Ein Herz und eine Gruft

Wir sagen Bahía Lebewohl und reisen weiter nach Süden, nach Guayaquil, der großen pulsierenden Hafenstadt am Río Guayas. Unterwegs machen wir einen Abstecher nach Montecristi, das in Ecuador wegen zweier Dinge berühmt ist, im Rest der Welt aber kaum für eines davon: Montecristi ist die Geburtsstätte Eloy Alfaros, des berühmten und gemeinhin verehrten Präsidenten, der vor über hundert Jahren die liberale Revolution einleitete. Aber nicht nur berühmte Präsidenten stammen aus Montecristi, sondern auch der Panama-Hut.

Eloy Alfaro war bis 1911 Präsident Ecuadors. Erst nach langen wechselvollen Kämpfen gelang es ihm, die Ordnung des Landes auf der Grundlage moderner verfassungsrechtlicher Normen zu verankern. Die strikte Trennung von Kirche und Staat war dabei die größte Errungenschaft und gilt als einer der Marksteine der liberalen Revolution. Sie eröffnete Freiräume für eine Entwicklung, wie sie unter der paternalistischen Diktatur der Kirche nicht möglich gewesen wäre. Die unwiderrufliche Trennung hat die überwältigende Mehrheit der Bewohner des Landes jedoch nicht davon abbringen können, sich auch weiterhin als Katholiken zu bekennen.

In Ecuador kennt natürlich jeder Eloy Alfaro – Grund, ihn zu lieben, haben aber bei weitem nicht alle. Unter der Präsidentschaft Rafael Correas, des derzeitigen Amtsinhabers (er wird noch bis 2017 regieren), hat man oberhalb von Monecristi ein Mausoleum mit den sterblichen Überresten des Generals sowie einen Plenarsaal errichten lassen. Dem architektonischen Ensemble, das einsam wie ein Eremitenkloster am Fuße der Berge thront, verlieh man den stolzen Namen Ciudad Alfaro. Hätten Nationen ein Herz, wäre es gewiss dieser Ort, über den der Geist eines ecuadorianischen Märtyrers wacht.

Ein, zweimal im Jahr werden hier, gewissermaßen am Reliquienschrein der Nation – der zugleich der Nabel des modernen nationalen Selbstbildes ist – symbolische Parlamentssitzungen abgehalten. Man darf bezweifeln, dass alle Abgeordneten in den Überbleibseln des grausam hingemordeten Präsidenten einen Quell der Inspiration sehen.

Wie der Zufall es will, ist Correa ein entfernter Verwandter des großen Generals. Nicht wenige halten dies für ein denkbar schlechtes Omen, da Alfaro selbst vor einem blutigen Staatsstreich nicht zurückschreckte, um seine politische Agenda durchzusetzen. Der derzeitige Präsident versteht sich zwar als ideologischer Erbe, aber damit enden auch schon die Gemeinsamkeiten, denn schließlich hat er sich nicht an die Macht geputscht, sondern wurde vom Volk in freier Wahl dreimal hintereinander mit großer Mehrheit ins Amt gewählt. Nicht jeder freilich möchte sich mit dieser Wahrheit abfinden.

Nur wenige Schritte vom Sitzungsort entfernt, lädt die Stätte mit den sterblichen Überresten des Generals zu einem Besuch ein. Ihre letzte Ruhe fanden die Gebeine in einer schlichten Marmorkiste zu Füßen einer Monumentalstatue, die den Präsidenten als kraftstrotzenden Heiland und Heroen zeigt. Vor dem Mausoleum ist indes sein größtes Werk zu bestaunen: die Eisenbahn.

Die Strecke, die einst von den Hafenstädten am Pazifik bis hinauf in die Anden führte, war seinerzeit eine technische Meisterleistung, würdig eines großen Führers und als solcher hat sich dieser stolze Mann wohl auch Zeit seines Lebens empfunden. Durch das Bahnprojekt standen Costa und Sierra zum ersten Mal in direktem Kontakt und die neuen Transportmöglichkeiten förderten die Entwicklung des Landes wie nie zuvor. Eloy Alfaro hat ein wichtiges Kapitel Geschichte geschrieben, aber bekanntlich findet jeder große Mann die Gegner, die er verdient. Am Ende haben sie ihn zu Fall gebracht. Sein Vermächtnis aber besteht bis heute fort.

