Partys und Invasionen

Den Nachmittag hätte ich am liebsten damit verbracht, im Bett zu liegen und meine narkotische Abhängigkeit vom Fernsehen durch stundenlangen Dauerkonsum noch weiter zu verstärken. Leider zwangen uns dringende gesellschaftliche Verpflichtungen, der Droge fürs Erste zu entsagen: Die Großtante meiner Frau, Tía Juanita, feierte ihren 88sten Geburtstag und alle Verwandten waren natürlich zur Party eingeladen und damit verpflichtet, sich sehen zu lassen. Insbesondere galt dies für meine Frau, die immer so tut, als würde sie von den eigenen Verwandten in einem Akt der Vendetta erschossen werden, wenn sie auch nur einer einzigen der zahlreichen Familienfeiern fernbliebe. Ich bin zwar nur angeheiratet, aber da ich im Urlaub war und im Grunde nichts zu tun hatte (außer fernzusehen), konnte ich schlecht anderweitige Verpflichtungen geltend machen. Außerdem ist mein Gesicht zu bekannt, als dass ich mich einfach verstecken könnte, denn ich bin der einzige Gringo in der Familie (und eigentlich bin ich gar kein Gringo, sondern Alemán).

Mein Sohn maulte, er hätte keine Lust, auf diese Rentnerparty, und mit Schmollgesicht verkündete er, er werde auf keinen Fall gehen. Ich kann verstehen, dass sich alles in ihm sträubte, denn noch immer wirkte das Trauma nach, das er bei einem unserer Jahre zurückliegenden Ferienbesuche erlitten hatte: Meine Frau hatte ihn damals auf eine Veranstaltung des örtlichen Rentnerklubs mitgenommen. Ihre Großtante, die Tía Juanita, war zur „Königin der Rentner“ gewählt worden und aus diesem Anlass wurde eine Party gegeben. Die Rentner hierzulande haben eigene Klubs, in denen sie sich regelmäßig treffen, um ihren Exzessen zu frönen (Kaffee, Kola und Plätzchen sind die Drogen der Wahl und lateinamerikanische Schnulzen aus den Fünfzigern gestalten das musikalische Programm).

Auf besagter Seniorenparty hatte Julia Querola, die Stimmungskanone unter den Verwandten, unseren Sohn spontan auf die Tanzfläche gezogen. Natürlich hätte dies für jedes Kind ein Erlebnis mit traumatischen Folgen bedeutet. Mein Sohn war damals neun Jahre alt, aber er war gar nicht scheu, die Aufforderung anzunehmen, zumal er sich in diesem Augenblick, da aller Augen auf ihn gerichtet waren, schlecht verstecken konnte. Nachdem das Eis aber erst einmal gebrochen war, hatte er sich in seinem bunten Guayaquil-Shirt auf der Tanzfläche geschüttelt wie Señor Salsa höchstpersönlich. Immerhin fließt zur Hälfte lateinamerikanisches Blut in seinen Adern und im Gegensatz zu seinem Vater gehen ihm die Rhythmen mit einer Leichtigkeit in die Beine, dass man nur neidisch werden kann. Die Senioren waren natürlich entzückt, ja, regelrecht begeistert, so dass sie am Ende sogar Beifall spendeten. Seit dieser Tanzeinlage kennt ihn die ganze Stadt. Er selbst will natürlich nicht mehr auf die Episode angesprochen werden, aber die Alten in Bahía lieben ihn dafür.

Es bedurfte schlagkräftiger Argumente, um unseren Sohn zu erweichen, uns auf die Geburtstagsparty zu begleiten. Immerhin wurde an diesem Abend Lasagne serviert und wer außer Garfield und meinem Sohn konnte schon einer guten Lasagne widerstehen? Zwar hatte er schon zu Mittag eine Lasagne im „Bambú“ verputzt, aber das sei eben das Mittagessen gewesen und dies sei jetzt das Abendessen, wie er nicht müde wurde zu betonen – der anscheinend im Kopf meiner Frau eingebaute Kalorienrechner hatte den von unserem Sohn während des Tages konsumierten Brennwert überschlagen und Alarm ausgelöst. Doch letztlich zählten Kalorien wenig, wenn es um den 88sten Geburtstag der Tía ging. Widerwillig, und nur wegen des Essens, erklärte sich unser Sohn einverstanden, auf die Party mitzukommen, aber er wollte allenfalls so lange bleiben, bis serviert worden wäre. Danach müsse er zurück nach Hause, um Fernsehen zu gucken. Diesmal war ich ausnahmsweise einmal ganz seiner Meinung.

