Abstieg in neue Welten

Ganz wie ein richtiger Astronaut, verlasse ich den Mars nicht, ohne vorher ein paar Gesteinsproben eingesammelt zu haben. Die geologische Fracht verstaue ich stilecht im Rucksack. Dann wende ich mich endgültig der Welt der Erdenbewohner zu. Für den Abstieg wähle ich eine andere Route: Es ist ein staubiger Bergrücken, der parallel zum Weg meines Aufstiegs verläuft. Hier ist man allein, denn der bunte Strom der Anoraks bewegt sich ein-, zweihundert Meter weiter zur Linken den Berg hinauf.

Ich lasse die Laguna und die Whymper-Hütte hinter mir. Das Refugium mit den blitzenden Sonnenkollektoren liegt zwischen den Schenkeln der Schuttberge gleich einem Habitat am Grunde eines gefrorenen Mars-Canyons. Weiter unten sieht man die Carrel-Hütte als winzigen roten Würfel. Wie ein Leuchtfeuer der Wärme und Geborgenheit steht die menschliche Behausung in der majestätisch kargen Landschaft.

Zum Parkplatz ist es recht weit und der Weg, der dorthin führt, balanciert auf dem Grat eines steilen Höhenrückens entlang. Starkes Gefälle macht zügiges Ausschreiten unmöglich. Der Schotter ist so locker, dass man schon bei der geringsten Unachtsamkeit ins Rutschen kommt. Man könnte sich in einen Wok setzen und den Berg hinunterrasen und man würde sämtliche Geschwindigkeitsrekorde brechen. Ich wundere mich, dass noch niemand auf die Idee gekommen ist.

Zweimal verliere ich den Halt und bevor ich mich versehe, liege ich im Staub und ich rutsche auch gleich noch ein paar Meter den Hang hinunter. Der einzige andere Mensch, dem ich hier begegne und den ich ausgerechnet im Augenblick meiner Beschämung treffen muss, fragt, ob ich wohlauf sei. Es gehe mir gut, lasse ich ihn wissen, aber als sei ich der Buffo am Berg, liege ich schon in der nächsten Sekunde wieder auf dem Rücken. Es zieht mir förmlich die Beine weg und kommt man erst einmal ins Rutschen, kann man das Unglück nicht mehr aufhalten. Ich sehe nun aus, als hätte ich mich nach allen Regeln der Kunst in der roten Erde gesuhlt. Der feine Staub hängt an mir wie der Puderzucker am Weihnachtsstollen.

Als ich schließlich an der Carrel-Hütte ankomme, schmerzt mir der Ellenbogen. Das unangenehme Stechen sollte mir auch noch während der nächsten Monate erhalten bleiben. Richtig weh tut es aber nur beim Gewichtestemmen. Ich schließe daraus, dass es nichts Ernstes sein kann, doch der Schmerz ist mir eine stete Erinnerung an unser Abenteuer unter dem eisigen Thron Gottes.

Das Dramolett, in das ich anlässlich meiner Rückkehr in die Zivilisation geraten bin, ist nichts im Vergleich zu dem Drama epischen Ausmaßes, das sich während meiner Abwesenheit auf dem Parkplatz abgespielt hat: Hatte die eine Hälfte der Seilschaft beschlossen, dem Pfad des Abenteuers hinauf ins ewige Eis zu folgen, beschied sich die andere Hälfte mit Warten. Viele Bergtouristen bleiben in der Nähe des Parkplatzes und genießen von hier den Ausblick in die malerisch öde Landschaft. Sie müssen auch so schon gegen Atemnot kämpfen, der Aufstieg wäre eine einzige Tortur.

Als ich verfroren und ziemlich derangiert beim Auto eintreffe, empfängt man mich mit der durchaus vorwurfsvollen Feststellung, man habe volle drei Stunden warten müssen. Drei Stunden? Die Zeit ist wie im Fluge vergangen, aber wahrscheinlich hat die dünne Luft ein Delirium mit anschließender Amnesie bei mir ausgelöst. Ich habe wirklich den Eindruck, ich sei nur einen Augenblick fort gewesen, so viele Eindrücke sind in so kurzer Zeit auf mich eingestürmt.

Auf dem Parkplatz wurde es dennoch nicht langweilig, denn spannende Unterhaltung war auch hier garantiert: Francisco hatte uns den Wagen mit nur einem Schlüssel ausgehändigt und damit uns die Zentralverriegelung nicht eines Tages aussperrte, war als erstes Gebot beschlossen worden, dass derjenige, der fährt, auch für den Schlüssel verantwortlich sei. Die Fahrt hinauf zum Vulkan hatte unser Nervenkostüm arg strapaziert und nur so lässt sich erklären, wie es zu der Konfusion kommen konnte, die wieder einmal in dem unanfechtbaren Beweis mündete, dass Murphys Gesetz eine ebenso unumstößliche Naturkonstante ist wie die Lichtgeschwindigkeit: Die Türen schnappten zu und der Schlüssel steckte ordnungsgemäß an seinem Platz im Zündschloss.

In Deutschland hätte sich das Malheur zur wahren Tragödie ausgewachsen (und wahrscheinlich zum finanziellen Melodram), doch in Ecuador sind die Leute praktisch veranlagt und für alle Lebenslagen gibt es einen Kunstgriff. Meine Frau traf gerade noch rechtzeitig auf dem Parkplatz ein, um den schlimmsten Ausbruch der Verzweiflung abzuwenden – man wog bereits den Stein, mit dem man zur Tat zu schreiten gedachte (vulkanisches Ergussgestein, das so aussah wie die Proben, die ich im Rucksack trug).

Es dauerte nicht lange und man hatte jemanden ausfindig gemacht, der sich erbot, die Tür zu öffnen: Dazu war lediglich ein Stück Draht nötig. Mit Geschick war das Werk in wenigen Sekunden vollbracht. Ich frage mich bis heute, warum man unser Auto nicht andauernd knackte. Wie man einen Wagen gegen seinen Willen öffnet, scheint hierzulande Allgemeinwissen zu sein. Doch bekanntlich ist Wissen blind gegen den Zweck, dem es dient, und es hilft dem Bösen wie dem Guten stets mit derselben Gleichgültigkeit.

Wir nehmen Abschied vom Chimborazo mit dem Gefühl, einen Triumph errungen zu haben, denn allen Widrigkeiten zum Trotz haben wir unser Ziel erreicht und mit den besten Erwartungen setzen wir unsere Reise fort: Wir schlagen einen weiten Bogen zurück zur Panamericana, auf die wir in Ambato treffen. Doch wir verweilen nicht. Schon nach kurzer Rast geht es über die Kordillere und weiter nach Osten, hinab ins Tiefland mit seinen heißen, schwitzenden Urwäldern. Die Strecke ist so malerisch wie ein Landschaftsbild der Romantik, mit Geheimnissen, die in purpurnen Schatten lauern, und geisterhaften Nebelgebilden.

Der Sonnenuntergang reißt uns in die Nacht, die das Land, den Himmel und die Autopista in kohlschwarze Finsternis taucht. Um uns ist nichts als samtene Schwärze, in der die Rücklichter der vorausfahrenden Wagen wie Granate leuchten. Baños, die Stadt der heißen Quellen, taucht daraus auf als warmer Lichtschein aus Autokolonnen, Musik und feiernden Menschen. In der Nacht erreichen wir Puyo, das Eingangstor zum Amazonas-Tiefland. Gerade drei Stunden und viertausend Höhenmeter trennen uns nun vom Eisigen Thron Gottes, doch es fiele leichter zu glauben, wir hätten Kontinente und Ozeane überquert, um hierher zu gelangen. Puyo ist eine gänzlich andere Welt – eine neue Welt für uns. Wir sind begierig, das Amazonas-Tiefland und seine Geheimnisse zu ergründen.

Vater Abraham und die Lamas

Wir nähern uns dem Chimborazo von Südosten. Von Riobamba aus, wo wir die Nacht verbrachten, folgen wir der Panamericana ein Stück weit in umgekehrte Richtung. Nur wenige Kilometer vor der Stadt, kurz hinter einem Flecken namens Calpi, nehmen wir einen Abzweig, der uns in nordwestliche Richtung führt, hinauf zum Chimborazo.

Die Straße ist in vorzüglichem Zustand, der Asphalt so frisch, als wäre er auf die Nachricht unseres Kommens erst in der Nacht zuvor wie ein roter Teppich ausgerollt worden. Wir hoffen, dass uns das Wetter keinen Strich durch die Rechnung macht, aber ausgerechnet an diesem Morgen ist es trübe und regnerisch. Ein kalter Wind treibt immer wieder feuchten Dunst über die zerklüftete Landschaft. Jede Böe lässt uns zittern. Nieselregen, fein wie Vapor, durchtränkt das Land mit kalter ungesunder Nässe. Die Feuchtigkeit dringt durch sämtliche Kleiderschichten und das Frösteln kriecht einem über den Rücken wie Spinnenbeine.

Der Chimborazo, mit seinen offiziell 6.310 Metern der höchste Berg des Landes, erhebt sich im äußersten nordwestlichen Zipfel der gleichnamigen Provinz. Als sei er eine Grenzfestung, deren unüberwindliche Mauern sich des Ansturms feindlicher Nachbarn zu erwehren hätten, verläuft nur wenige Kilometer nördlich und westlich der Abhänge des Vulkans die Provinzgrenze – im Westen liegt Bolívar, im Norden Tungurahua, eine Provinz, die ihren Namen ebenfalls einem berühmten Vulkan verdankt.