Die andere Sache, mit der sich Montecristi einen Namen gemacht hat, sind natürlich Panama-Hüte. Die traditionelle Kopfbedeckung, die aus den Fasern einer endemischen Grasart, der Paja Toquilla, hergestellt wird, hat jedoch mit dem Land in Zentralamerika, nach dem sie benannt ist, etwa soviel zu tun wie der Hamburger mit der Stadt an der Elbe.

Panama-Hüte werden auch heute noch auf traditionelle Weise hergestellt, doch mittlerweile sind Hüte von guter Qualität unerschwinglich geworden und wohl auch ein wenig aus der Mode. Wer würde heutzutage schon zweitausend Dollar für einen Hut ausgeben, nur damit er ihn dann am Strand spazieren tragen kann? Ein unerwarteter Regenguss und das edle Stück taugt ohnehin nur noch als Dichtungsmaterial für Abwasserleitungen. Gerade noch eine Handvoll Hutflechter, die sich auf ein Werk von solch hoher Kunstfertigkeit versteht, widersetzt sich dem Trend. Aber wahrscheinlich kann man die Kunden, welche die exquisite Qualität zu schätzen wissen und die die ebenso exquisiten Preise für dieses handwerkliche Meisterwerk zu zahlen bereit sind, mittlerweile auch an einer Hand abzählen.

Wir besuchen die Ciudad Alfaro, die an diesem Tag wirkt, als wäre sie in einen Schlaf des Vergessens gesunken. Der Schlag des Herzens in der Brust dieser Nation gleicht dem Puls eines Patienten, der vorübergehend in ein Koma gefallen ist. Als einzige Besucher verlieren wir uns geradezu auf dem riesigen Parkplatz vor dem Mausoleum. Wir streifen ziellos umher, spazieren durch die Gärten, besteigen die Kuppel des Grabmals und lassen uns von der sakralen Atmosphäre in seinem Innern gefangen nehmen. Ein grauer Himmel hängt schwer über den Bergen und der Stadt.

Später fahren wir die Hauptstraße Montecristis ab, auf der sich Geschäft an Geschäft reiht. Ich habe den Eindruck, wir sind die einzigen, die es hierher verschlagen hat und ich kann mir nicht vorstellen, dass heute auch nur einer der Händler irgendein Geschäft macht. Auch uns steht nicht der Sinn nach Flechtarbeiten und Hängematten. Nirgendwo kann man Flechtarbeiten guter Qualität günstiger kaufen, aber wir haben schon mehr Hängematten und Körbe als wir im ganzen Leben je brauchen könnten. Und so verlassen wir Montecristi mit seiner nationalen Andachtsstätte mit nichts weiter als Erinnerungen und ein paar Fotos.

El Lechero

Wenn man der Panamericana von Quito aus nach Norden folgt, gelangt man in ca. neunzig Minuten nach Otavalo. Otavalo ist berühmt für seinen traditionellen Markt, der an jedem Wochenende in der Stadt abgehalten wird und auf dem man vor allem schöne Webarbeiten kaufen kann. Die meisten Touristen nutzen die Gelegenheit, um sich einen Poncho zuzulegen, denn im allgemeinen Bewusstsein gibt es kein Kleidungsstück, das typischer für die Andenregion wäre als der bunte Wollumhang (Typisch für die Küste ist der Hut aus Toquilla, der landläufig – jedoch fälschlicherweise – als Panamahut firmiert).

So ein Poncho ist wirklich ein schönes Kleidungsstück, aber ich bezweifle, dass man damit irgendwo in Europa Eindruck schinden könnte. Zwar würde man kaum Aufsehen erregen, wenn man, ausstaffiert wie ein Hochlandbewohner, in Berlin auf die Straße ginge, in einer Stadt, die an Merkwürdigkeiten jeglicher Art gewöhnt ist, aber so ganz passt man natürlich doch nicht ins Bild. Hier in Ecuador habe ich noch nie jemanden einen Poncho tragen sehen. Ich vermute, dieses traditionelle Kleidungsstück steht in der Vorstellung der meisten Menschen für Bäuerlichkeit, Rückständigkeit und Armut. In einem Land wie Ecuador mit einem so ausgeprägten Klassenbewusstsein und einem starken Bedürfnis nach gesellschaftlicher Anerkennung möchte natürlich niemand für einen Campesino, einen Bauern, gehalten werden.