Die Party war schon eine Weile im Gange, als wir im Haus der Tía Juanita eintrafen. „Party“ ist vielleicht ein zu großer Euphemismus, denn als wir die Treppe hinaufstiegen und das Wohnzimmer betraten, empfing uns eine Versammlung recht betagter Damen; die meisten waren wohl schon selbst im Alter der Jubilarin. Stühle und Sessel waren wie bei einem Tanzvergnügen im Seniorenstift entlang der Wände platziert worden und obwohl das Wohnzimmer so geräumig ist wie ein Salon, war gerade noch Platz für das Buffet mit dem Geburtstagskuchen und den Dulces, also den Süßigkeiten, von denen es so reichlich gab, das man schon vom Anblick Diabetes bekam. Da wir viele der Gäste kannten – meine Frau kannte natürlich alle –, dauerte die Begrüßung wieder einmal ewig, und wir schritten das Spalier der Damen ab, als wären wir Gesandte auf einem offiziellen Empfang und müssten dem komplett versammelten diplomatischen Korps unsere Aufwartung machen. Wir schüttelten Hände, küssten staubige Wangen und lächelten dazu artig. Niemand sollte sich beleidigt fühlen, weil man ihn versehentlich übersehen hatte.

Im Haus der Tía Juanita waren wohl an die zweitausend Lebensjahre versammelt und unsere paar Jährchen fielen dabei gar nicht ins Gewicht, weil wir fast die Jüngsten waren. Ein paar Mädchen, wohl Großnichten oder sogar Urgroßnichten (?) der Tía, lümmelten gelangweilt in den Sesseln und vertrieben sich die Zeit damit, WhatsApp-Nachrichten zu posten („Ist so langweilig. Hoffe, ich kann bald wieder verschwinden.“). Man sah ihnen an, dass sie litten und sich nach dem Ende sehnten. Aber vorbei war es noch lange nicht, denn an die vierzig Gäste oder sogar noch mehr mochten sich zur Geburtstagsfeier eingefunden haben und alle mussten noch beköstigt und unterhalten werden. Obwohl der Salon einen Balkon hat, sämtliche Türen geöffnet waren und die Deckenventilatoren mit Höchstleistung liefen, war es heiß wie in einem Backofen und allein schon beim Sitzen rann einem der Schweiß in Sturzbächen vom Körper. Viele der Damen zückten nun ihre Fächer und fingen an zu wedeln. In der Küche wirbelten derweil die fleißigen Helferinnen und bereiteten das Essen für die Gäste.

Schon am Morgen, nachdem meine Frau angekündigt hatte, dass wir die Geburtstagsparty der Großtante besuchen wollten (Wollten? Wer hatte gesagt, dass ich will?), hatte ich sehr behutsam versucht, Einspruch dagegen ihre Pläne einzulegen. Doch meine Frau, mit ihrem leichten Hang zum Dramatischen, entkräftete meine äußerst stichhaltigen Argumente mit einer emotionalen Großoffensive und tat so, als müsste die Party tatsächlich ausfallen, wenn wir sie nicht dorthin begleiteten. Der letzte, der gewollt hätte, dass die Party ausfällt, wo sich doch alle so sehr darauf freuten, bin doch wohl ich! Am Ende zeigte sich, dass mein Sohn, ich und ihr Onkel die einzigen männlichen Gäste waren. Wir saßen wie Fremdkörper unter all den älteren Damen, von denen einige sich tatsächlich zu wundern schienen, ob wir uns verirrt hatten. Andere männliche Familienangehörige hatten es offenbar vorgezogen, irgendeine wichtige und gleichermaßen unaufschiebbare Verpflichtung vorzuschützen, um dem Grauen fernbleiben zu dürfen. Wie ich es hasse, immer Recht zu behalten.

