Am Abend schlendern wir ziellos durch die Straßen Cuencas. Auf der Suche nach der ganz großen Entdeckung und vielleicht auch in der Hoffnung, ein besonderes Schnäppchen zu machen, besuchen wir Kunstgewerbeläden und Boutiquen. An einem dieser Geschäfte vorbei führt ein schmaler Gang zum Hinterhaus. Auf dem Türsturz steht „Todos los Santos“, ansonsten kein Hinweis, was es mit diesem recht unscheinbaren Eingang auf sich hat. Der leere Gang dahinter ist wie eine Lockung und wir sind neugierig. Wir fragen den Besitzer des Ladens, ob man hineingehen dürfe und mit entlassender Geste gibt er uns zu verstehen, dass wir uns ruhig umsehen sollen. Wir treten ein.
Ein schmaler hoher Gang führt unter einer von altem Gebälk gestützten Decke in die Tiefe des Gebäudes. Kerzenlicht erhellt behaglich die Dunkelheit: Alle paar Schritte steht eine steinerne Schale auf dem Boden, aus der sich der Schaft einer Kerze wie ein sprießender Pflanzenstängel erhebt. Wasser im Gefäß reflektiert das Kerzenlicht und auf der Oberfläche schwimmen Rosenblätter. Der Gang ist ziemlich schmal und so schreiten wir ihn hintereinander ab wie die Teilnehmer einer mystischen Prozession.
Wir wissen noch immer nicht, wohin uns dieser Weg führen wird. Ich habe das unbestimmte Gefühl, am Ende wartet ein Mysterium auf uns oder eine Offenbarung. Doch dann nimmt alles einen viel profaneren Ausgang: Wir gelangen in einen großen Konferenzraum, in dem man gerade damit beschäftigt ist, Stühle für das Auditorium eines abendlichen Vortrags aufzustellen; nebenan befindet sich ein streng dekorierter Speisesaal und wenn man um ein paar Ecken geht, steht man plötzlich in einer modernen Restaurantküche. Später finden wir noch eine Bäckerei, in deren altertümlichen Holzregalen Brote und Kuchen angeboten werden, denen man auf den ersten Blick ansieht, dass es sich um Produkte der selten gewordenen Kunst der Handwerksbäckerei handelt.
Als wir weiter in das Innere dieses labyrinthischen Baus vordringen, gelangen wir in ein Restaurant und wir betreten einen kleinen Weinkeller, der sich anheimelnd unter einer tiefen Gewölbedecke aus Ziegeln duckt. Angestellte des Restaurants sind gerade eifrig damit beschäftigt, die Tische einzudecken und die Dekoration herzurichten. Wir sind die einzigen Besucher zu dieser Stunde, doch niemand nimmt von uns Notiz, denn wahrscheinlich sieht man uns auf den ersten Blick an, dass uns der Zufall hierher verschlagen hat, und dass wir nicht vorhaben, hier das Abendessen einzunehmen. Von den Plätzen des Restaurants aus hat man einen bezaubernden Blick auf die Ufer des Río Tomebamba, der die Stadt an ihren südlichen Ausläufern durchfließt.
Wir sind gerade im Begriff zu gehen, als wir von einer kleinen drahtigen Frau im Business-Kostüm angesprochen werden. Ich glaube erst, sie sei die Restaurant-Managerin und vielleicht denkt sie, wir wollen zu Abend essen, doch der Irrtum klärt sich schnell auf. Wir sagen ihr, dass uns lediglich der Zufall hierher geführt hätte und wir drücken unser Erstaunen darüber aus, welch einen wundervollen Ort wir hier vorgefunden haben. Als Europäer muss man seine Maßstäbe ganz neu justieren, denn der Erhalt von Kulturmonumenten steht auf der Agenda der hiesigen Politik nicht unbedingt an erster Stelle, und wenn man doch einmal alte Gebäude schön restauriert sieht, ist das die große Ausnahme, und man sollte daher das Ergebnis umso höher schätzen.
Die Frau aus dem Restaurant erklärt uns, dass die Räumlichkeiten, in denen wir uns befinden, zu einem Nonnenkloster gehören. Sie sei auch nicht die Managerin des Restaurants, das nur einen Teil davon ausmache, sondern die Verwalterin der Stiftung, der die Restaurierung, der Erhalt sowie der Betrieb der Einrichtungen des Klosters übertragen worden sei. Wir sehen sie staunend an, doch sie klärt uns auf: Früher einmal hätten alle Räumlichkeiten dem Kloster unterstanden und dort, wo wir uns gerade befänden, hätten Nonnen gelebt. Zu seinen Glanzzeiten beherbergte das Kloster 120 Insassinnen.
