Die letzte Nacht im Tiefland östlich der Anden verbringen wir nicht in Tena, sondern in Archidona. Da wir schon einmal in Tena sind, wäre es naheliegend, irgendwo in der Stadt ein Zimmer für die Nacht zu buchen. Wie Freier auf der verzweifelten Suche nach dem schnellen Abenteuer cruisen wir durch die abendliche tropische Stadt. In der Hoffnung auf ein Wunder fahren wir die Hauptstraße gleich mehrmals im Schritttempo ab, doch keines der Hostals erscheint uns annehmbar. Vielleicht sind wir verwöhnte Kinder der Wohlstandsgesellschaft, vielleicht aber möchten wir einfach nur in der Gewissheit einschlafen, dass zumindest die Laken, auf die wir uns betten, fleckenfrei sauber sind.
Eines der Hotels, das zumindest von außen einen recht passablen Eindruck macht, erweist sich als schmierige Absteige mit Zimmern, die so wirken, als würden darin jede Nacht Orgien gefeiert und als hätte man vergessen, die Bettwäsche zu wechseln und die verräterischen Flecken vom Teppich zu entfernen. Ein säuerlicher Geruch liegt in der Luft, wie wenn das Hotel bereits in Gärung übergegangen wäre. Vielleicht stammt der Odor vom Schimmel an den Wänden oder vom Teppich, der in der tropisch feuchten Luft langsam aber unwiderruflich in den Kreislauf der Natur einzugehen scheint.
Der Besitzer, ein alter Mann, dessen verschwitzter Kugelbauch wie die Glatze seines siamesischen Zwillings aus dem geöffneten Hemd schaut, ist in einer Art Delirium. Ich weiß nicht, ob es der Bluthochdruck ist, der Alkohol, die Hitze oder die Krampfadern, die seine Waden umschlingen wie Würgefeigen. Er scheint uns gerade noch als Halluzination am Rande seines Wachtraumes wahrzunehmen. Vielleicht hat er sich aber bloß eine Auszeit genommen von einer zunehmend surrealen Wirklichkeit, in der insektoide Aliens, die vorübergehend die Gestalt von harmlosen Gringos angenommen haben, ausgerechnet in sein Hotel einchecken möchten. Der Hoteljunge, vielleicht ein Enkel oder Urenkel, zeigt uns die Zimmer. Das Hotel ist leer, aber die Gäste bleiben nicht ohne Grund aus. Wir fahren weiter nach Archidona.
Ich wünschte, ich könnte über Archidona etwas Tröstlicheres berichten als über die übrigen Städte des Oriente. Der Name weckt die schönsten Hoffnungen; er lässt an stolze spanische Kolonialstädte denken, an Kirchen und Klöster und an paradiesische Patios unter geschnitzten Säulen. Obgleich Archidona schon 1560 gegründet wurde und der Ort damit zu den allerersten spanischen Siedlungen im Amazonas-Tiefland zählt, hat der heutige Besucher den Eindruck, es sei noch gar nicht lange her, dass die Stadt über die Einfriedung eines Goldgräbercamps mitten im unberührten Urwald hinausgewachsen ist. Prächtige Kirchen, beeindruckende Stadtpaläste oder alte Klöster findet man hier nicht. Eigentlich gibt es nichts, das einen daran erinnern könnte, dass die Stadt nicht erst zwanzig Jahre, sondern immerhin fast ein halbes Millennium alt ist. Mit Traurigkeit im Herzen fahren wir am nächsten Morgen zurück nach Tena.
In Tena gibt es eigentlich nur eine einzige Sehenswürdigkeit, die einen Besuch lohnt: den Parque Amazónico. Auch wenn der Wald um Puyo, Tena und Archidona den Anschein erweckt, er würde schon seit Tausenden von Jahren unbehelligt von der verderblichen Einflussnahme des Menschen die feuchte Erde des Amazonas-Tieflandes bedecken, handelt es sich in Wahrheit um Sekundärwald. Das ist das Biotop, das sich entwickelt, nachdem der ursprüngliche Wald – der Primärwald – der Axt zum Opfer gefallen ist.
Zwar gibt es im ecuadorianischen Oriente auch heute noch riesige Gebiete mit ursprünglicher Bewaldung, doch muss man dazu dem Lauf den Río Napo weit nach Osten, bis fast an die peruanische Grenze folgen. Die Natur, der man dort in geschützten Nationalparks begegnet, ist noch weitgehend frei vom zerstörerischen Einfluss des Menschen. Moderne Infrastruktur, wie Straßen und Brücken, gibt es nicht, und wer bis zu den letzten Refugien der ursprünglichen Natur dieses Planeten vordringen möchte, benötigt neben einem kundigen Führer und einem Kanu auch ein nicht eben geringes Maß an Abenteuerlust.
