Ein Herz und eine Gruft

Wir sagen Bahía Lebewohl und reisen weiter nach Süden, nach Guayaquil, der großen pulsierenden Hafenstadt am Río Guayas. Unterwegs machen wir einen Abstecher nach Montecristi, das in Ecuador wegen zweier Dinge berühmt ist, im Rest der Welt aber kaum für eines davon: Montecristi ist die Geburtsstätte Eloy Alfaros, des berühmten und gemeinhin verehrten Präsidenten, der vor über hundert Jahren die liberale Revolution einleitete. Aber nicht nur berühmte Präsidenten stammen aus Montecristi, sondern auch der Panama-Hut.

Eloy Alfaro war bis 1911 Präsident Ecuadors. Erst nach langen wechselvollen Kämpfen gelang es ihm, die Ordnung des Landes auf der Grundlage moderner verfassungsrechtlicher Normen zu verankern. Die strikte Trennung von Kirche und Staat war dabei die größte Errungenschaft und gilt als einer der Marksteine der liberalen Revolution. Sie eröffnete Freiräume für eine Entwicklung, wie sie unter der paternalistischen Diktatur der Kirche nicht möglich gewesen wäre. Die unwiderrufliche Trennung hat die überwältigende Mehrheit der Bewohner des Landes jedoch nicht davon abbringen können, sich auch weiterhin als Katholiken zu bekennen.

In Ecuador kennt natürlich jeder Eloy Alfaro – Grund, ihn zu lieben, haben aber bei weitem nicht alle. Unter der Präsidentschaft Rafael Correas, des derzeitigen Amtsinhabers (er wird noch bis 2017 regieren), hat man oberhalb von Monecristi ein Mausoleum mit den sterblichen Überresten des Generals sowie einen Plenarsaal errichten lassen. Dem architektonischen Ensemble, das einsam wie ein Eremitenkloster am Fuße der Berge thront, verlieh man den stolzen Namen Ciudad Alfaro. Hätten Nationen ein Herz, wäre es gewiss dieser Ort, über den der Geist eines ecuadorianischen Märtyrers wacht.

Ein, zweimal im Jahr werden hier, gewissermaßen am Reliquienschrein der Nation – der zugleich der Nabel des modernen nationalen Selbstbildes ist – symbolische Parlamentssitzungen abgehalten. Man darf bezweifeln, dass alle Abgeordneten in den Überbleibseln des grausam hingemordeten Präsidenten einen Quell der Inspiration sehen.

Wie der Zufall es will, ist Correa ein entfernter Verwandter des großen Generals. Nicht wenige halten dies für ein denkbar schlechtes Omen, da Alfaro selbst vor einem blutigen Staatsstreich nicht zurückschreckte, um seine politische Agenda durchzusetzen. Der derzeitige Präsident versteht sich zwar als ideologischer Erbe, aber damit enden auch schon die Gemeinsamkeiten, denn schließlich hat er sich nicht an die Macht geputscht, sondern wurde vom Volk in freier Wahl dreimal hintereinander mit großer Mehrheit ins Amt gewählt. Nicht jeder freilich möchte sich mit dieser Wahrheit abfinden.

Nur wenige Schritte vom Sitzungsort entfernt, lädt die Stätte mit den sterblichen Überresten des Generals zu einem Besuch ein. Ihre letzte Ruhe fanden die Gebeine in einer schlichten Marmorkiste zu Füßen einer Monumentalstatue, die den Präsidenten als kraftstrotzenden Heiland und Heroen zeigt. Vor dem Mausoleum ist indes sein größtes Werk zu bestaunen: die Eisenbahn.

Die Strecke, die einst von den Hafenstädten am Pazifik bis hinauf in die Anden führte, war seinerzeit eine technische Meisterleistung, würdig eines großen Führers und als solcher hat sich dieser stolze Mann wohl auch Zeit seines Lebens empfunden. Durch das Bahnprojekt standen Costa und Sierra zum ersten Mal in direktem Kontakt und die neuen Transportmöglichkeiten förderten die Entwicklung des Landes wie nie zuvor. Eloy Alfaro hat ein wichtiges Kapitel Geschichte geschrieben, aber bekanntlich findet jeder große Mann die Gegner, die er verdient. Am Ende haben sie ihn zu Fall gebracht. Sein Vermächtnis aber besteht bis heute fort.

