Malts und Shakes

Nachdem wir uns eine Zeitlang in den Ruinen des Inka-Palastes von Pumapungo verloren haben und uns durch die Säle des Museums der Zentralbank haben treiben lassen, sind wir ermattet von so viel Kultur, aber vor allem tun uns die Füße weh. Leicht vergisst man, wie anstrengend ein Museumsbesuch sein kann: Minutenlang verharrt man vor den Vitrinen, versunken in die Betrachtung eines Exponats, ehe man seinen Weg gedankenverloren fortsetzt, aber kaum ist man ein paar Schritte gegangen, da zieht das nächste Schaustück die Aufmerksamkeit auf sich. Irgendwann sind drei Stunden vorbei, doch die Zeit scheint in einem einzigen Augenblick verflogen. Nur die Füße brennen.

Es ist schon Nachmittag und nach dem schmackhaften, aber nicht sehr üppigen Frühstück im Hotel sehnen wir uns nach einer opulenten Vesper. So wie wir hergefunden haben, lassen wir uns wieder zurück treiben – ohne klares Ziel und ohne sonderlichen touristischen Ehrgeiz. Vor Hunger halb entkräftet, schwanken wir auf der Calle larga, einer der Hauptstraßen, dem Stadtzentrum entgegen. Die Calle larga verläuft nördlich des Río Tomebamba und auf der Karte spreizt sie sich wie das Bein eines Zirkels vom Fluss ab. Die Straße führt auf geradem Wege direkt ins Zentrum der Stadt. Natürlich wollen wir nicht den ganzen Weg bis zum Hotel zurücklegen, ohne vorher gegessen zu haben, zumal wir fürchten, unterwegs an Entkräftung dahinzuscheiden.

Entlang der Calle larga reiht sich ein Restaurant an das andere. Nahezu an jeder Ecke könnte man einkehren, doch offenbar hat unsere Auszehrung noch nicht den Grad erreicht, da es einem egal ist, in welcher Form die dringend benötigten Kalorien zugeführt werden: Sobald wir vor der Tür eines Lokals anlangen, entspinnt sich ein ums andere Mal eine angeregte Diskussion darüber, ob es nicht lohnender wäre, lieber noch ein Stück weiter zu laufen, um zu sehen, was die nächste Adresse für uns bereithalte.

Wahrscheinlich ist es nur eine Auswirkung des Hungerdeliriums, ein klarsichtiges Halluzinieren infolge akuten Blutzuckerabfalls, aber wie ein Blitzstrahl (und völlig unvorbereitet) trifft mich in diesem Moment die Erkenntnis, dass der Merowinger völlig recht hat: Das Wissen um die Kausalität ist die einzige Freiheit im Leben – zu wissen, warum etwas geschieht. Ich sehe die anderen diskutieren und ich verstehe, warum es nichts zu essen gibt.

Wir laufen weiter und wie ich uns kenne, wären wir auch noch den ganzen übrigen Tag durch die Stadt marschiert, ein Zug der Elenden auf der Suche nach etwas Essbarem. Wenn es niemand sonst tut, muss man die Dinge selbst in die Hand nehmen. Mittlerweile hat sich der Fokus meiner Gedanken auf solche hochkalorischen Extravaganzen wie Cheeseburger oder Eiscreme verlegt oder auf Burger und Eiscreme oder Burger mit Eiscreme. Angesichts des lebensbedrohlichen Energieabfalls werden alle höheren Funktionen eingestellt; das Denken ist auf seine Urinstinkte reduziert.

Mit Tunnelblick wanke ich durch die Calle larga. Plötzlich stehe ich vor einem Schild mit der Aufschrift „Bagels“. Ich denke nicht nach – die wenigen Glukosemoleküle, die noch durch mein System zirkulieren, reichen gerade aus, um die Vitalfunktionen aufrechtzuerhalten. Es ist der reine kreatürliche Instinkt, der mich kurzerhand nach rechts durch die Tür schwenken lässt. Ich verschwende nicht einen einzigen Gedanken daran, was mich dahinter erwarten könnte.

