In die Caldera

Vor einigen Wochen hatten wir den Pululahua-Krater besucht. Wir waren damals jedoch am Kraterrand geblieben und hatten lediglich einen kurzen Blick in die Caldera riskiert, denn wir fürchteten, der Abstieg und noch viel mehr der unvermeidliche Aufstieg würden sich zur körperlichen Tortur auswachsen. Nun aber hatten wir uns doch dazu verleiten lassen hinabzusteigen.

Ich schätzte, dass ein geübter Wanderer in nicht mehr als einer Stunde bis zum Boden gelangen könnte, und dass er zwei Stunden benötigte, um wieder emporzusteigen. Es zeigte sich dann aber, dass man gerade eine halbe Stunde braucht, um nach unten zu gelangen, und eine Stunde, um wieder hinaufzusteigen, und dabei hatten wir uns noch nicht einmal beeilt, sondern viele Pausen eingelegt – um zu rasten, zu fotografieren und einfach, um den herrlichen Ausblick zu genießen.

Der Weg führt an der Wand der Caldera entlang und ein steiniger Saumpfad, der an manchen Stellen kaum breit genug ist, auch nur einer Person Platz zu bieten, windet sich im Zickzack der Serpentinen in die Tiefe. Beiderseits wird der Weg von dichter Vegetation gesäumt – Regen und die allabendlich über den Krater ziehenden Wolken spenden Feuchtigkeit genug, um üppigen Pflanzenbewuchs zu ermöglichen. Abfließendes Regenwasser hat tiefe Rinnen in den Boden gewaschen und freigelegte Gesteinsbrocken und allerlei Geröll machen den Abstieg oft zu einem schwierigen Balanceakt. Die Wahl festen Schuhwerks erweist sich in jedem Fall als eine kluge Entscheidung.

Auf dem Weg in den Krater begegnen einem kaum Menschen. Die meisten Touristen scheuen die anstrengende und vor allem zeitraubende Klettertour und sie bleiben daher oben am felsigen Kraterrand. Man steigt allenfalls fünfzig Meter hinab, schießt wie zum Beweis des eigenen Wagemuts ein paar schnelle Selfies und klettert dann wieder hoch zur Aussichtsplattform. Der Selfie-Stick ist dabei ein unerlässliches Utensil und ich habe noch nie so viele Menschen mit dem lächerlichen Stab auf einem Haufen gesehen.

Eigentlich hatten wir gar nicht vorgehabt, den Boden des Kraters zu besuchen, aber nach zehn Minuten war schon fast die Hälfte der Strecke zurückgelegt und es kam uns nicht einmal besonders anstrengend vor. Ich weiß nicht, ob es Entdeckergeist war oder einfach Neugier, aber da wir schon einmal so weit gekommen waren, erschien es uns irgendwie töricht, so kurz vor dem Ziel umzukehren. Wenn eine Wanderung so angenehm ist wie diese, verbietet es sich, an den Rückweg und seine Strapazen zu denken.

Während des Abstiegs begegneten uns zweimal Bewohner des Kraters. Beim ersten Mal war es eine ältere Frau. Sobald sie meine Kamera sah, machte sie mit einer unmissverständlichen Geste klar, dass sie nicht fotografiert zu werden wünschte. Wahrscheinlich gibt es viel zu viele Besucher, die den Krater für eine Art Freilichtmuseum halten und die sich nicht scheuen, seinen sehr zurückgezogen lebenden Bewohnern mit geradezu voyeuristischer Neugier zu begegnen. Der zweite Kraterbewohner, der uns an diesem Tag über den Weg lief, war ein Mann mit seinen beiden Maultieren. Eines der Tiere ritt er selber, das andere diente ihm als Lasttier; es war mit Bündeln und Kanistern bepackt. Er grüßte freundlich, beachtete mich und die Kamera aber sonst nicht weiter.

Wir gelangten schneller zum Kratergrund, als wir es für möglich gehalten hatten: Vor uns breitete sich eine weite Idylle aus Wiesen und Weiden aus. Feldwege führten schnurgerade durch den sattgrünen, bunt mit Blumen gesprenkelten Rasenteppich. An den Rändern sah man den Mais sich in die Sonne recken. Pferde galoppierten über die Weiden und Hunde trotteten gemächlich auf den Wegen daher.