Die Straße, die uns zum Berg führt, überschreitet diese Grenzen, aber da uns keine Schranke und keine weiße Linie auf dem Asphalt daran erinnern, merken wir es nicht. Die Grenzen, die uns der Berg setzt – Eis und Kälte, dünne Luft und Atemnot –, können wir nicht überschreiten und wir wollen es auch gar nicht. Wir belassen es bei einem Besuch an der Pforte, von der aus uns ein flüchtiger Blick ins Reich des ewigen Eises vergönnt ist.

Wir steigen immer weiter ins Gebirge auf. Würden wir der Straße folgen, müssten wir den Berg, der schon bald rechter Hand aus dem Dunst auftaucht, hinter uns lassen und den Pass von El Arenal überwinden, der die Kordillere auf einer Höhe von 4.320 Metern übersteigt. Die Passstraße steht uns noch auf dem Rückweg bevor, doch wir sollen uns gehörig täuschen, als wir leichtsinnig annehmen, dies sei schon der schwierigste Abschnitt der Strecke.

Kurz vor der Passhöhe von El Arenal gibt es einen Abzweig nach Osten. Auf der Schotterstraße, die hier ihren Anfang nimmt, gelangt man hinauf zu einer Stelle direkt unterhalb des eigentlichen Gipfelmassivs. Der wagemutige Reisende ist jedoch gut beraten, sich ausreichend zu motorisieren. Unser Wagen taugt leider nur für gemütliche Flachlandfahrten und es erfordert schon einiges an fahrerischem Geschick und darüber hinaus bedarf es auch noch des vielbeschworenen Quäntchens Glück, um diesen flügellahmen Blech-Ikarus bis an den Rand des Himmels zu hieven.

Und dann sehen wir zum ersten Mal den Berg. Eine Nebelwand öffnet sich wie ein Vorhang und die Natur gibt die Sicht frei auf ein Schauspiel, wie man ihm im Leben wohl kaum ein zweites Mal beiwohnen darf: Hinter einem sanft geschwungenen Hang, der in einen dichten Pelz stacheligen Grases gekleidet ist, thront fern und unnahbar der majestätische Chimborazo. Noch ist das Geheimnis nicht vollständig gelüftet, denn noch zeigt sich der Bergriese nicht in seiner ganzen Pracht, aber allein dieser flüchtige Blick durch den Nebel lässt die gewaltige diamantförmige Felspyramide erahnen. Wir können es kaum erwarten, dem Berg von Angesicht zu Angesicht gegenüberzustehen.

Die Gegend rund um den Vulkan wirkt verlassen. Obwohl man allerorten Felder und Weiden sieht, erscheint das Land so leer, als sei es durch ein schreckliches Ereignis entvölkert worden. Der düstere Himmel drückt auf das Gemüt und betrachtet man diese Landschaft nur lange genug, fällt es schwer, sich jener Traurigkeit zu erwehren, die einem wie die feuchte Kälte bis in die Seele zu kriechen scheint. Man hat den Eindruck, niemand könnte hier leben, ohne früher oder später lebensbedrohlicher Schwermut zu verfallen.

Bergbewohner

Wir freuen uns, dass wir doch noch typische Bewohner dieser Gegend treffen: Lamas. Als wir die friedlichen Tiere mit dem warmen wolligen Fell vor uns auf der Straße laufen sehen, glaube ich einen Augenblick lang, es handele sich um Schafe, doch als wir uns nähern, ist der Irrtum schnell aufgeklärt. Ein Hirte führt die Herde auf eine neue Weide und die gutmütigen Lamas lassen sich bereitwillig durch das Gatter lenken. Wir wollen uns die Gelegenheit nicht entgehen lassen und so halten wir und machen Fotos. Die Tiere, an die Nähe des Menschen gewöhnt, zeigen nicht die geringste Scheu. Sie blicken gleichgültig in die Kamera und äsen einfach weiter, als sei es ihr Job, dem Touristen zu jenen Erinnerungsbildern zu verhelfen, die das bekannteste Klischee von den Anden auf das Schönste bestätigen.

Lamas sieht man weitaus seltener als es einem die einschlägigen Reiseanbieter weiszumachen versuchen, und wenn man nicht den abgelegensten Routen durch die Berge folgt, bekommt man sie gar nicht zu Gesicht. Auch ein anderer Reisender nutzt die Gunst der Stunde. Die bunte Wetterschutzkleidung, die er am Leib trägt, weist ihn unzweifelhaft als Touristen aus, und als wir ein paar Worte wechseln, zeigt sich, dass er sogar ein Landsmann ist. Mit seinem langen silbrigen Rauschebart könnte man ihn glatt mit Vater Abraham verwechseln (das ist der mit den Schlümpfen) oder ihn, passend zur Landschaft, für eine Art Alm-Öhi halten. Wir sollten ihm noch öfter begegnen, denn der Tourist folgt – ob er nun will oder nicht – den immer gleichen ausgetretenen Pfaden ins Abenteuer.

Die Straße führt noch höher hinauf. Sie taucht durch Mulden und fräst sich durch Hügel. Die Böschungen beiderseits der Fahrbahn wirken wie frische Schnitte in den Leib der Erde. Wie die Schichten eines Baumkuchens stapeln sich die Zeitalter: jede Lage ein Vulkanausbruch oder ein Staubsturm, eine Gerölllawine oder ein Ascheregen – Tausende Jahre Erdgeschichte, zusammengedrängt auf wenige Meter. Kaum einem Bergtouristen ist der Blick in die Eingeweide des Planeten einen kurzen Stopp wert, aber ich muss unbedingt ein Foto machen.

Irgendwann fahren wir über eine weite Geröllebene, die sich schräg gegen den Himmel neigt, als wäre plötzlich die Erdscheibe gekippt. Wir befinden uns bereits auf der Flanke des Vulkans. Rechter Hand gleitet der Hang ab ins Nirgendwo. Um uns herum ist nur noch Himmel. Am Rande, dort wo der Berg wie abgeschnitten endet, heben sich plötzlich mehrere grazile Gestalten gegen das einheitliche Grau des Himmels ab. Das sind Vicuñas, die wilden Vettern der domestizierten Lamas.

Man bekommt diese Tiere nur sehr selten zu Gesicht, denn anders als ihre Verwandten, sind sie überaus scheu. Sie dulden den Menschen nicht in ihrer Nähe und beim leisesten Anzeichen dafür, dass man sich ihnen nähern wolle, entfernen sie sich. Sie fliehen aber nicht einfach. Ich habe fast den Eindruck, sie meiden uns, wie man jemanden meiden würde, den man auf den Tod nicht ausstehen kann – unauffällig, diskret, aber bestimmt. Ein Mensch könnte die eleganten Läufer ohnehin nicht einholen. Wir sind auf über viertausend Metern Höhe und die Landschaft gleicht der Marswüste. Ich frage mich, wovon die scheuen Tier leben.

Per aspera ad astra

Die Straße ist nur noch ein staubiger Schotterweg, der sich in Serpentinen am Berg hinaufwindet. Eigentlich ist die Steigung nicht sehr groß, doch der schwachbrüstige Motor röchelt in der dünnen Luft wie ein Schwindsüchtiger. Schon die kleinste Mulde im Boden erweist sich als schwerwiegendes Problem und nur ständige Aufmerksamkeit und geschicktes Fahren retten uns jetzt noch davor, hilflos in der Einöde liegen zu bleiben. Einige Male überlegen wir ernsthaft, ob es nicht klüger wäre umzukehren. Doch dann müssen wir uns selber zur Räson rufen, denn schließlich sind wir fast am Ziel und jetzt aufzugeben, wäre eine Schmach, die uns auf ewig anhängen würde.

Meist tasten wir uns im ersten Gang vor und nur mit ein wenig Glück gelingt es auch einmal, in den zweiten hochzuschalten. Damit ist die Maschine schon an den Grenzen ihrer Möglichkeiten angelangt. Doch es gibt kein Halten, wir müssen immer weiter, denn stehenzubleiben, käme einer Katastrophe gleich: In dem staubtrockenen pulvrigen Schotter können sich die profillosen Reifen nicht festkrallen und beim Anfahren drehen sie einfach durch. Einige Male bleiben wir dennoch stehen, weil der Wagen an einer Steigung erschöpft aufgibt – am Hang verhungert. Nach einer langen Schrecksekunde geht es dann aber doch irgendwie immer weiter: Es ist jedes Mal ein nervenaufreibendes Kunststück, dieses Ärgernis von einem Auto wieder in Gang zu bringen.

Während wir darüber nachdenken, ob es nicht besser sei, dass alle bis auf den Fahrer ausstiegen, um den Wagen ein wenig zu erleichtern, donnern immer wieder SUVs mit aufheulendem Motor an uns vorbei. Die Fahrer beschleunigen, dass die Räder nur so durchdrehen. Staubfontänen sprudeln in die dünne Luft. Ich bin nicht sehr erbaut angesichts der Vorstellung, die letzten Meter auch noch zu Fuß zurücklegen zu müssen.