Die andere Sache, mit der sich Montecristi einen Namen gemacht hat, sind natürlich Panama-Hüte. Die traditionelle Kopfbedeckung, die aus den Fasern einer endemischen Grasart, der Paja Toquilla, hergestellt wird, hat jedoch mit dem Land in Zentralamerika, nach dem sie benannt ist, etwa soviel zu tun wie der Hamburger mit der Stadt an der Elbe.

Panama-Hüte werden auch heute noch auf traditionelle Weise hergestellt, doch mittlerweile sind Hüte von guter Qualität unerschwinglich geworden und wohl auch ein wenig aus der Mode. Wer würde heutzutage schon zweitausend Dollar für einen Hut ausgeben, nur damit er ihn dann am Strand spazieren tragen kann? Ein unerwarteter Regenguss und das edle Stück taugt ohnehin nur noch als Dichtungsmaterial für Abwasserleitungen. Gerade noch eine Handvoll Hutflechter, die sich auf ein Werk von solch hoher Kunstfertigkeit versteht, widersetzt sich dem Trend. Aber wahrscheinlich kann man die Kunden, welche die exquisite Qualität zu schätzen wissen und die die ebenso exquisiten Preise für dieses handwerkliche Meisterwerk zu zahlen bereit sind, mittlerweile auch an einer Hand abzählen.

Wir besuchen die Ciudad Alfaro, die an diesem Tag wirkt, als wäre sie in einen Schlaf des Vergessens gesunken. Der Schlag des Herzens in der Brust dieser Nation gleicht dem Puls eines Patienten, der vorübergehend in ein Koma gefallen ist. Als einzige Besucher verlieren wir uns geradezu auf dem riesigen Parkplatz vor dem Mausoleum. Wir streifen ziellos umher, spazieren durch die Gärten, besteigen die Kuppel des Grabmals und lassen uns von der sakralen Atmosphäre in seinem Innern gefangen nehmen. Ein grauer Himmel hängt schwer über den Bergen und der Stadt.

Später fahren wir die Hauptstraße Montecristis ab, auf der sich Geschäft an Geschäft reiht. Ich habe den Eindruck, wir sind die einzigen, die es hierher verschlagen hat und ich kann mir nicht vorstellen, dass heute auch nur einer der Händler irgendein Geschäft macht. Auch uns steht nicht der Sinn nach Flechtarbeiten und Hängematten. Nirgendwo kann man Flechtarbeiten guter Qualität günstiger kaufen, aber wir haben schon mehr Hängematten und Körbe als wir im ganzen Leben je brauchen könnten. Und so verlassen wir Montecristi mit seiner nationalen Andachtsstätte mit nichts weiter als Erinnerungen und ein paar Fotos.

Regime Change

Unser Gastgeber wirkte auf Anhieb sympathisch, so sympathisch, dass man ihm den Politiker gern verzeihen wollte. Nachdem wir die Kartons abgeladen und in seiner Garage untergestellt hatten, bat er uns ins Haus. Hierzulande wird noch der Tradition einer ursprünglichen Gastfreundschaft gehuldigt und man würde es schlicht als unanständig ansehen, einen Besucher an der Haustür zurückzuschicken. Sein Haus, eine strahlende Residenz im Gewand postmodernistischer Zurückhaltung, hatte sicher mehrere Millionen Dollar gekostet, wie übrigens alle Häuser innerhalb der Mauern dieser Suburbanisation. Ein magischer Vollmond ging gerade über dem Dachgiebel auf. Die Szene wirkte so irreal wie die extravaganten Sehnsuchtsbilder in einem Immobilienkatalog für Superreiche.

Wir nahmen auf den schönen Sofas vor dem Kamin Platz. Das Wohnzimmer war sehr geschmackvoll eingerichtet. In der Dekoration ließ sich ein verhaltener Minimalismus erkennen, und an den Wänden hingen Kunstwerke, wie man sie wohl kaum auf dem Flohmarkt finden würde. Ein Bild gefiel uns besonders und meine Frau fragte nach dem Künstler. Wir googelten später, um mehr herauszufinden. Wir überschlugen, dass die Kunst, die allein in diesem Raum an den Wänden hing, gut zwanzigtausend Dollar wert war, vielleicht sogar noch mehr, denn der Künstler lebt nicht mehr und man darf davon ausgehen, dass seine Werke ständig an Wert gewinnen.