Wir kamen an einem alten Gehöft vorbei, das durch Jahrzehnte der Vernachlässigung in Verfall geraten war. Die Dachbalken kragten wie die Spanten eines geplünderten Piratenschiffes in die Luft. Die Denkmalpflege hatte zwar verzweifelte Anstrengungen unternommen, die zerbröckelnden Mauern vor dem Einsturz zu bewahren, doch es schien, alle Bemühungen wären vergeblich, denn sie kamen zu spät. Die Zeit forderte ihren Tribut – der Verfall hatte längst das Stadium der Unumkehrbarkeit erreicht und alles, was von dem einstmals ansehnlichen Haus noch übrig ist, sind brüchige Mauern und eine Handvoll morscher Balken.

Gleich nachdem man den Kraterboden erreicht hat, führt der Weg an einem Haus vorbei. Der Bau ist rund wie eine Jurte und von der Höhe des Kraterwalls aus betrachtet, wirkt er er eher wie der Tank einer Kläranlage. Auf dem Grundstück war ein junger Mann gerade mit Gartenarbeiten zugange. Er sprach gebrochen Englisch und wir erfuhren, dass man Zimmer mieten könne, nur wusste er nicht, wie viel man zu bezahlen hätte. Später fragte er seinen Vater – zwanzig Dollar verlangte man für die Nacht. Es schien jedoch nicht viele Reisende zu geben, die von dem Angebot Gebrauch machten. Als ich später allein durch den Krater streifte, begegnete mir nur ein junges Paar, das sich offenbar auf eine romantische Abenteuerreise begeben hatte. Ansonsten war ich ganz allein. Zwischen den Kraterwänden herrschte eine so tiefe Stille, dass jedes fremde Geräusch wie der Vorbote einer Invasion wirkte.

Mitten im Krater gibt es ein kleines Hotel. Ich gelangte eher zufällig zu diesem Ort, während ich den Feldwegen ziellos durch die üppig grüne Flur folgte. Es schien, das Gasthaus stand leer und die einzigen Bewohner waren der Besitzer, seine Familie und eine Angestellte. Von der anderen Seite hörte ich Kinderlachen und als ich den Bau umrundete und einen neugierigen Blick wagte, sah ich eine Frau, die an irgendeiner Maschine mit etwas Schweißtreibendem beschäftigt war: Sie brauchte ihre ganze Kraft, um ein großes, schweres Handrad zu drehen. Ich weiß nicht, was genau sie da tat, aber es sah aus wie etwas, das Mägde und Knechte auf einem Gutshof um das Jahr 1900 getan haben würden. Zwei Kinder tollten in der Nähe herum. Ich wollte nicht stören und begab mich in den Gästeraum.

Das kleine Hotel ist so rustikal eingerichtet, dass man sich vorstellen könnte, man sei in einer Berghütte in den Rocky Mountains. Doch Bergsteiger und andere Abenteurer bekommt man hier wohl eher nicht zu Gesicht, denn es bedarf keiner besonderen körperlichen Fähigkeiten oder einer speziellen Ausrüstung, um zum Grund des Kraters zu gelangen. Es dauerte geraume Zeit, bis es mir gelang, auf mich aufmerksam zu machen. Ich wollte einfach nur eine Weile sitzen und ausruhen und damit ich einen Vorwand hätte, bestellte ich einen Kaffee.

Eine Angestellte war gerade damit beschäftigt, Caldo de pollo, also Hühnersuppe, zu kochen. Der aromatische Duft zog durch das ganze Haus und obwohl ich Suppen im Allgemeinen und Hühnersuppe im Speziellen gar nicht mag, bekam ich dennoch Appetit, weil es so verführerisch roch. Als die Frau dann endlich geruhte, meine Anwesenheit zu bemerken, nahm sie meine Bestellung in einer Mischung aus Verwunderung und Widerwillen entgegen. Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit bis der Kaffee kam. Nach guter alter Landessitte bestand er aus Instantpulver, das mit heißem Wasser aufgegossen worden war. Zumindest machten Milch und Zucker das Getränk einigermaßen genießbar.

