Exodus zum Ersten

Ganz gleich, wohin man reist – wenn man längere Zeit zu bleiben beabsichtigt, ist es aus vielerlei Gründen unumgänglich, dass man sich eine feste Bleibe sucht. In der Regel wird man ein Zimmer oder – ist man zu mehreren unterwegs – eine Wohnung mieten. Dann ist es unausweichlich, dass man mit einer ganz besonderen Spezies Bekanntschaft macht: dem Vermieter. Diese Begegnung muss nicht in jedem Fall unangenehm sein, doch nur zu oft ist die Interessenlage der Parteien zu verschieden, als dass ein einvernehmliches Miteinander möglich wäre. Wir haben ein Jahr in Ecuador gelebt. In dieser Zeit sind wir dreimal umgezogen und jedes Mal war es weder ein einvernehmlicher noch ein freundlicher Abschied.

Die erste Zeit wohnten wir in Santa Inés. Das ist ein Stadtteil Cumbayás, eines Vorortes von Quito. Cumbayá hat in den letzten Jahren eine Immobilienhausse ohnegleichen erlebt. Das billige Bauland vor den Toren der Hauptstadt hat die Begehrlichkeit der Oberschicht Quitos geweckt, und wie ein Schwarm hungriger Heuschrecken, die ein grünendes Weizenfeld erspähen, stürzte man sich auf den unbedeutenden Flecken, der Cumbayá damals war (und auch heute noch ist – entgegen den Beteuerungen seiner neureichen Bewohner).

Als wäre eine Art Goldrausch ausgebrochen, begann man vor zwanzig Jahren damit, sich wie im Fieber die aussichtsreichsten Claims zu sichern. Die Bodenpreise sind seither freilich geradezu explodiert und derzeit werden dem solventen Interessenten eine Million Dollar für ein bescheidenes Stück Land abverlangt. Ein Kollege meiner Frau, der die Absicht hegte, sich auf Dauer in Cumbayá niederzulassen, klagte uns einmal sein Leid (die enorme Summe reicht dabei gerade für ein unerschlossenes Stück Land).

Die Teuerung macht sich auch auf dem Mietmarkt bemerkbar. Die Mieten in Cumbayá gleichen denen in Berlin oder übertreffen diese sogar noch. Jedenfalls gelang es uns nicht, in dieser Vorstadtsiedlung ein Apartment zu finden, für das wir ungefähr so viel wie für unsere Wohnung in Friedrichshain zu bezahlen hätten. Was wir für uns als angemessen erachtet hätten, also guter Plattenbaustandard, lag deutlich darüber, und in Wohnungen, die etwa dem Berliner Preisniveau entsprachen, hätten wir nicht leben wollen – zu unsicher, zu abgewohnt, zu klein.

Santa Inés, ein Stadtteil Cumbayás, gilt immer noch als weitgehend ursprünglich. Die angestammte Bevölkerung verteidigt ihren Besitz zäh gegen die Begehrlichkeiten der Invasoren aus Quito. Doch nagelneue Apartment-Häuser, die wie Inseln zwischen den einfachen Eingeschossern aufragen, zeigen an, dass die Gentrifizierung bereits in vollem Gange ist. Von diesen Brückenköpfen nimmt die Invasion der Gutbetuchten ihren Ausgang, und gleich Krebsgeschwüren fressen sich die schicken neuen Wohnanlagen immer weiter ins Stadtbild.

Schon haben die Bessergestellten sich eine neue Kirche bauen lassen. Wie man hört, sei das Gotteshaus fast ausschließlich durch die Spenden „der Reichen“ finanziert worden. Man gibt sich gern fromm, eine Eigenschaft, welche nur noch durch die Bigotterie übertroffen wird, die unter diesen Leuten zu grassieren scheint wie der Aussatz in einer Leprakolonie. Außerdem ist so ein sonntäglicher Gottesdienst die perfekte Gelegenheit zu zeigen, welchen Platz unter den Menschen einem der Herrgott im Himmel zugewiesen hat. Denn zwar heißt es, sein sei das Reich und die Macht und die Herrlichkeit, und zwar sein allein, aber natürlich weiß man, dass der Allmächtige seinen Lieblingen nicht gar zu selten schon zu Lebzeiten gestattet, sich im Glanze seiner Herrlichkeit zu sonnen.

In Santa Inés haben wir nur einige Wochen gewohnt. Unser Apartment war zwar sehr schön, doch hatte der Besitzer kaum für die Sicherheit Sorge getragen. Nach einem Wohnungseinbruch beschlossen wir, uns ein neues Quartier zu suchen. Jeder verständige Hausbesitzer hätte in dieser Situation davon Abstand genommen, die Kaution einzubehalten oder die Miete für einen weiteren Monat zu fordern, zumal der Einbruch erhebliche Sicherheitsmängel offenbart hatte, für die niemand anderer als der Vermieter die Verantwortung trug. Eine weitere Mietzahlung war dennoch eine Zeitlang im Gespräch, denn mit unserem Auszug würden wir den Vertrag, der pro forma eine Mietdauer von einem Jahr vorsah, vorzeitig beenden.

Ich glaube, der Eigentümer des Hauses nahm nur deshalb von seiner unverschämten Forderung Abstand, weil ihm zu dämmern begann, dass er allein die Verantwortung für die offengelegten Mängel trug, welche den Einbruch letztlich erst begünstigt hatten. Jeder Versuch, das Geld einzuklagen, hätte ihn in Erklärungsnot gebracht. Gleichsam als Beweis kann der Umstand gesehen werden, dass er schon wenige Tage nach dem Ereignis hektisch Ausbesserungsarbeiten an sämtlichen Türen und Toren anordnen ließ, wobei er sich nicht zu schade war, selbst Hand anzulegen: Ich sah ihn wie einen Berserker an den Flügeln des Garagentores zerren. Hier hatten sich die Diebe Zutritt verschafft. Das billige Tor hatte einfach nachgegeben. Als wäre er ein Eisenbieger, versuchte der Hausbesitzer, den Stahlstreben ihre ursprüngliche Form zurückzugeben. Der Mann musste wirklich verzweifelt sein.

Amerikanische Städte

Cuenca ist eine ganz andere Welt als Quito und als Cumbayá ohnehin. Es mutet schon merkwürdig an, aber viele Ecuadorianer, zumal wenn sie Geld haben, würden das gesichtslose Cumbayá tatsächlich dem schönen Cuenca vorziehen. Man hört die Leute oft sagen, Cumbayá sei eine Stadt, wie man sie auch in den USA finden könnte. Würde man eine solche Aussage über eine deutsche Stadt treffen, käme dies einer Abwertung gleich und in nicht wenigen Fällen wäre es sogar eine Beleidigung.

Hier aber wird ein solches Urteil durchweg positiv aufgenommen. Doch abgesehen davon, dass es sich in jedem Fall um ein höchst zweifelhaftes Kompliment handelt, ist es nur allzu offensichtlich, dass man sich vielleicht wünschte, Cumbayá wäre wie eine Stadt in den USA, doch das ist sie keineswegs. Sie ist vielmehr etwas, von dem man sich einbildet, so müsse eine echte amerikanische Stadt aussehen. Doch jeder mag glauben, was er will.

Man darf dem Ort zugestehen, dass er so etwas wie die Kopie einer amerikanischen Kleinstadt ist, aber eine ziemlich schlechte, was das angeht. Cumbayá hat keine Geschichte und keine Authentizität, doch zumindest darin gleicht sie dem US-Vorbild und deshalb mag ein Vergleich zumindest in diesem Punkt durchaus gerechtfertigt sein. Was die Stadt allerdings hat, ist Geld, und zwar mehr als genug und vor allem mehr als ihr gut tut. Die Preise in Cumbayá sind längst außer Kontrolle geraten und sie haben mittlerweile ein Niveau erreicht, wie man es für die großen Metropolen dieser Welt erwarten könnte. Aber das Geld an sich ist nicht das Problem, sondern die Leute, die es besitzen.

Cumbayá ist eine Kleinstadt, für die das Attribut „provinziell“ durchaus angemessen ist. Dennoch kann ein normaler Wochenendeinkauf einem ein Loch von der Größe eines Asteroidenkraters in die Geldbörse reißen. In aller Regel gibt man hier viel mehr aus als in Berlin und damit hat man gerade erst die Grundbedürfnisse gedeckt. Neulich wollte ich Tee kaufen, da meine Vorräte, die ich mir aus Deutschland mitgebracht hatte, zwar langsam, dafür aber unaufhaltsam zur Neige gehen. Wir suchten einen Teeladen in einer der noblen Malls in Cumbayá auf. Der Assam kostete 8,90 Dollar – fünfzig Gramm wohlgemerkt. Doch auch die Tees ohne das Zertifikat „Organico“ waren kaum preiswerter zu haben: Man verlangte 6,90 Dollar, wieder für die bescheidene Menge von fünfzig Gramm. Da genießt man seinen Tee besser nur noch in homöopathischen Dosen oder wird lieber gleich zum Wassertrinker, und zwar aus Überzeugung. Nicht ohne Grund sprechen die Leute spöttisch von „Cumbayami“ und „Cumba-York“.

Das reiche Pack, das die Einheimischen in den letzten Jahren größtenteils verdrängt hat, mag sich nur einbilden, jeder beneide es darum, dass man es sich leisten kann, hier zu wohnen, da doch schon ein bescheidenes Grundstück leicht eine Million Dollar kostet. Viele dieser Leute glauben ernsthaft, sie hätten allein schon deshalb Geschmack, weil sie sich teure Geschmacklosigkeiten kaufen könnten, und da hier einfach alles wahnwitzig teuer ist, meinen nicht wenige, viel Geld zu haben, mache sie auch zu besseren Menschen, zu Menschen mit Stil und Manieren und vor allem würden sie durch ihr Geld zu moralisch besseren Menschen: Wenn man davon spricht, dass jemand aus „guter“ Familie stamme, meint man damit selbstverständlich, dass er aus einer Familie mit Geld komme. Ich würde immer aus voller Überzeugung behaupten, dass meine Familie eine „gute“ Familie ist, aber reich sind wir deshalb noch lange nicht. Mit was für Einfaltspinseln man es hier zu tun hat!

Das ist armselig und es zeugt nur davon, dass manche dieser Leute nicht über den eigenen Tellerrand hinausgucken können, oder, um in der Metapher zu bleiben, nicht über den Rand ihres allzu üppigen Kontoauszuges. Man könnte darüber schmunzelnd hinwegsehen, hätte ich mir solche Geschichten bloß als metaphorische Übertreibung einfallen lassen, doch selbst viele Ecuadorianer meinen, dass die Leute, die hier leben, schreckliche Menschen seien, schreckliche Menschen mit viel, viel Geld. Und Geld – nicht Manieren, moralische Integrität oder überhaupt nur Anstand – ist auch häufig das einzige, was diese Leute besitzen.

Cuenca ist eine andere Welt und die Übertreibungen Cumbayás sind diesem Ort ganz fern. Wenn man durch die Stadt geht und sich die Leute anschaut, könnte man meinen, man sei in Europa. Ein schön restauriertes architektonisches Ensemble, wie man es hier bestaunen kann, mag den Leuten, die in Cumbayá leben, nicht als Wert an sich und damit als gar nicht erstrebenswert erscheinen, doch es sind nicht nur die schönen Häuser, es ist der Geist, den diese Stadt atmet, der sie zu etwas Besonderem macht.

Die Atmosphäre dieses Ortes nimmt einen gefangen und weckt in einem die Lust, zu schauen und zu entdecken. Hinter jeder Ecke, in jedem Hauseingang, irgendwo zwischen den alten Gemäuern, kann sich eine Überraschung verbergen. Das kulturelle Angebot ist groß, jedenfalls größer als man es für einen solchen doch recht kleinen Ort erwarten würde, und geradezu überwältigend, vergleicht man es mit dem in dieser Hinsicht doch recht armseligen Cumbayá. Es lohnt, sich umzusehen und mit offenen Augen durch die Stadt zu gehen, denn eine faszinierende Entdeckung, ein Geheimnis, das sich zu entschlüsseln lohnt, oder bloß eine freudige Überraschung ist nie weit. Zwei Tage sind viel zu wenig, um Cuenca kennenzulernen.

Cuenca ist eine Universitätsstadt und wo Studenten sind, ist immer auch Leben und neue, spannende und nicht selten verrückte Ideen haben Platz, sich in den Köpfen auszubreiten. Zwar hat auch Cumbayá eine Universität, doch wer sich die exquisiten Studiengebühren dieser „Edel-Alma-Mater“ leistet (man kann sie allenfalls noch als astronomische Zahlenkolonnen wiedergeben), entstammt mit Sicherheit einer „guten“ Familie. Da haben oft schon die Standesideen des Elternhauses und die Elite-Erziehung an exklusiven Schulen irreversible Schäden hinterlassen. Außerdem bildet in Cumbayá das Geld die Majorität und wer für die Spesen aufkommt, der entscheidet auch, welche Musik auf der Party gespielt wird. Man mag es ruhig und gesittet und vor allem möchte man unter sich bleiben. Verrückte Ideen überlässt man gern den Leuten, die es nötig haben, außerhalb der gesicherten Pfade des Geldes und der Tradition zu denken. Selbst muss man sich mit solchen Dingen natürlich nicht abgeben, denn man genießt ja den unverdienten Vorteil der Rückendeckung durch eine „gute“ Familie.

Cuenca ist eine echte amerikanische Stadt, obwohl sich kein einziger Highway durch ihr historisches Zentrum fräst und obwohl sich nicht eine Shopping-Mall innerhalb des historischen Stadtareals findet. Nimmt man das Alter als Maßstab, dann ist Cuenca amerikanischer als alle Städte in den USA, denn es ist älter und hat mehr Tradition und Geschichte und alte Gemäuer zu bieten als alles, was der neugierige Besucher im Lande der unbegrenzten Möglichkeiten zu finden vermag. Selbst unter den Städten Ecuadors ist dieser Ort eine Ausnahme, denn im Gegensatz zu vielen anderen Städten im Lande ist Cuenca sich seiner Geschichte bewusst und es versucht, sich ihrer bewusst zu erinnern. Es mutet paradox an, aber ausgerechnet in einem Land wie Ecuador mit seiner reichen Vergangenheit und mit seinen vielen mythischen Orten ist so etwas höchst selten. Stattdessen bewundert man Städte wie Cumbayá, die doch nichts als Mauern zu bieten haben, hinter denen die Wohlhabenden ihren Besitz in Sicherheit bringen.

Cuenca ist ein Juwel, ein seltenes Kleinod, das den Besucher gefangen nimmt und das ihn daran erinnert, dass es ohne die Vergangenheit keine Gegenwart geben kann. Denn wer die Vergangenheit vergisst, ist verloren in der Welt: Er weiß nicht, woher er kommt, und er wird auch nie erfahren, wer er ist. Und wohin der Weg führt, den er beschreitet, bleibt ihm auf ewig ein Rätsel.

Flucht aus Cumbayá

Die Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr verbrachten wir an der Küste. Wenn man es freundlich meinte, würde man Cumbayá (wo wir derzeit wohnen) als eine ruhige, beschauliche Kleinstadt bezeichnen. Nicht ganz so wohlgesinnte Zeitgenossen könnten allerdings behaupten, der Ort sei ein sterbenslangweiliger und dazu noch potthässlicher Vorstadtflecken, in dem der unüberbietbare Höhepunkt eines jeden Wochenendes in einem Besuch der Shopping-Mall bestünde. Halleluja! An einem ruhigen Samstag oder Sonntag, von denen es immer viel zu viele zu geben scheint, möchte man sich vor Langeweile am liebsten die Kugel geben. Und wenn man schon an ausnahmslos jedem Wochenende in eine Lebenskrise verfällt, mag man sich leicht ausmalen, wie es an den Feiertagen aussieht. Selbstmord oder Flucht scheinen da die einzigen Alternativen zu sein, denn Alkohol ist leider viel zu teuer.

Der 24. Dezember ist hierzulande ein ganz normaler Arbeitstag. Man hat nicht den Eindruck, dass das Gros der Leute sonderliche Anstrengungen unternimmt, um das Fest zu einem unvergesslichen Erlebnis zu machen. Die meisten scheinen kaum genug Geld zu haben, um sich die notwendigsten Dinge des Lebens zu leisten. Für Extraausgaben bleibt da in der Regel kaum etwas übrig und so feiert man in ganz bescheidenem Rahmen, kaum anders als man etwa den Freitagabend nach einer langen harten Wochen genießen würde. Noch an Heiligabend mussten wir einen wichtigen Auslandsanruf tätigen und auch noch einige Seiten ausdrucken. Da wir Auslandsanrufe nicht von unserer Wohnung aus führen können und der Drucker auch nicht funktioniert, suchten wir den erstbesten Cybershop in der Stadt auf. Wir waren nicht sicher, ob wir nicht noch einmal am nächsten Tag (das wäre der 25. Dezember) anrufen müssten, aber die Besitzerin des Ladens versicherte uns, das sei überhaupt kein Problem; wie jeden Tag habe sie ab 6:30 Uhr geöffnet. Meine Frau wunderte sich und fragte sie neugierig, ob sie denn nicht feiere. Die Cyber-Frau schaute sie bloß verständnislos an und frage dann zurück, was sie denn feiern solle. Ich glaube, die arme Frau wohnt in ihrem Laden.

Für die Alteingesessenen ist es oft schwer, sich durchs Leben zu schlagen, aber nicht jeder in der Stadt muss sich darum sorgen, wie er den nächsten Tag übersteht. Cumbayá hat in den letzten Jahren viele Pelucones angezogen. So nennen die Leute spöttisch das neureiche Gesindel, welches die Grundstücke in der Stadt billig aufgekauft hat und das nun mit seinen protzigen Häusern und seinen dicken Luxuskarossen jedermann die eigene Bedeutung vor Augen zu führen versucht – nagelneue Wagen der Marke Porsche sieht man hier weit öfter im Straßenbild als in Berlin, obwohl der Verkaufspreis für die preiswertesten Modelle bei über 150.000 Dollar liegt. Ganz davon abgesehen ist so ein tiefliegendes Auto auf den hiesigen Straßen mit ihren alle paar hundert Meter willkürlich eingefügten Schwellen einfach unpraktisch.

Wer Geld hat, gönnt sich zu den Feiertagen auch etwas und da die Reichen nach Cumbayá drängen wie die hungrigen Humboldt-Kalmare zum Fischkadaver, werden die teuren Supermärkte und Spezialitätengeschäfte an den Festtagen regelrecht überschwemmt von aufgebrezelten Señoras und ihrem Dienstpersonal. Den übervollen Einkaufswagen lässt man sich vom Bediensteten des Supermarkts bis vor das Auto schieben und dann überwacht man mit Argusaugen, dass die Einkäufe auch ja ordentlich verstaut werden – man kann einfach niemandem trauen. Gerade Lebensmittel, und ganz besonders solche Dinge, die hierzulande nicht unbedingt Teil der traditionellen Esskultur sind, wie zum Beispiel Schinken, italienische Salami, europäischer Käse oder Schweizer Schokolade kommen preislich dem nahe, was man in Berlin für eine kleine Dose Kaviar verlangen würde. Doch wer es sich leisten kann, das Konsumverhalten der europäischen gehobenen Mittelklasse zu kopieren, würde es fast als Schmach empfinden zu verzichten. Und so kann ein Feiertagseinkauf leicht mit drei-, vierhundert Dollar oder mit noch mehr zu Buche schlagen, alkoholische Getränke nicht mit eingerechnet. Aber was soll´s – wer hat, der hat.

