Das Ende der Geschichte

Jede Reise verdient ein Ende und einer Geschichte, die einen Anfang hat, gebührt auch ein ordentlicher Schluss. Ein Jahr ist eine lange Zeit, aber auch ein Jahr vergeht – mal langsamer, mal schneller, doch stets mit einer Unerbittlichkeit, die weder nach Hoffnungen fragt, noch den Träumen vom Glück Aufschub gewährt. Irgendwann ist es vorbei: Das ist die trivialste Erkenntnis des Lebens. Einzig die Geschwindigkeit verwundert, mit der die Zeit verrinnt. Man erwartet die Unendlichkeit und bekommt ein paar Augenblicke. Selbst ein ganzes Jahr schrumpft in der Erinnerung auf wenige bewegende Momente und ein paar Anekdoten zusammen.

Die Zeit ist schnell vergangen, aber meine Gedanken hinken hinterher. Das Leben in Berlin hat mich wieder eingefangen und Ecuador ist entrückt in eine fast mythische Ferne. Mit zunehmendem zeitlichen Abstand fällt es mir immer schwerer, die Erinnerungen festzuhalten. Meine Lebenskreise beginnen sich von Neuem zu schließen und die tropischen Strände und die Berge unter dem blauen, blauen Himmel verblassen allmählich im Dunst des Vergessens. Doch ich möchte die Erinnerung nicht eher ins Dunkel treten lassen, als der Bericht von unserem Abenteuer seinen Abschluss gefunden hat. Ich war bemüht, alles festzuhalten, was wir in dieser Zeit erlebt haben. Doch jetzt ist die Reise beendet und unsere Geschichte braucht einen Schluss: Dies ist der letzte Artikel, der auf Odyssea americana erscheinen wird (kleinere Updates wird es aber auch in Zukunft geben).

Ich hätte noch von unserem Urlaub in Florida berichten können: Nach der Anspannung des letzten Jahres verlangte es uns verständlicherweise erst einmal nach Ruhe und Erholung und was könnte erholsamer sein, als ein Abstecher ins tropische Urlaubsparadies Florida! Ich hätte berichten können von unserem Ausflug auf die Keys und unserem Streifzug durch das Hemingway-Anwesen, unserem Besuch im Kennedy-Space-Center in Cape Canaveral, von unseren Touren durch Palm Beach und in die tropische Metropole Miami. Doch eigentlich gehört dieser Urlaub nicht mehr zu unserer Odyssee, denn der Rückflug nach Berlin war längst gebucht und unter dem heiteren Himmel von La Florida schmolzen die ecuadorianischen Sorgen dahin wie Andenschnee in der Tropensonne.

Rückkehr nach Hause

Jetzt, da wir uns wieder in unserem Berliner Heim eingerichtet haben und unser Leben in den gewohnten Bahnen verläuft, fühlt es sich an, als hätten wir bloß einen langen und oft turbulenten Urlaub in einem warmen exotischen Land verbracht. Der romantische Wunsch, eine zweite Heimat zu finden, hat sich nicht erfüllt, und das abenteuerliche Gefühl, einen Absprung zu wagen, ohne zu wissen, wo man landen wird, ist mittlerweile verflogen wie ein Traum, den man vergisst, sobald man erwacht. Vergleichbar ist dieses Gefühl nur mit einer neu gefundenen Liebe und mit der Sorge darum, ob sie Bestand haben wird. Die Gewissheit ihres Scheitern mag die Trauer darüber nicht lindern, aber sie verschlimmert sie auch nicht.

Ich kann meine Tage nun viel besser planen, denn das Leben ist vorhersehbarer geworden, aber auch ein wenig langweiliger ohne die überraschenden Wechselfälle des Alltags. Ich gestehe, nicht selten trieb uns dieses Land an den Rand der Verzweiflung (und gleichermaßen an den Rand des Wahnsinns, was das betrifft). Nachdem wir uns ein Jahr lang frei wie die Fische durch einen Ozean der Hoffnungen und Träume treiben ließen, haben uns nun die Netze der Gewohnheit eingefangen. Doch es fühlt sich gar nicht so schlecht an, wieder daheim zu sein. Ich habe fast den Eindruck, nach langer beschwerlicher Wanderung hätte ich endlich das bequeme Lager gefunden, nach dem ich mich die ganze Zeit sehnte.