Ich verfluche diese Angeber in den SUVs mit den verdunkelten Scheiben und ich verfluche unser Auto und alle Autovermietungen gleich mit (Meine Flüche sind wahrscheinlich gar nicht wirksam, weil ich sowieso nicht an die Macht von Flüchen glaube). Mein Groll wird schnell wieder besänftigt, denn zur rechten Zeit entsinne ich mich eines wichtigen Naturgesetzes, einer Wechselbeziehung, die als bewiesener Lehrsatz dieselbe unumstößliche Gültigkeit beanspruchen kann wie das Newtonsche Gravitationsgesetz: Danach steht die PS-Stärke des Autos in reziprokem Verhältnis zur Größe gewisser Körperteile des Fahrzeugbesitzers (kleiner Tipp: Es sind nicht die Ohren). Ich kann den Fahrern dieser großen, großen Autos nicht länger böse sein; ich empfinde sogar ein wenig Mitleid mit ihnen.

Hütten, Pyramiden und tonisierende Tränke

Es kommt einem Wunder gleich, dass wir unser Ziel in 4.800 Metern Höhe überhaupt erreichen: ein Parkplatz, der so dicht mit Autos zugestellt ist wie die Parkflächen vor Kaufland an einem samstäglichen Verkaufsvormittag. Nur mit Mühe finden wir eine freie Stellfläche. Ich steige aus und sehe mich ein wenig um, und sofort erfasst mich das Bergfieber. Ich will hinauf, immer nur hinauf, höher und höher. Die meisten Besucher scheint derselbe Wahnsinn umzutreiben, denn eine Kette aus bunten Watteanoraks bewegt sich vom Parkplatz aus hinauf zur Pyramide, einem Monument und einer bekannten Landmarke etwa hundert Meter oberhalb der Carrel-Hütte.

Als ich ziellos herumlaufe, begierig, alle Eindrücke aufzusaugen wie ein Schwamm, stehe ich plötzlich vor meinem Landsmann, demselben, dem ich schon einmal bei der Lamaherde begegnet bin und den ich einen Moment lang (irrtümlich) für Vater Abraham hielt. Er fragt mich, wo denn die Whymper-Hütte sei. Ich habe keine Ahnung, aber da diese Berghütte von allen Außenposten der Menschheit in der größten Höhe zu finden ist, nehme ich an, man müsste, um dorthin zu gelangen, den Berg nur weiter hinaufsteigen.

Er scheint mich für den einzigen kundigen Menschen zu halten und in der Tat muss ich in meinen Cargo-Shorts und mit meinen nackten Waden in dieser Höhe – wir sind nun auf fast fünftausend Metern – einen recht verwegenen Eindruck hinterlassen. Wahrscheinlich denkt er sich, wer die Chuzpe hat, mit kurzen Hosen bis an den Rand des ewigen Eises aufzusteigen, würde auch mit Leichtigkeit zum Gipfel marschieren, und zwar noch vor den Frühstücks-Cornflakes (tatsächlich muss man Nachts aufbrechen, um den Abstieg noch rechtzeitig vor dem Abend zu schaffen).

Mit einiger Sicherheit kann ich erklären, dass ich seit Humboldt gewiss der erste bin, den der Berg in kurzen Hosen und Sommerjacke sieht. Wer mich erblickt, muss denken, dass mir die schneidende Kälte und die dünne Luft nichts ausmachen. Doch das ist alles nur ein Missverständnis, denn meine lange, warme Hose ist mir vom Bund bis in die Kniekehle zerrissen, ausgerechnet beim Zitronenpflücken auf der Finca eines Freundes.

Und so stehe ich nun am Rande des Parkplatzes wie ein Strandurlauber am Pazifik, während alle anderen in dicken Thermo-Anoraks und Bergstiefeln zur Pyramide aufsteigen. Doch ich fühle mich von einer Woge jener Euphorie getragen wie sie vor über zweihundert Jahren Humboldt erfasst haben muss, als er den Berg zum ersten Mal sah. Die schockierten Blicke, die ich für meinen leichtsinnigen Aufzug ernte, beflügeln meine Hybris und ebenso sehr befeuern sie meine Entschlossenheit. Ich fürchte, der Höhenrausch hat mich erfasst.

Wir kehren kurz in die Carrel-Hütte ein, um uns für den bevorstehenden Aufstieg zu wappnen. Die Hütte liegt nur einen Katzensprung vom Parkplatz entfernt und ist für gewöhnlich der erste Anlaufpunkt des Laien-Alpinisten. In der dünnen Höhenluft kriecht einem die Kälte rasch bis in die Knochen und dann ist man froh über einen gemütlichen Platz in der mollig warmen Hütte. Auf dem Tresen stehen Doughnuts mit dicker Schokoladenglasur und reich gefüllte Teigtaschen. Wer sonst auch streng auf seine Linie achten mag, hier ist er dankbar für die gehaltvolle Stärkung.

Wir haben genug Reserven und so nehmen wir Vorlieb mit einem erprobten Hausmittel gegen die Höhenkrankheit – Coca-Tee. Mit etwas Zucker schmeckt der heiße Sud gar nicht so schlecht und nachdem ich meine Tasse ausgetrunken habe, fühle ich mich elektrisiert bis in die Haarwurzeln. Meine Wangen glühen und mein Kopf ist so leicht, als wäre mal eben kurz durchgelüftet worden im Oberstübchen.

Übrigens heißen die Berghütten „Whymper“ und „Carrel“ zu Ehren der Erstbesteiger. Das war im Jahre 1880, ein Menschenleben nach Humboldt. Edward Whymper war Engländer und mit Sicherheit wird er im letzten Biwak vor dem Gipfel seinen Tee getrunken haben – keine heroische Großtat zum Ruhme des Empire ohne Tee! Vielleicht schwammen da in Whympers Tasse, passend zum Anlass, ein paar Coca-Blätter.

Über uns wächst der Berg in einen Himmel, in dem das reine kristallklare Azurblau mit jeder weiteren Stunde die Oberhand gewinnt. Der Himmel ist so nah, dass man beinahe die Hände in seinem Blau baden könnte (auf dem Bild hebe ich schon mal die Arme). Wir schließen uns dem Zug der anorakbewehrten Hobby-Alpinisten an und steigen auf zum Pyramiden-Monument. Es sollte nicht die letzte Station sein.

Zweihundert Blogposts

Wolkenmeer und Sterne

Wir haben Riobamba noch nicht erreicht, da nähert sich der Tag mit rasender Geschwindigkeit seinem Ende. In den Tropen sind die Abende nie lang. Pünktlich um sechs Uhr oder nur wenig später verschluckt der Horizont die Sonne mit der Plötzlichkeit einer Katastrophe. Fast schlagartig wird es dunkel – keine lange Dämmerung, keine Stunde des Zwielichts. Der Sonnenuntergang vollzieht sich wie im Zeitraffer und dann bricht mit einem Mal die Nacht herein. Aber schon zwölf Stunden später, und zwar pünktlich um sechs Uhr Morgens, erscheint die Sonne ebenso plötzlich wie sie verschwunden ist – als hätte jemand den großen Schalter betätigt, um mal eben das Licht zu löschen.

In den Tälern hängen die Wolken wie über einer verzauberten Märchenlandschaft. Zwischen den Bergketten wogt ein apfelblütenweißer Ozean, die Bewegung erstarrt in wilder Pose. Die Wolken liegen über dem Tal wie eine Decke aus Zuckerwatte. Die Sonne hängt als gleißende Fackel am Himmel, nur eine Handbreit davon entfernt, den Weltenbrand zu entfachen. Das Vlies aus Wolken ist undurchdringlich wie dicker Filz und der Betrachter vermag der verborgenen Welt darunter nicht das kleinste ihrer Geheimnisse zu entreißen.

Wir stehen vor diesem Naturwunder mit angehaltenem Atem, staunend, genießen das Schauspiel und machen Fotos. Obwohl die Panamericana eine vielbefahrene Route ist, sind wir allein. Hierzulande würde sich niemand die Mühe machen, irgendwo zu halten, etwa um Zeuge eines traumhaften Sonnenuntergangs zu werden. Die Leute begeben sich auf Reisen mit dem ausschließlichen Wunsch, ihr Ziel möglichst schnell zu erreichen. Niemand reist um des Reisens willen und außerdem gibt es noch so viele Sonnenuntergänge.

Kurz vor Riobamba lässt uns Google-Maps, unser treuer Führer in allen Lebenslagen, im Stich. Die Internetverbindung ist so schwach, dass sich kaum einmal eine Seite vollständig aufbaut, und alle paar Minuten landen wir in einem Funkloch. Wie üblich hat man wieder einmal die Ausschilderung „vergessen“ und so ist es ein Wunder, dass wir trotzdem den Weg zum Hotel finden.

Die Dunkelheit ist mittlerweile so vollständig, wie man sie in Berlin nie erleben würde: Wenn man in die Schwärze starrt, könnte man glauben, man sei plötzlich erblindet. Nur der Sternenhimmel spendet sein fahles, kaltes Licht. Das Firmament ist so dicht mit Sternen gesprenkelt, dass man meint, das ganze gewaltige Universum scheine auf einen herab. Wir würden gern halten, um uns bis in die Seele von diesem Anblick erschüttern zu lassen, aber wir finden nirgendwo einen Parkplatz. Und auf der Straße würde uns jeder Laster plattmachen wie leichtsinnige Rehkitze.