Wir unterhielten uns auf Englisch, dem einzigen Idiom, das alle gut genug sprachen, um darin eine gepflegte Unterhaltung zu führen. Die Frau unseres Gastgebers ist Amerikanerin und er selbst spricht ein perfektes Englisch, das jedoch den harten spanischen Akzent nicht ganz verhehlen kann. Um das Eis zu brechen, ergingen wir uns ein wenig in Smalltalk. Wir plauderten über Kunst – und über die schönen Bilder, die es an den Wänden zu bestaunen gab, ließ sich auch trefflich reden – und über einiges andere, Dinge, die man schnell wieder vergessen hat.

Der Verlauf des Gesprächs bot unserem Gastgeber dann aber doch Gelegenheit, recht schnell zur Sache zu kommen: Als meine Frau meinte, dass sein Name ihr irgendwoher bekannt sei, erklärte er, dass sie ihn wahrscheinlich in Zusammenhang mit der Mesa gehört habe; er sei darin Mitglied. Er fügte scherzhaft hinzu, er wäre somit ihr Boss, und das war keineswegs nur ein ironisches Bonmot, um das Gespräch aufzulockern, sondern es war die Wahrheit, nur eben in einen Witz und in ein sympathisches Lächeln verpackt. Die Mesa ist das, was in den USA das School board ist, also das Gremium, das die großen Entscheidungen in der Schulpolitik trifft. Selbstverständlich kann einer derart einflussreichen und mächtigen Körperschaft nur ein erlauchter Personenkreis angehören. Es ist immer gut zu wissen, mit wem man es zu tun hat.

Ich werde stets hellhörig, wenn man mir erzählt, man entstamme einer alten Familie, denn was man damit wirklich zu sagen versucht, ist, dass man eigentlich reich sei und dass man es schon gewesen sei zu einer Zeit, für die die meisten Menschen nicht einmal die Namen ihrer Vorfahren anzugeben wüssten. Einen langen Stammbaum hinter sich zu haben, ist aber kein Verdienst, sondern allenfalls Gunst des Schicksals oder doch eher reiner Zufall.

Ich habe gegoogelt – ich konnte einfach nicht widerstehen, zumal unser Gastgeber ja selber ins Gespräch eingebracht hatte, dass er einer Familie mit Herkommen entstamme: alter spanischer Kolonialadel aus Quito und reich begütert. Der Name ist bekannt. In Deutschland ist ein Name wie der andere und allenfalls ein „Von“ vor dem Nachnamen verleiht seinem Träger den schwachen nostalgischen Glanz einer vermeintlich besser geordneten Welt. Hierzulande sagt der Name aber viel über die soziale Stellung einer Person aus und manche Namen haben einen schöneren Klang als andere. Und der Name unseres Gastgebers ist für ecuadorianische Ohren schon fast ein Engelschoral.

Unser Gastgeber ist Anwalt und er strebt eine politische Karriere an. Seit Kurzem kandidiert er für einen Wahlkreis in Quito. Ich konnte nicht herausbekommen, für welche Partei er eigentlich ins Rennen geht, aber aus seinen Äußerungen wurde klar, in welche Richtung sein politisches Engagement zielt: Von der derzeitigen Regierung sprach er nur als „Regime“. Regimen haftet der Ruch des Unrechts und der Gewalt an und selbstverständlich ist es eine ehrenhafte Tat, sie zu beseitigen, vor allem, wenn man edle Ziele verfolgt. Er sprach davon, dass man (wer auch immer dies sein soll) die Demokratie (was immer das sein soll) „reinstallieren“ wolle. Ich wagte einzuwenden, dass der derzeitige Präsident sich dem Votum des Volkes in drei Wahlen habe stellen müssen, und in den letzten zwei hätte er sogar im ersten Wahlgang die absolute Mehrheit errungen. Mehr demokratische Legitimation kann man eigentlich kaum haben.

Unseren Gastgeber focht das nicht an: Die Regierung hätte ihre Leichen im Keller. Ich verstand nicht, was er mir damit sagen wollte, und er sah sich zu einer Erklärung genötigt. Die Regierung führe Listen mit über drei Millionen Wählern, die es in Wirklichkeit gar nicht gibt – Phantome, Geister, Harvey der Hase. Bei einer Einwohnerzahl von sechzehn Millionen würde man mit solch einem Stammkapital natürlich jede Wahl gewinnen, ganz gleich, wie sehr sich die Opposition auch anstrengen mag. Ich konnte es nicht glauben, doch er beharrte, es sei die Wahrheit. Den Beweis blieb er natürlich schuldig, aber ich erwartete auch nicht, dass er die gefälschten Wählerlisten in diesem Augenblick aus der Schreibtischschublade ziehen würde.