Während ich so dasaß und meinen Kaffee trank – zum Glück war er heiß –, schaute der Besitzer vorbei. Er nahm von mir keinerlei Notiz, grüßte auch nicht, obwohl ich doch als der einzige Gast in der Lobby seines Hotels saß. Ich sprach ihn an, weil ich mehr über den Krater in Erfahrung bringen wollte, und wenn es jemanden gäbe, der darüber Bescheid wüsste, dann doch wohl er, da er hier lebte. Meine Spanischkenntnisse sind nicht der Rede wert, aber mein Englisch ist passabel und so fragte ich ihn, ob er Englisch spräche. Er bejahrte und ich hatte sogar den Eindruck, dass er die Sprache sehr gut beherrschte, fast wie jemand, der längere Zeit in den USA verbracht hatte. Doch ich kann mich natürlich auch täuschen, denn seine Antworten blieben einsilbig. Meist beschränkte er sich sogar nur auf ein, wie es schien, widerwillig dahingemurmeltes Ja oder Nein.

Schon nach wenigen Minuten ging mir der Redestoff aus und außerdem kommt man sich schnell wie ein Idiot vor, wenn man immer nur Fragen stellt, aber nie eine Antwort bekommt. Es ist alles andere als erbaulich zu versuchen, mit jemandem ein Gespräch zu führen, der nicht im Geringsten an einer Unterhaltung interessiert zu sein scheint. Der Mann verstand mein Angebot zum Smalltalk offenbar gründlich falsch und ich hatte sogar den Eindruck, er fühlte sich regelrecht belästigt. Vielleicht lässt man sich als Hotelbesitzer zu solcherart seichter Unterhaltung nur herab, wenn man es mit zahlenden Gästen zu tun hat.

Ich verabschiedete mich und machte mich auf den Rückweg. In der Einsamkeit des Kraters hat man sich menschlicher Gesellschaft offenbar bis zu dem Punkt entwöhnt, dass man selbst schon die flüchtige Begegnung mit Fremden als Störung empfindet. Ich hatte den Eindruck, die Leute wollten für sich bleiben und das mag auch der Grund sein, warum sie die Anwesenheit neugieriger Reisender nur ungern dulden. Ich wundere mich aber, warum man ausgerechnet ein Hotel betreibt, wenn man doch mit Menschen nichts zu tun haben möchte. Das ist ungefähr so, als würde jemand mit einer ausgeprägten Anthropophobie ausgerechnet im Kundenservice bei Ikea arbeiten.

Der Aufstieg hatte es in sich. Wenn man nicht daran gewöhnt ist, Treppen zu steigen oder sich in schier endlosen Trainingssitzungen auf dem Stepper zu kasteien, beginnen die Oberschenkel schon nach kurzer Zeit infernalisch zu brennen. Aber man hat es ja nicht eilig und man kann so viele Pausen machen, wie man eben braucht, um sich wieder zu erholen. Die Mittagssonne schien heiß auf die Kraterflanke und der Fels speicherte und reflektierte die Wärme wie die Ziegelwände in einem alten Bäckerofen. Die steil aufragenden Wände der Caldera unterbinden jede Luftzirkulation und an manchen Abschnitten des Weges staute sich die Hitze wie im Fokus eines Brennspiegels. Schon nach kurzer Zeit rann mir der Schweiß über den Rücken, als hätte ich ein anstrengendes Ausdauertraining absolviert. Das Shirt klebte mir auf dem Leib und ich hätte sonst etwas gegeben für eine kühlende Brise. Doch man spürte nicht den geringsten Lufthauch.

Anderen Spaziergängern machte der Aufstieg weniger zu schaffen: Als ich einmal rastete (und dabei die schöne Aussicht genoss), überholte mich eine Frau von vielleicht Siebzig. Sie trug einen dicken Wollpullover, dazu auf dem Kopf ein grünes Filzhütchen, wie es in Deutschland wohl nur passionierte Jäger im Seniorenalter aufzusetzen pflegen. Dazu hatte sie sich einen prall gefüllten Rucksack auf den Rücken geschnallt. Sie grüßte mich freundlich und stapfte dann in einem solch forschen Tempo den Pfad hinauf, dass man glaubte, sie wäre fest entschlossen, sämtliche Rekorde einzustellen. Während sie hurtig an mir vorbeizog, rätselte ich, wie man es in dieser Hitze fertigbringt, einen dicken Wollpullover zu tragen (wahrscheinlich war er aus molliger Alpaka-Wolle gefertigt) und dazu noch einen Filzhut und es dennoch vermeidet zu schwitzen.