Am 25. Dezember brachen wir nach Bahía auf. Wir hatten schon am Vortag alle Besorgungen für die Reise gemacht, denn wir gingen fest davon aus, dass die Geschäfte zu Weihnachten geschlossen bleiben würden. Doch wir hatten uns getäuscht. Zwar herrschte auf den Straßen nur wenig Verkehr, aber fast sämtliche Läden, einschließlich der Supermärkte, schienen geöffnet zu haben, als wäre es ein ganz normaler Arbeitstag. Nichts deutete darauf hin, dass Weihnachten war – keine Chöre, die fröhlich Weihnachtschoräle schmetterten, keine Studenten, die, als Weihnachtsmänner verkleidet, kleine Kinder belästigten, keine Sammelbüchsen und tränenreiche Spendenaufrufe. Es war warm, die Sonne schien und Weihnachtsdekoration fand sich nur so spärlich in der Stadt, dass man sie glatt übersehen konnte. Würde man nichts von Weihnachten wissen und hätte man noch nie davon gehört, dass man an diesem Tag die Geburt des Heilands feiert, wäre es gut möglich, dass der Tag vorüberginge und man hätte von einem der bedeutendsten Feste der Christenheit kaum etwas bemerkt – und das in einem katholischen Land! Im Gegensatz dazu kann man im heidnischen Berlin all dem Frohlocken, dem ununterbrochenen Weihnachtsgesang und dem Besinnlichsein kaum entrinnen, so gern man es auch manchmal möchte.

Apropos Weihnachtsmänner: Der Weihnachtsmann – in Deutschland der Superstar jedes Weihnachtsfestes – lässt sich hierzulande nur selten sehen. Das mag daran liegen, dass sich Papa Noël, so sein Name, getreu dem amerikanischen Vorbild zu mitternächtlicher Stunde, wenn jedermann in tiefem Schlaf liegt, durch Schornsteine und Kamine zwängen muss (dabei gibt es hier im Land nicht einmal Schornsteine – armer Papa Noël). Anders als in Deutschland, wo man dem Rauschebart um die Weihnachtszeit in so ziemlich jeder Einkaufsmeile begegnen kann, sieht man die Rotjacke hier nie – er ist ja immer nachts unterwegs; kein Auf-dem-Schoß-sitzen, kein Wangentätscheln, keine mahnenden Worte, keine ängstlich hingemurmelten Weihnachtsgedichte, um den gestrengen Rauschebart gnädig zu stimmen. Studenten verlieren eine lukrative Einnahmequelle, obwohl ich kaum glaube, dass die Studierenden hierzulande es nötig haben, als Weihnachtsmänner verkleidet kleine Kinder zu erschrecken. Wer studiert, noch dazu an einer teuren Privatuniversität, wie sich eine in der Stadt befindet, hat reiche Eltern. Da kommt der Weihnachtsmann nur als Spender erlesener Gaben, nicht als Bittsteller.

Auch Weihnachtsbäume sieht man selten. Weihnachten ohne Weihnachtsbaum ist in Deutschland einfach undenkbar. Da würde man das Fest lieber ganz ausfallen lassen als auf die festlich geschmückte Tanne zu verzichten. Zwar bin ich in einem atheistischen Elternhaus groß geworden, aber zum Fest musste immer ein Baum her, und er durfte auf keinen Fall zu klein sein. Oft waren die Bäume so groß, das mein Vater das sperrige Geäst erst zurechtstutzen musste, damit sie überhaupt ins Zimmer passten. Hier am Äquator gibt es keine Nadelwälder und da der Christbaum, wenn man es recht bedenkt, eine ganz heidnische Angelegenheit ist, die im erzkatholischen Ecuador nie so recht hat Fuß fassen können, sind die Leute auch gar nicht erpicht darauf, sich einen Baum in die gute Stube zu stellen. Ohnehin müsste man in Ermangelung echter Bäume mit Abies plastica (der Plastiktanne) Vorlieb nehmen, denn auf eine so absonderliche Idee, sich etwa eine Palme ins Haus zu stellen, käme wohl niemand. Ein Baum zu Weihnachten ist eher etwas für die Gutbetuchten, die es, wie in so vielem, dem nordamerikanischen Vorbild gleichzutun versuchen.

Gesetz und Gesetzlosigkeit

Keine guten Nachrichten aus Santa Inés: Seit über einer Woche wohnen wir in unserer neuen Wohnung in Nayón; das ist eine Siedlung auf halbem Wege zwischen Cumbayá und Quito. Die Wohnung ist sehr schön, doch an die Wohnumgebung muss man sich erst gewöhnen. Ich hatte davon berichtet. Meine Frau steht immer noch in Kontakt mit den Mietern unserer alten Wohnanlage im Sektor Santa Inés in Cumbayá. Von den Leuten dort hat sie erfahren, dass die Besitzer der Wohnanlage erst kürzlich Überwachungskameras an strategisch wichtigen Punkten installieren ließen. Eine der Kameras ist auf die Straße vor dem Haus gerichtet. Als man kürzlich die Aufnahmen sichtete, sah man darauf ein Fahrzeug, das keinem der Anwohner in der Nähe gehörte. Es parkte unauffällig in der Straße und der Fahrer beobachtete offenbar das Haus.

Die Calle Maria Auxiliadora, das ist die Straße, in der sich die Wohnanlage befindet, liegt abseits der Hauptrouten und deshalb gibt es nie viel Verkehr. Eigentlich kann man die Autos, die am Tag vorbeifahren, an einer Hand abzählen. Auch parken hier selten Fahrzeuge, denn viele der Häuser verfügen über eigene Parketagen und überhaupt stellt es ein Wagnis dar, ein Fahrzeug an einem unbewachten Platz abzustellen. So sieht man also fast nie parkende Wagen, es sei denn, sie gehören Anwohnern. Ein fremdes Fahrzeug, das mehrmals mehrere Stunden in der Nähe des Eingangs zur Wohnanlage parkt, ist in jedem Fall verdächtig und die Bewohner tun gut daran, höchste Vorsicht walten zu lassen, denn wer so viel Energie aufwendet, anderer Leute Gewohnheiten auszukundschaften, tut dies nicht, weil er sich zuhause langweilt. Man weiß, es gibt Leute, die auf diese Weise ihren Lebensunterhalt bestreiten und die ihrem „Gewerbe“ durchaus berufsmäßig nachgehen. Wer wäre nicht glücklich, wenn er sein Geld so leicht verdienen könnte? Und wo es schon einmal etwas zu holen gab, ohne dass man sich sonderlich anstrengen musste, warum sollte sich dann ein weiterer Besuch nicht auch lohnen? Wir sind froh, dass wir die Wohnanlage in Santa Inés verlassen haben.

Ein bisschen Hoffnung

Meine Frau hatte einen Termin bei der Polizei – es ging wieder einmal um den Einbruch in unsere Wohnung. Die Diebe hatten drei Laptops, eine Kamera und das Handy unseres Sohnes gestohlen, alles zusammen im Wert von ca. viertausend Dollar. Man muss davon ausgehen, dass solche Einbrüche in unbewachten Wohnanlagen häufig vorkommen. Für die Polizei ist unser Fall nichts Besonderes. Außergewöhnlich ist auch nicht, dass bisher keine handfeste Spur entdeckt wurde, der man hätte nachgehen können. Man muss als fast gewiss annehmen, dass dieser Fall, wie so viele, viele andere, niemals aufgeklärt wird.

Der Polizist, der unseren Fall bearbeitet, nahm sich viel Zeit und hörte meiner Frau durchaus mit Interesse zu, aber er konnte verständlicher Weise keine Versprechungen machen und schon gar keine Prognose abgeben. Er erzählte meiner Frau, dass es in Quito zwei Orte gäbe, an denen man gestohlene Technikartikel kaufen könne. Die Ware dort sei deutlich billiger als alles, was man in den regulären Elektronikmärkten anbiete. Im Grunde handelt es sich um Hehlerware und wenn auch die Frage, wie so etwas möglich ist, naiv erscheinen mag, macht man sich sehr wohl Gedanken und meistens sind das keine guten Gedanken. Der Polizist meinte, wenn es überhaupt eine Chance gibt, die gestohlenen Computer wiederzufinden, dann dort. Nur leider könnten die Agenten der Polizei in diesem und auch in jedem anderen Fall nicht viel tun, weil ihre Gesichter längst stadtbekannt seien. Wahrscheinlich hängen Steckbriefe mit ihren Konterfeis in den Geschäften der Hehler aus. Offensichtlich verfügen die Behörden nicht einmal über genug unverbrauchte Gesichter, um unerkannt operieren zu können und so scheint auch kein Zweifel daran zu bestehen, wie dieser Fall wohl ausgehen wird.

Da die Polizei also nicht viel bis gar nichts unternehmen könne, schlug der Beamte meiner Frau vor, doch selbst zu den bezeichneten Orten zu fahren und auf eigene Faust nach den gestohlenen Geräten zu suchen: Man gehe einfach zu den Händlern und frage, ob sie beispielsweise einen Dell Bradley I5 verkaufen würden (das war zufällig mein Laptop). Sei dies der Fall und würde der Händler die Ware zudem auch noch vorrätig haben, solle man umgehend die Polizei einschalten, die ab hier alles weitere veranlassen werde. Ob dies nicht gefährlich sei, wollte meine Frau wissen. Ganz und gar nicht, meinte der Beamte, denn auf diesen Märkten kaufe einfach jeder, auch wohlhabende Leute, die sich einen teuren Computer oder ein Handy mit Leichtigkeit ganz legal im Elektronikfachhandel leisten könnten. Und nach einer bestimmten Marke zu fragen, sei ganz und gar üblich. So weit so gut.

Von Waren und Käufern

Abgesehen von den moralischen Implikationen muss man sich immer bewusst machen, dass hinter jedem Gerät, das an den bezeichneten Orten verkauft wird, eine Straftat steht, die im Prinzip auch in Ecuador verfolgt wird. Den Leuten, die hier einkaufen, scheint das egal zu sein, solange sie die Ware, etwa ein teures Handy, nur billiger als im Elektronikfachhandel kaufen können. Viele Menschen sind gegenüber der Kriminalität hierzulande derart abgestumpft, dass sie nichts dabei finden, wissentlich Hehlerware zu kaufen: Man sieht ja die Opfer nicht und man kann sich einbilden, dass niemandem ein Schaden entstanden sei, denn die Opfer sind ja die vermeintlich Reichen, denen es nichts ausmacht, bestohlen zu werden, weil sie sowieso genug haben. Niemandem ist ein Leid zugefügt worden, mag man sich sagen, niemandem wurde weh getan, jedenfalls sieht man die Opfer nicht. Den Käufer schert das Schicksal der Opfer ohnehin nicht, schließlich hat er das Handy ja nicht gestohlen, und er mag sich einreden, dass niemandem ein echter Schaden entstanden ist. Und wenn ihn doch einmal das Gewissen piesackt und er sich nicht recht wohlfühlt bei dem Gedanken, dass sein Handy noch vor kurzer Zeit einem anderen gehörte und er es nicht freiwillig hergab, kann er sich sagen, dass er selbst auch nicht viel Geld habe und heilfroh sein könne, solch ein kolossales Schnäppchen gemacht zu haben.

Man fragt sich dennoch, wie es möglich ist, dass Hehlerware, von der offenbar jedermann weiß, dass es Hehlerware ist, so offen feilgeboten werden kann, ohne dass die Behörden, die ja ebenfalls im Bilde sind, einschreiten. Das lässt nicht viele Schlüsse zu. Einer wäre, dass die Polizei chronisch unterbesetzt und überarbeitet ist, und dass sie nach dem Prinzip des Marshals aus „Last Man Standing“ verfährt: Ein gewisses Maß an Verbrechen sei völlig normal; es komme nur darauf an, die Auswüchse zu bekämpfen. Ich glaube nicht, dass man Kriminalität flächendeckend ausmerzen kann. Dagegen stehen viele Faktoren, nicht zuletzt die menschliche Natur. Und was man nicht bekämpfen kann, muss man notgedrungen tolerieren. In Ecuador reicht der Arm des Staates ohnehin nicht sehr weit. Die Bürokratie hierzulande ist immer noch meilenweit entfernt von der Regulierungswut europäischer Beamtenapparate, deren inquisitorischer Blick bis in die Gehirne der Menschen vorzudringen versucht. Es könnte natürlich auch sein, dass die Polizei einfach unfähig ist, dem Treiben Einhalt zu gebieten, doch dies kann ich mir eigentlich nicht vorstellen. Und dann drängt sich noch ein dritter Schluss auf, den auszuformulieren mir sehr widerstrebt, weil er alle Vorurteile und Klischees bedienen würde, die man einem Land wie Ecuador gegenüber nur haben kann. Was auch immer die Wahrheit sein mag – sie ändert nichts an der Tatsache, dass wir bestohlen worden sind und es hinnehmen müssen. So einfach ist das.

Meine Frau, durch den Besuch geradezu von Hoffnung beseelt und abenteuerlustig wie eh und je, hat sofort den Entschluss gefasst, nach Quito zu fahren, um sich auf einem der Hehlermärkte umzusehen. Ich stand dem Unternehmen von Anfang an skeptisch gegenüber. Ich glaube, die Polizei ist sich ihrer begrenzten Macht nur allzu bewusst, aber eine Straftat ist eine Straftat und man wäre nicht die Polizei, wenn man die Sache einfach auf sich beruhen lassen würde. Aber was kann man schon tun? Ich denke, der Polizist wollte uns nur ein wenig Hoffnung machen, denn die Aussichten, irgendetwas aufzuklären, stehen denkbar schlecht, wahrscheinlich tendieren sie gegen Null. Ich weiß nicht, wie viele dieser Termine der Beamte am Tag über sich ergehen lassen muss – in den allermeisten Fällen wird er den Besuchern nichts Erfreuliches berichten können. (In der Zwischenzeit bemerkte eine Bekannte meiner Frau gegenüber, das Phlegma des Polizeiapparates habe durchaus Methode und eigentlich warte der Beamte nur darauf, dass man ihm das entsprechende Handgeld anbiete, damit er endlich tätig werden könne. Vielleicht entspricht dies der Wahrheit, vielleicht handelt es sich nur um ein weiteres böses Gerücht. Wir sind nicht sonderlich darauf erpicht, es herauszufinden.)

Der Ort für die großen und die kleinen Geschäfte

Nach Quito also, in die Höhle des Löwen: Einer der genannten Märkte, auf denen die gestohlene Ware angeboten wird, befindet sich im Stadtzentrum an der Kreuzung Montúfar y Olmedo. Ich hatte mir vorgestellt, angesichts der heiklen Natur der angebotenen Ware müsste es sich um ein unscheinbares Gebäude handeln, das man nur bei Dämmerlicht über irgendeinen Hinterhof und nur nach gründlichem Gesichts-Check betreten dürfe. Ganz das Gegenteil war der Fall: In bester Lage im wunderschön sanierten Altstadtviertel steht das Marktgebäude an einer viel befahrenen Straßenkreuzung. Man sieht es schon von Weitem. Der Bau erhebt sich auf sieben Etagen, was viel ist in der Altstadt mit ihren Drei- oder Viergeschossern, noch dazu in einer von Erdbeben bedrohten Stadt wie Quito.

Wie bei allen spanischen Kolonialstädten ist auch der Grundriss von Quito nach Art eines Schachbretts ausgelegt, mit sich rechtwinklig schneidenden Straßen. Diese haben die letzten fast fünfhundert Jahre unbeschadet überstanden und sie haben stets allen Ansprüchen genügt, doch mit dem Fahrzeugverkehr des 21. Jahrhunderts tun sie sich schwer: Es gibt nur Einbahnstraßen, weil die Straßen zu schmal für zwei Fahrspuren sind, und zu fast jeder Tageszeit verstopft die allgegenwärtige Blechlawine die Innenstadt. Es kommt vor, dass der Verkehr zähflüssig vor sich hin fließt und dann kommt man wenigstens im Schritttempo voran, oft aber steht man einfach nur im Stau und schaut zu, wie einen die Fußgänger überholen.

Es dauert fast eine Stunde bis wir einen Parkplatz gefunden haben. Einmal verpassen wir die Einfahrt und ein anderes Mal ist kein freier Platz verfügbar; also noch einmal um den Block und wieder viermal links abbiegen. Man muss die anderen Verkehrsteilnehmer regelrecht nötigen, denn dem Abbieger mag niemand gern freiwillig Platz einräumen. Auf Rücksicht hofft man vergeblich. Allein die Angst um das eigene Fahrzeug bringt die Fahrer dazu, auf die Bremse zu treten. Man muss schon beherzt fahren und darf keine Angst vor kleineren Lackschäden haben, wenn man sich im Verkehr der Hauptstadt durchsetzen will. Viele Einheimische geben einfach Gas, ohne Rücksicht auf Verluste – wer da auf seiner Vorfahrt besteht und nicht rechtzeitig bremst, ist selber Schuld. Schließlich gelangen wir auf den Parkplatz, einen verwinkelten Hof zwischen schönen historischen Gebäuden. Der Einweiser teilt uns einen Platz seitlich der Einfahrt zu – der gesamte Hof ist restlos zugeparkt. Wir geben die Schlüssel ab, denn sobald ein Platz frei wird, will er den Wagen dorthin umparken. Die Stunde kostet einen Dollar. Wir beschließen, die wirklich sehenswerte Innenstadt nur noch zu Fuß zu erkunden. Mit dem Auto zu fahren, bedeutet Stress pur und dass man schneller zum Ziel gelangt, ist bloß ein frommer Wunsch.

Wir gehen die Olmedo entlang; es geht immer bergab und das Laufen fällt uns trotz der Höhe leicht. Rechter Hand passieren wir die Plaza Benalcazar mit dem überlebensgroßen Standbild des Conquistadors. Auf der linken Seite befindet sich das Haus des Eroberers und Stadtgründers von Quito; es ist eines der ersten Häuser, die nach der Gründung der Stadt errichtet wurden. Nur ca. zweihundert Meter weiter erreichen wir das Warenhaus, in dem wir unsere Laptops zu finden hoffen – oder auch nicht. Ein Stoßgebet hilft vielleicht. Man betritt das Gebäude durch den Haupteingang, der zur Straße hinausführt, nicht über einen versteckten Nebeneingang, wie ich mir ursprünglich vorgestellt hatte. An der Ecke, auf dem Bürgersteig, stehen blonde Touristen in Cargo-Shorts und Wanderstiefeln und studieren einen Stadtplan, aber nur wenige Meter neben ihnen befindet sich der Eingang zum „Hehler“-Warenhaus. Ich gehe davon aus, dass diese touristische Attraktion nicht in ihrem Stadtführer verzeichnet ist, und wäre sie es, würde sie wahrscheinlich mit dem roten Ausrufezeichen für „Dangerous Location“ markiert sein.