Wir durchschreiten die Pforte zu einer anderen Welt. Nachdem wir Hunger und Elend nur knapp entronnen sind, erwartet uns ein Schlaraffenland, ein schwelgerisches Eldorado für alle, die das Kalorienzählen verabscheuen und denen Schlagsahne ein Lebenselixier bedeutet. Der Zufall hat uns in ein amerikanisches Café geführt ober vielmehr in ein Café, das von einer Amerikanerin geführt wird. Der Laden ist urgemütlich und macht Lust, länger zu verweilen, um sich mit Kalorien in ihrer leckersten Form den Bauch zu füllen.

Wir stürzen uns auf die Speisekarte wie ein Rudel hungriger Wölfe. Die Bestellung ist aberwitzig: Bald türmen sich auf dem Tisch Berge saftiger Toasts aus dem Grill und Bagels, aus denen der Creme cheese so üppig hervorquillt wie die Hüftrollen, die der Genuss des ringförmigen Backwerks verheißt; vor unseren Augen breitet sich ein buntes Potpourri von Lemon-, Apple- und Maracuja-Pies aus; ein Cesar Salad, der sich wie der Komposthaufen in einer Gärtnerei mittlerer Größe ausnimmt, türmt sich in der Schüssel.

Die Mixer surren ununterbrochen – es scheint, unsere Bestellung hat sie an die Grenze ihrer Kapazität getrieben – und als dann schließlich mein Chocolate-Malt auf dem Tisch steht, kann ich mein Glück kaum fassen: Das Glas ist riesig wie ein Meisterschaftspokal und sein Inhalt fließt über den Rand wie dickflüssige Magma über die Hänge eines Vulkans. Die Monstrosität wird zudem noch von einem Sahnehäubchen gekrönt. Die Besitzerin des Cafés stellt mir sogar den Mixbecher daneben – er ist immer noch gut zur Hälfte gefüllt. Ich glaube, ich bin im Himmel.

Der Malt, den ich bestellt habe, ist so dick, dass ich ihn selbst mit größter Anstrengung kaum durch den Strohhalm bekomme. Ein ganzes Kilo Schokoladeneis muss darin verarbeitet worden sein. Es dauert ewig, bis ich mein Glas und auch den Mixbecher bis auf den Grund geleert habe, aber danach bin ich so satt, als hätte ich eine Zwei-Liter-Einscreme-Box allein ausgelöffelt. Ich koste also lediglich von dem Maracuja-Pie, der ein so intensives und angenehmes Maracuja-Aroma verströmt, wie es nur mit frisch verarbeiteten Früchten gelingt. Gerade ist Saison und kaufen kann man die sauren Früchte nahezu überall.

Nach dem mächtigen Shake fühlte ich mich so schwer, als wäre ich mit dem Hosenboden am Stuhl festgeschraubt. Auch die anderen sind mit ihrem Essen sehr zufrieden und der warme Abglanz von Glückseligkeit liegt in ihren Augen, während der Kalorienexzess sie mit angenehmer Schläfrigkeit schlägt. Alle sind der Meinung, es hat sich gelohnt. Die besten Empfehlungen gibt eben manchmal der Zufall.

Die Besitzerin des Cafés ist Amerikanerin und sie ist überaus nett und vor allem ist sie sehr gesprächig. Während sie die Bestellung entgegennimmt, kommen wir ins Plaudern. Da ich das Glück habe, endlich einmal eine Expertin zu treffen, nutze ich die Gelegenheit und stelle ihr die eine Frage, die mir schon seit langem den Schlaf raubt: Worin besteht der Unterschied zwischen einem Malt und einem Shake? Die Chefin erklärt, im Grunde sei beides dasselbe, nur werde beim Malt etwas malted barley, also gemälzte Gerste, hinzugesetzt, was dem Shake eine malzige Note verleihe. Damit wäre auch diese existenzielle Frage ein für allemal beantwortet.