Wir haben uns trotzdem Ponchos gekauft, denn schließlich wird uns in Berlin kaum jemand für Landeier halten. In unserer Berliner Wohnung ist es im Winter oft unangenehm kalt und selbst wenn man die Heizung bis zum Anschlag aufdreht, wird es nie mollig warm. Mit so einem Poncho bleibt man warm, auch ohne dass man sich gleich durch exorbitante Heizkosten ruinieren müsste. Ich habe das Kleidungsstück einmal zur Probe getragen. Wenn ich den vorderen Saum über die Schulter werfe, sehe ich fast so lässig aus wie Clint Eastwood in „Für eine Handvoll Dollar“. Den Poncho zurückzuschlagen hat den Vorteil, dass man die Hände frei hat (im Falle Eastwoods die Schusshand). Der Poncho ist aus dicker Alpaka-Wolle gewebt und damit würde man selbst im kältesten Berliner Winter nicht frieren. Auch wenn ich mir in meinem neuen Poncho ziemlich cool vorkomme, sehe ich vielleicht doch lieber davon ab, ihn auf der Straße zu tragen.

Wir waren diesmal nicht nach Otavalo gekommen, um den Markt zu besuchen – Ponchos hatten wir ja schon –, sondern einer anderen Attraktion wegen: Wir wollten zum Lechero. Ehrlich gesagt, weiß ich bis heute nicht, was es damit auf sich hat. Der Lechero ist ein Baum, in der Vorstellung der Einheimischen sogar ein Wunderbaum. Welche Art Wunder der Besucher allerdings erwarten darf, bleibt ein Geheimnis. Gleichermaßen geheimnisumwittert ist, was es mit dem merkwürdigen Namen auf sich hat, denn „Leche“, von dem er offenbar abgeleitet ist, bedeutet „Milch“.

Die Geschichten, die man sich in den Tälern der Anden auch heute noch erzählt wie schon vor Jahrtausenden, sind tief in das kulturelle Gedächtnis der Bewohner des andinen Raumes eingegraben. Traditionen reichen oft bis in eine mythische Zeit zurück. Niemand weiß, wo die Anfänge liegen – im Bewusstsein der Menschen waren die Mythen und die Geschichten, in denen von ihnen berichtet wird, schon immer da. Und auch heute noch spürt man die Macht des Numinosen und man huldigt ihr fast auf dieselbe Weise wie die Vorfahren.

Doch die Menschen haben vergessen, wie die Mächte, die sie ehren, in die Welt kamen, wo ihr Ursprung liegt und woher ihre Kraft stammt. Manchmal wissen sie nicht einmal mehr, was ihr Name bedeutet, aber dennoch bezeugen sie ihnen Verehrung, ganz so, wie man die Kräfte der Natur beachten müsste, auch wenn man nicht wüsste, dass es sie gibt (ich kann freilich so tun, als gäbe es keine Gravitation, aber spätestens, wenn ich die Treppe herunterfalle, bin ich gezwungen anzuerkennen, dass Schwerkraft tatsächlich existiert). Man weiß, dass der Lechero ein besonderer Ort ist, doch Jahrhunderte brutaler Unterdrückung und christlichen Glaubenseifers haben die Menschen vergessen lassen, worin der Quell seiner Macht liegt.

Nicht weit unterhalb Otavalos liegt die Laguna San Pablo. Wenn man sich der Stadt auf der Panamericana von Süden nähert, sieht man im Osten plötzlich die Wasserfläche wie einen Spiegel aus poliertem Stahl zwischen den geschwungenen Flanken der Berge liegen. Häuser stehen am Ufer des ruhigen Sees gleich Streichholzschachteln. Wir haben die beschauliche Laguna de San Pablo schon einmal ganz umrundet – am jenseitigen Ufer gibt es nur schlechte Straßen und winzige Dörfer ohne jede touristische Infrastruktur. Wer dort ein Restaurant vermutet, von dem noch kein Reiseführer weiß, oder ein verstecktes Café, in dem er in authentischen Genüssen schwelgen kann, sucht vergeblich. Es gibt Cabañas (kleine Ferienbungalows) am Seeufer, aber die Ruhe, die man dort findet, ist wahrscheinlich so vollständig, dass man schon nach drei Tagen den Verstand verliert.