Wenn man das Eingangsportal passiert, wechselt man sogleich in eine andere Welt, die so gar nichts mit den prächtigen Fassaden des kolonialen Quito zu tun zu haben scheint. Die Welt der Touristen liegt außerhalb der Türen; hierher verirrt sich nie jemand und wenn doch, würde er von nicht wenigen der Eingesessen eher als Einnahmequelle für das ganz spezielle Gewerbe, dem an diesem Ort nachgegangen wird, wahrgenommen werden, und nicht etwa als potentieller Käufer, wie er selbst vielleicht glauben mag. Das Gebäude, in dem der Markt aller Tage abgehalten wird, ist riesig, wenn man auch den gegenteiligen Eindruck gewinnen kann, da der Platz sehr eng mit Geschäften verbaut ist. Es gibt keine Treppen, über die man von einer auf die nächste Etage gelangen könnte, sondern alle Stockwerke sind durch flache Rampen miteinander verbunden, und da es immer nur rundherum nach oben geht, entsteht der Eindruck, man befände sich in einem Schneckenhaus.

Auf jedem Stockwerk befinden sich jeweils zwei parallele Gänge, die auf beiden Seiten von Geschäften gesäumt werden. Geschäft oder Laden ist eigentlich ein irreführender Ausdruck, denn in Wahrheit handelt es sich um winzige Verschläge von ca. zwei Metern im Quadrat, deren eine Seite sich hinaus zur Ladenpassage öffnet. Schätzungsweise neunzig Prozent dieser „Tiendas“ bieten Elektronikartikel feil. Manche Geschäfte sind bis unter die Decke vollgestopft mit Laptops, Handys und allem möglichen anderen elektronischen Krempel, andere bieten eine Auswahl oder haben sich anscheinend auf bestimmte Marken spezialisiert. Auffällig oft sieht man HP, Toshiba und Apple. In einem Gang finden sich etwa fünfzehn solcher kleinen Geschäfte auf einer Seite, also dreißig pro Gang und demnach ca. sechzig auf jeder Etage. Dazu kommen noch die Geschäfte im Bereich der Rampen. Die Läden sind fortlaufend nummeriert; über dem Eingang zu jedem der Verschläge prangt eine große Zahl. Wir haben es an diesem Tag nur bis zur dritten Etage geschafft. Die Ladennummern dort lauteten auf zweihundert und fortlaufend. Man kann sich leicht ausrechnen, wie viele Läden es in dem ganzen Kaufhaus gibt und welche unvorstellbaren Mengen an Handys, Laptops und allerlei sonstigem elektronischen Equipment jeden Tag auf Käufer warten. [Anmerkung des Autors: Angesichts der kamerascheuen Kundschaft und einer äußerst misstrauischen Händlergilde verbot sich das Fotografieren. Zudem hätten wir die Kamera in dem babylonischen Gewirr überhaupt erst ausfindig machen müssen.]

Es ist Sonnabend und das Einkaufszentrum ist gut besucht. Man sieht auf den ersten Blick, dass es sich keineswegs um die vermeintlich „normalen“ Leute handelt, die durch die Gänge des Elektronikmarktes flanieren. Nicht selten trifft man regelrechte „Gestalten“, denen man anzumerken meint, dass irgendetwas ganz und gar nicht koscher ist. Man sieht vor allem einfache Leute, die sich die teuren Laptops oder Handys im Elektronikfachmarkt nicht leisten können: Familien mit Kindern spazieren durch die Gänge und schauen sich interessiert die Auslagen an. Ein junges Pärchen – er Irokesenfrisur, sie knallbunte Leggings und pinkfarbene Highheels – lassen sich von einem der Händler ein Laptop vorführen. Ein schnauzbärtiger Opa spielt im Gang mit seinem Enkel Fußball. Man sieht auffällig viele junge Männer, die sich ohne erkennbares Ziel in den Gängen herumtreiben. Manche von ihnen könnten gut und gerne „Warenlieferanten“ sein. Daneben gibt es die üblichen Typen, die sich scheinbar absichtslos und desinteressiert auf dem Markt herumdrücken, entweder weil ihnen langweilig ist oder sie anderswo nicht geduldet wären.

Der Markt hat sogar einen eigenen Wachschutz. Auf jeder Etage patrouillieren ein oder zwei mit Schutzwesten und Schlagstöcken ausgerüstete Sicherheitsmänner (Polizei sieht man dagegen nirgendwo). Nicht auszudenken, wenn einem der Händler etwas gestohlen würde! Ich glaube allerdings, die Sicherheitsleute sind nötig, um Gewaltausbrüche zu verhindern, nicht um die Ware zu beschützen. Auf den ersten Blick hat man den Eindruck, alles sei friedlich: Leute schlendern an ihrem freien Tag entspannt durch eine Ladenpassage, nicht anders als dies etwa in einer der großen Shopping-Malls der Stadt der Fall sein könnte. Doch der Eindruck täuscht, denn sobald man den Markt betritt, fühlt man augenblicklich eine gewisse Anspannung. Das mag vielleicht daher rühren, dass wir nicht sind, was wir vorgeben zu sein – Käufer. Und dennoch, die Atmosphäre ist aufgeladen wie vor einem Gewitter und die einschlägige Klientel sieht nicht gerade so aus, als würde sie Streit scheuen oder einem guten Fight aus dem Weg gehen. Solange wir uns im Markt aufhielten, blieb alles ruhig, auch dank der Sicherheitsleute, aber ich würde nicht meine Hand dafür ins Feuer legen, dass es immer so friedlich zugeht.

Man muss sich immer vor Augen halten, dass die meisten, wenn nicht sogar alle Artikel, mit denen hier gehandelt wird, gestohlen sind und man sie also getrost als Diebesgut deklarieren darf (man sollte sich jedoch hüten, dies öffentlich zu tun). Kaum etwas hat seinen Weg legal hierher gefunden. Wer an diesem Ort kauft, ist entweder zu dumm, um darüber Bescheid zu wissen, oder es ist ihm schlicht egal, dass es sich um Hehlerware handelt. Mir wäre nicht ganz wohl dabei, etwas zu kaufen, von dem ich wüsste, dass es jemanden gestohlen wurde. Aber davon spricht niemand und es wäre ein unverzeihlicher, ja geradezu gefährlicher Fauxpas, einen Händler mit der Tatsache zu konfrontieren, dass seine Ware aus unsicherer Quelle stamme. Ich glaube, man würde sofort mehr Aufmerksamkeit auf sich ziehen, als einem lieb wäre.

Die Händler kann man in drei Kategorien einteilen: junge Männer, alte Männer und alte Frauen. Die jungen Händler mögen um die zwanzig oder sogar noch jünger sein. Sie sitzen teils lässig, teils gelangweilt in ihren Kabuffs und manchmal wirken sie so knabenhaft, dass man den Eindruck hat, sie seien Schüler auf einem Schulbasar. Die alten Männer sind von ganz anderem Kaliber. Viele sehen aus wie abgehalfterte Impresarios, mit pomadiger Frisur und dicken Siegelringen an den aufgedunsenen Fingern. Sie sitzen schmerbäuchig vor ihren Läden und taxieren die Besucher des Marktes mit durchdringendem Blick. Nichts scheint ihnen zu entgehen, und ich glaube, sie haben uns mit kundigem Blick durchschaut, noch ehe wir es überhaupt merkten. Die dritte Kategorie sind schließlich alte Frauen. Sie sind meist klein, gedrungen, deutlich zu stark geschminkt und zeigen sich allen modischen Anfechtungen zum Trotz gern in quietschbunten Leggings. Man sieht sofort, dass man ihnen nichts vormachen kann, denn sie haben seit wer weiß wie vielen Jahren darin Übung, Leute auszuforschen. Wer schon einmal auf einem Markt verkauft hat, weiß, dass so ein Händlerleben meist sehr langweilig ist: Man sitzt und wartet. Das einzig Interessante dabei sind die Menschen, die man von seinem Stand aus beobachten kann.

Bei mir ist es allerdings nicht wirklich schwer, etwas herauszufinden, denn ich bin im ganzen Haus der einzige, der wie ein Gringo aussieht (ich bevorzuge die Bezeichnung Europeo oder Alemán; das ist neutral und keineswegs so abwertend wie „Gringo“). Verständlicherweise ziehe ich da die Aufmerksamkeit auf mich und so schauen mich alle an, als käme ich geradewegs von einem anderen, noch dazu sehr merkwürdigen Planeten. Ich versuche, betont gelassen zu wirken und gebe mich cool, doch das ist nicht so einfach, wenn einen alle entweder versteckt oder ganz offen anstarren.

Als wir die Gänge auf der ersten Etage entlang schlendern, wird mir schlagartig bewusst, wie sinnlos der Ratschlag war, hier auf eigene Faust nach unseren gestohlenen Laptops zu suchen. Unser Vorhaben gleicht der Suche nach der berüchtigten Nadel im Heuhaufen. Selbst wenn wir uns Tage an diesem Ort aufhielten und jeden einzelnen Händler fragten, würden wir wohl kaum fündig werden. Mir ist danach aufzugeben, bevor die Suche überhaupt richtig begonnen hat. Meine Frau sieht das naturgemäß anders und möchte es auf einen Versuch ankommen lassen. Sie fragt den erstbesten Händler nach einem Laptop für unseren Sohn. Sie tischt ihm die Legende auf, dass sie nicht viel Geld habe und hierher gekommen sei, weil sie gehört hätte, dass man hier Geräte günstig kaufen könne – natürlich, wofür sollte man sonst hierher kommen. Der Händler, ein kräftiger Typ mit Ted-Herold-Frisur und dicken Silberketten um den Hals und an den Handgelenken, zeigt sich sofort interessiert; er ist überaus nett, geradezu charmant und zeigt sich ungeheuer gesprächig und unversehens befinden wir uns auch schon im Verkaufsgespräch. Meine Frau lässt unseren Sohn beschreiben, was für ein Gerät er angeblich suche. Meinem Sohn ist die Situation sichtlich unangenehm, aber vorerst spielt er noch mit.

Ted Herold hat leider nichts Passendes im Angebot. Dafür führt er uns zu einigen Läden befreundeter Händler. Man zeigt uns Laptops von HP und Apple. Die Geräte sind zwar gebraucht, aber keineswegs alt und alle sind in sehr gutem Zustand; die meisten könnte man für neu halten, und wahrscheinlich sind sie das auch, denn ihre Vorbesitzer haben sich gewiss nur kurze Zeit an ihnen erfreuen können. Das Betriebssystem und sämtliche wichtigen Programme sind gebrauchsfertig installiert. Die Preise sind ungeheuerlich: Ein Laptop, der im Elektronikfachhandel tausend Dollar oder mehr kosten würde, bekommt man hier für schlappe vierhundert. Und eine „Händlergarantie“ von drei Monaten gibt’s noch obendrauf – wenn das kein Service ist!

Die Geräte, die man uns zeigt, sind natürlich nicht „unsere“ – wie hätten wir dies auch erwarten können – und so macht sich schnell Verdruss breit. Wir wollen eigentlich nur noch weg, aber Ted Herold scheint im Urin zu haben, dass er mit uns ein Bombengeschäft machen könne, und deshalb wird er nicht müde, uns immer weiter in den Markt hineinzukomplimentieren. Wortreich präsentiert er uns noch mehr Laptops und noch mehr Handys, die uns gefallen könnten. Uns ist die Situation schon ganz unangenehm – als wäre man in einem fremden Heim eingeladen und der aufdringlich-liebenswürdige Gastgeber nötigte einem noch ein Stück Torte auf, nachdem man schon drei hatte essen müssen.

Unter einem Vorwand schaffen wir es schließlich, uns loszureißen. Meine Frau gibt Ted Herold noch ihre Telefonnummer – falls sich etwas ergibt. Es hält uns nichts mehr an diesem Ort und wir sind froh, als wir endlich wieder auf der Straße sind, zwischen ganz normalen Einheimischen und den üblichen Touristen. Meine Frau hat kein Verständnis dafür, dass wir den Markt so schnell verlassen wollten, und erklärt, sie möchte beizeiten wiederkommen und weitersuchen. Leidlich amüsiert entgegne ich, vielleicht habe sie ja demnächst mehr Erfolg, wo sie doch jetzt einen neuen besten Freund hätte, der ihr helfen könnte. Ich verspüre nicht die geringste Lust, diesen Ort je wiederzusehen. Mich würde an der ganzen Sache eigentlich nur interessieren, wer der Friseur ist, der solche tollen Retrofrisuren auf die Köpfe zaubert!

Wie man ein Handy kauft

Es war immer meine Überzeugung, dass Gesetze dazu da sind, den Menschen das Leben erträglicher zu machen, den Schwachen zu beschützen und den Mächtigen zu zügeln. Hierzulande empfinden viele Menschen Gesetze als reine Schikane und man hat den Eindruck, nicht wenige verfahren nach dem Grundsatz: Solange man nicht ertappt wird, ist es auch nicht verboten. Ich finde diese Einstellung einfach nur zum Kotzen, aber es ist einzusehen, dass vieles nicht so reibungslos funktioniert wie in Deutschland und dass die Menschen daher auf andere Mittel und Wege sinnen müssen, um sich das Leben erträglich zu machen. Und für nicht wenige ist dies einfach eine Frage des Überlebens.

Mein Sohn braucht unbedingt ein Handy. Wir würden es nicht gern sehen, dass er am Tag nicht erreichbar ist oder uns in einem Notfall nicht anrufen kann. Ein Handy ist also kein Luxus, sondern eine Notwendigkeit. Als unsere Wohnung aufgebrochen wurde, hatten die Diebe neben den Computern auch das Handy mitgenommen. Da unser Sohn nicht ohne Handy in die Schule kann, rechneten wir schon fest damit, ihm ein neues kaufen zu müssen, bis eines Tages die Tante meiner Frau erklärte, sie wolle ihm eines schenken. Da unsere finanziellen Mittel arg strapaziert sind, waren wir über dieses großzügige Angebot natürlich heilfroh und wir sind der Tante sehr dankbar.

Wie alle Elektronikartikel sind auch Handys in Ecuador wahnwitzig teuer. Im Elektronikfachhandel zahlt man mindestens das Doppelte dessen, was man für ein identisches Gerät in den USA ausgeben würde. Aber wie immer öffnen sich dem Eingeweihten hierzulande Möglichkeiten und Wege, die dem Unwissenden verschlossen bleiben. Man ahnt es schon: natürlich kann man Handys auch preiswerter kaufen. Das ist zwar ein klitzekleines Bisschen illegal, aber wer fragt schon danach, wenn man dadurch ein glücklicherer Mensch sein kann! Man muss nur die richtigen Leute kennen. Der Bruder meiner Frau hat solch einen Kontakt. Viele Leute in Ecuador haben solche Kontakte; eigentlich kennt jeder irgendeine Person, die einem irgendetwas besorgen kann. Man kennt den Freund eines Freundes und der wiederum hat einen Schwager, der die Möglichkeit hat, etwas zu beschaffen, was man auf anderem Wege nie bekommen würde. Alles klar?

Die Bestellung ist ganz einfach: Man ruft eine Nummer an und sagt, was man haben möchte, beispielsweise einen Computer einer bestimmten Marke, der zudem noch gewisse technische Spezifikationen aufweist. Nach einigen Tagen wird man dann seinerseits angerufen und man erhält Bescheid, dass die Ware eingetroffen sei. Man trifft sich mit dem Händler an einem zuvor vereinbarten Ort, vorzugsweise in einer Mall oder einem anderen Ort mit Publikumsverkehr. Dort findet dann die Übergabe statt. Das hört sich sehr konspirativ an und das ist es auch, denn die Händler arbeiten unter dem Deckmantel der Verschwiegenheit. Und so findet man solche Kontakte auch nicht in den Gelben Seiten oder im Lokalanzeiger. Man muss Leute kennen. Alles beruht auf Mund-zu-Mund-Propaganda (Als ich zum ersten Mal davon hörte, musste ich unwillkürlich an den Straßenverkäufer aus der Sesamstraße denken, den flüsternden Typen im Trenchcoat, der Ernie ein M verkaufen möchte).

Als mein Sohn sein neues Handy zum ersten Mal einschaltete, war Italienisch als Menüsprache eingestellt. Es ist nicht schwer zu erraten, wie die Ware ins Land gelangt: Wahrscheinlich fliegt einer der Händler nach Italien, kauft dort alles gemäß Bestellliste legal im Elektronikmarkt ein und kehrt mit dem nächsten Flug zurück (vielleicht wohnt auch ein Verbindungsmann in Italien, der die Handys im Internet bestellt – vieles ist denkbar). Ob er mit oder ohne Wissen der Zollbeamten ins Land einreist, mag dahingestellt sein. Vielleicht ist ihm das Flughafenpersonal gegen eine kleine Aufwandsentschädigung sogar behilflich – man weiß es nicht und Gerüchte gibt es viele. Aber eigentlich will man es auch gar nicht so genau wissen.

Landläufig würde man die auf diese Weise ins Land geholten Güter als Schmuggelware bezeichnen, aber niemand macht sich deswegen ernsthafte Sorgen und niemand hat deswegen ein schlechtes Gewissen. Elektronische Geräte sind so verdammt teuer, dass jeder die kleine Gesetzesübertretung fast schon als eine Notwendigkeit empfindet. Das Handy meines Sohnes hätte legal im Laden um die 450 Dollar gekostet. So viel wollte die Tante natürlich nicht ausgeben und warum freiwillig mehr bezahlen, wenn man es auch günstiger haben kann? Die Bestellung unter der Hand schlug mit gerade einmal 250 Dollar zu Buche. Das sind Preisunterschiede, die einem die Schuhe ausziehen, zumal man bedenken muss, dass die Händlerprovision ja schon im Endpreis enthalten ist. Manchmal muss man sich damit begnügen zu begreifen, wie die Welt funktioniert. Das ist schon viel und das sollte auch reichen, wenn es unmöglich ist, sie zu ändern.

Vom Abenteuer, ein Sportgerät zu kaufen

Ein paar gewöhnliche Hanteln zu kaufen, kann in Ecuador ein Abenteuer sein, das nächtliche Fahrten auf gefährlichen Straßen und konspirative Treffen auf abgelegenen Parkplätzen einschließt. Ich habe mich nun dagegen entschieden, in einem Studio zu trainieren (zu teuer, zu schlecht, zu weit). Statt mein Geld also gierigen Studiobesitzern in den Rachen zu werfen, habe ich mir in den Kopf gesetzt, ein gutes Hantel-Set zu kaufen. In Deutschland wäre dies gar kein Problem: Man ordert bei Amazon oder Ebay oder irgendeinem renommierten Anbieter für Sportartikel und drei Tage später wird die Ware schon frei Haus geliefert. Hierzulande ist das nicht ganz so einfach, ganz und gar nicht.

