfhundert Jahre Unterdrückung an. Meine Frau fragte den Taxifahrer, was für eine Bewandtnis es mit dem Protestzug hätte, und der Fahrer antwortete, wie wohl die Mehrheit geantwortet haben würde: Er wisse nicht, was diese Indios eigentlich wollen.

Seit damals hat sich viel verändert, vor allem in der Mentalität der Leute. Noch vor Jahren wäre es undenkbar gewesen, dass sich Menschen stolz ihrer indigenen Abkunft rühmen – und dass sie ein Hotel betreiben. Als meine Frau zum ersten Mal im „Indio Inn“ übernachtete, war sie ganz begeistert, dass so etwas in Ecuador möglich ist. Die Bewegung der Indigenen hat in den letzten Jahren einen leidenschaftlichen Aufschwung genommen und jene seit so langer Zeit unterdrückten Menschen sind mit deutlich gestärktem Selbstbewusstsein aus dem Ringen um gesellschaftliche Anerkennung hervorgegangen. Man muss sagen, ihr Erfolg hat dem Land gut getan.

An dieser Erfolgsgeschichte hat sicher auch der Tourismus mitgestrickt: Wer nach Ecuador kommt, will etwas Landestypisches und Authentisches sehen und möchte zugleich den Kitzel des Exotischen spüren. Die Vielfalt der einheimischen Kulturen bedient dieses Bedürfnis und die Touristen sind auch gern bereit, dafür Geld auszugeben. So hat die einst verachtete Kultur der Indigenen eine Aufwertung erfahren, und es ist jetzt sogar möglich, dass ein Hotel einen Namen trägt, den man noch vor gar nicht langer Zeit allein dann auszusprechen pflegte, wenn man damit eine Herabwürdigung meinte.

Am Ende war unsere Begeisterung doch nicht groß genug, um uns davon zu überzeugen, die Nacht im „Indio Inn“ zu verbringen. Nach Otavalo zu kommen, war das Ergebnis eines spontanen Entschlusses, aber achtzig Dollar wollten wir dann doch nicht für ein bisschen Spontaneität opfern. Und schließlich waren wir nicht der schönen Hotels wegen gekommen. Otavalo ist gut auf den Ansturm der Touristen eingerichtet (der Markt zieht Tausende jedes Wochenende hierher). Die Stadt ist geradezu gespickt mit Hotels und ein Zimmer für die Nacht zu finden, ist deshalb kein großes Kunststück. Wir zogen nur eine Straße weiter und dort fanden wir unsere Bleibe. Das Zimmer, das uns der Nachtportier anbot, war sauber, die Betten bequem und es gab HBO – was will man mehr? Und das alles für nur dreißig Dollar!

Nachdem wir eingecheckt hatten, gingen wir noch einmal auf die Straße, um ein wenig durch die abendliche Stadt zu schlendern. Wie es der Zufall so will, trafen wir auf zwei Kolleginnen meiner Frau, die eine Ecuadorianerin, die mehr als die Hälfte ihres Lebens in Deutschland verbracht hat, die andere Schweizerin. Man kam sofort ins Plaudern und ehe man sich´s versah, hatte man sich schon zum fröhlichen Umtrunk verabredet. Ich kam mir ein bisschen vor wie das fünfte Rad am Wagen und verabschiedete mich unter einem Vorwand, zumal ich die einmalige Gelegenheit nutzen wollte, um bis in die Puppen fernzusehen.

Zuhause in Cumbayá haben wir kein Fernsehen und nach Monaten der Abstinenz giert man regelrecht nach der Glotze – selbst Werbung verschafft einem da schon ein Hochgefühl. Während meine Frau genüsslich Piña coladas mit den Kolleginnen schlürfte, machten mein Sohn und ich es uns im Bett bequem und zappten uns durch das nächtliche Fernsehprogramm. Nichts geht über einen Fernsehabend unter Jungs: Niemand beschwert sich über Gewaltorgien oder versucht einen mit didaktischer Raffinesse über die psychischen Folgen exzessiven Fernsehkonsums aufzuklären. Über die Mattscheibe flimmerten Mord und Totschlag und zu so einem spaßigen Happening fehlten eigentlich nur noch die opulente, fleischlastige Abendmahlzeit und natürlich das Bier.

