Erdbeben in Ecuador

Vorgestern Abend hat es in Ecuador ein starkes Erdbeben gegeben. Das Epizentrum des Bebens lag bei Muisne an der Küste in der Provinz Esmeraldas und es hatte eine Stärke von 7,8 auf der Richter-Skala (Esmeraldas ist die Küstenprovinz, die im Norden an Manabí grenzt). Die größten Zerstörungen sah man aber nicht in Esmeraldas selbst, sondern in Manabí. Wie man hört, sei die Stadt Pedernales dem Erdboden gleich gemacht worden. Pedernales liegt nur etwa anderthalb Autostunden nördlich von Bahía de Caráquez. Auch Portoviejo, die Provinzhauptstadt, sei stark in Mitleidenschaft gezogen: Etwa siebzig Prozent der Stadt sollen zerstört sein.

Man spricht inzwischen von Hunderten von Toten infolge des Bebens. Der Ausnahmezustand wurde verhängt, doch schnelle Hilfe können die betroffenen Regionen nicht erwarten, denn die Straßen sind unpassierbar und schweres Räumgerät, mit dem man Eingeschlossene zu retten hofft, kann nur schleppend in die von der Katastrophe heimgesuchten Regionen verlegt werden: Viele der in den letzten Jahren gebauten Straßen wurden durch Verwerfungen, Risse und Bodenabsenkungen entweder vollständig zerstört oder über weite Streckenabschnitte für den Kraftfahrzeugverkehr unbrauchbar.

Die medizinische Versorgung ist unzureichend und Hilfe gelangt nur langsam an die Küste. Das ganze Ausmaß der Zerstörung und die genaue Zahl der Opfer sind noch nicht bekannt, aber es ist davon auszugehen, dass die Schäden beträchtlich sind. Man muss befürchten, dass die Zahl der Toten und der Verletzten sich noch weiter erhöhen wird, denn je mehr Zeit verstreicht und je weiter die Rettungsarbeiten vorankommen, umso vollständiger wird das Bild der Zerstörung.

Auch in Bahía hat das Erdbeben viele Schäden angerichtet: Einige Häuser sind zusammengestürzt und haben die Bewohner unter sich begraben. Die Katastrophe hat deutliche Spuren hinterlassen. Auf den Fotos, die über Facebook gepostet wurden, sieht man Trümmer in den Straßen liegen. Ich kenne Bahía recht gut und die Gebäude, die durch das Erdbeben zerstört wurden, sind mir bekannt. Auf vielen Aufnahmen sieht man Risse in der Fassade der Häuser und oft kerben sich regelrechte Spalten durch das Gemäuer; der Putz ist von den Wänden gefallen und nicht selten hat es Fenster und Türen aus dem Rahmen gedrückt. Manche der Gebäude haben Schlagseite bekommen und es scheint sicher, man wird sie abreißen müssen.

Noch ist nicht genau bekannt, wie viele Opfer es in Bahía gegeben hat, aber zwei Dutzend Tote sind den ersten Schätzungen nach wahrscheinlich. Verglichen mit Städten wie Pedernales oder Portoviejo, die praktisch ausgelöscht wurden, ist Bahía jedoch glimpflich davongekommen. Die Stadt steht noch und ihre Einwohner sind am Leben. Doch es gibt Opfer zu beklagen, und jedes Leben, das in dieser schrecklichen Katastrophe verloren wurde, ist ein Leben zu viel, um das getrauert werden muss.

Das städtische Krankenhaus ist nicht auf die Aufnahme einer solch großen Anzahl von Verletzten vorbereitet. Wie man hört und wie man auf den neuesten Bildern sehen kann, hat man die Betroffenen provisorisch auf einem Platz vor der Klinik untergebracht. Dort warten sie erst einmal auf Behandlung, aber wegen des großen Andrangs kann es Stunden dauern, bis sie einen Arzt zu Gesicht bekommen. Auch die Toten hat man, mangels geeigneter Möglichkeiten, erst einmal abgelegt, wo sich gerade Platz fand.

Es gibt derzeit keinen Strom in der Stadt und die Versorgung soll erst in den nächsten paar Tagen wieder gewährleistet sein. Die Kommunikation bleibt schwierig, denn Mobiltelefone finden kein Netz – wahrscheinlich hat das Beben die Mobilfunkmasten in Mitleidenschaft gezogen – und Festnetzanschlüsse haben keine Verbindung. Man muss davon ausgehen, dass die Leitungen durch die Erdstöße gekappt wurden. Lediglich die Internetverbindungen scheinen die Katastrophe überstanden zu haben und so ist es möglich, dass Bilder und erste Nachrichten aus der Unglücksregion in die Welt hinausgelangen.

In der Familie meiner Frau, die größtenteils in Bahía lebt, gibt es glücklicherweise keine Opfer zu beklagen. Auch wurde niemand verletzt. Alle haben das Beben unbeschadet überstanden. Doch das Ereignis ging nicht vorüber ohne Augenblicke der Panik: Im Haus der Mutter meiner Frau hatte sich die Eingangstür durch die heftigen Erdstöße verklemmt und erst durch fremde Hilfe und unter rücksichtsloser Anwendung brachialer Gewalt gelang es schließlich, die Tür wieder zu öffnen. Auch die Tante meiner Frau wurde zunächst daran gehindert, aus dem Haus zu laufen, nachdem die ersten heftigen Erschütterungen vorüber waren. Das Tor lässt sich nämlich nur mit einem automatischen Türöffner, der sich in der Wohnung befindet, öffnen. Da es aber keinen Strom mehr gab, blieb das Tor geschlossen. Die Tante musste erst jemanden auf der Straße den Hausschlüssel aus der zweiten Etage zuwerfen und dieser Person gelang es dann, das Tor von außen aufzuschließen.

Die Großtanten meiner Frau – alle steuern stramm auf die Neunzig zu – pflegen sich jeden Abend vor dem Haus zu versammeln. Sie sitzen dann bequem in der Runde und lassen den Abend mit Geschichten vom Tage und fröhlichen Schwätzchen ausklingen. Oft schwatzen sie bis in die Nacht hinein und man kann es ihnen nicht verdenken, denn irgendetwas Interessantes, über das es sich zu reden lohnt, gibt es in Bahía immer. An diesem Abend war es nicht anders als an allen Abenden zuvor. Und als sie so gemütlich wie nichtsahnend vor der Haustür saßen, erzitterte plötzlich die Erde. Die Häuser schwankten wie Grashalme im Wind und eines der Gebäude, schräg gegenüber der Straßenkreuzung, an der sie sich immer zu versammeln pflegen, stürzte mit einem Mal wie ein Kartenhaus in sich zusammen. Die Tanten blieben unverletzt, doch es war ein Glück, dass die Damen, die sich alle in einem weit fortgeschrittenen Alter befinden, die Aufregung so gut verkrafteten.

Bahía hat sich in den letzten zwanzig Jahren immer mehr zu einem Urlaubsrefugium für gutbetuchte Serranos (das sind die Bewohner der Andenregion) entwickelt. An den Stränden der Stadt erkennt man sie immer am blassen Teint und daran, dass sie Socken in ihren Sandalen tragen. Die Stadt hat sich auf die zahlungsfreudigen Feriengäste eingerichtet: Über die letzten Jahre wurde das Angebot an guten Hotels und Ferienwohnungen deutlich ausgebaut und die anspruchsvolle Kundschaft weiß dieses Angebot zu honorieren, indem sie zum Beginn der Ferien immer in Scharen zur Küste pilgert. Findige Geschäftsleute wittern in dem Ferienboom das große Geschäft und nicht wenige würden ihre Seele verkaufen, um irgendwo an der Küste ihren eigenen Apartment-Komplex mit Blick auf den Sonnenuntergang in den Himmel wachsen zu sehen.

Einer jener Geschäftsleute suchte seine Chance in Bahía. An einem schönen Fleckchen, von dem aus man einen atemberaubenden Blick über den Pazifik hat, ließ er zwei Türme errichten, die einmal ein Hotel beherbergen sollten. Um das Projekt zu finanzieren, hatte der Mann sich bis über beide Ohren bei den Banken verschuldet und die Kreditgeber saßen ihm fortan wie eine Meute hungriger Wölfe im Nacken. Der Druck, unter allen Umständen erfolgreich sein zu müssen oder mit fliegenden Fahnen unterzugehen, setzte dem ehrgeizigen Bauherrn so sehr zu, dass er einen Herzinfarkt erlitt. Doch er überlebte ihn und er überstand auch alle weiteren persönlichen und geschäftlichen Krisen. Am Ende schien es sogar, er würde als Triumphator aus der Schlacht hervorgehen, denn es gelang ihm nicht nur, den Bau zu vollenden, er verwirklichte auch seinen Traum: Seit zwei Jahren war das Hotel in Betrieb.

Dann kam das Erdbeben. Eines der Gebäude stürzte wie der Turm zu Babel zusammen und begrub seinen Eigentümer unter Tausenden Tonnen Stahl und Beton. Auch seine Schwester starb in der Katastrophe. Die Leiche des Hotelbesitzers hat man bisher noch nicht finden können, denn dazu bräuchte man schweres Räumgerät, das die Küste aber noch nicht erreicht hat, und man weiß auch nicht, wann es eintreffen wird. Man geht jedoch davon aus, dass er nicht mehr unter den Lebenden weilt.

Meine Frau, meinen Sohn und mich erreichte das Erdbeben in unserer Wohnung in Cumbayá, in der Nähe von Quito. Für gewöhnlich stehe ich, wenn ich am Computer arbeite, und so merkte ich auch kaum, dass unser Haus ein wenig schwankte. Meine Sinne sind gegenüber einem Naturereignis wie einem Erdbeben, das in meinem Erfahrungsspektrum bisher nicht vorkam, noch kaum sensibilisiert und so ging alles an mir vorüber, ohne dass ich etwas bemerkte. Ich hätte auch später nichts bemerkt, wenn meine Frau nicht schreiend durch die Wohnung gerannt wäre: „Ein Erdbeben!“ Erst jetzt horchte ich auf. Unser Haus erzitterte ein paarmal sanft, dann war es auch schon vorbei. Der Hund machte vor Angst auf den Boden.

Wir gingen vorsichtshalber auf die Straße. In der Hektik hätten wir uns beinahe ausgesperrt – angesichts unserer mit Stahl armierten Hochsicherheitstür mit ihren drei Sicherheitsriegeln hätte eine solche unbedachte Flucht ein ernstes Problem bedeutet. Im letzten Moment griff ich mir aber den Wohnungsschlüssel und wir rannten durch das Treppenhaus nach unten. Zum Glück hatte ich wenigstens Hosen an, was nicht unbedingt selbstverständlich ist an einem Samstagabend, den man gemütlich in der Privatheit der eigenen vier Wände zu verbringen beabsichtigt. Meine Frau wickelte sich eine Decke um die Hüfte und sie sah nun aus wie eine Tahitianerin auf den Bildern Paul Gauguins. Man hätte sich ja auch eine Hose anziehen können, so viel Zeit wäre sicher geblieben. Aber so waren wir einige Sekunden schneller im Freien und das war alles, was im Augenblick zählte.

Vor der Tür erwartete uns ein kleines Häuflein junger Leute. Die meisten sahen genervt in die Gegend oder texteten gelangweilt in ihre Handys. Die anderen Bewohner der Anlage hatten es vorgezogen, in ihren Häusern zu bleiben und die Katastrophe dort einfach auszusitzen. Wir und die jungen Leute waren weit und breit die einzigen, die Sicherheit unter freiem Himmel suchten. Aber das will natürlich nichts heißen, denn vielleicht sind die anderen Häuser erdbebensicher gebaut und ihre Bewohner dürften sich deshalb mit Recht in Sicherheit wiegen. Wir warteten einige Minuten – es war bereits empfindlich kalt – und gingen dann zurück in die Wohnung. In unserer Urbanisation blieb es an diesem Abend ruhig. Den Rest erfuhren wir aus den Nachrichten.

Statt eines Fazits

Es ist traurig, Bahía in einem solch bemitleidenswerten Zustand zu sehen. Ich mag die Stadt. Sie ist mir über die Jahre ans Herz gewachsen wie auch ihre Bewohner. Bahía ist einer von nur wenigen Orten in Ecuador, an dem ich mir wirklich vorstellen könnte zu leben. Ecuador ist kein reiches Land und es steht zu befürchten, dass die Schäden, die das Erdbeben angerichtet hat, erst in vielen Jahren beseitigt sein werden. Die Regierung hat in der letzten Dekade große Anstrengungen unternommen, die Infrastruktur des Landes zu verbessern. Viele der neuen Straßen und Brücken, die man in den Küstenprovinzen unter großem Aufwand gebaut hat, sind nun zerstört.

Die Schäden werden nicht so schnell repariert werden können, wie dies in einem reichen Land wie etwa Deutschland mit seinem wirtschaftlichen Potential und seinen logistischen Fähigkeiten möglich wäre. Doch bei alledem darf man nicht vergessen, dass sich Straßen, Brücken und Häuser ersetzen lassen. Es mag zwar lange dauern, aber man kann neue Straßen bauen und neue Brücken und neue Häuser. Menschenleben aber sind unersetzlich und jedes einzelne Leben ist ein Verlust, der eine Lücke reist, die niemals geschlossen werden kann.

Bahía hat überlebt. Die Stadt steht seit vierhundert Jahren auf der Landzunge an der Mündung des Río Chone und in dieser Zeit hat sie so mancher Flut trotzen müssen, so manchem Sturm und so mancher Feuersbrunst. Und sie hat auch schon so manchem Erdbeben widerstanden. Bahía ist immer noch da, trotz aller Katastrophen, welche die Stadt über die Jahrhunderte heimgesucht haben, und der Überlebenswille ihrer Bewohner wird nicht zulassen, dass sie untergeht.

Ich bin zuversichtlich, dass Bahía auch diese Katastrophe überstehen wird, wie es schon alle vorangegangen Katastrophen überstanden hat. Und wenn die Toten begraben sind und wenn der Schutt in den Straßen beseitigt ist, werden die Leute auch wieder den Sonnenuntergang und das Leben feiern, wie sie es an jedem einzelnen Tag getan haben, seit die Stadt an den Gestaden des Ozeans steht. Die Toten werden nie vergessen sein, aber das Leben in Bahía wird weitergehen.

Einsame Ladies und sonderbare Gestalten

Auf der Fahrt nach Montecristi hatten wir eine jener sonderbaren Begegnungen, wie man sie nur auf den Landstraßen Ecuadors haben kann: Die Straße führte durch eine einsame Landschaft. Man sah weder Häuser noch Menschen. Wahrscheinlich versteckten sich die wenigen Bewohner der Gegend vor der sengenden Sonne, die an diesem Tag mit erbarmungsloser Gewalt auf die tropische Landschaft niederbrannte. Das Land schien wie im Hitzeschock erstarrt und nur auf der Straße, der einzigen Lebensader in dieser Einöde, gab es Bewegung. Doch nur selten begegnete man anderen Reisenden – offenbar mied man die Hitze. Es war zwar erst Vormittag, doch ein zorniger Himmel sandte seine Strahlen zur Erde hinab, als wollte er die Menschheit verdorren lassen. Ich saß im kühlen Innern des Wagens in der sicheren Gewissheit, dass ich meinen Platz hinter dem Steuer an diesem Tag nicht würde verlassen müssen. Die Klimaanlage lief derweil auf Hochtouren.