Manchmal kann man sich nur wundern, mit welcher Entschlossenheit und welchem Enthusiasmus manche Menschen sich einer Aufgabe verschreiben: Die Besitzerin des Cafés mag gut und gerne in einem Alter sein, in dem man in Deutschland den wohlverdienten Ruhestand zu genießen pflegt. Es ist sicher nicht leicht, jeden Tag zehn, zwölf Stunden auf den Beinen zu sein – freiwillig, wohlgemerkt. Dafür muss man das, was man tut, wirklich lieben. Ich glaube, dass die Café-Besitzerin nicht weniger als das Glück gefunden hat, ihre ganze private Insel der Glückseligkeit. Alles an diesem Ort strahlt jene Sorgfalt, Hingabe und Leidenschaft aus, die man nur dann aufzubringen bereit ist, wenn man sich seiner Arbeit mit Liebe widmet. Ich denke, das ist die einzige Weise, auf die es sich zu arbeiten lohnt. Alles andere ist Geldverdienen.

An einem der Tische sitzt ein weißhaariger alter Amerikaner. Er scheint eine Art Faktotum zu sein und ich wette, man trifft ihn fast immer hier an, auf seinem Stammplatz. Hin und wieder wirft er der Besitzerin einen launigen Kommentar zu. Man sieht dieser Tage viele alte Amerikaner in Ecuador – manche verzehren mehr schlecht als recht ihre Rente, andere betreiben Cafés.

Mir will es als regelrecht paradox erscheinen, dass ausgerechnet die Amerikaner, die doch bis zum Aufstieg von Starbucks und Konsorten über keine eigene Kaffeekultur verfügten (zumindest über keine, die diesen Namen verdiente), nun die Kultur der Coffee-Shops in alle Welt tragen. Es ist faszinierend, wie ein Land mit so wenig eigener Tradition sich aller Traditionen bemächtigt, mit ihnen experimentiert und sie der Welt um ein Vielfaches multipliziert wieder zurückgibt.

Oft hat man den Eindruck, der geschäftliche Erfolg sei nur möglich, weil man gleichsam das tief in der menschlichen Seele verankerte Bedürfnis nach Geborgenheit, nach Gemütlichkeit und natürlich nach gutem Essen so vorzüglich zu bedienen versteht. In der Tat ist so ein Coffee-Shop gemütlich, der Kaffee ist gut und man fühlt sich wohl. Es scheint, die Amerikaner haben einen siebten Sinn für solche lebenswichtigen Banalitäten und wo auch immer sie sich niederlassen, beginnen sie sofort geschäftstüchtig damit, ihre Netzwerke zu knüpfen. Da viele Amerikaner Ecuador zu ihrem Wohnsitz erkoren haben, sind die Maschen dieses Netzes nirgendwo allzu groß.

Wir fragen die Besitzerin ein wenig aus – nicht, dass wir sie nötigen müssten, unsere Fragen zu beantworten: Sie sagt, sie stamme aus Minnesota. Wir haben einige Jahre in Texas gelebt, und auch wenn für jemanden aus dem Norden Amerikas Texas als ein Land der Hillbillies erscheinen muss, freut sie sich doch zu hören, dass wir uns gern an unsere Zeit in den Staaten zurückerinnern.

Unser Sohn, der auch in den USA aufgewachsen ist und Englisch deshalb wie ein Amerikaner spricht, fühlt sich sofort wie zuhause. Er plaudert mit der Chefin, als würde man sich schon eine Ewigkeit kennen, und er fühlt sich dabei sichtlich wohl und ist auch ein wenig stolz, dass man ihn wie einen Erwachsenen behandelt. Ich bewundere die spielerische Leichtigkeit, mit der er die unsichtbare Grenze zwischen den Kulturen überwindet. Natürlich ist er sich dessen gar nicht bewusst, ich hingegen, der ich erst als Erwachsener in anderen Kulturen gelebt habe, bewege mich durch ein weites Niemandsland, passiere unsichtbare Grenzkontrollen und das Büro des Zolls. Fremde Kulturen sind faszinierend und in ihnen zu leben, hat seinen Reiz, heimisch aber fühlt man sich nur selten – es sei denn, man ist ihnen durch die Kindheit innig verbunden.