Onkel Fausto (der Bruder meiner Schwiegermutter) machte von uns dreien noch die beste Figur. In seinen mit Bügelfalten versehenen Jeans, mit seinem blütenreinen, frisch gestärkten Hemd, dem akkurat gekämmten Haar und dem feschen Schnurrbart, der stets fachmännisch getrimmt ist, wirkt er immer wie der Gentleman vom Lande. Es ist bewundernswert, wie er angesichts der Folter Haltung bewahrte. Während mir der Schweiß übers Gesicht lief und ich mich gequält auf dem unbequemen Stuhl wand, saß er aufrecht wie ein ungekrönter König und er wirkte dabei zugleich vollkommen entspannt, gerade so, als könnte er sich nichts Angenehmeres vorstellen, als seine Zeit auf Geburtstagspartys älterer Damen zuzubringen. Mit legerer Würde unterhielt er sich mit seinen Sitznachbarn. Er spricht immer auf eine sehr bedächtige und kluge Art, dass es den Anschein hat, er beleuchte die Argumente seines Gegenüber zunächst von allen Seiten, bevor er antwortet. Ich weiß nicht, wie er es fertigbrachte, nicht zu schwitzen, zumal in dieser Hitze, die durch den Dunst aus der Küche, die auf Hochbetrieb arbeitete, sogar noch verstärkt wurde. Man sah bei ihm nicht eine Schweißperle, wo doch die Gesichter aller anderen nur so glänzten. Ist das nun die schiere Coolness oder jahrelange Übung?

Schließlich wurde die Lasagne serviert. Wir hatten fast eine Stunde auf diesen Augenblick gewartet, aber ich fand es einfach zu heiß für ein so gehaltvolles Essen. Meinen Sohn hielt die Hitze jedoch nicht davon ab, seinen Teller in Windeseile leerzuessen – als wäre er durch tagelange Entbehrungen ausgehungert und Lasagne das einzige, durch das er wieder zu Kräften kommen könnte. Und er aß sogar noch die Portion meiner Frau, welche die Hitze und der Kalorienrechner im Kopf davon abhielten, mehr als nur den Salat anzurühren. Nachdem er aufgegessen hatte, machte er mir unauffällig Zeichen zu gehen. Gerade war Julia Querola dabei, das Geburtstagskind auf die Tanzfläche zu ziehen, und mit ihm ein kleines Geburtstagstänzchen anzustimmen, und mein Sohn fürchtete wohl, dass ihm das gleiche Unglück widerfahren könnte. Julia Querola ist von Beruf Sängerin und so etwas wie die Stimmungskanone der Familie. Oft singt sie zu den Liedern auf der Party und sie hat eine wirklich schöne Stimme. Wir aber hatten unsere Pflicht getan und schlichen uns unbemerkt davon. Als ich das Haus der Tía Juanita verließ, war ich schweißgebadet.

Eine Stunde später, mein Sohn und ich genossen gerade das abendliche Fernsehprogramm auf HBO, klingelte es an der Tür. Nichtsahnend öffnete ich – die Schwiegermutter war da und sie war nicht allein gekommen. Sie brachte fast ein Dutzend Leute mit, alles Familienmitglieder. Damit war es erst einmal vorbei mit dem gemütlichen Fernsehabend im tiefgekühlten Schlafzimmer. Invasionen dieser Art sind in Bahía so üblich, dass sie einen eigenen Namen haben: Man nennt solcherart Überfälle „Reunión“, also ein zwangloses Zusammensein mit der Familie oder mit Freunden. Als hätten sie sich verschworen, kommen dabei die Gäste häufig in Mannschaftsstärke und sie laden sich auch immer selbst ein. Die Etikette verlangt nicht, dass der Besucher sich anmelden muss; die Gastgeberpflicht des Besuchten gebietet jedoch, dass man die Gäste einlässt und ihnen die besten Plätze anbietet. Die Gäste erwarten keinesfalls, dass Essen serviert wird, noch dass man Getränke bereitstellt. Man ist gekommen, um zu plaudern. Mehr verlangt man nicht. Und so lümmelt man schließlich in den bequemen Sesseln und plaudert.