Amazon und Ebay kann man in Ecuador nicht nutzen – wer so vertrauensselig ist und fremden Menschen freiwillig Geld überweist, muss sich nicht wundern, dass seine Ware nie ankommt. Hierzulande gibt es Mercadolibre und OLX. Das sind im Grunde gewöhnliche Anzeigenmärkte, auf denen jeder alles verkaufen kann. Es gibt auch die Möglichkeit, über Ali-Express zu bestellen – dort gibt es bekanntlich nichts, was es nicht gibt –, da die Artikel aber aus China geliefert werden, sind die Transportkosten ungeheuer hoch und am Ende lohnt es sich dann doch nicht, zumal der ecuadorianische Zoll seinen Teil vom Kuchen abhaben möchte. Und um das Maß des Ungemachs schließlich voll zu machen, hat auch der Postweg so seine Tücken. Es kommt kommt vor, dass Sendungen einfach im Nirgendwo verschwinden und Nachforschungen verlaufen, wer hätte es gedacht, im Sande. Shit happens, möchte man da grimmig sagen.

Nach längerer Suche – in Wahrheit war ich der Verzweiflung nahe – fand ich endlich ein lohnendes Angebot auf OLX: Langhanteln (sogar Olympia-Hanteln), Kurzhanteln und Platten aller Größen aus ecuadorianischer Produktion und zu einem wirklich guten Preis. Ein Bild von der Ware gab allen Grund zur Hoffnung. Die Schwierigkeit bestand nämlich darin, eine gute Trainingshantel zu finden. Freizeithanteln bis zwanzig Kilo für den sportelnden Angestellten findet man zuhauf. Aber richtig gute Profihanteln für diejenigen, die ernsthaft trainieren möchten, sind rar. Zwei Wochen später versuchte ich, eine Bestellung aufzugeben, doch die Anzeige war verschwunden. Trotz längerer Suche konnte ich auch nichts Vergleichbares entdecken. Manchmal hat sich die Welt eben gegen einen verschworen.

Zum Glück hatte ich mir die Telefonnummer des Anbieters notiert. Ich ließ meine Frau anrufen, um in Erfahrung zu bringen, ob die Anzeige noch aktuell wäre und wenn ja, wo ich die Ware kaufen könnte. Eine junge Frau meldete sich. Da in der Anzeige auch eine Adresse genannt wurde (die jedoch zu unbestimmt war, als dass man sie leicht hätte finden können), fragte meine Frau sie, ob sie den Weg zu besagter Adresse beschreiben könnte. Die junge Frau antwortete, dass die Adresse nicht mehr existiere. Ob denn überhaupt noch Hanteln verkauft würden, wollte meine Frau daraufhin wissen. Ja, das Geschäft bestehe weiter und der Inserent werde in einer Stunde zurückrufen. Dann könne ja alles weitere besprochen werden. Das klang sehr mysteriös, aber bekanntlich geben erst Geheimnisse dem Leben die nötige Würze. Ich war gespannt, welche Überraschungen der Tag noch für uns bereithalten würde.

Ein sonderbares Erlebnis

Wir befanden uns gerade in Sangolquí. Das ist eine Stadt, die in Richtung der Schule unseres Sohnes liegt. Wenn man an der British School vorbei fährt und der Landstraße weiter folgt, gelangt man über El Tingo nach ungefähr zwanzig Minuten schließlich nach Sangolquí. Um die Stadt selbst zu sehen, hätte sich die lange Fahrt sicher nicht gelohnt, und auch der schönen Landschaft wegen hat es uns nicht hierher verschlagen. Es war vielmehr unsere Absicht, eine Shopping-Mall namens San Luis zu besuchen. Wir sind nämlich auf der Suche nach Möbeln (wieder einmal!), insbesondere nach Regalen für unsere Bücher, denn unsere neue Wohnung in Nayón ist noch weitgehend leer und wirkt daher ein wenig unwohnlich, ein Zustand, den wir schleunigst zu ändern beabsichtigten.

Auf dem Weg zur Shopping-Mall kommt man an mehreren kleinen Schreinereien vorbei. Wer Industriemöbel im Ikea-Design und aus dem obligatorischen Pressholz nicht mag, ist gut beraten, sich hier einen Schrank, ein Bett oder wonach auch immer es ihn gelüstet aus Pinienholz zimmern zu lassen. Das ist kaum teurer als das Gegenstück aus industrieller Fertigung, aber dafür hat man dann ein echtes Stück Handwerk in seiner Wohnung stehen, aus echtem Holz, und dazu sieht es auch noch schön aus. Die Bestellung ist denkbar einfach: Man gibt dem Schreiner eine Zeichnung des gewünschten Möbelstücks oder ein Foto und wählt die Farbe (es gibt verschiedene Beizen). Eine kleine Anzahlung besiegelt das Geschäft. Jetzt muss man nur noch auf den Anruf warten, dass alles fertig ist. Wir bestellten ein Regal, in das der Fernseher und die Bücher passen.

Die Shopping-Mall in Sangolquí ist unvorstellbar groß und auch unvorstellbar voll – ich hatte den Eindruck, teure Markenartikel würden an diesem Tag kostenlos verteilt, solche Menschenmassen drängten sich um die Auslagen. Doch der Eindruck täuscht natürlich und das Centro comercial San Luis bietet keine Abwechslung gegenüber all den anderen Malls: Überall begegnen einem dieselben internationalen Marken und die Preise sind natürlich auch dieselben wie in allen anderen Einkaufsmeilen. Der Food-Court ist wie der Innenhof eines spanischen Landhauses gestaltet. Die Stahlkonstruktion gibt sich als ziegelgedecktes Holzdach aus, und von den Pfeilern blicken abwechselnd Rinder- und Pferdeköpfe im Bronze-Imitat auf das dichte Treiben der hungrigen Konsumenten.

Der Besuch in der Mall, die keine Attraktionen zu bieten hat, mit denen nicht auch jedes x-beliebige Einkaufszentrum aufwarten könnte, wäre nicht weiter erwähnenswert, würde der hauseigene Wachschutz nicht SA-Uniformen tragen. Natürlich waren das keine echten SA-Uniformen, aber auf den ersten Blick hätte man sie dafür halten können: nazi-braunes Hemd, schwarze Krawatte, schwarze Hose, glänzende Stiefel und dazu ein schwarzes Käppi, das verdächtig und zugleich vertraut „deutsch“ wirkte. Die orange-weißen Armbinden vervollständigten das Bild (rot-weiß wäre des Guten oder vielmehr des Schlechten – des schlechten Geschmacks wohlgemerkt – wirklich zu viel gewesen). Nazisymbole waren selbstverständlich nicht zu sehen und vielleicht war das optische Erscheinungsbild nur Zufall und gar nicht gewollt. Wer weiß. Im tropischen Ecuador gibt es sicher nicht viele Menschen, die wissen, wer die SA ist. Glückliches Ecuador.

Als mir der erste Wachmann über den Weg lief, war ich so perplex, dass ich mir keinen Reim darauf machen konnte. Es war wohl mein Unterbewusstsein, das mir die naheliegende Erklärung eingab: hier wird gerade ein Film gedreht. Aber das war natürlich absurd, und was für ein Film sollte dies sein, in dem man SA-Leute unter Palmen sieht? Doch welches kranke Hirn käme auf die Idee, Wachleuten (oder sollte man besser sagen Wachmannschaften) braune Hemden anzuziehen? Vielleicht ist das alles nur ein Scherz und jemand hatte einen Mordsspaß dabei, diese Groteske in Szene zu setzen. Ich witzelte: die hätten wohl alle beim Ausstatter des Führers eingekauft. Ich weiß nicht, ob den Leuten bewusst ist, welche unheilvollen und zugleich komischen Reminiszenzen solch ein Aufzug heraufbeschwört, gerade an einem Ort wie diesem, inmitten der üppigen tropischen Landschaft. Wahrscheinlich nicht; das Bizarre an der Szenerie draußen auf dem Parkplatz vor der Einkaufsmeile schien niemandem wirklich aufzufallen.

Apropos Nazis: Aus der Feder eines ecuadorianischen Historikers stammt eine interessante Arbeit, welche sich mit den Beziehungen zwischen Ecuador und Nazi-Deutschland beschäftigt. Ihr Titel lautet „El Ecuador y la Alemania Nazi“. Der Autor zeigt darin, dass Teile der Elite Ecuadors tief empfundene Sympathien gegenüber dem nationalsozialistischen Regime hegten. Sicherlich gibt es auch heute noch stille Bewunderer des braunen Ungeistes, aber würde diese Bewunderung so weit gehen, den Kaufhaus-Wachschutz als SA zu verkleiden? Ich frage mich, ob es überhaupt ecuadorianische Nazis gibt. Ich denke nicht. Das wäre ja fast schon so bizarr wie Space-Nazis oder Nazi-Zombies (Schönen Gruß an Kathi aus der TiB!).

Nachts auf dem Parkplatz

Nach einer Stunde rief uns der Hantelmann an. Wir saßen gerade im Food-Court und mein Sohn verputzte einen Tropi-Burger. Die Burger dieser Fast-Food-Kette, die es in Deutschland leider nicht gibt, sind übrigens unglaublich gut und viel leckerer als die Produkte der Konkurrenten McDonalds und Burger King. Aber das ist natürlich nur meine persönliche Meinung, um etwaigen Klagen vorzubeugen. Doch zurück zu den Hanteln: Der Hantelmann bot uns an, sich mit ihm in zwanzig Minuten hinter der Mautstelle an der Autopista zu treffen. Wir kennen uns in Quito zwar nicht aus, aber das Navi führte uns sicher zum vereinbarten Treffpunkt. Wir stellten den Wagen auf dem Parkplatz eines Tankstellenshops gleich hinter der Mautstelle ab. Bis zum Treffpunkt waren es noch einmal hundert Meter entlang der Autopista.

Das ist nicht gerade die beste Gegend für eine zwanglose Verabredung. Die meisten Häuser sehen aus, als ob sie eine Renovierung dringend nötig hätten. Die Grundstücke sind mit Maschendrahtzaun und Stacheldraht gesichert. Auf einem verwahrlosten Platz spielen Typen Volleyball, die nicht so aussehen, als wollte man ihnen gern bei Mondschein begegnen. Sie beäugen uns interessiert und misstrauisch, kümmern sich aber sonst nicht weiter um uns. In den Tropen wird es immer so schnell dunkel, als würde jemand das Licht ausknipsen. Als wir den Treffpunkt abseits der Autopista erreichen, herrscht fast stockfinstere Nacht. Nur die spärliche Straßenbeleuchtung erhellt die Szenerie. Es ist kalt geworden, denn wir sind in Quito, auf fast dreitausend Metern Höhe und manchmal sinken die Temperaturen Nachts unter zehn Grad. Leider haben wir vergessen, unsere dicken Jacken mitzubringen (das passiert uns nicht zum ersten Mal). So stehen wir also zitternd in der Dunkelheit, irgendwo an der Autopista – eine Szene wie aus einem Film, kurz bevor das Verbrechen geschieht.

Der Hantelmann ist Anfang zwanzig und macht einen sehr sympathischen Eindruck. Ich lasse mir die Muster zeigen. Er öffnet den Kofferraum seines Wagens und darin befindet sich die Ware: Es sind gusseiserne graue Platten in den üblichen Größen – 1,25 kg, 2,5 kg, 5 kg usw. Das ist nicht umwerfend, aber schlecht ist es auch nicht, ganz und gar nicht. In Berlin habe ich Studios mit weit fragwürdigerem Equipment gesehen, mit zerschlissenen Platten, ausgeschlagenen Lagern und verbogenen Hantelstangen. Die Platten sehen fast wie Profimaterial aus und können sich durchaus mit den einfacheren Produkten der renommierten Hersteller messen. Und Gusseisen hat den Vorteil, dass nichts kaputt gehen kann. So etwas hält ewig – nicht dass ich vorhätte, bis zu meinem Lebensende mit diesen Geräten zu trainieren.

Hantelstangen und Kurzhanteln sind ebenfalls im Angebot – Hantelmann zeigt uns Bilder auf seinem Handy. Er sagt, die Hanteln seien aus gehärtetem Chromstahl hergestellt und würden weit mehr verkraften als bloß die hundert Kilo, die ich zu bestellen gedachte. Auf den Bildern sehen die Geräte wirklich erstklassig aus. Selbst in der Nahaufnahme sind sie von den Produkten einschlägiger Hersteller nicht zu unterscheiden. Selbstverständlich hat das Trainingsequipment nie einen TÜV-Test bestehen müssen, und selbstverständlich ist alles, was wir sehen, an sämtlichen internationalen Lizenzen vorbei produziert worden. Aber ich bin überzeugt und bestelle. Vorsorglich nehme ich die 1,80-Meter-Version der Langhantel; ich fürchte, bei 2,20 m könnte das Biegemoment doch zu groß werden. Vielleicht habe ich aber einfach nur zu wenig Vertrauen in die Güte der Schwarzarbeit. Immerhin laufen die Geschäfte schon seit Jahren außerordentlich gut und es scheint sich noch nie jemand über schlechte Qualität beschwert zu haben. Davon abgesehen, hat die kürzere Hantel ganz praktische Vorteile. So lässt sie sich viel besser transportieren und auch gut verstauen, und in unserer nicht gerade übermäßig geräumigen Wohnung würde ich ohnehin fürchten, mit der großen Hantel die Einrichtung zu zerlegen.

Der Hantelmann erzählt uns, dass er in einer Gießerei arbeite. Wie es scheint, legen die Gießereikumpel nach Feierabend noch Extraschichten ein, um die große Nachfrage befriedigen zu können. Das Geschäft scheint gut zu laufen, denn er sei, so meint er, ständig unterwegs, um bestellte Ware auszuliefern. Im Vergleich zu den Sportgeräten der professionellen Hersteller sind diese relativ günstig zu beziehen. Ich hätte gern das Produkt eines Markenherstellers gekauft, aber trotz langwieriger, hartnäckiger und zum Schluss fast verzweifelter Suche im Internet, gelang es mir nicht, im Land selbst ein geeignetes Hantel-Set aufzutreiben. Ich hätte in Europa oder in den USA bestellen können, doch die Kosten für Verschiffung und Zoll sind so astronomisch, dass ich mir für das Geld auch gleich ein komplettes Home-Studio aus einheimischer Produktion einrichten könnte. Wir verabreden uns für das nächste Wochenende, um den Deal abzuschließen, wieder an derselben Stelle, auf dem Parkplatz an der Autopista. Hantelmann liefert die Ware, wir bringen das Geld. Ich bin gespannt, ob die Langhantel überhaupt in unser Auto passt. Aber was tut man nicht alles, um seinem liebgewonnenen Hobby frönen zu können.

Auf der Rückfahrt, es war mittlerweile stockfinster, nahmen wir die falsche Auffahrt und wenn wir das Navi nicht gehabt hätten, wären wir wahrscheinlich gefahren bis uns der Sprit ausgegangen wäre. Aber das Navi führte uns zielsicher zur nächsten Ausfahrt. Dann fuhren wir, immer den Anweisungen folgend, im Zickzackkurs durch ein Labyrinth aus verwinkelten Gassen, in denen es, mangels Straßenlaternen, dunkel wie in einem Kohlenkasten war. Nur aus den Häusern beleuchtete fahler Schein die Straße. Die Wohngegend beiderseits der von Schlaglöchern übersäten Strecke machte nicht gerade den Eindruck, als ob es angeraten wäre, nachts allein umher zu spazieren. Merkwürdige Gestalten trieben sich in der Dunkelheit herum. Wir waren froh, dass wir nicht zu Fuß gehen mussten. Die Türen des Wagens hatten wir vorsorglich verriegelt, darüber hinaus vertrauten wir auf das Navi. Ich musste vorsichtig fahren, weil wir immer wieder auf Passanten trafen. Ich weiß nicht, was die Leute in dieser nicht gerade ungefährlichen Gegend auf die Straße treibt, noch dazu bei fast völliger Dunkelheit. Nachdem wir im Gewirr der Gassen gefühlte fünfzig Mal abgebogen waren und schon zweifelten, ob unsere Irrfahrt ein glückliches Ende nehmen würde, gelangten wir endlich zur Autobahnauffahrt – und diesmal war es die richtige. Zwanzig Minuten später waren wir sicher in unserer Wohnung.

Unter Irren

Es ist nun schon eine Weile her, dass ich Zeit und Muße gefunden habe, ein paar Zeilen zu schreiben. Aber das Leben ist hier so verrückt und nimmt einen derart in Anspruch, dass man nur selten dazu kommt, sich um die angenehmen Dinge zu kümmern. Man hat manchmal den Eindruck, man sei von Irren umgeben. Aber vielleicht täuscht die Wahrnehmung, vielleicht ist dieser Eindruck ganz falsch und es kommt nur auf die richtige Perspektive an. Vielleicht bin in Wirklichkeit ja ich derjenige, der verrückt geworden ist und habe es nur nicht gemerkt. Die Irren in der geschlossenen Anstalt, die glauben, sie seien Napoleon, halten sich sicher auch nicht für verrückt. In den letzten Tagen haben sich die Ereignisse regelrecht überschlagen und wir hatten kaum Zeit, Atem zu holen. Aber alles der Reihe nach.

Ein neuer Mitbewohner

Mein Sohn wünscht sich schon seit Jahren einen Hund. Bisher konnten wir ihm diesen Wunsch nicht erfüllen, denn unsere Berliner Wohnung ist nicht gerade groß und auch noch einen Hund darin zu halten, hätte unsere Nerven und wahrscheinlich die des Hundes zu sehr strapaziert. Hier in Ecuador bewohnen wir eine neue, sehr geräumige Wohnung. Platz wäre also da. Zudem ist der Boden in Wohnzimmer, Küche und Bad gefliest. Wenn also wirklich einmal etwas daneben geht, ist das kein großes Malheur. Sollte es irgendwo überhaupt möglich sein, unserem Sohn den sehnlichsten Wunsch zu erfüllen, dann wohl hier. Wir freundeten uns also mit dem Gedanken an, dass wir bald ein weiteres Familienmitglied würden begrüßen dürfen.

Man darf sich nichts vormachen – ist so ein Tier erst einmal im Haus, schließt man es sogleich ins Herz, ganz egal wie ablehnend man ihm am Anfang auch begegnet sein mag. Unser Sohn wollte nun unbedingt einen Mops haben, weil Möpse eben klein sind und leicht in der Wohnung gehalten werden können. Er hatte sich ein wenig in die Idee verrannt und war auch nicht bereit, Alternativen in Betracht zu ziehen. Wir erkundigten uns sogleich nach Preisen. Jeder, der schon einmal einen Hund besessen hat oder sich ein wenig mit Rassehunden auskennt, weiß, dass ein Welpe aus einer Zucht auch seinen Preis hat. Die günstigste Offerte belief sich dann immer noch auf dreihundert Dollar und wir fragten uns, warum es ausgerechnet ein teurer Rassehund sein muss. Wir waren hin und hergerissen, ob wir wirklich so viel Geld für ein Haustier ausgeben sollten. Schließlich wünschte sich unser Sohn so sehr einen Hund, so sehr, dass er sogar gewillt war, morgens früher als sonst aufzustehen, um mit ihm Gassi zu gehen. Das Verlangen nach einem Hund muss wirklich groß sein, wenn er zu solch einem Opfer bereit ist.

