Humboldtsche Strapazen

Die Malaise heißt Chevrolet Aveo. Das Auto ist klein wie eine Sardinenbüchse und darüber hinaus auch noch so schwach motorisiert, dass wir eine Ahnung davon bekommen, wie sich Humboldt und Bonpland mit ihren Maultieren und all dem Forschungsgepäck wohl gefühlt haben müssen, wenn ihr Weg sie an einen Berg führte, den es zu überwinden galt. Aus dem Stand würde unser Fortbewegungsmittel den Aufstieg nicht schaffen – manchmal habe ich in der Tat den Eindruck, schieben würde wirklich helfen – und so ist es notwendig, dass wir das Gefälle ausnutzen: Sobald die Straße sich senkt, rasen wir zu Tal, als wäre der Leibhaftige hinter uns her. Ich habe mich oft genug gegen rücksichtslose Fahrer ausgesprochen, aber bekanntlich macht erst Not die Menschen zu Kriminellen. Und mit diesem Auto gerät man öfter in die Bredouille, als man es für möglich halten könnte.

Der Motor tourt fast ständig mit maximaler Drehzahl und doch kleben wir an der Steigung wie die Fliege am Leim. Die Strecke bietet kaum einmal Gelegenheit, höher als in den dritten Gang zu schalten, und wenn doch, haben wir Glück, denn es geht steil bergab. Das Fahren ist eine Qual. Ich habe schon Blasen vom vielen Schalten und meine Hand ruht nun ständig auf dem Knauf des Schaltknüppels als wäre sie dort festgeklebt – es lohnt einfach nicht loszulassen. Mein linkes Bein ist auch schon ganz steif, weil ich ständig das Kupplungspedal treten muss. Es könnte kaum anstrengender sein, sämtliche Luftmatratzen auf einem Campingplatz aufzupumpen. Sehnsüchtig wünsche ich mir meine Automatik zurück. Nur auf dem Rücken eines Maultiers ist das Reisen in den Bergen beschwerlicher (so ein Muli dürfte jedoch nur um weniges langsamer sein als dieses Auto).

Da von Qualen die Rede ist, soll an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben, wie schwer es in Ecuador ist, ein Auto zu mieten. Nachdem wir unseren eigenen Wagen verkauft hatten, waren wir auf den Bus angewiesen. Im Prinzip kann man so selbst den entferntesten Winkel des Landes erreichen – ein dichtes Liniennetz überzieht ganz Ecuador –, nur braucht man Zeit, viel Zeit, unermesslich viel Zeit: Ein ganzes Erdzeitalter könnte vergehen und man wartet immer noch auf den Bus (oder sitzt darin). Wir wollten diese Unannehmlichkeiten Humboldtschen Ausmaßes gern vermeiden. In uns reifte der Entschluss, ein Auto zu mieten.

In Ecuador sind alle renommierten Autovermietungen vertreten und im Grunde unterscheiden sich Fuhrpark und Service nicht wesentlich von dem, was man etwa in Europa erwarten könnte. Eine Überraschung (bis hin zur Herzattacke) erlebt man freilich, wenn man die Preise vergleicht. Man könnte glauben, die ganz normale Filiale eines internationalen Anbieters etwa im Herzen Quitos sei die lunare Dependance des Unternehmens und dazu befände sie sich auch noch auf der Rückseite des Erdtrabanten.

Es fällt schwer, in den Offerten etwas anderes als reine Phantasiepreise zu erkennen: Ein Auto, in dem fünf Personen und ein Hund bequem Platz gefunden hätten und das nicht einmal mit Extras wie Allradantrieb ausgestattet wäre, würde leicht mit tausend Dollar zu Buche schlagen – selbstverständlich pro Woche. Bequemer fährt es sich freilich mit einem SUV, ganz sicher dann, wenn es Steigungen und Schotterwege zu bewältigen gilt. Dem geneigten Kunden würden dafür lediglich tausendfünfhundert Dollar in Rechnung gestellt, Versicherung und Sprit natürlich extra. Mir schwanden die Sinne. Dass man das zweifelhafte Gütesiegel der „Solvenz“ im Zusammenhang mit dem simplen Wunsch, ein Auto zu mieten, verwenden könnte, darauf wäre ich im Leben nicht gekommen.

Einen Wagen zu mieten, der für uns alle groß genug gewesen wäre, verbat sich also – aus naheliegenden Gründen. Als hätte man eine Art Kartell gebildet, warteten alle Autovermietungen mit denselben absurden Preisen auf. Glücklicherweise gibt es in Ecuador fast immer die Möglichkeit, auf Schleichpfaden zum Ziel zu kommen, wenn einem der offizielle Weg verschlossen ist: Durch einen Bekannten erfuhren wir von einer Person, die ihr Auto privat vermietet. Das ist natürlich verboten, aber ungleich erschwinglicher. Offiziell firmierten wir auch nicht als Kunden, sondern lediglich als Freunde, die sich das Auto eines Freundes leihen. Die Freundschaft ging dann allerdings nicht so weit, dass man uns den Wagen kostenlos überlassen hätte: Wir zahlten 650 Dollar; dafür stand uns das Auto immerhin ganze vierzehn Tage zur Verfügung. Verglichen mit einer regulären Anmietung über eine Autovermietung war das unschlagbar günstig, geradezu sensationell billig.