Man muss dazu wissen, dass in Ecuador die Wahl Staatsbürgerpflicht ist. Wer wählt, erhält darüber einen amtlichen Nachweis. Ohne diesen Nachweis kann man auf verschiedenen staatlichen Stellen ernste Probleme bekommen und dann benötigt man eine Freistellung, eine Art Ablassbrief, der wiederum bestätigt, dass alle Schuld beglichen sei und dass man ab sofort wieder in dieselben Rechte eingesetzt sei wie jemand, der seiner Staatsbürgerpflicht brav nachgekommen ist.

Da jeder Wahlberechtigte also wählen muss, denn andernfalls hätte er Sanktionen zu gewärtigen, ist davon auszugehen, dass die Wahlbeteiligung nahe einhundert Prozent liegt – das dürften schon fast realsozialistische Quoten sein. Drei Millionen zusätzliche Wähler würden da natürlich auffallen. Doch keine Wahlbeobachterkommission hat je beanstandet, dass die Wahlen im Land nicht dem allgemein anerkannten Standard entsprochen hätten, wie er für demokratische Wahlen als angemessen erachtet wird.

Ich wollte diese Ungeheuerlichkeit nicht weiter kommentieren. Meine Frau verwies darauf, dass die derzeitige Regierung das Land wie kaum eine Regierung zuvor vorangebracht hätte. Zum ersten Mal – man möchte sagen, seit Menschengedenken – hat man den Eindruck, die jahrzehntelange Erstarrung, in der sich das Land befunden hatte, wäre beendet und Ecuador hätte doch noch seine Ausfahrt in die Zukunft gefunden. Meine Frau verwies auf Infrastrukturprojekte, die das Land völlig umgestaltet hätten, auf die Bildungs- und Justizreform, auf die Reform des Ämterapparates und nicht zuletzt darauf, dass dieser verschlafene Flecken namens Ecuador, dieses letzte Stückchen Erde am äußersten Ende der Welt endlich einen Zugang zur Moderne gefunden hätte.

Alle diese Dinge sind wahr und jeder, der das Land im Abstand von mehreren Jahren besucht hat, kann sich mit eigenen Augen davon überzeugen. Unser Gastgeber hatte darauf nur zu entgegnen, dass alle diese Werke die Pflicht der Regierung gewesen seien, die Pflicht jeder Regierung, die den Anspruch erhebt, ein Land verantwortungsvoll zu führen und die auch über die Fähigkeiten verfügt, dieser Aufgabe nachzukommen. Eine solche Argumentation führt geradezu zwingend zu dem Schluss, dass es allen Vorgängerregierungen entweder am Willen mangelte, das Land zum Besseren zu verändern, oder dass man schlicht unfähig war und deshalb scheitern musste. Führer, so fügte er enigmatisch hinzu, würden stets für ihre schlechten Taten in Erinnerung bleiben. Er ließ offen, was er damit meinte, aber seine Worte schwebten wie ein Verdikt im Raum.

Wir sprachen noch ein wenig über die Zukunft. Unser Gastgeber ging davon aus, dass die derzeit im Amt befindliche Regierung auch die nächsten Wahlen gewinnen werde – dank ihrer drei Millionen Phantomwähler. Er konnte sich nicht mit dem Gedanken versöhnen, dass man sie vielleicht auch deshalb gewählt und zweimal im Amt bestätigt hatte, weil alle vorangegangen Regierungen das Wohlergehen der großen Mehrheit im Lande sträflich vernachlässigt hatten, und zwar über Jahrzehnte.