Oberhalb des Kraters gibt es ein schönes Hotel mit einem gemütlichen Restaurant. Das Hotel sitzt auf dem Grat des Kraterwalls wie die Ananasspalte auf der Piña colada. Es gibt eine kleine Lobby unter einer Kuppel, in deren Zenit sich ein Fenster befindet, das gleich einem allsehenden Auge Licht spendet. Man sitzt entspannt in den überaus bequemen Sesseln, trinkt Tee aus Guayusa, einer Pflanze des Oriente, und schaut durch die riesigen Panoramafenster verträumt in die karge Hochgebirgslandschaft.

Vom Restaurant aus blickt man direkt in den Krater und an jedem Nachmittag wird man Zeuge, wie die Wolken gleich einem Wasserfall aus Trockeneisnebel in Zeitlupe über den Felsgrat in die Caldera stürzen. Wenn man vom behaglichen Innern des Hotels aus die aufregend andersartige Welt jenseits der Panoramafenster gewahrt, fühlt man den angenehmen Schauder des Exotischen und man kommt sich so vor, als befände man sich im beschützten Innern seines Raumschiffs, das gerade auf einem fremden, gefährlichen Planeten gelandet ist. Und aus der sicheren und komfortablen Kommandozentrale bewundert man die ganz und gar unvertraute Landschaft mit ihren grandiosen Schauspielen.

Am Krater

Am vorletzten Wochenende juckte es uns wieder einmal in den Beinen und wir wollten die freien Tage nicht verstreichen lassen, ohne etwas von welterschütternder Bedeutung vollbracht zu haben. Obwohl ich sonst wenig Veranlassung habe, mich von unseren mehr oder weniger einstimmig gefassten Kollektivbeschlüssen auszunehmen, verspürte ich eigentlich nicht viel Lust auf einen Trip in die Umgebung der Stadt. Doch meine Frau schien wieder einmal von Unrast getrieben und ihr die Idee auszureden, schien so sinnlos wie jemanden mit Restless-leg-Syndrom den Rat zu erteilen, er müsse, um schlafen zu können, doch einfach nur die Füße stillhalten.

Man hätte ja auch einmal zuhause bleiben und einen Brettspielabend mit Monopoly oder den Siedlern von Katan veranstalten können; man hätte es sich auf der Couch bequem machen und sich bei Pizza, Eis und Popcorn dem cineastischen Overkill mit allen drei Folgen von „Der Pate“ hingeben können (raubkopierte DVDs kann man hier allerorten für zwei oder drei Dollar kaufen). Als Großstadtmensch aus Überzeugung und Bestimmung bin ich eher fürs Bequeme und ich kann nur im Ausnahmefall einen triftigen Grund darin entdecken, ferne Orte zu besuchen, wenn man es sich in den eigenen vier Wänden gemütlich machen kann.

Für mich gibt es kaum etwas Schöneres als den Sonntag einmal in Ruhe und Frieden zuhause zu verbringen – schließlich hat man in der Woche genug Stress –, aber meine Frau meint, da wir schon einmal hier im Lande seien, wäre es eine Dummheit, wenn wir nicht auch einige seiner Sehenswürdigkeiten besuchten. Sie wird nicht müde, diese Weisheit nach Art eines Ceterum censeo wieder und wieder von sich zu geben, noch bevor ich überhaupt den leisesten Einspruch erheben kann, ja, bevor ich überhaupt widersprechen möchte, denn es kommt ja durchaus vor, dass wir einmal einer Meinung sind. Außerdem, so meint sie, käme die Gelegenheit vielleicht nie wieder. Das ist wohl wahr und damit hat sie ausnahmsweise einmal Recht.

Als wir vor einigen Wochen die Mitte der Welt (Mitad del Mundo) besuchten, hörten wir zufällig von einer Tour zu einem spektakulären Vulkankrater. Ich hatte von diesem Besuch nicht eigens berichtet, weil der Trip zur Mitad del Mundo ohnehin zum Standard-Repertoire jeder Ecuadorreise gehört wie die Pusteln zu den Windpocken. Nichtsdestotrotz habe ich es mir nicht versagen können, ein paar Bilder auf diese Seite zu stellen – nur für den Fall, dass man mir vorwirft, ich hätte diese touristische Sensation absichtlich ausgelassen. Auf einem der Bilder sieht man mich sogar in der typischen Pose des Touristen, der stolz wie ein Weltbezwinger mit jedem Fuß auf einer Hemisphäre steht (weitere Bilder von der Mitte der Welt befinden sich in der Galerie).