Unter den Gästen ist auch der Onkel; wir hatten ihn schon auf der Geburtstagsparty getroffen und offenbar hat auch er die erstbeste Gelegenheit ergriffen, um die Feier zu verlassen. Ich kann mir jedoch gut vorstellen, dass der alte Charmeur es auf eine weit elegantere Art getan hat als wir, wo unser Abgang doch eher einer Flucht glich. Der Onkel hatte bis vor Kurzem einen Baustoffhandel betrieben, aber nun überlegt er, ob er das Geschäft aufgeben soll, denn erst vor ein paar Wochen ist er ausgeraubt worden. In seiner ruhigen Art erzählt er, dass einer der Kriminellen ihm eine Waffe an den Kopf gehalten habe, während der andere ihm ein Messer gegen die Rippen gedrückt hätte. Zweihundert Dollar erbeuteten die Diebe. Das ist nicht viel Geld und dafür das Leben zu riskieren, wäre die größte Torheit. Alle stimmen ihm zu. Ein Patentrezept, wie man die ausufernde Kriminalität in den Griff bekommen könnte, hat aber niemand. Man redet noch ein wenig über dies und jenes, und nach einer Stunde sind die Gäste so schnell wieder verschwunden, wie sie aufgetaucht waren.

Klassentreffen

Meine Frau hatte ihre ehemaligen Kommilitonen, allesamt Ex-Stipendiaten aus der DDR, zu einer „Reunión“, einer Art Klassentreffen, eingeladen. Gut ein Dutzend Gäste folgten der Einladung. Unsere kleine Wohnung wäre bei solch einem Andrang natürlich aus allen Nähten geplatzt, aber zum Glück gibt es in jedem Haus unserer Wohnanlage einen Bereich, welcher der gemeinschaftlichen Nutzung vorbehalten ist. Auf dem Dach unseres Hauses befindet sich ein kleiner Saal, der gut geeignet ist für Familienfeste oder andere festliche Zusammenkünfte. Der Platz reicht für mindestens dreißig Gäste und zudem kann man auch noch die weite Dachterrasse nutzen, von der aus man einen wunderbaren Blick über Cumbayá und die Berge hat.

Wir gaben uns viel Mühe mit der Vorbereitung, denn wir wollten, dass unsere Gäste sich – zumindest kulinarisch – ein wenig an ihre Zeit in der DDR erinnert fühlten. Wir hatten schon Bockwürste, Gewürzgurken und das gute „Werder“-Ketchup (eine Marke aus dem Osten) aus Deutschland mitgebracht, was zwar, vor allem wegen der Schlepperei, einen nicht geringen zusätzlichen Aufwand bedeutete, aber die Mühe in jedem Fall wert war, denn deutsche Lebensmittel sind in Ecuador nur sehr schwer zu bekommen.

Die Vorbereitungen beanspruchten einiges an Zeit in Anspruch und bevor die Gäste dann am Sonntagnachmittag eintrafen, hatte ich schon seit den frühen Morgenstunden am Herd gestanden. René, bei dem wir bereits vor ein paar Wochen zu Besuch waren, ist ebenfalls ein Ex-Stipendiat aus der DDR. Von Santo Domingo aus, in dessen Nähe er sein Haus hat und wo sich auch seine Hühnerfarm befindet, benötigt man ca. drei Stunden mit dem Auto nach Cumbayá. Als meine Frau ihn zu ihrer „Ossi“-Party einlud, druckste er erst ein wenig herum: der Weg sei so weit und er wisse auch nicht, ob er Zeit habe, denn er müsse sich um seine Hühner kümmern. Er fragte, ob es denn Soljanka gäbe. In dem Fall wolle er es sich überlegen. Meine Frau erwiderte, dass selbstverständlich Soljanka serviert werde, denn natürlich wollte sie, dass René zu der Party käme. Sie fragte mich dann später ganz unschuldig, ob ich Soljanka kochen könnte. Mit einer gewissen Vorahnung fragte ich sie, warum ich das denn tun solle, und sie gab wie beiläufig zu verstehen, sie hätte den Gästen versprochen, es würde Soljanka geben und sie wolle nun nicht als Hochstaplerin dastehen. Ich hatte dieses Gericht in meinem Leben noch nicht gekocht und außerdem wusste ich nicht, ob ich die Zutaten rechtzeitig beschaffen könnte. Soljanka wurde fast immer in den Mensen der Universitäten und in Kantinen angeboten. Ich habe die gehaltvolle Suppe früher oft selber genossen, aber wer käme schon auf die Idee, ein Kantinengericht zuhause aufzutischen?