Doch die Welt hat sich seitdem mit rasender Geschwindigkeit verändert und statt dass man den Töchtern lebenslange Versorgung garantiert, indem man sie das Gelübde ablegen und ins Kloster eintreten lässt, schickt man sie lieber zum Studium nach Übersee oder auf eine der heimischen Universitäten, damit sie Ärztinnen oder Anwältinnen werden. Das Kloster existiert zwar nach wie vor, doch gerade einmal drei ältliche Nonnen trotzten der Zeit und dem Lauf der Welt in Gebet und frommer Andacht.
Der Bereich, in dem die Nonnen leben, ist von den Teilen des Klosters, die für Besucher zugänglich sind, strikt getrennt. Wer den Schleier nimmt, ist für die Welt verloren. Wenn man früher ins Kloster ging, sagte man seinem Heim, seiner Familie und seinen Freunden Lebewohl und das Leben (wenn man es so nennen will), das man von nun an bis zum Lebensende zu führen hatte, muss sich ungefähr so anfühlen, als sei man lebendig begraben. Alles, was man liebt, ist einem genommen, und nur das Allerwenigste von dem, was man als lebenswert erachten würde, ist geblieben.
Die Nonnen verkehren mit der Außenwelt durch Drehtüren, so dass nicht einmal Blickkontakt möglich ist. Nahrungsmittel und alles, was die Insassinnen des Klosters zum Leben benötigen, findet durch diese Pforten zwischen den Welten ins Kloster hinein, nur weniges kommt jedoch hinaus. Es kommt nicht selten vor, dass man den Nonnen Zettelchen mit Nachrichten schickt, durch die man sie ersucht, für das Seelenheil einer Person zu beten oder Fürbitte zu leisten. Selber sprechen kann man sie nämlich nicht, denn die Nonnen verlassen niemals die Räumlichkeiten des Klosters und niemand bekommt sie je zu Gesicht.
Eines der wenigen Zeugnisse des handwerklichen Geschicks der Nonnen sind übrigens die Backwaren der hauseigenen Klosterbäckerei. Wenn man lange Zeit nur mit dem Industriebrot aus dem Supermarkt hat Vorlieb nehmen müssen, ist so ein frischer, von Hand geformter Laib geradezu eine Offenbarung für die Sinne. Wir kaufen mehrere Tüten mit Backwerk, die aber gerade einmal bis zum nächsten Morgen überstehen.
Die Säkularisierung und ein weites Spektrum an Bildungs- und Berufschancen für junge Frauen haben der Lebensperspektive Kloster viel von ihrer Attraktivität genommen. Der Personalbestand des Klosters ist über die Jahre ausgedünnt. Zuwendungen flossen spärlicher und notwendige Reparaturen konnten schon bald nicht mehr vorgenommen werden. Irgendwann war der ganze Gebäudekomplex in einem solch bemitleidenswerten Zustand, dass es nur noch eine Frage der Zeit zu sein schien, bis das morsche Gebälk zusammenbrach und die letzten Insassinnen unter sich begrub. Doch wenn es eines gibt, das man in einem Kloster im Überfluss hat, dann ist es Zeit. Und so schrieben die Nonnen fleißig Briefe an Gott und die Welt – in diesem Fall wohl überwiegend an die Welt, wenn sie wohl auch so manches für den Allmächtigen bestimmte Gebet in ihre Bitten eingeschlossen haben mögen.
Die fleißige Schreibarbeit machte sich am Ende bezahlt: Gott und irgendeine „Heritage Foundation“ aus den USA erhörten das Flehen der schreibfreudigen Nonnen und man brachte tatsächlich die fünf Millionen Dollar auf, die es kostete, das Kloster von Grund auf zu sanieren. Und eine Wiederherstellung war auch dringend nötig, denn die brüchigen Mauern hätten wohl kein weiteres Jahrzehnt überstanden. Die Rettung hatte natürlich ihren Preis, denn ein beträchtlicher Teil des Klosters wurde seinem ursprünglichen weltabgewandten Zweck entfremdet und der (zahlenden) weltlichen Öffentlichkeit übergeben. Doch man kann den ursprünglichen Zweck der alten Gemäuer noch sehr gut erahnen, denn die Restaurierung erfolgte sehr behutsam und indem man so viel alte Bausubstanz wie nur möglich bewahrte, hat der Genius loci nichts von seiner Ursprünglichkeit eingebüßt. Vielfach ist es da nicht schwer, sich gedanklich in eine Zeit zu versetzen, in der die einzigen Bewohner jener Räumlichkeiten Nonnen waren.