Wir trafen uns mit einem gewissen Francisco – das ist der Name des Fahrzeughalters – in Ibarra. Ibarra liegt nördlich von Quito, zur kolumbianischen Grenze hin, und so mussten wir uns zunächst auf eine zweistündige Busreise begeben, um überhaupt dorthin zu gelangen. Wir hatten uns auf dem Parkplatz vor dem Busbahnhof verabredet und da unser Deal genau betrachtet eigentlich nicht ganz gesetzeskonform war, wurde ich die ganze Zeit das Gefühl nicht los, ich sei in einen Film geraten und zwar just in die Szene, da auf dem Parkplatz der Stoff übergeben wird. Parkplätze scheinen in diesem Land der gewöhnliche Ort für schlüpfrige Deals aller Art zu sein.

Francisco machte auf mich, gelinde gesagt, einen recht seltsamen Eindruck. Man konnte ihn einfach nicht durchschauen; es war unmöglich zu sagen, was für ein Mensch er ist. Auch wirkte er viel zu seriös, als dass man annehmen müsste, er verdiene sich durch diese Art Geschäft ein Zubrot. Aber ein flüchtiger Eindruck kann natürlich auch täuschen. Meine Frau meinte, sein Dialekt sei komisch, gar nicht wie jener der Leute aus Ibarra. Eigentlich ähnelte er keiner der in Ecuador gesprochenen Mundarten. Sie mutmaßte, er könnte Spanier oder Kolumbianer sein – nicht, dass es mich sonderlich bekümmert hätte, zumal wir nur zweimal von Angesicht zu Angesicht mit ihm zu tun hatten: als wir das Auto entgegennahmen und als wir es wieder ablieferten.

Nach einer Probefahrt und nachdem wir zur Sicherheit Fotos schon vorhandener Beschädigungen gemacht hatten – Francisco ermutigte uns ausdrücklich dazu –, stand unserem Aufbruch eigentlich nichts mehr im Weg. Das heißt, fast nichts, denn nach guter alter Landessitte versuchte unser Geschäftspartner zunächst, einen höheren Preis herauszuschinden. Das Geschäft drohte zu platzen und wir hätten den weiten Weg nach Ibarra umsonst auf uns genommen und ein Auto hätten wir dann auch nicht. Wir beharrten jedoch auf der vereinbarten Summe und Francisco überließ uns dann doch das Auto, höchst widerwillig, wie es schien. Doch ein Deal ist nun einmal ein Deal – in exotischen Ländern wie Ecuador genauso wie im Rest der Welt. Sorry, Francisco.

Schon nach kurzer Zeit wurde uns klar, worauf wir uns eigentlich eingelassen hatten: Der Wagen fuhr zwar ohne Probleme und machte auch sonst keine Schwierigkeiten, sofern das Terrain nur flach war (soviel zu Franciscos Ehrenrettung), aber sobald wir in die Berge kamen, wurde das Fahren zur kraftraubenden Tortur, und zwar für Mensch und Maschine gleichermaßen. Das Auto verfügte über keine Klimaanlage – in einem tropischen Land der schlagende Beweis dafür, dass man auch am falschen Ende sparen kann – und es verfügte genauso wenig über eine Automatik (und ich bin bis heute der Überzeugung, es hatte auch keinen Motor).

Schon auf ebener Strecke fragte man sich manchmal besorgt, ob die Maschine überhaupt noch laufe. Wenn man im vierten Gang das Gaspedal bis zum Anschlag durchtrat, passierte erst einmal gar nichts. Man hörte nichts, man spürte nichts. Ich hätte nicht sagen können, ob der Motor einfach nur still seinen Geist aufgegeben hatte oder ob eine stille Kernschmelze bevorstand. Von Beschleunigung konnte gar keine Rede sein und jeder Überholvorgang entwickelte sich zu einem nicht enden wollenden Schneckenrennen. Selbst das Anfahren einer Seilbahngondel des TelefériQo war im Vergleich dazu wie der Katapultstart eines Düsenjets.

Weitere Irritationen ergaben sich aus dem Umstand, dass jedes Mal, sobald der Wagen nur eine Geschwindigkeit von sechzig Kilometern pro Stunde erreicht hatte, drei Warnpiepser zu vernehmen waren – nicht dass es uns in den Bergen oft gelungen wäre, diese Schallmauer zu knacken. Francisco hatte uns gewarnt: Wir sollten auf keinen Fall die zulässige Höchstgeschwindigkeit überschreiten, denn sonst würde der Versicherung des Halters umgehend Meldung erstattet und dieser dürfte nicht nur mit einem Strafzettel rechnen, sondern hätte auch noch eine Beitragserhöhung zu gewärtigen. Wir versprachen, alles zu unterlassen, was Francisco schaden könnte.