In der flimmernden Hitze tauchte plötzlich ein einsamer Wanderer am Straßenrand auf. Als ich näher kam, sah ich, dass es eine Frau von etwa sechzig war, die hurtig wie ein Paradesoldat über den glühenden Asphalt marschierte. Sie trug ein Tanktop, khakifarbene Shorts und ihre Füße steckten in robusten Wanderstiefeln. Am Hals baumelte eine teure Kamera mit massivem Teleobjektiv. Rücken, Schultern und Gesicht waren gerötet, als wären sie im Abgasstrahl eines startenden Düsenjets geröstet worden.

Ich weiß nicht, was manche Gringos glauben, wo sie eigentlich sind. Der kriminelle Abschaum hierzulande macht nämlich nur selten einen Unterschied zwischen arglosen Naturfotografen und reichen Urlaubern. Und wer mit einer teuren Kamera durch eine gottverlassene Gegend stolziert, als handelte es sich um den Broadway, fordert das Gesindel ja geradezu heraus. Genauso gut könnte man einer hungrigen Hundemeute mit einem Beefjerky vor der Nase herumfuchteln; man muss sich dann nur nicht wundern, wenn man gebissen wird. Ich hoffe, die Lady blieb von unangenehmen Begegnungen verschont und erreichte irgendeinen Außenposten der Zivilisation, bevor die Sonne sie zu Beefjerky dörrte.

Da gerade die Rede von merkwürdigen Begegnungen ist, muss ich eine Begebenheit noch unbedingt erwähnen: Angelegentlich einer unserer länger zurückliegenden Reisen fuhren wir von Quito nach Bahía. Nicht weit westlich von Quito führt die Route über die Kordillere und die Straße schraubt sich in schier endlosen Serpentinen durch Steigungen und Gefälle. In den Bergen leben kaum Menschen und nur alle paar Dutzend Kilometer fährt man durch Dörfer, die in Tälern zwischen Felsmassiven eingeklemmt sind. Auf dem weitaus größten Teil der Strecke sieht man bloß von dichtem Grün überzogene Berge oder tiefe Täler, durch die Wildwasserbäche rauschen. Die Straße folgt den Flüssen und so hat man die Wahl zwischen einer Felswand auf einer Seite der Straße und einer Schlucht auf der anderen Seite. Da bleibt man am besten immer schön auf dem Asphalt.

Wir fuhren gerade mitten durch die Berge, auf dem einsamsten Teil der Strecke zwischen Quito und Santo Domingo. Weit und breit gab es keine menschliche Ansiedlung und wäre man irgendwo abseits der Straße gestrandet, hätte man wahrscheinlich Tage gebraucht, um wieder in die Zivilisation zurückzufinden. Es regnete in Strömen. Die Scheibenwischer peitschten hektisch über die Frontscheibe und dennoch konnte man allenfalls Umrisse erkennen. Was für ein scheußliches Wetter! Man hätte keinen Hund vor die Tür jagen wollen. Titan, unser vierbeiniger Hausgenosse, fiepste nur immerzu mitleidig – wahrscheinlich erriet er meine finstersten Gedanken.

Ich tastete mich langsam durch den dichten Regen, als ich plötzlich eine Gestalt am rechten Straßenrand stehen sah. Als ich nahe genug war, erkannte ich, dass es ein Mann mit Hut war und er trug einen Anzug, als wäre er zu einer Geschäftsbesprechung verabredet: schwarzes, frisch gebügeltes Sakko, die Hose mit scharfen Bügelfalten, weißes Hemd, akkurat gebundene Krawatte, auf Hochglanz polierte Schuhe und natürlich der Hut. Er stand einsam im strömenden Regen und schaute mir direkt in die Augen.

Es gab im Umkreis von mehreren Dutzend Kilometern absolut nichts, wofür es notwendig gewesen wäre, einen Anzug zu tragen (in dieser Gegend hätten ausnahmsweise einmal Cargohose, Wanderstiefel und Buschmesser gepasst). Die Begegnung wirkte so unwirklich wie eine surreale Szene in einem David-Lynch-Film. Als ich das Erlebnis später mit den anderen teilte, beteuerten sie aber nur, sie hätten nichts bemerkt. Doch der Mann stand direkt am Straßenrand und ich fuhr auf Armeslänge an ihm vorbei, und da ich wegen des Regens nur langsam vorankam, konnte ich ihn ganz deutlich sehen. Vielleicht war er zu einem Geschäftstermin eingeladen und er wartete auf seine Partner. Um welche Art Business es sich handeln könnte, das in dieser Einöde Erfolg verspräche, bleibt allerdings rätselhaft. Merkwürdige Dinge geschehen in den Bergen …

[…]

P.S. Als meine Frau die Geschichte las, bezweifelte sie keineswegs, dass ich tatsächlich jemanden im Regen hatte stehen sehen, obwohl sie selbst sich nicht daran erinnern konnte, jemanden gesehen zu haben. Sie versuchte mir auch nicht weiszumachen, dass ich mich getäuscht hätte oder dass meine Beobachtung bloß eine Halluzination gewesen sei, die von einer Überdosis Erdnussschokolade verursacht worden wäre. Ohne mit der Wimper zu zucken, erklärte sie, dies sei ein Fantasma gewesen, ein Gespenst oder ein Geist. Sie schloss jede andere Erklärung kategorisch aus, denn was ich beobachtet hatte, sei zu absurd, als dass man es anders würde deuten können.

In der Tat, wenn man im Ausschlussverfahren all jene Ursachen eliminiert, die logisch nicht in Frage kommen können, muss zwangsläufig wahr sein, was am Ende übrigbleibt, auch wenn es vollkommen absurd erscheint. Dass der Mann zu einer Geschäftssitzung eingeladen war, wird man wohl aus naheliegenden Gründen ausschließen dürfen. Und sehr viel mehr andere Deutungen, die nicht ins Komische abrutschen, lässt die Situation kaum zu. Für viele Ecuadorianer wäre eine übernatürliche Erklärung ohnehin plausibler.

Aber wenn der Mann wirklich ein Geist war – um einmal die Logik ins Spiel zu bringen –, frage ich mich, warum er sich ausgerechnet diese (Achtung, Kalauer!) todlangweilige Gegend ausgesucht hatte, um herumzuspuken, noch dazu an einem Tag, an dem es ohne Unterlass regnete. Wäre ich ein Geist, würde ich viel lieber die Villen mit den Swimmingpools heimsuchen oder die schönen tropischen Strände, ja, selbst noch die Shopping-Malls. Tagein, tagaus an so einer zügigen Autopista zu stehen, muss wirklich kein Vergnügen sein – kein Wunder, dass die Toten im Film immer so schlecht gelaunt sind.

[…]

P.P.S. Mein Sohn konnte sich plötzlich wieder erinnern, den Mann ebenfalls gesehen zu haben, obwohl er zuerst das Gegenteil behauptet hatte. Es soll ja schon vorgekommen sein, dass mehrere Personen Zeugen derselben Erscheinung wurden. Aber das würde dann wirklich die Grenzen der Logik sprengen.

Ein Tempel für die Menschheit

Wenn man nach Quito reist, lohnt es sich, der Capilla del Hombre einen Besuch abzustatten. Auch wenn der Name etwas anderes vermuten lässt, ist die „Kapelle“ kein wirklich sakrales Gebäude, denn sie ist erdacht und erbaut als ein der Verehrung des Menschen gewidmeter Tempel und sie ist deshalb auch keinem höheren Wesen geweiht als dem Menschen selbst. Die Capilla del Hombre ist das Werk Oswaldo Guayasamíns, des bis dato bedeutendsten und einflussreichsten Künstlers Ecuadors. Guayasamín selbst betrachtete die Kapelle immer als sein Hauptwerk, doch ihre Vollendung sollte er nicht mehr erleben: Erst im Jahre 2002, drei Jahre nach seinem Tod, wurde der Bau feierlich eröffnet.

Informationen zu Leben und Werk Oswaldo Guayasamíns kann man aus jeder einschlägigen Enzyklopädie ziehen. Die Schaffensperiode des Künstlers überspannt fünfeinhalb Jahrzehnte bis zu seinem Tode im Jahre 1999. Mit einem Oeuvre von mehreren Tausend Werken, die meisten davon Gemälde, gehört Guayasamín mit Sicherheit zu den produktivsten bildenden Künstlern überhaupt. Die meisten seiner Bilder befinden sich im Besitz der „Fundación Guayasamín“, einer von ihm selbst gegründeten Stiftung, die sein Werk und sein Erbe verwaltet. Das Grundstück mit der Capilla del Hombre und dem Privathaus des Künstlers ist ebenfalls Eigentum der Stiftung.

Auf dem Parkplatz vor der „Fundación Guayasamín“ standen an diesem Tag gerade einmal drei oder vier Autos. Das ist natürlich nichts im Vergleich zu dem Andrang, der an jedem einzelnen Tag der Woche im Quicentro, der größten Shoppingmeile der Stadt, herrscht. Aber hinter den Pforten des Stiftungsgeländes wartet auch nur Kunst auf den Besucher und nicht Gucci. So fanden wir uns dann fast allein auf dem riesigen Areal wieder und an diesem Tag begegnete man auf dem Gelände mehr Wächtern und Gärtnern als Besuchern. Aber ich empfand die Stille als sehr angenehm, denn man konnte überall umherstreifen und wurde von niemandem dabei gestört.

Gerade fand eine Führung statt und wir schlossen uns der Gruppe an. Mit uns waren es gerade einmal sieben Teilnehmer und darüber hinaus begegneten wir niemandem. Die Führung fand auf Englisch statt, denn bei der Gruppe der Kunstinteressierten handelte es sich größtenteils um Amerikaner, wie man unschwer aus dem breiten Akzent ersehen konnte. Man kann die Capilla als eine Art Kunstgalerie oder einen Kunsttempel unter anderem Namen ansehen, doch einige der Leute, die mit uns zusammen durch die Säle schlenderten, hatten sich ausstaffiert, als wollten sie gleich im Anschluss zu einer Expedition in die unerforschten Regionen des Amazonas-Regenwaldes aufbrechen. In einem Kosmonautenanzug oder mit einer Taucherausrüstung hätte man sicher kaum mehr auffallen können.

Ecuador gilt eben noch immer als einer der abenteuerlichsten Flecken auf diesem Planeten und in der Wildnis ist gute Ausrüstung nun einmal alles. Irgendwo in den Urwäldern des Oriente, der östlichsten Region des Landes, könnte man noch Verständnis für Trekkingstiefel, Cargohosen in Khaki, Tool-Westen und Ranger-Hüte aufbringen. Aber hier, in der Hauptstadt, im Zentrum Quitos? Es würde mich nicht wundern, hätten sie sich auch noch ihr Bushcraft-Messer an den Leib geschnallt – zur Abwehr von Jaguaren wie zudringlichen Einheimischen gleichermaßen.

Kaum hatte ich das Innere der Capilla del Hombre betreten, da begann ich auch schon eifrig Fotos zu schießen. Doch ich kam gerade noch dazu, zweimal auf den Auslöser zu drücken, da machte mich die Führung freundlich darauf aufmerksam, dass das Fotografieren sowohl in der Capilla als auch in den Räumlichkeiten des Wohnhauses des Künstlers untersagt sei. Ich hatte das Verbotsschild, das ohne jeden Zweifel am Eingang angebracht war, leider übersehen und die Belehrung wohl auch überhört. Die anderen Teilnehmer der Führung sahen mich strafend und auch ein wenig peinlich berührt an, dass ich die Etikette auf solch eklatante Weise verletzt hatte. Ich hätte ihnen mit einer gewissen Berechtigung entgegenhalten können, dass es die Regeln des Anstands und erst recht die des guten Geschmacks verletze, wie zur Safari gerüstet in einem Kunsttempel zu erscheinen. Das einzige gelungene Bild aus dem Innern der Kapelle findet sich übrigens in der Galerie.

Der Bau erinnerte mich auf seltsame Weise an einen parsischen Feuertempel, zumal in seinem Zentrum eine ewige Flamme brennt. Nicht, dass ich schon je ein zoroastrisches Heiligtum besucht hätte, ich hatte nur plötzlich den Eindruck, so müsse es in seinem Innern aussehen. Wie man auf den Fotos erkennen kann, ist der Baukörper streng kubisch mit einem quadratischen Grundriss. Darüber thront eine Kuppel. Außen ist diese wie ein Konus gestaltet, doch im Innern wölbt sich über den Betrachter ein Kuppelgewölbe mit einem Oculus im Zenit. Es gibt zwei Geschosse – eines auf ebener Erde und ein zweites darunter, einer Krypta ähnlich. Im Zentrum, direkt unter dem Auge der Kuppel, brennt die ewige Flamme.

An den Wänden hängen Gemälde von oft monumentalen Ausmaßen. Das größte, eine Allegorie auf das Ringen zwischen Spanien und Lateinamerika, misst von einer Seite zur anderen geschätzte zehn Meter (vielleicht auch weniger, jedenfalls wirkt es so groß wie eine Kinoleinwand). Wie ein riesiges Altarbild hängt es an prominenter Stelle im Hauptraum und wahrscheinlich nicht zufällig hat man den Eindruck, man stehe vor einer gewaltigen Ikonostase.

Auf fast allen Bildern sind jedoch Menschen dargestellt, doch oft fällt es schwer, in den gequälten, zerstückelten, geschundenen Leibern überhaupt noch etwas Menschliches zu erkennen. Der künstlerische Gestaltungswillen hat sich hier mit äußerster Expressivität entladen und nur zu oft sieht der Betrachter in dem Schlachthaus auf der Leinwand bloß eine Reflexion der schrecklichsten Facetten der beunruhigenden Realität seiner eigenen Welt.

Die Capilla del Hombre ist dem Leiden und dem Schmerz der ganzen Menschheit gewidmet und deshalb sind es auch nicht Heilige oder Engelswesen, die im seligen Reigen über das Kuppelgewölbe ziehen, sondern Menschen, denen Furchtbares angetan wurde: Man sieht skelettierte Gestalten, blass wie Würmer, die sich in verzehrendem Sehnen nach dem Licht strecken. Es wurde ihnen genommen, als man sie in die Dunkelheit eines Berges verbannte wie die Verdammten, die im innersten Kreis der Hölle ihre Sündenschuld büßen. Doch diese menschlichen Schattenwesen im Schlund des Tartaros sind ohne Schuld. Das sind die Sklaven von Potosí, des Cerro rico, des Berges, auf dessen Reichtümern das Spanische Imperium gründete und von dem aus die ganze Welt einst mit Silberpesos überschwemmt wurde. Der Oculus im Gewölbe dient als ein Sinnbild der Sonne, zu der diese lebenden Toten streben gleich dem Getier, das aus den Tiefen des Meeres zum Licht emporsteigt. Ich konnte mich nicht des Eindrucks entziehen, dies sei ein Totentanz, und vielleicht hat der Künstler diese Metapher mit Absicht zitiert.

Das ist keine Kunst, die man sich in die eigenen vier Wände hängen würde. Niemand möchte seinen Blick auf geschundene und zerstückelte Leiber richten, wenn er, gemütlich am Kamin sitzend, sich seinen wohlverdienten Sherry hinter die befrackte Brust kippt. Man verlässt die Capilla in gedrückter Stimmung: So viel Leid und Schmerz, wie im Fokus einer Linse an einem einzigen Ort konzentriert, lassen selbst wenig empfindsame Naturen mit sehr verstörenden Gefühlen zurück.

