Alle Abenteuer enden in einem Café (auch wenn es nur ein Starbucks ist)

Dieser Artikel ist Teil einer Serie von Posts, die auf einen einzelnen Blogpost unter dem Titel „Eine wahre amerikanische Odyssee“ zurückgehen. Siehe auch die Einleitung zu dieser Serie!

Nach vierstündiger Fahrt erreichen wir endlich McArthur-Airport in Long Island, wo unser Ersatzauto auf uns wartet. Erschöpft, aber glücklich nehmen wir den neuen Wagen in Nightrider-Schwarz in Empfang. Unsere Frage, ob wir einen Discount erwarten könnten, weil wir doch so viel Zeit und Mühe aufwenden mussten nur wegen eines undichten Reifens, wird mit der üblichen eingeübten Floskel abgewimmelt: Darum kümmere sich stets die Stelle, bei der das Auto ursprünglich angemietet wurde. Als ich dort anrufe, erachtet man es nicht einmal für angemessen, dass ich mein Anliegen einem Mitarbeiter vortrage; man verbindet mich gleich mit der Mail-Box. Ich unterlasse es, eine Nachricht zu hinterlassen.

Irgendwo im Nirgendwo finden wir einen Starbucks. Ich muss erst einmal meine Nerven beruhigen und so beschließen wir, eine kleine Rast einzulegen. Wir bestellen überteuerten Kaffee und einen viel zu teuren Chai latte, dazu nehmen wir noch etwas Kuchen, der auch zu teuer ist und nicht einmal schmeckt. Wenigstens gibt es freies W-LAN. Ich buche unser Hotel für die Nacht und dann versuche ich, ein wenig zu entspannen und meinen Chai latte zu genießen, was mir aber nicht gelingen will, da er regelrecht mit Zimt kontaminiert ist (und an der Theke steht noch ein Streuer, aus dem man sich extra Zimt hineinschütten kann). Alles schmeckt nur noch nach Zimt, vom Tee keine Spur.

Am Nebentisch sitzen ein paar Jungs, die mit viel zu großen Autos gekommen sind. Sie sind gebräunt wie Fitnessmodels, die Haare haben sie sorgsam frisiert, die Arme sind noch immer ordentlich aufgepumpt vom Workout im Gym. So posieren sie vor den Mädchen, die sie mitgebracht haben, um ihnen einen Kaffee auszugeben, und weil sie vielleicht auch auf mehr hoffen. Die Mädchen haben sich in ultrakurze Pants gezwängt; sie sitzen auf dem Schoß der Jungs und lachen über deren Witze und Neckereien – manche Dinge werden sich wohl niemals ändern, egal wie alt die Welt noch werden mag.

Nur ein Reifen

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Eigentlich wollen wir nach Newhaven, aber wieder einmal läuft uns die Zeit davon, während das Schicksal schon andere Pläne für uns schmiedet: Am Nachmittag besuchen wir einen Wendy’s Diner (die Schoko-Shakes sind große Klasse!). Als wir vom Parkplatz rollen, bekomme ich im Display die Meldung, dass der Luftdruck im hinteren rechten Reifen zu niedrig sei. Erst glaube ich, dass es sich um eine Falschmeldung handeln muss, aber das rote Licht ist so nervig, dass ich schließlich parke und nachsehe. Und tatsächlich, eine dicke Schraube hat sich durch den Mantel des Reifens gebohrt. Ich kann es sogar zischen hören. Da es schon zu spät ist und die Reifenshops bereits um 18:00 Uhr schließen, entscheide ich, bis zum nächsten Tag zu warten.

Ich suche ein Geschäft für Autoteile auf und reihe mich in die Schlange ein, während der undichte Reifen leise vor sich hin zischt. Ich kann mir nicht erklären, warum dieser Car-Shop um diese Zeit so voll ist. Vor mir in der Reihe wartet ein älterer Herr, ein Gentleman im Freizeitoutfit. Er duftet nach teurem Rasierwasser und der eisgraue Haarschopf ist akkurat frisiert. Die Kleidung ist penibel sauber und frisch gebügelt. Als er hört, dass mein Wagen einen undichten Reifen hat, erklärt er mit der Stimme eines News-Anchorman: „When it comes to tire pressure, you come first.“ Und er macht mir augenblicklich Platz, damit ich schneller an die Reihe komme.

Ich lasse mir vom Verkäufer, der so jung ist, dass er leicht mein Sohn sein könnte, zu einem Dichtungsschaum raten. Ich fülle den Schaum ein und pumpe den Reifen an der Tankstelle noch einmal gut auf. Und tatsächlich, der Druck hält über Nacht. Am nächsten Morgen ist der Reifen immer noch prall gefüllt. Ich fahre los – nichts passiert –, doch kaum bin ich auf den Highway eingebogen, ist die Luft innerhalb weniger Sekunden aus dem Reifen entwichen und ich habe einen Platten. Ich nehme die erstbeste Ausfahrt und rette mich auf den Parkplatz einer Tankstelle.

Ich habe noch nie eigenhändig einen Reifen gewechselt, aber bekanntlich ist ja irgendwann immer das erste Mal. Das Aufziehen des Ersatzrades geht mir wider Erwarten so leicht von der Hand, als hätte ich mein ganzes Leben lang nie etwas anderes getan. Aber ein Reifen reicht aber fürs Erste und ich bin froh, als ich den Platten im Kofferraum verstaut habe. Anschließend frage ich den Angestellten des Tankstellen-Shops, ob ich mir die Hände waschen könnte und wir kommen ins Gespräch.

Er sagt, er stamme aus Texas und sei eigentlich nur wegen seiner Frau nach Connecticut gezogen. Aber es gefalle ihm hier nicht. Das Leben sei viel zu hektisch und die Leute seien einfach zu kalt, nicht so wie in Texas. Er freut sich zu hören, dass wir drei Jahre in Texas gelebt haben. Ich sage ihm, dass es uns dort sehr gefallen hätte. Das scheint ihn irgendwie aufzumuntern. Er meint, er und seine Frau wollten fortziehen nach Westvirginia. Dort sei es viel ruhiger. Er spendiert uns noch einen Kaffee und dann fahren wir auf unserem nagelneuen Ersatzrad zum Reifenshop.

Man sollte annehmen, im Autoland USA wäre das Wechseln eines Reifens eine ganz simple Angelegenheit und ein Viertelstündchen müsste mehr als ausreichend sein, um den neuen Reifen aufzuziehen und nebenbei auch noch die anderen Reifen einmal herum zu rotieren – so jedenfalls war es mir aus Texas in Erinnerung geblieben. Nachdem wir dann aber drei Stunden im Tireshop gewartet haben, teilt man uns mit, dass kein passender Reifen gefunden werden könnte. Wir sollten uns aber noch bis zum Abend gedulden – bis dahin würde man uns den passenden Reifen ganz sicher besorgt haben.

Am Abend klingelt mich die Werkstatt an, um mir lapidar mitzuteilen, dass es in ganz Connecticut keine passenden Reifen für unseren Wagen gäbe – „Sorry about that.“ Ich setze mich mit der Autovermietung in Verbindung: Ja, es sei schwierig, passende Reifen für dieses Modell (Chevrolet Malibu) aufzutreiben – als ob wir das nicht schon wüssten. Man bietet uns stattdessen einen neuen Wagen an. Allerdings könnten wir das neue Auto nicht in Connecticut entgegennehmen. Vielmehr müssten wir uns nach Long Island bemühen.

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