Nur wenige Male überschreiten wir die Geschwindigkeit und prompt erfährt Francisco davon. Nur Stunden später empfangen wir seine aufgeregte Mail, in der er uns droht, den Wagen einzukassieren, wenn wir weiter so „rasten“. Ich selbst bin ein Dreivierteljahr mit dem eigenen Auto durch Ecuador gefahren. In dieser Zeit wurde ich weder angehalten, noch geriet ich je in eine Geschwindigkeitskontrolle, obwohl ich mich doch nicht immer peinlich genau an die vorgeschriebene Geschwindigkeit hielt.

In Ecuador sehen die Leute die Zahl auf dem Schild eher als Richtwert an – niemand käme auf die Idee, sich unter allen Umständen dem Verkehrsgebot zu unterwerfen, zumal man nirgends Geschwindigkeitskontrollen fürchten muss (Ausweise werden hingegen gern und oft kontrolliert). Deshalb habe ich mir natürlich noch lange nicht die Freiheit genommen zu rasen. Eigentlich war ich fast immer der Langsamste auf der Straße, auf jeder Straße.

Jetzt fahren wir gerade zwei Tage durchs Land und bei Francisco schrillen sämtliche Alarmglocken: Schon ein halbes Dutzend Meldungen sei bei ihm eingegangen, lässt er mitteilen. Er schickt sie uns zu. Unsere angeblichen Gesetzesverstöße sind darin exakt auf die Sekunde und mit GPS-Koordinaten dokumentiert. Zwar handelt es sich immer nur um wenige Kilometer pro Stunde, doch die ganze Angelegenheit erscheint deshalb nicht weniger mysteriös. Bei uns stellt sich das unangenehme Gefühl ein, das man bekommt, wenn einem jemand fortwährend argwöhnisch über die Schulter sieht. Franciscos Ton schwankt zwischen Weinerlichkeit und der handfesten Drohung, uns das Auto wieder wegzunehmen.

Uns kommt die Sache reichlich merkwürdig vor, aber wir können uns keinen Reim darauf machen. Wir hören von einem eingebauten Radar und auch davon, dass solche Geräte eigentlich illegal seien. Francisco verliert kein Wort darüber, sondern lässt uns vielmehr in dem Glauben, dass wir rein zufällig und innerhalb von nur zwei Tagen gleich mehrfach in eine Kontrolle geraten seien. Wir wissen, dass er uns für dumm verkauft, aber wir haben keine Wahl, denn wir wollen das Auto behalten.

Um jeden Ärger zu vermeiden, beschließen wir, uns von nun an strikt an die Geschwindigkeitsbegrenzungen zu halten. Selbstverständlich kommen wir jetzt noch langsamer voran und selbst die uralten Klapper-Laster, bei denen man jede Sekunde damit rechnen muss, dass schon die kleinste Bodenwelle die Achsen in den Auto-Himmel schickt, rollen an uns vorbei, als erlebten sie einen zweiten Getriebe-Frühling.

Ich wollte schon immer wissen, wie es sich auf Seniorenart fährt, und jetzt habe ich auf Hunderten von Kilometern Gelegenheit dazu: Wir halten uns rechts und rollen hübsch geruhsam durch die Landschaft. Wer uns überholt (also jeder andere Verkehrsteilnehmer außer den Fußgängern), schaut nur verwundert vom Lenkrad auf: Was haben diese lahmarschigen Gringos nur auf unseren schönen schnellen Straßen verloren?

So zuckeln wir also gemächlich wie zu einer Rentner-Kaffeefahrt auf der Autopista entlang. Zwar machen wir uns vor den anderen Verkehrsteilnehmern zum Gespött, aber zumindest hat die gemütliche Lustfahrt den Vorteil, dass uns nicht fortwährend taktische Lenkmanöver bei rasender Kurvenfahrt von dem beeindruckenden Andenpanorama ablenken können.

Nächtliche Rochaden

Guayaquil empfängt uns mit tropischem Flair und überschießender Lebensfreude. Das ist nicht die Karibik, aber ein wenig fühlt man sich doch an die Havanna-Club-Werbung erinnert (ich hätte auch Bacardi schreiben können, aber ich mag Embargo-Lobbyisten nun einmal nicht). Vergessen ist der Trübsinn der Berge mit seinen dunklen Tälern und seinen schweigenden Menschen. Wir wissen, unser Weg wird schon bald wieder in die Anden führen, doch für den Augenblick genießen wir die tropische Stimmung in dieser sehr lebendigen Stadt. Guayaquil scheint voll von Sonne und guter Laune. Wem da nicht vor Freude das Herz aufgeht, dem ist wohl nicht mehr zu helfen.

Wir kommen im Intercontinental am Parque Centenal unter, direkt im Zentrum der Stadt. Der Parque Centenal ist der berühmte Park, in dem die Leguane frei über die Rasenflächen spazieren, auf die Palmen klettern und stoisch auf Denkmälern hocken, während sie den Rentnern beim Füttern der Tauben zuschauen. Ich hatte immer geglaubt, die grünen Kriechtiere lebten schon immer in der Grünanlage und wären sozusagen die natürlichen Bewohner, doch am Abend werden sie von Angestellten der Stadt eingesammelt wie der Müll. Im ersten Licht des Tages setzt man sie wieder aus, damit sie sich unter dem Reiterstandbild des Libertador in der Sonne wärmen können.

