In allen großen Shopping-Malls stehen der motorisierten Kundschaft unterirdische Parkhäuser zur Verfügung. In einem engen Parkhaus kommt das korrekte Ein- und Ausparken jedoch oft einem Kunststück gleich und damit dennoch alles schnell und reibungslos vonstatten geht, gibt es Parkplatzeinweiser. Sie zeigen den Kunden freie Parkplätze und dirigieren die Fahrzeuge umsichtig selbst in noch so schmale Parklücken. So wird verhindert, dass man versehentlich das Auto eines anderen rammt oder Bekanntschaft mit einem Betonpfeiler macht. Für ihre oft unentbehrlichen Dienste bedankt man sich mit fünfzig Centavos oder einem Dollar.
Eine Kollegin erzählte meiner Frau eine bestürzende Geschichte: Eines Tages besuchte sie die Scala – das ist eine der großen Einkaufsmeilen in Cumbayá – und im dortigen Parkhaus wurde sie Zeugin eines Unfalls. Ein anderer Kunde fuhr seinen Wagen mit irrsinniger Geschwindigkeit durch die unterirdische Parkanlage. Erlaubt sind höchstens fünfzehn Kilometer pro Stunde, doch ich selbst habe schon erlebt, wie Fahrer ihre Wagen mit sechzig oder mehr durch die Gänge peitschten. Man hört Motoren aufheulen und Reifen quietschen und wenn man sich nicht rechtzeitig zwischen den parkenden Autos in Sicherheit bringt, ist es um einen geschehen. In vielen Parkhäusern hat man vorsorglich alle zwanzig, dreißig Meter Schwellen auf die Fahrbahn montiert, um die Raser auszubremsen. Dennoch lebt man als Fußgänger gefährlich und ich habe mir deshalb schon vor langer Zeit angewöhnt, immer ganz am Rande der Fahrbahn zu laufen.
Während also einer der Kunden des Einkaufszentrums damit beschäftigt war, die Leistungsgrenzen seiner Maschine zu testen, muss er einen der Einweiser übersehen haben. Zwar tragen die Leute Warnwesten, die sie aussehen lassen wie Feuermelder, und daher ist es eigentlich unmöglich, dass man sie übersieht – vorausgesetzt, man hält sich an die vorgeschriebenen Geschwindigkeiten –, doch wenn man mit Sechzig durch die unterirdischen Katakomben heizt und nicht unbedingt über das Reaktionsvermögen eines Jedi verfügt, kann es schon einmal vorkommen, dass man plötzlich eine neonfarbene Warnweste auf dem Kühlergrill hat.
Der Wagen erfasste den Einweiser und der Mann flog in hohem Bogen durch die Luft, wobei er sich wie ein Zirkusartist in mehreren Salti überschlug. Wie nicht anders zu erwarten, landete er höchst unsanft auf dem Beton. Die Canaille hinter dem Lenkrad erachtete den Vorfall als nicht einmal gravierend genug, um wenigstens zu halten und sich nach dem Befinden des Mannes zu erkundigen, im Gegenteil, man gab Gas, als wäre nichts geschehen, und im nächsten Augenblick war der Wagen verschwunden. Der Parkplatzeinweiser rappelte sie wieder auf, klopfte sich den Staub von der Uniform und versah seinen Dienst, als würde er jeden Tag solch einen Stunt vollführen. Ohne blaue Flecken wird er sicher nicht davongekommen sein, doch es war geradezu ein Wunder, dass er sich bei dieser Karambolage nicht sämtliche Knochen im Leib gebrochen hat.
Autofahrer, die keinerlei Rücksicht nehmen (es sei denn, aus Furcht um ihren teuren Wagen) und von denen weder Einsicht bei einem Fehlverhalten zu erwarten ist noch Bedauern im Falle, dass ein anderer zu Schaden kommt, begegnet man hierzulande leider weit häufiger als in Deutschland. Für einige der reicheren Kunden der Shopping-Malls sind Menschen wie die Einweiser lediglich Existenzen am äußersten Rand des eigenen Bedeutungshorizonts. Für manch einen sind sie im Grunde kaum existent, es sei denn, sie bieten sich als Hilfswillige an, als Dienstboten, deren Schicksal es ist, Leuten mit höherer Bestimmung, zu denen man sich natürlich selbst zählt, zu dienen. Man billigt ihnen den Status von Domestiken zu, doch als Individuen mit genau denselben Rechten, die man nur zu gern bei jeder Gelegenheit lautstark für sich in Anspruch nimmt, sieht man sie nicht.
Der Einweiser schien seinen Platz zu kennen, denn weder informierte er seine Vorgesetzten über den Vorfall, noch stellte er Strafanzeige. Er schwieg – ganz sicher auch, weil er fürchten musste, seinen Job zu verlieren, denn welcher Arbeitgeber beschäftigt schon gern Querulanten: Von nicht wenigen hierzulande wird es immer noch als ungehörig angesehen, wenn jemand von „ganz unten“ auf seine Rechte pocht.
Es ist nicht auszuschließen, dass der Parkplatzeinweiser sogar noch glaubte, er sei selber schuld. Und selbst wenn er den Fahrer angezeigt hätte, dessen teurer Anwalt würde ihn wahrscheinlich als verantwortungslosen Menschen und Trinker dargestellt haben und darüber hinaus hätte er auch noch glaubhaft machen können, dass der Mann sich in voller Absicht vor das Auto seines unbescholtenen Klienten gestellt habe, nur um diesem zu schaden. Ich bin dieses dünkelhafte Gehabe so leid. Die Klassengegensätze in Berlin mögen nicht weniger ausgeprägt sein als hierzulande, doch zumindest erhalten Leute vom Schlage jenes Autofahrers manchmal die Antwort, die sie verdienen.