In Riobamba, einer Stadt ohne Sehenswürdigkeiten und ohne Anziehungskraft, finden wir das Hotel, in dem wir die Nacht verbringen, und ein Restaurant, in dem wir zu Abend essen. Wir freuen uns auf den nächsten Tag, an dem wir zum Chimborazo aufbrechen werden. Doch dieser Tag hat uns bis ins Innerste erschöpft. Während der Wagen auf dem hoteleigenen Parkplatz sicher vor Dieben hinter massiven Gittern verschlossen wird, liegen wir schwer vor Müdigkeit in unseren Betten, niedergestreckt von Strapazen geradezu Humboldtschen Ausmaßes. Wir träumen von Wolkentälern und einem funkelnden Kaleidoskop aus Sternen, in deren kaltem Strahlen sich ein ganzes Universum offenbart. Am nächsten Tag wird uns Humboldt in eisige Höhen führen.

Humboldtsche Strapazen

Die Malaise heißt Chevrolet Aveo. Das Auto ist klein wie eine Sardinenbüchse und darüber hinaus auch noch so schwach motorisiert, dass wir eine Ahnung davon bekommen, wie sich Humboldt und Bonpland mit ihren Maultieren und all dem Forschungsgepäck wohl gefühlt haben müssen, wenn ihr Weg sie an einen Berg führte, den es zu überwinden galt. Aus dem Stand würde unser Fortbewegungsmittel den Aufstieg nicht schaffen – manchmal habe ich in der Tat den Eindruck, schieben würde wirklich helfen – und so ist es notwendig, dass wir das Gefälle ausnutzen: Sobald die Straße sich senkt, rasen wir zu Tal, als wäre der Leibhaftige hinter uns her. Ich habe mich oft genug gegen rücksichtslose Fahrer ausgesprochen, aber bekanntlich macht erst Not die Menschen zu Kriminellen. Und mit diesem Auto gerät man öfter in die Bredouille, als man es für möglich halten könnte.

Der Motor tourt fast ständig mit maximaler Drehzahl und doch kleben wir an der Steigung wie die Fliege am Leim. Die Strecke bietet kaum einmal Gelegenheit, höher als in den dritten Gang zu schalten, und wenn doch, haben wir Glück, denn es geht steil bergab. Das Fahren ist eine Qual. Ich habe schon Blasen vom vielen Schalten und meine Hand ruht nun ständig auf dem Knauf des Schaltknüppels als wäre sie dort festgeklebt – es lohnt einfach nicht loszulassen. Mein linkes Bein ist auch schon ganz steif, weil ich ständig das Kupplungspedal treten muss. Es könnte kaum anstrengender sein, sämtliche Luftmatratzen auf einem Campingplatz aufzupumpen. Sehnsüchtig wünsche ich mir meine Automatik zurück. Nur auf dem Rücken eines Maultiers ist das Reisen in den Bergen beschwerlicher (so ein Muli dürfte jedoch nur um weniges langsamer sein als dieses Auto).

Da von Qualen die Rede ist, soll an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben, wie schwer es in Ecuador ist, ein Auto zu mieten. Nachdem wir unseren eigenen Wagen verkauft hatten, waren wir auf den Bus angewiesen. Im Prinzip kann man so selbst den entferntesten Winkel des Landes erreichen – ein dichtes Liniennetz überzieht ganz Ecuador –, nur braucht man Zeit, viel Zeit, unermesslich viel Zeit: Ein ganzes Erdzeitalter könnte vergehen und man wartet immer noch auf den Bus (oder sitzt darin). Wir wollten diese Unannehmlichkeiten Humboldtschen Ausmaßes gern vermeiden. In uns reifte der Entschluss, ein Auto zu mieten.

In Ecuador sind alle renommierten Autovermietungen vertreten und im Grunde unterscheiden sich Fuhrpark und Service nicht wesentlich von dem, was man etwa in Europa erwarten könnte. Eine Überraschung (bis hin zur Herzattacke) erlebt man freilich, wenn man die Preise vergleicht. Man könnte glauben, die ganz normale Filiale eines internationalen Anbieters etwa im Herzen Quitos sei die lunare Dependance des Unternehmens und dazu befände sie sich auch noch auf der Rückseite des Erdtrabanten.

Es fällt schwer, in den Offerten etwas anderes als reine Phantasiepreise zu erkennen: Ein Auto, in dem fünf Personen und ein Hund bequem Platz gefunden hätten und das nicht einmal mit Extras wie Allradantrieb ausgestattet wäre, würde leicht mit tausend Dollar zu Buche schlagen – selbstverständlich pro Woche. Bequemer fährt es sich freilich mit einem SUV, ganz sicher dann, wenn es Steigungen und Schotterwege zu bewältigen gilt. Dem geneigten Kunden würden dafür lediglich tausendfünfhundert Dollar in Rechnung gestellt, Versicherung und Sprit natürlich extra. Mir schwanden die Sinne. Dass man das zweifelhafte Gütesiegel der „Solvenz“ im Zusammenhang mit dem simplen Wunsch, ein Auto zu mieten, verwenden könnte, darauf wäre ich im Leben nicht gekommen.

Einen Wagen zu mieten, der für uns alle groß genug gewesen wäre, verbat sich also – aus naheliegenden Gründen. Als hätte man eine Art Kartell gebildet, warteten alle Autovermietungen mit denselben absurden Preisen auf. Glücklicherweise gibt es in Ecuador fast immer die Möglichkeit, auf Schleichpfaden zum Ziel zu kommen, wenn einem der offizielle Weg verschlossen ist: Durch einen Bekannten erfuhren wir von einer Person, die ihr Auto privat vermietet. Das ist natürlich verboten, aber ungleich erschwinglicher. Offiziell firmierten wir auch nicht als Kunden, sondern lediglich als Freunde, die sich das Auto eines Freundes leihen. Die Freundschaft ging dann allerdings nicht so weit, dass man uns den Wagen kostenlos überlassen hätte: Wir zahlten 650 Dollar; dafür stand uns das Auto immerhin ganze vierzehn Tage zur Verfügung. Verglichen mit einer regulären Anmietung über eine Autovermietung war das unschlagbar günstig, geradezu sensationell billig.

Wir trafen uns mit einem gewissen Francisco – das ist der Name des Fahrzeughalters – in Ibarra. Ibarra liegt nördlich von Quito, zur kolumbianischen Grenze hin, und so mussten wir uns zunächst auf eine zweistündige Busreise begeben, um überhaupt dorthin zu gelangen. Wir hatten uns auf dem Parkplatz vor dem Busbahnhof verabredet und da unser Deal genau betrachtet eigentlich nicht ganz gesetzeskonform war, wurde ich die ganze Zeit das Gefühl nicht los, ich sei in einen Film geraten und zwar just in die Szene, da auf dem Parkplatz der Stoff übergeben wird. Parkplätze scheinen in diesem Land der gewöhnliche Ort für schlüpfrige Deals aller Art zu sein.

Francisco machte auf mich, gelinde gesagt, einen recht seltsamen Eindruck. Man konnte ihn einfach nicht durchschauen; es war unmöglich zu sagen, was für ein Mensch er ist. Auch wirkte er viel zu seriös, als dass man annehmen müsste, er verdiene sich durch diese Art Geschäft ein Zubrot. Aber ein flüchtiger Eindruck kann natürlich auch täuschen. Meine Frau meinte, sein Dialekt sei komisch, gar nicht wie jener der Leute aus Ibarra. Eigentlich ähnelte er keiner der in Ecuador gesprochenen Mundarten. Sie mutmaßte, er könnte Spanier oder Kolumbianer sein – nicht, dass es mich sonderlich bekümmert hätte, zumal wir nur zweimal von Angesicht zu Angesicht mit ihm zu tun hatten: als wir das Auto entgegennahmen und als wir es wieder ablieferten.

Nach einer Probefahrt und nachdem wir zur Sicherheit Fotos schon vorhandener Beschädigungen gemacht hatten – Francisco ermutigte uns ausdrücklich dazu –, stand unserem Aufbruch eigentlich nichts mehr im Weg. Das heißt, fast nichts, denn nach guter alter Landessitte versuchte unser Geschäftspartner zunächst, einen höheren Preis herauszuschinden. Das Geschäft drohte zu platzen und wir hätten den weiten Weg nach Ibarra umsonst auf uns genommen und ein Auto hätten wir dann auch nicht. Wir beharrten jedoch auf der vereinbarten Summe und Francisco überließ uns dann doch das Auto, höchst widerwillig, wie es schien. Doch ein Deal ist nun einmal ein Deal – in exotischen Ländern wie Ecuador genauso wie im Rest der Welt. Sorry, Francisco.

Schon nach kurzer Zeit wurde uns klar, worauf wir uns eigentlich eingelassen hatten: Der Wagen fuhr zwar ohne Probleme und machte auch sonst keine Schwierigkeiten, sofern das Terrain nur flach war (soviel zu Franciscos Ehrenrettung), aber sobald wir in die Berge kamen, wurde das Fahren zur kraftraubenden Tortur, und zwar für Mensch und Maschine gleichermaßen. Das Auto verfügte über keine Klimaanlage – in einem tropischen Land der schlagende Beweis dafür, dass man auch am falschen Ende sparen kann – und es verfügte genauso wenig über eine Automatik (und ich bin bis heute der Überzeugung, es hatte auch keinen Motor).

Schon auf ebener Strecke fragte man sich manchmal besorgt, ob die Maschine überhaupt noch laufe. Wenn man im vierten Gang das Gaspedal bis zum Anschlag durchtrat, passierte erst einmal gar nichts. Man hörte nichts, man spürte nichts. Ich hätte nicht sagen können, ob der Motor einfach nur still seinen Geist aufgegeben hatte oder ob eine stille Kernschmelze bevorstand. Von Beschleunigung konnte gar keine Rede sein und jeder Überholvorgang entwickelte sich zu einem nicht enden wollenden Schneckenrennen. Selbst das Anfahren einer Seilbahngondel des TelefériQo war im Vergleich dazu wie der Katapultstart eines Düsenjets.