Das Internet ist eine tolle Erfindung, denn wen es nach Wissen dürstet, dem steht in nur einem Augenblick die Weisheit der gesamten Menschheit zur Verfügung. Die Fülle des Wissens wäre vielleicht ein klitzekleines Bisschen zu viel, da ich doch nur ein Rezept suchte. Aber manchmal braucht es gar nicht das Internet und das gute alte Buch tut es auch: Vor unserer Abreise nach Ecuador hat meine Frau noch ein Koch- sowie ein Backbuch gekauft, das wir unserem ohnehin nicht kleinen Fundus an Kochbüchern hinzufügen konnten. Das eine ist das „DDR-Backbuch“, das andere das „DDR-Kochbuch“. In letzterem schlug ich nun nach und ich wäre sehr überrascht gewesen, hätte ich darin kein Rezept für Soljanka gefunden.

Als ich dann übrigens am nächsten Tag auch das Backbuch durchblätterte, kamen mir fast die Tränen, so gerührt war ich: Nahezu alle Kuchen, die auf den großformatigen Bildern zu sehen sind, kenne ich von früher, doch erst in diesem Augenblick wurde mir bewusst, wie unendlich viel Zeit seitdem vergangen ist, und das Verrückte ist, ich habe es kaum bemerkt. Allmählich muss ich wohl alt werden, denn ich ertappe mich nun immer öfter dabei, wie ich der Nostalgie erliege, die sich unbemerkt in meine Erinnerungen einschleicht. Mich kommt dann so eine Wehmut an, die sich nur schwer ertragen lässt, und die wohl von der Erkenntnis herrührt, dass alles Schöne im Leben irgendwann einmal enden muss.

Die Zubereitung der Gerichte war dann nicht weiter schwierig, zumal wir Glück hatten und es uns gelang, die restlichen Zutaten in einem Delikatessengeschäft hier in Cumbayá zu kaufen (manchmal ist es eben doch kein Nachteil, wenn man in einer Stadt wohnt, die erst kürzlich von einer Invasion der Gutbetuchten überrollt wurde). Die Soljanka schmeckte übrigens genau so, wie ich sie in Erinnerung habe – wirklich lecker, obwohl ich mit diesem Gericht eigentlich immer Kantinenessen verbinde, das ich nur selten als schmackhaft empfand. Zusammen mit der Soljanka gab es einfache, herzhafte Gerichte: Bouletten, Bockwürste, Kartoffelsalat, als Nachtisch warmen Apfelkuchen mit Schlagsahne. Es versteht sich von selbst, dass wir für einen mehr als ausreichenden Vorrat an Getränken gesorgt hatten. An die Bouletten habe ich eine gute Hand Majoran gegeben, damit sie so schmecken, wie die Gäste sie von früher in Erinnerung haben. Es war übrigens gar nicht so einfach, an Majoran zu kommen, denn dieses Kraut findet in der hiesigen Küche nur spärlich Verwendung.

Am Nachmittag trudelten dann nach und nach die Gäste ein. Es sollte eine ganz zwanglose Party sein, nichts Offizielles, nur ein fröhliches Wiedersehen, ein Hallo nach über fünfundzwanzig Jahren. Doch obwohl sich die Gäste sehr über die Einladung und über das Essen freuten, und auch ordentlich zulangten, ohne dass man sie lange bitten musste, wollte die rechte Stimmung nicht aufkommen. Die Leute saßen etwas steif auf ihren Stühlen, aßen, tranken und waren darüber hinaus meist mit sich selbst beschäftigt. Am Essen kann es jedenfalls nicht gelegen haben, denn am Ende war fast alles aufgegessen und wir hatten so reichlich aufgetragen, dass wir schon befürchteten, wir würden hinterher die Hälfte wegwerfen müssen. Ein richtiges Gespräch – von Scherzen und Witzeleien ganz zu schweigen – wollte sich jedoch nicht einstellen und so glich unsere kleine Party stellenweise eher einer Konferenz mit sehr, sehr ernsten Teilnehmern. Schade.