Bis zum Mittag des nächsten Tages wollten wir zurück in Cumbayá sein. Meine Frau nutzte den Morgen, um dem Markt noch schnell einen Besuch abzustatten. Sie kaufte zwei schöne T-Shirts und war rechtzeitig zum Frühstück wieder zurück. Otavalo befindet sich in der Nähe der Laguna San Pablo, eines recht großen Sees hoch in den Anden. Schon auf der Fahrt nach Cotacachi hatten wir von der Autopista aus einen Blick auf die majestätische Wasserfläche erhaschen können. Nun wollten wir einen kurzen Abstecher zum Ufer machen, auch um herauszufinden, ob sich ein Wochenendaufenthalt am Wasser lohnen könnte.

Über eine einsame Landstraße gelangten wir zu einem Parkplatz vor einer Art Pier, auf dem ein Restaurant stand. Wir waren die einzigen Besucher. Der Pier sah so hinfällig aus, dass es nur eine Frage der Zeit zu sein schien, wann ihn die Wasser des Sees samt dem Restaurant verschlingen würden. Ein zweiter Pier, auf dem einmal ein Hotel oder auch ein Restaurant gestanden haben mochte, war bereits ins letzte Stadium des Verfalls übergegangen: Eine morsche Holzruine, von der sich gerade noch erahnen ließ, was sie einmal darstellte, hielt sich, wie es schien, mit verzweifelter Anstrengung eben so über dem Wasserspiegel. Ein scharfer Windstoß – die vermoderten Stützbalken würden nachgeben und der Pier fände sein nasses Grab im See.

Das Wasser des Sees war kristallklar; am Grund wogte Seegras. Die Sonne brannte als wäre sie der Erde noch nie so nahe gewesen. Der Morgen setzte das Bergpanorama in ein ätherisches Licht. Man hätte glauben können, dort irgendwo, jenseits des Sees, befinde sich das Tor nach Shangri La. Am liebsten wäre ich gleich in den See gesprungen und zu seinem Grund getaucht, doch die Laguna San Pablo befindet sich im Hochgebirge und das reine, klare Wasser sieht nicht nur so aus, als ob es sich aus den frostkalten Gletscherbächen der Berge speiste.

Wir stellten uns vor den See und machten Fotos. Als wir zum Parkplatz zurückkehrten, lagerten dort zwei Frauen in der Tracht der Indigenen. Ihre Gesichter waren von Falten zerfurcht, als hätten darin geologische Kräfte in Äonen ihre Spuren hinterlassen. Sie erschienen mir steinalt wie mythische Wahrsagerinnen. Man bettelte uns freundlich um etwas Geld an und ich gab ihnen alles, was ich an Kleingeld in den Taschen hatte. Vielleicht sagten sie mir dafür ein günstiges Schicksal voraus.

Auf der Rückfahrt nahmen wir den Umweg um den See. Die schön gepflasterte Landstraße, auf der es sich so bequem fahren ließ, wich bald einer abenteuerlichen Buckelpiste. Offenbar war in diese Gegend noch kein Straßenbautrupp vorgedrungen. Am jenseitigen Ufer des Sees zogen sich die Dörfer in langer Reihe hin. Eigentlich war es nur ein einziges Dorf, dessen Häuser sich an der Hauptstraße entlangreihten wie Perlen an einer Schnur. Zwischen Seeufer und Bergen gibt es nicht viel Platz und so ist die Umgehungsstraße oft die einzige Verkehrsader im Ort.