Auf dem Areal der Mitad del Mundo haben sich einige kleinere Reiseagenturen angesiedelt; sie bieten vor allem Kurztrips zu den Sehenswürdigkeiten in der Umgebung der Stadt an. Die Bilder am Büro eines dieser Reiseveranstalter waren von solcher Imaginationskraft, dass wir spontan beschlossen, an einem anderen Tag wiederzukommen, um eine Tour zu buchen. Die Mitarbeiterin des Reisebüros empfahl uns, die Eintrittskarte für die Mitad del Mundo sowie die Banderole, die man ums Handgelenk geklebt bekommt, aufzuheben, denn andernfalls müssten wir das nächste Mal noch einmal Eintritt bezahlen. Ich sollte die Banderole nach Möglichkeit so entfernen, dass sie nicht reißt, was eine nicht geringe Herausforderung darstellte, wie jeder weiß, der schon einmal versucht hat, den Türsteher seines Lieblingsklubs mit einem wiederverwendeten Armband auszutricksen. Den Rest des Abends war ich dann auch damit beschäftigt, die Banderole mit äußerster Akribie von meinem Handgelenk zu pulen.

Die Tour zum Krater Pululahua, so der Name der Örtlichkeit, nimmt ihren Ausgang auf dem Areal der Mitad del Mundo und wenn man daran teilnehmen möchte, muss man erst einmal dorthin gelangen. Meine Frau erklärte dem Mitarbeiter am Einlass wortreich, wo das Problem lag, und sie zeigte ihm auch die Eintrittskarte, die wir anlässlich des Besuches vor einer Woche gekauft hatten, und die Banderole, die sauber abzulösen mir unter größten Schwierigkeiten gelungen war. Der Mitarbeiter hatte ein Einsehen und verwies uns zu einem Serviceeingang an der Seite.

Dort empfing uns der unvermeidliche Posten des Wachschutzes mit dem grimmigen Gesichtsausdruck des Uniformierten, der ein Grüppchen fröhlicher Zivilisten nahen sieht (Wachposten gucken immer grimmig, wenn sie Zivilisten nahen sehen; das lernen sie wahrscheinlich auf der Akademie für Wachposten). Wieder legte sich meine Frau mit nicht weniger grimmiger Plauderlaune ins Zeug. Sie bestürmte den Mann mit einem unwiderstehlichen Wortschwall, als gelte es ein furchtbares Schicksal abzuwenden wie seinerzeit Scheherazade. Sie vergaß auch nicht, das Ticket und die Banderole triumphierend vor der Nase des Mannes zu schwenken. Der Uniformierte folgte der Bewegung wie der T-Rex der Fackel in „Jurassic Park“, und hätte sie die Banderole weggeworfen, wäre der Mann ihr wahrscheinlich hinterhergerannt.

Schließlich, nach einer herzerweichenden Rede, die selbst noch einen kaltherzigen Bösewicht wie Lord Voldemort zu Tränen gerührt hätte, ließ uns der Mann mit gönnerhafter Miene ein. So wie meine Frau ihn bearbeitet hatte, konnte er sich wie der Held fühlen, der zwei hilflosen Fremden das Leben rettete. Ich glaube nicht, dass so etwas in Deutschland möglich gewesen wäre: Regeln sind Regeln und Ordnung muss nun einmal sein!

An der Reiseagentur wartete bereits der Kleinbus, der uns hinauf zum Krater transportieren sollte – ein klappriger alter Ford, dessen beste Zeit schon seit mindestens zwanzig Jahren vorüber war. Aber immerhin war der Fahrersitz mit Cupholdern ausgestattet und das Armaturenbrett war edel in Holz gefasst. Ich schrieb uns in die Teilnehmerliste ein und da wir an diesem Tag die letzten waren, die sich für die Tour anmeldeten, und man angeben musste, aus welchem Land man kommt, konnte ich ersehen, woher die anderen Tour-Teilnehmer stammten: Abgesehen von mir kam die einzige Teilnehmerin, deren Muttersprache nicht das Spanische ist, aus Schweden. Alle übrigen entstammten dem hispanischen Kulturkreis. Die meisten waren natürlich Ecuadorianer, aber auch ein junges Paar aus Chile fuhr mit.