Als wir dann später das Haus des Künstlers besuchten, fragte einer der Anwesenden die Führung, ob denn Guayasamíns Kunst ausschließlich von solchen düsteren Themen bestimmt gewesen sei. Habe er denn nicht auch einmal Blumen, Stillleben, Akte oder Landschaften gemalt? Kunst, so die Antwort, sei für ihn stets eine Art des Protests gegen den Zustand der Welt gewesen. Mit lieblichen Landschaften und Akten werden wohl die meisten von uns einverstanden sein, nicht aber mit Unterdrückung, Terror, Folter und Mord. Die einzigen Landschaftsbilder, die Guayasamín malte, sind Ansichten von Quito, die sich in großer Zahl in seinem Nachlass finden. Dabei kam es vor, dass er, getreu seiner expressionistischen Grundhaltung, den Himmel je nach Stimmung einmal in Schwarz, bei anderer Gelegenheit jedoch in Rot ausführte. Sein Hauptaugenmerk lag jedoch immer auf dem Menschen, der unverrückbar im Zentrum seiner Kunst steht.

Da sich die Gelegenheit anbot, besuchten wir auch noch das Wohnhaus des Künstlers. Wenn man versuchte sich vorzustellen, wie das Haus eines berühmten Malers auszusehen hätte, würde man mit Sicherheit die Wohn- und Arbeitsstätte Guayasamíns als Beispiel zitieren. Die Architektur nimmt Anleihen beim spanischen Kolonialstil, doch in einer beeindruckenden Synthese aus Tradition und Moderne ist etwas ganz Neues entstanden.

Das Anwesen ist buchstäblich bis auf den letzten Quadratzentimeter vollgestopft mit Kunst. Wenn man die Räumlichkeiten betritt, ist man praktisch von allen Seiten von Kunst umgeben, man taucht förmlich darin ein. Alles ist sehr geschmackvoll zu einem großen Ganzen arrangiert, so dass sich einem trotz der ungeheuren Anzahl der Exponate und trotz der unterschiedlichen Herkunft und der sehr verschiedenen Stile nirgends der Eindruck des Überladenen aufdrängt. Viele Künstler, Freunde des Hausherrn, spendeten eigene Werke. So findet man zum Beispiel an einer der Wände Marc Chagall mit leichter Hand verewigt. Darüber hinaus war Guayasamín Zeit seines Lebens ein eifriger wie kenntnisreicher Sammler präkolumbianischer Kunst. Die Kollektion umfasst Tausende von oft sehr eindrucksvollen Stücken aus den verschiedenen Kulturepochen des amerikanischen Kontinents. Abgesehen von der hohen Qualität der Exponate würde eine Sammlung dieses Umfangs jedem kunsthistorischen Museum zur Ehre gereichen.

Noch viel beeindruckender als die Privatgemächer mit ihren Kunstschätzen, ja, selbst noch als die Capilla del Hombre in ihrer Monumentalität des Leidens ist das Atelier des Künstlers. Guayasamín war ein Workoholic; dem Vernehmen nach arbeitete er vierzehn Stunden am Tag, und zwar jeden Tag. Das Atelier war sein eigentlicher Lebensmittelpunkt, denn die meiste Zeit seines Lebens verbrachte er dort. Von ihm ist der Ausspruch überliefert, er hätte zwar viele Frauen geliebt, aber die einzig wahre und unvergängliche Liebe in seinem Leben sei die Liebe zur Kunst.

Der Raum ist riesig wie ein Salon und in der Tat befindet sich im hinteren Teil eine Bibliothek mit bequemen Klubsesseln, die dem Ambiente ein wenig großbürgerliches Flair verleihen. Wären nicht die Staffeleien und die langen Tische mit den Farben, Pinseln, Spachteln, Tiegeln und Paletten, würde man meinen, man befände sich in den Räumlichkeiten eines exquisiten Gentleman-Clubs. Guayasamín war ein Mensch, der sich gern mit schönen Dingen umgab, und schön ist einfach alles in diesem Haus, selbst noch der Ort, an dem er seine Werke schuf.

Als wir das Atelier betraten, empfing uns Bach so schön und herzerwärmend, dass ich zuerst dachte, die künstlerische Leitung der Stiftung wäre der Marotte verfallen, die Besichtigungstouren mit musikalischer Begleitung zu versehen. Doch ich wurde eines Besseren belehrt: Wann immer der Künstler in seinem Atelier arbeitete, pflegte er Bach zu hören, und da man ihn auch jetzt spielte, war es fast, als würde Guayasamín jeden Augenblick durch die Tür treten und die Besucher in seiner Künstlerwerkstatt begrüßen. Der Mann hat wahrhaftig in seinem eigenen Paradies gelebt.

Auf einer der Staffeleien stand ein großformatiges Porträt Fidel Castros, eines guten Freundes des Künstlers. Der kubanische Staatschef hielt übrigens die Rede zur Einweihung der Capilla del Hombre. Guayasamín hat den Máximo Líder insgesamt dreimal gemalt. Auf diesem Bild erinnert er mich sehr an die streng blickenden spanischen Adligen in den Werken El Grecos. Mit seiner willensstarken Stirn, der kräftigen gebogenen Nase und dem schwarzen Bart könnte man den kubanischen Revolutionär glatt für einen Konquistador halten.

Am Ende waren wir Oswaldo Guayasamín noch eine Pflicht schuldig: Im Garten des Hauses befindet sich seine letzte Ruhestätte. Es war sein Wunsch, dass seine Asche an dem Ort verbleibe, den er sich selbst ausgesucht hatte: Von hier aus könnte er sowohl seine Kapelle des Menschen als auch sein Haus sehen, sowie die Stadt, die er so sehr liebte – Quito. Über dem Grab steht eine Pinie – er hat sie eigenhändig gepflanzt. Es heißt, dies sei ein Lebensbaum, ein Symbol des ewigen Lebens. An seinen Ästen flattern bunte Bänder und hängen Amulette. Man kann sich nur schwer des Eindrucks erwehren, der Geist des Künstlers durchwehe diesen Ort und verwandle alles in etwas Wunderbares. Und so kann es geschehen, dass ein Haus der Kunst zu einer sakralen Weihestätte des Menschen wird und eine gewöhnliche Pinie zu einem heiligen Baum des Lebens.

Es ist kein trauriger Ort und doch macht es einen betroffen, wenn man an der Stelle steht, die das letzte Refugium auf dieser Welt sein soll für einen Menschen, dessen außergewöhnliche Odyssee des Geistes andauerte, so lange er lebte. Aber es wäre möglich, seine Prophezeiung erfüllt sich und er kehrt eines Tages zurück. Vielleicht hat er aber nie die Welt der Lebenden verlassen, wenn wahr ist, was man über große Geister sagt: nämlich dass sie unsterblich sind.

Als wir die Anlage verließen, drangen plötzlich Worte in einer bekannten Sprache an mein Ohr: Zwei ältere Damen spazierten Arm in Arm zum Ausgang und parlierten dabei im gewählten akademischen Deutsch der Vor-Achtundsechziger über die Welt im Allgemeinen und über die Kunst Guayasamíns im Speziellen. Vielleicht waren es pensionierte Kunstprofessorinnen oder bloß Laien, die sich leidenschaftlich für die Kunst interessieren. Ich glaube, Oswaldo Guayasamín hätte bei diesem Anblick seinen Spaß gehabt, und ich habe das Gefühl, dass man noch sehr lange Zeit über seine Kunst sprechen wird. Denn die Welt, die er durch sein Schaffen zu einem besseren Ort zu machen versuchte, ändert sich nun doch nicht so schnell, wie alle Menschen guten Willens glauben möchten. Jedoch, schön wäre es.

Der Bombero vom Berg

Einige Tage später sollten wir noch einmal zurückkehren – wegen der schönen Aussicht. Zu Füßen der „Fundación Guayasamín“ erstreckt sich das Viertel Bellavista alta. Das ist kein Stadtteil, in dem der Gutbetuchte gern Quartier nehmen würde, denn die Häuser in diesem Viertel sind nur einfache Zwei- oder Dreigeschosser – nichts, was dem übersteigerten Repräsentationsbedürfnis der geltungssüchtigen Mittelklasse genügen könnte. Man sieht Wäsche auf Balkonen und Dachterrassen hängen. Telefon- und Stromleitungen schweben wie ein Gewirr aus Spinnweben frei über den Dächern. Die Gegend sieht nicht reich aus, doch sie versprüht einen gewissen Charme, dem man sich nur schwer entziehen kann.

Neben dem Stiftungsgelände befindet sich eine Feuerwache. Der Bau wirkt wie eine Ferienlodge und wird idyllisch überschattet von einem Eukalyptuswäldchen. An diesem Tag treffen wir nur einen einzigen Bombero mit seinem Hund an (Bomberos sind die Feuerwehrmänner). Meine Frau fragt ihn ein wenig über die Gegend aus und der Mann ist so gesprächig, als wäre er auf seinem einsamen Posten seit Wochen keiner Menschenseele begegnet. Und in der Tat wirkt die Gegend an diesem Tag so ausgestorben, als hätten die Menschen die Erde in einem Exodus verlassen. Vor dem Eingang der Wache warten achträdrige Amphibienfahrzeuge auf ihren Einsatz. Sie sehen fast so aus wie zu kurz geratene Hundertfüßer, aber ich frage mich, wozu man auf einem Berggipfel, noch dazu auf über dreitausend Metern Höhe, ein Amphibienfahrzeug braucht?

Von der Wache aus zieht sich eine Schotterstraße um die Bergflanke herum. Wir fragen, wohin sie führt, und der Bombero erklärt uns, dass es sich um eine Privatstraße handele, die niemand außer den Grundstücksbesitzern befahren dürfe. Als wir ihr später ein Stück zu Fuß folgen, sehen wir Häuser wie Schwalbennester am Hang kleben. Sie sind umgeben von dichten Eukalyptuswäldern, die man vor vielen Jahren angelegt hat, um die Erosion zu stoppen. Von hier aus hat man einen atemberaubenden Blick auf Guápulo mit seinem Franziskanerkonvent und der Kirche darin. Ich war erstaunt zu erfahren, dass der ecuadorianische Zweig der Franziskaner sogar eine eigene Website betreibt. Aber eigentlich ist dies nicht weiter verwunderlich, war doch der Heilige Franz von Assisi den weltlichen Dingen gegenüber stets aufgeschlossen. Guápulo ist außerdem als Künstlerviertel bekannt. Der Anblick ist so eindrucksvoll, dass wir uns fest vornehmen, die Gegend alsbald zu besuchen.

Abenteuerliche Bergfahrten

Zu den Orten, die man in Quito unbedingt besucht haben sollte, zählt die Capilla del Hombre, ein Hauptwerk Oswaldo Guayasamíns. Sie auszulassen, wäre ungefähr so, als hätte der Berlinbesucher das Brandenburger Tor nicht gesehen oder versäumt, den berühmten Kunstschätzen der Museumsinsel seine Aufwartung zu machen. Die Capilla del Hombre ist nicht nur eines der beeindruckendsten Werke individuellen Schöpferwillens, seit ihrer Eröffnung im Jahre 2002 hat sie sich auch zu einem der bedeutendsten Orte der Kunst in der Hauptstadt des Andenlandes entwickelt.

Als echter ecuadorianischer Patriotin war es meiner Frau natürlich ein ganz besonderes Anliegen, diese dem Menschen geweihte Andachtsstätte zu besuchen. Zwar kannte sie die Kapelle schon von früheren Reisen, doch es ist immer wieder ein bewegender Moment, in die ganz eigene, fast schon sakrale Atmosphäre dieser „Kirche des Menschen“ einzutauchen. Wir beschlossen, einen ganzen Samstagvormittag der Kunst zu widmen.

Unser Ziel liegt im Stadtteil Bellavista alta. Wie der Name schon andeutet, handelt es sich um eines der höher gelegenen Stadtviertel Quitos, von denen aus man einen grandiosen Panoramablick über die Berge und die Stadt hat. Eine Straßenkarte kann hilfreich sein, doch man benötigt sie nicht in jedem Fall, denn die Kapelle wie auch die Casa Guayasamín, das Haus des Künstlers, befinden sich an der höchsten Stelle, und wenn man nur immer den Berg hinauffährt, gelangt man schließlich fast zwingend zum Ziel. Wir wollten uns natürlich nicht auf die Reise machen, ohne uns vorher versichert zu haben, dass wir entspannt und gutgelaunt ankommen, und deshalb gaben wir die Koordinaten ins Navi ein.

Das Haus des Künstlers und die Kapelle befinden sich auf dem Grat eines steilen Bergrückens und für den Liebhaber der Kunst gibt es zwei Möglichkeiten, dorthin zu gelangen: Man kann an den relativ sanft auslaufenden Enden des Höhenrückens zum Gipfelgrat hinauffahren oder man kann sein Glück an den Flanken versuchen, an denen der Winkel der Steigung von respekteinflößend bis irrwitzig reicht. Man fragt sich, welches normal motorisierte Kraftfahrzeug imstande ist, solche Steigungen zu bewältigen, aber beiderseits der Straße wohnen Menschen – der Berg ist bis in die Höhe dicht bebaut – und es ist anzunehmen, dass zumindest einige von ihnen hin und wieder mit dem eigenen Auto fahren. Das Navi, das von unüberwindlichen Steigungen noch nie gehört zu haben scheint, führte uns, wie zu erwarten, zuverlässig über die Straßen mit den extremsten Höhenunterschieden.

Wie ein gegen den Wind kreuzendes Segelschiff arbeiteten wir uns im Zickzackkurs gegen die Schwerkraft empor. Die Straßen waren an diesem Samstagvormittag wie ausgestorben; weder sah man Menschen noch sonst irgendein Lebewesen, das einem die Versicherung gab, dass Leben in dieser Höhe möglich sei. Es schien, die Bewohner dieses Stadtteils – und zwar Mensch wie Tier gleichermaßen – nutzten die Wochenenden, um sich von der anstrengenden Steigarbeit an den restlichen Tagen der Woche auszuruhen.

Langsam arbeiteten wir uns voran, doch wir kamen dem Ziel näher: Statt Häusern, die sich wie Legoburgen auftürmten, sahen wir über uns schon bald nur noch das ätherische Blau des Andenhimmels. Wattewölkchen schwammen darin gleich Marshmallows. Nur noch wenige Meter und der Aufstieg wäre geschafft. Doch dann, nach einer letzten Neunzig-Grad-Kurve, standen wir plötzlich vor der furchteinflößendsten Steigung, die ich je vom Fahrersitz eines Auto aus gesehen habe. Ich glaubte, vor einer Wand zu halten, denn die Straße schien wie eine Jakobsleiter geradewegs nach oben in den Himmel zu führen. Als jemand, der den Bilderwelten der Filmindustrie hoffnungslos wie ein Morphiumsüchtiger verfallen ist, dachte ich natürlich sofort an „Inception“ und zwar an den Augenblick, als sich die Realität des Traumes im Wortsinne aufzurollen beginnt wie ein Blatt Pergament.

Ich atmete kurz durch und gab Vollgas. Wir schossen die Steigung mit der Gewalt eines Raketenstarts hinauf. Der Motor röhrte, als würden sich die Zylinderkopfdichtungen jeden Augenblick wie Geschosse durch die Motorhaube bohren. Auf der Hälfte der Distanz wurde die Maschine merklich stiller. Das war fast so beunruhigend wie in einem Flugzeug zu sitzen und festzustellen, dass die Propeller aufhörten, sich zu drehen. Der Wagen hatte sich mittlerweile so bedrohlich aufgebäumt, dass ich mir in meinem Sitz vorkam wie ein Astronaut vor dem Start seiner Rakete. Auf den letzten Metern vor der rettenden Querstraße gluckste der Motor nur noch wie ein Ertrinkender und dann, als hätte unser Raumschiff die Zone der Schwerelosigkeit erreicht, wurde es mit einem Mal ganz still. Meine Frau und ich sahen einander an und es war wie ein letztes stummes Lebewohl, das wir uns über Raum und Zeit hinweg zusandten.