Ich bezweifle, dass je ein Tourist aus dem Ausland diese Gegend besucht. Rund um den See findet sich nicht die geringste Spur einer touristischen Infrastruktur, und alles was man über die sonstige Infrastruktur mit Sicherheit sagen kann, ist, dass sie nicht existiert. Wir haben gehört, dass es irgendwo ein schönes Restaurant geben soll, von dem aus man einen wundervollen Blick über den See hat. Manch einer behauptet sogar, man komme sich vor wie in Genf. Die Leute übertreiben gern. Leider haben wir das Lokal verpasst und wir fanden auch keine Muße, erst umständlich danach zu suchen. Vielleicht beim nächsten Mal.

Die Straße führte oberhalb des Sees in den Ausläufern der Berge entlang und von hier oben hatte man einen guten Blick auf das Seeufer und die Lagune: Der Berg senkte sich ziemlich steil bis zum See ab. Dort aber, wo er das Niveau des Wasserspiegels erreichte, ging er in einen breiten sattgrünen Ufersaum über, der aus der Ferne so wirkte wie eine angenähte Bordüre aus grünem Samt. Als wir so auf der engen, mit Schlaglöchern gespickten Straße durch die Dörfer zuckelten, entdecken wir plötzlich rechter Hand die Zufahrt zu einem Ferienressort. „Cabañas“, also kleine Bungalows, war auf einem Schild zu lesen. Wir hielten und unser Blick folgte der Zufahrtsstraße immer weiter bis zum Seeufer hinab und tatsächlich: auf dem moosgrünen Ufersaum, unmittelbar am Wasser, warteten niedliche Ferienbungalows auf die Gäste. Aus der Ferne sahen sie den Häuschen aus dem Monopoly-Spiel zum Verwechseln ähnlich. Ganz reizend, würde der Connoisseur sagen.

Es muss schön sein, mit einem guten Schoppen im Glas gemütlich auf der Terrasse zu sitzen, und dabei den Blick über den See schweifen zu lassen. Vielleicht kommt es einem ja wirklich ein bisschen so vor, als sei man in der Schweiz und vielleicht ist es Heimweh, das die vielen Schweizer in diese Gegend zieht. Wer weiß schon, was in den Köpfen der Schweizer vorgeht.

Leder, Pilger und Kaffee

Wir wollten Cotacachi besuchen. Warum auch nicht! (Wir – das ist jenes ominöse Kollektiv, das stets einem Willen gehorcht und mit einer Stimme spricht.) Cotacachi ist bekannt für seine Lederarbeiten und alles, was man sich aus Leder nur wünscht – Gürtel, Geldbörsen, Schuhe, Taschen –, kann man dort in guter Qualität und zu einem recht günstigen Preis kaufen. Wir fuhren auf der Panamericana Norte von Quito aus direkt nach Norden. Wie fast alle Hauptrouten in Ecuador wurde auch diese Straße in den letzten Jahren großzügig erneuert und modern ausgebaut. Über weite Strecken befindet sie sich in einem erstklassigen Zustand und die Fahrt selbst über lange Strecken ist wirklich ein Vergnügen.

An wenigen Abschnitten wird noch immer gebaut und so ist der Verkehr manchmal auf eine Spur eingeengt. Dort staut es sich dann hin und wieder, vor allem hinter den vielen Schwerguttransportern, die Steigungen und Gefälle oft nur im Schritttempo bewältigen können. Sie zu überholen, ist ein riskantes Manöver, denn da man nur eine Fahrspur zur Verfügung hat, ist man genötigt, auf die dicht befahrene Gegenfahrbahn auszuweichen. Aber natürlich gibt es mutige Fahrer, die das Risiko eines Frontalzusammenstoßes für wenige Minuten Zeitersparnis gern in Kauf nehmen. Hat man die Engpässe aber erst einmal passiert, geht die Fahrt zügig voran.