Wir verlassen das Café in gehobener Stimmung und wir fragen uns, warum es so etwas nicht in Quito oder gar in Cumbayá gibt. Doch im selben Augenblick, da wir uns diese Frage stellen, wissen wir die Antwort. Wahrscheinlich sind die Gewerbemieten dort so exorbitant hoch, dass es kaum jemand wagt, seine schwer verdienten Ersparnisse zu investieren. Und außerdem, wer möchte schon sein Leben in einem so trostlosen Ort wie Cumbayá beschließen. Etwas ähnliches wie das „Windhorse Café“ – so der Name des Lokals, in dem man uns so vorzüglich bewirtet hat – habe ich in Cumbayá noch nie gesehen und ich glaube, man wird noch sehr lange darauf warten müssen. Wir sind jedenfalls froh, dass der Zufall uns hierher geführt hat – ins Schlaraffenland der Toasts und Bagels und Pies und Cakes, ins süße Wunderland der Malts und Shakes.

Präkolumbianische Bürokraten und das Blut in den Adern der Welt

Cuenca ist eine Stadt, die man sich erwandern muss, und da sie recht klein ist, bietet sich die Erkundung zu Fuß geradezu an. Das Auto nützt einem wenig, denn die Straßen sind eng und Parkplätze rar. Dem geübten Spaziergänger aber eröffnen sich mannigfaltige Möglichkeiten zum Entdecken und Staunen. Zu Fuß durchquert man den Ort in kaum einer halben Stunde, doch es lohnt, sich Zeit zu nehmen, denn überall gibt es etwas zu sehen und ständig zieht es einen weiter, zur nächsten Entdeckung. Eine Erkundungstour durch Cuenca kann alles Mögliche sein, nur eines ist sie nie – langweilig.

Cuenca ist wie geschaffen für lange Spaziergänge: Man flaniert im Schatten der schmucken alten Bürgerhäuser und schreitet durch majestätische Arkaden und Tore. Das Auge erfreut sich an prachtvollen Kirchen und alten Klöstern oder ertrinkt unversehens in einem Blumenmeer, wenn einen der Zufall in manchen der kolonialen Innenhöfe führt. Ausstellungen erfreuen die Sinne und Museen belehren den wissbegierigen Besucher darüber hinaus noch über Geschichte und Kultur. Was will man mehr!

Hat man genug von Sinnenrausch und Geistesschwere gleichermaßen, kehrt man ein in eines der zahlreichen Restaurants und Cafés. Das gute Essen stärkt den Leib und der Kaffee, der auch gehobenen Ansprüchen genügt, lässt so manche Sorge rasch verfliegen. Das Wetter harmoniert aufs Beste mit den Plänen selbst des ambitioniertesten Spaziergängers: Weder ist es zu kalt, noch zu heiß. Die Sonne blickt herab von einem azurblauen Himmel, über den gemächlich Schäfchenwolken treiben. [Siehe auch einige ältere Posts (diesen und folgende), die ich anlässlich unseres ersten Besuchs in der Stadt verfasst habe. En Blick in die Galerie lohnt sich ebenfalls.]

Pumapungo

Von unserem Hotel aus, den „Cuenca Suites“, findet man bei einem romantischen Spaziergang immer entlang des beschaulichen Río Tomebamba wie von selbst zu den Ruinen des Inkapalastes von Pumapungo. Der Tomebamba durchschneidet die Stadt an ihrem südlichen Saum und wenn man nach Osten geht, muss man dem Fluss nur immer am nördlichen Ufer folgen. Nach zwanzig Minuten zu Fuß erwartet den Besucher die Ruinenstätte auf einer Erhebung über dem Flusstal.

