Begegnung am Kanal

Der Kauf eines Hauses will reiflich überlegt sein und bevor man solch einen Schritt wagt, sollte man sich gut informieren. Gucken ist unverbindlich und Fragen verpflichtet auch noch nicht zum Kauf. Aber man kann schon einmal eine Menge in Erfahrung bringen und manchmal ist so eine Besichtigungstour auch eine Gelegenheit, alte Bekannte wiederzusehen. Wir hatten gehört, dass der Sohn eines berühmten Einwohners der Stadt eine Wohnsiedlung außerhalb der Stadtgrenzen errichten lasse. Unsere Neugier war geweckt und wir wollten uns einmal ansehen, wie so etwas aussieht. Wir ließen uns daher für eine Objektbesichtigung vormerken und fuhren hin.

Die neue Siedlung befindet sich einige Autominuten außerhalb von Bahía. In der Stadt selbst ist gutes Bauland in den letzten Jahren rar geworden und leere Baugrundstücke gibt es schon seit langem nicht mehr. Zwar hört man immer wieder, dass Leute verkaufen wollen, doch gerade in der jüngsten Zeit hat die Stadt eine Art Immobilienfieber befallen und jeder, der eine sechsstellige Zahl korrekt auf ein Blatt Papier schreiben kann, fühlt sich bemüßigt, unverschämte Forderungen zu stellen, sobald man fragt, wie viel sein Grundstück wohl koste. Ich weiß nicht, ob jemand diesen Leuten schon einmal Realitätsverlust attestiert hat – mittlerweile scheint der Grad der Wahrnehmungsverzerrung ein klinisches Stadium erreicht zu haben.

Die Preise sind geradezu abenteuerlich. Für dieselbe Summe könnte man sich in Berlin ein kleines, aber feines Apartment leisten. Doch Bahía ist nicht Kalifornien oder die Costa del Sol, ja nicht einmal Guayaquil. Es handelt sich immer noch um denselben winzigen Flecken am Rande des Pazifiks, dessen Einwohner vor gut zwanzig Jahren die erste Verkehrsampel bestaunten wie das achte Weltwunder. Manchmal glaubt man, die Leute seien nicht mehr bei Trost, wenn sie annehmen, jemand würde ihnen ihr winziges Grundstück mit einem alten Haus darauf tatsächlich für den Fabelpreis abkaufen, den sie sich in einer tropischen Mondnacht bei Zuckerrohrschnaps und Bier herbeiphantasiert haben.

Die neue Wohnanlage wird auf Brachland errichtet, außerhalb von Leonidas Plaza, der quirligen Vorstadt von Bahía. Das Grundstück ist überwältigend groß – an der längeren Seite misst es sicher an die zweihundert Meter – und wenn man am Eingangstor steht, fühlt man sich fast so klein wie ein Gesandter aus dem Barbarenlande vor den Pforten der Verbotenen Stadt. Die Straße führt direkt vor dem Tor vorbei, doch die Siedlung ist immer noch weit genug von der Stadt entfernt, um nicht das Gefühl aufkommen zu lassen, man befände sich mittendrin.

Auf der gegenüberliegenden Seite grenzt die Anlage an ein Grundstück der Katholischen Universität. Diese Lehreinrichtung ist eine der besten privaten Hochschulen des Landes und wer hier studiert darf sich glücklich schätzen (und seinen reichen Eltern danken), denn allein schon der Besuch der berühmten Alma Mater stellt sicher, dass man sich nach dem Abschluss zur Elite des Landes zählen darf.

Das der Universität gehörende Grundstück ist noch vollkommen unerschlossen – das allgegenwärtige Grün wuchert uferlos bis zum Horizont – und da es sich zudem noch um ein Naturschutzgebiet handelt, besteht wenig Anlass zu der Befürchtung, dass sich daran jemals etwas ändern wird – also schöne Aussichten für Häuslebauer, die beim Morgenkaffee die freie Aussicht in die Natur genießen wollen. Ein gewaltiger Zaun aus armdicken Gitterstäben, wie man sie sonst nur im Zoo an den Gehegen der gefährlichsten Kreaturen findet, markiert die Grenze.

Nachdem der Wachschutzmann unsere Namen erfragt und uns eingelassen hat, können wir einen ersten Eindruck gewinnen. Überall in Bahía hört man über diese neue Wohnanlage reden. Wir spazieren ziellos umher, doch wirklich viel kann man freilich nicht sehen: Kaum mehr als ein Dutzend Häuser ist bis dato fertiggestellt, dazu stehen noch die Mustertypen, die man braucht, um Interessenten den Mund wässrig zu machen. Auch an Bäumen fehlt es noch: überall nur staubtrockene, kahle Erde. Der Ort erinnert sehr an eine Großbaustelle, auf welcher der Baubetrieb momentan zum Erliegen gekommen ist, weil der Investor gerade Konkurs angemeldet hat. Doch hier verhält es sich ausnahmsweise einmal anders.

Wir laufen gerade durch die Anlage und schauen uns die neuen Häuser und die ebenfalls neuen und schön gepflasterten Straßen an, als uns Rodrigo wie zufällig über den Weg läuft. Natürlich ist das kein Zufall, denn er bewohnt derzeit eines der Musterhäuser und selbstverständlich ist ihm unser Besuch vom Wachmann pflichtschuldig gemeldet worden. Rodrigo ist ein alter Freund – ich habe ihn 1992 zum ersten Mal getroffen – und sein Sohn ist der eigentliche Spiritus rector hinter dem Projekt, dessen erste Resultate wir gerade Gelegenheit haben, in Augenschein zu nehmen. Rodrigo ist mit einer alten Schulfreundin meiner Frau verheiratet und seinerzeit galt er, wie man hört, als der Schwarm von ganz Bahía. Er ist seit unserem letzten Treffen vor einigen Jahren deutlich gealtert, aber ja, er sieht immer noch gut aus, und zwar trotz der schweren Krankheit, von der er erst kürzlich genesen ist.

Rodrigo entstammt einer alten, einflussreichen Familie, die in der Gegend seit langem begütert ist. Ecuador, so könnte man glauben, ist voll von alten Familien und wohin man sich auch wendet, auf Schritt und Tritt begegnet einem irgend ein alter Titel, der seinem Träger Bewunderung und Vorrechte einträgt. Aber der Eindruck täuscht natürlich, denn es können immer nur wenige sein, die Vermögen und Privilegien unter sich aufteilen.

Doch man sollte nicht ungerecht sein: Gerade von Rodrigo wissen die Leute nur Gutes zu berichten. Man sagt, er hätte viele gute Dinge für die Stadt getan, und wer ihn kennt, möchte dies nur allzu gern glauben. Er ist dafür bekannt, dass er so manchem half, der in eine verzweifelte Lage geraten war. Und man weiß auch, dass er Freunde niemals im Stich lässt.

Nur zu oft begegnet man unter den Eliten dieses Landes jenem kalten Standesdünkel, der Distanz schafft zwischen den Welten der Besitzenden und der Habenichtse. Doch solches gekünstelte Gehabe liegt Rodrigo völlig fern; er ist immer ganz er selbst und man achtet und respektiert ihn gerade deswegen. Nie würde man erleben, dass er etwa mit seinen Angestellten anders verkehrte als mit Geschäftspartnern – ein Charakterzug mit Seltenheitswert. Menschenfreundlichkeit und Natürlichkeit prägen seinen Charakter und sie sind der Quell seiner Beliebtheit – etwas, das man beileibe nicht allen Angehörigen der Oberschicht nachsagen kann.