Von Cumbayá aus braucht man bei gemächlicher Fahrt etwa zwei Stunden bis Cotacachi. Auf halber Strecke gerieten wir in eine endlose Kolonne von Wanderern, die auf dem Standstreifen der Fahrbahn nach Norden zog. Da es sich zumeist um Jugendliche handelte – die Älteren schienen den Gruppen als eine Art Wanderführer vorauszugehen –, nahm ich wie selbstverständlich an, es müsse sich um eine Naturführung, einen jährlich stattfindenden Traditionsmarsch, um ein Festival oder um ein Event handeln, wie man es manchmal ins Leben ruft, um die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf wichtige gesellschafts- oder umweltpolitische Fragen zu lenken.

Die Wanderer waren ein zähes Volk, denn weder zwanzig Kilometer hinter uns noch vor uns gab es irgendeine nennenswerte Ansiedlung. Die Autopista zog sich endlos durch die majestätische Einsamkeit des Gebirges, grub sich in steil abfallende Hänge, schlängelte sich durch Täler. Manchmal, wenn die Asphaltpiste im Bogen um einen Berg zog, konnte man den Blick von der Klippe herab durch ein weites Tal schweifen lassen. Ich konnte die schöne Aussicht nicht genießen, denn rechter Hand fiel der Hang in eine furchteinflößende Tiefe hinab und ich wagte es nicht, die Augen auch nur für eine Sekunde von der Straße abzuwenden.

Der Zug nahm kein Ende. Manchmal, wenn die Straße wegen des unpassierbaren Geländes eines Umweg machte, nahmen die Wanderer einen Abzweig und stiegen direkt in die Hänge. Man sah sie in endloser Kette gleich einem Ameisenzug die Anhöhe bezwingen. Für einen kurzen Moment erschienen sie, winzig wie Streichholzköpfe, auf dem Kamm des Bergrückens. Dann überschritten sie den Grat und begannen den Abstieg. Der Anblick erinnerte an längst vergangene Zeiten, als Trägerkarawanen durch die Anden zogen, um Güter von einem Ende des weitläufigen Inkareiches zum anderen zu befördern, und Boten sich aufmachten, die Befehle des Inka-Kaisers bis in den hintersten Winkel des Reiches zu tragen. Und immer wieder kommt mir die Szene aus Werner Herzogs „Aguirre“ in den Sinn. Die Autopista umrundete den Berg und auf der anderen Seite traf sie wieder auf den Zug der Wanderer.

Im Abstand von mehreren Kilometern hatte man Streckenposten aufgebaut. Vor Tischen mit Getränken und Informationsmaterial wurden die Wanderer von Pantomimen empfangen. Kein Witz – schwarzer Ganzkörperanzug, weiß geschminktes Gesicht (Wir sind immer noch mitten in den Anden!). Nach stundenlangem verzehrenden Fußmarsch werden sich die Erschöpften bestimmt darüber gefreut haben, von Marcel-Marceau-Klonen pantomimisch zum Durchhalten angefeuert zu werden. Man musste langsam fahren und durfte sich keine Unaufmerksamkeit gestatten, denn viele der Fußgänger trugen keine Bedenken, die Straße zu überqueren, ohne sich zu vergewissern, ob die Fahrbahn auch wirklich frei war. Immerhin ist die Autopista das Äquivalent zur Autobahn und wer außer einem Verrückten käme schon auf die Idee, fröhlich über die A3 zu spazieren?