Doch der Wagen rollte noch immer, quälend langsam zwar, aber er rollte. Der Augenblick schien sich zur Unendlichkeit zu dehnen. Ich hörte das Geräusch der Reifen und ich hatte sogar noch Zeit, mich daran zu erinnern, dass ich die Pneus beim nächsten Werkstatt-Check rotieren lassen wollte. Mit dem letzten Quäntchen Bewegungsenergie schafften wir es und der Wagen kam punktgenau auf dem Absatz zum Stehen. Erst jetzt sprang der Motor wieder an. Wie ein klinisch totes Herz, durch die Adrenalinspritze wiederbelebt, heulte die Maschine auf, als hätte sie ein Leben, an das sie sich klammern könnte. Hinter dem Heck des Wagens fiel die Straße in die Todesschlucht. Mir sträubten sich die Nackenhaare.

Die Gegend, in die uns das Navi geführt hatte, schien kaum besucht und die Straßen wurden dem Anschein nach nur selten befahren. Eine nahe Aussichtsplattform bot einen grandiosen Blick über die Stadt. Leider war es etwas dunstig, so dass alle Fotos aussehen, als läge eine Kondensschicht auf der Kameralinse. Wir machten ein paar Aufnahmen von der Stadt, die an den Hängen beiderseits des Tals wie ein Moosteppich hinaufwächst. Gläserne Wohn- und Bürotürme schießen von den sonnenverwöhnten Berggipfeln Stalagmiten gleich in den Himmel. Zwar waren die Straßen fast menschenleer, dennoch fanden sich schon bald die üblichen neugierigen Beobachter ein, die uns mit großem Interesse dabei zusahen, wie wir mit unserer Lumix hantierten. Unter diesen Umständen schien es uns geraten, die Fahrt fortzusetzen.

Markttag in El Quinche

El Quinche ist eine kleine Stadt nordwestlich von Quito. Von Quito aus gelangt man mit dem Auto dorthin, indem man der Ausschilderung zum Flughafen folgt, dann aber, statt weiter geradeaus auf der Route zum Airport zu bleiben, nach Osten Richtung Cayambe abbiegt.

Eigentlich gibt es keinen besonderen Grund, nach El Quinche zu fahren, es sei denn, ein starkes religiöses Bedürfnis zieht einen dorthin oder man möchte den berühmten Markt besuchen, der immer Sonntags abgehalten wird. Wir wollten auf den Markt, wenn auch das religiöse Spektakel, das alljährlich in der zweiten Novemberwoche zu Ehren der Virgen de El Quinche veranstaltet wird und das über achthunderttausend Pilger in die Stadt zieht, ein Ereignis ist, das einmal mit eigenen Augen zu schauen, ein ganz besonderes Erlebnis sein muss. Aber dies war nur ein normaler Sonntag und außer der sonntäglichen Messe ist es vor allem der Wochenmarkt, der die Leute in Scharen in die Stadt zieht.

Der Grund, der uns veranlasste, den Markt zu besuchen, ist ganz prosaisch: Seit unserer Ankunft in Quito leidet meine Frau an der Höhe und wir suchten nach einem Mittel, das Abhilfe schafft. Zwar ist sie Ecuadorianerin, aber sie stammt von der Küste, und die Leute der Costa sind ein ganz anderer Menschenschlag als die an die dünne Luft und die eisige Kälte gewöhnten Hochlandbewohner. Es kommt nicht selten vor, dass sie an hohem Blutdruck, Kreislaufbeschwerden und Herzrasen leiden, obwohl sie doch, solange sie im Tiefland lebten, völlig gesund waren.

Streng medizinisch betrachtet, habe ich keine Probleme mit der Höhe, dennoch macht mir die dünne Luft manchmal zu schaffen: Wenn ich trainiere, muss ich viel längere Pausen einlegen als in Berlin, denn nach einer anstrengenden Übung bekomme ich manchmal einfach keine Luft mehr und mein Atem geht dann keuchend wie der eines asthmatischen Kettenrauchers beim Reha-Sport. Besonders schlimm ist es, wenn wir nach Quito fahren, das noch einmal achthundert bis tausend Meter höher liegt als Cumbayá.

Auf dreitausend Metern Höhe kann es einem sehr wohl passieren, dass plötzlich die Luft weg ist, wenn man nur ein paar Treppen steigt. Manchmal reicht es schon, einen langen Satz zu sagen, und in der Mitte merkt man auf einmal, dass einem die Luft ausgeht. Dann unterbricht man japsend und wie ein neunzigjähriger Zigarren-Connoisseur muss man erst einmal gierig Sauerstoff in die Lungen saugen, um weitersprechen zu können. Wenn ich mich mehrere Stunden in Quito aufhalte, beginnen meine Augen in der trockenen Höhenluft manchmal so furchtbar zu brennen, dass ich sie kaum noch offen halten kann. Vorsichtshalber nehme ich mir immer ein Fläschchen künstliche Tränen mit, aus dem ich mir hin und wieder etwas in die Augen träufele. Die Einheimischen, die Quiteños, haben mit diesen Problemen natürlich nicht zu kämpfen. Nur dem Zugereisten macht die Höhe zu schaffen.

Zwar kann sich der Organismus den neuen Bedingungen anpassen, doch gelingt ihm dies nur unvollkommen und auch nur vorübergehend. Um den niedrigeren Sauerstoffgehalt der Höhenluft effizienter nutzen zu können, vermehren sich genau wie bei einem Topathleten im Höhentrainingslager die roten Blutkörperchen, wenn man sich eine gewisse Zeit in der Höhe aufhält. Dieser Vorgang ist aber leider reversibel und sobald man wieder ins Flachland zurückkehrt, geht die Anpassung verloren. Um den menschlichen Organismus dauerhaft an das Leben in der Höhe zu gewöhnen, bedarf es des ununterbrochenen Aufenthalts in dünner Luft während dreier Generationen. Ich bezweifle aber, dass mein Sohn und seine Kinder für immer im Andenhochland leben wollen.

Meine Frau hat in der großen Höhe nicht nur mit Luftnot, sondern oft auch mit Kreislaufbeschwerden und Kopfschmerzen zu kämpfen. Das ist nicht nur sehr unangenehm, sondern auch eine starke Beeinträchtigung der Lebensqualität, denn nicht selten fühlt man sich regelrecht krank. Um solchen und anderen gesundheitlichen Beeinträchtigungen entgegenzutreten, greift man in Ecuador weit häufiger als in Deutschland auf bewährte Naturheilmittel zurück: Kräutermischungen, Tinkturen, Pasten, Pulver, Salben finden bei gesundheitlichen Beschwerden mindestens genauso häufig Anwendung wie die Produkte der Pharmaindustrie. Die meisten Ecuadorianer sind arm und viele können sich die teuren Medikamente aus der Apotheke nicht leisten. Wer schon einmal gezwungen war, einen größeren Posten in den hiesigen Apotheken zu kaufen, wird nie wieder über die gierige deutsche Apothekerzunft schimpfen.

Viele Menschen in den ärmeren Gegenden und gerade auf dem Lande verlassen sich noch immer auf Heilmittel, welche eine freigiebige Natur ihnen in großer Fülle zur Verfügung stellt. Sie schöpfen dabei aus einem reichen Schatz überlieferten pharmakologischen Wissens, das seine Ursprünge in den indigenen Kulturen des Hochlandes hat. Als meine Frau einige ihrer Bekannten fragte, ob es denn nicht ein natürliches Mittel gäbe, von dem zuverlässig Abhilfe bei Höhenkrankheit zu erwarten sei, antworteten sie unisono: Cocablätter.

Die Blätter des Cocastrauches werden im Andenhochland seit Jahrtausenden konsumiert. Der Genuss hat überhaupt nichts Anrüchiges an sich, wie mancher Europäer oder Gringo vermutet, sobald er nur das Wort „Coca“ hört. Coca half der indigenen Bevölkerung seit jeher, eisige Höhen und schwerste körperliche Strapazen zu ertragen. Man wird die Blätter, die man kaut, oder aus denen man Tee brüht, auch wohl kaum mit dem kristallinen Pulver gleichsetzen dürfen, das sich so mancher Berliner Partygast zum Auftakt des Abends auf der Toilette seines Lieblingsklubs durch die Nase zieht.

Man kann ein gepflegtes Bier trinken oder man kann eine Flasche Wodka auf Ex kippen. Beides ist Alkohol, eine erwiesenermaßen gefährliche Droge mit hohem Suchtpotential, jedoch wird sie gesellschaftlich akzeptiert, weil ihr Konsum Teil der kulturellen Tradition ist. Dennoch besteht zwischen dem gepflegten Pils und der Flasche Wodka auf Ex ein Unterschied und wer schon einmal einen Abend im Kreise von Leuten verbracht hat, die sich gern und willig dem Suff ergeben, weiß auch, worin er besteht.

Coca war schon immer Alltagsdroge und Volksmedizin, nicht anders als das Bier in Bayern oder der Schoppen Wein im Rheinland, und daher sollte man eigentlich annehmen, dass im Andenland Ecuador niemand am Konsum Anstoß nimmt. Man wundert sich nur, warum es so schwer ist, überhaupt irgendwo an Cocablätter zu kommen. Ich vermute, die Globalisierung und der übermächtige Einfluss westlicher Wertvorstellungen, vor allem hinsichtlich der Frage, welche Drogen erlaubt sein sollen, hat die Cocapflanze mit einem Bann belegt, der sich gegen die Interessen der Andenländer und vor allem gegen ihre kulturellen Traditionen richtet. Aber Bekannte hatten uns einen Tipp gegeben: Man könne Cocablätter auf dem sonntäglichen Markt in El Quinche kaufen. Bei der ersten Gelegenheit machten wir uns auf nach El Quinche.

Wer mit dem Wunsch nach Ecuador kommt, etwas Authentisches zu erleben, etwas, das sich dem verfälschenden Einfluss des internationalen Tourismusbetriebs bis heute entzogen hat, der sollte die einheimischen Märkte wie etwa jenen in El Quinche besuchen. Vom Standpunkt eines an den Warenüberfluss der westlichen Welt gewöhnten Konsumenten hat der Markt in El Quinche kaum etwas zu bieten, das dem Reisenden nicht auch von zuhause bekannt wäre. Abgesehen von weißlichen fetten Käferlarven, die man zu medizinischen Zwecken konsumieren soll, gibt es nicht viel, das man nicht auch auf dem Wochenmarkt einer beliebigen Großstadt in Europa finden könnte (das Interesse an den Käferlarven hielt sich sehr in Grenzen und solange wir uns auf dem Markt aufhielten, war der Stand leer). Die Leute gehen nach El Quinche, um Waren des täglichen Bedarfs zu kaufen, und da hier alles um Welten billiger ist als in den modernen Shopping-Malls nach westlichem Standard, hat man es mit einem Andrang zu tun wie bei einer Völkerwanderung.

Faszinierend für den Besucher aus dem säkularen Mitteleuropa ist die symbiotische Verbindung aus religiösem Ereignis und geschäftlicher Aktivität, die sich aus einer fernen vormodernen Zeit bis in die Gegenwart gerettet zu haben scheint: Viele Menschen kommen in die Stadt, um am Gottesdienst teilzunehmen oder um der Virgen Ehre zu erweisen oder schlicht, um ihr ein Anliegen vorzutragen, für das man die Hilfe oder den Segen der Heiligen zu gewinnen hofft. Da man aber schon einmal den beschwerlichen Weg in die Stadt auf sich genommen hat – nur die wenigsten scheinen mit dem eigenen Auto angereist zu sein –, kann man die Gelegenheit auch gleich nutzen, um die Wocheneinkäufe zu erledigen.

Niemand findet etwas dabei, dass der Markt, der sich wie ein feindliches Heerlager fast in der ganzen Stadt ausgebreitet hat, in Sichtweite der Kirche abgehalten wird, in die es die Gläubigen an diesem Sonntag in dichten Scharen zum Gottesdienst zieht. Vor der Kirche haben die Devotionalienhändler ihre Stände aufgebaut: Man kann Heiligenfiguren, die Jungfrau von El Quinche, das Jesuskind oder unheilabwehrende Anhänger für das Auto oder die Wohnung kaufen.

Die Geschäfte scheinen gut zu gehen, denn den Platz vor der Kirche haben wenigstens ein Dutzend Händler für sich in Beschlag genommen und alle bieten dasselbe Warensortiment. Doch fürchten, dass ihnen die Kunden ausgehen, müssen die Händler nicht – oft begegnet man in der Menge Besuchern des Gottesdienstes, die Christusfiguren, welche sie gerade erstanden haben, oder Figuren der Heiligen im Arm halten, als wären es ihre eigenen Kinder.

Während im Innern der Kirche der Gottesdienst stattfindet, nimmt an einem Seitenportal eine Ordensschwester die Weihwasserspende vor: Sie taucht einen Strauß Blumen in das Gefäß mit dem geweihten Wasser und verteilt es dann über die Menge als wollte sie auf die Köpfe einschlagen. Die Menschen empfangen den Regen im uralten Gestus der Anbetung, mit verzückten Gesichtern und erhobenen Armen.

Wir schlendern ziellos auf dem Markt und dem Kirchplatz umher, denn eigentlich haben wir kein dringliches Anliegen, dessentwegen wir nach El Quinche gekommen wären. Die Gelegenheit scheint günstig und so mache ich immer wieder Fotos. Allerdings ist es kein wirklich angenehmes und vor allem kein sicheres Unterfangen, in der Masse der Marktteilnehmer eine teure Kamera zu zücken. Sobald ich den Apparat heraushole, richten sich mindestens zehn Augenpaare darauf – neugierig, fragend, voller Verwunderung oft, nicht selten misstrauisch. Ich genieße sofort die ungeteilte Aufmerksamkeit, als hätte ich in einem aufsehenerregenden Akt der Zurschaustellung damit begonnen, mich splitterfasernackt auszuziehen. Kaum einmal gelingt es mir, unentdeckt zu bleiben – nicht dass die Leute Anstoß daran nehmen würden, dass man sie fotografiert, es scheint nur noch nie vorgekommen zu sein.

Es ist ein wirklich unangenehmes Gefühl, auf Schritt und Tritt beobachtet zu werden, denn man weiß nie, ob sich hinter diesem Interesse allein schiere Neugier verbirgt oder etwas anderes. Ich habe keine Lust, es herauszufinden und lasse die Kamera alsbald wieder in der Tasche verschwinden. Erst jetzt fällt mir auf, dass kein einziger der Markt- oder Kirchbesucher eine Kamera oder ein Handy oder sonst irgendetwas, das man für wertvoll erachten könnte, für jedermann sichtbar mit sich führt. Ich lasse mich durch den Augenschein überzeugen, dass es einen gewichtigen Grund dafür geben muss, und für den Rest des Tages bleibt die Kamera in der Tasche.

Wir erinnern uns daran, dass wir auf den Markt gekommen sind, um Cocablätter zu kaufen. Meine Frau fragt aufs Geratewohl eine der Obstverkäuferinnen in der Markthalle, die sich doch eigentlich auskennen müssten. Die Frau sagt, sie wisse nicht, wo man so etwas kaufen könne, und guckt uns dabei an, als hätten wir ihr soeben ein unsittliches Angebot gemacht. Auch beim nächsten, den wir mit unserer Frage behelligen, haben wir kein Glück, aber immerhin gibt man uns den Tipp, es doch einmal beim Naturista (eine Art Laden für Naturprodukte) eine Straße weiter zu versuchen. Aber selbst dort erleben wir eine Enttäuschung und wir fangen allmählich an zu glauben, wir seien einer Ente aufgesessen, als man uns sagte, dass man die begehrten Blätter in El Quinche kaufen könne.