Am westlichen Ufer steht ein Restaurant, das in den See hineinwächst als würde es jeden Augenblick auf seinen Stelzen übers Wasser schreiten. An diesem Tag hatte das Lokal geöffnet und in einer Ecke des Parkplatzes drängten sich die Autos der Gäste wie Schafe, die versuchen, vor dem Hütehund Reißaus zu nehmen. Das Seeufer machte einen viel lebendigeren Eindruck als bei unserem ersten Besuch: Ausflugsboote legten von der Anlegestelle des Lokals ab und tuckerten gemächlich über den See. Touristen – alle ausnahmslos Ecuadorianer – spazierten am Ufer entlang und stellten sich für ein paar schnelle Fotos vor dem See in Position. Enten quakten aufgeregt, wenn die Boote sie vom Steg vertrieben. Die Sonne schien. Das Restaurant war gut besucht und als der Kellner mich sah, winkte er mich herein. Es war noch zu früh, um zu Mittag zu essen, und außerdem wollten wir zum Lechero.

Die Menschen haben ihr Leben in der Talniederung zwischen den Bergen eingerichtet. Wiesen und Felder liegen lieblich in der Sonne und der Flickenteppich menschlicher Tätigkeit strebt die Hänge hinauf, als wollte er selbst noch die Gipfel erobern. Der Landbau hört erst dort auf, wo das Terrain so steil ist, dass man selbst zu Fuß kaum noch vorwärtskäme.

Ein Feldweg windet sich durch die bestellte Flur und führt dann um einen Berg herum, dessen Kuppe sanft wie ein Hügelgrab gewölbt ist. Wir ließen den Wagen kurz hinter der Abzweigung stehen, die den Berg an seiner Flanke umläuft, denn die Straße war an dieser Stelle so schmal, dass es unmöglich war zu wenden, ohne den Hang hinunterzurollen. Das restliche Stück gingen wir zu Fuß.

Auf der flachen Kuppe wächst Rasen und ein lichter Hain bildet Spalier um den Gipfel gleich einer dünnen Tonsur. Die Wölbung des Berges ist so flach und ebenmäßig, dass man den Eindruck hat, man spaziere über eine Rasenkugel von den Dimensionen einer Welt wie im „Kleinen Prinzen“. Und dann hatten wir den Hügel fast erklommen und wir sahen den Lechero, der hinter dem gekrümmten Horizont der Bergkuppe wie eine Verheißung emporwuchs.

Atemlos vom Aufstieg verharrten wir am Gipfel. Auf der Spitze steht der Lechero, solitär und unangefochten wie ein lebendiges Kultbild. Ich könnte behaupten, dies wäre nur ein gewöhnlicher Hügel mit einem alten, knorrigen Baum darauf, und doch drängt sich einem der Eindruck auf, man befinde sich an einem sakralen Ort. Tatsächlich glaubt man so etwas wie eine Magie zu spüren oder die Aura des Genius loci.

Vielleicht zogen einst Prozessionen zu dieser Weihestätte, um den numinosen Mächten Verehrung zu erweisen und vielleicht auch, um ihnen Opfer darzubringen. Wurde einst Blut vergossen, um die geheimnisvollen Mächte dieses Ortes gnädig zu stimmen? Ich glaube nicht, aber meine Phantasie malt mir eine kultische Massenorgie mit Strömen von Blut aus. Der Lechero aber steht still und friedlich auf seinem Hügel und schweigt. Niemand wird das Geheimnis je lüften (Ich glaube, ich habe mir die Indiana-Jones-Reihe viel zu oft angeschaut).

Der Blick reicht weit: Felder und Weiden erstrecken sich bis in den letzten Winkel dieses Stücks Schöpfung und sinken dann hinter den Horizont. Die Welt liegt vor einem wie ein Schachbrett und mit der Hybris, die dieser euphorische Augenblick heraufbeschwört, ist es möglich zu glauben, wie die alten Götter könnte man jeden Zug der Menschen sehen, die winzig wie Mikroben in den Tälern wimmeln.

Im Vergleich zu den Bergen ringsherum ist der Berg, auf dem der Lechero steht, winzig. Man könnte ihn fast für einen Hügel halten, und dennoch scheint es, man blicke vom Gipfel eines Weltberges auf die Erde herab. Ströme kosmischer Energien kreuzen sich in den Wurzeln des Baumes und konzentrierten sich in den Säften unter der zernarbten Rinde. Wenn man die Hand auf die rissige Borke legt, fühlt man etwas auf sich übergehen, als würde man von einem leibhaftigen Heiligen berührt.