Rafael Correa, der derzeitige Amtsinhaber, wird 2017 zurücktreten. Die Opposition wittert Morgenluft, doch die meisten halten sie nicht für die Alternative, die das Land weiter voranbringen könnte. An der Spitze der Bewegung steht ein Banker und die Leute spotten, er unterhalte ein gut gefülltes Konto in der Steueroase Panama. Dass sich dieser Mann als Anwalt der einfachen Leute ausgibt, ist wirklich lächerlich, aber allein mit den Stimmen der reichen Elite (die ihm, wie ihre Herzen, ohnehin schon zufliegen) könnte er keine Wahl gewinnen. Viele im Lande fürchten, mit einem Sieg der Opposition würde das Land einen Rückfall in die Zeiten dreister Klientelpolitik erleben, da eine raffgierige Elite sich dank ihrer Beziehungen und dank ihres Einflusses die lukrativsten Pfründen zu sichern verstand. Wenn man sich die jüngste Geschichte Ecuadors anschaut, sind diese Ängste nicht ganz unbegründet.

Unser geschätzter Gastgeber schien nicht besonders erfreut über den Umstand, dass nach der nächsten Wahl ein Mann wie Lenín Moreno das Präsidentenamt übernehmen könnte, doch er lächelte die bittere Pille einfach weg. Moreno war unter Correa bis Mitte 2013 Vizepräsident, aber seitdem ist es ruhig um ihn geworden und eigentlich hegt man keine großen Erwartungen mehr für seine politische Zukunft. Seit einem Raubüberfall 1998 sitzt er im Rollstuhl und er war der erste hohe Amtsträger mit einer Behinderung in ganz Lateinamerika. Im Jahre 2012 wurde er wegen seines Engagements für Behinderte sogar als Kandidat für den Friedens-Nobelpreis gehandelt (den Preis hat dann aber die EU erhalten – wofür eigentlich?).

Mir ist nicht ganz klar, warum unser Gastgeber den Ex-Vizepräsidenten überhaupt ins Spiel brachte, aber er schien ihn als einen möglichen und aussichtsreichen Bewerber für das Präsidentenamt anzusehen. Vielleicht ist das aber nur eine taktische Finte, um die Leute zu ängstigen, so dass sie es sich überlegen und ihre Stimme im letzten Moment doch noch dem Banker mit dem Auslandskonto geben. Wenn man unseren Gastgeber so reden hörte, hätte man glauben können, mit einem Rollstuhlfahrer als Präsidenten setze man das Schicksal der Republik aufs Spiel. Denn auf den Gesundheitszustand Morenos anspielend, meinte er mit besorgter Miene, er könnte im Amt sterben und er beschwor damit den Alptraum eines Staatsnotstandes herauf. Woher er seine ärztliche Weisheit nahm, weiß ich nicht zu sagen, aber wenn dem so wäre und tatsächlich jeder, der im Rollstuhl sitzt, in akuter Lebensgefahr schwebte, wäre zumindest im Falle Schäubles noch zu hoffen.

Im übrigen meinte er, Moreno sei ein „funny guy“ – vielleicht spielte er auf die Lachtherapie an, durch die es ihm gelang, seinen Gesundheitszustand zu stabilisieren, nachdem ihn die Ärzte schon abgeschrieben hatten. Ob aber jemand, dessen offenbar einzige Qualität darin zu bestehen scheint, „lustig“ zu sein, als Präsident eine gute Figur abgäbe, mag man bezweifeln, ganz abgesehen davon, dass er ein todkranker Mann sei – jedenfalls nach der Meinung eines Laiendoktors.

Man ist ganz hin und hergerissen zwischen der persönlichen Liebenswürdigkeit und Hilfsbereitschaft dieses Mannes, der zudem noch überaus sympathisch wirkt, und seinen Aussagen, die man wohl weniger als persönliche Meinung zu werten hat, sondern vielmehr als knallharte politische Agenda ansehen muss. All die Schlagworte, die er an diesem Abend bemühte, um sein Missbehagen gegenüber der Regierung zum Ausdruck zu bringen, kamen mir verdächtig bekannt vor: Regime, Wahlen manipuliert (auch wenn er das explizit nicht so sagte), Demokratie reinstallieren.

Es braucht keinen genialen Politstrategen, um daraus ein griffiges Programm zu schmieden, welches das Potential hat, als politischer Brandbeschleuniger zu wirken. NGOs spielen nach wie vor eine zweifelhafte Rolle in der ecuadorianischen Politik und es würde mich keineswegs überraschen, wenn unser Gastgeber den Segen und die Unterstützung mächtiger Schirmherren gewonnen hätte.