Rodrigo lässt es sich nicht nehmen, uns persönlich zu führen. Während wir uns die Musterhäuser anschauen, erklärt er, dass, wenn alles vollendet wäre, einmal hundert Wohneinheiten auf dem Gelände stehen würden. Auch werde man bald die Begrünung in Angriff nehmen. Die Hauseigentümer könnten selber entscheiden, welche Bäume sie auf ihrer Parzelle gepflanzt haben möchten. Es sei auch möglich, die Farbe zu wählen, in der das Haus später erglänzen soll.

Es gibt drei Typen von Häusern; sie sind unterschiedlich groß und die Preise sind entsprechend gestaffelt. Die mittlere Variante spricht uns am meisten an. Das Haus verfügt über zwei Etagen und drei Schlafzimmer sowie über ein sehr großes helles Wohnzimmer und eine schöne Wohnküche. Überdies gibt es eine Garage, doch man könnte den Wagen auch einfach auf der Straße abstellen, denn die Anlage wir rund um die Uhr bewacht. Der Komplettpreis für solch ein Haus beträgt 85.000 Dollar und der erste Spatenstich erfolgt, sobald der Klient dreißig Prozent der Gesamtsumme angezahlt hat.

Rodrigo erläutert, dass beim Bau nur qualitativ hochwertige Materialien Verwendung fänden und dass man Techniken einsetze, wie sie etwa in Deutschland Standard seien. Ich versuche mir vorzustellen, wie die Anlage einmal aussehen würde, wenn alles fertig wäre – wahrscheinlich kaum anders als eine propere deutsche Vorstadtsiedlung, in welcher der Mittelstand seinen Traum vom Glück verwirklicht hat: schnurgerade Reihen von Serien-Einfamilienhäusern mit schönen Einbauküchen und Carports; das Grauen als Mittelstandsidylle.

Hier in Ecuador, zumal in Bahía, fallen solche altbackenen Spießerträume auf fruchtbaren Boden. Die Leute sehnen sich geradezu verzweifelt nach der vermeintlich schönen heilen Welt des fernen Europa. Ein Haus, ordentlich in Reih und Glied neben anderen Häusern, von denen es sich auch beim dritten Mal Hingucken kaum unterscheiden ließe, hübsch herausgeputzte Vorgärten und argwöhnisch blickende Nachbarn sind für die meisten die Essenz des Glücks schlechthin und die unentbehrlichen Requisiten eines erfüllten Lebens. Jeder mag die Vollendung finden, die ihm beliebt.

Doch es gibt nicht viele Alternativen. In Ecuador findet man Landstriche von atemberaubender Schönheit und tatsächlich wäre es möglich, Land zu kaufen und sich ein Haus zu bauen. Man sollte vor solchen Utopien Reißaus nehmen. Trotz aller Veränderung zum Besseren prallen in diesem Land immer noch extreme soziale Gegensätze aufeinander und Gewaltkriminalität ist leider einer der bestimmenden Faktoren des Lebens. Solche Blütenträume von einem autarken Glück in der bezaubernden tropischen Landschaft würden dem Alltag nicht lange standhalten. Es bedarf nicht viel Phantasie, das Bild zu vervollständigen.

Die Wohnanlage verfügt über ein ausgedehntes Gemeinschaftsareal, das für alle Arten sportlicher Aktivitäten gerüstet ist: Es gibt einen Fußballplatz mit Kunstrasen, einen Tenniscourt, wie er selbst einen verwöhnten Profi zufriedenstellen würde, und einen großen Swimmingpool. Mitten durch die Anlage führt ein Graben von den Dimensionen des Panamakanals. Mir war keineswegs klar, dass es auf dem Areal der Siedlung Bewässerungsprojekte mit megalomanischem Anspruch gibt. Ein Brückenbogen mit einem gusseisernen Geländer im Jugendstil spannt sich anmutig über den Canyon.

Wenn alles erst einmal in das tropische Paradies verwandelt ist, das den Bauherren vorschwebt, wird man glauben, man wandle durch einen blühenden Lustgarten – oder so ähnlich. Rodrigo meint, das Gelände sei durch Überschwemmungen bedroht und um die Gefahr abzuwenden, habe man den Entwässerungskanal angelegt, ein Bauwerk von pharaonischen Ausmaßen. Ich frage mich, wie groß die Bedrohung wohl sein mag, wenn es eines mehrere Meter tiefen Kanals bedarf, um sie abzuwenden? Der Graben scheint geeignet, darin Mammuts zu fangen oder um als Deponie für den Müll der Stadt aus den letzten zehn Jahren zu dienen. Der Anblick verursacht ein flaues Gefühl in der Magengrube.

Wir plaudern noch ein wenig, wie man eben so plaudert, wenn man sich über die Jahre aus den Augen verloren hat. Über seine Krankheit spricht Rodrigo nicht, aber er meint, es sei nun alles wieder in Ordnung. Es gehe ihm gut. Zumindest ist er am Leben und das ist viel, wenn man den Gerüchten, die eine Zeitlang in Umlauf waren, Glauben schenken möchte.

Wir kommen schnell auf das Erdbeben zu sprechen, das Bahía wie die gesamte Küste getroffen hat. Auf einigen der Wege zeigen sich Verwerfungen und die Einfassung des Schwimmbeckens ist herausgebrochen, als hätte sie jemand mit dem Vorschlaghammer vorsätzlich herausgesprengt. Rodrigo zeigt auf eines seiner Musterhäuser, durch dessen Fassade sich ebenfalls Risse ziehen. Es sei jedoch nichts eingestürzt, wie er nicht ohne Stolz anmerkt; die Statik wäre jedenfalls nicht betroffen. Vielleicht spricht das für die gute Bauausführung oder für die „deutschen“ Standards. Ich kann es nicht beurteilen.

Rodrigo verabschiedet sich. Er sieht aus, als hätte er eine Verabredung zum Tennis auf dem nagelneuen Platz in seiner Anlage. Er ist etwas schlanker als ich ihn in Erinnerung habe, aber er sieht sportlich aus. Er scheint ruhiger geworden zu sein und vielleicht auch gelassener. Augenscheinlich geht es ihm gut. Ich freue mich darüber von ganzem Herzen und ich gönne ihm seinen Frieden.

Wir sind natürlich neugierig und natürlich ist die Auskunft des Investors keinen Pfifferling wert, wenn man seinen Sachverstand nicht auch noch durch eine zweite Meinung stärkt. Der Cousin meiner Frau, einer der Eigentümer und Betreiber des „Buenavista Place Hotel“, kennt sich aus mit Immobilien – notgedrungen. Gerade in einer Gegend, die regelmäßig von Erdbeben, Überschwemmungen und Erdrutschen heimgesucht wird, ist man auf kundigen Rat angewiesen.

Der Vetter stellt rundheraus in Frage, dass man durchgängig hochwertige Baumaterialien verwendet hätte, wie man behauptet, doch dass ein tiefer Flutgraben durch die Anlage verlaufe, sei einfach nur besorgniserregend. Wenn er zu entscheiden hätte, welcher der sicherste Platz für ein Haus sei, würde er eine Stelle wählen, die möglichst hoch liegt und vor allem möglichst weit entfernt vom Graben.

Zumindest wissen wir nun, dass der Graben kein stiller Wasserarm ist, der in einen Seerosenteich mündet, auf dem sich Liebespaare in Schwanenhalsbarken ein romantisches Stelldichein geben. Wir erfahren darüber hinaus, dass es die Wohnanlage schon seit vier Jahren gibt, aber erst der kleinste Teil der Parzellen sei verkauft. Vielleicht hat der Stillstand auf der Baustelle also doch etwas zu bedeuten. Ich kann es nicht wirklich glauben, dennoch will es mir nicht gelingen, die ungute hellseherische Ahnung abzuschütteln, die sich an mich klammert wie ein Alp.