Im Namen des Flusses hat sich das Erbe der Cañaris bewahrt. Die Vorgängerin des heutigen Cuenca war einst eine bedeutende Stadt der Cañari-Kultur. Erst wenige Jahrzehnte vor der Unterwerfung des Inka-Reiches durch die Spanier haben die Inkaherrscher sie gewaltsam ihrem Imperium einverleibt. Unter den Inkas wuchs der Ort zum wichtigsten Knotenpunkt der Administration für die nördlichen Regionen des Reiches. Der Name, unter dem die Stadt in jener Zeit Berühmtheit erlangte, war Tomebamba.

Während des Bürgerkrieges nahm die Stadt Partei für Huáscar, der mit seinem Bruder Atahualpa darüber im Streit lag, wer das Reich regieren solle. Atahualpa sah dies als Verrat an, und nachdem er über seinen Bruder und Thronrivalen triumphiert hatte, übte er grausam Rache: Er schickte seine Generäle und ließ Tomebamba von einer Armee belagern. Die Stadt wurde blutig erobert und ihre Einwohner größtenteils ermordet. Der Inkaherrscher ließ die Gegend so gründlich verwüsten, dass sie bis zur Ankunft der Spanier unbewohnt blieb. Die neuen Herren sollten nur wenige Jahre, nachdem sie ihrerseits die Inkas bezwungen hatten, an eben jener Stelle eine Stadt gründen. Im Gedenken an ihre iberische Heimat verliehen sie ihr den Namen Cuenca.

Das Herz Tomebambas war ein architektonischer Komplex namens Pumapungo (Quechua für „Tor des Puma“). In den Gebäuden, von denen sich außer den Fundamenten nichts erhalten hat, waren der Regierungssitz sowie die Verwaltung für die nördlichen Regionen des Inkareiches untergebracht. Der Komplex wird immer als „Palast“ bezeichnet, viel wahrscheinlicher aber ist, dass hier die Bürokraten regierten. In den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts führte man unter der Leitung des deutschen Archäologen Max Uhle auf dem Gelände Ausgrabungsarbeiten durch und die Vergangenheit, durch Eroberung und Völkermord für Jahrhunderte ausgelöscht, wurde unter dem Spatenstich des Archäologen wieder lebendig.

Längst hat sich über weite Teile des einstigen Verwaltungssitzes der Inkas das moderne Cuenca ausgebreitet. Auf dem Areal weiter zum Fluss hin steht heute das imposante Museum der Zentralbank, in dessen Ausstellungsräumen die archäologischen Schätze der Region präsentiert werden. Im Hof des massiven Betonbaus kann man auch noch heute dem Grabungsleiter Max Uhle begegnen – seine Bronzebüste erinnert daran, dass er es war, der Pumapungo entdeckte und mit nie versiegendem Engagement und Sachverstand dem Vergessen entriss.

Pumapungo mag einst ein wichtiger Verwaltungssitz gewesen sein, doch der Zustand, in dem es sich heute befindet, ist enttäuschend: Kein einziges Gebäude hat auch nur leidlich intakt bis in die Gegenwart überdauert. Was sich dem Besucher darbietet, sind die kläglichen Relikte einer zerstörten Kultur, Teile eines Puzzles, die sich nicht mehr zu einem Ganzen zusammenfügen wollen. Erhalten haben sich allein die Grundmauern. Die steinernen Relikte ragen eine Elle aus dem Rasen heraus, der das gesamte Areal gleich einem Grabtuch bedeckt. Dem Archäologen mögen die Überreste manches über die Erbauer verraten, doch der Laie vermag aus dem Gartenzaun seines Nachbarn mehr herauszulesen als aus den Jahrhunderte alten Artefakten. Die Zeugnisse der Vergangenheit bleiben stumm.