Aber mir ist noch ein anderer Gedanke gekommen: Es könnte auch sein, dass man uns einfach nichts verkaufen wollte. Es kommt immer wieder vor, dass Reisende, die es nach exotischen Abenteuern hungert, sich mit Hilfe der lokalen Flora eine Reise ins psychedelische Orbit zu verschaffen suchen. Da ich unzweifelhaft wie ein Gringo aussehe und nach Meinung der Leute wie ein Hippie dazu, ist der Schluss natürlich unausweichlich, ich wäre allein deshalb nach Ecuador gekommen sei, um mir einen Trip zu verpassen, dass es nur so raucht im Oberstübchen.

Es ist übrigens noch gar nicht so lange her, da wurde man entweder für einen Hippie, für einen Headbanger oder einfach nur für schwul gehalten, wenn man als Mann das Haar schulterlang trug. Noch 1992, also zu einer Zeit, da die Inquisition seit Menschengedenken abgeschafft und die Hexenverbrennung eingestellt war, musste ich mir am Flughafen von einem Polizisten sagen lassen, ich solle mir das Haar kürzen. Aber die Zeiten haben sich geändert, zumindest ein wenig, und wenn man heutzutage lange Haare hat, sehen die Leute in einem nur mehr jemanden, der halt gerne kifft.

Die Leute sahen uns so misstrauisch an, als wären wir zwei Hippies, die sich mit Cocablättern einen Trip ins Nirwana verschaffen wollen. Vielleicht hätte ich außer Sicht bleiben und meine Frau den Einkauf allein erledigen lassen sollen, denn mit mir im Schlepptau konnte man glauben, ich schicke sie als Strohmann vor, damit sie mir die begehrten Drogen verschaffe. Die Menschen, durch alle nur vorstellbaren kriminellen Umtriebe sensibilisiert, stellen sich die verrücktesten Dinge vor, und wenn sie jemanden sehen, der auf den ersten Blick schon verrät, dass er nicht hierher gehört, fällt es wahrscheinlich leicht zu glauben, diese Person habe es auf Drogen abgesehen.

An diesem Sonntag war ich übrigens der einzige Besucher des Marktes weit und breit, der nicht wie ein Einheimischer aussah. Die Stadt war einheitlich mit Ecuadorianern bevölkert und da fällt man natürlich auf wie der sprichwörtliche bunte Hund. El Quinche ist eben nicht Berlin, wo man als Batman verkleidet herumlaufen könnte, und die Leute würden einfach so tun, als hätten sie es nicht bemerkt.

Damit die Reise nicht ganz umsonst wäre, kauften wir noch ein paar nützliche Dinge ein, bevor wir die Rückfahrt antraten: ein neues Schneidebrett, Obst und etwas Kuchen. Das Schneidebrett kostete fünf Dollar und liegt so schwer in der Hand wie ein Kricket-Schläger. Zwar kann ich die Qualität nicht beurteilen, aber ich habe den Eindruck, dass es sich um gute Ware handelt. Doch getreu der ecuadorianischen Tradition versuchte meine Frau zu handeln, um so den Preis noch ein wenig zu drücken. Aber sie war an diesem Tag nicht recht bei der Sache und hatte offenbar auch keine Lust, sich auf das mühselige Feilschen einzulassen, und deshalb blieb es am Ende bei fünf Dollar. Ich fand, wir hätten einen guten Kauf gemacht, doch meine Frau meinte, fünf Dollar seien immer noch viel zu viel. Ich bin sicher, meine Schwiegermutter hätte der armen Verkäuferin das Brett für drei Dollar abgeschwatzt.

El Quinche war zwar eine Enttäuschung – zumindest in Hinsicht auf die Hoffnung, dort Cocablätter zu finden –, aber eine Woche später sollten wir doch noch Glück haben: Wir besuchten den Cotopaxi-Nationalpark – ein überwältigendes Erlebnis, von dem noch zu berichten sein wird. Am Eingang legten wir einen kurzen Stopp ein. Es war weniger laues Interesse, das uns ins dortige Besucher-Zentrum zog, als vielmehr die drängende Notwendigkeit, präventiv die letzte zivilisierte Toilette für wie weiß wie lange Zeit aufzusuchen, bevor wir uns in die wilde Vulkanlandschaft hinauswagten.

Wir schauten uns ein wenig an den Ständen um und völlig unerwartet entdeckten wir dort Produkte aus Coca. Die englische Sprache hat für solche freudigen Entdeckungen aus heiterem Himmel das Wort Serendipity erfunden – pleasant surprise. Und das war es in der Tat: eine freudige Überraschung. Wir kauften zwei Päckchen getrockneter Blätter und eine mit Cocaextrakt angereicherte Salbe, die natürlich nur zu äußeren Anwendung bestimmt ist. Glaubt man der Beschreibung auf der Dose, lassen sich mit dem Wunderelixier alle Beschwerden von Muskelkater bis Liebeskummer zuverlässig behandeln.

Einige Tage später ließ mich mein niedriger Blutdruck ein wenig schwächeln und ich sah die Gelegenheit gekommen, das Hausmittel der alten Andenvölker auszuprobieren: Wer nun erwartet, er würde nach dem Genuss einiger Cocablätter wie ein abgeschossenes Moorhuhn mit Kreuzen in den Augen auf dem Sofa liegen und rosa Elefanten würden um seinen Kopf flattern, der irrt. Mein Herz schlug ein wenig schneller, mein Kopf fühlte sich ein wenig leichter an und mir war ein wenig wohler zumute; irgendwie fühlte ich mich vitaler.

Da würde jeder echte Pothead bloß abfällig lachen und der mondäne Berliner Partygast würde darüber sowieso nur das weiß gepuderte Näschen rümpfen. Eine große Tasse schwarzer Kaffee ist vielleicht sogar noch potenter, und ich bin mir nicht einmal sicher, ob es nicht allein der belebenden Wärme des Getränks zu verdanken ist, dass ich eine tonisierende Wirkung verspürte. Hätte ich nicht gewusst, dass es sich um Cocatee handelt, würde ich meinen Lebtag lang geglaubt haben, ich hätte Salbeitee getrunken.

Auf dem Tütchen mit den Cocablättern sieht man übrigens Evo Morales, den Präsidenten Boliviens, ein Cocablatt ganz leger in die Kamera halten. Man stelle sich den Skandal vor, ein ranghoher europäischer Politiker ließe sich so ablichten! Zwar weiß jeder um die zerstörerische Wirkung von Alkohol, dennoch muss man die Politprominenz nicht zweimal bitten, wenn es darum geht, sich auf dem Oktoberfest publikumswirksam in Szene zu setzen. Sag mir, welche Drogen du nimmst, und ich sage dir, woher du kommst. Drogen sind eben auch Teil der Kultur, und wie der Alkohol in Deutschland, so erhält hierzulande Coca das präsidiale Gütesiegel. Denn als erster indigener Präsident ist Evo Morales zugleich auch ein Förderer der indigenen Landeskultur. Und Coca gehört seit Jahrtausenden zu dieser Kultur – trotz des Banns, den der Westen der uralten Kulturpflanze auferlegt hat.

Am Krater

Am vorletzten Wochenende juckte es uns wieder einmal in den Beinen und wir wollten die freien Tage nicht verstreichen lassen, ohne etwas von welterschütternder Bedeutung vollbracht zu haben. Obwohl ich sonst wenig Veranlassung habe, mich von unseren mehr oder weniger einstimmig gefassten Kollektivbeschlüssen auszunehmen, verspürte ich eigentlich nicht viel Lust auf einen Trip in die Umgebung der Stadt. Doch meine Frau schien wieder einmal von Unrast getrieben und ihr die Idee auszureden, schien so sinnlos wie jemanden mit Restless-leg-Syndrom den Rat zu erteilen, er müsse, um schlafen zu können, doch einfach nur die Füße stillhalten.

Man hätte ja auch einmal zuhause bleiben und einen Brettspielabend mit Monopoly oder den Siedlern von Katan veranstalten können; man hätte es sich auf der Couch bequem machen und sich bei Pizza, Eis und Popcorn dem cineastischen Overkill mit allen drei Folgen von „Der Pate“ hingeben können (raubkopierte DVDs kann man hier allerorten für zwei oder drei Dollar kaufen). Als Großstadtmensch aus Überzeugung und Bestimmung bin ich eher fürs Bequeme und ich kann nur im Ausnahmefall einen triftigen Grund darin entdecken, ferne Orte zu besuchen, wenn man es sich in den eigenen vier Wänden gemütlich machen kann.

Für mich gibt es kaum etwas Schöneres als den Sonntag einmal in Ruhe und Frieden zuhause zu verbringen – schließlich hat man in der Woche genug Stress –, aber meine Frau meint, da wir schon einmal hier im Lande seien, wäre es eine Dummheit, wenn wir nicht auch einige seiner Sehenswürdigkeiten besuchten. Sie wird nicht müde, diese Weisheit nach Art eines Ceterum censeo wieder und wieder von sich zu geben, noch bevor ich überhaupt den leisesten Einspruch erheben kann, ja, bevor ich überhaupt widersprechen möchte, denn es kommt ja durchaus vor, dass wir einmal einer Meinung sind. Außerdem, so meint sie, käme die Gelegenheit vielleicht nie wieder. Das ist wohl wahr und damit hat sie ausnahmsweise einmal Recht.

Als wir vor einigen Wochen die Mitte der Welt (Mitad del Mundo) besuchten, hörten wir zufällig von einer Tour zu einem spektakulären Vulkankrater. Ich hatte von diesem Besuch nicht eigens berichtet, weil der Trip zur Mitad del Mundo ohnehin zum Standard-Repertoire jeder Ecuadorreise gehört wie die Pusteln zu den Windpocken. Nichtsdestotrotz habe ich es mir nicht versagen können, ein paar Bilder auf diese Seite zu stellen – nur für den Fall, dass man mir vorwirft, ich hätte diese touristische Sensation absichtlich ausgelassen. Auf einem der Bilder sieht man mich sogar in der typischen Pose des Touristen, der stolz wie ein Weltbezwinger mit jedem Fuß auf einer Hemisphäre steht (weitere Bilder von der Mitte der Welt befinden sich in der Galerie).

Auf dem Areal der Mitad del Mundo haben sich einige kleinere Reiseagenturen angesiedelt; sie bieten vor allem Kurztrips zu den Sehenswürdigkeiten in der Umgebung der Stadt an. Die Bilder am Büro eines dieser Reiseveranstalter waren von solcher Imaginationskraft, dass wir spontan beschlossen, an einem anderen Tag wiederzukommen, um eine Tour zu buchen. Die Mitarbeiterin des Reisebüros empfahl uns, die Eintrittskarte für die Mitad del Mundo sowie die Banderole, die man ums Handgelenk geklebt bekommt, aufzuheben, denn andernfalls müssten wir das nächste Mal noch einmal Eintritt bezahlen. Ich sollte die Banderole nach Möglichkeit so entfernen, dass sie nicht reißt, was eine nicht geringe Herausforderung darstellte, wie jeder weiß, der schon einmal versucht hat, den Türsteher seines Lieblingsklubs mit einem wiederverwendeten Armband auszutricksen. Den Rest des Abends war ich dann auch damit beschäftigt, die Banderole mit äußerster Akribie von meinem Handgelenk zu pulen.

Die Tour zum Krater Pululahua, so der Name der Örtlichkeit, nimmt ihren Ausgang auf dem Areal der Mitad del Mundo und wenn man daran teilnehmen möchte, muss man erst einmal dorthin gelangen. Meine Frau erklärte dem Mitarbeiter am Einlass wortreich, wo das Problem lag, und sie zeigte ihm auch die Eintrittskarte, die wir anlässlich des Besuches vor einer Woche gekauft hatten, und die Banderole, die sauber abzulösen mir unter größten Schwierigkeiten gelungen war. Der Mitarbeiter hatte ein Einsehen und verwies uns zu einem Serviceeingang an der Seite.

Dort empfing uns der unvermeidliche Posten des Wachschutzes mit dem grimmigen Gesichtsausdruck des Uniformierten, der ein Grüppchen fröhlicher Zivilisten nahen sieht (Wachposten gucken immer grimmig, wenn sie Zivilisten nahen sehen; das lernen sie wahrscheinlich auf der Akademie für Wachposten). Wieder legte sich meine Frau mit nicht weniger grimmiger Plauderlaune ins Zeug. Sie bestürmte den Mann mit einem unwiderstehlichen Wortschwall, als gelte es ein furchtbares Schicksal abzuwenden wie seinerzeit Scheherazade. Sie vergaß auch nicht, das Ticket und die Banderole triumphierend vor der Nase des Mannes zu schwenken. Der Uniformierte folgte der Bewegung wie der T-Rex der Fackel in „Jurassic Park“, und hätte sie die Banderole weggeworfen, wäre der Mann ihr wahrscheinlich hinterhergerannt.

Schließlich, nach einer herzerweichenden Rede, die selbst noch einen kaltherzigen Bösewicht wie Lord Voldemort zu Tränen gerührt hätte, ließ uns der Mann mit gönnerhafter Miene ein. So wie meine Frau ihn bearbeitet hatte, konnte er sich wie der Held fühlen, der zwei hilflosen Fremden das Leben rettete. Ich glaube nicht, dass so etwas in Deutschland möglich gewesen wäre: Regeln sind Regeln und Ordnung muss nun einmal sein!

An der Reiseagentur wartete bereits der Kleinbus, der uns hinauf zum Krater transportieren sollte – ein klappriger alter Ford, dessen beste Zeit schon seit mindestens zwanzig Jahren vorüber war. Aber immerhin war der Fahrersitz mit Cupholdern ausgestattet und das Armaturenbrett war edel in Holz gefasst. Ich schrieb uns in die Teilnehmerliste ein und da wir an diesem Tag die letzten waren, die sich für die Tour anmeldeten, und man angeben musste, aus welchem Land man kommt, konnte ich ersehen, woher die anderen Tour-Teilnehmer stammten: Abgesehen von mir kam die einzige Teilnehmerin, deren Muttersprache nicht das Spanische ist, aus Schweden. Alle übrigen entstammten dem hispanischen Kulturkreis. Die meisten waren natürlich Ecuadorianer, aber auch ein junges Paar aus Chile fuhr mit.

Dann traf auch endlich unser Tour-Guide ein und schon ging es hinauf zum Krater. Dort trafen wir ein, kaum dass wir abgefahren waren – nach nur zehn Minuten war die Fahrt zu Ende. Jetzt wurde uns auch klar, dass wir keine Tour hätten buchen müssen, um zum Krater zu gelangen; man kann bequem mit dem eigenen Auto fahren. Viele hatten genau das getan und der Parkplatz vor dem Eingang war restlos mit den Autos der anderen Besucher zugestellt. Auch der unvermeidliche Porsche fand sich darunter. „Mutig“, bemerkte mein Sohn, und in der Tat stellt es angesichts der ausufernden Kriminalität im Lande ein nicht geringes Wagnis dar, einen Luxuswagen wie diesen auf einem unbewachten Parkplatz abzustellen. Aber ich bin sicher, der Porsche-Fahrer hat sich etwas dabei gedacht. Während unser Guide den Bus irgendwo zu parken versuchte, machten wir uns auf den Weg zum Krater.