Clash of Clans

Die Begegnung, die wir an diesem Abend haben sollten, war für mich in vielerlei Hinsicht lehrreich. Auch wenn das Gespräch, das sich zwischen uns und unserem Gastgeber entspann, sehr schnell offenbarte, dass uns Welten trennten, war es doch wider Erwarten kein unangenehmes Zusammentreffen. Im Gegenteil, unser Gastgeber verstand es, uns jederzeit das Gefühl zu geben, wir seien willkommen. Wir waren kaum je einer Meinung und dennoch kam nie der Eindruck auf, wir wären ihm darob weniger liebe Gäste.

Unser Gastgeber ist Politiker und offenbar hat er eine Mission. Zumindest erweckte er den Anschein, doch bei Politikern kann man das nie so genau sagen, denn eine Mission kann ein brauchbares Vehikel sein, die eigene Karriere voranzutreiben, und welcher Politiker käme nicht zu der Überzeugung, dass sein derzeitiger Platz in den Rängen der Politik keineswegs seiner wahren Bestimmung entspreche. Ich hatte den Verdacht, der Mann versuchte ernsthaft, uns zu seinen Ansichten zu bekehren, aber das ist vielleicht nur eine Berufskrankheit, wie das dauernde Siegerlächeln und der männliche Händedruck, eine Marotte, die man nur schwer wieder ablegen kann, nachdem man gezwungen war, sie anzunehmen.

Nur wenige Begegnungen bleiben einem derart im Gedächtnis haften und vor allem sind nur wenige wert, festgehalten zu werden. In mir reifte der Entschluss, von diesem Abend zu berichten. Sobald wir wieder zuhause waren, begann ich mir deshalb Notizen zu machen, denn dass Details mit der Zeit verschwimmen, ist so sicher wie das Delirium nach der samstäglichen Berliner Partynacht. Zudem ist das Gedächtnis ein unzuverlässiger Zeuge, denn es färbt die Erinnerungen stets in der Farbe, die ihm am angenehmsten ist.

Nach dem Erdbeben, das Bahía de Caráquez und die ganze Küstenregion von Esmeraldas bis nach Guayaquil getroffen hatte, versuchte meine Frau, ihrer Familie das Leben ein wenig erträglicher zu machen. Ihre Angehörigen leben in Bahía. Wir hatten haltbare Nahrungsmittel, Medikamente, Kleidung und auch zwei Zelte besorgt (nach dem Beben hatten alle Angst, in ihren Häusern zu schlafen) und wir beabsichtigten, die Sachen mit einem Hilfstransport an die Küste zu schicken.

Beinahe täglich machte sich damals ein Versorgungskonvoi zur Küste auf. Auch der Arbeitgeber meiner Frau, die Deutsche Schule Quito, engagierte sich mit einem Hilfsprogramm. Man organisiert einen großen Konvoi, der die Eingeschlossenen mit allem versorgen sollte, was sie in dieser kritischen Situation benötigten. Meine Frau wollte die Chance nutzen und zur Küste mitfahren, doch leider ergab sich keine Gelegenheit und dass sie die Kartons für ihre Familie einfach mitschickte, erwies sich aus vielerlei Gründen als unmöglich.

Wir überlegten nun, wie die Nahrungsmittel, die Kleidung und die Zelte nach Bahía gelangen könnten. Ein privat organisierter Transport – man hätte die Sachen mit dem Auto an die Costa schaffen können – wäre angesichts der zu erwartenden Schwierigkeiten kaum möglich gewesen: Die Straßen waren noch immer zerstört und eine ausufernde Kriminalität machte eine Fahrt an die Küste zu einem gefährlichen Abenteuer. Meine Frau war völlig verzweifelt, denn es schien, die Sachen würden nicht mehr rechtzeitig in Bahía eintreffen.

Enttäuscht und traurig räsonierte sie eines Tages vor einer ihrer Klassen darüber, dass sie keine Möglichkeit gefunden hätte, ihrer Familie zu helfen. Nach dem Unterricht suchte eine ihrer Schülerinnen das Gespräch. Sie eröffnete meiner Frau, dass es vielleicht doch möglich wäre, etwas nach Bahía zu schicken, denn ihr Vater organisiere selber einen Hilfstransport und dieser gehe schon am nächsten Tag zur Küste ab. Die Schülerin erklärte, ihre Familie würde sich sehr freuen, wenn meine Frau den Vorschlag annehmen könnte. Es gäbe genug Platz. Wir müssten die Pakete nur einfach noch an diesem Abend bei ihr in der Wohnanlage abgeben.

Am Abend luden wir die Kartons ins Auto und führen zu der Wohnanlage, in der die Familie des Mädchens residiert. Meine Frau war heilfroh, dass sich doch noch eine Möglichkeit ergeben hatte, etwas nach Bahía zu schicken. Zwar befindet sich die Urbanisation in Cumbayá, doch sie liegt in einer Gegend, die wir noch nie zuvor besucht hatten und deshalb wussten wir auch nicht, wie wir dorthin gelangen sollten.

Sucht man in Berlin einen unbekannten Ort, würde man einfach in die Straßenkarte schauen und in der Regel findet man auch, wonach man sucht. Da hier in Ecuador fast jeder in irgendeiner Urbanisation lebt und jede der Wohnanlagen einen unverwechselbaren Namen trägt, reicht es völlig aus, den Namen der Wohnsiedlung zu kennen. Leider sind Urbanisationen in keiner Karte verzeichnet (geschweige denn in den Karten des Navi) und wenn man sich, so wie wir, nicht auskennt, kann man manchmal wirklich verzweifeln.

Wir fragten Leute auf der Straße. Normalerweise erntet man als Antwort nur ein Schulterzucken oder eine vage Angabe, die sich als richtig oder falsch herausstellen kann (ehe die Leute zugeben würden, dass sie den Weg nicht kennen, sagen sie lieber irgendetwas, von dem sie bloß annehmen, dass es die richtige Richtung sei). Selbst in einer so überschaubaren Stadt wie Cumbayá geht die Zahl der Wohnsiedlungen in die Dutzende und nicht einmal die Alteingesessenen kennen alle.

Doch die Urbanisation, die wir suchten, war ausnahmsweise so bekannt, als würde man in Berlin nach dem Brandenburger Tor fragen. Jeder, den wir ansprachen, kannte sie nicht nur, sondern jeder konnte uns auch exakt beschreiben, wie wir dorthin gelangten. Ich konnte mich nicht entscheiden, ob ich dies für ein gutes oder ein schlechtes Zeichen halten sollte. Jedenfalls enthob es mich der Pflicht, durch das mittlerweile stockdunkle Cumbayá zu irren.

Die kaum noch beherrschbare Kriminalität zwingt die Menschen, sich in den Schutz von Mauern zurückzuziehen. Doch beschützte Wohnanlagen sind keineswegs nur einer Elite vorbehalten, wie die Burgen des Mittelalters dem Adel. Wohnanlagen gibt es fast in jeder Preisklasse und nur, wer wirklich arm ist, muss auf Schutz verzichten. Wenn man das Land nicht kennt, könnte man auf die Idee kommen, sich irgendwo ein Haus zu bauen und darin zu wohnen – warum auch nicht.

Man sollte davon tunlichst Abstand nehmen, denn ein ungeschütztes Anwesen stellt für die einschlägigen Milieus geradezu eine Einladung dar, die man nicht ausschlagen kann. Man darf damit rechnen, nicht nur einmal, sondern so viele Male ausgeraubt zu werden, bis es entweder nichts mehr zu holen gibt, oder bis man aufgibt und in eine sichere Wohnanlage umsiedelt. Wenn man dabei bloß mit dem Schrecken davongekommen ist, hat man noch Glück gehabt.

Die Urbanisation, die wir an diesem Abend besuchten, gehört zweifellos zu den teuersten Orten der Stadt und sie ist darum auch besonders gut geschützt. Bis zu diesem Zeitpunkt wusste ich nicht, dass es Wohnanlagen in der Wohnanlage gibt. Das klingt verrückt, ist aber nur Teil des allgemeinen Wahnsinns, den dieses Land befallen zu haben scheint.