Damit der Besucher nicht ganz so hilflos über das Gelände irren muss, haben die Archäologen eines der Gebäude rekonstruiert. So recht kann man sich freilich nicht vorstellen, wie die Menschen in dem kleinen und dunklen Haus gelebt haben mögen. Obwohl die Wände mit einem roten Anstrich versehen und mit Verzierungen geschmückt sind, wirkt das Innere kahl und unwohnlich. Vielleicht waren die Wände einst mit schön geknüpften Teppichen behangen und an der Herdstelle knisterte behaglich ein Feuer. Es ist schwer, sich in eine Welt hineinzufühlen, von der kaum mehr erhalten ist, als ein paar Steine unter der Grasnarbe. Den anderen Besuchern scheint es ähnlich zu ergehen: Sie schauen sich interessiert um und machen Fotos mit ihren Handys. Ihr Gesichtsausdruck verrät aber, dass sich keiner von ihnen in die fremde Welt der Vorfahren zurückwünscht.

Spanisches Silber

Das Museum bietet einen guten Querschnitt durch die Geschichte Ecuadors. Einen Schwerpunkt bilden freilich die Exponate aus der Region um Cuenca. Ein Tag reicht beileibe nicht aus, um alles zu sehen, und obwohl die Ausstellung alles andere als langweilig ist, hat der interessierte Besucher nach einigen Stunden dann doch genug von Tongefäßen, Amuletten und Schrumpfköpfen.

Die Münzsammlung zieht mich magisch an. Obwohl ich den Eindruck habe, das Museum sei an diesem Tag gut besucht, verlieren sich die Schaulustigen im Halbdunkel zwischen den Vitrinen. In dem schummrig erleuchteten Saal schimmern die Gold- und Silberstücke aus den Münzstätten der spanischen Kolonien so verheißungsvoll wie die Monstranz im Tabernakel. Als ich das Münzkabinett betrete, fragt mich der bewaffnete Wächter, woher ich komme. Ich sage es ihm und er notiert es in einem Büchlein. Ich weiß nicht, ob ich mich geschmeichelt fühlen oder doch lieber beunruhigt sein sollte, denn immerhin bin ich der einzige, der auf den ersten Blick nicht wie ein Ecuadorianer aussieht, und ich bin auch der einzige, den der Wächter fragt. Ich hätte gern Fotos gemacht, aber das Fotografieren ist im Museum streng verboten und außerdem weiß man jetzt, woher ich komme.

Angesichts seiner nur geringen Bedeutung in der Welt von heute vergisst man leicht, dass Spanien einst ein weltumspannendes Imperium war, dessen Monarchen sich ein kurzes Goldenes Zeitalter lang zurecht als Könige der Welt fühlen durften. Schon Kaiser Karl V., der in Spanien als Carlos I. regierte, sah sich als Herrscher über ein Reich, in dem die Sonne im Wortsinne nie unterging, und unter seinen Nachfolgern wurden die Grenzen noch einmal beträchtlich erweitert. In der Tat war Spanien das erste Weltreich der Neuzeit, dessen Besitzungen sich – tausende Kilometer vom Mutterland entfernt und durch Ozeane von ihm getrennt – auf alle damals bekannten Kontinente erstreckten. Auf dem Höhepunkt seiner Macht erzitterte die ganze Welt vor dem Marschtritt der Tercios, der unbesiegbaren spanischen Regimenter.

Doch die Spanier waren nicht nur Eroberer, sondern auch Administratoren und ein Reich von einer Ausdehnung, wie sie den Zeitgenossen kaum vorstellbar war, musste regiert und letztlich verwaltet werden. Das weltliche Interesse der katholischen Majestäten erschöpfte sich in den Kolonien aber vor allem in einem strengen Fiskalismus. Mit der zunehmenden globalen Machtfülle Spaniens erwuchsen dem spanischen König eine Vielzahl gefährlicher Rivalen, deren Ehrgeiz in dauernden Kriegen gezügelt werden musste.

Kriege sind teuer und manchmal können sich selbst die mächtigsten Imperien die Kosten einfach nicht leisten. Der Staatsbankrott war das Damoklesschwert, das über allen Unternehmungen der iberischen Herrscher schwebte, doch glücklicherweise waren die Kolonien der Neuen Welt reich an Silber. Das aus den Bergen geschürfte Edelmetall diente dazu, Flotten zu bauen, den Armeen auf den zahlreichen Schlachtfeldern rund um den Erdball den schuldigen Sold auszuzahlen und vor allem – zumindest bis zum nächsten Staatsbankrott – die Gläubiger abzufinden, denen sich die spanische Krone unentrinnbar verpflichtet hatte.

