Carcrash

Dieser Artikel ist Teil einer Serie von Posts, die auf einen einzelnen Blogpost unter dem Titel „Eine wahre amerikanische Odyssee“ zurückgehen. Siehe auch die Einleitung zu dieser Serie!

Als wir durch Newark (New Jersey) fahren, will ich vor der Kreuzung die Spur wechseln. Die Linie der Fahrbahnbegrenzung ist noch nicht durchgezogen, der Verkehr ist auch nicht allzu dicht. Was sollte also schiefgehen? Ich leite den Spurwechsel mustergültig wie im Fahrschullehrbuch ein: Blinker setzen, Spiegel, Spiegel, Schulterblick – alles frei und los geht’s. Als ich nach rechts ziehe, schert plötzlich von hinten ein Wagen aus der anderen Spur mit sehr hoher Geschwindigkeit genau in die Spur ein, in dich ich auch gerade hineinlenke. Der andere sieht mich nicht und rammt mich in die Seite, dass es nur so kracht. Wir räumen die Kreuzung und klären die Sache abseits der Straße.

Der Schaden ist gering, nur ein paar Beulen sind zu sehen; beide Fahrzeuge sind absolut fahrtüchtig und verletzt wurde Gott sei Dank niemand. Der andere Fahrer regt sich furchtbar auf („My brand new car!“), flucht und ist ganz außer sich, doch er beruhigt sich so schnell, dass es einem schon komisch vorkommt. Und plötzlich wirkt er so entspannt, als hätte er sich eine Extrapackung Chillpills eingeworfen: „Shit happens.“ meint er achselzuckend.

Während wir unsere Daten über Fahrzeugpapiere und Versicherungen austauschen, fordert sein Beifahrer, der nun ebenfalls ausgestiegen ist, man solle die Polizei holen. Er macht, um es einmal vorsichtig auszudrücken, einen sehr desolaten Eindruck – unter anderen Umständen als diesen hätte ich vermutet, er habe Drogen genommen. Er trägt ein weißes Unterhemd über der Hühnerbrust und um seinen Hals baumeln mehrere dicke Goldketten. Auf dem Kopf hat er eine Cap wie es Gangsterrapper tragen. Und tatsächlich wirkt er auf mich wie die billige Kopie eines solchen.

Der Fahrer, der bis zu diesem Moment tiefenentspannt wirkte, zuckt kurz zusammen und verbietet seinem Kompagnon den Mund: Keine Polizei! Er zwingt ihn etwas unsanft auf den Beifahrersitz und dann hat er es auf einmal sehr eilig. Er steigt ins Auto und erklärt etwas gehetzt, er habe es sich anders überlegt und wolle nun doch zur Polizei; eine Polizeistation sei gleich da vorn. Ich könne ja folgen, meint er noch und gibt auch schon Vollgas. Sekunden später taucht er in den Verkehr und dann ist er plötzlich verschwunden.

Ich bleibe etwas perplex zurück. Später, bevor ich den Schaden der Autovermietung melde, sehe ich mir noch einmal seine Papiere an (mein Sohn hat mit dem Handy Fotos gemacht). Sein Auto ist nicht so neu, wie er behauptete, sondern in Wahrheit sechs Jahre alt und auch das Kennzeichen des Wagens auf dem Nummernschild stimmt nicht mit dem in den Papieren genannten Kennzeichen überein. Ich kann mir zwar keinen Reim darauf machen, aber ich habe das unbestimmte Gefühl, dass irgendetwas nicht ganz koscher ist.

Eine wahre amerikanische Odyssee

Ich habe diesen Artikel schon einmal gepostet (zum originalen Blogpost geht’s hier). Als ich aber kürzlich meine Notizen durchsah, stellte ich fest, dass ich damals vieles ausgelassen hatte – aus Zeitgründen, aus Gründen der Bequemlichkeit oder weil ich meine verstreuten Notizen nicht für wichtig genug erachtete. Dass etwas fehlte, wurde mir jedoch erst klar, nachdem ich den Artikel wieder gelesen hatte – merkwürdig, dass man sich selbst belügen kann, obwohl man sich doch jederzeit völlig durchschaut.

Ich habe nun den ursprünglichen Artikel um die fehlenden Teile ergänzt. Hier und da habe ich ihn vorsichtig aufgefrischt, denn man kann sich noch so viel Mühe geben – die eigenen Texte bleiben eine ewige Baustelle. Gern hätte ich ein paar Fotos eingestellt, doch leider hat man letztes Jahr in unsere Wohnung in Santa Inés eingebrochen. Unsere Laptops und die Kamera wurden gestohlen und alle Bilder, die wir bis zu diesem Zeitpunkt aufgenommen hatten, sind verloren. Denn dass alle Geräte auf einmal abhanden kommen sollten, damit rechnet man nun doch nicht. Und glauben kann man es ohnehin nicht, auch wenn es dann tatsächlich passiert (erhalten haben sich nur die Bilder, die ich schon auf die Website geladen hatte – es sind leider viel zu wenig).

Hier nun lege ich noch einmal den Bericht von unserer amerikanischen Odyssee vor, einer Odyssee wohlgemerkt, die keinen so versöhnlichen Ausgang finden sollte wie die Irrfahrt des berühmten Griechen. Zum Glück mussten wir keine gefräßigen Zyklopen täuschen und auch nicht die tödlichen Sirenenfelsen umschiffen. Ich hatte es nur mit der Autovermietung zu tun, doch am Ende war ich mir nicht mehr ganz so sicher, ob der Zyklop nicht doch der angenehmere Zeitgenosse wäre.

Ich habe den ursprünglichen Artikel nun auf mehrere Posts verteilt, denn mit den Ergänzungen wäre der Text viel zu lang geworden. Jetzt kann man sich zwischendurch auch einmal eine Pause gönnen und außerdem ist jeder einzelne der überarbeiteten Artikel thematisch gestrafft, was die Lesbarkeit erleichtern dürfte. Viel Spaß beim Lesen!