Weitere Irritationen ergaben sich aus dem Umstand, dass jedes Mal, sobald der Wagen nur eine Geschwindigkeit von sechzig Kilometern pro Stunde erreicht hatte, drei Warnpiepser zu vernehmen waren – nicht dass es uns in den Bergen oft gelungen wäre, diese Schallmauer zu knacken. Francisco hatte uns gewarnt: Wir sollten auf keinen Fall die zulässige Höchstgeschwindigkeit überschreiten, denn sonst würde der Versicherung des Halters umgehend Meldung erstattet und dieser dürfte nicht nur mit einem Strafzettel rechnen, sondern hätte auch noch eine Beitragserhöhung zu gewärtigen. Wir versprachen, alles zu unterlassen, was Francisco schaden könnte.

Nur wenige Male überschreiten wir die Geschwindigkeit und prompt erfährt Francisco davon. Nur Stunden später empfangen wir seine aufgeregte Mail, in der er uns droht, den Wagen einzukassieren, wenn wir weiter so „rasten“. Ich selbst bin ein Dreivierteljahr mit dem eigenen Auto durch Ecuador gefahren. In dieser Zeit wurde ich weder angehalten, noch geriet ich je in eine Geschwindigkeitskontrolle, obwohl ich mich doch nicht immer peinlich genau an die vorgeschriebene Geschwindigkeit hielt.

In Ecuador sehen die Leute die Zahl auf dem Schild eher als Richtwert an – niemand käme auf die Idee, sich unter allen Umständen dem Verkehrsgebot zu unterwerfen, zumal man nirgends Geschwindigkeitskontrollen fürchten muss (Ausweise werden hingegen gern und oft kontrolliert). Deshalb habe ich mir natürlich noch lange nicht die Freiheit genommen zu rasen. Eigentlich war ich fast immer der Langsamste auf der Straße, auf jeder Straße.

Jetzt fahren wir gerade zwei Tage durchs Land und bei Francisco schrillen sämtliche Alarmglocken: Schon ein halbes Dutzend Meldungen sei bei ihm eingegangen, lässt er mitteilen. Er schickt sie uns zu. Unsere angeblichen Gesetzesverstöße sind darin exakt auf die Sekunde und mit GPS-Koordinaten dokumentiert. Zwar handelt es sich immer nur um wenige Kilometer pro Stunde, doch die ganze Angelegenheit erscheint deshalb nicht weniger mysteriös. Bei uns stellt sich das unangenehme Gefühl ein, das man bekommt, wenn einem jemand fortwährend argwöhnisch über die Schulter sieht. Franciscos Ton schwankt zwischen Weinerlichkeit und der handfesten Drohung, uns das Auto wieder wegzunehmen.

Uns kommt die Sache reichlich merkwürdig vor, aber wir können uns keinen Reim darauf machen. Wir hören von einem eingebauten Radar und auch davon, dass solche Geräte eigentlich illegal seien. Francisco verliert kein Wort darüber, sondern lässt uns vielmehr in dem Glauben, dass wir rein zufällig und innerhalb von nur zwei Tagen gleich mehrfach in eine Kontrolle geraten seien. Wir wissen, dass er uns für dumm verkauft, aber wir haben keine Wahl, denn wir wollen das Auto behalten.

Um jeden Ärger zu vermeiden, beschließen wir, uns von nun an strikt an die Geschwindigkeitsbegrenzungen zu halten. Selbstverständlich kommen wir jetzt noch langsamer voran und selbst die uralten Klapper-Laster, bei denen man jede Sekunde damit rechnen muss, dass schon die kleinste Bodenwelle die Achsen in den Auto-Himmel schickt, rollen an uns vorbei, als erlebten sie einen zweiten Getriebe-Frühling.

Ich wollte schon immer wissen, wie es sich auf Seniorenart fährt, und jetzt habe ich auf Hunderten von Kilometern Gelegenheit dazu: Wir halten uns rechts und rollen hübsch geruhsam durch die Landschaft. Wer uns überholt (also jeder andere Verkehrsteilnehmer außer den Fußgängern), schaut nur verwundert vom Lenkrad auf: Was haben diese lahmarschigen Gringos nur auf unseren schönen schnellen Straßen verloren?

So zuckeln wir also gemächlich wie zu einer Rentner-Kaffeefahrt auf der Autopista entlang. Zwar machen wir uns vor den anderen Verkehrsteilnehmern zum Gespött, aber zumindest hat die gemütliche Lustfahrt den Vorteil, dass uns nicht fortwährend taktische Lenkmanöver bei rasender Kurvenfahrt von dem beeindruckenden Andenpanorama ablenken können.

Berühmte Gipfelstürmer

Wir nähern uns dem Chimborazo mit fast derselben leidenschaftlichen Entschlossenheit wie der berühmte Forschungsreisende, dessen Andenken sich für den Rest der Menschheitsgeschichte mit dem Namen des Vulkans verbunden hat: Kein Geringerer als Alexander von Humboldt, preußischer Aristokrat und im Nebenberuf Universalgelehrter, wagte im Jahre 1802 zusammen mit seinem Reisegefährten Aimé Bonpland den Aufstieg. Wenn das verwegene Unternehmen auch angesichts der Monumentalität der Aufgabe scheitern musste – vor allem infolge der Unzulänglichkeit der Ausrüstung wie fehlender Höhenanpassung –, hat doch Humboldt mit dem heroischen Aufstieg seinen Namen für alle Zeit im Gedächtnis der Menschheit verewigt.

Als Humboldt vor über zweihundert Jahren das in weiten Teilen noch unerforschte Spanisch-Amerika bereiste, gab es natürlich keine Panamericana, keine Autos und keine Hotels, wie wir sie heute kennen. Wenn die Reisenden es gut trafen, durften sie sich der Gastfreundschaft eines reichen Landbesitzers erfreuen oder eines Beamten, der sich durch sein Entgegenkommen der Fürsprache des prominenten Reisenden zu versichern hoffte.

Humboldt war ein Gast, den man gern begrüßte, denn nicht nur der Ruf des berühmten Forschers eilte ihm voraus, er hatte auch ein unfehlbares Gespür dafür, was sich als Gast ziemte: Ausführlich – mit preußischer Gründlichkeit geradezu – berichtete er von seinen Abenteuern; vor allem aber verstand er Forschung als spannende und höchst unterhaltsame Story zu präsentieren. Seine Gastgeber waren hellauf begeistert und Wissenschaft sollte nie wieder so amüsant sein.

Viele Gegenden des amerikanischen Kontinents waren jedoch so spärlich besiedelt, dass die Expedition oft unter freiem Himmel genächtigt haben dürfte. Das Reisen in jener Zeit war überaus beschwerlich und allerorten lauerten Gefahren; von Komfort, wie er uns Heutigen selbstverständlich ist (und wie wir ihn auch erwarten), konnte keine Rede sein. Reisen, das war vor allem Abenteuer – damals sehr viel mehr noch als heute.

Angesichts der Strapazen, wie sie Humboldt und seine Mitstreiter zu gewärtigen hatten, mag eine mehrstündige Autofahrt auf der Panamericana geradezu lächerlich anmuten. Doch man wird dabei in Rechnung stellen müssen, dass es uns nicht nur an Gewöhnung mangelt, Härten und Widrigkeiten aller Art klaglos zu ertragen, sondern mit Sicherheit auch an der geradezu aberwitzigen Entschlossenheit Humboldts, die er in seinen Unternehmungen nicht nur einmal unter Beweis stellte. Der Mann war ein Besessener, der nicht davor zurückschreckte, um einer Erkenntnis willen das eigene Leben in die Waagschale zu werfen.

Von Ingapirca aus folgen wir der Panamericana nach Norden. Unser Ziel ist Riobamba, die größte Stadt jener Anden-Provinz, die den Namen des Chimborazo trägt – wir nehmen es als gutes Omen. Wer sich gern von Vulkanen und der fremdartigen Landschaft zu ihren Füßen bezaubern lässt, könnte in keinem anderen Land der Welt ein bereitwilligeres Feld für seine Leidenschaft finden. Ecuador ist wie gemacht für den unternehmungslustigen Hobby-Vulkanologen, zumal er zu den meisten der feuerspeienden Berg auf gut ausgebauten Straßen gelangt.

Von Nord nach Süd, entlang der Achse der Anden, schlängelt sich die Panamericana. Viele der Vulkanriesen kann man von der berühmten Straße aus sogar sehen, und die, die dem Auge verborgen bleiben, erreicht man bequem mit dem Auto. Eine seltene Ausnahme bildet der Sumaco, der in einem Schutzgebiet mitten im Urwald liegt; um dorthin zu gelangen, sollte man sich für einen dreitägigen fordernden Fußmarsch wappnen. Doch oft führen die Straßen sogar direkt bis zum Fuße des Berges oder, wie im Falle des Chimborazo, bis hinauf zu den Ausläufern der Gipfelgletscher – sofern man ein Auto hat, das mit Schotterstraßen und moderaten Steigungen fertig wird.