Es ist nicht verwunderlich, dass wir jetzt wieder das Leben führen, von dem wir uns eine Auszeit zu nehmen hofften, denn wir sind ja auch wieder dort, wo unsere Reise begann: Zuhause. Diese Erkenntnis ist überraschend und vertraut zugleich. Ich empfinde es nicht als ein Scheitern, wieder dort anzukommen, von wo man einst aufgebrochen ist, denn schließlich muss jede Reise irgendwann einmal enden und welcher Ort wäre dafür geeigneter als das eigene Heim?

Ein Platz in der Welt

Mit dem gebührenden zeitlichen Abstand ließe sich fragen, ob sich die Zeit in Ecuador gelohnt hat. Wir hatten für länger geplant, aber das Leben schreibt bekanntlich seine eigenen Pläne oder wie John Lennon es ausdrückte: Leben ist das, was passiert, während du noch immer damit beschäftigt bist, Pläne zu machen. Aus mindestens zwei Jahren (mit Verlängerungsoption – als ob es im Leben eine Verlängerungsoption gäbe) wurde ein einziges kurzes Jahr. Und hat sich dieses eine Jahr gelohnt? Man muss anders fragen: Hätten wir die Chance, ein Jahr in Ecuador zu leben, lieber ausschlagen sollen? Ich denke: Nein. Bis zu unserem Lebensende hätte uns die Frage umgetrieben, ob diese Entscheidung richtig war. Heute wissen wir es.

Menschen müssen die Welt entdecken – nicht, damit sie anderswo finden, was sie dort zu finden hoffen, sondern damit sie sich selbst kennenlernen, damit sie erfahren, wer sie sind und wo in der Welt ihr Platz ist. Was habe ich herausgefunden? Ich habe entdeckt, wie wenig es bedarf, ein Leben in Unordnung zu bringen. Glück ist eine äußerst zerbrechliche Sache – es braucht nicht viel dazu, aber auch nicht weniger. Ich habe entdeckt, dass jeder Mensch einen Ort braucht, an dem er sich zuhause fühlt, aber ich habe erlebt, wie schwer es ist, diesen Ort zu finden. Manchmal reichen menschliche Anstrengungen nicht aus. Mir scheint, zuweilen ist es das Glück, das über ein Schicksal entscheidet.

Der Preis, den man zahlt

Ein Heim braucht Ruhe, Geborgenheit und auch Routine, etwas, das wir in einem Jahr Ecuador nie hatten. Auch deshalb erscheint mir diese Zeit als ein einziges turbulentes Abenteuer. Die wichtigste Erkenntnis ist, dass man solche Herausforderungen nur bestehen kann, wenn man Schutz und Geborgenheit bei den Menschen findet, die man liebt. Gerade dann braucht man die Sicherheit der Familie, wenn sich die Welt da draußen verschworen hat – gegen die eigenen Träume und gegen alle Hoffnungen. Man kann an sich selbst zweifeln, aber niemals an denen, die man liebt.

Das eine Jahr in Ecuador war für uns eine Prüfung. Es war eine Probe darauf, wie viel Wirklichkeit unsere Träume aushalten und ob unsere Familie daran zerbrechen würde. Wir haben diese Probe bestanden, doch es war ein bitterer Sieg, denn der Triumph hat uns Opfer abverlangt, die beinahe unsere Kräfte überstiegen hätten. Aber ist es nicht immer so, dass man für alles, was man im Leben bekommt, am Ende auch etwas geben muss? Es war ein großartiges Jahr – ohne den geringsten Zweifel und ohne Abstriche –, doch unsere Pläne haben sich nicht verwirklicht. Das ist unser Opfer. All die Enttäuschungen und Niederlagen haben uns ihre Haken ins Herz gebohrt, doch ich glaube, ich würde verbluten, wenn ich versuchte, sie mir herauszureißen.