Wenn man oben auf dem Kamm des Katerwalls steht, kann man angesichts der unirdischen Szenerie leicht dem Eindruck erliegen, man erlebe die Vision einer fremden Welt: Der Krater ist gewaltig und tief wie die Schädelkalotte eines gestürzten Titanen. Als wäre er die umgestülpte Schüssel des Himmels, ist er von einem Meer aus Wolken und Dunst erfüllt. Man kann die Luft darunter förmlich anfassen, da sie das Kraterloch wie ein Block aus Kristall zu füllen scheint. Der Fels ist überall von einem samtigen Pelz aus Vegetation überzogen und der Kraterboden ist bis in den letzten Winkel mit dem grünen Schachbrettmuster der Felder und Gärten bedeckt. Man sieht Häuser und Gehöfte, die gleich Miniaturen unter dem hastig dahineilenden Wolkendunst liegen. Wie eine Schneelawine, die träge über einen Felsgrat fließt, stürzen die Wolken über den Kraterrand. Sie gleiten durch das Rund der Caldera als wären sie Schaum in einer Tasse Macchiato. Die Kraterwände halten sie im Innern gefangen und so zerreibt sie der Fels allmählich zu Fetzen.

Mit seinem Hut und seinem lässigen Gehabe ist unser Guide die ecuadorianische Variante eines Indiana Jones. Als wir den Kraterrand erreicht haben, schwingt er sich verwegen auf die Balustrade, welche die Grenze zwischen Leben und Tod markiert: Rechter Hand senkt sich der Abhang dreihundert Meter in die Tiefe, aber die schwindelerregende Höhe scheint den Mann nicht im Mindesten zu bekümmern. Mit geradezu stoischer Ruhe setzt er zu seinem Vortrag an: Die Caldera hat einen Durchmesser von vier Kilometern und der Wall des Kraters steigt vom flachen Kraterboden aus über dreihundert Meter in die Höhe. Auf der Kraterseite sind die Wände fast senkrecht und es mag Stellen auf dem Wall geben, von denen aus man einen Stein fallen lassen kann und er würde erst wieder zur Ruhe kommen, wenn er auf dem Kraterboden aufschlägt.

Der Krater entstand vor Äonen infolge einer kataklysmischen Eruption: In den Magmaherden hatte sich Druck aufgebaut. Dieser Druck steigerte sich mit der Zeit so sehr, dass die Gesteinsdecke den plutonischen Kräften nicht länger standhalten konnte. In einer gewaltigen Explosion entluden sich die unterirdischen Kräfte und wie den Korken einer Sektflasche, die man zu sehr schüttelt, katapultierte der Vulkan das Gestein in die Stratosphäre. Zurück blieb jener riesige Krater gleich einer geologischen Pockennarbe.

Infolge eines einmaligen Zusammenspiels verschiedener klimatischer Phänomene beginnen die Wolken jeden Nachtmittag pünktlich um drei Uhr ihre Reise in den Krater. Wir waren gegen halb drei auf dem Kraterrand und konnten gerade den Anfang dieses faszinierenden Schauspiels verfolgen: Wie ein Wasserfall stürzen die Wolken über den Rand und schon nach kurzer Zeit ist das Kraterrund mit Wolken gefüllt als wäre es eine Schüssel mit dicker Graupensuppe. Später in der Nacht löst sich die Wolkendecke wieder auf und dann ist der Himmel sternenklar. Im Krater selbst gibt es kein Wasser und man wundert sich, wie die Menschen, die auf seinem Boden siedeln, überleben können. Die Wände und der Kratergrund sind aber mit einem dichten Pelz aus Vegetation überzogen. Die einzige Quelle der lebenspendenden Feuchtigkeit sind die Wolken.

Mindestens seit der Zeit der Inkas ist der Pululahua-Krater von Menschen besiedelt. In letzter Zeit hat es aber eine starke Abwanderung gegeben, denn niemand bei Verstand möchte sich für immer in dieses vorzeitliche Refugium einsperren lassen: Es gibt weder Radio noch Fernsehen noch Internet – die steil aufragenden Felswände verhindern jede Kommunikation mit der Außenwelt. Handys sind also vollkommen sinnlos, und Straßen, auf denen man mit dem Auto zum Kratergrund gelangen könnte, gibt es schon gar nicht. Vor einigen Jahren hat man zum ersten Mal eine Telefonverbindung eingerichtet. Die Leitungen schwingen wie die Kabel einer Seilbahn im Hochgebirge Hunderte Meter frei durch die Luft. Der einzige Weg in den Krater hinein und wieder hinaus führt über steinige Saumpfade, die sich in Serpentinen an den Kraterwänden entlang in die Tiefe winden.

Im Krater leben fast nur noch Alte. Die letzte Schule wurde schon vor Jahren geschlossen und auch der letzte Arzt hat dem Pululahua vor geraumer Zeit den Rücken gekehrt – die Patienten sind ihm ausgegangen. Die Leute besinnen sich lieber auf Kräuter und die heilenden Kräfte der Natur als den Rat eines Arztes zu suchen. Die typischen Altersgebrechen und Zivilisationskrankheiten, über die man den Berliner Rentner bei jedem sich bietenden Anlass klagen hört, scheinen hier vollkommen unbekannt zu sein. Trotz ihres fortgeschrittenen Alters erfreuen sich die Bewohner des Kraters einer so guten Gesundheit, dass sie nie einen Arzt nötig haben. Der arme Mann musste wahrscheinlich frustriert aufgeben, weil er sich fast zu Tode langweilte – niemand wollte ihn konsultieren.

Die Kraterbewohner finden ihr Auskommen in der Landwirtschaft. Vielfach wird Subsistenzwirtschaft betrieben, denn was der eigenen Hände Arbeit nicht hergibt, ist nur sehr schwer zu beschaffen. Einmal pro Woche befördern die Bauern ihre Waren auf Eseln zu einem Markt an der Mitad del Mundo. Darüber hinaus haben sie wohl nicht viel Kontakt mit der Außenwelt und das Leben im Krater ist sicher so geruhsam wie in einem einsamen Weltraumhabitat auf der Rückseite des Mondes. Damit ist auch das Geheimnis um die eiserne Gesundheit der Leute gelüftet: Der geheime Quell ihres Wohlbefindens scheint in der Abwesenheit von jeglichem Stress zu liegen. Aber wie sollte man sich auch gehetzt fühlen, wenn das einzige alltägliche Ereignis von Bedeutung im Leben der wöchentliche Gang zum Markt ist.

Hin und wieder verirren sich von Wanderlust getriebene Touristen in die Caldera. Der Abstieg mag dem alpinistisch Ungeübten noch unter Mühen möglich sein, aber der Aufstieg hat es in sich, zumal man auf dreitausend Metern Höhe nach ein paar schnellen Bewegungen oft das Gefühl hat, man würde einen Sack über den Kopf gestülpt bekommen. Als wäre man einem Vakuum ausgesetzt, ist plötzlich die Luft weg, und dann muss man erst einmal stehen bleiben und warten, bis sich das wie wild rasende Herz wieder beruhigt hat.

Im Krater gibt es ein Hotel, das den an den Komfort der Zivilisation gewöhnten Reisenden mit einem bequemen Bett für die Nacht und einer anständigen Mahlzeit versorgt. Durch ein Teleskop kann der Bewohner der Nordhalbkugel die fremden Konstellationen des südlichen Sternenhimmels bewundern, denn pünktlich zur Nacht löst sich die Wolkendecke, die ab drei Uhr Nachmittags über dem Krater zu liegen pflegt, wieder auf. Man muss aber aber kein Teleskop haben, um die Wunder des Weltalls bestaunen zu können. Einige campen im Krater. Wenn man dann nachts unter dem bestirnten Firmament liegt, das von den Kraterwänden eingerahmt wird wie von den beschützenden Händen eines Schöpfergottes, mag man sich wie der erste Mensch fühlen, der seinen Blick voller Ehrfurcht zu der erhabenen Größe des Himmels aufrichtete.

Vorbei an Skylla und Charybdis

Es ist vollbracht! Nach monatelangem nervenaufreibenden Ringen mit den Behörden scheint sich endlich ein Ende meiner Odyssee durch die Ämter anzubahnen: Wenn ich den Ankündigungen des Beamten der Migrationsbehörde Glauben schenken will, dann werde ich in ca. einem Monat meine unbefristete Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis ausgehändigt bekommen. Alle Papiere sind nun vollständig (sie beizubringen, kam geradezu einer Herkulesarbeit gleich) und es bleibt zu hoffen, dass der letzte Akt in diesem nervenzerreißend langen und zugleich tragikomischen Stück ohne weitere Verzögerungen über die Bühne geht.

Am Ende hat die ganze Sache viel Zeit gekostet und noch mehr Geld und das ständige Hin und Her auf den Ämtern zerrt einfach nur an den Nerven. Ohne einen Rechtsbeistand erreicht man nichts. Anfangs musste ich mich erst an die Vorstellung gewöhnen, dass man unbedingt einen Anwalt braucht, um die notwendigen Behördengänge zu erledigen und um die Sache überhaupt erst so recht ins Rollen zu bringen. Ein Anwalt ist in so einem Fall eine gute Sache und manchmal schlichtweg unverzichtbar, allerdings muss man dazu anmerken, dass der Rechtsbeistand für seine unschätzbaren Dienste auch ein üppiges Honorar verlangt.

Wenn man in einem fremden Land lebt, hat man sich nicht nur mit den offensichtlichen Problemen herumschlagen, die sich aus fremden Sitten, einer völlig verschiedenen Mentalität der Leute und einer Sprache ergeben, mit der man sich mehr schlecht als recht herumschlägt, viel mehr fällt der Umstand ins Gewicht, dass man sich um einen legalen Aufenthaltsstatus bemühen muss. Zwar benötigt man kein Visum, wenn man mit einem deutschen Pass nach Ecuador einreist, doch der legale Aufenthalt ist auf drei Monate begrenzt. Doch das Bleiberecht will erst verdient sein und um eine Aufenthaltsgenehmigung über die besagte Zeit hinaus zu erwirken, bedarf es nicht unbeträchtlicher persönlicher Anstrengungen des Antragstellers.

Neben dem sattsam bekannten Behördenungemach muss man sich auch noch auf nicht geringe finanzielle Ausgaben einstellen. Den größten Teil verschlingt dabei das Honorar des Rechtsbeistands; darüber hinaus muss man damit rechnen, dass jeder einzelne Besuch bei der Behörde Geld kostet – sei es, dass es sich um die Ausfertigung eines unverzichtbaren Schreibens handelt, sei es, dass eine Übersetzung wichtiger Dokumente vorgelegt werden muss, sei es, dass eine notarielle Beglaubigung zu erfolgen hat, sei es, dass Passbilder oder Kopien vorgelegt werden müssen. Alles kostet Geld. Es ist daher ratsam, immer einen ausreichenden Vorrat an Bargeld mitzunehmen, wenn man den Tag auf den Ämtern zu verbringen gedenkt. Nach ein paar Stunden auf der Behörde hat man im Durchschnitt an die dreißig, vierzig Dollar ausgegeben. Da es in der Regel nicht mit einem Besuch getan ist – wer schon einmal auf einer ecuadorianischen Behörde war, weiß, dass das unmöglich ist –, kann man sich leicht ausrechnen, welche nicht unbeträchtlichen Summen am Ende zu den Anwaltskosten addiert werden müssen.

Meine Frau ist bei der Deutschen Schule Quito angestellt und eigentlich ist in einem solchen Fall vorgesehen, dass der Arbeitgeber dabei hilft, den Familienangehörigen des Arbeitnehmers einen entsprechenden Aufenthaltsstatus zu verschaffen. Schließlich ist meine Frau nicht die erste, die sich aus Deutschland um eine Stelle an der Deutschen Schule beworben hat, und ganz sicher ist sie nicht die einzige, die mit Familienangehörigen ins Land einreist. Aus Gründen, die sich einer logischen Erfassung entziehen, hat der Arbeitgeber es leider versäumt, die notwendigen Schritte einzuleiten, so dass mein Aufenthaltsstatus letztlich ungeklärt ist. Aber wie behauptet schon die Redensart: Wenn man will, dass etwas getan wird, muss man es selber tun.

Wir haben uns also eine Anwältin besorgt, die auf Fälle spezialisiert ist, in denen es um den Aufenthaltsstatus geht. Solch ein Rechtsbeistand ist nicht billig – 1.300 Dollar verlangt die Anwältin für ihre Dienste –, aber ohne ist man verloren. In der Theorie könnte man auch alles selbst erledigen, nur würde man dann unendlich viel Zeit opfern müssen. Vielleicht käme man billiger davon, aber die Nerven, die man dabei lassen müsste, würden die eingesparten Kosten am Ende um ein Mehrfaches überwiegen. Ich bin skeptisch, ob es einem ohne ausreichende Sprachkenntnisse und ohne Kenntnis der Arbeitsweise des bürokratischen Apparates gelingen würde, die begehrten Papiere am Ende in die Hände zu bekommen. Aufgrund meiner Erfahrungen würde ich jedem in einer ähnlichen Situation raten, sich nicht ausschließlich auf die eigenen Kräfte zu verlassen. Ein Profi kann unendlich mehr ausrichten, und das in viel kürzerer Zeit.

Bisher musste ich fünf- oder sechsmal nach Quito fahren, um mich mit der Anwältin oder einem ihrer Mitarbeiter zu treffen. Die Anwältin unterhält ein Büro in einer belebten Geschäftsstraße in Quito und sie beschäftigt insgesamt mindestens fünf Mitarbeiter, von denen zwei Sohn und Tochter sind. Ihr Sohn studiert Recht und es ist anzunehmen, dass er in die Fußstapfen der Mutter treten wird, auch wenn ich mir nicht recht vorzustellen vermag, dass dieser leise, etwas linkische und zudem sehr unsicher wirkende junge Mann einmal Klienten vor Gericht vertreten soll.

Die Tochter studiert irgendetwas mit Medien, aber ich habe vergessen, was genau es war. Sie sprach übrigens, im Gegensatz zu ihrer Mutter (und auch im Gegensatz zu ihrem Bruder), gut Englisch und daher konnte ich mich mit ihr ein wenig unterhalten (meist gehen Unterhaltungen aufgrund der Sprachbarriere nicht über das Stadium der Gestikulation hinaus: mein Spanisch ist viel zu schlecht und es scheint in diesem Land einfacher, jemanden zu finden, der Quechua spricht, als jemanden, der über elementare Englischkenntnisse verfügt). Ich fragte sie scherzhaft, ob ihre Mutter ein guter Chef sei. Sie bejahte dies, jedoch nicht ohne einen Augenblick über die Antwort nachzudenken, und sie fügte dann sehr ernst hinzu, dass die Mutter streng sei, sehr streng. Autoritäre Erziehung hin oder her – die beiden Kinder haben das Privileg, studieren zu dürfen, und zwar dank des Vermögens der Mutter. Eine fundierte Bildung ist in Ecuador kein kleines Geschenk des Schicksals.

Seltsam ist, dass die Anwältin nicht unter ihrem eigenen Namen tätig zu sein scheint, sondern im Auftrag eines Unternehmens namens „Industahl“. Auf dem Türschild an ihrem Büro ist nicht ihr Name, sondern „Industahl“ zu lesen und im Foyer hängt ein riesiges Werbeplakat, auf dem man ein Stahlwerk, Bohrtürme, eine Eisenbahn und ein Flugzeug vor einer unverkennbar europäischen Landschaft sieht. Der Firmenname ist mit dem Schwarz, Rot, Gold der deutschen Nationalflagge unterlegt und es drängt sich die Schlussfolgerung auf, dass Deutschland dank „Industahl“ von einem Wald aus Bohrtürmen überzogen ist. Die Firma hat eine eigene Website, aber ich hatte bisher keine Lust, dort nachzuschauen.