Ich hätte mir gewünscht, dass die Stimmung entspannter, ja ausgelassener gewesen wäre, aber vielleicht hatte man sich nach so langer Zeit einfach nicht mehr allzu viel zu sagen. Vielleicht sind die Lebenswege unserer Gäste zu verschieden verlaufen, als dass es noch viele gemeinsame Anknüpfungspunkte gäbe. Über ein Vierteljahrhundert ist vergangen, seit sich ihre Wege zum letzten Mal kreuzten. Zwar hat man sich auch in der Zwischenzeit hin und wieder gesehen, hat sich zufällig getroffen, ist sich gewiss manchmal auch beruflich über den Weg gelaufen, doch hat ein jeder sein eigenes Leben geführt seither, hat Karriere gemacht, eine Familie gegründet, ein Haus gebaut, sich einen Freundeskreis geschaffen und hat der Bekanntschaften von früher nur in seltenen nostalgischen Momenten gedacht. Menschen können sich bekanntlich verändern in so langer Zeit und gar nicht so selten wird man sich eben fremd dabei. Bei einigen der Gäste konnte man sich ohnehin nur schwer vorstellen, dass sie einmal Studenten waren, die in der Mensa Soljanka aßen, am Nachmittag in den Bibliotheken hockten und für die Prüfungen büffelten und Abend für Abend Partys stürmten oder in Diskotheken einfielen. Die Zeit ist unerbittlich, gegen den einen mehr als gegen den anderen.

Eine Zeitlang saß ich zufällig neben Hugo, einem der Gäste. Laut meiner Frau soll er eine große Nummer am Verfassungsgericht sein, aber man merkt ihm die Bürde seines Amtes nicht unbedingt an. Hugo ist ein Mann mit vollendeten Manieren und überhaupt ist er einer der höflichsten Menschen, die man sich nur vorstellen kann (wenn diese Bezeichnung nicht so antiquiert wäre, würde ich ihn ohne zu zögern einen Gentleman nennen). Als ich ihm etwas zu essen anbot, lehnte er ebenso bescheiden wie bestimmt ab, aber es schien ihm wirklich unangenehm zu sein, seinen Gastgeber enttäuschen zu müssen. Er entschuldigte sich denn auch gleich wortreich dafür, dass er nichts essen könne, aber sein Arzt hätte es ihm strikt untersagt. Man habe bei ihm Diabetes im Anfangsstadium diagnostiziert und daher sei ihm, dem Genießer, der so gerne esse, im Grunde alles verboten, was schmeckt. Sein Leben sei nicht mehr dasselbe, aber er habe sich eben zu fügen, denn wenn er seinen gewohnten Lebensstil beibehalte, wären die Konsequenzen furchtbar.

Ich empfahl ihm eine kohlenhydratreduzierte Diät und vor allem Sport. Letzterer Vorschlag löste bei ihm deutliche Irritationen aus und er sah mich an, als hätte ich ihm nahegelegt, den Diabetes mittels einer Art Exorzismus auszutreiben. Am Ende ließ er sich dann zwar nicht zu körperlicher Betätigung, doch wenigstens dazu überreden, von der Bockwurst zu kosten, die wir eigens aus Deutschland mitgebracht hatten. Vielleicht waren es aber weniger meine Überredungskünste, als vielmehr der Umstand, dass er sich nicht mehr länger zurückhalten konnte, da er doch sah, wie sich alle anderen das Essen schmecken ließen. Der wahren Versuchung kann man eben doch nicht widerstehen. Er kaute genüsslich und meinte mit verträumtem Expertenblick, ja, das seien die „echten“ Bockwürste.