Der Parque Amazónico befindet sich mitten in der Stadt, direkt am Zusammenfluss von Río Tena und Río Pano. Auf dem Land, das als dreieckige Erdscholle zwischen den Flüssen liegt, ragen die letzten Urwald-Riesen in den Himmel. Es sind Mahnmale einer untergegangen Welt und es sind die letzten ihrer Art. Manchmal scheint mir, es ist nur eine Frage der Zeit, dass die verbliebenen Urwälder vom Angesicht der Erde verschwinden werden.
Der Park ist für uns die einzige und letzte Chance, uns wenigstens einen vagen Eindruck davon zu verschaffen, was man gemeinhin für die grüne Lunge unseres Planeten hält. Leider ist der Urwald an diesem und an vielen weiteren Tagen geschlossen, denn der Park unterliegt umfangreichen Umbau- und Sanierungsmaßnahmen. Überall, wo der Mensch sich einmischt, ist die Ordnung der Natur gestört und ein Gleichgewicht kann nur mit Mühe und nur durch ständige Hege aufrechterhalten werden: Flüsse müssen ausgebaggert werden, Ufer befestigt, Wälder aufgeforstet, Arten müssen geschützt oder ausgemerzt werden. Unter den wachenden Händen des Menschen scheint die Natur den Willen verloren zu haben, selbst für sich zu sorgen.
Von der Stadt aus führt eine Fußgängerbrücke über den Río Pano. Der Brückensteg hängt an Stahlseilen, die an einem kolossalen Aussichtsturm ankern. Die Taue durchschneiden den einheitlich grauen Himmel wie die Saiten einer Eierharfe. Der Turm, das mit Abstand höchste und hässlichste Bauwerk der Stadt, ist eine sperrige Stahlkonstruktion, die so fremd in der tropischen Landschaft steht wie ein stillgelegter Förderturm in einem der alten Kohlereviere.
Der Wachmann am Fuße des Turms hat die Aufgabe, allzu neugierige Touristen daran zu hindern, den Park zu betreten. Er ist recht gesprächig und er erzählt uns, fast drei Millionen Dollar seien für die Sanierungsarbeiten bewilligt worden. Das ist viel Geld in einem Land wie Ecuador. Doch die Investition ist natürlich nicht ganz selbstlos, denn die aufwendige Verschönerung verspricht mehr Touristen in die Stadt zu locken. Ihr Geld könnte dazu beitragen, der lokalen Wirtschaft aufzuhelfen, die dem Augenschein nach darniederliegt wie ein totes Faultier.
Wir besteigen den Turm und machen Fotos von der Stadt und der Flusslandschaft. Der Blick reicht bis zu den Bergen, die sich als dunkelblauer Schattenriss gegen das Wolkengrau des Himmels abheben. Eine Wolkenbank umhüllt den Fuß der Berge wie ein Haufen frische Schurwolle. Wir laufen am Ufer des Río Tena entlang. Auf der anderen Seite des Stromes versperren uns Stämme und dichtes Unterholz die Sicht. Der Wald erhebt sich in den Himmel wie ein grünes Bollwerk. Alles ist gesättigt von Grün, jede andere Farbe scheint ausgelöscht.
Wir ahnen, ein echtes Urwald-Abenteuer würde uns mehr abverlangen als wir an Komfort zu opfern bereit wären. Wie alle Kinder der Zivilisation verspüren wir eine romantische Sehnsucht nach der Wildnis. Als aufgeklärte Menschen wissen wir natürlich, dass wir Teil der Natur sind, aber wir vergessen dabei, dass wir nicht mehr in der Natur leben. Aus der Darwinschen Hölle haben wir uns in jene Bequemlichkeit gerettet, die wir Zivilisation nennen. Der Wald erscheint uns als eine ferne Heimat und ein Teil von uns wünscht sich in das verlorene Paradies zurück. Doch die Zeit hat unser Erinnerungsvermögen getrübt. Was wir für ein Paradies halten, ist in Wirklichkeit eine Hölle, in der ein ständiger Überlebenskampf tobt: Auf uns allein gestellt, würden wir wohl kaum auch nur drei Tage durchhalten.