Zu neuen Abenteuern?

Es bleibt die Frage, ob wir ein Abenteuer wie dieses noch einmal auf uns nehmen würden. Ich wünschte, ich könnte sagen, dass es mir nichts ausmacht, immer unterwegs zu sein, mich nirgends heimisch zu fühlen, jeden Ort als Durchgangsstation zu betrachten, jede Wohnung als Provisorium. Ehrlich gesagt, ich weiß nicht, ob ich jetzt schon wieder ein solches Wagnis eingehen könnte. Erst allmählich beginnen die Wunden zu verheilen, aber sie sind noch frisch genug, um zu schmerzen, wenn man an ihnen rührt.

Ich brauche Zeit, wir brauchen Zeit. Da trifft es sich gut, dass ich fürs Erste von dem Wahnsinn namens Fernweh geheilt bin. Aber wie man weiß, kehrt die Krankheit in Schüben zurück und niemand, der einmal von ihr befallen war, kann sich im Leben je wieder sicher wähnen, nicht von neuem heimgesucht zu werden. Ich lasse die Zukunft entscheiden, denn Pläne zu schmieden lohnt nicht …

Zum Meer

Ich muss oft an Bahía denken. Bahía de Caráquez, die Stadt am Pazifik, ist der einzige Ort, an dem ich mich zuhause fühle. Ich mag die Küste, die so ganz anders ist als die Berge. Der Ozean gibt dem Blick Weite und den Gedanken Raum und die Menschen an der Costa sind so viel offener und fröhlicher als die Leute in den Bergen. Ich wünschte, wir hätten mehr Zeit am Meer verbringen können, doch der Alltag rief uns ein ums andere Mal gebieterisch zurück nach Cumbayá.

Manchmal träume ich vom Meer: Vor mir liegt das weite graue Band des Pazifiks. Das Sonnenlicht glitzert auf den Wellen wie Diamantstaub. Rechter Hand, jenseits der braunen Wasser des Río Chone, die unermüdlich aus der Bucht treiben, liegt San Vicente. Weiter nach Norden verschwimmt die Küste im Dunst. Die sandfarbenen Klippen bei Canoa sehen aus wie die Tatze eines Löwen. Man gewahrt sie nur undeutlich durch den salzigen Atem des Meeres. Sie erscheinen wie ein Bollwerk gegen den Ozean. Linker Hand bohrt sich ein felsiges Kap ins Meer. Die Flut treibt mannshohe Wellenkämme Bataillon um Bataillon gegen die Küste. Die Menschen haben eine Mauer errichtet, die sie vor dem Zorn des Meeres schützen soll, aber es ist nicht schwer zu erraten, wie der Kampf ausgehen wird. Von seinem Himmelsthron sieht Sol dem Schauspiel in stiller Erhabenheit zu.

Wir werden nach Bahía zurückkehren. Da bin ich mir ganz sicher. Das ist keine Prophezeiung, für die man über hellseherische Fähigkeiten verfügen müsste, denn schließlich lebt dort die Familie meiner Frau und darüber hinaus ist Bahía ein Ort, an den man gern zurückkehrt. Das lässt sich beileibe nicht von allen Städten im Lande behaupten. Ich mag Bahía und die Menschen, die dort leben. Und ich liebe das Meer. In Berlin vergeht kein Tag, an dem ich mich nicht nach dem Pazifik sehne.

Jetzt, da ich eine Cedula de identidad besitze, kann ich mich so lange im Land aufhalten, wie es mir beliebt. Wenn schon alle Pläne scheiterten, ist dies vielleicht ein Versprechen, das sich ausnahmsweise einmal einlösen lässt. Das Schicksal ist uns etwas schuldig, aber es ist auch launisch, fast so launisch wie das Glück. Doch ich habe ein gutes Gefühl. Und ein gutes Gefühl ist alles, worauf es ankommt.