Wächter des Sonnentempels

Am Tage, an dem wir Cuenca Lebewohl sagen, spannt sich ein makellos blauer Himmel über die Anden. Fast könnte man glauben, es sei ein Gott, der auf dieser himmlischen Leinwand seiner Schöpfung die reine Idee von Blau offenbare. Das menschliche Auge, an allgegenwärtige Unvollkommenheit gewöhnt, sucht nach der kleinsten Unregelmäßigkeit, um darin Halt zu finden. Doch es gibt nichts, woran es sich klammern könnte, und so irrt der Blick unstet umher und endet doch wieder auf der Erde.

Es dauert geraume Zeit, bis wir aus der Stadt herausgefunden haben. Es scheint, an allen Ecken wird gebaut und zusätzlich zum Straßenbahnprojekt, dessen Umsetzung die gesamte Innenstadt blockiert, ist man auch noch ziemlich energisch damit zugange, die Ausfallstraßen zu erneuern. Ständig stößt man auf Hindernisse, die Hauptverkehrstrassen sind gesperrt, und bis wir die schlecht oder gar nicht ausgeschilderte Umleitung gefunden haben, vergeht wieder einmal viel Zeit.

Währenddessen fahren wir immer wieder im Kreis; es scheint uns wie Neo zu ergehen, als er einen Weg aus dem Metro-Tunnel des Trainman sucht. Selbst Google Maps, unser allwissender Cicerone und Führer durch alle Lebenslagen, kann natürlich nicht sämtliche Sperrungen in einer Provinzstadt irgendwo in den Anden kennen. Der freundliche Monopolist kennt mich zwar besser als ich mich selbst, aber uns aus dieser nicht sehr großen Stadt zu führen, damit tut er sich schwer. Wir haben fast den Eindruck, Cuenca will uns nicht gehen lassen an diesem wundervollen Tag mit seinem blauen, blauen Himmel.

Doch der Zufall ist ausnahmsweise einmal auf unserer Seite und schließlich finden wir doch die Panamericana, die uns geradewegs nach Norden führt, zum Chimborazo, Humboldts Schicksalsberg. Doch zuerst machen wir Station in Ingapirca: Bei Sonnenschein wirkt die Ruine des Sonnentempels noch viel eindrucksvoller. Majestätisch hebt sich das massive Gemäuer gegen den ätherisch blauen Himmel ab. Alles erscheint viel wirklicher als bei Regen, wenn die Ruinen, die Landschaft und der Himmel ineinander zu verschmelzen scheinen wie Wasserfarbe in einem traurigen Gemälde. Doch hoch in den Anden muss man immer mit Wetterkapriolen rechnen und das letzte Mal, da wir diesen Ort besuchten, schüttete der Himmel wahre Sturzbäche über unseren Köpfen aus.

Im hellen Licht des Tages gewinnt die Wirklichkeit an Kontur und wie nur bei wenigen Gelegenheiten gelingt es dem Besucher sich vorzustellen, wie die einst in pures Gold gekleideten Wände des Tempels vor den Augen des Inka im Sonnenglanz erstrahlt sein mögen. Wir spazieren mit der Sicherheit und Gelassenheit des erfahrenen Besuchers durch die Anlage. Die Erklärungen des Führers – niemand darf die Ruinenstätte ohne Guide betreten – rauschen an uns vorbei wie das Säuseln des Windes, der um die Mauern des Tempels streicht. Wir halten uns ein wenig abseits der Gruppe, die sich im Mauergeviert des Sonnentempels zu einem Erlebnis-Gruppenfoto aufbaut, wie man es zu Millionen im Internet finden kann. Man fragt, ob ich mich dazustellen wolle, aber warum sollte ich mich zusammen mit wildfremden Menschen fotografieren lassen, um dann auf deren Facebookseite als Staffage in die Kamera zu grinsen?

Denkmalschutz ist relativ neu in Ecuador – zumindest wenn man das Alter der zu beschützenden Stätten in Relation zu den Bemühungen um deren Schutz setzt. Erst in den letzten Jahren hat das bedrohte präkolumbianische Erbe im ecuadorianischen Staat einen mächtigen Hüter gefunden. Vorbei sind die Zeiten, da der abenteuerlustige Besucher die Mauern des Tempels ersteigen durfte, ohne dass ihn eine staatliche Behörde, geschweige denn der kraftlose Hausherr, daran hätten hindern wollen.

Das Land bemüht sich sehr um den Erhalt seines kulturellen Erbes, dessen Wert die breite Öffentlichkeit aber erst in jüngster Zeit erkannt hat. In manchen Gegenden wird die Plünderung archäologischer Stätten und Kunstraub auch heute noch als kaum mehr denn ein Kavaliersdelikt erachtet. Doch hier in Ingapirca nimmt der Staat seine Verantwortung sehr ernst und man ist sogar darum bemüht, die in den letzten Jahrzehnten angerichteten Schäden so gut es geht zu beheben.

Auf einer Wiese unterhalb der Tempelplattform sehen wir Gesteinsquader liegen, fein säuberlich ausgerichtet in Reih und Glied. Unser Führer erklärt, dass es sich bei den Blöcken um Teile der Tempelanlage handele. Die Steine wären von den Bewohnern der Gegend seit Jahrzehnten zum Bau von Häusern und Stallungen verwendet worden. Natürlich war das kein Diebstahl und auch kein Vandalismus (allenfalls Archäologen oder Kunsthistoriker hätten die rohe Tat als solchen betrachtet), denn lange existierte nicht einmal ein Gesetz, das die Zerstörung unersetzbarer historischer Stätten unter Strafe stellte. Die Ruinen galten den meisten lange Zeit wohl kaum mehr als ein Haufen alter Steine, die man jedoch, da sie schon behauen waren, vorzüglich als Baumaterial nutzen konnte.

Die Regierung hat einen Aufruf gestartet und die Menschen gebeten, die Steine wieder zurückzubringen. Und tatsächlich sind die Quader, die einst von den besten Steinmetzen der Inkas in Form gehauen wurden, um der Verherrlichung eines Gottes zu dienen, wieder zurückgekehrt, gerade so, als erinnerten sie sich daran, wo ihr angestammter Platz sei. Und da liegt es nun, das Erbe der Vorfahren, wie zum Spalier angetreten und darauf wartend, endlich nach Hause zurückkehren zu dürfen. Ich will hoffen, dass man die Steine freiwillig zurückgebracht hat, aus Einsicht, aber irgendwie will es mir nicht so ganz gelingen, daran zu glauben.

Es wird sicher noch viele Jahre dauern, die Blöcke wieder an ihren alten Platz zu befördern, und den Archäologen wird dieses Puzzle bestimmt noch so manches Kopfzerbrechen bereiten. Sie sind um ihre Aufgabe nicht zu beneiden, trotz leistungsfähiger Computer. Doch lässt sich wohl kaum auch nur ein einziges Beispiel finden, durch das der Beweis angetreten werden könnte, dass es leichter ist, etwas wieder zusammenzufügen als es zu zerstören.

Als wir die Ruinenstätte durch einen Hohlweg verlassen, werfe ich einen Blick zurück. Im Gegenlicht hebt sich der Tempel noch viel schärfer gegen den Himmel ab und die Mauern, in Schatten getaucht, umgibt eine geradezu mystische Aura. Ein Angehöriger des Wachschutzes steht am Rande der Plattform aus fugenlos zusammengefügten Quadern und wie ein einsamer Verteidiger gegen eine Übermacht von Feinden will er nicht von seinem Platz weichen. Ich lasse geraume Zeit verstreichen, um ihm die Chance zu geben, endlich zu verschwinden, doch er bleibt wie angewurzelt stehen und beäugt mich aufmerksam, gerade so, als fürchtete er, ich könnte zurückkommen und Steine aus der Mauer stehlen.

Zuerst ärgere ich mich, weil ich den Tempel einmal ganz ohne Menschen in ein Foto bannen möchte, doch als ich dann ein paar Aufnahmen mache, will mir scheinen, die winzige menschliche Figur am Rande der Plattform sei so etwas wie der unsterbliche Wächter dieses Heiligtums: Durch die Zeiten hindurch hütet er die Wohnstätte des Sonnengottes.

Der Himmel hat sich mittlerweile bedeckt und ein paar vereinzelte Wattewolken schwimmen gemächlich wie Treibeisschollen durch das Blau. Manchmal schieben sie sich für Sekunden vor die blendend weiße Sonnenscheibe. Dann gleißen sie silbrig und scheinen von innen heraus zu glühen und wenn die Wolken dann weiterziehen, ist es, als habe der Gott geblinzelt.

Eine Oase der Ruhe

Mashpi Shungo ist eine Kakaoplantage nordwestlich von Quito. Wenn man Quito auf der nördlichen Route verlässt, kann man entweder der Panamericana folgen, die einen über Otavalo, Ibarra und Tulcán bis zur kolumbianischen Grenze führt, oder den Abzweig nach Westen einschlagen. Diese Route führt vorbei an der Mitad del mundo, der Mitte der Welt, und über Calacalí und Nanegalito gelangt man schließlich nach San Miguel de los bancos. Hat man diese Stadt hinter sich gelassen, nimmt man die Ausfahrt nach Norden. Ein weiterer Abzweig führt schließlich nach Mashpi Shungo.