Damit das Silber leichter in Umlauf gelangen konnte, begann man in den amerikanischen Kolonien schon früh damit, Münzen zu prägen. Bis ins 18. Jahrhundert hinein treten diese frühen Geldstücke aber zunächst als etwas in Erscheinung, in dem man kaum mehr als einen Klumpen Silber erkennen kann. Der Edelmetallgehalt und das Gewicht wurden zwar exakt bestimmt und man versah die Silberstücke zudem mit einer Prägung, ihre Form aber lässt eher an einen missratenen Cookie denken, denn an eine Münze, wie man sie heute kennt.

Diese Peso de a ocho genannten Prägestücke sollten lediglich als Handelswährung dienen, bestimmt für den vorübergehenden Zahlungsverkehr. Doch sie erfreuten sich so großer Nachfrage (vor allem in Asien und später in Nordamerika), dass sie sich fest als Zahlungsmittel etablierten. Peso de a ocho bedeutet soviel wie „mit dem Gewicht von acht“, nämlich Reales. Da er dem Joachimsthaler (nach der Münzstätte in Böhmen), kurz Thaler genannt, nachempfunden war, firmierte der Peso de a ocho später in Nordamerika (dort Piece of eight geheißen) auch als Spanish milled Dollar oder schlicht als Spanischer Dollar. Als solcher blieb er in den USA bis 1857 legales Zahlungsmittel. Sogar das Symbol für den US-Dollar soll auf die spanische Vorlage zurückgehen: die Säulen des Herakles mit dem Spruchband „Plus ultra“, dem Motto der spanischen Monarchen.

Im Münzkabinett kann der Besucher die besten Stücke aus allen Jahrhunderten des spanischen Weltreiches bestaunen. Der berühmte Peso de a ocho ist viele Dutzend Male in den verschiedensten Prägungen vertreten. Die einstige Weltwährung blieb, lange nachdem die spanischen Kolonien ihre Unabhängigkeit erklärt hatten, auch in den jungen amerikanischen Republiken die vorherrschende Münze. Noch bis ins 20. Jahrhundert hinein orientierte sich das Münzsystem am spanischen Vorbild und nahm Anleihen beim spanischen Münzfuß. Silbermünzen nach Art des Peso de a ocho wurden bis in die dreißiger Jahre des Jahrhunderts geprägt und dienten in einigen der Staaten Lateinamerikas noch als Zahlungsmittel, als sie im Mutterland Spanien längst durch eine Münzreform abgeschafft waren.

Die im Museum versammelten Schätze vermitteln einen Eindruck vom Reichtum der spanischen Kolonien in Amerika. In Piratenfilmen, wie sie in den letzten Jahren vor allem mit der skurrilen Figur des Jack Sparrow populär geworden sind, sieht man die Helden mit der Augenklappe die Hände gierig in Truhen voller Goldmünzen tauchen. Glaubt man Hollywood, scheint dies eine der liebsten Beschäftigungen von Piraten gewesen zu sein, neben dem Entern von Schiffen und dem Saufen, selbstverständlich von Rum.

Die echten Piraten hatten weit weniger Anlass, sich vor Freude mit Rum volllaufen zu lassen (wahrscheinlich taten sie es eher aus Frust), denn der Transport des Silbers war in Geleitzügen organisiert und bis auf ganz wenige Ausnahmen gelang es den Freibeutern praktisch so gut wie nie, ein Schatzschiff in ihre Hände zu bekommen. Da verlegte man sich lieber gleich darauf, Städte in Spanisch Amerika zu plündern. Kaum einem der Fans solcher Filme ist darüber hinaus bewusst, dass es sich bei der Piratenbeute in Wirklichkeit viel eher um Silber, nämlich um spanisches Silber, gehandelt haben dürfte – Silber aus den amerikanischen Kolonien, jenes Silber, das einmal das Blut in den Adern der Welt war.