* * *

Wir danken allen, die uns unterstützt haben – in Berlin, in Ecuador und in den Vereinigten Staaten. Wir danken den Familien, den Freunden, den Kollegen und den Bekannten für tatkräftige Hilfe und Zuspruch. Manchmal, wenn man glaubt, dass sich die Welt gegen einen verschworen hat, gibt einem der Gedanke Halt, dass da Menschen sind, auf die man zählen kann. Ohne euch hätten wir es nicht geschafft – Danke.

Selbstverständlich werde ich weiterhin für Anregungen, Fragen, Auskünfte aber auch für Kritik zur Verfügung stehen, denn das Thema Ecuador wird mich auch in Zukunft umtreiben, wahrscheinlich für den Rest meines Lebens. Viele Informationen bietet der Blog, wer aber eine persönliche Auskunft haben möchte, kann mich gern kontaktieren. Ich freue mich über jede Nachricht.

Allen, die meinen Blog gelesen haben und in Zukunft lesen werden, wünsche ich Gesundheit, Glück und ein erfülltes Leben. …und bleibt neugierig!

Bahía – Ort der Sehnsucht

Wenn man es milde ausdrücken wollte, müsste man sagen, dass den Ecuadorianern eine gewisse Spontaneität nicht abzusprechen ist. Böse Zungen behaupten freilich, hier herrsche das totale Chaos und selbst auf heiligste Versprechen und beeidete Zusagen könne man sich nicht verlassen. Werden eben noch große Pläne für die Zukunft geschmiedet, sind sie manchmal schon am nächsten Tag vergessen oder verblassen im Lichte einer noch viel großartigeren Vision. Man weiß manchmal nicht, was man davon halten soll. Am besten ist es, man nimmt nicht alles so ganz wörtlich. Die Leute haben ein Talent zum Fabulieren und nur zu oft lassen sie sich vom eigenen Überschwang (und auch aus Freundlichkeit dem Gast gegenüber) zu Versprechungen hinreißen, an die sie sich im nächsten Augenblick schon nicht mehr erinnern können. Geschwätzigkeit ist hierzulande keine schlechte Eigenschaft und je weiter man zur Küste vorstößt, um so redseliger sind die Menschen ohnehin. Man sollte also hoch geschraubte Erwartungen fahren lassen und sich entspannen. Man muss nur ein wenig Geduld aufbringen und am Ende regelt sich immer alles von selbst.

Mein Schwiegervater lud uns ein, die Zeit um den Día de los muertos, den Tag der Toten, mit ihm zu verbringen. Er wohnt allein in Santo Domingo, einer Stadt auf halbem Wege zwischen Quito und Bahía de Caráquez. Er ist ein lebenslustiger Mensch und er ist in seinem Leben viel gereist, aber seit er alt ist und seit seine Kinder das Haus verlassen haben, lebt er ganz allein. Wer würde sich da nicht nach Gesellschaft und vor allem nach Abwechslung sehnen? Der Plan war folgender: Am Sonntag, dem 1. November, wollten der Schwiegervater und sein bester Freund Don Claudio zu uns nach Cumbayá kommen. Sie sollten bei uns übernachten und dann, am Montag, dem 2. November – das ist der Día de los muertos (der Tag der Toten) –, wollten wir alle zusammen in aller Frühe in unserem Auto nach Riobamba fahren. Don Claudio, der früher Lastwagen fuhr, hatte sich erboten, uns zu chauffieren. Soweit der Plan.

Mein Schwiegervater stammt aus Riobamba, einer Stadt südlich von Quito. Er hatte uns eingeladen, mit ihm zusammen den Friedhof zu besuchen, und bei dieser Gelegenheit wollte er uns auch gleich die Stadt und die Orte seiner Vergangenheit zeigen. Für Sonntag Abend erwarteten wir ihn und seinen Freund Don Claudio bei uns in Cumbayá, doch am Samstag rief er uns an und teilte lapidar mit, dass er die Reise absagen müsse, da er sich nicht wohl fühle. Er hätte etwas gegessen, das ihm nicht bekommen sei und er fühle sich nun elend krank. Leider waren die Hotelzimmer in Riobamba schon gebucht und ich weiß nicht, ob es ihm gelang, so kurzfristig ohne größere Stornokosten abzusagen. Auch Baños, das nur eine kurze Wegstrecke von Riobamba entfernt liegt, würden wir nun nicht besuchen können. Es war geplant, dass wir am nächsten Tag alle zusammen einen Abstecher dorthin machen und die berühmten Thermen besuchen würden.