Da Tiere im Hotel nicht erlaubt sind, muss der Hund im Auto übernachten. Die Wagen der Hotelgäste stehen auf einem Hof, der von himmelhohen Mauern und Häuserwänden eingefasst wird. Die Stellfläche ist winzig, aber in einer schieren logistischen Meisterleistung gelingt es den Angestellten, die Autos so zu platzieren, dass nicht nur alle Wagen tatsächlich einen Parkplatz finden, sondern dass Gäste, die abreisen möchten, ihre Autos auch pünktlich auf die Minute in der Auffahrt in Empfang nehmen können.

Damit dieses Kunststück gelingt, vollführt der Parkservice die ganze Nacht Rochaden: Die Wagen müssen ständig umgeparkt werden – von ganz hinten schafft man die Autos nach vorn und von vorn nach hinten. Wir öffnen die Wagenfenster einen Spalt breit und die Angestellten des Parkplatzes kümmern sich sogar noch um den Hund, damit er sich im Auto nicht so allein fühlt. Sie haben ihn sofort ins Herz geschlossen und wahrscheinlich ist so eine Nachtschicht auf dem Hotelparkplatz auch nicht so aufregend, dass man sich nicht noch an einer Ablenkung erfreuen könnte. Ohnehin muss der Wagen mehrmals umgesetzt werden – für den Hund ist das alles sehr aufregend.

Wir beabsichtigen, nur eine Nacht in Guayaquil zu bleiben. Zwar verdiente diese großartige Stadt einen längeren Besuch, doch steht uns wieder einmal nur wenig Zeit zur Verfügung und wie immer gibt es mehr zu sehen, als wir in ein paar Tagen bewältigen könnten. Aber unsere Eile hat einen Grund: Wir sind nicht allein unterwegs. Wenn man Gäste hat, stellt man die eigenen Wünsche bekanntlich gern zurück und außerdem hat man auch eine Verantwortung dem Gast gegenüber, denn schließlich soll er sich wohlfühlen und der Besuch soll ihm als einzigartig schönes Erlebnis im Gedächtnis haften bleiben. So ist es unvermeidlich, dass Stadtausflüge ganz automatisch immer wieder zu denselben Attraktionen führen – dem Berlin-Besucher würde man ja auch viel lieber das Brandenburger Tor zeigen, statt den S-Bahnhof Marzahn.

Am Ende bleibt es also bei einer kurzen Besichtigungstour durch Las Peñas, dem nostalgischen Vorzeigeviertel der Stadt, bei einem Spaziergang entlang der imposanten Promenade am Río Guayas und bei einem ungeplanten Besuch im Wendy´s. Bis auf die kulinarische Entgleisung, ist uns die Stadttour keineswegs neu. Erst vor wenigen Monaten besuchten wir Las Peñas und die Promenade. Aber ich empfinde deshalb überhaupt kein Bedauern und ich freue mich fast wie ein Kind darauf, diese Ort noch einmal zu sehen.

An der Laguna de Limpiopungo

Am Fuße des Vulkans liegt ein stiller See, die Laguna de Limpopungo. Das heißt, still ist es, wenn sich nicht gerade Massen von lärmenden Touristen am Ufer der Lagune aufhalten. Das flache Gewässer mit dem kristallklaren, aber eiskalten Wasser liegt wie ein glänzendes Juwel in der kargen Hochgebirgslandschaft. Schilf säumt die Ufer, die Bärte an den Halmen flattern im Wind wie Wimpel. Rallen paddeln geschäftig über die ruhige Oberfläche des Gewässers. Ein hölzerner Steg führt zum Ufer und es gibt kleine Pavillons, von denen aus man die schweigende Landschaft genießen kann. Wer will, mag dem Wanderweg halb um den See herum folgen, doch nur wenige suchten an diesem Tag das Vergnügen und begaben sich auf den schlammigen Pfad.

Zwischen See und Berg liegt ein großer Parkplatz, auf dem sich die Fahrzeuge der Parkbesucher sammelten. Mehr als zwei Dutzend mochten sich eingefunden haben. Die Leute liefen ein paar oder ein paar Hundert Meter am Seeufer entlang, bewunderten den Berg und schossen Fotos mit dem Handy. Viele versuchten, Selfies mit dem Cotopaxi im Hintergrund einzufangen, aber da der Vulkan an diesem Tag ständig in dichte Wolkenschleier gehüllt war, wird man auf den Aufnahmen wohl nicht viel erkennen. Querfeldein durch den Páramo zu laufen, ist natürlich strikt verboten, aber in einigen ging dann doch der Abenteurer durch und man stapfte fröhlich durch die empfindliche alpine Flora. Viele hatten sich in wattierte Anoraks oder in Ponchos gehüllt, denn ein eisiger Wind strich über die weite karge Grasebene am Fuße des Vulkans und selbst als Mitteleuropäer, als der man eigentlich an Kälte gewöhnt sein sollte, begann man zu frösteln.