Am Ende vertagten wir die Entscheidung. Manchmal ist es das Beste, man wartet einfach ab und lässt die Dinge ihren Lauf nehmen. Wie der Zufall so spielt, fand sich bald eine Lösung: Die Besitzerin des Cyber-Shops hat eine Bekannte, die Hunde hält (vielleicht ist es auch eine Verwandte – ich sehe da nicht so richtig durch). Eine der Hündinnen hatte gerade einen Wurf und die Leute fragten sich, was sie mit so vielen Hunden anfangen sollten. Das Beste wäre, sie einfach zu verschenken! So reifte die Idee heran, einen der Welpen zu uns zu nehmen.

Vorletzten Freitag besuchte mein Sohn zusammen mit meiner Frau, die einem Schwätzchen nie abgeneigt ist, die Leute, um sich die Hunde anzusehen und vielleicht einen auszuwählen, den man mitnehmen könnte. Ich blieb zuhause und rechnete nicht damit, dass unser Sohn so schnell mit einem Hund wiederkommen würde, zumal meine Frau dieser Vorstellung eher reserviert gegenübersteht. Am Ende trat dann genau das ein, womit niemand gerechnet hatte, was man aber hätte voraussehen müssen: Als ich die Tür öffnete, stand mein Sohn freudestrahlend vor mir, in beiden Händen eine große Kiste und darin befand sich ein haariges Etwas, das entfernt an eine Kuh in Miniatur erinnerte.

Der Welpe ist acht Wochen alt, fast so winzig wie ein Meerschweinchen und hat ein Fleckenmuster wie die Milka Kuhflecken. Er hört auf den Namen Titan – sicherlich weil er so furchteinflößend wirkt. Die meiste Zeit des Tages verschläft er. Er rollt sich dann auf seiner Kuschelmatte zusammen und gibt keinen Mucks von sich. Wenn ich am Computer sitze und schreibe, legt er sich auf meine Füße und schläft ein. Das ist der bravste Hund, den ich je in meinem Leben gesehen habe. Er ist so lieb, dass er nicht mal bellt. Nur wenn er einmal zufällig sein eigenes Spiegelbild in der Scheibe sieht, fängt er an zu springen und zu kläffen, aber das ist eher drollig. Leider ist er noch nicht stubenrein und was er wirklich gut kann, ist fressen, Wasser lassen und Häufchen machen. Jedes Mal, wenn ich eine der Tretminen in der Wohnung sehe, bin ich heilfroh, dass der Boden gefliest ist. In den nächsten Wochen wollen wir aber versuchen, ihn stubenrein zu bekommen. Wir haben schon eine Leine mit einem winzigen Geschirr daran gekauft. Neulich haben wir es ihm angelegt – er hielt währenddessen ganz still – und als wir ein bisschen mit ihm herumliefen, schien er sich nicht daran zu stören. So ein lieber Hund!

Eile mit Weile

In der letzten Woche ist endlich ein lang gehegter Traum wahr geworden. So muss man es fast beschreiben, denn nachdem wir so lange auf einen Internetanschluss hatten warten müssen, schickte der Netzanbieter endlich seine Leute vorbei, um die dafür nötige Kabelbox installieren zu lassen. Ein versierter Mitarbeiter hätte sicher gereicht, aber es kamen ihrer gleich vier und es dauerte ungefähr zwei Stunde, bis die Kabel gelegt und die Anschlüsse an der Wand befestigt waren. Merkwürdigerweise hat der Hauseigentümer zwar an jeder Wand zwei Steckdosen anbringen lassen, aber es befindet sich nur ein Telefonanschluss in der Wohnung und zwar ausgerechnet in der hintersten Ecke des Schlafzimmers. Die Installateure meinten, wenn ich die Box woanders hängen haben möchte, müssten sie die Kabel durch die Wohnung legen. Ich entschied mich dann aus ästhetischen Gründen doch dafür, das Telefon in die hinterste Ecke der Wohnung zu verbannen.

Ich war allein zuhause, meine Frau war arbeiten und meinen Sohn hatte ich zur Schule gebracht. Die Leute des Internetanbieters begnügten sich nicht damit, die Kabelbox einfach zu installieren, wie es sich gehört, sondern stellten mir zig Fragen, die ich, mangels ausreichender Spanisch-Kenntnisse, gar nicht beantworten konnte. Ich musste passen, aber hätte ich mich auch verständlich ausdrücken können, so würde ich sie wahrscheinlich doch nicht verstanden haben, denn meistens ging es um technische Details, und es gibt keine Sprache, in der ich dazu kompetent hätte Stellung nehmen können. Am Ende ging es dann doch, ohne dass ich auch nur eine einzige Frage beantwortet hätte, und am Abend hatten wir endlich Internet.

Einige Tage später kam dann noch der Telefon-Mann. Er war wie vom Schlag gerührt, als er die Kabelbox an der Wand hängen sah, denn man hatte ihn beauftragt, Internet und Telefon zu installieren. Er suchte dann in sämtlichen Zimmern die Wände nach irgendwelchen Anschlüssen ab, kratzte sich konsterniert am Kopf und war mit seinem Latein schließlich am Ende. Er murmelte etwas davon, dass er eine Box holen müsste und dass er wiederkommen würde. Weder holte er die Box, noch kam er jemals wieder. Dafür kamen am nächsten Tag noch einmal drei Mitarbeiter derselben Firma und installierten endlich den Telefonanschluss.

Was jetzt noch fehlt, ist das Fernsehen, um die langen ereignislosen Abende zu überstehen. Mittlerweile habe ich fast alle Bücher, die ich mir mitgebracht habe, ausgelesen und Lektüre-Nachschub kommt wahrscheinlich erst in einigen Wochen, wenn unser Container aus Deutschland eintrifft. Vorsorglich habe ich mir einen nicht eben kleinen Fundus an Büchern eingepackt. Darunter ist vieles, das ich mir irgendwann einmal gekauft habe, das ich aber nie gelesen habe, weil ich bisher keine Zeit hatte. Aber vielleicht hatte ich so wenig Zeit, weil ständig der Fernseher lief. Die Tage in Berlin haben mich meist so sehr erschöpft, dass ich mich oft nur noch nach Bequemlichkeit und Entspannung sehnte. Was gibt es Schöneres, als sich in einen gemütlichen Sessel zu fläzen und durch das Abendprogramm zu zappen.

Der Schock zum Wochenende

Letzten Samstag war wieder einmal der große Einkaufswahnsinn angesagt. Wir mussten nach Quito, um Dinge zu kaufen, die es hier in Cumbayá nicht gibt. Zum Beispiel brauchten wir unbedingt einen Wäschetrockner, denn schließlich ist es kein Zustand, wenn ständig die ganze Wohnung mit nasser Wäsche verhängt ist. Da wir immer noch kein Auto haben – die Lieferung kann sich nur noch um Wochen verzögern –, nahmen wir Taxis und den Bus. Am Ende dauerte alles wieder länger, als wir ursprünglich geplant hatten, denn ist man einmal dabei, unentbehrliche Dinge zu kaufen, fallen einem gleich tausend andere Sachen ein, die mindestens genauso unentbehrlich sind.

Nachdem wir aus Quito zurückgekehrt waren, musste meine Frau einer Klinik in der Innenstadt Cumbayás noch einen Besuch abstatten, um die Ergebnisse ihrer letzten Blutuntersuchung zu erfahren. Sie litt seit Tagen unter Durchfällen und die Ärzte vermuteten eine Infektion. Wir verbrachten noch mindestens eine Stunde in der Klinik. Meine Frau wurde ohne Befund (weder Viren noch Bakterien ließen sich nachweisen) nach Hause geschickt. Der Arzt gab ihr ein Rezept, auf das sie in der Apotheke ein Durchfallmittel erhalten würde. Wir suchten noch die Apotheke auf, um das Rezept einzulösen. Nach einem skeptischen Blick auf den Zettel meinte die Apothekerin, dass dieses Durchfallmittel seit zwei Jahren nicht mehr vertrieben werden dürfe und folglich auch nicht im Bestand der Apotheke zu finden sei. Sie gab meiner Frau stattdessen ein anderes Medikament. Da es schon dunkel wurde, nahmen wir uns ein Taxi und fuhren nach Hause. Wir hatten das Haus gegen zwölf Uhr Mittags verlassen. Nach über sechs Stunden Besorgungsmarathon kehrten wir glücklich erschöpft mit unseren Einkäufen heim.

Vor dem Haus empfing uns ein Blitzlichtgewitter in Blau und Rot. Zwei oder drei Polizeiwagen parkten vor dem Eingang, einige Polizisten standen herum und die Bewohner der Wohnanlage erwarteten uns draußen. Alle schauten uns an, als wären wir in irgendetwas verwickelt, von dem wir als einzige nichts wussten. Wir stiegen aus dem Taxi und fragten, was passiert sei. Man sagte uns, es sei eingebrochen worden. Wie sie uns dabei ansahen, wussten wir, dass es die Diebe auf unsere Wohnung abgesehen hatten. Dennoch stürmten wir die Treppe nach oben in der Hoffnung, nein, in der unerschütterlichen Erwartung, dass sich alles als ein Alptraum erweisen würde, den man vergessen hat, sobald man aufwacht. Doch die Ahnung trügt nie und die schlimmsten Befürchtungen werden wahr, wenn man am wenigsten damit rechnet.

Es kam genauso, wie wir befürchtet hatten: Die Wohnungstür aufgebrochen, die Schubladen herausgerissen, die Schränke durchwühlt. Noch wie betäubt, sprachlos, doch mit rasendem Herzschlag prüften wir, was noch da war und was fehlte. Nach unserer verzweifelten Inventur war klar, dass die Diebe genau wussten, was mitzunehmen lohnte. An unseren Reisepässen waren sie nicht interessiert. Wichtige Papiere und Dokumente lagen immer noch fein säuberlich geordnet an ihrem Platz. Selbst Bargeld verschmähten sie, denn die Sparbüchse unseres Sohnes, die immerhin 150 Dollar enthielt, war nicht angetastet worden. Was fehlte, waren die Laptops von uns dreien sowie ein dazugehöriger Kühler, eine Kamera, das Handy meines Sohnes und zwei teure File-cabinets meiner Frau.

Was macht man in solch einer Situation? Die Szene wirkte surreal. Ich hatte den Eindruck, ich wäre gar nicht anwesend, sondern schaute mir von irgendeinem Ort weit entfernt einen Film an, der zufällig von mir und meiner Familie handelte. Vier Polizisten standen in unserem Wohnzimmer und stellten Fragen: Wann wir das Haus verlassen hätten, ob uns etwas aufgefallen sei, welche Dinge wir vermissen würden. Ein Mitarbeiter der Kriminalpolizei nahm den Fall auf und kümmerte sich um die Spurensicherung, die darin bestand, mit der Handy-Kamera Fotos von dem zerstörten Türschloss zu machen. Ich hatte den Eindruck, dass er häufig Fälle wie diesen zu bearbeiten hätte. Anders als seine Polizeikollegen trug er keine Uniform. Er trat vielmehr so auf, wie man es von den coolen Cops in den Filmen US-amerikanischer Provenienz erwartet: Jeans und Sneakers, schwarze Adidas-Jacke über dem bulligen Oberkörper, das Haar kurz geschoren und ein Brillantstecker im Ohr.

Der Polizist hörte sich ruhig und nicht ohne Mitgefühl unsere Sicht der Dinge an: Wenn man sich an den üblichen ecuadorianischen Preisen orientiert, belief sich der materielle Schaden auf etwa viertausend Dollar. Das ist nicht wenig, zumal wir nicht wohlhabend genug sind, um solche Verluste mal eben aus der Portokasse zu ersetzen. Was aber noch schwerer wiegt als der finanzielle Aderlass ist der Verlust wichtiger, ja unersetzbarer Arbeitsmaterialien: Meine Frau hatte mit ihrem Laptop sämtliche Schulunterlagen verloren und war der Verzweiflung nahe. In den File-cabinets befanden sich weitere wichtige Materialien für die Unterrichtsvorbereitung – über Jahre ausgearbeitet, zusammengestellt und archiviert. Mein Sohn braucht seinen Laptop für die Schule. Wir hatten ihm extra einen für tausend Dollar hier in Ecuador gekauft. Das hört sich nach viel an, man muss aber bedenken, dass Computer und insbesondere Laptops hierzulande manchmal doppelt so teuer sind wie in den USA. In der British School wird vernetzt mit „Google Classroom“ gearbeitet; ohne einen eigenen Laptop ist es schlichtweg einfach unmöglich, an Materialien zu kommen oder überhaupt am Unterricht teilzunehmen. Ein Laptop war daher ein absolutes Muss. Das Gerät war gerade ein paar Tage alt, also nagelneu, und mein Sohn, der von uns dreien wohl am meisten von Computern versteht, hatte gerade damit begonnen, einige unverzichtbare Programme zu installieren, als die Diebe zuschlugen. Und ich schließlich brauche meinen Laptop zum Schreiben. Die Kamera, eine teure Lumix, war gerade ein Jahr alt. Meine Frau hatte sich schon immer eine gute Kamera gewünscht und sie schließlich eigens dafür gekauft, um sie nach Ecuador mitzunehmen; sie wollte „schöne Bilder“ machen. Schöne Bilder macht sie jetzt wahrscheinlich auch – es ist bittere Ironie, dass sie nun für immer in Ecuador bleiben wird. Ich hoffe nur, dass die Kriminellen nicht allzu viel Freude an der Kamera haben. In ihrer Eile haben sie das Ladekabel und den Transformator übersehen. Meine Frau hatte die Lumix in Europa gekauft und europäische Ladekabel sind hier in Ecuador nur schwer zu bekommen. Ich fürchte, sobald der Akku leer ist, wird man die Kamera entweder wegwerfen oder alle verwertbaren Teile ausschlachten und den Rest unauffällig entsorgen.

Leider hatte mein Sohn sein Handy im selben Rucksack verstaut, in dem sich auch der Computer befand. Die Diebe schütteten hektisch die Schulbücher und Hefter auf den Boden, stopften den Computer hinein und nahmen den Rucksack mit. Dabei merkten sie offenbar nicht, dass sich darin ein eingeschaltetes Handy befand. Gleich nach unserer Ankunft versuchte die Polizei, das Handy über Satellit zu orten. Sie wurde auch schnell fündig, doch leider konnte der Standort nur mit einem Radius von zweihundert Metern bestimmt werden. Das Handy befand sich zu diesem Zeitpunkt irgendwo in der Nähe des Quicentro Sur im Süden der Stadt. Leider ist das Areal dicht bebaut und man hätte schon mehrere Teams in das dichte Gassengewirr schicken müssen, um den genauen Standort ausfindig zu machen. Bloß wegen einiger Computer würde die Polizei wohl kaum Männer und Ressourcen verschwenden. Am nächsten Tag versuchte man wieder eine Ortung, doch diesmal hatte man keinen Erfolg. Wahrscheinlich hatten die Diebe das Handy entdeckt und die Sim-Karte entfernt.

Nach einer Stunde war die Polizei wieder weg und wir waren allein. Es war fast, als wäre nichts geschehen. Dies könnte ein ganz normaler Samstagabend sein. Wir könnten einen Film gucken oder Musik hören, lesen oder uns unterhalten. Nichts von alledem schien an diesem Abend möglich. Da es im Augenblick nichts zu tun gab, hatten wir alle Zeit der Welt und schon ging das Grübeln los: Warum? Warum wir? Warum heute? Warum sind wir nicht früher nach Hause gekommen? Das sind Fragen, auf die es keine Antwort gibt und man tut sich selbst einen Gefallen, sie gar nicht erst zu stellen. Man braucht eine Beschäftigung, um sich von solch nutzlosen wie quälenden Gedanken abzuhalten.

Um uns abzulenken, schauten wir uns noch einmal in aller Ruhe – so ruhig man eben nach solchen Ereignissen sein kann – die Einbruchsspuren an: Die Wohnungstür war offenbar mit einem Brecheisen aufgestemmt worden. Soviel konnte selbst ich als kriminaltechnischer Laie erkennen. Den Spuren nach zu urteilen, mussten die Diebe nur ein einziges Mal ansetzen, dann flog die Tür auch schon ihn hohem Bogen auf. Jetzt war mir auch klar, warum sie der Gewalteinwirkung so wenig Widerstand entgegengesetzt hatte: Zwar sind die Wände aus undurchdringlichem Beton, aber der Türrahmen besteht aus Pressholz und Pappe. Das ist keine Übertreibung, die Beweise waren eindeutig: Unter einer ca. fünf Millimeter dünnen Holzblende, die dem Türrahmen ein schweres und massives Aussehen verleiht, verbirgt sich ein dünner Rahmen aus Pressholz, dasselbe wie man es für Ikea-Möbel verwendet. Der Pressholzrahmen wurde einfach mit Montageschaum in der Tür fixiert. Unebene Stellen wurden mit Pappe ausgeglichen (ganz recht, dieselbe Pappe, aus der man Schuhkartons macht). Darüber wurde dann die dünne Blende genagelt, die dem Rahmen den Anschein von Massivholz verleiht. Selbstverständlich kann solch ein Türrahmen keiner hohen Belastung standhalten (wer schon einmal Ikea-Möbel in handliche Stücke zerbrochen hat, weiß, dass ein paar gezielte Tritte reichen, um einen ganzen Schrank zu demolieren).

Zum Teil muss man dem Hausbesitzer die Schuld geben, dass es zu den geschilderten Ereignissen kommen konnte, denn er hat es offenbar versäumt, die erforderlichen Sicherheitsmaßnahmen zu treffen. Das Haus ist nagelneu und es ist auch schön anzusehen, eine regelrechte Augenweide ist es, aber was nützt dies, wenn Kriminelle ohne jeden Widerstand und dazu noch mitten am Tage eindringen und die Bewohner bestehlen können. Zumindest würde man erwarten dürfen, dass die Wohnungstür den unerwünschten Eindringlingen das Leben schwer macht. Man sieht, dass die Wohnung in großer Eile durchsucht worden ist, denn wäre man gründlich gewesen, hätte man auch den Tablet-Computer meiner Frau entdeckt, der unter einem Papierstapel lag. Hätte die Tür sich nur fünf Minuten dem gewaltsamen Eindringen widersetzt – was man von einer ordentlichen Tür wohl erwarten kann –, wären die Diebe wahrscheinlich unverrichteter Dinge wieder abgezogen, denn im Erdgeschoss befanden sich zu jener Zeit Anwohner, die durch den Krach alarmiert worden wären. So aber reichte es, das Brecheisen anzusetzen, einmal kräftig zu ziehen und – plong! – schon stand die Tür offen. Das war nicht einmal laut genug, um die Bewohner der Parterre-Wohnungen aufhorchen zu lassen. Als die Polizei sie befragte, gaben sie zu Protokoll, dass sie nichts gesehen oder gehört hätten.