An zwei aufeinanderfolgenden Tagen begleitet mich Diego aufs Amt. Diego ist ebenfalls ein Mitarbeiter der Anwältin. Er übernimmt vor allem Botendienste, holt die Post ab, befördert Dokumente zum Notar oder zum Übersetzungsbüro und wieder zurück und schleppt gelegentlich hilflose Gringos mit aufs Amt. Er spricht leidlich Englisch und so war es möglich, dass wir uns unterhalten konnten. Diego erzählte mir, dass er seit seinem achtzehnten Lebensjahr für fast zwei Jahrzehnte in Spanien gelebt hätte. Er besitze einen spanischen Pass und sei darum, technisch gesehen, Spanier und als solcher könne er nach Herzenslust im Schengenraum umherreisen und auch überall arbeiten. Das sei viel wert, meint er, wohl wissend, dass der ecuadorianische Pass außer in Ecuador nirgends einen echten Vorteil bietet.

In den Zeiten der Krise verließen viele Ecuadorianer das Land, um sich anderswo eine neue Existenz aufzubauen. Spanien bot sich schon deshalb an, weil infolge der gemeinsamen kolonialen Vergangenheit dieselbe Sprache gesprochen wird, und wer nachweisen kann, dass er einen spanischen Vorfahren hat, bekommt auch einen spanischen Pass, womit er dann gleichzeitig Bürger der Europäischen Union wird. In Spanien ist übrigens eine der größten ecuadorianischen Auslandsgemeinden ansässig. Unter allen Immigranten bilden die Latinos die größte Gruppe und innerhalb dieser wiederum die Ecuadorianer.

Diego erzählte, er sei seit drei Jahren wieder zurück in Quito und gern wäre er in Spanien geblieben, aber er habe eine sehr kostspielige Scheidung hinter sich und außerdem sei seit dem Ausbruch der Bankenkrise nichts mehr so gewesen wie zuvor. Es habe sich einfach nicht mehr gelohnt, dort zu arbeiten, doch als er sein mühsam Erspartes nach Ecuador transferiert hatte, habe er erst einmal gemerkt, wie teuer hier alles geworden sei. Schon der Umtausch von Euro in Dollar habe einen nicht gerade kleinen Teil des Ersparten regelrecht aufgefressen. Immerhin hatte das Angesparte ausgereicht, um in Madrid zwei Wohnungen zu kaufen – eine habe er dann mit der Scheidung freilich gleich wieder an seine Exfrau abtreten müssen.

Er fragte mich allen Ernstes – mich, jemanden, der gerade erst zugezogen ist –, wie teuer eine Wohnung in unserer Wohnanlage sei. Er schien zu glauben, ich sei eine Art Immobilienmakler. Ich hatte mir einmal von unserer redseligen Vermieterin sagen lassen, dass sich der Preis für ein Haus innerhalb der Mauern der Urbanización auf eine halbe Million Dollar beliefe. Diego wollte es kaum glauben, aber solche Preise sind für die Filetstücke auf dem hiesigen Immobilienmarkt durchaus normal. Als mein Sohn seinen Mitschülern erzählte, er wohne in Vista Grande (das ist der Name der Wohnanlage), meinten sie, seine Eltern (also wir) müssten aber reich sein, um sich solch einen noblen Wohnsitz leisten zu können. Sie taten dabei so, als handelte es sich nicht bloß um eine Mietwohnung, sondern um den Präsidentenpalast. Die Ironie ist, dass wir exakt dieselbe Miete zahlen wie in Santa Inés, und dieser Stadtteil Cumbayás gilt nicht gerade als besonders gute Wohngegend.

Wann immer es etwas auf der Behörde zu erledigen galt, bei dem meine Anwesenheit unerlässlich war, pflegte mich die Anwältin per Stellungsbefehl in ihr Büro zu rufen, und meist wurde mein Erscheinen zu so unchristlichen Zeiten wie Montag morgen acht Uhr verlangt. Ich nahm es mit ecuadorianischer Lässigkeit und gönnte mir die üblichen dreißig Minuten Verzug, cum tempore sozusagen. Niemand nimmt hierzulande daran Anstoß und man gilt immer noch als Musterbeispiel an Pünktlichkeit, wenn man sich nur um eine halbe Stunde verspätet. Obwohl ich mit dem Auto nach Quito fuhr, nahmen wir uns für die Behördengänge immer ein Taxi – der Verkehr in Quito ist fast zu jeder Tageszeit so dicht, dass man ständig im Stau steht und selbst eine Fahrt drei Blocks weiter kann zur echten Nervenprobe ausarten. Zudem ist es schwieg, in der dicht bebauten Innenstadt einen Parkplatz zu finden, und hat man ihn gefunden, wird man sofort von den freundlichen Fußtruppen der Parkraumbewirtschaftung zur Kasse gebeten. Nimmt man das Taxi, hat man am Ende kaum mehr ausgegeben – eine Fahrt über die kürzeren Strecken kostet zwei oder drei Dollar –, jedoch schont so eine Taxifahrt die Nerven ungemein, und zwar schon allein deshalb, weil man sich nicht ständig über all die rücksichtslosen Autofahrer ärgern muss, mit denen man es in Quito allerorten zu tun hat.

Nur einmal begleitete mich die Anwältin persönlich – und dann brauchten wir auch fast den ganzen Tag, um das Notwendigste zu erledigen –, meist überließ sie mich der bewährten Aufsicht ihrer Tochter, die mich, getreu dem Befehl ihrer Mutter, sicher an der bürokratischen Skylla vorbei lotste. In der Regel pendelten wir mehrmals am Tag mit dem Taxi zwischen Registro civil, also der Meldestelle, und der Migrationsbehörde. Die vollständige Bezeichnung lautet „Ministerio de Relaciones Exteriores y Movilidad Humana“ und jeder, der sich für längere Zeit, sei es aus beruflichen oder privaten Gründen, im Lande niederzulassen wünscht, muss sich eher früher als später den Mühlen der Bürokratie überantworten.

Verglichen mit ihrem deutschen Gegenstück ist die Einwanderungsbehörde sehr klein – ein Wartesaal und ein halbes Dutzend Schalter, in denen ernst blickende Beamte hinter Glas sitzen, dazu noch ein kleines Büro, in das die Antragsteller einbestellt werden, um ihre Visa abzuholen. Gleich am Eingang gibt es einen Empfang mit einem überaus freundlichen und geradezu grotesk aufmerksamen Mitarbeiter, der die Besucher begrüßt, sich ihr Anliegen anhört und ihnen schließlich, nicht ohne einen hilfreichen Rat erteilt zu haben, Wartenummern aushändigt. Meist ist es voll wie in einem Bienenstock, doch dank des bewährten Nummernsystems wartet man nie lange, und wenn doch, hat man Zeit, das geschäftige Treiben zu beobachten und zu erraten, woher die Leute kommen, denn alle im Wartesaal sind Fremde in diesem Land.

Wie in jeder staatlichen Behörde üblich, patrouillieren grimmig aussehende Wachleute durch den Besucherraum und beäugen misstrauisch die Anwesenden. Sie tragen kugelsichere Westen, Schlagstöcke und für den Fall der Fälle steckt die obligatorische Handfeuerwaffe in einem Halfter an der Hüfte. Als meine Betreuerin Nachrichten auf dem Handy zu versenden versucht, baut sich die Wachschutzmitarbeiterin zur furchteinflößenden Größe von 1,50 Meter vor ihr auf und macht ihr unmissverständlich klar, dass der Gebrauch elektronischer Geräte untersagt sei. Meine Begleiterin steckt das Handy sofort ängstlich in die Tasche und fortan wagt sie nicht einmal mehr heimlich einen Blick darauf zu werfen.

Objektbewachung und -schutz ist in Ecuador übrigens nicht nur Männersache; genauso häufig sieht man Frauen diesen Job verrichten. Die Arbeit ist keinesfalls gefahrlos und die Handfeuerwaffe sowie der Schlagstock sind auch nicht bloß coole Accessoires, um die man immer wieder gern beneidet wird. Die Arbeit mag zwar nicht schön oder interessant sein, doch wird dieses Manko durch den Respekt aufgewogen, den man als Wachmann genießt: Man kann häufig beobachten, dass die Leute den Guardias (d.h. den Wächtern) mit ausgesuchter Höflichkeit, ja, geradezu unterwürfig begegnen. Vielleicht sollte ich meiner Frau, die als Lehrerin arbeitet, den Erwerb eines Schlagholzes ans Herz legen. Ich wette, dann wäre Ruhe in der Klasse.

Auf Behörden werden dann und wann Passbilder verlangt. Ich hatte mir extra welche in einem kleinen Fotoatelier in Cumbayá anfertigen lassen. Freilich, schöne Porträtbilder sehen anders aus, und zu behaupten, ich sei gut getroffen, wäre eine unstatthafte Schmeichelei oder glatte Verarsche. Aber schließlich kommt es nicht darauf an, ob man von den eigenen Verwandten erkannt wird, sondern allein darauf, dass man die Passbilder zur Hand hat, wenn man sie braucht. Als man mich auf der Einwanderungsbehörde nach den Bildern fragt, kann ich sie nirgendwo finden – selbstverständlich nicht –, dabei bin ich mir doch so sicher, das ich sie mitgenommen habe, und selbstredend habe ich sie so gut verwahrt, wie man sie eben nur verwahren kann, jedoch will mir beim besten Willen nicht mehr einfallen, wo das gewesen sein mag. Ich gehe mit nahezu hundertprozentiger Sicherheit davon aus, dass sich die Bilder bis zu meinem Lebensende nicht werden finden lassen. Ich durchsuche dennoch sämtliche Taschen, aber es ist natürlich sinnlos. Ich bin ratlos: Wo bekomme ich jetzt schnell – egal, ob schön oder nicht – ein paar brauchbare Passbilder her?

Wir verlassen gerade die Behörde, um uns nach einem Fotoladen umzusehen, als uns noch auf der Treppe ein kleiner quirliger Mann anspricht: Ob wir Passbilder benötigten? Es scheint, er kann unsere Gedanken lesen. Selbstverständlich benötigten wir Passbilder. Er meint, wir sollten ihm folgen. Wir gehen nur ein paar Schritte weiter; der Weg führt in das Souterrain eines abgelebten Wohnhauses. Durch einen nur spärlich beleuchteten Gang gelangen wir in ein kleines Büro, dessen Fenster auf einen staubigen Hinterhof hinausblicken. In einer Art Rezeption, dort, wo normalerweise die Sekretärin sitzt, stapeln sich ausgeschlachtete Bildschirme und Computer. Es könnte gut sein, dass die Laptops, die man uns gestohlen hat, hier oder in einem ähnlichen Hinterzimmer noch immer auf ihre Zweitverwertung warten.

Der Mann bittet uns in sein Büro – einen winzigen Raum mit einem abgeschabten Computerdesk und einem kleinen Schreibtisch, an dem ein älterer Herr sitzt und konzentriert Kreuzworträtsel löst. Er ist so vertieft, dass er uns gar nicht zu bemerken scheint (oder so sehr an das ständige Kommen und Gehen gewöhnt, dass es ihm gar nicht mehr auffällt). Der kleine quirlige Mann schaltet den Computer ein. Es dauert geraume Zeit bis Windows 7 endlich hochfährt, doch dann geht alles sehr schnell: Der Mann stellt mich vor eine weiße Tapete, schießt mit seinem Handy ein einziges Foto, lädt es auf seinen Computer, bearbeitet es mit unglaublicher Fingerfertigkeit auf Fotoshop und druckt es schließlich im Passbildformat auf Normalpapier aus. Schnell noch mit der Schere ausgeschnitten und fertig ist das Passbild! 3,50 Dollar kostet die Fotoarbeit, die sehr an einen Mug-shot erinnert, die aber dennoch kaum besser oder schlechter ist als die Bilder des Fotografen. Allerdings hat der Fotograf zwei Versuche benötigt und mich anschließend auch gefragt, welches Bild ich haben möchte (eigentlich wollte ich keines). Das neue Foto sieht so scheußlich aus wie das alte, aber darauf kommt es bekanntlich nicht an: Der Mitarbeiter der Behörde nahm es entgegen, ohne mit der Wimper zu zucken.

Auf der Behörde

Jeder, der länger als drei Monate in Ecuador bleiben möchte, muss sich um eine Aufenthaltsgenehmigung bemühen, andernfalls ist er illegal im Lande. Da das Registrierungsverfahren relativ umständlich ist und auch lange dauern kann, empfahl uns der Arbeitgeber meiner Frau, die Deutsche Schule Quito, einen Anwalt mit der Sache zu beauftragen. Das taten wir dann auch. Unsere Anwältin residiert in einem bewachten Gebäudekomplex im Zentrum von Quito. Möchte man hinein, muss man bei der Wache seinen Ausweis abgeben, selbst wenn man einen Termin hat und sich ausweisen kann. Nachdem wir zunächst einen Monat nichts von der Anwältin gehört hatten, lud sie uns plötzlich zu einem Termin. Wir reisten von Nayón aus mit dem Auto an. Wir hätten auch den Bus nehmen können, aber die Fahrt hätte viel mehr Zeit beansprucht und wir waren an diesem Tag spät dran. Wenn man mit dem eigenen Wagen fährt, muss man sich leider daran gewöhnen, im Stau zu stehen. In Quito gibt es immer irgendwo Stau und ein missgünstiges Schicksal will es, dass man ausgerechnet immer genau dorthin will, wo alle anderen schon sind.

Nachdem wir bei der Anwältin eingetroffen waren, wurde uns klar, dass wir lieber den Bus genommen hätten, denn die Frau fackelte nicht lange und nahm unseren Wagen gleich als Taxi. Wieder ging es quälend langsam durch den dichten Stadtverkehr. Die Anwältin zeigte uns den Weg zur hiesigen Version der Meldestelle. Einen Parkplatz zu finden, glich wieder einem Kunststück, aber wir hatten Glück, denn auf einem bewachten Parkgrundstück wurde gerade ein Platz frei und wir quetschten uns in die Lücke. Dass der Lack auf dem nur handtuchschmalen Platz keinen Schaden litt, war fast ein Wunder. Um ein Haar wären wir nicht mehr aus der Tür gekommen. Ich gab der freundlichen Parkplatzwächterin das Parkgeld für zwei Stunden und wir mussten noch einmal zehn Minuten durch die Gegend marschieren, um zur Meldebehörde zu gelangen.

Im Grunde unterscheiden sich die Ämter in Ecuador nicht sehr von den Ämtern in Deutschland mit der Ausnahme, dass sie größer und moderner sind. Uns empfing ein riesiger Wartesaal mit schätzungsweise zwanzig Schaltern zur Abfertigung. Von der Angestellten am Empfang ließen wir uns Wartenummern geben und nahmen Platz. Über die Bildschirme flimmerten im Wechsel lustige Sketche oder Vermisstenanzeigen, während auf der unteren Bildlaufzeile aktuelle, die Behörde betreffende Nachrichten zu lesen waren. In einem Feld am rechten Rand erschienen im Wechsel die Nummern der Wartenden und die Schalter, zu denen sie sich begeben sollten. Unsere Anwältin, die sich auf Ämtern auskennt, hatte sich gleich mehrere Nummern geben lassen, um all das, was auch immer nötig sein würde, in nur einem Aufwasch zu erledigen.