Wir waren neugierig geworden, und fragten uns, was dieser Exodus biblischen Ausmaßes eigentlich zu bedeuten hatte. Wir hielten kurz an und fragten jemanden, der so aussah, als ob er es wüsste. Obwohl man wegen der vielen Wanderer nur im Schritttempo vorankam, staute sich hinter uns sofort die Fahrzeugkarawane und das unvermeidliche Hupkonzert setzte ein. Der Mann erzählte uns, dies sei die Prozession für die Heilige von … ich kann mich beim besten Willen nicht mehr an den unaussprechlichen Namen erinnern (die Heilige möge mir verzeihen). [Nachtrag: Inzwischen ist er mir wieder eingefallen – Tabacundo]

Jetzt plötzlich ergab alles einen Sinn. Ich wunderte mich nur ein wenig darüber, dass vor allem junge Menschen, Jugendliche zumeist, an der Prozession teilnahmen. Ältere sah man kaum, nicht einmal Personen mittleren Alters. Im atheistischen Berlin hingegen, meiner Heimatstadt, begegnen einem zur Messfeier fast nur Alte und voll sind die Kirchen eigentlich nur an den Feiertagen, wenn die säumigen Schäfchen sich doch einmal ins Haus des Herrn begeben. Die Jüngeren muss man regelrecht mitschleifen und dann fragen sie nur immerfort: „Wann ist es denn endlich vorbei?“ Was für Banausen!

Mit dem Auto hat man die Strecke in weniger als einer halben Stunde bewältigt, aber zu Fuß und dann noch durch die Berge wäre man bestimmt sechs Stunden unterwegs. Zwischenzeitlich begann es auch noch wie aus Eimern zu regnen, doch die Pilger schreckte dies nicht ab. Durchgeweicht bis auf die Knochen, zogen sie stoisch Kilometer um Kilometer dem verheißenen Ziel entgegen. Schließlich durften wir, zwei Getaufte und der Atheist, auch noch einen Blick auf die Heilige erhaschen: hinter einer Wegbiegung breitete sich ein riesiger Parkplatz aus und an dessen Eingang, vor einem dramatischen Bergpanorama, hatten die Impresarios der Erbauung ein mehrere Meter hohes Gestell mit der Monstranz aufgebaut. Erst eine Handvoll Pilger hatte das Ziel erreicht und da der Pilgerzug sich in den Bergen wie die Marschkolonne einer Armee in die Länge gezogen hatte, würde es vermutlich noch Stunden dauern, bis der Letzte eingetroffen wäre.

Die lebensgroße Figur der Heiligen war prächtig geschmückt und empfing ihre Verehrer mit einem seligen Lächeln. Aus der Höhe blickte sie auf die vorbeiziehende Autokolonne und es schien sogar, als würde sie jedes einzelne der Autos segnen. Dies brachte meine Frau sofort auf eine grandiose Idee: Irgendwo in den Anden soll es einen Ort geben, an dem man das Auto tatsächlich von einem Priester segnen lassen kann, inklusive Weihwasser und all den anderen nützlichen Vorkehrungen, die helfen, das Böse unfehlbar abzuwehren. Natürlich müssen wir hin, denn angesichts der Sittenverrohung auf den Straßen empfiehlt sich himmlischer Beistand in jedem Fall.

Cotacachi ist ein winziges Städtchen ohne größere Attraktionen. Man muss den Stadtvätern zugute halten, dafür Sorge getragen zu haben, dass die Straßen ordentlich gepflastert und sauber sind und dass keine Bauruinen das Stadtbild verschandeln. Der eigentliche Grund, der uns und alle anderen hierher zieht, ist eine Straße im Zentrum, in der sich Geschäft an Geschäft reiht und überall verkauft man Leder.