Besorgte Denkmalschützer haben die Kuppe des Hügels weiträumig mit einem Zaun abgesperrt, doch in guter alter anarchistischer Tradition hat man die Zaunpfähle einfach umgeworfen. Das Bedürfnis, den Baum anzufassen, ist so stark, dass man sich auch durch Zäune nicht davon abbringen lässt. Wahrscheinlich sind es archaische Traditionen, welche die Menschen glauben lassen, dass die Kraft des Lechero auf einen übergehe, wenn man ihn berührt. Freilich habe auch ich meine Hand auf den Stamm gelegt. Man kann noch so viele vernünftige Gründe dagegen anführen – selbst als durch und durch rationaler Mensch fällt es schwer, der Versuchung zu widerstehen. Es scheint, manch einer hat der wundersamen Kraftübertragung ein wenig nachgeholfen, indem er seine Initialen in die Rinde schnitzte.

Wir fragten Leute, welche Bewandtnis es mit dem Lechero habe, doch kein einziger konnte uns irgendetwas Nützliches dazu sagen, obwohl doch alle in der Gegend zu wohnen schienen. Einige machten Picknick auf der Wiese unterhalb des Baumes und gerade fand eine Rotkreuz-Übung mit hundert Teilnehmern statt. Warum man sich ausgerechnet diesen Ort dazu ausgesucht hatte, bleibt rätselhaft. Vielleicht hoffte man auf die reanimierende Wirkung, die von den Energiefeldern des Wunderbaumes ausgeht. Die Leute pflegen einen völlig ungezwungenen Umgang mit heiligen Orten und alten Traditionen. Für die meisten sind sie genauso Teil des Lebens wie die trivialsten Dinge des Alltags. Manchmal drängt sich einem der Eindruck auf, wären sie plötzlich verschwunden, würde man sie nicht sonderlich vermissen.

Heroen und andere Unsterbliche

Die Tage in Bahía sind eine unbeschwerte Zeit, die bei Sonne, Strand und Meer nur allzu schnell verrinnt. Der Rhythmus der Stadt ist ansteckend und fünf Tage sind schnell vergangen, wenn man nichts weiter zu tun hat, als den natürlichen Bedürfnissen zu gehorchen. Es gibt keine Pflichten, denen man zu genügen hätte, keine lästigen Obliegenheiten, mit denen einen der Alltag nur allzu oft quält, und am Strand zu liegen, Muße zu pflegen und hin und wieder das gute einheimische Essen zu genießen, sind schon die einzigen Forderungen, denen man sich zu fügen hat.

Man könnte so das ganze Leben zubringen und es wäre in nur einem Augenblick vorbei. Selbst die Ewigkeit wirkt kürzer angesichts des Gleichmaßes, das der stete Takt von Tag und Nacht der Welt als unerschütterliches Gesetz auferlegt. In Bahía richtet sich das Versmaß des Lebens nach dem Rhythmus der Natur und das Metrum der Zeit schlägt immer mit derselben unveränderlichen Geschwindigkeit. Nie geschieht etwas, das ihren Lauf beschleunigt und Uhren, die einen daran gemahnen, immer hübsch im Takt zu bleiben, sind daher ganz unnötig. Das Leben ist ein einziges unerschütterliches Kontinuum. Es ist friedlich und ruhig – kein Wunder, dass es so viele Expats in die Stadt zieht: Einen größeren Kontrast zu den Großstädten der USA oder Europas könnte man sich wahrlich nicht denken.

Einmal fahren wir nach Rocafuerte, um Süßigkeiten einzukaufen. Wir schaufeln die Dulces gleich tütenweise ins Auto, aber die Leckereien sind auch schnell aufgegessen. Ich bin geradezu abhängig von dem Naschwerk mit Maní (Erdnussbutter) und ich kann mich schon ein paar Tage später nicht mehr zurückhalten und esse gleich zwei große Behälter an nur einem einzigen Abend leer.

Ganz in der Nähe liegt Montecristi, ein kleiner Ort, der für seine Flechtarbeiten aus Toquilla bekannt ist. Toquilla ist ein Gras, das ausschließlich an der ecuadorianischen Pazifikküste vorkommt. Schon in präkolumbianischer Zeit fand es Verwendung und Händler brachten Erzeugnisse daraus bis nach Mexiko. Berühmtheit erlangte Montecristi durch den Panama-Hut, denn auch wenn die Kopfbedeckung nach dem Land in Mittelamerika benannt ist, stammen die Hüte doch aus der ecuadorianischen Küstenregion, besonders aus Montecristi und dessen näherer Umgebung.