Direkt an der Straße befindet sich das große Tor, welches – wie hierzulande üblich – mit Schranken und Kameras gesichert ist und das von recht martialisch wirkenden Wächtern bewacht wird. Wer Einlass begehrt, muss sich ausweisen, und wie ein Fremder vor dem Tor einer mittelalterlichen Festung wird man von den Wachen nach dem Begehr gefragt. Ohne einen handfesten Grund wird man nicht eingelassen und darüber hinaus muss man auch noch jemanden kennen, der hier wohnt, andernfalls hat man schlechte Karten. Wollte man sich etwa als Miet- oder Kaufinteressent die Anlage einfach nur einmal anschauen, wäre man gehalten, einen akkreditierten Makler zu beauftragen und einen Termin zu vereinbaren. Der Sicherheitswahn hierzulande grenzt schon an Paranoia und er scheint umso ausgeprägter, je nobler die Immobilie ist. Diese hier schien besonders teuer.

Nachdem man glücklich durch die Sicherheitskontrollen gekommen ist und die Torwächter passiert hat, bewegt man sich auf scheinbar gewöhnlichen Straßen, als wäre man in einer normalen Stadt, mit dem Unterschied, dass eine Urbanisation von einer normalen Stadt ungefähr so weit entfernt ist wie das „Venetian“ in Las Vegas von der echten Lagunenstadt. Es gibt nur Straßen und Mauern und hinter diesen Mauern residiert eine Oberschicht, die um nichts mehr fürchtet als um ihren kostbaren Besitz und um ihre Sicherheit. Diese Urbanisation war anders als alle Wohnanlagen, die wir bisher gesehen hatten, denn kaum waren wir vom Wachpersonal durch den äußeren Mauerring geschleust worden, standen wir nach nur ein paar Wegbiegungen vor einer weiteren Mauer.

In „Clash of Clans“, dem wuseligen Online-Computerspiel, hat man nur dann eine Chance, dem Ansturm einer feindlichen Armee zu widerstehen, wenn man die Mauern der eigenen Stadt ordentlich verschachtelt, denn dadurch zwingt man den Feind, immer neue Wälle zu bestürmen, kaum dass er ein Hindernis überwunden hat. Angesichts der himmelwärts strebenden Mauern, hinter denen man sich in dieser Wohnanlage verschanzte, hätte man glauben können, im Lande tobe ein Belagerungskrieg, nur dass die Eloy sich vor den Nachstellungen der Morlocks für diese unerreichbar in ihren Wohnquartieren eingeigelt hatten.

Jede dieser Suburbanisationen ist eine Welt für sich, eine kleine Festung, deren Bewohner den Anfeindungen einer feindlichen Umwelt hinter schier unüberwindlichen Mauern zu trotzen versuchen. Jedes einzelne dieser Quartiere hat seine eigenen Regeln – man möchte fast sagen, seine eigenen Gesetze – und selbstverständlich hat es auch sein eigenes Personal. Jede Untereinheit hat ihre Wachmannschaft, so wie der äußere Mauerring ebenfalls sein eigenes Personal beschäftigt. Man mag dies für absurd halten, aber auf diese Weise werden Absprachen unter den Angehörigen des Wachschutzes erschwert und man kann sich wieder ein ganzes Stück sicherer fühlen. Es kann nämlich sehr gefährlich sein, wenn Insiderwissen von einem Ort wie diesem, an dem sich so viel Reichtum und Prominenz konzentriert, nach außen sickert.

Das wichtigste Merkmal, anhand dessen man die Wächter unterscheiden kann, ist die Uniform: Die Schutztruppe jeder einzelnen Unterwohneinheit hat eine eigene Dienstkleidung, die sich in Farbe und Schnitt deutlich von den Uniformen der Kollegen in den anderen Quartieren unterscheidet – für Leute mit einem Uniformfetisch ein Traum: Man fährt einmal die Urbanisation ab und in einer Stunde hat man mehr paramilitärisches Gepränge gesehen als auf einem internationalen Polizeikongress mit anschließender Parade aller Teilnehmer in voller Montur.

Einmal in der Anlage, erwies es sich als kein leichtes Unterfangen, das Haus der Familie zu finden. Keines der Häuser ist nummeriert und Namensschilder sucht man an den Türen ebenfalls vergeblich – es wäre ja auch zu schön, wenn man Einbrechern noch einen Hinweis geben würde, wo man nach wertvollem Raubgut zu suchen hätte. Doch es ist egal, in welches Haus man einbricht, ein Raubzug würde überall lohnen. Und die Bewohner des Viertels brauchen keine Namensschilder, da anzunehmen ist, sie wissen, wo sie wohnen. Wir fuhren ziellos auf den sauber gefegten Straßen umher, vorbei an Briefkästen und gepflegten Vorgärten mit akkurat getrimmten Rasenflächen.

Es war ein milder Abend und die Leute ließen die Türen offen, so dass man von der Straße aus ins weitläufige Souterrain ihrer Häuser blicken konnte: Die Familien hatten sich vor dem Kamin versammelt und Opa und Oma wurden von einer Schar adrett gekleideter Enkel umschwärmt – ein Bild wie aus der Kaffee-Jacobs-Weihnachtswerbung. In jeder echten Stadt wäre man des Wahnsinns, würde man die Türen zu dieser nächtlichen Stunde sperrangelweit offen stehen lassen, aber eine Urbanisation, zumal eine so teure wie diese, gleicht viel eher einem luxuriösen Millionärsgefängnis. Zwei Mauerringe sowie eine Armee von Wachhunden sorgen zuverlässig dafür, dass all die guten Leute aus „guten“ Familien keine Belästigungen fürchten müssen. Das ist das Leben, wie es jeder gern hätte – sicher und friedlich –, aber wie es sich nur wenige wirklich leisten können.

Um den Kontrast zu verdeutlichen, sei an dieser Stelle folgende Anekdote eingeflochten: Ein Freund von uns wohnt in Guayaquil. Eines Abends stand er mit einigen guten Bekannten vor der Haustür. Man unterhielt sich, trank vielleicht auch ein bisschen und genoss die abendliche Stimmung. Insgesamt waren ihrer sechs oder sieben Personen vor dem Haus versammelt. Plötzlich tauchten zwei Motorräder auf. Niemand rechnete mit etwas Schlimmem, doch als man die Motorräder heranbrausen sah, ahnte man bereits, was folgen würde: Die bewaffneten Fahrer zwangen alle Anwesenden, Geld und Schmuck herauszugeben und sie verschwanden ebenso blitzartig, wie sie aufgetaucht waren. Am nächsten Tag ging der Schwager unseres Freundes mit seinem Neffen in den Park. Leider vergaß er, das Garagentor abzuschließen. Als er wieder zu Hause war, stellte er fest, dass die Mikrowelle fehlte. Wer sich da den Luxus uniformierter Wächter leisten kann, hat zumindest den Vorteil, dass er seine Mikrowellengerichte nicht kalt essen muss.

Amerikanische Städte

Cuenca ist eine ganz andere Welt als Quito und als Cumbayá ohnehin. Es mutet schon merkwürdig an, aber viele Ecuadorianer, zumal wenn sie Geld haben, würden das gesichtslose Cumbayá tatsächlich dem schönen Cuenca vorziehen. Man hört die Leute oft sagen, Cumbayá sei eine Stadt, wie man sie auch in den USA finden könnte. Würde man eine solche Aussage über eine deutsche Stadt treffen, käme dies einer Abwertung gleich und in nicht wenigen Fällen wäre es sogar eine Beleidigung.