Wir warteten geduldig am Rande des Parkplatzes, dass sich die Wolken einmal teilten und man einen Blick auf den Gipfel erhaschen könnte. Als wir uns auf Deutsch unterhielten, schaltete sich ein anderer Besucher in unser Gespräch ein und riet uns – ebenfalls auf Deutsch – zu ein wenig Geduld. Meine Frau fragte ihn natürlich sofort, wie es käme, dass er die Sprache so gut beherrsche und der Mann erklärte in einem sehr distinguierten Deutsch, er habe in Deutschland studiert. Leider konnten wir das Gespräch nicht fortsetzen, denn eben traf seine Familie ein und die Enkel fielen ihm wie kleine Wilde um den Hals und er war fürs Erste beschäftigt. Außerdem hob sich just in diesem Augenblick der Wolkenschleier und gab in nur wenigen Sekunden den Blick auf die Eisfelder unterhalb des Gipfels frei.

Der Anblick ist unbeschreiblich, und einmal mehr wird dem Beobachter bewusst, dass es eine besondere Gunst sein muss, die ihm Einblick in diese ganz und gar fremde Welt gewährt. Sofort richtete ich das Teleobjektiv auf das grandiose Spektakel, aber nach wenigen Augenblicken war es schon wieder vorbei. Wolkenschleier, dick wie Milchsuppe, zogen vor den Berg und nahmen jede Sicht. Es dauerte fast zwanzig Minuten, ehe sich die Wolken wieder öffneten und wenigstens für Sekunden einen Blick auf die Gletscher freigaben. Der eisige Wind strich derweil über die weite kahle Ebene und nachdem ich so lange auf meine Chance gewartet hatte, war ich ganz durchgefroren. Ich beneidete jene Parkbesucher, die sich in dicke Wattejacken gehüllt hatten, aber noch vor kurzem wäre es mir lächerlich erschienen, sich auszustaffieren wie zu einem Trip in die Antarktis, wenn man doch bloß einen Berg am Äquator besuchen wollte.

Unterhalb der Eisabhänge des Gletschers steht die alpine Schutzhütte „José Rivas“. Sie ist der gemeinsame Anlaufpunkt sämtlicher Gipfelexpeditionen und der letzte Außenposten der Zivilisation vor dem ewigen Eis. Von der Laguna aus kann man die Hütte sehr gut sehen, denn ihre karmesinroten Dachschindeln heben sich gut von den dunkleren Schotterflächen ab. Direkt an der Eiskante wirkt das Gestein rötlich, doch nur wenige Hundert Meter tiefer sitzen weite Schotterfächer auf den Hängen. Das lose Geröll ist schwarz wie Hochofenschlacke und man hat den Eindruck, die Knechte des Hephaistos hätten es aus vollen Eimern den Hang hinuntergekippt.

Eine Gletscherzunge streckt sich nach der Schutzhütte als wollte sie an den roten Dachschindeln lecken. Vor der hellgrauen Firnfläche wirkt die Berghütte winzig wie eine Streichholzschachtel neben einem Eisbärfell. Ich habe gehört, manchmal herrsche unter den Gipfelaspiranten so großer Andrang, dass nicht genug Betten für alle vorhanden sind und schon so mancher weitgereiste Alpinist musste die Nacht vor dem Aufstieg auf dem Boden verbringen.

Gerne hätten wir einen kurzen Blick auf den schneebedeckten Gipfel erhascht, aber am Ende nützte auch alle Geduld nichts – der Vulkanriese wollte sein schneebedecktes Haupt an diesem Tag nicht zeigen. Es war fast, als wäre unter den schützenden Schleiern der Wolken ein Geheimnis verborgen, das nur selten enthüllt werden darf, soll es nicht seine magische Kraft einbüßen.

Botschaften von der anderen Seite der Straße

Eines Tages steckte eine Nachricht unter einem der Scheibenwischer unseres Autos. Ich wunderte mich, denn dies war kein Zettel, den man aus einem Notizblock gerissen und hastig beschrieben hatte, um jemanden in aller Eile über etwas Wichtiges in Kenntnis zu setzen. Vielmehr handelte es sich um einen sauberen Bogen Papier im DIN-A4-Format. Das Blatt war mit einem längeren Text beschrieben und mit einem Laserprinter ausgedruckt worden. Ich fragte mich ein wenig besorgt, wer die Person sei, die mir diese offenbar wichtige Mitteilung zukommen lassen wollte, aber der Verfasser ließ sich nicht ermitteln, denn die Unterschrift fehlte.

Obwohl ich den Inhalt mehr erriet, als dass es mir gelang, ihn mir aus dem Spanischen zusammenzureimen, war klar, dass es um unseren Wagen ging. Ich gab die Nachricht später meiner Frau und sie bestätigte mir, was ich ohnehin schon wusste: Man beschwerte sich in recht weinerlichem Ton darüber, dass wir unser Auto immer vor dem Haus auf der anderen Seite der Straße parken würden.