Wir trafen gegen Mittag in Cotacachi ein und da so eine Reise hungrig macht, und sei sie auch noch so kurz, mussten wir uns zunächst einmal ausgiebig stärken. Wir suchten das erstbeste Restaurant auf, das uns gefiel – und tappten gleich in eine Touristenfalle. Nicht, dass das Essen schlecht gewesen wäre oder überteuert oder die Besitzer versucht hätten, sich dem internationalem Einheitsgeschmack anzubiedern – das war es nicht. Als wir das Restaurant, einen riesigen, schön dekorierten Saal, betraten, hatten sich erst wenige Gäste eingefunden. Doch kaum hatten wir Platz genommen und die Bestellung aufgegeben, füllte sich der Saal mit amerikanischen Reisegruppen. Es waren ihrer tatsächlich gleich mehrere, wie man unschwer an den ecuadorianischen Guides erkennen konnte, die T-Shirts mit dem Namen des jeweiligen Reiseveranstalters trugen. Alle Tische des Restaurants waren nun bis auf den letzten Platz besetzt – und es gab viele Tische –, aber ich glaube, abgesehen von den Touristenführern war meine Frau die einzige Ecuadorianerin unter den Gästen.

Nur allzu oft findet man den Eindruck bestätigt, dass amerikanische Touristen sich stets ein bisschen daneben benehmen. Natürlich tun sie das nicht willentlich und schon gar nicht in böser Absicht und man kann es ihnen auch nicht übelnehmen, denn die meisten wissen es einfach nicht besser. In der Regel sind Amerikaner angenehme Zeitgenossen, sie sind nett, gesprächig und hilfsbereit, aber viele haben die Staaten noch nie in ihrem Leben verlassen und sie unterliegen daher dem Irrglauben, dass das Leben selbst an den entferntesten Orten der Welt ungefähr denselben Regeln gehorche wie in einer x-beliebigen Kleinstadt in Texas. Und Ecuador liegt gewissermaßen direkt vor der Haustür. Was also sollte hier schon anders sein als zuhause? Auf der Toilette fuchtelte einer der Touristen verzweifelt vor dem Wasserhahn herum. Er hoffte, den Sensor zu aktivieren, denn er wollte sich die Hände waschen. Ich machte ihn freundlich darauf aufmerksam, dass er einfach nur den Hebel nach oben ziehen müsste. Er betätigte den Hebel, das Wasser floss und er schaute mich an, als hätte ich für ihn gerade das Fahrrad neu erfunden – Thank you. You are welcome!

Amerikaner sind laut; nie machen sie einen Hehl daraus, woher sie kommen und welche Überzeugungen sie haben. Viele scheinen tatsächlich zu glauben, die Welt sei eine Art Wurmfortsatz der Vereinigten Staaten und deshalb könne man sich überall ganz wie zuhause geben. Und außerdem will ja alle Welt ohnehin genau so leben wie man selbst – warum also sich anpassen? Nicht wenige Expats, also Auswanderer, die sich in Ecuador dauerhaft niedergelassen haben, pflegen exakt denselben Lebensstil wie in ihrer Heimat (und leider auch dieselben Einstellungen) und mit ihrem Geld ist ihnen das auch gut möglich. Die Ecuadorianer schauen dem Treiben teils spöttisch, teils ablehnend, vielfach aber auch neidisch zu und lästern über die Gringos in ihrer Mitte, die sich aufführen, als sei das Land eine Provinz Amerikas.

Die Mitglieder der Reisegruppen orderten so gewaltige Mahlzeiten, als wären sie schon seit Tagen halb verhungert durch die Anden geirrt. Einige konnten der Exotik dann doch nicht widerstehen und bestellten sich Cuy asado, also frittiertes Meerschweinchen, um dann mit hochgezogenen Lippen und enttäuschtem Gesichtsausdruck an den Knöchelchen herumzunagen. An so einem Cuy ist nicht viel dran und eigentlich ist es eine Enttäuschung. Die Einheimischen meinen darum, man dürfe nur die größten und fettesten Tiere schlachten, denn sonst esse man im Grund nichts weiter als Panade. Das Fleisch erinnert sehr an Kaninchen und ist ziemlich trocken, aber vielleicht war das Cuy, das ich vor Jahren probieren durfte, auch nicht fett genug. Mein Lieblingsessen wird es bestimmt nicht werden. Es gibt in der Sierra Familienrestaurants, die auf Cuy spezialisiert sind. Dort bietet man nichts anderes an als Cuy, in allen vorstellbaren Zubereitungsarten. Und die Läden sind zur Mittagszeit rappelvoll. Man sieht, Essen ist ein Stück Kultur und was man nicht in der Kindheit zu schätzen gelernt hat, kann man als Erwachsener nur sehr schwer liebgewinnen.