Von der Kakaofarm hatten wir nur zufällig erfahren: Seit langem waren wir auf der Suche nach einem Ort, an dem unsere gestressten Seelen Ruhe finden könnten. Wenn man nicht gerade auf dem Lande lebt, ist der Alltag in Ecuador oft genauso stressig wie in Deutschland und manchmal ist es einfach notwendig, eine Auszeit zu nehmen, will man nicht im tagtäglichen Kampfeinsatz verschleißen. Es versteht sich von selbst, dass ein stilles Refugium nur halb so schön ist, wenn man dort nicht auch einen guten Kaffee genießen und sich an Backwerk laben könnte, welches das Potential hat, einen in die diabetische Abhängigkeit zu treiben. In Cumbayá gibt es „Sweet & Coffee“ und „Juan Valdez“ und der Kaffee dort stellt auch den anspruchsvollen Liebhaber des koffeinhaltigen Elixiers zufrieden, aber wirklich entspannen kann man in der belebten Fußgänger-Passage eines großen Einkaufstempels natürlich nicht.

Mitten in Cumbayá, jenseits der Hauptstraße und gut geschützt durch Mauern, findet sich ein idyllisches Fleckchen von einem Café, wie man es hierzulande nur selten antrifft. Das „Uvi“ ist im Grunde nichts als ein hölzerner Bungalow mit einer überdachten Veranda davor. Doch der Ort ist ruhig und schön und er versprüht einen ganz eigenen Charme, an den man sich nur zu gern verliert.

Das Café offeriert seinen Gästen fast ausschließlich Produkte aus ökologischer Erzeugung. Natürlich gibt es Kaffee, guten Kaffee. Die Angestellte (vielleicht war es auch die Besitzerin) gestand, dass es schon ein ziemliches Weilchen gedauert hätte, bis man einen anständigen Kaffee auf Espressobasis zu extrahieren verstand. Und der Kaffee ist wirklich exzellent – das lange Üben hat sich am Ende bezahlt gemacht. Ich hoffe, dass die Experimentalphase nicht zu viele Menschen in die Kaffeeabstinenz getrieben hat.

Das Ambiente versprüht den Charme des Provisorischen, aber man kann davon ausgehen, dass es den Betreibern wichtig war, sich in irgendeiner Form von den großen Kaffee-Ketten abzugrenzen. Würde die Welt untergehen und hätten zufällig (und gegen alle Wahrscheinlichkeit) ein paar Kaffee-Aficionados und auch der Kaffeestrauch überlebt, sähen die Cafés der Postapokalypse wahrscheinlich aus wie das „Uvi“.

Die Atmosphäre ist alternativ, feministisch, esoterisch, fernöstlich-spirituell und vielleicht noch eine ganze Menge mehr. Obgleich nicht weit von der Hauptstraße Cumbayás entfernt, lädt dieser Ort zu Ruhe und Besinnlichkeit ein. Dazu passt, dass es vor dem Haus eine Rasenfläche gibt, auf der man die Gäste manchmal liegen und wie verzückt in den blauen Himmel starren sieht. Der Kaffee ist zwar gut, aber so gut, dass er einen geradewegs ins psychedelische Nirwana schicken könnte, ist er nun auch nicht.

In den Auslagen findet der Gast Handzettel und Werbeflyer, die von Kosmetik bis hin zu Naturwanderungen und Übernachtungsmöglichkeiten in Ecolodges auf so ziemlich alles aufmerksam machen, was sich mit dem Zusatz „alternativ“ bzw. „ökologisch“ versehen lässt. Einer dieser Handzettel warb für Mashpi Shungo, eine ökologische Kakaofarm nördlich von Quito. Auf der Finca werden regelmäßig Führungen mit anschließender Verkostung veranstaltet, und natürlich kann jeder Besucher nach Herzenslust Schokolade kaufen, vorausgesetzt, die Preise treiben ihn nicht vorher in den Wahnsinn. Zumindest einmal wollten wir eine echte Kakaofarm sehen und deshalb meldeten wir uns für einen Besuch an.

Landesspezialitäten

Auf der Rückfahrt von Cochasquí kamen wir durch Guayllabamba. Das ist eine kleine Stadt nördlich von Quito, nur eine Katzensprung von der Panamericana entfernt. Die Hauptstraße des Ortes ist förmlich gepflastert mit Restaurants, Kantinen und Imbissständen und nicht wenige der Reisenden, die auf der Panamericana unterwegs sind, machen hier Station, um zu essen. Wir fuhren nicht bis in die Stadt hinein, sondern besuchten ein Restaurant kurz hinter der Abfahrt der Autopista, das „Guayllabambeñito“. Das Lokal breitet sich in einem riesigen Speisesaal aus, aber es war Mittagszeit und tatsächlich waren nahezu alle Tische besetzt.

Wir bestellten eine der Spezialitäten der Gegend: Fritada. Dazu gab es Chicha, das traditionelle Getränk der Anden, ein aus vergorenem Mais hergestelltes gelbliches Gebräu. Chicha schmeckt säuerlich-prickelnd und erinnert ein wenig an vergorenen Apfelsaft. Erfrischend und lecker – man darf nur nicht daran denken, dass die Gärung in alter Zeit eingeleitet wurde, indem man die Maische einmal ordentlich im Mund durchspülte und sie anschließend in ein großes Gefäß spuckte, in dem das Maisbier dann reifen musste, bis es sein volles Aroma entwickelt hatte. Heute ist die traditionelle Herstellung nicht mehr üblich und man ist ausnahmsweise einmal froh darüber, dass alte Traditionen gelegentlich aussterben. Darauf nahmen wir einen großen Schluck Chicha!

Traurige Pyramiden

Die Ruinenstätte von Cochasquí liegt ca. eine Autostunde nördlich von Quito. Von der Panamericana nimmt man die gut ausgeschilderte Ausfahrt und dann geht es über idyllische Landstraßen durch die bezaubernde Landschaft der Anden. Auf der krummen Straße mit ihrem Kopfsteinpflaster hat man nicht nur einmal den Eindruck, die Schwingen der Vorfreude trügen einen zum Meer, welches sich irgendwo am Golf von Nafplio gegen die Küste schmiegt, doch nur eine Wegbiegung weiter geben die Hügel den Blick auf das weite Andenpanorama frei und die Anmutung verfliegt ebenso schnell, wie sie gekommen ist.

An diesem Tag waren kaum Leute unterwegs, doch ich bezweifle, dass man auf der einsamen Straße überhaupt je Menschen begegnet. Die Gegend ist zu abgelegen und eigentlich gibt es in dem gepflegten und mit viel Engagement verwalteten archäologischen Park nicht mehr zu sehen, als der neugierige Besucher an einer Stätte wie dieser erwarten könnte – also kein Grund für einen Massenansturm.

Man kann jedoch eine Menge über die Geschichte und Kultur der Andenregion lernen, zumal die Tour-Guides oft ein profundes Wissen über die Gegend, die Leute und ihre Kultur besitzen. Wer aber spektakuläre Artefakte erwartet – goldene Totenmasken, überwältigend schöne Bildstelen oder steinerne Altäre, auf denen den Göttern einst blutige Opfer dargebracht wurden – wird enttäuscht.

El Lechero

Wenn man der Panamericana von Quito aus nach Norden folgt, gelangt man in ca. neunzig Minuten nach Otavalo. Otavalo ist berühmt für seinen traditionellen Markt, der an jedem Wochenende in der Stadt abgehalten wird und auf dem man vor allem schöne Webarbeiten kaufen kann. Die meisten Touristen nutzen die Gelegenheit, um sich einen Poncho zuzulegen, denn im allgemeinen Bewusstsein gibt es kein Kleidungsstück, das typischer für die Andenregion wäre als der bunte Wollumhang (Typisch für die Küste ist der Hut aus Toquilla, der landläufig – jedoch fälschlicherweise – als Panamahut firmiert).

So ein Poncho ist wirklich ein schönes Kleidungsstück, aber ich bezweifle, dass man damit irgendwo in Europa Eindruck schinden könnte. Zwar würde man kaum Aufsehen erregen, wenn man, ausstaffiert wie ein Hochlandbewohner, in Berlin auf die Straße ginge, in einer Stadt, die an Merkwürdigkeiten jeglicher Art gewöhnt ist, aber so ganz passt man natürlich doch nicht ins Bild. Hier in Ecuador habe ich noch nie jemanden einen Poncho tragen sehen. Ich vermute, dieses traditionelle Kleidungsstück steht in der Vorstellung der meisten Menschen für Bäuerlichkeit, Rückständigkeit und Armut. In einem Land wie Ecuador mit einem so ausgeprägten Klassenbewusstsein und einem starken Bedürfnis nach gesellschaftlicher Anerkennung möchte natürlich niemand für einen Campesino, einen Bauern, gehalten werden.

Wir haben uns trotzdem Ponchos gekauft, denn schließlich wird uns in Berlin kaum jemand für Landeier halten. In unserer Berliner Wohnung ist es im Winter oft unangenehm kalt und selbst wenn man die Heizung bis zum Anschlag aufdreht, wird es nie mollig warm. Mit so einem Poncho bleibt man warm, auch ohne dass man sich gleich durch exorbitante Heizkosten ruinieren müsste. Ich habe das Kleidungsstück einmal zur Probe getragen. Wenn ich den vorderen Saum über die Schulter werfe, sehe ich fast so lässig aus wie Clint Eastwood in „Für eine Handvoll Dollar“. Den Poncho zurückzuschlagen hat den Vorteil, dass man die Hände frei hat (im Falle Eastwoods die Schusshand). Der Poncho ist aus dicker Alpaka-Wolle gewebt und damit würde man selbst im kältesten Berliner Winter nicht frieren. Auch wenn ich mir in meinem neuen Poncho ziemlich cool vorkomme, sehe ich vielleicht doch lieber davon ab, ihn auf der Straße zu tragen.