Montecristi wird ebenfalls als der Geburtsort Eloy Alfaros gerühmt. Eloy Alfaro war zweimal Präsident Ecuadors (bis 1911) und gilt als der Wegbereiter der liberalen Revolution. Unter seiner Ägide wurde die Trennung von Kirche und Staat vollzogen. Darüber hinaus initiierte er den Bau einer Eisenbahn, die zum ersten Mal Costa und Sierra direkt verbinden sollte. Das Projekt galt seinerzeit als undurchführbar, doch im Jahre 1908 wurde das letzte Teilstück der Route Guayaquil-Quito fertiggestellt. Vor dem Bau der Eisenbahnstrecke dauerte eine Reise Wochen. Für die Bergregionen bestimmte Handelsgüter mussten auf Eseln transportiert werden und der Weg führte über steinige Pfade bis hinauf in eisige Höhen.

Mit der Eisenbahn schaffte man dieselbe Strecke, für die man vorher Wochen benötigt hatte, in nur zwei Tagen. Damit wurden Costa und Sierra zum ersten Mal auch wirtschaftlich eng miteinander verbunden (Heute braucht man mit dem Auto etwa acht Stunden.). Als sich der General später zum dritten Mal zum Präsidentenamt zu putschen versuchte, verlor er seine Unterstützer, wurde festgenommen, in Quito ins Gefängnis gesperrt und dort von einer wütenden Menge gelyncht. Seine Leiche wurde in einem der großen Parks der Stadt verbrannt.

Heute gilt Eloy Alfaro als eine Art Nationalheiliger und er wird als der mächtigste Bannerträger des Fortschritts in der ecuadorianischen Geschichte verehrt. Die derzeitige Regierung, die sich als Wahrerin jener Werte versteht, für die der General einst unter Einsatz seines Lebens kämpfte, beruft sich explizit auf dessen Vorreiterrolle in der liberalen Bewegung. Die Regierung Correa versteht sich als Alleinerbin der liberalen Revolution und sieht sich zugleich als kämpferische Verwalterin ihres Vermächtnisses. Sie wird nicht müde, diesen Anspruch propagandistisch akzentuiert unters Volk zu bringen, um noch dem Letzten im Lande klarzumachen, dass die liberale Revolution im Sinne Eloy Alfaros mit dieser Regierung ihre Fortsetzung und letztlich ihre Vollendung gefunden hat. Amtsinhaber Rafael Correa ist übrigens ein entfernter Verwandter des berühmten Generals.

Oberhalb von Montecristi, dem Geburtsort Eloy Alfaros, hat man eine nationale Weihestätte zum Andenken an den großen Präsidenten errichtet. In der Ciudad Alfaro, der „Alfaro-Stadt“, gibt es eine Gedenkstätte, die einem Mausoleum nicht unähnlich sieht. Darüber hinaus kann man noch ein Museum besuchen, das zur Geschichte und Kultur Ecuadors informiert sowie Stationen aus dem Leben Eloy Alfaros zeigt; auf dem Gelände findet sich ein Besucherzentrum, Tagungssäle für Parlamentssitzungen oder internationale Konferenzen und ein Areal mit kleinen Läden, in denen der Besucher schöne landestypische Handwerksarbeiten kaufen kann. Der große Parkplatz vor dem Eingang ist auf Massenandrang ausgerichtet.

Im Zentrum der Ciudad Alfaro erhebt sich ein massiver Kuppelbau. Darin befindet sich eine pompöse Monumentalplastik, die Eloy Alfaro als kettensprengenden Heroen zeigt (der Mann war in Wirklichkeit selbst für seine Zeit außergewöhnlich klein). Auf dem Postament ruhen in einem im Kontrast zur Statue sehr schlichten Ossuarium die sterblichen Überreste des Präsidenten. Man kann sich nur schwer des Eindrucks erwehren, dies sei weniger ein Gedenkmonument für einen Staatsmann als vielmehr der Reliquienschrein für einen Heiligen.