Dann traf auch endlich unser Tour-Guide ein und schon ging es hinauf zum Krater. Dort trafen wir ein, kaum dass wir abgefahren waren – nach nur zehn Minuten war die Fahrt zu Ende. Jetzt wurde uns auch klar, dass wir keine Tour hätten buchen müssen, um zum Krater zu gelangen; man kann bequem mit dem eigenen Auto fahren. Viele hatten genau das getan und der Parkplatz vor dem Eingang war restlos mit den Autos der anderen Besucher zugestellt. Auch der unvermeidliche Porsche fand sich darunter. „Mutig“, bemerkte mein Sohn, und in der Tat stellt es angesichts der ausufernden Kriminalität im Lande ein nicht geringes Wagnis dar, einen Luxuswagen wie diesen auf einem unbewachten Parkplatz abzustellen. Aber ich bin sicher, der Porsche-Fahrer hat sich etwas dabei gedacht. Während unser Guide den Bus irgendwo zu parken versuchte, machten wir uns auf den Weg zum Krater.

Wenn man oben auf dem Kamm des Katerwalls steht, kann man angesichts der unirdischen Szenerie leicht dem Eindruck erliegen, man erlebe die Vision einer fremden Welt: Der Krater ist gewaltig und tief wie die Schädelkalotte eines gestürzten Titanen. Als wäre er die umgestülpte Schüssel des Himmels, ist er von einem Meer aus Wolken und Dunst erfüllt. Man kann die Luft darunter förmlich anfassen, da sie das Kraterloch wie ein Block aus Kristall zu füllen scheint. Der Fels ist überall von einem samtigen Pelz aus Vegetation überzogen und der Kraterboden ist bis in den letzten Winkel mit dem grünen Schachbrettmuster der Felder und Gärten bedeckt. Man sieht Häuser und Gehöfte, die gleich Miniaturen unter dem hastig dahineilenden Wolkendunst liegen. Wie eine Schneelawine, die träge über einen Felsgrat fließt, stürzen die Wolken über den Kraterrand. Sie gleiten durch das Rund der Caldera als wären sie Schaum in einer Tasse Macchiato. Die Kraterwände halten sie im Innern gefangen und so zerreibt sie der Fels allmählich zu Fetzen.

Mit seinem Hut und seinem lässigen Gehabe ist unser Guide die ecuadorianische Variante eines Indiana Jones. Als wir den Kraterrand erreicht haben, schwingt er sich verwegen auf die Balustrade, welche die Grenze zwischen Leben und Tod markiert: Rechter Hand senkt sich der Abhang dreihundert Meter in die Tiefe, aber die schwindelerregende Höhe scheint den Mann nicht im Mindesten zu bekümmern. Mit geradezu stoischer Ruhe setzt er zu seinem Vortrag an: Die Caldera hat einen Durchmesser von vier Kilometern und der Wall des Kraters steigt vom flachen Kraterboden aus über dreihundert Meter in die Höhe. Auf der Kraterseite sind die Wände fast senkrecht und es mag Stellen auf dem Wall geben, von denen aus man einen Stein fallen lassen kann und er würde erst wieder zur Ruhe kommen, wenn er auf dem Kraterboden aufschlägt.

Der Krater entstand vor Äonen infolge einer kataklysmischen Eruption: In den Magmaherden hatte sich Druck aufgebaut. Dieser Druck steigerte sich mit der Zeit so sehr, dass die Gesteinsdecke den plutonischen Kräften nicht länger standhalten konnte. In einer gewaltigen Explosion entluden sich die unterirdischen Kräfte und wie den Korken einer Sektflasche, die man zu sehr schüttelt, katapultierte der Vulkan das Gestein in die Stratosphäre. Zurück blieb jener riesige Krater gleich einer geologischen Pockennarbe.

Infolge eines einmaligen Zusammenspiels verschiedener klimatischer Phänomene beginnen die Wolken jeden Nachtmittag pünktlich um drei Uhr ihre Reise in den Krater. Wir waren gegen halb drei auf dem Kraterrand und konnten gerade den Anfang dieses faszinierenden Schauspiels verfolgen: Wie ein Wasserfall stürzen die Wolken über den Rand und schon nach kurzer Zeit ist das Kraterrund mit Wolken gefüllt als wäre es eine Schüssel mit dicker Graupensuppe. Später in der Nacht löst sich die Wolkendecke wieder auf und dann ist der Himmel sternenklar. Im Krater selbst gibt es kein Wasser und man wundert sich, wie die Menschen, die auf seinem Boden siedeln, überleben können. Die Wände und der Kratergrund sind aber mit einem dichten Pelz aus Vegetation überzogen. Die einzige Quelle der lebenspendenden Feuchtigkeit sind die Wolken.