Sobald unsere Nummer aufgerufen wurde, gingen wir zum Schalter – wie gesagt, man kommt sich vor wie auf einem deutschen Amt. Ich war froh, dass ich nichts tun musste, außer zu warten; die Anwältin erledigte alles. Nicht unbeträchtliche Irritationen rief der Familienname in unseren Pässen hervor. Die spanische Sprache kennt bekanntlich kein „ß“ und die Beamtin, die unsere Personalien aufnahm, beharrte steif und fest darauf, dass es sich um ein „B“ handeln müsse; etwas anderes war für sie völlig ausgeschlossen. Die Verwirrung war komplett, als ich meinen Personalausweis hervorholte und auf die Transskription in Großbuchstaben hinwies, die auf Doppel-S lautet. Offensichtlich hat man nicht aller Tage mit deutschen Namen zu tun. Das Rätselraten ging noch eine Weile weiter und würde bestimmt noch den ganzen Tag beansprucht haben, wenn die Beamtin nicht ihre Supervisorin herbeiholt hätte, die auf die geniale Idee kam, in den einschlägigen Transkriptionstabellen nachzusehen (zur Meldebehörde muss irgendwann jeder, auch Menschen mit unaussprechlichen deutschen Namen, die es durch Zufall nach Ecuador verschlagen hat). Tatsächlich fand sie heraus, dass „ß“ durch „ss“ zu ersetzen sei, und der Tag war gerettet.

So ein Behördengang könnte geradezu geruhsam sein, wenn man das Gebäude nicht dauernd wegen irgendwelcher zusätzlichen Besorgungen verlassen müsste. Wir aber mussten immer wieder hinaus, um Kopien von Pässen, Ausweisen oder diversen Schreiben anzufertigen, doch praktischerweise befand sich der Copy-Shop nur wenige Schritte entfernt. Fast alles, was wir an diesem Tag erledigten, sei es die Ausgabe eines amtlichen Papiers, seien es Kopien oder sei es einfach nur ein Stempel, kostete Geld. Selbst fürs Parken wurde noch der übliche Obolus gefordert. Nach ca. zwei Stunden war alles für diesen Tag erledigt und wir hatten etwa dreißig Dollar ausgegeben. Die Anwältin bemerkte mein Erstaunen angesichts so vieler zusätzlicher Ausgaben. Sie sagte, ihr Mann sei wie ich Deutscher und auch er wundere sich immer darüber, wie viel Geld jeder Behördenbesuch verschlinge. Sie könne durchaus verstehen, wie unerfreulich dies sei. Und da sie schon einmal bei den unerfreulichen Dingen war, hätte sie gleich erwähnen können, dass das Gros der Kosten durch ihr Anwaltshonorar verursacht wurde, demgegenüber die Summen, welche die Ämter verlangten, bloß Peanuts sind. Für 1.300 Dollar würde ich selber nur zu gern die lästigen Behördengänge übernehmen. Wir freuen uns auf den nächsten Besuch.

Zur „Migración“ gingen wir ohne die Anwältin. Hinter dem schlichten Namen verbirgt sich die Einwanderungsbehörde, zu der sich jeder irgendwann begeben muss, der länger als drei Monate im Lande zu bleiben beabsichtigt. Die Einwanderungsbehörde residiert in einem unscheinbaren Gebäude in Quito. Nur die übermannsgroße blaue Aufschrift „Migración“ auf dem weiß getünchten Gemäuer verrät, dass man an der richtigen Adresse ist. Im Innern empfängt einen der übliche strikt funktionelle Behördencharme: ein großer Wartesaal und mehrere Schalter, die auf Antragsteller warten. Alles ist neu und wirkt aseptisch sauber. Der Wartesaal ist nicht übermäßig gefüllt und wir haben gerade ein paar Minuten gewartet, da werden wir auch schon zum ersten freien Schalter gewunken. Die Formalitäten, derentwegen wir uns herbemühen mussten, sind ebenfalls in ein paar Minuten erledigt. Jedes der Papiere, das man uns ausgestellt hat, kostet fünf Dollar.

Auf der Behörde trifft man jene Ausländer, die sich wie wir auf das Abenteuer eingelassen haben, für längere Zeit in Ecuador zu bleiben. Gringos oder Personen, die, ihrem Aussehen nach zu urteilen, den Anschein erweckten, welche zu sein, sahen wir an diesem Tag nicht, dafür aber Latinos aus den anderen Ländern des Kontinents. Neben mir am Schalter steht eine Frau aus Venezuela. Ich kann ihren Reisepass sehen, als sie ihn dem Beamten durch das Fenster zuschiebt. Dabei schüttelt sie ihre blondierte Mähne, als wollte sie den Mann hinter dem Glas beeindrucken. Der Beamte nimmt den Pass mit undurchdringlicher Miene entgegen, blättert eine Weile aufmerksam darin herum und gibt ihn der Frau zurück. Die Venezolanerin bedankt sich überschwänglich herzlich und schüttelt wieder ihr Haar, dass ich schon anfange zu glauben, es müsse etwas bedeuten.

Die Beamten hinter den Schaltern tragen Jacken in den Farben der Behörde und Blau und Weiß scheinen ausschließlich für die Einwanderung reserviert zu sein. Über dem Herzen prangt die Aufschrift „Migración“. In ihren sportiven Jacken wirken sie so frisch wie die Angehörigen eines Olympiateams. In Deutschland würde man sie kaum für Beamte halten, aber hierzulande haben die Behörden in den letzten Jahren einen neuen Anstrich herhalten. Wirklich auffällig ist, dass der ecuadorianische Beamte jung ist – unfassbar, wie jung diese Beamten sind! In Ehren verknöcherte Vorpensionäre, die ihre letzten Jährchen in kontemplativer Stille zwischen verstaubten Aktenbergen absitzen, sieht man hier nicht. Das mag daran liegen, dass sämtliche staatliche Behörden in den letzten Jahren tiefgreifend reformiert worden sind. Alles wirkt nun viel moderner und neuer als in Deutschland. Bürgerämter in baufälligen Baracken, wie ich sie aus Berlin gewohnt bin, sucht man hier vergebens. Es hat den Anschein, man hat nicht nur die Gebäude erneuert, sondern gleich das Personal mit ausgetauscht. Und so kommt es, das einem auf den Ämtern statt alter mürrischer Beamter in abgewetzten Jacketts gut aussehende junge Frauen in feschen Sportblazern gegenüber sitzen. Wer geht schon gern zur Behörde? Zugegeben, es gibt interessantere Dinge, die man stattdessen tun könnte, zumindest aber verspürt man nicht mehr jenen nahezu unüberwindlichen Widerwillen, und das ist doch schon ein Fortschritt!

Der TÜV unter anderem Namen

Das Verwirrende in diesem Land ist, dass einem jeder etwas anderes erzählt, wenn man doch nur eine einfache und vor allem verbindliche Antwort haben möchte. Ich kann nicht sagen, ob dahinter eine bestimmte Intention steht, oder ob die Leute nur helfen wollen und es am Ende doch nicht besser wissen. Zugegeben, das Leben läuft auch hier in ähnlichen Geleisen wie in Deutschland, aber ehe man das Wie, Wo und Wann herausgefunden hat, kann viel, viel Zeit vergehen; um in der Metapher zu bleiben: Bevor man weiß, wo sich der Bahnsteig befindet, hat man sich die Füße wund gelaufen. Und das Nervenkostüm ist auch nicht mehr in bester Verfassung, zumal es die Regel zu sein scheint, dass man erst alle Irrwege ausmessen muss, ehe man sein Ziel findet.

Wie in Deutschland müssen auch in Ecuador alle Autos in bestimmten Abständen zum TÜV. Die zuständige Stelle heißt natürlich nicht so und mir ist momentan entfallen, wie sie sich eigentlich nennt, aber im Prinzip handelt es sich um genau dasselbe Verfahren. Über die technische Güte der Untersuchung kann ich natürlich nichts sagen. Der eigentliche Unterschied zwischen Ecuador und Deutschland zeigt sich aber im Preis: Zwar ist in Ecuador, von wenigen, sehr wenigen Ausnahmen abgesehen, alles teurer als in Deutschland, aber erfreulicherweise gehört ausgerechnet die Fahrzeugüberprüfung zu diesen wenigen Ausnahmen. Schlappe 23 Dollar zahlt man für die begehrte Plakette.

Unser Autohändler machte uns darauf aufmerksam, dass die technische Überprüfung sehr wichtig sei und dass man sich viel Ärger einhandeln kann, wenn man die Sache auf die leichte Schulter nimmt und den Termin verstreichen lässt. Aus irgendeinem logisch nicht nachvollziehbaren Grund finden Polizeikontrollen auf den Straßen stets nach Einbruch der Dunkelheit statt. Wenn man also Nachts mit dem Auto unterwegs ist, kann es durchaus vorkommen, dass man zur Überprüfung der Personalien und der Fahrzeugpapiere herausgewunken wird. Wenn dann etwas nicht stimmt, kann das sehr unangenehme Folgen haben. Um jegliche Unannehmlichkeiten zu vermeiden, wollten wir den Technik-Check so bald wie möglich vornehmen lassen. Doch unser Autohändler hatte noch eine schlechte Nachricht für uns: Leider gäbe es nur wenige Stellen, die autorisiert seien, und so wäre es kein kleines Kunststück, einen Termin zu ergattern. Man müsse schon nachts um 2:00 Uhr an der Terminausgabe sein, um mit einiger Wahrscheinlichkeit einen Termin am selben Tag zu bekommen.

Das sind in der Tat überraschende Neuigkeiten. Wir waren ein wenig ratlos, was wir tun sollten. Die Zeit schien uns etwas ungewohnt und wir fragten uns, ob die staatlichen Stellen noch nie etwas von Bürgerfreundlichkeit gehört hätten. Und selbst wenn wir zu nachtschlafender Zeit vor der Werkstatt aufgetaucht wären, hätte dies bedeutet, dass wir mit einem Termin allenfalls ab 8:00 Uhr rechnen könnten. Und wer schlägt sich schon gern die ganze Nacht um die Ohren, nur für einen Werkstatt-Check? Was also sollten wir tun? Der Autohändler bemerkte unsere Ratlosigkeit und schlug uns darum etwas anderes vor: Er habe einen Bekannten, der uns einen Termin auf viel einfachere Weise beschaffen könnte, ohne dass wir die ganze Nacht dafür opfern müssten. Für die kleine Serviceleistung werde nur ein geringes Entgelt fällig, das jedoch angesichts der vermiedenen Unannehmlichkeiten jeden Cent wert sei. Die reguläre technische Überprüfung kostet 23 Dollar, ein Termin mit Ausschlafen schlüge mit ca. sechzig Dollar zu Buche. Wir entschieden uns dann fürs Ausschlafen. Nun beging meine Frau leider einen Kardinalfehler, denn sie verplapperte sich beim Chef unseres Autohändlers, indem sie arglos erwähnte, dass sein Mitarbeiter uns freundlicherweise seine Hilfe bei der Beschaffung eines Termins zur technischen Überprüfung angeboten hätte. Der Chef schien diesen Extra-Service keineswegs gutzuheißen, denn als wir unseren Autohändler das nächste Mal ansprachen und fragten, wann wir denn auf einen Termin hoffen könnten, wiegelte er nur freundlich ab und die ganze Sache verlief im Sande.

Wir machten uns schon darauf gefasst, mitten in der Nacht aufzustehen und den halben Tag wartend im Auto zuzubringen, als meine Frau zufällig unsere Vermieterin auf das Problem ansprach. Die Vermieterin ruft meine Frau öfters an, teils um sich nach dem Befinden zu erkundigen (schön, dass ein Vermieter sich so für seine Mieter interessiert!), teils um herauszufinden, ob die Wohnung noch in Ordnung ist. Solange sie von unangemeldeten Inspektionen Abstand nimmt, soll es mir recht sein. Die Vermieterin meinte, einen Termin für den Technik-Check zu erhalten, sei überhaupt kein Problem. Sie kenne eine Stelle, bei der man auch nicht lange warten müsse. Ob ich morgen um 9:00 Uhr Zeit hätte? Ich könnte sie an der Schule meines Sohnes treffen. Sie würde vorausfahren und mir den Weg zeigen. Selbstverständlich war ich einverstanden, denn ich wollte den lästigen Termin so schnell wie möglich hinter mich bringen.

Am nächsten Tag erwartete ich sie Punkt 9:00 Uhr an der Schule meines Sohnes. Gemessen am landesüblichen Zeitempfinden war sie sehr pünktlich – gegen halb zehn traf sie schließlich gutgelaunt ein und sie entschuldigte sich sogar für die Verspätung. Ich hatte damit gerechnet, dass sie sich verspäten würde, und ich gönnte ihr das halbe Stündchen, denn wer hierzulande exakt auf die Minute eintrifft, wird leicht als eine Art komischer Kauz angesehen (oder für einen Deutschen gehalten). Wir fuhren nach Valle de los Chillos; das ist ein Vorort von Quito im Südosten. Wo genau sich die Werkstatt zur technischen Überprüfung befand, kann ich gar nicht sagen, weil ich mich die ganze Zeit darauf konzentrierte, am Heck meiner Vermieterin zu bleiben, und das Navi hatte ich auch nicht eingeschaltet.

Von der Autopista gelangten wir schließlich in eine Nebenstraße. Auf der linken Seite befand sich ein Autoshop, rechter Hand lag die Werkstatt. Punkt 10:00 Uhr trafen wir ein. Ich rechnete schon damit, dass wir einige Stunden Wartezeit in Kauf nehmen müssten, denn schließlich hatte es ursprünglich geheißen, man müsse schon Nachts vor Ort sein, um überhaupt einen Termin zu bekommen. Im Autoshop gegenüber holten wir uns einen Termin – ich war verblüfft, dass es auf einmal so schnell gehen sollte. Die Mitarbeiterin des Autoshops druckte mir ein DIN-A-4-Blatt mit dem Kennzeichen und den technischen Spezifikationen meines Autos aus. Ganz unten stand groß die Uhrzeit für meinen Werkstatt-Termin: 10:45 Uhr. Für den kleinen Service entrichtete ich noch einmal zwei Dollar.

Der Werkstatt-Termin selbst verlief so, wie man es auch in Deutschland erwarten könnte: Ich fuhr auf den Parkplatz, übergab dem Angestellten den Autoschlüssel und begab mich in den Wartesaal. Nach nicht mal einer Stunde war die Überprüfung abgeschlossen und der Techniker fuhr mir den Wagen auf den Stellplatz am Ausgang. Die Formalitäten waren in ein paar Minuten erledigt. Ein anderer Mitarbeiter klebte mir den Sticker auf die Windschutzscheibe – so einfach kann TÜV sein! Vom Ausgang aus konnte ich einen Blick in die Werkstatt werfen. Es gab zehn oder zwölf Hebebühnen und zwei Dutzend Mitarbeiter wirbelten im Akkord um die Autos herum. Alles wirkte sehr ordentlich und war penibel sauber; nirgendwo sah man Öllachen oder Fettflecken, das Werkzeug war akkurat verstaut. Selbst die Blaumänner der Techniker waren mit Bügelfalten versehen und wirkten wie frisch gewaschen und gestärkt. Im Autoshop hatte ich bemerkt, dass man Termine auch im Internet buchen kann. Dann kommt man einfach vorbei und muss auch gar nicht warten. Wirklich phantastisch, dieses Internet! Warum weiß eigentlich niemand davon?