Hier aber wird ein solches Urteil durchweg positiv aufgenommen. Doch abgesehen davon, dass es sich in jedem Fall um ein höchst zweifelhaftes Kompliment handelt, ist es nur allzu offensichtlich, dass man sich vielleicht wünschte, Cumbayá wäre wie eine Stadt in den USA, doch das ist sie keineswegs. Sie ist vielmehr etwas, von dem man sich einbildet, so müsse eine echte amerikanische Stadt aussehen. Doch jeder mag glauben, was er will.

Man darf dem Ort zugestehen, dass er so etwas wie die Kopie einer amerikanischen Kleinstadt ist, aber eine ziemlich schlechte, was das angeht. Cumbayá hat keine Geschichte und keine Authentizität, doch zumindest darin gleicht sie dem US-Vorbild und deshalb mag ein Vergleich zumindest in diesem Punkt durchaus gerechtfertigt sein. Was die Stadt allerdings hat, ist Geld, und zwar mehr als genug und vor allem mehr als ihr gut tut. Die Preise in Cumbayá sind längst außer Kontrolle geraten und sie haben mittlerweile ein Niveau erreicht, wie man es für die großen Metropolen dieser Welt erwarten könnte. Aber das Geld an sich ist nicht das Problem, sondern die Leute, die es besitzen.

Cumbayá ist eine Kleinstadt, für die das Attribut „provinziell“ durchaus angemessen ist. Dennoch kann ein normaler Wochenendeinkauf einem ein Loch von der Größe eines Asteroidenkraters in die Geldbörse reißen. In aller Regel gibt man hier viel mehr aus als in Berlin und damit hat man gerade erst die Grundbedürfnisse gedeckt. Neulich wollte ich Tee kaufen, da meine Vorräte, die ich mir aus Deutschland mitgebracht hatte, zwar langsam, dafür aber unaufhaltsam zur Neige gehen. Wir suchten einen Teeladen in einer der noblen Malls in Cumbayá auf. Der Assam kostete 8,90 Dollar – fünfzig Gramm wohlgemerkt. Doch auch die Tees ohne das Zertifikat „Organico“ waren kaum preiswerter zu haben: Man verlangte 6,90 Dollar, wieder für die bescheidene Menge von fünfzig Gramm. Da genießt man seinen Tee besser nur noch in homöopathischen Dosen oder wird lieber gleich zum Wassertrinker, und zwar aus Überzeugung. Nicht ohne Grund sprechen die Leute spöttisch von „Cumbayami“ und „Cumba-York“.

Das reiche Pack, das die Einheimischen in den letzten Jahren größtenteils verdrängt hat, mag sich nur einbilden, jeder beneide es darum, dass man es sich leisten kann, hier zu wohnen, da doch schon ein bescheidenes Grundstück leicht eine Million Dollar kostet. Viele dieser Leute glauben ernsthaft, sie hätten allein schon deshalb Geschmack, weil sie sich teure Geschmacklosigkeiten kaufen könnten, und da hier einfach alles wahnwitzig teuer ist, meinen nicht wenige, viel Geld zu haben, mache sie auch zu besseren Menschen, zu Menschen mit Stil und Manieren und vor allem würden sie durch ihr Geld zu moralisch besseren Menschen: Wenn man davon spricht, dass jemand aus „guter“ Familie stamme, meint man damit selbstverständlich, dass er aus einer Familie mit Geld komme. Ich würde immer aus voller Überzeugung behaupten, dass meine Familie eine „gute“ Familie ist, aber reich sind wir deshalb noch lange nicht. Mit was für Einfaltspinseln man es hier zu tun hat!

Das ist armselig und es zeugt nur davon, dass manche dieser Leute nicht über den eigenen Tellerrand hinausgucken können, oder, um in der Metapher zu bleiben, nicht über den Rand ihres allzu üppigen Kontoauszuges. Man könnte darüber schmunzelnd hinwegsehen, hätte ich mir solche Geschichten bloß als metaphorische Übertreibung einfallen lassen, doch selbst viele Ecuadorianer meinen, dass die Leute, die hier leben, schreckliche Menschen seien, schreckliche Menschen mit viel, viel Geld. Und Geld – nicht Manieren, moralische Integrität oder überhaupt nur Anstand – ist auch häufig das einzige, was diese Leute besitzen.

Cuenca ist eine andere Welt und die Übertreibungen Cumbayás sind diesem Ort ganz fern. Wenn man durch die Stadt geht und sich die Leute anschaut, könnte man meinen, man sei in Europa. Ein schön restauriertes architektonisches Ensemble, wie man es hier bestaunen kann, mag den Leuten, die in Cumbayá leben, nicht als Wert an sich und damit als gar nicht erstrebenswert erscheinen, doch es sind nicht nur die schönen Häuser, es ist der Geist, den diese Stadt atmet, der sie zu etwas Besonderem macht.

Die Atmosphäre dieses Ortes nimmt einen gefangen und weckt in einem die Lust, zu schauen und zu entdecken. Hinter jeder Ecke, in jedem Hauseingang, irgendwo zwischen den alten Gemäuern, kann sich eine Überraschung verbergen. Das kulturelle Angebot ist groß, jedenfalls größer als man es für einen solchen doch recht kleinen Ort erwarten würde, und geradezu überwältigend, vergleicht man es mit dem in dieser Hinsicht doch recht armseligen Cumbayá. Es lohnt, sich umzusehen und mit offenen Augen durch die Stadt zu gehen, denn eine faszinierende Entdeckung, ein Geheimnis, das sich zu entschlüsseln lohnt, oder bloß eine freudige Überraschung ist nie weit. Zwei Tage sind viel zu wenig, um Cuenca kennenzulernen.

Cuenca ist eine Universitätsstadt und wo Studenten sind, ist immer auch Leben und neue, spannende und nicht selten verrückte Ideen haben Platz, sich in den Köpfen auszubreiten. Zwar hat auch Cumbayá eine Universität, doch wer sich die exquisiten Studiengebühren dieser „Edel-Alma-Mater“ leistet (man kann sie allenfalls noch als astronomische Zahlenkolonnen wiedergeben), entstammt mit Sicherheit einer „guten“ Familie. Da haben oft schon die Standesideen des Elternhauses und die Elite-Erziehung an exklusiven Schulen irreversible Schäden hinterlassen. Außerdem bildet in Cumbayá das Geld die Majorität und wer für die Spesen aufkommt, der entscheidet auch, welche Musik auf der Party gespielt wird. Man mag es ruhig und gesittet und vor allem möchte man unter sich bleiben. Verrückte Ideen überlässt man gern den Leuten, die es nötig haben, außerhalb der gesicherten Pfade des Geldes und der Tradition zu denken. Selbst muss man sich mit solchen Dingen natürlich nicht abgeben, denn man genießt ja den unverdienten Vorteil der Rückendeckung durch eine „gute“ Familie.

Cuenca ist eine echte amerikanische Stadt, obwohl sich kein einziger Highway durch ihr historisches Zentrum fräst und obwohl sich nicht eine Shopping-Mall innerhalb des historischen Stadtareals findet. Nimmt man das Alter als Maßstab, dann ist Cuenca amerikanischer als alle Städte in den USA, denn es ist älter und hat mehr Tradition und Geschichte und alte Gemäuer zu bieten als alles, was der neugierige Besucher im Lande der unbegrenzten Möglichkeiten zu finden vermag. Selbst unter den Städten Ecuadors ist dieser Ort eine Ausnahme, denn im Gegensatz zu vielen anderen Städten im Lande ist Cuenca sich seiner Geschichte bewusst und es versucht, sich ihrer bewusst zu erinnern. Es mutet paradox an, aber ausgerechnet in einem Land wie Ecuador mit seiner reichen Vergangenheit und mit seinen vielen mythischen Orten ist so etwas höchst selten. Stattdessen bewundert man Städte wie Cumbayá, die doch nichts als Mauern zu bieten haben, hinter denen die Wohlhabenden ihren Besitz in Sicherheit bringen.