Mindestens seit der Zeit der Inkas ist der Pululahua-Krater von Menschen besiedelt. In letzter Zeit hat es aber eine starke Abwanderung gegeben, denn niemand bei Verstand möchte sich für immer in dieses vorzeitliche Refugium einsperren lassen: Es gibt weder Radio noch Fernsehen noch Internet – die steil aufragenden Felswände verhindern jede Kommunikation mit der Außenwelt. Handys sind also vollkommen sinnlos, und Straßen, auf denen man mit dem Auto zum Kratergrund gelangen könnte, gibt es schon gar nicht. Vor einigen Jahren hat man zum ersten Mal eine Telefonverbindung eingerichtet. Die Leitungen schwingen wie die Kabel einer Seilbahn im Hochgebirge Hunderte Meter frei durch die Luft. Der einzige Weg in den Krater hinein und wieder hinaus führt über steinige Saumpfade, die sich in Serpentinen an den Kraterwänden entlang in die Tiefe winden.

Im Krater leben fast nur noch Alte. Die letzte Schule wurde schon vor Jahren geschlossen und auch der letzte Arzt hat dem Pululahua vor geraumer Zeit den Rücken gekehrt – die Patienten sind ihm ausgegangen. Die Leute besinnen sich lieber auf Kräuter und die heilenden Kräfte der Natur als den Rat eines Arztes zu suchen. Die typischen Altersgebrechen und Zivilisationskrankheiten, über die man den Berliner Rentner bei jedem sich bietenden Anlass klagen hört, scheinen hier vollkommen unbekannt zu sein. Trotz ihres fortgeschrittenen Alters erfreuen sich die Bewohner des Kraters einer so guten Gesundheit, dass sie nie einen Arzt nötig haben. Der arme Mann musste wahrscheinlich frustriert aufgeben, weil er sich fast zu Tode langweilte – niemand wollte ihn konsultieren.

Die Kraterbewohner finden ihr Auskommen in der Landwirtschaft. Vielfach wird Subsistenzwirtschaft betrieben, denn was der eigenen Hände Arbeit nicht hergibt, ist nur sehr schwer zu beschaffen. Einmal pro Woche befördern die Bauern ihre Waren auf Eseln zu einem Markt an der Mitad del Mundo. Darüber hinaus haben sie wohl nicht viel Kontakt mit der Außenwelt und das Leben im Krater ist sicher so geruhsam wie in einem einsamen Weltraumhabitat auf der Rückseite des Mondes. Damit ist auch das Geheimnis um die eiserne Gesundheit der Leute gelüftet: Der geheime Quell ihres Wohlbefindens scheint in der Abwesenheit von jeglichem Stress zu liegen. Aber wie sollte man sich auch gehetzt fühlen, wenn das einzige alltägliche Ereignis von Bedeutung im Leben der wöchentliche Gang zum Markt ist.

Hin und wieder verirren sich von Wanderlust getriebene Touristen in die Caldera. Der Abstieg mag dem alpinistisch Ungeübten noch unter Mühen möglich sein, aber der Aufstieg hat es in sich, zumal man auf dreitausend Metern Höhe nach ein paar schnellen Bewegungen oft das Gefühl hat, man würde einen Sack über den Kopf gestülpt bekommen. Als wäre man einem Vakuum ausgesetzt, ist plötzlich die Luft weg, und dann muss man erst einmal stehen bleiben und warten, bis sich das wie wild rasende Herz wieder beruhigt hat.

Im Krater gibt es ein Hotel, das den an den Komfort der Zivilisation gewöhnten Reisenden mit einem bequemen Bett für die Nacht und einer anständigen Mahlzeit versorgt. Durch ein Teleskop kann der Bewohner der Nordhalbkugel die fremden Konstellationen des südlichen Sternenhimmels bewundern, denn pünktlich zur Nacht löst sich die Wolkendecke, die ab drei Uhr Nachmittags über dem Krater zu liegen pflegt, wieder auf. Man muss aber aber kein Teleskop haben, um die Wunder des Weltalls bestaunen zu können. Einige campen im Krater. Wenn man dann nachts unter dem bestirnten Firmament liegt, das von den Kraterwänden eingerahmt wird wie von den beschützenden Händen eines Schöpfergottes, mag man sich wie der erste Mensch fühlen, der seinen Blick voller Ehrfurcht zu der erhabenen Größe des Himmels aufrichtete.