Nach dem Essen gingen wir einkaufen – wozu sollte man sonst nach Cotacachi kommen? Wir suchten nach nichts Bestimmtem, sondern schlenderten einfach nur so von Geschäft zu Geschäft. Die Läden selbst sind keineswegs alle gleich, was Ausstattung und Preislage betrifft. Es gibt regelrechte Kaufhäuser, die alles anbieten, was der Lederliebhaber nur wünschen kann. Leider bedient das Angebot eher den Massengeschmack. Dafür ist die Ware in der Regel recht preiswert. Daneben finden sich immer wieder kleine, geschmackvoll eingerichtete Boutiquen, die zwar über ein viel kleineres Sortiment verfügen, dafür aber teilweise mit wirklich originellen Stücken aufwarten können. Ware von guter Qualität hat natürlich ihren Preis, aber dennoch fährt man immer noch günstiger als bei den großen internationalen Labels. Die findet man übrigens auch, so man dem eingestanzten Schriftzug Glauben schenken will; ich habe mir sagen lassen, dass es sich sämtlich um Fälschungen handelt.

Sehr gut haben mir die Reisetaschen gefallen – schöne Taschen, auch Koffer, aus hochwertigem Leder und dazu noch aufwendig verarbeitet. Sie sahen edel aus und waren einfach nur schön, viel zu schön, um damit schnödes Reisegepäck durch die Gegend zu schleppen. Im Vergleich zu den Waren in Europa sind sie geradezu für einen Schnäppchenpreis zu haben (an die zweihundert Dollar kostete eine große Tasche dennoch). Doch was sollte ich mit einer exquisiten Reisetasche hier in Ecuador anfangen? Man würde mich sofort für reich halten und bei der erstbesten Gelegenheit um mein Gepäck erleichtern. Am Ende kaufte ich mir für zwanzig Dollar einen Gürtel. Das Leder ist so dick, dass man es unmöglich falzen kann, und die Geschäftsinhaberin musste sich sehr anstrengen, um den Gürtel auf meine Länge zuzuschneiden und mit neuen Löchern zu versehen. Alle Gürtel waren ausschließlich in Überlängen verfügbar und ich hätte sie mir leicht zweimal um den Bauch schnallen können. Wahrscheinlich hat man amerikanische Touristen als Käufer im Visier.

Eine Überraschung erlebten wir noch. Obwohl Ecuador zu den Ländern gehört, in denen aufgrund günstiger klimatischer Bedingungen Kaffee angebaut wird (Ecuador gehört jedoch nicht zu den großen Kaffeeproduzenten), hat das Land merkwürdigerweise keine eigene Kaffeekultur hervorgebracht. Der Ecuadorianer trinkt Instant-Kaffee, ein scheußliches Gebräu, und bis vor einigen Jahren hat man Coffeeshops vergeblich gesucht. Mittlerweile gibt es sie in jeder Shopping-Mall und vor allem von der gutbetuchten Kundschaft werden sie geradezu enthusiastisch angenommen. Aber wie sollte es auch anders sein, dass vornehmlich die, die es sich leisten können, ihren Kaffee hier trinken, da beispielsweise ein großer Latte macchiato um die 3,50 Dollar kostet. Dafür bekommt man andernorts schon ein komplettes Mittagessen, inklusive Vorsuppe, Hauptgang, Nachspeise und Getränk. Sehr oft begegnet man den Filialen von „Juan Valdez“, einer kolumbianischen Kette, die in den USA und ganz Lateinamerika vertreten ist. Die Shops erinnern ein wenig an „Starbucks“ und auch das Angebot ist ähnlich, obwohl ich finde, dass der Kaffee deutlich besser schmeckt als bei dem Multi aus Seattle. Richtig gut ist „Sweet and Coffee“, eine einheimische Kette, die erst in den letzten Jahren auf Expansionskurs steuerte. Der Kaffee ist exzellent und das Angebot an exotischen Kuchen und Cookies sucht seinesgleichen.