Man – offensichtlich handelte es sich um die Person, die in dem feudalen Anwesen gegenüber residiert – ersuchte uns dringend darum, den Wagen nicht mehr vor seinem (oder ihrem) Haus abzustellen. Die Gründe hierfür konnte man getrost als Vorwand abtun: Wortreich und gleichermaßen larmoyant erging sich der Verfasser darüber, dass das Parken auf der Straße den Verkehrsfluss behindere und überhaupt die allgemeine Ordnung störe (Ich muss annehmen, man arbeitet demnach bei der Verkehrspolizei). Um die Dringlichkeit der Botschaft zu unterstreichen, war gleich der gesamte Text in Versalien gesetzt worden, als handelte es sich um eine höchstrichterliche Anordnung, der man unter Strafandrohung Folge zu leisten hätte.

Man muss wissen, dass es in unserer Wohnanlage weder eine Parkordnung gibt, noch Sonderparkzonen. Jeder kann sein Auto abstellen, wo es ihm beliebt, vorausgesetzt, er steht nicht gerade auf dem Bürgersteig, blockiert keine Einfahrt und behindert nicht den Verkehr. Obwohl es sich um eine private Wohnsiedlung handelt, sind die Straßen allen Anwohnern gleichermaßen zugänglich. Alle Häuser in der Anlage verfügen ohnehin entweder über Parketagen oder den Hauseigentümern bzw. Mietern stehen eigene Parkplätze auf dem Grundstück zur Verfügung. Nicht viele scheinen jedoch die Parkmöglichkeiten im eigenen Haus zu nutzen, denn manche der Straßen innerhalb der Anlage sind so dicht mit Autos zugestellt wie eine vielbesuchte Einkaufsstraße im Zentrum von Quito.

Zwar haben auch wir einen eigenen Parkplatz im Parkkeller, doch liegt er abgelegen in einer Ecke, noch dazu genau neben einem Betonpfeiler. Es ist alles andere als ein Vergnügen, den Wagen dort ein- oder auszuparken, und hat man ihn erst einmal abgestellt, kommt man wegen der Enge nur mit größten Schwierigkeiten aus der Tür. Das Ausparken ist eine Qual, da man in der engen Garage immer mehrere Anläufe braucht, um zu drehen. Dabei muss man stets höllisch aufpassen, sich nicht den Lack an den Kanten des Betonpfeilers abzuschmirgeln. Da parke ich lieber gleich auf der Straße, wie viele andere Residenten der Anlage auch.

Jeder, der in unserer Wohnanlage residiert, glaubt, er sei ein kleiner König, ein Monarch nach eigenem Recht, ausgestattet mit Exklusivrechten, die niemand anderer für sich beanspruchen darf. Das ist keineswegs eine Übertreibung, sondern alltägliche Wahrheit: Ecuador ist trotz aller Veränderungen, die sich in den letzten Jahren mühsam ihren Weg gebahnt haben, immer noch ein Land der Klassen und der Klassengegensätze. Die Menschen, die in teuren Wohnanlagen wie dieser wohnen, gehören der Oberschicht an, einem Menschenschlag, der sein Selbstverständnis aus seinen Privilegien und seinem gesellschaftlichen Einfluss ableitet und der seine führende Position im Land seinem Besitz sowie Jahrhunderte alten Gewohnheitsrechten und Traditionen verdankt.

Die Leute, denen man hier in der Anlage begegnet – falls man ihnen begegnet, denn die meisten ziehen die aristokratische Distanz vor – sind in vielerlei Hinsicht ganz anders als die übrigen 99 Prozent der Bewohner dieses Landes. Herkunft, Stand und soziales Prestige sind über alle Klassengrenzen hinweg bedeutsam. Ständig wird man taxiert, wer man sei, was man hier wolle, wie man überhaupt hereingekommen wäre. Man kommt sich manchmal so vor, als stünde man vor den Pforten eines elitären Klubs und ein prüfender Blick des Hausbutlers entscheide, ob man eingelassen werde oder nicht. Selbstverständlich hat man jede Chance verwirkt, wenn man jetzt Cargo-Shorts und T-Shirt trägt, wenn man nicht glattrasiert ist und das Haar nicht kurzgeschnitten ist und ordentlich gescheitelt als wäre man ein Primaner.

Es ist schon merkwürdig, wie der gesellschaftliche Zwang zur Etikette das Aussehen der Leute vereinheitlicht: Alle sehen immer so aus, als kämen sie gerade aus dem Büro oder als wären sie dorthin unterwegs. Individualität drückt sich jedenfalls nicht im äußeren Erscheinungsbild aus und die schrägen Typen, die wie bunte Farbtupfer aus der Masse herausstechen, gibt es hier einfach nicht.