Baños ist zwar nur eine kleine Stadt, aber in jedem Reiseführer wird sie als der Ort angepriesen, den man unbedingt gesehen haben muss. Und so ist es nicht verwunderlich, dass sich Touristen wie Einheimische gleichermaßen zuhauf in den Straßen tummeln. Wie man hört, sind die Bäder fast immer brechend voll und das Badevergnügen hält sich in Grenzen. Manche Reiseführer empfehlen sogar, dass man, um den Massen zu entgehen, die Pools entweder vor Sonnenaufgang oder kurz nach 18:00 Uhr besucht, wenn sie gerade gereinigt worden sind, denn das seien die einzigen Zeitpunkte, zu denen man hoffen könne, nicht zwischen Hunderten badewilliger Gäste zerquetscht zu werden. Dass wir die Stadt mit ihren Thermen vorerst nicht besuchen würden, ist zwar schade, aber wir werden ganz sicher noch viele Gelegenheiten haben, dorthin zu reisen.

Vor uns lagen die Ferientage (die Schulen haben Herbstferien) und da wir aller Verpflichtungen enthoben waren, konnten wir tun und lassen, was immer wir wollten. Wir hätten zuhause bleiben können, DVDs gucken, Musik hören oder am Computer spielen können. Doch irgendwann hat man auch davon genug und man sehnt sich nach Abwechslung. Die Wohnsiedlung, in der wir leben, bietet kaum mehr Zerstreuung, denn sie ist keine richtige Stadt, sondern nur eine Ansammlung Häuser, in denen man sich allenfalls aufhält, um zu schlafen. Man kann nicht einmal vor die Tür gehen, denn alles ist zwar teuer und edel, aber auch so öde und langweilig, dass man schon nach einem kurzen Spaziergang Depressionen bekommt. Und jenseits der Mauern der Wohnanlage gibt es nur weitere solcher Siedlungen und Autopistas. Wo soll man da schon hingehen?

Wir wollten ein Stück vom wirklichen Leben und wir wollten uns erholen. Also entschlossen wir uns, am Sonntag nach Bahía de Caráquez zu fahren. So ein Entschluss will reiflich überlegt sein, denn die Reise nach Bahía dauert mit dem Bus nicht weniger als acht Stunden und selbst mit dem eigenen Auto ist man noch mindestens sechs Stunden unterwegs. Da ich der einzige bin, der fahren darf (und kann) – der Führerschein meiner Frau wurde gestohlen –, trage ich auch die ganze Verantwortung. Ich fahre nicht gern solch lange Strecken, zumal die Route nach Bahía berüchtigt ist. Manch einer fährt die Strecke nur, wenn es sich gar nicht vermeiden lässt. Am Tage ist die Route schon eine ziemliche Herausforderung, aber nachts würde ich um nichts in der Welt in den Anden unterwegs sein wollen.