Wenn man den Bau betritt, führt der Weg zunächst durch einen langen Gang, der unheimlich wie das Innere einer Mysteriengrotte erleuchtet ist. Das flache Gewölbe, das sich über die Köpfe der Besucher spannt, erzeugt eine Atmosphäre des Mystischen und Geheimnisvollen. In die Wände sind Vitrinen eingelassen und Tafeln mit berühmten Zitaten aus Briefen und Reden des Präsidenten stimmen den Besucher auf den Geist des Ortes ein. Fast scheint es, man gehe durch eine dunkle Krypta, und wenn man dann das Ende des Weges erreicht hat, tritt man urplötzlich ins helle Licht unter der Kuppel. Gleich einem heidnischen Idol erhebt sich dort die mächtige Heroenstatue des Präsidenten, und ich musste wirklich an einen Archäologen denken, der als erster Besucher seit Tausenden von Jahren den unterirdischen Kultraum einer vergessenen Kultur betritt. Wahrscheinlich ist dieser Effekt gewollt und wahrscheinlich fühlt es sich für einen wahren Gläubigen gar nicht anders an, wenn er seinen Tempel, seine Kirche oder seine Moschee betritt.

Von außen wird der Bau von den Spitzbögen einer Stahlkonstruktion gleich dem Fächer eines Blütenkelches eingerahmt. Angesichts ihrer schieren Größe lassen die Bögen öfter an das Gerippe eines Wals denken denn an irgendetwas anderes. Ich habe immer noch nicht herausgefunden, was die fächerförmige Konstruktion eigentlich darstellt, aber vielleicht kommt mir ja noch eine Erleuchtung.

Ich hätte gern ein paar Fotos gemacht, aber aus Gründen, die sich der Erfassung durch den Verstand entziehen, waren der Akku der Kamera sowie das Ladegerät leider wie vom Erdboden verschluckt [Anmerkung des Autors: Die Fotos, die man sieht, stammen von einem späteren Besuch]. Die hektische Suche, die sich daraufhin entspann, hatte nicht den gewünschten Erfolg und auch als wir später noch einmal gründlich und methodisch suchten, blieb das Ladegerät verschwunden. Man hätte ja Fotos mit dem Handy schießen können. Allerdings werde ich das Gefühl nicht los, die Eigenwerbung der Hersteller übertreibt doch maßlos, wenn es um die Qualität der Bilder geht, die sich mit solch einer popeligen Handykamera angeblich erzielen lässt. Die Aufnahmen, die ich bisher gemacht habe, gleichen da schon eher Lomografien. Übrigens fand sich das Ladegerät später im Koffer (sic!), begraben unter Bergen all jener nützlichen wie unentbehrlichen Dinge, die man auf alle Fälle braucht, um eine siebentägige Reise zu überstehen.

Von so viel Bedeutungsschwere war mir schon ganz schummerig und ich war froh, dass wir noch vor dem Abend ins leichtlebige Bahía mit seinen spektakulären Sonnenuntergängen und seinen gutgelaunten Bewohnern zurückkehren konnten. Bahía gehört wahrscheinlich zu den wenigen Orten auf der Welt, an denen man den lieben langen Tag im Prinzip einfach mal nichts tun kann, ohne deswegen ein schlechtes Gewissen haben zu müssen, denn paradoxerweise fühlt man sich am Abend, als hätte man wie einst Herkules die Welt aus den Angeln gehoben und auch gleich wieder ganz neu eingehängt.

In Bahía bedarf es nicht viel, um das Leben in seiner reinsten Form zu genießen. Aber braucht es denn auch viel mehr als Sonne, Strand und Zeit – vor allem Zeit, viel Zeit? Zeit jedenfalls hat man genug, und zwar immer. Wäre Zeit Geld, wie das Sprichwort behauptet, hätte man in Bahía stets mehr davon zur Hand, als man ausgeben könnte. Zeit kann nicht verschwendet werden, denn es gibt sie im Überfluss, doch überflüssige Zeit ist unbekannt.

Die Bahieños verlassen ihre Stadt nur ungern: Das Leben anderswo sei viel zu hektisch. Warum soll man das beruhigende Gefühl, eine Unendlichkeit zur Verfügung zu haben, um Dinge ins Lot zu bringen, gegen den Akkord nach dem rasenden Takt der Uhr tauschen? Ich kann die Leute gut verstehen, die leben, als wären sie unsterblich. Fast wünschte ich, ich wäre selbst ein Bahieño.