Cuenca ist ein Juwel, ein seltenes Kleinod, das den Besucher gefangen nimmt und das ihn daran erinnert, dass es ohne die Vergangenheit keine Gegenwart geben kann. Denn wer die Vergangenheit vergisst, ist verloren in der Welt: Er weiß nicht, woher er kommt, und er wird auch nie erfahren, wer er ist. Und wohin der Weg führt, den er beschreitet, bleibt ihm auf ewig ein Rätsel.

Rich Boys

Hier in Ecuador besucht unser Sohn die British School Quito. Er ist dreisprachig aufgewachsen und eine seiner Muttersprachen ist Englisch. Es war uns ein Herzensanliegen, diese Sprachfähigkeit wenn nicht zu fördern, so doch wenigstens zu erhalten und deshalb schrieben wir ihn an jener hochgeachteten Institution ein. Nun war Bildung noch nie umsonst zu haben – Fleiß und nicht unbeträchtliche finanzielle Aufwendungen, zumindest in weiten Teilen der Welt, sind der Preis. Die British School versteht sich als elitäre Privatinstitution und der Gedanke an die Höhe des Schulgeldes kann einen so manche Nacht um den Schlaf bringen. Gerade in einem Land wie Ecuador, in dem eine gute Ausbildung bis auf den heutigen Tag noch immer das Privileg der Wohlhabenden ist, merkt man, was Bildung wirklich wert ist, und vor allem, wie viel es kostet, sie zu erlangen.

Die British School wie auch die anderen renommierten Auslandsschulen in Ecuador (wie etwa die deutsche, die amerikanische oder die französische Schule) werden von Kindern besucht, deren Eltern ein Vermögen dafür aufwenden, ihren Sprösslingen eine gute Ausbildung angedeihen zu lassen. In der Regel können sich die Familien diese Ausgaben, die sich für nur ein Kind vom Kindergarten bis zum Abitur auf den Gegenwert eines Einfamilienhauses belaufen, auch wirklich leisten. Nicht selten jedoch bringen Familien mit einem kleineren Budget große Opfer, damit auch ihre Kinder in den Genuss des fast exklusiven Vorrechts weniger Gutbetuchter gelangen können. Man glaubt, die horrenden Ausgaben würden sich am Ende bezahlt machen, da man eine gute Ausbildung als das Sprungbrett für eine erfolgreiche und vor allem in finanzieller Hinsicht lukrative Karriere betrachtet.

Die meisten der Familien, deren Kinder solche exklusiven Privatschulen besuchen, müssen sich aber um Geld keine Sorgen machen, denn oft handelt es sich um die sogenannten oberen Zehntausend, um den geschlossenen Zirkel einer Geld- und Funktionselite, die dieses Land nach wie vor unter ihrer Kontrolle hält. Man hat es mit Leuten wie dem CEO von McDonalds für ganz Lateinamerika zu tun oder dem Besitzer sämtlicher KFC-Restaurants im Lande (und noch einiger weiterer Ketten) oder einem der größten Milchproduzenten, dessen Produkte man in jedem Supermarkt findet. Die Reihe ließe sich endlos fortsetzen und auch diejenigen, die keinen besonderen Rang in der Forbes-Liste für Ecuador beanspruchen können, sind immer noch wohlhabend genug, um einen angesehenen Platz in der Gesellschaft einzunehmen.

Einmal war mein Sohn ins Haus eines seiner Klassenkameraden eingeladen. Das Anwesen des Freundes befindet sich, wie hierzulande üblich und notwendig, in einer teuren und daher exklusiven Wohnanlage – exklusiv deshalb, weil jeder, dem die paar hunderttausend Dollar fehlen, um entweder ein Grundstück zu kaufen oder um sich die horrenden Mieten leisten zu können, automatisch davon ausgeschlossen ist, hier zu wohnen. Unsere Urbanisation in Miravalle ist fest in der Hand von Leuten, die man getrost dem reichsten einen Prozent dieses Landes zurechnen kann. Damit ist diese Wohnanlage schon ziemlich exklusiv. Es gibt aber Siedlungen, die selbst dies noch in den Schatten stellen, und jeder, der dort wohnt, kann als eine Art Krösus angesehen werden, dem alles unter den Händen zu Dollarscheinen wird.

In solch einer Anlage lebt der Freund meines Sohnes. Das Haus der Familie kostete dem Vernehmen nach 1,5 Millionen Dollar. Das mag angesichts des hochpreisigen Wohnumfeldes vielleicht als gar nicht so viel erscheinen, doch wenn man hört, dass die Immobilie bereits nach einem Jahr abbezahlt war, weiß man, mit wem man es zu tun hat. Selbstredend bestand der Fuhrpark ausschließlich aus deutschen Luxusautos – man weiß deutsche Ingenieurskunst eben zu schätzen.

Apropos Auto: Es gibt tatsächlich Menschen, die für jeden Tag der Woche ein Auto haben. Auch wenn es an dieser Stelle gut gepasst hätte – ich habe mir diese Anekdote keineswegs ausgedacht: Ein anderer Mitschüler meines Sohnes erzählte ihm einmal, dass seine Familie seinerzeit Zeit sieben Autos besessen hätte, für jeden Tag der Woche eines. Da man davon ausgehen muss, dass Autos im Bereich der oberen Mittelklasse ab einem Preis von fünfzigtausend Dollar angeboten werden, kann man sich leicht selbst ausrechnen, mit welchen Wertkonzentrationen man es in den Garagen der Reichen zu tun hat (und nicht nur dort). Nicht selten besteht der Fuhrpark sogar nur aus Luxuswagen. Da ist es kein Wunder, dass man sich hinter Mauern und Stacheldraht einigelt wie in einer belagerten Festung.

Es sind vor allem die Kinder dieser Leute, welche die British School und die anderen teuren Auslandsschulen besuchen; für den gewöhnlichen Ecuadorianer stellen diese Bildungstempel eine regelrechte Tabuzone dar. Man ist es fast leid, immer wieder in dieselben Gesichter zu blicken, aber es ist eine nur allzu offensichtliche und von niemandem verleugnete Tatsache, dass an Orten wie diesem stets nur der geschlossene Kreis der Gutbetuchten zusammenfindet, allesamt Angehörige einer durch Besitz und Einfluss geadelten Schicht, die über der Gesellschaft liegt wie Mehltau. Der Besuch solcher Bildungseinrichtungen stellt damit zugleich auch die unerlässliche Initiation in jene weitverzweigten Netzwerke des Wohlstands und des Wohlwollens dar, deren man sich später als Erwachsener wie selbstverständlich bedient, um Vermögen und Einfluss zu mehren. Der Eintritt in die Ivy League exklusiver Schulen ist die Weihe zu einem Schicksal von Bedeutung.

Ecuador ist ein Land der Klassengegensätze und des Klassendünkels. Menschen am unteren Ende der Einkommensskala werden von vielen Reichen nicht als gleichwertig angesehen. Man schätzt ihre Dienste und beschäftigt sie auch gern als Angestellte, doch man würde sich schwerlich herablassen, sich mit ihnen gemein zu machen. Zwischen Arm und Reich liegen Welten; die Grenzen verlaufen nicht nur entlang materieller Verwerfungen, die Verständigung stoppt auch vor Hindernissen, welche Brüche mentaler Art markieren. Es stellt schon eine seltene Ausnahme dar, wenn es doch einmal vorkommt, dass Brücken der Verständigung die tiefen Gräben überwinden.