Die Straße windet sich in nicht enden wollenden Serpentinen durch die Berge; starke Gefälle und Steigungen wechseln fortwährend; alle paar Minuten fährt man in eine dichte Nebelwand und oft gehen von einer Sekunde auf die nächste heftige Regenschauer nieder. Hinzu kommt, dass man immer mit dem Unerwarteten rechnen muss: nach schweren Regenfällen gibt es manchmal Erdrutsche; Schlamm, Geröll oder Felstrümmer können die Straße in einen gefährlichen Slalomparkour verwandeln. Und als wäre das nicht genug, begegnet man auf den Straßen Mitreisenden, deren Trachten darauf abzielt, einem die Fahrt so unangenehm wie möglich zu machen. Rücksichtsloses Fahren wird hierzulande nicht einmal als Kavaliersdelikt angesehen – es ist der Normalzustand. Von gegenseitiger Rücksichtnahme haben die meisten noch nie gehört und nicht wenige scheinen wirklich zu glauben, die Straße gehöre ihnen. Man könnte ganze Romane darüber schreiben. Auf diesen schwierigen Strecken ist es ratsam, immer mit voller Konzentration zu fahren, denn schon der kleinste Fehler kann tödliche Folgen haben – die Kreuze an der Straße und in den Schluchten stehen als Warnung, niemals unaufmerksam zu sein.

Bevor es am Sonntag dann endlich losging, entspann sich wieder jenes unsägliche Drama, das zu jeder längeren Reise gehört wie die Amöbenruhr zum Dschungeltrip. Statt nur Zahnbürsten und Badehosen mitzunehmen, wie man es für drei oder vier Tage Strandurlaub erwarten würde, wurde für eine Weltreise gepackt. Ich glaube, es gab eigentlich kaum etwas, von dessen Unentbehrlichkeit man, je länger das Packen dauerte, nicht überzeugt war, und am Ende hatten wir so viel Gepäck, dass wir, gesetzt den Fall, wir wären auf einer einsamen Insel gestrandet, monatelang überleben könnten. Eigentlich wollten wir schon am Morgen aufbrechen, aber das Packen hatte so viel Zeit in Anspruch genommen, dass es schließlich ein Uhr wurde. Ich warf meinen Rucksack ins Auto; um die Koffer, Taschen und Beutel der anderen Reisenden zu verstauen, bedurfte es geradezu genialer logistischer Fähigkeiten, denn der Stauraum des Wagens hatte schon bald seine Kapazitätsgrenze erreicht, und noch immer gab es Gepäck, das verstaut werden musste. Und auch unser Kühler musste noch mit, denn wer würde schon ohne kalte Getränke und vor allem ohne Grundnahrungsmittel eine Reise zum Strand antreten! Schließlich hatten wir es geschafft: Das Auto war bis unters Dach beladen, und die Reise konnte beginnen.

Wir nahmen die Route über Santo Domingo. Das ist zwar die anspruchsvollste, aber auch, wie wir noch herausfinden sollten, die schnellste Strecke. Da die Schulferien schon am Donnerstag begonnen hatten, war der große Schwung bereits vorbei. Die meisten waren bereits am Freitag an die Küste gefahren und die Straßen wirkten streckenweise wie verwaist. In den Anden erwarteten uns die üblichen Herausforderungen: Es regnete wie aus Gießkannen und wenn einmal nicht heftige Schauer niedergingen, hüllte uns der dichte Nebel wie ein nasses Bettlaken ein. Da das befürchtete Gedränge auf den Straßen ausblieb, blieben uns unangenehme Überraschungen erspart. Wir folgten immer der Route, die uns das Navi anzeigte, und für den größten Teil der Strecke fuhren wir gut damit.

Dann, es war bereits dunkel, aber uns trennten nur noch dreißig Kilometer von unserem Ziel, war die Asphaltierung plötzlich verschwunden und auf dem letzten Teilstück der Reise erwartete uns eine brachiale Schotterpiste. Das Navi konnte natürlich nicht wissen, dass gerade Straßenbauarbeiten im Gange waren. Die Straße war nicht gesperrt und auch Umleitungsschilder suchte man vergebens. Ich dachte, nach ein, zwei Kilometern würde es wie gewohnt weitergehen, doch das ganze letzte Teilstück nach Bahía führte über Schotter und erst in Bahía selbst hatten wir wieder Asphalt unter den Reifen. Wenn ich schnell fuhr, zeigte das Tachometer vielleicht vierzig, fünfzig Kilometer pro Stunde an. Oft musste ich aber die Geschwindigkeit noch weiter drosseln, denn in Teilen der Strecke ging es über wahre Katarakte von Bodenwellen und wenn ich zu schnell fuhr, schaukelte sich die Bewegung derart auf, dass ich fast durchs Dach geschleudert wurde. Hier hätte ein Allradantrieb sicher gute Dienste geleistet – und ich hatte mich tatsächlich gefragt, wofür man hierzulande geländegängige Fahrzeuge braucht. Jetzt weiß ich es.