Unsere Wohnung war nicht die einzige, die an diesem Samstagnachmittag ausgeraubt wurde. Auch die Nachbarwohnung war aufgebrochen worden, auch dort hatten die Diebe alles Wertvolle mitgenommen. Die Bewohnerin, eine junge Frau, studiert Filmkunst an der hiesigen Universität. Ihr Vater ist der Bürgermeister von Otavalo. Die Diebe wussten ganz genau, was sich lohnt: Auf einem Tisch mitten im Wohnzimmer stand ihr Mac. Der materielle Schaden wäre zu verkraften, zumal ihr Vater einen gut bezahlten Posten bekleidet, aber unglücklicherweise hatte sie ihre Abschlussarbeit, einen Film, an dem sie seit anderthalb Jahren arbeitete, auf der Festplatte gespeichert. Sie war leider so unvorsichtig, keine Kopie anzufertigen, und deshalb ist nun all die Arbeit zunichte geworden. Sie heulte wie ein Schlosshund und ich konnte ihr die Verzweiflung, die Enttäuschung und die Wut nachfühlen. Mir ging es auch nicht anders, doch dauerte es erst einmal eine ganze Weile, bis sich die Ereignisse in mein Bewusstsein gegraben hatten. Mein Verstand sträubte sich noch immer, das Unvermeidliche zu akzeptieren. Noch immer klammerte ich mich an die sinnlose Hoffnung, man würde die Computer wiederfinden und alles würde sich noch einmal zum Guten wenden. Ich wünsche ihr Glück und hoffe, dass sie ihren Abschluss dennoch schafft.

Meine Frau war völlig aufgelöst, denn sie hatte all ihre Unterrichtsmaterialien, die Arbeit von Jahren, verloren. Der Hausbesitzer und Vermieter weilte gerade mit seiner Familie in den USA und so waren nur seine Söhne und seine Schwiegermutter gekommen, um den Schaden in Augenschein zu nehmen. Meine Frau war verständlicherweise sehr erregt und warf dem Besitzer vor, er hätte durch den Einbau minderwertiger Türen die Sicherheit der Hausbewohner gefährdet. Die Schwiegermutter, ein fette Matrone, entgegnete schnippisch, ob meine Frau denn denke, sie (also die Vermieter) hätten den Einbruch verübt. Meine Frau sagte ihr ganz ruhig ins Gesicht, dieses Gespräch sei absurd und warf die Tür zu (oder zumindest das, was von der Tür noch übrig war). Später freilich erfuhren wir, dass die Frau selbst schon einmal Opfer eines Überfalls wurde. Man hatte ihr eine Waffe an die Schläfe gehalten und sie beraubt. Die Leute hier nehmen solche Ereignisse mit einer Gleichgültigkeit hin, dass es einen nur wundert. Beraubt zu werden, ist Teil des Lebens und Kriminalität wird fast schon als selbstverständlich wahrgenommen. Nahezu jeder kann eine Geschichte erzählen, und eine ist schrecklicher als die andere.

Man könnte einwerfen, warum solch ein Aufruhr wegen einiger Laptops? Schließlich wurde niemand verletzt, niemand kam zu Schaden und das ist doch das Wichtigste. Ja, das ist das Wichtigste. Demgegenüber verliert alles andere an Bedeutung. Natürlich überlegt man immer, was man falsch gemacht haben könnte, durch welche Unvorsichtigkeit man unerwünschte Aufmerksamkeit auf sich gezogen habe. Das ist schwer zu sagen. Wahrscheinlich gerieten wir schon allein deshalb ins Blickfeld der Kriminellen, weil wir ein schönes neues Haus bewohnen und weil wir (d.h. mein Sohn und ich) wie Gringos aussehen. Das sind Merkmale, die einen aus der Masse herausheben und die geeignet sind, die Leute glauben zu machen, man sei reich. Die Ironie ist, dass wir es gar nicht sind. Wir leben zur Zeit buchstäblich von der Hand in den Mund. Jeder Dollar, der verdient wird, ist am Ende des Monats quasi verdampft. Wenn man annähernd so leben will, wie man es aus Europa gewohnt ist, wenn man also eine schöne Wohnung haben möchte und wenn man den Anspruch hat, die Kinder auf eine gute Schule zu schicken, ist das Geld rasend schnell ausgegeben. Die Lebenshaltungskosten sind hierzulande einfach unvorstellbar hoch und selbst für bescheidene Rücklagen ist fast gar kein Geld übrig. Man darf auch nicht vergessen, dass Ortslehrkräfte an den deutschen Auslandsschulen, wie etwa meine Frau, viel schlechter bezahlt werden als die Auslandslehrkräfte, die doppeltes Gehalt beziehen. Befände sich meine Frau in einer solch vorteilhaften Lage, würden wir einfach in den nächsten Elektronikladen fahren und ein paar Laptops kaufen. Das wäre nur zu schön, doch leider schert sich die Realität nicht um Wunschträume.

Unerwartete Hilfe

Noch am selben Abend rief meine Frau ihren Vater an und aufgelöst in Tränen berichtete sie ihm, was sich zugetragen hatte. Sie sagte ihm, dass sie sämtliche Materialien verloren hätte, dass wir die Computer mit unserem letzten Geld gekauft hätten und dass nun alles fort sei und wir nicht wüssten, was wir tun sollten. Ihr Vater hörte sich ihre Schilderung ruhig an und lud uns dann zu sich ein. Er bot an, uns allen neue Laptops zu kaufen. Als ich das hörte, war ich zunächst einmal sprachlos. Ich fragte mich, warum er das tun sollte, aber dann wurde mir klar, dass es ihm wohl ein Herzensbedürfnis war, uns zu helfen. Ich war beschämt und ich hätte verstanden, wenn er allein seiner Tochter oder seinem Enkel einen neuen Laptop kaufen würde. Mir wäre wohler gewesen, ich hätte mir selbst einen kaufen können, mit meinem eigenen Geld. Einer von uns hätte nach Miami fliegen, bei Best-Buy drei Laptops holen und schon am nächsten Tag zurückkehren können. Das hätte wahrscheinlich sogar noch weniger gekostet als die Geräte hier im Lande zu kaufen. Warum eigentlich nicht? Was sprach dagegen?

Das Abenteuer, in dieses Land zu kommen und uns hier einzurichten, hat unsere finanziellen Mittel restlos erschöpft. Alles ist viel teurer als wir uns hatten vorstellen können, sehr viel teurer sogar. Von unserer einstmals üppig gefüllten Reisekasse ist allein die Erinnerung geblieben. Warum sollten wir also ein so großzügiges Angebot nicht annehmen? Eigentlich hatten wir gar keine andere Wahl, denn die Computer sind unverzichtbar: Meine Frau könnte ihrer Arbeit nicht nachgehen und mein Sohn könnte nicht die Schule besuchen. Der einzige, der wirklich darauf verzichten könnte, ohne berufliche Konsequenzen fürchten zu müssen, wäre ich.

Wir verbrachten die Nacht auf den Sonntag unruhig und taten kaum ein Auge zu. Die beschädigte Tür hatten wir notdürftig mit Möbeln verstellt – für einen beherzten Einbrecher hätte diese Sicherung wohl kein Hindernis dargestellt. Am nächsten Morgen erschien die Matrone mit einem Handwerker, um die beschädigte Tür reparieren zu lassen. Die Reparatur bestand eigentlich nur darin, dass ein dünnes Stahlblech in den Türrahmen gesetzt und verschraubt wurde. Die verbogenen Riegel wurden notdürftig begradigt und – hoppla! – schon war die Tür repariert. Die Instandsetzung dauerte gerade einmal zwanzig Minuten und ich wunderte mich, ob alle in diesem Land verrückt geworden sind, oder ob ich der einzige bin, der spinnt.

Der Vater lebt in Santo Domingo, einer Stadt, die man von Quito aus mit dem Bus in etwa fünf Stunden erreichen kann. Die Straße führte hinauf in die Berge und als wir Quito verließen, konnten wir von hoch oben auf die südlichen Stadtbezirke hinabblicken. Es sah aus, als hätte sich eine graue Häuserlawine in das Tal ergossen, gerade so, als wäre ein mit grauen Lego-Steinen gefüllter Eimer in der Badewanne ausgeschüttet worden. Irgendwo dort befanden sich jetzt unsere Laptops. Ich trauerte meinem Dell Bradley nach. Wir waren wie füreinander gemacht. Bei Best-Buy hatte ich 540 Dollar bezahlt. Das ist nicht viel für einen Laptop. Sicherlich gibt es weit bessere und leistungsstärkere Geräte, aber mir genügte dieser. Nun war er weg und ich musste es hinnehmen.

Am Abend trafen wir in Santo Domingo ein. Die Stadt wirkte genauso ungastlich wie bei unserem ersten Besuch und ich fürchte, sie wird uns auch nicht einladender erscheinen, wenn wir sie noch öfter besuchen. Der Vater meiner Frau holte uns vom Busbahnhof ab. Erst kürzlich hatte er einen Unfall und deshalb kam er nicht wie üblich mit dem eigenen Wagen, sondern ließ sich von einem guten Freund chauffieren. Zuhause angekommen, wurde auch schon das Abendessen serviert. Es gab frische Blutwurst, Longaniza. Meine Frau liebt die deftige Spezialität und langte ordentlich zu. Mir war der Appetit auf der langen Fahrt vergangen. Außerdem rumorte es merkwürdig in meinem Magen und deshalb hielt ich es für klüger, mit einem Tee Vorlieb zu nehmen.

Am nächsten Morgen, es war ein Montag, fuhren wir mit dem Auto in eine Gegend, in der vor allem Fabriken und Lagerhäuser angesiedelt zu sein schienen. Die Straßen waren menschenleer. Auf einem vollkommen verwaisten Parkplatz hielten wir. Vor einem großen Tor standen einige Personen und schienen auf etwas zu warten. Kein Türschild verriet, was hinter dem mit Stahlplatten bewehrten Eingangstor zu finden wäre. Als wir dann endlich eingelassen wurden, fanden wir uns im Lager eines Elektronikimporteurs wieder. Fernseher, Computer und Drucker standen, fabrikneu verpackt, auf dem Boden oder lagen zur Ansicht auf Tischen. Die Laptops hatte man in Vitrinen untergebracht. Wir schauten uns ein wenig um und versuchten in Erfahrung zu bringen, welche Leistungsparameter die Geräte aufzuweisen hätten und vor allem wie viel sie kosteten. Man fragte uns, ob wir das Betriebssystem mit oder ohne Garantie wünschten. Wir wunderten uns – was soll das denn für eine Frage sein? Wir fanden, dass die Computer im Vergleich zu den Geräten im normalen Elektronikgeschäft nicht preiswerter wären, und entschlossen uns daher, zu Computron zu fahren.

Computron ist die hiesige Kette für Elektronikartikel. Wir fanden rasch drei Laptops, die uns gefielen, und ließen sie uns einpacken. Vorher lud der Angestellte noch das Office-Paket auf die Festplatte. Mein Schwiegervater zahlte stillschweigend. Beschämt verließen wir den Laden. Um das Maß unserer Beschämung voll zu machen, lud er uns auch noch zum Mittagessen ein. Vielleicht sollte ich mir aber gar nicht so viele Gedanken machen und es als das nehmen, was es ist: ein Akt der Großzügigkeit. Es fällt mir leichter, sein Geschenk anzunehmen, wenn ich mir vorstelle, dass er einfach nur ein großzügiger Mann mit einem noblen Charakter ist. Wie man hört, hat er schon öfter Freunden aus der Patsche geholfen, und auch gegenüber seinen Angestellten soll er sich sehr anständig verhalten. Man mag dies für eine Selbstverständlichkeit halten, aber hierzulande kommt es nicht oft vor, dass ein Chef sich um die Sorgen und Nöte seiner Mitarbeiter kümmert. Die Leute vertrauen ihm und schätzen seine Art. Vielleicht gibt es nicht mehr viele Menschen wie ihn auf der Welt. Man kann froh sein, dass sie noch nicht ganz ausgestorben sind.

Zurück nach Cumbayá

Unsere wertvolle Fracht wollten wir nicht den normalen Linienbussen anvertrauen. Wir bestellten uns ein Express-Taxi. Das ist ein Pkw oder ein Kleinbus mit einem Fahrer und drei bis fünf Passagieren. Diese Art zu reisen ist zwar ein wenig teurer als der normale Bus, dafür ist man aber auch schneller am Ziel und meistens fährt man viel bequemer. Wir fuhren in die Nacht hinein und unterwegs begann es zu regnen. Auf der Autopista begegnete uns wieder der Wahnsinn, den man üblicherweise auf dieser Route erwarten kann: Vor uns verlor ein Pkw auf der regennassen Straße die Haftung, wurde in eine 180-Grad-Drehung geschleudert und geriet auf die Gegenfahrbahn. Höhere Mächte oder der Zufall wollten es, dass just in diesem Augenblick einmal kein dichter Gegenverkehr auf der Gegenspur entlangrollte, und die Insassen des Wagens kamen mit dem Schrecken davon. Etwa auf halber Stecke passierten wir eine Unfallstelle; der Unfallwagen war wie eine Ziehharmonika zusammengequetscht worden. In einer engen Kurve kam uns ein Sattelschlepper entgegen. Er fuhr auf unserer Spur, doch im letzten Augenblick lenkte er zurück. Wären wir nur ein wenig schneller gefahren, hätte es leicht zur Katastrophe kommen können. Dass wir noch lebten, war entweder Vorsehung oder reines Glück. Ich bin geneigt, letzterem den Vorzug zu geben.

Einmal machten wir an einer Tankstelle mitten in den Bergen Rast. Um uns herum türmten sich bewaldete Bergketten zu einem atemberaubenden Panorama. Dann ging es weiter und als wir höher in die Berge hinaufkamen, wurden wir bald von dichtem Nebel eingeschlossen. Es war wie in einer Waschküche, man konnte kaum dreißig Meter weit blicken. Unser Fahrer drosselte die Geschwindigkeit, schaltete die Scheinwerfer ein und hielt die Spur. Die geänderte Wetterlage und die schlechte Sicht schienen jedoch einige Fahrer nicht davon abzuhalten, ihren gewohnten Fahrstil beizubehalten. Manch einer fuhr ohne Licht und es war ein Wunder, dass es nicht noch mehr Unfälle gab. Einmal überholten wir in dichtem Nebel einen Motorradfahrer, der es nicht für nötig befand, durch Licht auf sich aufmerksam zu machen. Dazu war er noch schwarz gekleidet. Er schien zu glauben, dass er die eklatanten Sicherheitsmängel durch langsames Fahren auf dem Standstreifen ausgleichen könnte. Ich frage mich, warum man in diesem Land den Wahnsinnigen Autos und Motorräder gibt statt sie einzusperren.

Neue Überraschungen in Cumbayá

Am nächsten Tag, einem Dienstag, mussten wir wieder zur gewohnten Zeit, also kurz nach Sieben, das Haus verlassen, denn meine Frau wollte pünktlich in der Schule sein. Leichter gesagt als getan: Das Schloss der Haustür hatte sich verklemmt und ließ sich auch trotz größter Kraftanstrengung nicht mehr drehen. Die Tür zur Parketage war ebenfalls verschlossen, denn auch hier hatte das billige Schloss seinen Geist aufgegeben und der Riegel ließ sich nicht mehr zurückschieben. Die Mängel waren seit längerer Zeit offensichtlich, aber bekanntlich muss erst etwas Schlimmes geschehen, bevor Abhilfe geschaffen wird. Wir waren im Treppenhaus eingesperrt, denn aus dem Fenster unserer Wohnung im zweiten Obergeschoss zu springen, ist für jemanden, der kein Artist ist, doch etwas riskant. Meine Frau oszillierte zwischen Wut- und Tobsuchtsanfällen, weil in diesem Haus nicht einmal so einfache und selbstverständliche Dinge funktionierten. In unserer Not klopften wir bei der Mieterin unter uns an die Tür. Sie öffnete noch halb verschlafen im Schlafanzug. Wir fragten sie, ob wir aus ihrem Schlafzimmerfenster klettern dürften. Sie erkannte unsere Lage und hatte nichts dagegen.

Kaum waren wir aus dem Haus, begegneten wir schon dem nächsten Hindernis: Angesichts der Tatsache, dass die Diebe ohne großen Widerstand zu finden, in die Wohnanlage eindringen konnten, hatte der Besitzer angeordnet, die Türen mit Vorhängeschlössern zu sichern. Es dauerte geraume Zeit bis sich endlich jemand fand, der einen Schlüssel hatte. In der Zwischenzeit wurde von allen Seiten viel geschrien und geschimpft und es wurden Drohungen ausgesprochen. Der Chihuahua einer der Besitzerinnen eines Hauses innerhalb der Wohnanlage kläffte meine Frau an und versuchte sie zu beißen. Der Köter ist klein und zerbrechlich wie ein Rehkitz, doch bellt er jeden an, der sich auch nur auf fünfzig Meter nähert. Eigentlich hört man ihn den ganzen Tag bellen als wäre er von Sinnen. Wenn man mich fragt, gehört der Hund zum Hundepsychiater oder eingeschläfert. So früh am Morgen hatte die Besitzerin das Tier frei in der Anlage herumlaufen lassen und meine Frau, deren Nerven mittlerweile blank lagen, war nahe daran, die dauerkläffende Töle mit einem Tritt in die Hundehölle zu schicken.

Wir nahmen ein Taxi. Der Fahrer an diesem Morgen war uns gut bekannt, denn er hatte uns schon öfter zur Deutschen Schule bzw. zur British School gefahren. Auf der Calle Santa Inés muss er wohl für einen Augenblick unkonzentriert gewesen sein, denn er touchierte ganz leicht den vor ihm stehenden Audi A4. Es gab wieder einmal Stau und die Kolonne kam nur im Schritttempo voran. Eigentlich war es kein echter Auffahrunfall, sondern nur ein leichtes Anstoßen an der Stoßstange. Der Fahrer des Audi sprang jedoch wie ein geölter Blitz aus dem Wagen. Von meinem Platz im Font des Taxis konnte ich ihn genau sehen: Straff gebügelter grauer Anzug, akkurat gebundene Krawatte, die Haare platt gegelt, teure Sonnenbrille. Der Taxifahrer blieb sitzen und versuchte mit dem Mann zu reden, doch der zückte gleich sein Handy und rief seinen Anwalt an.