Ich weiß bis heute nicht, warum der Hausbesitzer Anstoß daran nahm, dass unser Wagen auf der Straße vor seinem Anwesen parkte. Eine Ordnungswidrigkeit war in jedem Fall ausgeschlossen. Wahrscheinlich empfindet er diesen Teil der Straße als sein Eigentum, als sein kleines Königreich, über das nur er gebieten darf und sonst niemand. Zwar gehört ihm die Straße nicht, und er hat auch kein Recht, irgendjemandem irgend etwas zu verbieten, aber wer würde da nicht die Beherrschung verlieren, wenn plötzlich ein fremder Wagen vor dem Wohnzimmerfenster stünde!

Ich war versucht, das Auto dennoch vor seinem Haus abzustellen, genau vor seiner Eingangstür und zwar so, dass er es gar nicht übersehen könnte. Doch man muss immer mit der Rachsucht jener Leute rechnen – ein Schelmenstück wie dieses würde sie in ihrer Ehre kränken und man weiß ja, wozu gekränkte Ehre fähig ist. Ein dicker Kratzer im Lack oder ein durchstochener Reifen bedeuteten am Ende mehr Ärger als die Sache überhaupt wert ist. Wann immer es möglich ist, parke ich daher auf unserer Seite der Straße. Ich habe mit diesen Leuten nichts zu schaffen und ich habe auch nicht vor, sie mir zu Freuden zu machen, solange ich hier in dieser Wohnanlage noch lebe. Aber wahrscheinlich sind sie genauso froh darüber wie ich, dass wir uns aus dem Weg gehen.

Ein glatter Deal

Der Kauf eines gewöhnlichen Konsumgutes kann sich manchmal etwas schwierig gestalten. Nachdem ich große Mühen aufgewendet hatte, ein gutes Hantel-Set zu finden, und es mir schließlich gelungen war, den Kauf anzubahnen, musste der „Deal“ nun nur noch abgeschlossen werden (ich hatte davon berichtet). Wir waren mit dem Händler übereingekommen, uns am nächsten Samstag wieder an der selben Stelle, einem Parkplatz an der Mautstelle der Autopista, zu treffen. Diesmal wählten wir nicht einen Ort hinter sondern vor der Mautstelle, auf einem viel frequentierten Parkplatz direkt an der Straße. Der Händler kam mit seinem Kompagnon und im Kofferraum des Wagens befanden sich die Hanteln. Mir war etwas mulmig, weil ich das Geld, immerhin einige Hundert Dollar, einfach so in der Hosentasche trug.

Der Parkplatz erstreckt sich über hundert Meter entlang der vielbefahrenen Austopista, etwa zweihundert Meter vor der Mautstelle. Kleine Läden und einfache Restaurants säumen ihn und so kurz vor der Mautstelle nutzt manch einer der Fahrer noch einmal die Gelegenheit, um eine Mahlzeit zu sich zu nehmen oder letzte Besorgungen zu machen. Vor der Mautstelle verbreitert sich die Autopista auf etwa zehn Spuren und zu den Hauptverkehrszeiten staut sich der Verkehr vor den Mauthäuschen mit den Schranken. Der Parkplatz ist also immer gut besucht, und ich fragte mich, ob dies ein geeigneter Ort sei, um ein Geschäft abzuschließen, das vielleicht nicht zu einhundert Prozent koscher ist. Doch die Leute hierzulande sind mit Gratwanderungen dieser Art sehr wohl vertraut und niemanden käme es komisch vor, wenn er Leute auf dem Parkplatz irgendeinen Deal abwickeln sähe. Die Sorge, jemand könnte an unserem Handel Anstoß nehmen, war vielleicht nur meine Einbildung.

Auch an diesem Tag war der Parkplatz gut besucht und ich fürchtete schon, man würde unseren nicht ganz astreinen Transaktionen auf die Schliche kommen. Aber ob man sich haarscharf an der Grenze des Gesetzes bewegt oder schon um einiges darüber hinaus, ist manchmal nur eine Frage der Perspektive. Viele im Land sind ohnehin davon überzeugt, dass Gesetze, von korrupten Politikern erlassen, reine Schikane seien und man ohne sie – Politiker wie Gesetze gleichermaßen – besser verführe. Wir fuhren unsere Wagen Heck an Heck zusammen und wuchteten Hanteln und Platten in unseren Kofferraum. Ich wollte das Geld nicht in aller Öffentlichkeit übergeben – wie sähe denn das aus! – und deshalb setzten wir uns ins Auto. Ich zählte dem Hantelmann die Scheine vor. Er bedankte sich artig und steckte das Bündel zufrieden in seine Tasche. Er sagte, er hätte noch mehr Geräte im Angebot und wenn ich wolle, könnte er mir den Katalog zuschicken. Sehr gern. Mit einem Handschlag besiegelten wir unser Geschäft. Wenn ich noch etwas bräuchte, könnte ich ihn jederzeit erreichen.