Wir waren diesmal nicht nach Otavalo gekommen, um den Markt zu besuchen – Ponchos hatten wir ja schon –, sondern einer anderen Attraktion wegen: Wir wollten zum Lechero. Ehrlich gesagt, weiß ich bis heute nicht, was es damit auf sich hat. Der Lechero ist ein Baum, in der Vorstellung der Einheimischen sogar ein Wunderbaum. Welche Art Wunder der Besucher allerdings erwarten darf, bleibt ein Geheimnis. Gleichermaßen geheimnisumwittert ist, was es mit dem merkwürdigen Namen auf sich hat, denn „Leche“, von dem er offenbar abgeleitet ist, bedeutet „Milch“.

Die Geschichten, die man sich in den Tälern der Anden auch heute noch erzählt wie schon vor Jahrtausenden, sind tief in das kulturelle Gedächtnis der Bewohner des andinen Raumes eingegraben. Traditionen reichen oft bis in eine mythische Zeit zurück. Niemand weiß, wo die Anfänge liegen – im Bewusstsein der Menschen waren die Mythen und die Geschichten, in denen von ihnen berichtet wird, schon immer da. Und auch heute noch spürt man die Macht des Numinosen und man huldigt ihr fast auf dieselbe Weise wie die Vorfahren.

Doch die Menschen haben vergessen, wie die Mächte, die sie ehren, in die Welt kamen, wo ihr Ursprung liegt und woher ihre Kraft stammt. Manchmal wissen sie nicht einmal mehr, was ihr Name bedeutet, aber dennoch bezeugen sie ihnen Verehrung, ganz so, wie man die Kräfte der Natur beachten müsste, auch wenn man nicht wüsste, dass es sie gibt (ich kann freilich so tun, als gäbe es keine Gravitation, aber spätestens, wenn ich die Treppe herunterfalle, bin ich gezwungen anzuerkennen, dass Schwerkraft tatsächlich existiert). Man weiß, dass der Lechero ein besonderer Ort ist, doch Jahrhunderte brutaler Unterdrückung und christlichen Glaubenseifers haben die Menschen vergessen lassen, worin der Quell seiner Macht liegt.

Nicht weit unterhalb Otavalos liegt die Laguna San Pablo. Wenn man sich der Stadt auf der Panamericana von Süden nähert, sieht man im Osten plötzlich die Wasserfläche wie einen Spiegel aus poliertem Stahl zwischen den geschwungenen Flanken der Berge liegen. Häuser stehen am Ufer des ruhigen Sees gleich Streichholzschachteln. Wir haben die beschauliche Laguna de San Pablo schon einmal ganz umrundet – am jenseitigen Ufer gibt es nur schlechte Straßen und winzige Dörfer ohne jede touristische Infrastruktur. Wer dort ein Restaurant vermutet, von dem noch kein Reiseführer weiß, oder ein verstecktes Café, in dem er in authentischen Genüssen schwelgen kann, sucht vergeblich. Es gibt Cabañas (kleine Ferienbungalows) am Seeufer, aber die Ruhe, die man dort findet, ist wahrscheinlich so vollständig, dass man schon nach drei Tagen den Verstand verliert.

Am westlichen Ufer steht ein Restaurant, das in den See hineinwächst als würde es jeden Augenblick auf seinen Stelzen übers Wasser schreiten. An diesem Tag hatte das Lokal geöffnet und in einer Ecke des Parkplatzes drängten sich die Autos der Gäste wie Schafe, die versuchen, vor dem Hütehund Reißaus zu nehmen. Das Seeufer machte einen viel lebendigeren Eindruck als bei unserem ersten Besuch: Ausflugsboote legten von der Anlegestelle des Lokals ab und tuckerten gemächlich über den See. Touristen – alle ausnahmslos Ecuadorianer – spazierten am Ufer entlang und stellten sich für ein paar schnelle Fotos vor dem See in Position. Enten quakten aufgeregt, wenn die Boote sie vom Steg vertrieben. Die Sonne schien. Das Restaurant war gut besucht und als der Kellner mich sah, winkte er mich herein. Es war noch zu früh, um zu Mittag zu essen, und außerdem wollten wir zum Lechero.

Die Menschen haben ihr Leben in der Talniederung zwischen den Bergen eingerichtet. Wiesen und Felder liegen lieblich in der Sonne und der Flickenteppich menschlicher Tätigkeit strebt die Hänge hinauf, als wollte er selbst noch die Gipfel erobern. Der Landbau hört erst dort auf, wo das Terrain so steil ist, dass man selbst zu Fuß kaum noch vorwärtskäme.

Ein Feldweg windet sich durch die bestellte Flur und führt dann um einen Berg herum, dessen Kuppe sanft wie ein Hügelgrab gewölbt ist. Wir ließen den Wagen kurz hinter der Abzweigung stehen, die den Berg an seiner Flanke umläuft, denn die Straße war an dieser Stelle so schmal, dass es unmöglich war zu wenden, ohne den Hang hinunterzurollen. Das restliche Stück gingen wir zu Fuß.

Auf der flachen Kuppe wächst Rasen und ein lichter Hain bildet Spalier um den Gipfel gleich einer dünnen Tonsur. Die Wölbung des Berges ist so flach und ebenmäßig, dass man den Eindruck hat, man spaziere über eine Rasenkugel von den Dimensionen einer Welt wie im „Kleinen Prinzen“. Und dann hatten wir den Hügel fast erklommen und wir sahen den Lechero, der hinter dem gekrümmten Horizont der Bergkuppe wie eine Verheißung emporwuchs.

Atemlos vom Aufstieg verharrten wir am Gipfel. Auf der Spitze steht der Lechero, solitär und unangefochten wie ein lebendiges Kultbild. Ich könnte behaupten, dies wäre nur ein gewöhnlicher Hügel mit einem alten, knorrigen Baum darauf, und doch drängt sich einem der Eindruck auf, man befinde sich an einem sakralen Ort. Tatsächlich glaubt man so etwas wie eine Magie zu spüren oder die Aura des Genius loci.

Vielleicht zogen einst Prozessionen zu dieser Weihestätte, um den numinosen Mächten Verehrung zu erweisen und vielleicht auch, um ihnen Opfer darzubringen. Wurde einst Blut vergossen, um die geheimnisvollen Mächte dieses Ortes gnädig zu stimmen? Ich glaube nicht, aber meine Phantasie malt mir eine kultische Massenorgie mit Strömen von Blut aus. Der Lechero aber steht still und friedlich auf seinem Hügel und schweigt. Niemand wird das Geheimnis je lüften (Ich glaube, ich habe mir die Indiana-Jones-Reihe viel zu oft angeschaut).

Der Blick reicht weit: Felder und Weiden erstrecken sich bis in den letzten Winkel dieses Stücks Schöpfung und sinken dann hinter den Horizont. Die Welt liegt vor einem wie ein Schachbrett und mit der Hybris, die dieser euphorische Augenblick heraufbeschwört, ist es möglich zu glauben, wie die alten Götter könnte man jeden Zug der Menschen sehen, die winzig wie Mikroben in den Tälern wimmeln.

Im Vergleich zu den Bergen ringsherum ist der Berg, auf dem der Lechero steht, winzig. Man könnte ihn fast für einen Hügel halten, und dennoch scheint es, man blicke vom Gipfel eines Weltberges auf die Erde herab. Ströme kosmischer Energien kreuzen sich in den Wurzeln des Baumes und konzentrierten sich in den Säften unter der zernarbten Rinde. Wenn man die Hand auf die rissige Borke legt, fühlt man etwas auf sich übergehen, als würde man von einem leibhaftigen Heiligen berührt.

Besorgte Denkmalschützer haben die Kuppe des Hügels weiträumig mit einem Zaun abgesperrt, doch in guter alter anarchistischer Tradition hat man die Zaunpfähle einfach umgeworfen. Das Bedürfnis, den Baum anzufassen, ist so stark, dass man sich auch durch Zäune nicht davon abbringen lässt. Wahrscheinlich sind es archaische Traditionen, welche die Menschen glauben lassen, dass die Kraft des Lechero auf einen übergehe, wenn man ihn berührt. Freilich habe auch ich meine Hand auf den Stamm gelegt. Man kann noch so viele vernünftige Gründe dagegen anführen – selbst als durch und durch rationaler Mensch fällt es schwer, der Versuchung zu widerstehen. Es scheint, manch einer hat der wundersamen Kraftübertragung ein wenig nachgeholfen, indem er seine Initialen in die Rinde schnitzte.

Wir fragten Leute, welche Bewandtnis es mit dem Lechero habe, doch kein einziger konnte uns irgendetwas Nützliches dazu sagen, obwohl doch alle in der Gegend zu wohnen schienen. Einige machten Picknick auf der Wiese unterhalb des Baumes und gerade fand eine Rotkreuz-Übung mit hundert Teilnehmern statt. Warum man sich ausgerechnet diesen Ort dazu ausgesucht hatte, bleibt rätselhaft. Vielleicht hoffte man auf die reanimierende Wirkung, die von den Energiefeldern des Wunderbaumes ausgeht. Die Leute pflegen einen völlig ungezwungenen Umgang mit heiligen Orten und alten Traditionen. Für die meisten sind sie genauso Teil des Lebens wie die trivialsten Dinge des Alltags. Manchmal drängt sich einem der Eindruck auf, wären sie plötzlich verschwunden, würde man sie nicht sonderlich vermissen.