Regime haben leider keinen guten Leumund und wenn man eine rechtmäßig gewählte Regierung nur lange genug so tituliert, hängt man ihr eine Zielscheibe um, auf die man sich in aller Ruhe einschießen kann. Denn es ist ein Verbrechen, eine legitime Regierung zu stürzen, aber es ist legitim, ein Regime zu beseitigen. Eine neue, eine bessere Ordnung ist denkbar und sie ist sogar wünschenswert und vor allem ist sie gerecht – zumindest wenn man Propagandisten vom Schlage unseres Gastgebers glaubt. Wäre dem wirklich so, hätten die Menschen sich doch längst für eine andere Führung entschieden, denn schließlich ist Ecuador nach allgemeinem Dafürhalten keine Diktatur, und auch wenn man eine Regierung als Regime bezeichnet, heißt das natürlich nicht, dass sie wirklich eines wäre. Zu schade, dass man sich das Volk, das einen wählen soll, nicht aussuchen kann.

[Anmerkung: Lenín Moreno wurde vom linken Lager – wie von unserem Gastgeber vorausgesehen – tatsächlich als Präsidentschaftskandidat aufgestellt. Im April 2017 hat er die Stichwahl gegen den Banker Guillermo Lasso denkbar knapp gewonnen. Wie ebenfalls vorhergesehen, behaupteten die Verlierer, die Wahlen seien manipuliert worden. Gleichsam als Beweis führten sie die völlig anderslautenden Prognosen an. Unabhängige Wahlbeobachter konnten jedoch keine Manipulationen feststellen und sie kamen zu dem Ergebnis, dass die Wahl korrekt abgelaufen sei. Prognosen der dem konservativen Lager nahestehenden Info-Institute hatten Lasso zunächst deutlich vor Moreno gesehen, so dass sich für viele mittlerweile die Frage erhebt, ob nicht eher hier eine gezielte Manipulation vorliegt, welche dem konservativen Lager im Falle einer Niederlage einen bequemen Vorwand bieten würde, die Wahl anzufechten. Die Opposition bestreitet dies und erklärt, sie wolle das Wahlergebnis in jedem Falle überprüfen lassen.]

Heroen und andere Unsterbliche

Die Tage in Bahía sind eine unbeschwerte Zeit, die bei Sonne, Strand und Meer nur allzu schnell verrinnt. Der Rhythmus der Stadt ist ansteckend und fünf Tage sind schnell vergangen, wenn man nichts weiter zu tun hat, als den natürlichen Bedürfnissen zu gehorchen. Es gibt keine Pflichten, denen man zu genügen hätte, keine lästigen Obliegenheiten, mit denen einen der Alltag nur allzu oft quält, und am Strand zu liegen, Muße zu pflegen und hin und wieder das gute einheimische Essen zu genießen, sind schon die einzigen Forderungen, denen man sich zu fügen hat.

Man könnte so das ganze Leben zubringen und es wäre in nur einem Augenblick vorbei. Selbst die Ewigkeit wirkt kürzer angesichts des Gleichmaßes, das der stete Takt von Tag und Nacht der Welt als unerschütterliches Gesetz auferlegt. In Bahía richtet sich das Versmaß des Lebens nach dem Rhythmus der Natur und das Metrum der Zeit schlägt immer mit derselben unveränderlichen Geschwindigkeit. Nie geschieht etwas, das ihren Lauf beschleunigt und Uhren, die einen daran gemahnen, immer hübsch im Takt zu bleiben, sind daher ganz unnötig. Das Leben ist ein einziges unerschütterliches Kontinuum. Es ist friedlich und ruhig – kein Wunder, dass es so viele Expats in die Stadt zieht: Einen größeren Kontrast zu den Großstädten der USA oder Europas könnte man sich wahrlich nicht denken.

Einmal fahren wir nach Rocafuerte, um Süßigkeiten einzukaufen. Wir schaufeln die Dulces gleich tütenweise ins Auto, aber die Leckereien sind auch schnell aufgegessen. Ich bin geradezu abhängig von dem Naschwerk mit Maní (Erdnussbutter) und ich kann mich schon ein paar Tage später nicht mehr zurückhalten und esse gleich zwei große Behälter an nur einem einzigen Abend leer.

Ganz in der Nähe liegt Montecristi, ein kleiner Ort, der für seine Flechtarbeiten aus Toquilla bekannt ist. Toquilla ist ein Gras, das ausschließlich an der ecuadorianischen Pazifikküste vorkommt. Schon in präkolumbianischer Zeit fand es Verwendung und Händler brachten Erzeugnisse daraus bis nach Mexiko. Berühmtheit erlangte Montecristi durch den Panama-Hut, denn auch wenn die Kopfbedeckung nach dem Land in Mittelamerika benannt ist, stammen die Hüte doch aus der ecuadorianischen Küstenregion, besonders aus Montecristi und dessen näherer Umgebung.