Man kann auch in Ecuador deutsche Wurst kaufen, oder zumindest das, was man hierzulande dafür hält. Gleich neben dem „Supermaxi“ in Cumbayá (das ist eine der großen Supermarktketten) befindet sich ein Verkaufsstand, an dem es Bratwurst und all die wunderbaren Dinge gibt, die das Herz des Wurstliebhabers höher schlagen lassen. In Berlin würde man dazu schlicht Wurstbude sagen, aber hier ist alles eine Nummer bedeutungsschwerer, denn wer Geld hat, lässt sich nur widerstrebend mit dem gemeinen Volk auf eine Stufe herab. Der edle Anstrich ist da einfach unerlässliche Verkaufsstrategie. Die Firma, welche die Würste herstellt, heißt „Bunz“ und die deutsche Nationalflagge hinter dem Namenszug suggeriert, dass es sich bei den in Plastik eingeschweißten Würsten tatsächlich um ein deutsches Produkt handelt. Meist ist es an dem Stand so leer wie auf dem Parkplatz eines Vorstadt-Autokinos außerhalb der Spielzeit. Die Ecuadorianer sind eben doch kein Volk von Wurstessern und werden es vermutlich auch niemals sein. Nur an den Wochenenden um das Oktoberfest sieht man Kundschaft: Als wir einmal zur Oktoberfestzeit zufällig mit dem Auto vorbeifuhren, hatte sich vor dem Würstchenstand eine fröhliche Zechgemeinde versammelt. Achtzig Prozent der Anwesenden rekrutierten sich aus dem deutschen Lehrpersonal des Colegio Alemán Quito. Der Rest waren deren Partner sowie einige Schüler der Deutschen Schule.

Mein Sohn, der seinen rechten Arm für eine gute Wurst hergeben würde, fragte mich einmal, ob wir uns den Wurststand ansehen könnten. Er wolle unbedingt einmal wieder eine leckere Bratwurst essen. Ich mache mir nichts aus Wurst, aber ihm zuliebe ging ich mit. Wir schauten uns nur ein wenig um. Es war Mittagszeit, aber wir waren die einzigen an der Wurstbude. Wir konnten uns nicht recht entscheiden, denn die Wurst in den Auslagen sah nicht einmal auf den ersten Blick wirklich „deutsch“ aus. Die Verkäuferin, die unseren skeptischen Blick bemerkte und deshalb sogleich beteuerte, dies sei tatsächlich deutsche Wurst, reichte uns ein paar Kostproben. Mein Sohn war enttäuscht – das sei nie und nimmer die Wurst, die er aus Berlin kenne. Und in der Tat, die Wurst schmeckte eindeutig anders. Kein Wunder, dass Hugo, der sich auskennt, mit Kennerblick urteilte, dies sei die „echte“ Wurst. Aber das waren ja auch die Würste aus der Dose, die wir aus Berlin mitgebracht hatten.

Als Nachtisch gab es Apfelkuchen mit Schlagsahne. Es war ein ganz einfacher Apfelkuchen, aber dank vorzüglicher Äpfel war er ausgezeichnet gelungen. Meine Frau kauft nur noch die Äpfel aus heimischer Produktion. Man kann im Lande auch Importäpfel kaufen, die meist aus Chile stammen und die in den großen und teuren Supermärkten manchmal fast ausschließlich angeboten werden. Die heimischen Äpfel hingeben muss man oft suchen; fast scheint es, man würde sie verstecken. Die hiesigen Sorten sehen zwar nicht so schön aus wie die rot leuchtenden chilenischen Früchte, aber sie schmecken viel besser und wenn man sie in einen Korb gibt, duftet die ganze Küche nach Äpfeln.

Unsere Gäste wunderten sich darüber, dass man Kuchen mit Schlagsahne isst. Offenbar war keiner von ihnen während der Studienzeit je zu Kaffee und Kuchen an einer richtigen Kaffeetafel eingeladen worden – Schlagsahne ist einfach ein Muss. Die hierzulande gängige Kombination ist die Dreifaltigkeit aus Kuchen, Fruchtgelatine (Götterspeise) und Eis. Das ist auch nicht schlecht und die erste Zeit nach unserer Ankunft hat meine Frau jeden Tag darin geschwelgt, als hätte sich der Himmel geöffnet. Freilich musste sie sich bald wieder zügeln, denn das schlechte Gewissen und die Angst vor dem Hüftgold waren mächtiger als die Versuchung. Einige der Gäste waren so begeistert von der Kombination Kuchen und Schlagsahne, dass sie mich regelrecht mit der Frage bestürmten, wie man etwas so Leckeres zubereite. Ich sagte es ihnen und sie staunten, wie simpel es ist. Dann luden sie sich noch mehr Kuchen auf die Teller und schaufelten ganze Berge von Schlagsahne darüber. Ich hatte reichlich davon bereitgestellt, aber ich hätte sie vorher vielleicht warnen sollen, dass zu viel davon brachial auf die Hüften schlägt.