Nachdem wir die letzte Siedlung hinter uns gelassen hatten, herrschte tiefschwarze Nacht. Tatsächlich sahen wir nicht ein einziges Licht, weder nah noch fern, nirgendwo. Es war so dunkel, als wäre gerade ein globaler Stromausfall eingetreten. Eine dichte Wolkendecke verhinderte, dass man den Mond sah, der uns wenigsten den Weg hätte leuchten können, und es waren selbstredend auch keine Sterne zu sehen. Die Horizontlinie war nur vage zu erahnen. Einmal überholten wir ein anderes Fahrzeug, einen uralten Pickup mit Holzverschlag, ansonsten begegneten wir nicht einer Menschenseele. Wir sahen keine Häuser und bis auf die Schotterpiste fanden sich keinerlei Spuren menschlicher Tätigkeit.

Meine Frau zweifelte schon, dass wir unser Ziel jemals erreichen würden, und schlug allen Ernstes vor, wir sollten unverzüglich zurückfahren. Aber das wären noch einmal dreißig Kilometer in die Gegenrichtung gewesen und die Straße wurde dadurch auch nicht besser. Aber irgendwie hatte mich plötzlich die Abenteuerlust gepackt und schließlich musste diese verdammte Straße ja irgendwohin führen, und wenn schon nicht nach Bahía, dann wenigstens zu einem anderen Ort, an dem Menschen lebten. Dann stieg die Straße an und vom Höhenkamm öffnete sich urplötzlich der Blick auf die Bucht und voraus in der Ferne, vor dem schwarzen unendlichen Ozean, funkelten die Lichter der Stadt wie ein warmes Leuchtfeuer. Die Straße wand sich aus dem Küstengebirge hinab zur Landzunge. Nur wenige Minuten später tauchten wir in den Stadtverkehr.

Meine Schwiegermutter hat eine kleine Wohnung, die sie regelmäßig vermietet. Ihre eigene Wohnung befindet sich im selben Haus eine Etage höher. Ihr letzter Gast war gerade ausgezogen und sie bot uns an, die Wohnung während unseres Aufenthaltes in der Stadt als Unterkunft zu nutzen. Wir nahmen dankend an. Am Abend nach unserer Ankunft ging wir noch ins „Mi Ranchito“, um den Tag bei Burgern und Joghurt ausklingen zu lassen. Ein Problem ergab sich aus der Frage, wo wir das Auto über Nacht parken sollten. Bahía ist zwar eine verschlafene kleine Stadt, dennoch hat das Verbrechen seinen Weg hierher gefunden und zudem scheint es nie zu schlafen. Die Tante meinte, wir könnten das neue Auto nachts unmöglich draußen stehen lassen. Sie bot uns ihren Hof an, aber am Ende erwies es sich, dass der Abstellplatz zu eng war. Es gab noch eine zweite Möglichkeit: Leute, die in der Stadt unbebaute Grundstücke besitzen, bieten diese gegen ein kleines Entgelt als Parkplatz an. Die Tante kannte eine verlässliche Person und dort ließen wir den Wagen neben den Autos anderer ängstlicher Fahrzeugbesitzer auf einem ummauerten Hof. Die zwei riesigen Hunde des Besitzers streunten darin herum, und als wir ausstiegen, gebärdeten sie sich so wild, als wollten sie uns auffressen. Der Besitzer des Hofes musste sie mit Gewalt zurückhalten. In der Früh am nächsten Tag holten wir das Auto wieder ab und fuhren mit der Mutter meiner Frau und ihrer Tante zum Friedhof. Fürs Parken gaben wir dem Besitzer des Grundstücks vier Dollar.