Als Angehöriger einer in jeder Hinsicht bevorrechteten Klasse wird man von Kindheit an daran gewöhnt, dass Empleadas, also Hausangestellte, für alle Arbeiten zuständig sind, mit denen behelligt zu werden, eine Person von Stand als unter ihre Würde erachtet. Kinder aus wohlhabenden Haushalten werden nicht selten durch den hauseigenen Chauffeur von der Schule abgeholt und im blitzblank geputzten Heim wartet schon die Empleada mit dem Essen.

Eines Tages forderte ein Lehrer die Schüler nach dem Ende der Unterrichtsstunde auf, die Stühle hochzustellen. Wohl an keiner deutschen Schule hätte sich aus diesem berechtigten Wunsch jemals ein Problem ergeben. Ganz im Gegenteil, viele Eltern würden wahrscheinlich sogar den Umstand begrüßen, dass ihre Sprösslinge auch einmal selbst mit anpacken müssen, anstatt sich, wie zuhause nicht selten üblich, immer nur bedienen zu lassen. Ich selbst könnte die Stühle gar nicht zählen, die ich während meiner Schulzeit hochgestellt habe, und ich kann mich nicht daran erinnern, dass ich es widerwillig getan hätte.

Hier in Ecuador wird jene vermeintliche Selbstverständlichkeit leicht als Angriff auf die Integrität und den sozialen Status eines Angehörigen der Oberschicht verstanden. Menschen, die von Kindesbeinen an daran gewöhnt sind, Angestellte mit aus ihrer Sicht niederen Arbeiten zu beauftragen, empfinden es natürlich als Zumutung, wenn man sie bittet, bei einer leichten Aufgabe zur Hand zu gehen.

Aber es waren nicht die Schüler, die sich über diese „Behandlung“ beschwerten, sondern deren Eltern: Einige entblödeten sich tatsächlich, bei der Schulleitung ganz offiziell einen Nachlass bei den Schulgebühren zu fordern, da ihre Kinder gezwungen würden, die Arbeit von Dienstpersonal zu verrichten. Schließlich wäre es ihr Geld, von dem die Gehälter der Angestellten der Schule bezahlt würden. Warum also sollten ihre Kinder eine Arbeit tun, für die doch Dienstboten zur Verfügung stehen.

Am Ende musste die Schule nachgeben, denn immerhin alimentiert das Geld dieser Leute den Schulbetrieb, und nur ein Narr würde die Hand beißen, die ihn füttert. Merken diese Menschen eigentlich noch, was sie da von sich geben? Ich bin mir nicht sicher, ob sie überhaupt jemals über sich und ihren Platz in der Welt nachdenken. Ich fürchte, ihr Verhalten wird der nächsten Generation als Beispiel dienen und die Kinder werden das prätentiöse Anspruchsdenken der Eltern imitieren. Man kann nur hoffen, dass Bildung den unerträglichen Klassendünkel eines Tages aufheben wird. Und Bildung ist das, was diese Kinder erhalten.

Zeit

In Ecuador gehen nicht nur die Uhren anders – hier ist einfach alles anders. Viele Dinge sind gut so wie sie sind; an manche Dinge muss man sich erst gewöhnen; an andere wird man sich nie gewöhnen (Siehe auch hier!).

Sehr gut gefällt mir der entspannte Lebensstil, den die Menschen hier pflegen. Ein Freund meines Schwagers (Jorge, genannt Jorgito) gab mir einmal einen Rat: In Ecuador funktioniere zwar nicht alles so reibungslos wie in Deutschland und auch könne man nicht erwarten, dass alles von Anfang bis Ende geregelt sei, aber dennoch kann man ein unbeschwertes Leben führen, wenn man die Dinge nur einfach auf sich zukommen lässt und abwartet. Man wird immer wieder Problemen begegnen, die einem zunächst unüberwindlich erscheinen. Aber man muss Ruhe bewahren, das ist das Allerwichtigste, und Geduld haben – am Ende regelt sich alles von selbst. Ganz falsch sei es zu versuchen, etwas zu erzwingen. Wenn man es schafft, Ruhe zu bewahren, kann man in Ecuador sehr gut und vor allem sehr entspannt leben, ohne Terminstress und ohne Alltagshektik.

Wie oft habe ich, wenn ich meinen Sohn morgens in Berlin zur Schule fuhr, Menschen hinter der Bahn her rennen sehen: Aktentasche unterm Arm und spurten, was das Zeug hält. Hier habe ich noch nie jemanden rennen sehen – weder nach dem Bus, noch zum Spaß. Selbst in Quito, der Hauptstadt, haben es die Leute nicht eilig. Eigentlich haben sie es niemals eilig, nirgendwo. Man nimmt sich für alles Zeit und vor allem braucht alles seine Zeit. Wenn man zum Beispiel im Supermarkt an der Kasse ansteht, wundert man sich, wie lange es dauert, bis man endlich dran ist. Dabei sind 15 Kassen geöffnet und an allen stehen lange Schlangen. Die Ecuadorianer haben die sprichwörtliche Arschruhe, niemand würde sich darüber beschweren, dass es so lange dauert, und niemand regt sich darüber auf. Man hat Zeit.

Ich finde es ja schön, ohne Termine zu leben und ich genieße es, immer so viel Zeit zur Verfügung zu haben, wie ich eben brauche. Manch einer, der es von Deutschland her gewohnt ist, seinen Tag auf die Sekunde durchzutakten, hat da am Anfang Probleme. Man wird hierzulande kaum erleben, dass man Termine pünktlich wahrnimmt. Allerdings hat sich in dieser Hinsicht in den letzten Jahren doch einiges getan und die Leute sind nun in der Regel pünktlich, zumal wenn es sich um Geschäftstermine handelt. Im privaten Bereich nimmt man es mit der Zeit auch weiterhin nicht allzu genau. Auf Handwerker oder Möbellieferungen wartet man entweder bis zum Sanktnimmerleinstag oder aber ausgerechnet dann steht jemand vor der Tür, wenn man überhaupt nicht mehr damit rechnet. Und wenn die Leute tatsächlich einmal pünktlich kommen, ist man fast schon überrascht. Zeit ist in den Tropen ein viel dehnbarer Begriff als in Deutschland und man sollte sich beizeiten abgewöhnen, die Dinge zu streng zu sehen.

Was besonders ins Auge sticht, wenn man durch die Städte fährt, ist der Eindruck des Halbfertigen, des Provisorischen: Viele Gebäude sehen so aus, als seien sie nie fertig gebaut worden, als hätten die Bauleute einfach ihre Maschinen stehen lassen und wären von einem Tag auf den anderen abgezogen. So bleiben Häuser unverputzt, die oberen Etagen stehen auf Jahre hinaus als Bauruinen leer, aus den Dächern ragen die Stahlarmierungen, als hätte man vergessen, ein weiteres Stockwerk aufzuführen. Man weiß nicht, ob den Besitzern das Geld ausgegangen ist oder ob sie einfach keine Lust mehr haben weiterzubauen oder ob sie mit dem desolaten Zustand sogar zufrieden sind – wer weiß. Oft sieht es so aus, als störten sich die Bewohner gar nicht daran, dass ihr Heim wie eine Baustelle aussieht.

Dieselbe Einstellung kann man zuweilen auch in manchen Wohnungen beobachten. Alle meine Bekannten in Berlin haben stets Mühe und Sorgfalt darauf verwandt, die eigenen vier Wände möglichst wohnlich und gemütlich zu gestalten. Hierzulande kommt es gar nicht so selten vor, dass ein Schlafzimmer nur mit Bett, Schrank, Stuhl und Leuchtstoffröhre an der Decke eingerichtet ist. Ich empfinde eine solch spartanische Einrichtung als nicht sehr gemütlich, aber das ist ja auch nur meine Meinung und über Geschmack lässt sich bekanntlich streiten. Man muss vielleicht berücksichtigen, dass sich der Großteil des Lebens in der Öffentlichkeit abspielt und auch die Familie nimmt einen viel bedeutenderen Platz als in Deutschland ein. Demgegenüber treten solche trivialen Dinge wie eine schöne Wohnungseinrichtung in den Hintergrund. Außerdem gibt es hier keinen Winter, den man in einer mollig warmen und gemütlichen Wohnung zu überstehen hätte. Und manchmal ist eine schöne Wohnung auch eine Frage des Geldes: So mancher Gutbetuchte hierzulande gestaltet sein wie eine Festung gesichertes Anwesen mit exquisitem Interieur zu einem geschmackvollen und schönen Heim für seine Familie. Davon können Familien mit schmalerem Geldbeutel oft nur träumen.