Kleine Provinzstädte wie Cotacachi können in der Regel nicht mit dem Luxus guten Kaffees aufwarten. Pulverkaffee ist hier meist das Getränk der Wahl für den unter Entzug leidenden Koffein-Junkie. Umso erstaunlicher war es, dass wir ausgerechnet in einer verlassenen Nebenstraße ein Café entdeckten. „Café Serendipity“ stand groß an die Scheibe gemalt. Wir waren neugierig und traten ein. Der Innenraum war einfach, aber sehr gemütlich eingerichtet. Am größten Tisch saßen vier Gäste, offensichtlich Ecuadorianer, doch in dieser Gegend Touristen wie wir. Einer trug einen Poncho, den er sich vielleicht im nahegelegenen Otavalo gekauft hatte (nur Touristen kommen auf die absurde Idee, sich Ponchos anzuziehen). Auf einer Tafel im Gastraum wurde für ein großes Truthahn-Essen geworben: Roast turkey, Mashed potatoes, Cranberry sauce. Wir glaubten nicht eine Sekunde, dass die Betreiber etwas anderes als Amerikaner sein könnten. Auch die Kuchenkarte bot eine gute Auswahl an amerikanischen Klassikern: Apple pie, Lemon pie, Cookies, Brownies und dergleichen mehr. Das Angebot überzeugte uns. Meine Frau und ich entschieden uns für den Lemon pie, mein Sohn nahm den Apple pie.

Die Bedienung rekrutierte sich aus Einheimischen und während wir auf Kuchen und Kaffee warteten, versuchte meine Frau, die Leute auszuhorchen – das entsprach dem üblichen und erprobten Verfahren und meist findet man so eine ganze Menge heraus, denn die Angesprochenen erweisen sich oft als sehr mitteilsam, nachdem man sie erst einmal vorsichtig angestoßen hat. Dann kam der Kuchen. Der Lemon pie war so gut, dass er uns bestimmt süchtig gemacht hätte, würden wir noch ein weiteres Stück bestellt haben. Und auch der Apple pie, den mein Sohn aß, war unglaublich lecker, eigentlich so lecker, dass ein Stück bei weitem nicht ausreichte, den Appetit darauf zu stillen. Erstaunt war ich aber über den Kaffee, denn statt der üblichen Pulverplörre servierte man uns einen exzellenten Cappuccino, nach landesüblicher Sitte mit etwas Zimt bestäubt.

Meine Frau hatte inzwischen ihre inquisitorische Befragung abgeschlossen und folgendes herausgefunden: Ursprünglich war das Café tatsächlich von einer Amerikanerin betrieben worden. Vor einigen Jahren kehrte sie aber in die Staaten zurück. Doch bevor sie Ecuador verließ, brachte sie ihren Angestellten bei, wie man Lemon und Apple pie und all die anderen typisch amerikanischen Spezialitäten bäckt, wie man einen ordentlichen Espresso brüht und wie man ein Thanks-giving-Essen zubereitet. Die ehemaligen Angestellten sind jetzt die Besitzer und führen das Café im hergebrachten Stil weiter. Manchmal ist das Alte eben nicht unbedingt schlecht, nur weil es alt ist. Mag das Café auch eine Oase des internationalen Mainstream in einem ecuadorianischen Provinznest sein, so ist es dennoch hochwillkommen, denn manchmal kann man eben doch nicht von liebgewonnenen Gewohnheiten lassen. Wir werden wiederkommen, ganz bestimmt.