Irgendwann gegen Ende, nach zwei Stunden, in denen die Zeit zuweilen in peinlichem Schweigen eingefroren schien, kam der Teil mit den Reden – kein offizieller Anlass ohne Rede, und dies war nun sozusagen ein offizielles Treffen der DDR-Stipendiaten und also mussten Reden gehalten werden: Reden, die ermuntern; Reden, die Mut machen; Reden der Ermahnung. Es wurde viel davon gesprochen, dass man zwar am Anfang eine schwere Zeit durchmache, aber dafür am Ende umso besser leben werde. Ich denke, das mag zutreffen für jemanden, der mehr als ein Vierteljahrhundert Zeit hatte, sich sein Leben in diesem Land einzurichten. Wir aber sind hier auf Abruf: Der Arbeitsvertrag meiner Frau, von dem unser aller Auskommen abhängt, wird mit Sicherheit enden und eine echte berufliche Perspektive ist nicht zu erkennen, weder für sie, noch für mich. Der Verweis eines Redners auf sein eigenes Leben – die ersten Jahre seien so hart gewesen, dass man oft nicht einmal genug zu essen gehabt hätte –, ist für jemanden, der hierher kommt, um es besser zu treffen, keine echte Ermutigung. Ich bin zwar kein großer Esser, aber muss es denn gleich Hunger sein?

Zieht man den materiellen Wohlstand als Maßstab heran, dann haben es die Ex-Kommilitonen fast alle gut getroffen. Doch dass wir bei Null anfangen, ist nur dann richtig, wenn man die ecuadorianische Seite betrachtet, denn schließlich hatten wir ja auch ein Leben in Berlin und wir haben es sogar immer noch; es hat nur im Augenblick seine Vitalfunktionen auf ein Minimum reduziert, als hielte es Winterschlaf. Es heißt immer so schön, man könne nicht gleichzeitig auf zwei Hochzeiten tanzen: Die meisten der Anwesenden haben in Deutschland nichts oder nicht viel zurückgelassen. Ihr Lebensmittelpunkt und alles, was sie sich in den Jahren darum geschaffen haben, liegt in Ecuador. Wir hingegen ließen das Inventar unserer Existenz in Berlin zurück; in Ecuador haben wir nichts. Es wäre ideal, könnte man seine Zeit aufteilen – eine Hälfte des Jahres hier in den Tropen, die andere in Berlin (zumindest würde man so dem langen kalten Winter entgehen). Aber man lebt ja nicht nur von Sonne, Meer und Strand und nur selten hat man das Glück, dass sich die Erfordernisse des Alltags aufs Beste mit den Träumen vom Glück vertragen, die einem wie ein unerfüllbares Vermächtnis anhängen.

Bei mir richtet sich immer ein wenig der innere Stachelpanzer auf, wenn ich jemanden moraltriefende Ratschläge erteilen höre: Sicher, meine Frau stammt aus Ecuador, aber deshalb gleich zu behaupten, ihr Platz sei hier und nur hier, weil dies nun einmal ihre Kultur ist, erachte ich als etwas vermessen, zumal diejenigen, die so sprechen, meine Frau kaum gut genug kennen, um sich eine derartige Feststellung erlauben zu dürfen. Und schließlich gab es gute Gründe, die sie einst veranlassten, aus diesem Land fortzugeben.

Es ist wohl wahr, dass man nicht aus seiner Haut heraus kann; ein Teil von einem bleibt sich immer treu und sehnt sich nach dem Vertrauten und nach einer Vergangenheit, die mit dem Abstand von Jahren als immer schöner empfunden wird. Doch daraus abzuleiten, dass es nur einen Platz geben könne, an dem es sich zu leben lohnte, weil man nur dort glücklich werden kann, scheint mir ein Trugschluss. Entspräche dies der Wahrheit, hätten sich die Menschen nicht zu allen Zeiten auf die gefahrvolle Reise zu den entferntesten Orten der Welt begeben, um dort das Glück zu suchen. Manche haben es gewiss gefunden, anderen ist nur die blanke Verzweiflung begegnet. Ich weiß nicht, was uns auf dieser Reise noch widerfahren wird, aber ich hoffe das Beste und ich vertraue darauf, dass stets nur die Wünsche wahr werden können, deren Erfüllung man am meisten ersehnt.