Wohnen in Cumbayá

Wir verbringen unsere erste Nacht in unserem Heim in Cumbayá. Noch ist die Wohnung fast kahl – außer ein paar Matratzen gibt es keine Möbel – doch schon am nächsten Tag sollen Sofa, Waschmaschine und Barhocker für unsere Küche geliefert werden. Herd und Kühlschrank sind schon da und müssen nur noch angeschlossen werden. Noch gibt es keinen Fernsehen, kein Telefon und kein Internet, so dass man das Gefühl hat, man sei von der übrigen Welt abgeschnitten. Ich könnte in ein Internetcafé gehen, aber das Haus, in dem wir wohnen, liegt in einiger Entfernung zum Zentrum von Cumbayá. Ich müsste erst ein Taxi nehmen oder den Bus, der zwar regelmäßig, aber nur in großen Abständen fährt. Aber eigentlich habe ich keine Lust und bleibe deshalb zuhause.

Für den Abend ist eine Mieterversammlung anberaumt. Das einzige Thema ist die Sicherheit. Abgesehen von der Sprache, merkt man, dass man sich nicht in Deutschland befindet, unter anderem sofort daran, mit welchem emotionalen Engagement hier Themen diskutiert werden. Zwischen den etwa zehn Personen, die sich in dem kleinen Gemeinschaftsraum der Wohnanlage versammelt haben, entspinnt sich sogleich eine lebhafte Diskussion. Da fliegen die Fetzen und manche der Anwesenden sind hochgradig erregt. Das Thema ist brisant, denn die Kriminalitätsrate ist in Ecuador ungleich höher als in Deutschland. Jeder, der etwas besitzt, ist in Gefahr, Opfer eines Überfalls zu werden, und ein Haus wie dieses zu bewohnen, ist für nicht wenige Leute hierzulande der Beweis, dass man reich ist. Erst neulich, so erfährt man, seien Unbekannte in das Parkgeschoss eingedrungen und hätten versucht, ein Auto zu knacken. Die Bewohner der Anlage diskutieren geschlagene drei Stunden, ehe ihnen schließlich die Puste ausgeht.

Sicherheit ist ein großes Thema. Alle Wohnanlagen in der Umgegend – auch unsere – sind mit Mauern, Elektrozäunen, Warnmeldern, Scheinwerfern und allen nur denkbaren Einbruchsicherungen versehen. Und es gibt tatsächlich etwas zu holen: manche der Anwesen sind überaus luxuriös ausgestattet, mit englischem Rasen, Pools, Pavillons und Gärten. Die Häuser sind ein Traum, mal ganz schlicht im Bauhausstil, mal ausladend postmodern oder klassisch im spanischen Kolonialstil mit wunderschönen Ziegeldächern und Brunnen vor dem Eingangsportal. Von außen wird der Blick durch hohe Mauern abgeschirmt.

Von der Straße aus betrachtet, machen selbst die luxuriösesten Anwesen kaum Eindruck auf den Betrachter. Understatement ist Teil der Strategie. Lediglich die Länge der vier Meter hohen Mauern gibt einen Hinweis auf die Größe des Grundstücks, aber nur, wenn sich zufällig einmal die Pforten öffnen, wenn etwa das Dienstpersonal zum Einkaufen geschickt wird oder die Gärtner ihre Arbeit verrichtet haben, kann man einen Blick ins Innere erhaschen. Zusätzlich zu allem technischen Sicherungsaufwand ist am Tor oft noch ein Wächterhäuschen aufgestellt, von dem aus der Mitarbeiter einer Wachschutzfirma den Eingang kontrolliert. Manch einer zieht gleich in eine Guarded Community, eine Wohnanlage mit Wachschutz. Ein Freund unserer Familie besitzt ein Haus in einer solchen Anlage. Das Prozedere ist etwas umständlich, aber Sicherheit geht bekanntlich vor: Man kommt nur hinein, wenn man dort wohnt oder von einem der Residenten eingeladen wurde. Der Posten fragt nach dem Namen und ruft den Bewohner an und erst, wenn dieser seine Zustimmung gibt, darf man hinein. Es muss ein wirklich demütigendes Erlebnis sein, durch die Sprechanlage hindurch abgewiesen zu werden.

Nach der abendlichen Versammlung kam noch ein Mann vorbei, um sich die Mängel in unserer Wohnung anzusehen (einige Griffe sind locker). Ich dachte erst, unser Besucher sei der Hausmeister, aber dann erfuhr ich, dass es sich um den Besitzer der Wohnanlage handelte. Dem Anschein nach war er noch keine vierzig. Auf dem Grundstück stehen mehrere Häuser mit insgesamt vielleicht zehn oder zwölf Wohneinheiten. Manche der Apartments kann man mieten, andere wurden verkauft. Man hört, dass eine Wohneinheit 150.000 Dollar kostet – dafür bekommt man hier schon ein schmuckes Haus, das auch nicht zu klein ist. Trotz des für ecuadorianische Verhältnisse nicht gerade einladenden Preises sind alle Einheiten verkauft und auf den Grundstücken nebenan wird eifrig an weiteren Apartment-Häusern gebaut.

Werbung

Überall in Ecuador sieht man Werbung. Die Werbung ist so omnipräsent wie in irgendeiner deutschen Großstadt. Wahrscheinlich gibt es davon sogar noch mehr, denn anders als in deutschen Städten, in denen von der Traufhöhe bis zur Bordsteinhöhe alles normiert und reglementiert ist, hat man hier immer den Eindruck, vieles folge einer spontanen Eingebung. Man sieht Werbung einfach überall. Das ist nicht weiter überraschend, auffällig ist allerdings der Abstand zwischen der perfekten Werbewelt und der Lebensrealität der Ecuadorianer. Kann man sich in Deutschland noch durchaus der Illusion hingeben, dass die durch die Werbung propagierten Ideale zumindest theoretisch erreichbar sind, so zelebrieren die hiesigen Werbespots eine reine Phantasiewelt, die für die allermeisten Ecuadorianer ein Traum bleiben muss: Man sieht blonde Menschen, die teure Autos oder Jet-Ski fahren, die in Häusern leben, wie der gehobene Mittelstand in Europa sie bewohnt.

Die Werbewelt hier kommt einem vor wie eine bunte Bollywood-Tanzoper. Auf dem Bildschirm breitet sich eine flitterbunte Märchenwelt aus, die mit der Wirklichkeit derart kontrastriert, dass ich nicht glauben kann, jemand bei klarem Verstand wolle sich dies freiwillig ansehen. Legt man den materiellen Reichtum als Maßstab zugrunde, ist das Gros der Ecuadorianer viel ärmer als der durchschnittliche Deutsche (einige wenige sind freilich sehr viel reicher als der druchschnittliche Deutsche). Ich frage mich, wie die einfachen Leute die Werbung sehen. Empfinden sie denn die reichen schönen Menschen mit ihren Häusern, Autos und Jachten nicht als den reinen Hohn? Die Mauern, Elektrozäune, Überwachungskameras und Sicherheitsdienste, mit denen die Gutbetuchten hierzulande ihren Besitz schützen, sprechen eine deutliche Sprache: Wohlstand ist nicht für alle.