Montecristi wird ebenfalls als der Geburtsort Eloy Alfaros gerühmt. Eloy Alfaro war zweimal Präsident Ecuadors (bis 1911) und gilt als der Wegbereiter der liberalen Revolution. Unter seiner Ägide wurde die Trennung von Kirche und Staat vollzogen. Darüber hinaus initiierte er den Bau einer Eisenbahn, die zum ersten Mal Costa und Sierra direkt verbinden sollte. Das Projekt galt seinerzeit als undurchführbar, doch im Jahre 1908 wurde das letzte Teilstück der Route Guayaquil-Quito fertiggestellt. Vor dem Bau der Eisenbahnstrecke dauerte eine Reise Wochen. Für die Bergregionen bestimmte Handelsgüter mussten auf Eseln transportiert werden und der Weg führte über steinige Pfade bis hinauf in eisige Höhen.

Mit der Eisenbahn schaffte man dieselbe Strecke, für die man vorher Wochen benötigt hatte, in nur zwei Tagen. Damit wurden Costa und Sierra zum ersten Mal auch wirtschaftlich eng miteinander verbunden (Heute braucht man mit dem Auto etwa acht Stunden.). Als sich der General später zum dritten Mal zum Präsidentenamt zu putschen versuchte, verlor er seine Unterstützer, wurde festgenommen, in Quito ins Gefängnis gesperrt und dort von einer wütenden Menge gelyncht. Seine Leiche wurde in einem der großen Parks der Stadt verbrannt.

Heute gilt Eloy Alfaro als eine Art Nationalheiliger und er wird als der mächtigste Bannerträger des Fortschritts in der ecuadorianischen Geschichte verehrt. Die derzeitige Regierung, die sich als Wahrerin jener Werte versteht, für die der General einst unter Einsatz seines Lebens kämpfte, beruft sich explizit auf dessen Vorreiterrolle in der liberalen Bewegung. Die Regierung Correa versteht sich als Alleinerbin der liberalen Revolution und sieht sich zugleich als kämpferische Verwalterin ihres Vermächtnisses. Sie wird nicht müde, diesen Anspruch propagandistisch akzentuiert unters Volk zu bringen, um noch dem Letzten im Lande klarzumachen, dass die liberale Revolution im Sinne Eloy Alfaros mit dieser Regierung ihre Fortsetzung und letztlich ihre Vollendung gefunden hat. Amtsinhaber Rafael Correa ist übrigens ein entfernter Verwandter des berühmten Generals.

Oberhalb von Montecristi, dem Geburtsort Eloy Alfaros, hat man eine nationale Weihestätte zum Andenken an den großen Präsidenten errichtet. In der Ciudad Alfaro, der „Alfaro-Stadt“, gibt es eine Gedenkstätte, die einem Mausoleum nicht unähnlich sieht. Darüber hinaus kann man noch ein Museum besuchen, das zur Geschichte und Kultur Ecuadors informiert sowie Stationen aus dem Leben Eloy Alfaros zeigt; auf dem Gelände findet sich ein Besucherzentrum, Tagungssäle für Parlamentssitzungen oder internationale Konferenzen und ein Areal mit kleinen Läden, in denen der Besucher schöne landestypische Handwerksarbeiten kaufen kann. Der große Parkplatz vor dem Eingang ist auf Massenandrang ausgerichtet.

Im Zentrum der Ciudad Alfaro erhebt sich ein massiver Kuppelbau. Darin befindet sich eine pompöse Monumentalplastik, die Eloy Alfaro als kettensprengenden Heroen zeigt (der Mann war in Wirklichkeit selbst für seine Zeit außergewöhnlich klein). Auf dem Postament ruhen in einem im Kontrast zur Statue sehr schlichten Ossuarium die sterblichen Überreste des Präsidenten. Man kann sich nur schwer des Eindrucks erwehren, dies sei weniger ein Gedenkmonument für einen Staatsmann als vielmehr der Reliquienschrein für einen Heiligen.