Ich versuchte zu erkennen, ob der Schaden an seinem Auto ein solch extremes Verhalten rechtfertigte, doch ich konnte nichts entdecken. Die Stoßstange wirkte unversehrt, keine Beule, keine Delle. Vielleicht hatte der Lack einen Kratzer davongetragen, aber würde man deshalb gleich seinen Anwalt anrufen? Während diese gebügelte Canaille ihrem Rechtsbeistand das „Verbrechen“ meldete, stieg die Tochter aus dem Auto, ein etwa zehnjähriges Mädchen in der Uniform der Deutschen Schule. Ich hasse dieses reiche Pack, das glaubt, besser als der Rest der Menschheit zu sein, weil es Anzug und Krawatte trägt, ein teures deutsches Auto fährt und das eigene Kind auf eine exquisite Schule schickt. Der Taxifahrer ist ein einfacher Mann, der sich, wie die meisten in diesem Land, irgendwie durch den Alltag schlägt und zu überleben versucht. Mit ein wenig gutem Willen hätte man sich gütlich einigen können, denn der Schaden war nur sehr gering – wenn es überhaupt einen Schaden gab. Doch Audi wollte keine Einigung. Leute seiner Sorte sind es gewohnt, Menschen wie den Taxifahrer als Untergebene zu betrachten: Man pflegt nur dann mit ihnen Umgang, wenn sie im Haus die Böden schrubben oder die Toiletten reinigen. Ich weiß nicht, wie die Sache endete. Jedenfalls machte Audi mit seinem Handy eifrig Fotos vom Nummernschild des Taxis und von dem „Schaden“ an seinem wertvollen deutschen Wagen. Der Taxifahrer fürchtete das Schlimmste und wahrscheinlich hat er wirklich Grund, sich Sorgen zu machen, denn solches Geschmeiß wie Audi bewegt nur zu gern alle Hebel, um den „Pöbel“ in die Schranken zu weisen.

Wenn der Tag schon einmal schlecht angefangen hat, warum sollte er dann besser enden? Als wir zuhause ankamen, ließ sich das Schloss unserer Wohnungstür nicht mehr öffnen. Es klemmte. Die Riegel hatten sich durch die gewaltsame Türöffnung verzogen und schließlich so verkeilt, dass man ihn nicht mehr zurückziehen konnte. Die Tür saß fest wie zugeschweißt. Sicherlich hätte ich mir mit einem kräftigen Tritt Zugang zur Wohnung verschaffen können, doch dann hätte der Besitzer darauf bestanden, dass ich die Tür bezahle. Zum Glück waren an diesem Tag Handwerker im Haus. Der Besitzer ließ in aller Eile jene Sicherheitsmängel beheben, die der Einbruch offengelegt hatte. Er schickte einen Schlosser zu uns nach oben, um die Tür zu öffnen. Der Mann mühte sich redlich, aber auch Expertenhände vermochten die Tür nicht aufzubekommen. Ironisch schlug ich vor, doch das Schloss einfach aufzubohren. Der Schlosser entgegnete schlagfertig, genau das habe er gerade in diesem Moment auch vorschlagen wollen. Wir warteten dann noch einmal geschlagene zwei Stunden bis das Schloss endlich nachgab. Zwar kann ich die Fähigkeiten des Mannes als Schlosser nicht beurteilen, aber ganz sicher ist er der miserabelste Dieb, von dem man je gehört hat. Der Einbau eines neuen Schlosses war dann allerdings in ein paar Minuten erledigt.

Wir werden uns nach einer neuen Wohnung umsehen müssen, denn das Haus, in dem wir zur Zeit wohnen, ist nicht sicher – trotz aller Bemühungen des Hausbesitzers, diesen Zustand zu ändern. Seine Anstrengungen kommen zu spät. Wir und unsere Nachbarin werden ausziehen. Für den Besitzer der Anlage ist das ein finanzieller Verlust, zumal er nicht so schnell Nachmieter finden wird, wenn sich herumspricht, dass schon zweimal eingebrochen worden ist (vor vier Wochen drangen Unbekannte in die Parketage ein). Schon oft hat man davon gehört, dass immer wieder dieselben Häuser heimgesucht werden. Wenn es einmal etwas zu holen gab, warum dann nicht auch beim zweiten Mal? Wir wollen kein Risiko eingehen und wer sagt uns, dass wir beim nächsten Mal so glimpflich davonkommen?

Fazit

Ich bin in meinem ganzen Leben noch nie bestohlen worden, aber dies ist eine Erfahrung, die ich nicht unbedingt wiederholen möchte. Wir hoffen, dass wir bald ein Heim finden werden, in dem wir uns wohlfühlen und in dem wir sicher sind. Gewiss kann man nie vollkommene Sicherheit erwarten, weder in Ecuador, noch in Deutschland. Das ist etwas, das es nicht gibt und auch nicht geben kann. Dennoch sollte man sämtliche möglichen Vorkehrungen treffen, damit man solche bitteren Erfahrungen gar nicht erst machen muss. Das ist man sich und den Menschen schuldig, die man liebt.

Der Wahnsinn namens Alltag

Die wichtigste und nützlichste Tugend, die man in Ecuador haben kann, ist Geduld. Seit einigen Wochen leben wir nun schon in unserer neuen Wohnung, aber bisher haben wir weder Fernsehen, noch Internet, noch Telefon. Letzte Woche war der Internet-Mann da und machte uns drei Angebote mit jeweils unterschiedlichen Übertragungsgeschwindigkeiten und demzufolge jeweils unterschiedlichen monatlichen Gebühren. Wir nahmen das günstigste Angebot, das immerhin noch 35 Dollar pro Monat kostet, und verließen uns auf die Zusage, dass er sich um alles weitere kümmern würde. Ich habe das unbestimmte Gefühl, wir werden noch viele Wochen ohne Internet in unserer Wohnung sitzen (dazu auch hier und hier).

Zum Glück gibt es gleich um die Ecke einen Cyber, d.i. ein Cyber-Shop, in dem man für wenig Geld surfen und auch mal eine Seite oder zwei ausdrucken kann, wenn man keinen eigenen Drucker besitzt. Abends ab 18:00 Uhr sind fast alle Plätze ausnahmslos mit Teenies belegt, die entweder Call of Duty, Grand Theft Auto online spielen oder ihre Idole, Ikonen der Musikindustrie, anhimmeln. Neulich waren einige etwa 13- oder 14jährige Mädchen da, die immer wieder ihren Lieblingssong, gesungen von einer der hiesigen Pop-Diven, im Karaoke-Stil nachzusingen versuchten. Bestimmt eine Stunde oder länger konnte ich mir immer wieder den selben Song anhören – Mädchen-Pop der schlimmsten Sorte – und dazu noch den Gesang der Hobbypopsternchen, die oft nicht nur einen Ton danebenlagen. Sie genierten sich überhaupt nicht, dass alle im Raum zuhörten, und schienen erst zufrieden, als sie dann wenigstens ein paar Töne getroffen hatten.

Gleich neben dem Cyber-Shop befindet sich eine Art Restaurant, in dem sich die Anwohner Freitags und am Wochenende zum Essen und zum gemütlichen Beisammensein treffen. Zwar hat es in den letzten paar Jahren in Cumbayá viele tiefgreifende Veränderungen gegeben, weil reiche Quiteños oder solche, die sich bloß für wohlhabend halten, hierher gezogen sind, sich Grund und Boden inklusive neuer Häuser gekauft und damit letztlich die Grundstückspreise ruiniert haben, dennoch findet man immer noch Inseln, in denen die Alteingesessenen in ihren einfachen Häuser dem Luxuswahn trotzen. Das Restaurant ist nichts weiter als ein Holzkohlegrill unter einem mit Wellblech gedeckten Vordach. Dahinter, unter dem Dach, hat die Besitzerin einige Stühle und Tische für die Gäste aufstellen lassen. Die übliche Kundschaft kommt aus der Nachbarschaft. Es gibt solche einfachen Gerichte wie gegrilltes Fleisch mit Maiskolben oder Salchipapas, das sind dicke Pommes frites (Papas fritas) mit einer gegrillten Wurst (Salchicha). Die Leute sitzen in der lauen Abendluft, schlagen sich die Bäuche mit den deftigen Gerichten voll, trinken Bier aus der Flasche und unterhalten sich bis spät in die Nacht hinein. Einmal wollte ich mir auch eine Portion gestatten, aber meine Frau riet mir mit vor Entsetzen geweiteten Augen ab, als könnte ich mir durch die Bestellung eines einfachen Gerichts den Tod auf dem Teller einhandeln. Bei allem, was gegrillt, gebraten oder frittiert ist, muss man sich nicht wirklich sorgen. Acht geben sollte man jedoch bei den vermeintlich gesunden Nahrungsmitteln wie Salaten und frisch gepressten Säften, von denen ich, eingedenk meiner Erfahrungen während vorangegangener Reisen, lieber die Finger lasse. Vielleicht mag meine Frau auch deshalb nicht dort essen, weil kein Salat angeboten wird. Mein Sohn jedenfalls machte schon ganz große Augen als er den Teller mit den Papas fritas und der Salchicha sah.

Die meisten Leute haben nicht viel Geld in der Tasche und zehn oder zwanzig Dollar sind für manch einen ein kleines Vermögen. Auf der letzten Hausversammlung hatten die Mieter und die Besitzer von Wohneigentum lebhaft die Frage der Sicherheit diskutiert. Unbekannte waren in die Parketage eingedrungen und hatten versucht, eines der Autos gewaltsam aufzubringen. Auf der Versammlung hatte man in Abstimmung mit dem Besitzer der Anlage beschlossen, dass ein Concierge eingestellt würde, der sich um alle Belange kümmern könnte. Natürlich muss der Concierge von den Mietern bzw. Wohnungseignern bezahlt werden. Seit etwa einer Woche wirbelt ein junger Mann durch die Anlage, beseitigt den Müll, nimmt kleinere Reparaturen vor und schrubbt die Böden blitzblank. Das ist wirklich kein leichter Job, und den ganzen Tag Fußböden schrubben, kann einen schon ordentlich fordern. Ich habe erfahren, dass er eine Frau hat und dass die beiden ein Baby haben. Man müsste annehmen, dass die Arbeit, die er tagtäglich verrichtet, gut genug bezahlt ist, um die Familie ernähren zu können, zumal das Einkommen seiner Frau für die Zeit nach der Entbindung entfällt. Wie man sich erzählt, gehört er einer Familie an, in der das Dienstbotendasein Tradition hat: Seit Generationen steht man im Dienste „der Reichen“ und verrichtet all die niederen Tätigkeiten, die man sich – reich oder nicht – am liebsten ersparen möchte. Ich war schockiert zu hören, dass er gerade einmal dreihundert Dollar pro Monat verdient. Ich glaube allerdings nicht, dass es sich um eine Vollzeitstelle handelt. Aber man bräuchte schon mehrere solcher Jobs, um in einer derart teuren Stadt wie Cumbayá einigermaßen über die Runden zu kommen.

Das Leben in Ecuador und im Speziellen in Cumbayá ist unglaublich teuer; manchmal scheint mir, sogar noch teurer als in Deutschland. Ein Kollege meiner Frau gestand, er und seine Frau bräuchten im Monat gut tausend Dollar für Nahrungsmittel – ernähren sich diese Leute nur von Trüffel und Kaviar? Es ist jedoch wahr, dass man für einen ganz normalen Familienwocheneinkauf ein kleines Vermögen lassen kann. Einhundert Dollar sind schneller ausgegeben, als man es für möglich halten möchte, und damit ist ein Einkaufswagen, wie man sie üblicherweise in den Supermärkten vorfindet, noch kaum gefüllt.

Neulich Morgens fuhren wir mit dem Taxi zur Schule. In der Deutschen Schule beginnt die Arbeit um 7:30 Uhr und meine Frau muss ein wenig früher da sein, weil es Lehrern auch außerhalb der offiziellen Arbeitszeiten nie an Arbeit mangelt. Der Unterricht an der Schule meines Sohnes beginnt erst Punkt 8:00 Uhr. Also fahren wir mit dem Taxi zuerst zum Colegio Alemán, setzten meine Frau ab, und dann geht die Fahrt weiter zur British School. Die erste Etappe kostet 2,50 Dollar. Die Fahrt von der Deutschen Schule weiter zur Schule meines Sohnes, die etwas außerhalb liegt, schlägt noch einmal mit derselben Summe zu Buche. Dort angekommen, überreichte ich dem Taxifahrer einen Zwanzig-Dollar-Schein, um die Fahrt, fünf Dollar insgesamt, zu bezahlen. Doch der Fahrer hatte nicht genug Wechselgeld in seinem Portemonnaie und konnte mir nicht herausgeben. Die Situation hätte Anlass zu einiger Verwirrung geben können, doch der Taxifahrer meinte nur, ich könne ihm das Geld auch irgendwann später geben. Er wohne ebenfalls im Sektor Santa Inés (das ist unser Stadtteil in Cumbayá) und er werde Nachmittags um fünf Uhr vorbeikommen, um das Geld in Empfang zu nehmen. Als ich gegen halb drei mit dem Bus losfuhr, um meinen Sohn von der Schule abzuholen, sah ich ihn wieder mit seinem Taxi auf der Straße. Er fragte mich im Vorbeifahren, ob ich Geld gewechselt hätte, doch ich musste passen – ich hatte den großen Schein noch immer in der Tasche.

Wenn ich meinen Sohn von der Schule abhole, nehmen wir immer den Bus. Der Bus ist das weitaus geläufigste öffentliche Verkehrsmittel in Ecuador und fast überall das einzige. In Cuenca, einer Stadt im Süden des Landes, entsteht ein Straßenbahnnetz, doch Cuenca bleibt damit wohl auf lange Zeit eine Ausnahme. Das gewöhnliche und meistbenutzte Verkehrsmittel bleibt nach wie vor der Bus. Seit Jahren nun schon liegen Pläne vor, das arg strapazierte Verkehrsnetz von Quito durch eine U-Bahn zu entlasten. Die Planungen sind weit fortgeschritten und eigentlich hätte mit dem Bau schon begonnen werden müssen, wenn sich nicht Widerstand gegen das neue Verkehrsmittel geregt hätte. Eine U-Bahn-Fahrt soll vierzig Cent kosten. Die Fahrt wäre damit deutlich teurer als eine Fahrt mit dem Bus, die den Fahrgästen gerade einmal 25 Cents abverlangt, und zwar unabhängig davon, wie weit man fährt. Viele Menschen fürchten, dass sie sich dann Fahrten nicht mehr leisten könnten, und sie sind deshalb gegen den Bau der Metro.

Wenn man wissen will, wie dieses Land tickt, muss man mit dem Bus fahren. Das Liniennetz ist erstaunlich verzweigt und im Prinzip kommt man zu jedem Ort der Stadt ohne jemals ein Taxi benutzen oder weit zu Fuß gehen zu müssen. Selbstverständlich darf man auf einigen Strecken nicht denselben Komfort erwarten wie im eigenen Auto. Manchmal sind die Busse regelrecht überfüllt und man muss stehen, was wirklich unangenehm sein kann, wenn der Fahrer meint, die Passagiere bräuchten etwas Frischluft und in voller Fahrt die Türen aufreißt. Auf den längeren Routen, wie zum Beispiel zwischen Quito und Cumbayá, verkehren richtige Reisebusse mit bequemen Polstersitzen, und meistens ergattert man auch einen Sitzplatz, so dass man die Fahrt ganz entspannt genießen kann. Die Fahrer halten auch nur an den Haltestellen, und nicht etwa zwischendurch, wie auf den kürzeren Strecken, wo man nur den Arm heben muss, und schon bremst der Bus und man springt ab oder auf.

Auf den längeren Routen steigen an fast jeder Station fliegende Händler zu und versuchen, ihre Ware an den Mann oder die Frau zu bringen: frisches Gebäck, Eis, Feuerzeuge, Zeitungen, Kugelschreiber, Kaugummis, Schokolade. Es gibt kaum etwas, was man nicht im Bus kaufen kann. Die Fahrer lassen die Händler seelenruhig gewähren; vielleicht bekommen sie ein kleines Handgeld. Einmal versuchte ein Hare-Krishna-Jünger sein Glück. Zuerst hielt er eine Bekehrungsrede, die so professionell wirkte, dass jede x-beliebige Werbeagentur ihn von der Stelle weg eingestellt hätte. Nachdem er seine Ansprache beendet hatte, verteilte er Büchlein, in denen man Lebenshilfe und Anleitungen zur Meditation finden konnte. Wer mochte, konnte eines der Bücher für nur einen Dollar erstehen, die anderen sammelte er bis zum nächsten Stopp wieder ein. Am Ende war er bestimmt ein Dutzend Bücher losgeworden. Meine Frau war schon versucht, eines zu kaufen, aber mein skeptischer Blick hielt sie dann doch zurück.

Von unserem Viertel (Santa Inés) aus fährt so ein kleiner Tingel-Tangel-Bus bis ins Zentrum von Cumbayá und wieder zurück. Morgens können die Busse richtig voll werden, denn die Bediensteten der reichen Haushalte fahren von den ärmeren Vierteln, wo sie wohnen, in die Stadtteile der Reichen. Köchinnen, Wäscherinnen, Kinder- und Putzfrauen, Haushälterinnen, Gärtner, Chauffeure, Handwerker, Wachschutzleute – sie alle müssen zu Arbeit und sie alle nehmen den Bus, der nur schleppend vorankommt, denn alle fünfzig Meter ruft jemand „Gracias“ – das Zeichen, dass der Fahrer anhalten möge. Einige Menschen steigen dann aus und eilen auf zigfach gesicherte Tore oder Türen zu, durch die sie nach der üblichen Gesichtskontrolle eingelassen werden. So geht das über die ganze Strecke und wenn ich dann schließlich zuhause ankomme, ist der Bus fast leer.

Am Nachmittag, wenn ich meinen Sohn von der Schule abholen möchte, fahre ich erst bis ins Zentrum von Cumbayá. Dort nehme ich dann den Bus Richtung Tumbaco (das ist die nächste Gemeinde weiter östlich). An der Haltestelle muss man nie lange warten, denn während ein Bus abfährt, sieht man schon in der Ferne den nächsten anrollen. Eigentlich sind es nur drei oder vier Kilometer bis nach Tumbaco, doch die nagelneue Autopista nimmt einen ziemlich weiten Umweg um das Tal des Rio San Pedro. Der Fluss hat sich derart tief ins Erdreich gegraben, dass das Flusstal stellenweise zur Schlucht mit fast senkrechten Wänden wird. Nach Tumbaco geht es mit leichtem Gefälle abwärts und die Fahrer lassen keine Gelegenheit aus, um wieder einmal den Streckenrekord zu brechen. Da die Straße einige Kurven hat, ist es ratsam, sich gut festzuhalten, will man nicht ständig willenlos gegen den Sitznachbarn gepresst wird.