Die Stiftungsverwalterin zeigt uns einen winzigen fensterlosen Raum, der vielleicht drei mal zwei Meter im Geviert misst. Die mit Holz vertäfelten Wände sind fast schwarz und die Decke ist so niedrig, dass ich den Kopf einziehen muss, wenn ich aufrecht stehe. Aber der Ecuadorianer ist in der Regel kleiner als der durchschnittliche Europäer und früher waren die Menschen ohnehin nicht so groß wie heute. Die Frau von der Stiftung erzählt uns, dass es sich um eine Gästekammer handele. Ich denke, nun gut, zu zweit kann man es hier wohl aushalten und wenn man schläft, braucht man ohnehin kein Licht. Aber sie sagt, dass man zu Zehnt in dieser winzigen Zelle zu nächtigen pflegte, und manchmal vielleicht auch zu Zwölft. Ich möchte mir nicht vorstellen, was passiert, wenn da jemand Nachts auf die Toilette muss.
Da keine weiteren Gäste zugegen sind, lässt es sich die Verwalterin der Stiftung nicht nehmen, uns durch das ganze Haus zu führen. Besucherführungen dieser Art gehören wahrscheinlich nicht zum Programm, doch sie scheint sichtlich Spaß daran zu haben, uns einen Einblick in die fremde Welt des Klosters zu gewähren, und sie genießt es offenbar, wie wir staunen und wie sich uns manchmal ein wenig die Haare sträuben.
Irgendwann stehen wir in der Backstube. Im hinteren Teil thront der riesige Ofen, in dem das leckere Gebäck entsteht, mit dem die Regale des Bäckerladens bestückt werden. Sanfte Wärme strahlt von ihm aus und erfüllt die ganze Stube mit Behaglichkeit. Der Ofen ist riesig wie ein Atommeiler und sein Inneres so geräumig, dass es scheint, man könnte einen Fiat Uno darin parken, wenn er nur durch die Tür passte. Nebenan liegen die Brotschieber. Die größten bringen es sicher auf eine Länge von fast doppelter Mannshöhe und wenn sie mit mehreren Broten bestückt sind, braucht es die Arme eines Berserkers, um das Brot sicher bis in den hintersten Winkel des Ofens zu befördern.
Ich lege die Hand auf die Wandung des Ofens und ich spüre die Wärme. Die Verwalterin erklärt, der Ofen dürfe niemals auskühlen, denn es würde Tage dauern, ihn wieder auf Betriebstemperatur zu heizen. Die sparsamen Nonnen haben übrigens nie etwas verschwendet und so verwundert es nicht, dass sie, lange vor der Erfindung von Green Energy und Recycling, selbst noch die Abwärme der Bäckerei für etwas Nützliches zu verwenden wussten: Mit der entweichenden Wärme wurden die darüber liegenden Räume beheizt. Dort hielt man Cuyes, also Meerschweinchen. Bei molliger Wärme gedeihen die flauschigen Nager nämlich prächtig und in den Anden waren sie seit jeher eine begehrte Proteinquelle.
Ein Speisesaal ist vom eigentlichen Restaurant abgetrennt. Von einem Separee zu sprechen, verbietet sich aber deshalb, weil drei Tische mit jeweils zwei Stühlen darin stehen. Der Raum ist ganz schlicht gestaltet: Die Wände sind weiß getüncht, in Nischen hängen Bilder lokaler Künstler, Tische und Stühle stehen auf nacktem Steinfußboden. Obwohl ich diese Schlichtheit mag und den Willen zum Stil anerkennen muss, macht mir der Saal doch zu sehr den Eindruck eines Refektoriums, als dass ich einen entspannten Abend zu zweit darin verbringen könnte. Irgendwie erwartet man immer, dass jeden Augenblick der ehrwürdige Bruder Jorge aus „Der Name der Rose“ den Raum betritt und einem mit einem Vortrag über die Verwerflichkeit des Lachens den Abend verleidet. Ich ziehe die weniger streng wirkenden Räumlichkeiten des Restaurants vor.
Wir haben die Zeit der Frau von der Stiftung schon über Gebühr beansprucht und wir wollen gehen. Wir werfen einen letzten Blick ins Restaurant. Ich schaue kurz in die Speisekarte, um mich wieder einmal davon zu überzeugen, dass eine in stilvollem Ambiente genossene Mahlzeit auch ihren Preis hat – die Preise unterscheiden sich nur unwesentlich von dem, was man in Berlin in einem Lokal dieses Niveaus erwarten dürfte.
Man muss relativierend hinzufügen, dass der stilvolle Abend in Cuenca keinen bitteren Nachgeschmack hinterlässt wie dies bei einem Restaurantbesuch in Cumbayá der Fall wäre. Die Preise in Cuenca sind gut und gerechtfertigt, in Cumbayá jedoch hat man es mit den ekstatischen Übertreibungen einer durch die hiesige Schickeria entfesselten Lifestyle-Orgie zu tun. Hier ist einfach alles teuer und es ist fast nie seinen Preis wert. Nur schade, dass Cuenca so weit von Quito entfernt ist.