Wenn man den Bau betritt, führt der Weg zunächst durch einen langen Gang, der unheimlich wie das Innere einer Mysteriengrotte erleuchtet ist. Das flache Gewölbe, das sich über die Köpfe der Besucher spannt, erzeugt eine Atmosphäre des Mystischen und Geheimnisvollen. In die Wände sind Vitrinen eingelassen und Tafeln mit berühmten Zitaten aus Briefen und Reden des Präsidenten stimmen den Besucher auf den Geist des Ortes ein. Fast scheint es, man gehe durch eine dunkle Krypta, und wenn man dann das Ende des Weges erreicht hat, tritt man urplötzlich ins helle Licht unter der Kuppel. Gleich einem heidnischen Idol erhebt sich dort die mächtige Heroenstatue des Präsidenten, und ich musste wirklich an einen Archäologen denken, der als erster Besucher seit Tausenden von Jahren den unterirdischen Kultraum einer vergessenen Kultur betritt. Wahrscheinlich ist dieser Effekt gewollt und wahrscheinlich fühlt es sich für einen wahren Gläubigen gar nicht anders an, wenn er seinen Tempel, seine Kirche oder seine Moschee betritt.

Von außen wird der Bau von den Spitzbögen einer Stahlkonstruktion gleich dem Fächer eines Blütenkelches eingerahmt. Angesichts ihrer schieren Größe lassen die Bögen öfter an das Gerippe eines Wals denken denn an irgendetwas anderes. Ich habe immer noch nicht herausgefunden, was die fächerförmige Konstruktion eigentlich darstellt, aber vielleicht kommt mir ja noch eine Erleuchtung.

Ich hätte gern ein paar Fotos gemacht, aber aus Gründen, die sich der Erfassung durch den Verstand entziehen, waren der Akku der Kamera sowie das Ladegerät leider wie vom Erdboden verschluckt [Anmerkung des Autors: Die Fotos, die man sieht, stammen von einem späteren Besuch]. Die hektische Suche, die sich daraufhin entspann, hatte nicht den gewünschten Erfolg und auch als wir später noch einmal gründlich und methodisch suchten, blieb das Ladegerät verschwunden. Man hätte ja Fotos mit dem Handy schießen können. Allerdings werde ich das Gefühl nicht los, die Eigenwerbung der Hersteller übertreibt doch maßlos, wenn es um die Qualität der Bilder geht, die sich mit solch einer popeligen Handykamera angeblich erzielen lässt. Die Aufnahmen, die ich bisher gemacht habe, gleichen da schon eher Lomografien. Übrigens fand sich das Ladegerät später im Koffer (sic!), begraben unter Bergen all jener nützlichen wie unentbehrlichen Dinge, die man auf alle Fälle braucht, um eine siebentägige Reise zu überstehen.

Von so viel Bedeutungsschwere war mir schon ganz schummerig und ich war froh, dass wir noch vor dem Abend ins leichtlebige Bahía mit seinen spektakulären Sonnenuntergängen und seinen gutgelaunten Bewohnern zurückkehren konnten. Bahía gehört wahrscheinlich zu den wenigen Orten auf der Welt, an denen man den lieben langen Tag im Prinzip einfach mal nichts tun kann, ohne deswegen ein schlechtes Gewissen haben zu müssen, denn paradoxerweise fühlt man sich am Abend, als hätte man wie einst Herkules die Welt aus den Angeln gehoben und auch gleich wieder ganz neu eingehängt.

In Bahía bedarf es nicht viel, um das Leben in seiner reinsten Form zu genießen. Aber braucht es denn auch viel mehr als Sonne, Strand und Zeit – vor allem Zeit, viel Zeit? Zeit jedenfalls hat man genug, und zwar immer. Wäre Zeit Geld, wie das Sprichwort behauptet, hätte man in Bahía stets mehr davon zur Hand, als man ausgeben könnte. Zeit kann nicht verschwendet werden, denn es gibt sie im Überfluss, doch überflüssige Zeit ist unbekannt.

Die Bahieños verlassen ihre Stadt nur ungern: Das Leben anderswo sei viel zu hektisch. Warum soll man das beruhigende Gefühl, eine Unendlichkeit zur Verfügung zu haben, um Dinge ins Lot zu bringen, gegen den Akkord nach dem rasenden Takt der Uhr tauschen? Ich kann die Leute gut verstehen, die leben, als wären sie unsterblich. Fast wünschte ich, ich wäre selbst ein Bahieño.