Ich war zufrieden, zumal die Hanteln wirklich sehr gut aussehen, eigentlich unterscheiden sie sich auf den ersten Blick kaum von Profigeräten. Wenn man genau hinsieht, ist der Guss etwas grober, aber das beeinträchtigt die Funktionsfähigkeit überhaupt nicht. Insbesondere die Langhantel sieht so gut aus, dass man sie nicht von dem Gerät eines Markenherstellers unterscheiden könnte – wirklich erstklassige Arbeit. Mittlerweile habe ich Gelegenheit gehabt, mit den neuen Geräten zu trainieren und ich muss sagen, der Kauf hat sich gelohnt, zumal auch der Preis stimmt. Ich bin sehr zufrieden, aber es gibt auch einen kleinen Wermutstropfen im Freudenbecher: Man muss bedenken, dass die Geräte in Schwarzarbeit hergestellt wurden. Muss ich deshalb ein schlechtes Gewissen haben? Sehr gern hätte ich Markengeräte gekauft – hätte ich nur welche finden können. Doch es gab leider keine und die, die es gab, wären durch Transport und Zoll so teuer gewesen, dass es sich überhaupt nicht gelohnt hätte. So what?

Der Transport vom Auto in unsere Wohnung war etwas schwierig, weil ich die Hanteln und die größeren Platten jeweils einzeln zu uns nach oben schleppen musste. Für die kleinen Hantelscheiben reichte zwar eine robuste Tasche, aber so eine 20-kg-Platte trägt man lieber einzeln. Der Hantelmann erbot sich, die Gerätschaften bis in die Wohnung zu liefern, aber angesichts unserer Erfahrungen mit Hausbesuchern der unangenehmen Art nahmen wir davon lieber Abstand. Nicht, dass ich ihm zugetraut hätte, unsere Wohnung leer zu räumen – ich habe bei ihm eigentlich ein sehr gutes Gefühl, doch Gefühle können bekanntlich täuschen und nach unseren Erfahrungen sind wir misstrauisch geworden. Wenn es nicht unbedingt sein muss, würde ich niemals wieder jemanden in meine Wohnung lassen und ich würde auch niemandem empfehlen, dies zu tun. Ich habe das Gefühl, dass ich dem Hantelmann damit Unrecht tue, aber hierzulande ist Vorsicht in jedem Fall besser als Nachsicht und Vertrauen muss erst verdient werden.

Wie leicht man in eine Falle tappt und wie leicht man vor allem Opfer werden kann, selbst dann, wenn man sich ganz sicher wähnt, zeigt eine Geschichte, die sich erst jüngst in Bahía ereignete: Bahía de Caráquez (oder hier, hier und hier) ist eine kleine verschlafene Küstenstadt. Hier passiert nie irgendetwas von Bedeutung und ein klassischer sozialer Brennpunkt sieht anders aus. Umso erstaunlicher ist es, dass man immer wieder von Verbrechen hört, und keineswegs nur von Handtaschen- oder Handydiebstählen: Ein altes Ehepaar hob zehntausend Dollar von ihrem Bankkonto ab und ließ sich das Geld in bar auszahlen. Man muss sich fragen, wofür jemand so viel Geld im Haus braucht, aber die Motive bleiben im Dunkeln und letztlich ist der Grund auch nicht wichtig. Die beiden Alten machten alles richtig, denn sie wahrten Stillschweigen über die Abhebung. Niemand erfuhr aus ihrem Munde auch nur ein Sterbenswörtchen. Außer der Bank konnte also niemand wissen, dass sich eine so große Summe Bargeld in ihrem Haus befand.

Eines Tages war das Ehepaar außer Haus und nur die Hausangestellte blieb allein zurück (in den wohlhabenderen Haushalten hierzulande ist es üblich, dass sich Hausangestellte um die kleinen und großen Dinge kümmern). Zwei Boten klingelten an der Tür und behaupteten, sie wollten ein Paket ausliefern. Die Angestellte öffnete nichtsahnend, denn sie hatte keinen Grund anzunehmen, dass die Besucher Böses im Schilde führten. Sobald sich aber die Tür öffnete, ließen die Männer ihre Maske fallen, stürzten sich auf die Frau, schlugen sie nieder und fesselten sie. Sie durchsuchten gründlich das Haus und als Experten ihres Fachs wurden sie natürlich schnell fündig – die zehntausend Dollar waren ihre Beute.

Man fragt sich, wie sie davon wissen konnten. Da das Ehepaar niemandem davon erzählt hatte, bleibt eigentlich kein anderer Schluss, als dass einer der Bankangestellten ihnen den Tipp gegeben haben musste. Wahrscheinlich rechnete er sich eine kleine Provision aus. Bewiesen ist natürlich nichts und obwohl man die beiden Täter gefasst hat, kommt die Wahrheit vielleicht nie ans Licht. Das Beispiel zeigt eindringlich, dass man hierzulande niemandem vertrauen sollte, was ich sehr schade finde, weil man so auch gleichzeitig alle Menschen unter Verdacht stellt, die Vertrauen verdient hätten, und das ist wahrscheinlich sogar die Mehrheit. Abgesehen davon sollte man sich fragen, ob eine Bank angesichts der umstürzenden Ereignisse der letzten Jahre überhaupt noch Vertrauen verdient hat.