Ich fahre nie ganz bis nach Tumbaco, sondern steige immer schon an der Station „El Nacional“ aus. Dabei handelt es sich um eine riesige Trainingsstätte für Nachwuchsfußballer – Fußballfelder so weit das Augen reicht. Vom Bus aus sieht man zu jeder Tageszeit Dutzende von Nachwuchstalenten auf den penibel gepflegten Rasenplätzen kicken. Auf der anderen Seite der Straße liegt ein Park und genau davor befindet sich die Haltestelle, an der mein Anschlussbus schon startbereit wartet. Meist stärken sich die Fahrer jedoch erst mit einem Snack an den Imbissbuden direkt oberhalb der Haltestelle. Auch geben sie den Händlern so Gelegenheit, noch einmal durch die Busse zu gehen und ihre Waren feilzubieten.

Zur British School geht es überwiegend bergauf und die Busse schleppen sich mühsam auf den von Schlaglöchern gesäumten Straßen entlang. Es geht durch einfache Wohnviertel, manchmal sieht man Werkstätten oder kleine Geschäfte. Die Straße, an der die Schule liegt, ist die Calle Cunuyacu. Zu sehen gibt es nicht viel, doch seit einiger Zeit hat man auf einigen der Grundstücke, die direkt an die Straße grenzen, zu bauen begonnen. Riesige Werbetafeln, mit denen Käufer angelockt werden sollen, verraten mehr: Errichtet werden Luxus-Wohnsiedlungen, moderne, weitläufige Anlagen mit 24-Stunden-Bewachung, mit Mauern, Elektrozäunen und Scheinwerfern. Vielleicht, so das Kalkül der Bauherren, wollen dieselben Leute, die ihre Kinder auf eine teure und exklusive Privatschule schicken, gleich in der Nähe ihrer Schützlinge wohnen.

Von allen Eltern der etwa dreihundert Schüler der British School bin ich der einzige, der mit dem Bus anreist, um sein Kind abzuholen. Manchmal sieht man ein, zwei Taxis, der Rest fährt mit dem eigenen Wagen vor. Das sind Fahrzeuge im überwiegend hochpreisigen Segment, wenn nicht sogar aus der Luxussparte. Mehrmals sah ich tatsächlich einen Porsche, die meisten anderen Gefährte sind dagegen eher geländegängig, allradgetrieben und mehr als bloß ausreichend stark motorisiert. Man kommt sich vor, als wäre man auf einer Autoshow, denn viele der Wagen sehen nagelneu aus. Jedes Mal, wenn ich am Eingang der Schule stehe und auf den Bus warte, treffen mich neugierige wie gleichermaßen irritierte Blicke aus dem klimatisierten Innern der vorbeiziehenden Autokarawane: Gehört der dazu? Warum steht er dort? Ein Gringo-Opa guckte mich an, als hätte er noch nie jemanden auf den Bus warten sehen. Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass in den USA nur die Menschen mit dem Bus fahren, die so arm sind, dass sie sich kein eigenes Auto leisten können. Und da muss man schon wirklich sehr arm sein, denn kurioserweise gibt es Obdachlose, die in Autos leben. Ich glaube, auch wenn wir unser eigenes Auto bekommen sollten – es kann sich nur noch um Wochen handeln –, werde ich die Gewohnheit beibehalten, und mit dem Bus zur Schule meines Sohnes fahren.

Ich denke, viele der Menschen, die ihre Kinder auf solch teure Schulen schicken, haben den Kontakt zur Wirklichkeit in diesem Land verloren oder überhaupt nie einen Kontakt zum Leben gehabt. Mit dem wirklichen Leben, wie es sich direkt vor ihrer Haustür abspielt, kommen sie kaum je in Berührung. Wie sollte man auch – man wohnt in beschützten Wohnanlagen, fährt im klimatisierten Auto durch die Stadt anstatt auch nur ein paar Meter zu Fuß zu gehen, kauft in teuren Malls ein und lässt sich die Einkäufe auch noch vom Angestellten des Supermarktes ins Auto packen, das im gesicherten Parkhaus wartet. Viele dieser Leute begegnen niemals den „normalen“ Ecuadorianern, es sei denn als Hausangestellten und dann vermeidet man es wohl eher, von ihnen Kenntnis zu nehmen. Man umgibt sich mit seinesgleichen oder mit jenen Einheimischen, die durch ihren Reichtum ein ähnlich hohes soziales Prestige, wie man es selbst zu besitzen glaubt, für sich in Anspruch nehmen können. Manche von ihnen erscheinen vor der Schule tatsächlich mit ihren Hausangestellten, der Nanny etwa oder der Haushälterin. Man erkennt es an der Kleidung: Während der Herr Business-Anzug trägt und die Dame mit Geschmack sich mit teurer Designerkleidung und edlen Accessoires schmückt, ist die Bedienstete schmucklos in Kittelschürze und Arbeitsanzug gehüllt. Man zweifelt manchmal, ob all die Revolutionen, in die sich die Menschheit für eine bessere Welt stürzte, wirklich etwas genützt haben.

Oberhalb der Schule, nicht mehr als zweihundert Meter entfernt, thront ein Franziskaner-Konvent wie eine einsame Bergfestung am Hang. Dieselbe Straße, auf der die Eltern ihre teuren Autos parken, wenn sie die Kinder abholen, führt hinauf zum Sanctuario Eucaristico, wie auf einem Hinweisschild vor der Schule zu lesen ist. Ich frage mich, was die Franziskaner wohl denken mögen angesichts des eitlen Schaulaufens, das tagtäglich vor ihren Augen vorbeizieht. Ich hätte nicht übel Lust, einmal hinaufzugehen und sie zu fragen. Schließlich wies der Heilige Franz von Assisi, der Gründer des Ordens, jeglichen Besitz von sich und er vertrat sogar der Meinung, die Kirche sollte arm sein. Vielleicht ist es ein gutes Zeichen, dass der derzeitige Papst ihn zum Namenspatron erkoren hat. Ich hoffe, ich nehme irgendwann einmal all meinen Mut zusammen und statte den Brüdern auf dem Berg einen Besuch ab, vorausgesetzt, sie wollen mich überhaupt empfangen.

Die Rückfahrt von der Schule nach Hause ist weit spektakulärer als die Hinfahrt. Nicht nur führt die Strecke über weite Teile bergab, der Bus ist in der Regel auch voll besetzt. Eine Maximalkapazität scheint es nicht zu geben und jeder, der den Bus heranwinkt, wird auch mitgenommen. So kommt es gar nicht so selten vor, dass die Türen nicht mehr geschlossen werden können, weil sich die Fahrgäste so eng drängen, dass der Platz nicht mehr reicht, um für solche Nebensächlichkeiten wie geschlossene Türen zu sorgen. Ich muss allerdings zugeben, dass ich dies erst ein einziges Mal erlebt habe und dann auch nur am Morgen, wenn die Leute ohnehin spät dran sind und jeden Bus nehmen, den sie kriegen können. Ich hatte gerade meinen Sohn zur Schule gebracht, und da kam auch schon der Bus, mit dem ich nach Hause fahren würde. Als er vor mir hielt und die Tür sich öffnete, sah ich nichts als einen Wust von dicht gedrängten Leibern. Ich hätte auf den nächsten Bus in zehn Minuten warten können. Andererseits hatte ich noch nicht gefrühstückt und mir war deshalb schon ganz flau zumute. Länger wollte ich nicht warten. Also stieg ich ein in der Hoffnung, dass sich der Bus auf der Strecke rasch leeren würde.

Ich hatte gerade meinen Fuß auf das Trittbrett gesetzt, als der Fahrer auch schon das Gaspedal bis zum Anschlag durchtrat. Man tut gut daran, sich mit aller Kraft festzuhalten, denn die Fahrer nehmen weder Rücksicht auf den Komfort noch die Sicherheit der Fahrgäste. Während der Bus beschleunigte, hing ich noch halb aus der Tür und es gelang mir auch nicht, mich zwischen die anderen Passagiere in den Bus zu schieben. Mir war nur zu deutlich bewusst, dass ich wohl unweigerlich mit dem nächsten Laternenpfahl Bekanntschaft machen müsste, würde ich den Griff loslassen – nicht, dass ich die Absicht gehabt hätte! Auf der Rückfahrt ist die Strecke ziemlich abschüssig und die Fahrer nutzen jede Gelegenheit, die Maximalgeschwindigkeit aus ihren Fahrzeugen herauszukitzeln. Bei manchen Bodenwellen hat man das Gefühl, der Magen würde sich umstülpen und in den Kurven zerren die Fliehkräfte so unerbittlich, dass man glaubt, man wäre nicht in einem Bus, sondern hätte sich ins Astronautentraining verirrt.

Der Fahrtwind pfiff scharf an meinem Gesäß vorbei und ich schmiegte mich ganz eng an den Bus, denn ich fürchtete, ich könnte an irgendeinem der Zaunpfähle oder Mauervorsprünge hängen bleiben, an denen wir mit wahnwitziger Geschwindigkeit vorbeirasten. Neben mir stand die Kassiererin; sie lehnte lässig in der Tür und hielt sich ebenso lässig fest. In der anderen Hand hatte sie das Wechselgeld. Das Buspersonal auf den längeren Strecken ist immer in Zweierteams unterwegs: einer fährt, der andere kassiert, nur weiß man nicht, welcher der anspruchsvollere Job ist, denn gerade wenn die Busse voll sind, hangeln die Kassierer sich mit nahezu artistischer Gelenkigkeit durch den Fahrgastraum oder springen bei Stopps aus einer Tür, kassieren in einem irren Tempo das Geld von den Fahrgästen, die gerade aussteigen, und springen ebenso verwegen wieder durch die andere Tür in den Bus, während der Fahrer schon mit Vollgas beschleunigt. Als die Kassiererin mich nach Fahrgeld fragte, konnte ich mit Mühe und Not den geforderten Vierteldollar aus der Tasche kramen. Dabei schielte ich immer wieder ängstlich auf die vorbeirasende Umgebung.

An der nächsten Haltestelle stiegen einige der Passagiere aus; etwas Platz wurde frei und ich nutzte die Gelegenheit, weiter ins Innere des Busses vorzudringen. Ein Mann neben mir fragte: „Do you speak English?“ Es kommt so gut wie nie vor, dass man in Ecuador auf Englisch angesprochen wird. Umso verwunderter war ich, dass mich ausgerechnet jemand im Bus fragte, wo doch selbst in den teuren Boutiquen der Shopping-Malls ausschließlich Spanisch gesprochen wird. Ich musste seine Frage bejahen und er schickte voller Neugier sofort die nächste Frage hinterher: woher ich käme. Ich sagte es ihm und er überlegte eine Weile, was dies wohl zu bedeuten hätte. Dann hielt der Bus, die Tür ging auf und weitere Passagiere drängten sich zwischen uns.

Auf der Strecke zwischen Tumbaco und Cumbayá wurde ich abermals „erkannt“: Ich stieg nichtsahnend in den Bus und hangelte mich bis in die Mitte vor, damit ich den Leuten, die aussteigen wollten, nicht im Wege stünde. Irgendwo mitten im Gang standen zwei junge Männer, die aussahen wie Gringos oder Europäer – also wie ich. Völlig ahnungslos blickte ich auf und sie deuteten den Blickkontakt offenbar als Zeichen, denn sie grüßten mich, als würden wir uns gut kennen, als wären wir seit ewigen Zeiten Kameraden und Reisegefährten auf abenteuerlichen Wegen. Man muss entweder ziemlich verzweifelt sein oder von starkem Heimweh geplagt werden, wenn man den Erstbesten grüßt, der aussieht, als würde er von dort stammen, wo man selbst herkommt. Ich erwiderte ihren Gruß eher desinteressiert, weil ich es für ganz schön kühn halte, jemanden als Geistesverwandten anzusehen, nur weil er vielleicht vom selben Kontinent stammt.

Es ist übrigens für einen normal großen Europäer oder Amerikaner gar nicht so einfach, eine längere Busfahrt zu unternehmen, wenn man dabei nur einen Stehplatz hat. Der normal große Ecuadorianer kann in einem landesüblichen Bus bequem stehen. Schwieriger wird dies für Menschen ab einer Körpergröße von etwa 1,85 Metern. Wenn ich in einem der Linienbusse aufrecht stehe, reibt mein Schädeldach am Wagenhimmel. Ich mache mich aber immer ein wenig kleiner, federe in die Knie und ziehe den Kopf ein, denn man muss stets damit rechnen, dass der Bus in eine Delle taucht oder über eine Bodenwelle springt. Die rasant-sportliche Fahrweise der meisten Fahrer tut noch ein Übriges. Der Reisekomfort ist doch ganz erheblich eingeschränkt, wenn einem der Kopf ständig gegen die Decke gerammt wird. Aber manchmal hat man ja Glück und kann sitzen. Da scherzt dann nicht das Schädeldach, sondern die Knie, denn auch der Abstand zwischen den Sitzen ist auf eine kleinere Körpergröße geeicht.

Ich habe die ersten Schritte unternommen, mich meinem kulturellen Umfeld zumindest optisch anzugleichen. Ein wenig Bräune macht aus mir zwar noch keinen Ecuadorianer, zumindest aber glaubt man nun nicht mehr, ich sei gerade dem Flugzeug entstiegen. Nichts sticht hier mehr hervor als ein kreideweißer Teint. Eigentlich ist hier niemand wirklich blass, es sei denn, er käme aus einem kalten, dunklen Land oder wäre rothaarig. Man müsste sich schon sehr anstrengen, um die aristokratische Blässe auf Dauer zu bewahren, denn die Sonne scheint am Tag nahezu ununterbrochen und schließlich kann man sich nicht für immer im dunklen Zimmer vergraben.

Zur Zeit ist es so warm wie an einem heißen Badetag in Berlin. Erst in den Abendstunden kühlen die Temperaturen dann aufgrund der Höhe wieder merklich ab, was aber zugleich den Vorteil hat, dass man gut schläft. Der Himmel strahlt blau in Blau und wenn doch einmal Wolken aufziehen, ist man froh darüber, dass einem die Sonne einmal nicht den ganzen Tag auf den Pelz brennt. Man fragt sich, ob es wohl hin und wieder regnet. Manch Schöne, die ihren makellos weißen Teint nicht durch den geringsten Anflug von Farbe entstellt sehen möchte, wechselt die Straßenseite im Laufschritt, nur um ja schnell wieder in den Schatten zu gelangen. Während sie durch die pralle Sonne eilt, hält sie ihre Hand über den Kopf, damit das Gesicht beschattet ist. Was würde sie wohl denken, wenn sie die sommerlichen Parks und Badestrände Berlins mit ihren Sonnenanbetern sähe? Ich habe gerade gelesen, dass die Temperaturen im spätsommerlichen Berlin noch einmal bis auf 25 Grad steigen. Wenn ich Berlin auch ein wenig vermisse, den Winter vermisse ich ganz bestimmt nicht! Ich bin froh, dass mir das nasskalte Wetter und die arktische Dunkelheit erspart bleiben. Zwar gibt es auch hier eine Art „Winter“, doch regnet es dann mehr. Richtig kalt wird es aber nie und wenn es einen doch danach verlangen sollte, wieder einmal im Schnee herumzutollen, müsste man schon bis auf fast 6.000 Meter aufsteigen. Man sollte nur Acht geben, dass man sich für diese Unternehmung keinen aktiven Vulkan aussucht, der kurz vor dem Ausbruch steht, wie derzeit der Cotopaxi, wenn man den Vulkanologen glauben will. Dann kann es nämlich richtig warm werden, höllisch warm.

Ich bin jetzt fleißig dabei, Spanisch zu lernen. Aber ich muss ehrlich bekennen: es fällt mir unglaublich schwer. Mein Hirn sträubt sich regelrecht dagegen, selbst die einfachsten Wörter zu behalten. Aber Vokabeln zu pauken ist auch wirklich nicht die Art von Ablenkung, die man sich an einem lauen Sommerabend wünscht, zumal hier jeder Abend ein lauer Sommerabend ist. Es geht langsam voran, viel langsamer als ich mir wünschte. Nichtsdestotrotz mache ich Fortschritte. Manchmal jedoch sind nicht Bücher die besten Lehrmeister, manchmal lehrt einen der Alltag mehr als alle Weisheit, die man in Büchern finden kann: Zumindest weiß ich jetzt, was in Ecuador „cool“ heißt: chevere (gesprochen: tschéwere; „Wie cool!“ heißt dann que chevere, gesprochen: ke tschéwere). Und auch solch ein nützliches, kaum zu unterschätzendes weil oft gebrauchtes Wort wie „Schlumpf“ kenne ich jetzt: pitufo. Damit ist es nun möglich, in jedem tiefschürfenden Gespräch den richtigen Akzent zu setzen: Que chevere, pitufo – Wie cool, du Schlumpf.

The British School Quito

Wir haben uns nun doch dagegen entschieden, unseren Sohn auf das Colegio Alemán zu schicken. Die Deutsche Schule ist eine der besten Schulen überhaupt und an der Qualität der Lehrer und des Unterrichts gibt es keinen Zweifel. Das Colegio Alemán genießt weit über die Landesgrenzen hinaus einen exzellenten Ruf und eigentlich gibt es keinen Grund – von den Gebühren einmal abgesehen –, warum man seine Kinder nicht auf diese Schule schicken sollte.

Unser Sohn wuchs dreisprachig auf, und zwar mit Deutsch, Spanisch und Englisch. Wir verbrachten einige Jahre in den USA und dort ging unser Sohn auch in den Kindergarten. Später in Deutschland besuchte er von Anfang an die Amerikanische Schule. Dadurch, dass er in Amerika aufgewachsen ist und seither viel Zeit in einem englischsprachigen Umfeld verbracht hat, verfügt er im Englischen über ein Niveau, das dem eines Muttersprachlers entspricht. Wir wollten, dass er zumindest im ersten Jahr viel Englisch spricht, damit seine Fähigkeiten erhalten bleiben.

Die British School Quito genießt, ähnlich wie die Deutsche Schule, einen sehr guten Ruf. Aber dafür ist sie auch eine der teuersten Privatschulen im Lande. Wer schon einmal eine Rechnung in Händen gehalten hat, kann guten Gewissens behaupten, dass er den wahren Wert von Bildung kennt: Wie man hört, beträgt die monatliche Gebühr um die achthundert Dollar. Hinzu kommt noch eine einmalige Einschreibegebühr von sechshundert Dollar sowie der Beitrag für Lunch, der sich auf gut einhundert Dollar pro Monat beläuft. Aber immerhin ist eine gute Bildung auch etwas wert und wen interessiert schon schnöder Mammon, wenn er die höchsten Weihen der Weisheit erwerben kann.

Verglichen mit ihrem deutschen Pendant ist die British School deutlich kleiner: Zählt die Deutsche Schule ca. zweitausend Schüler, so sind es in der British School gerade einmal dreihundert. Das Gelände der Schule liegt auch nicht in Cumbayá, sondern etwas außerhalb von Tumbaco (das ist die Gemeinde weiter östlich von Cumbayá). Von Cumbayá aus kann man sie mit dem Auto in etwa zwanzig Minuten erreichen, vorausgesetzt, es gibt keinen Stau, was morgens zu bestimmten Zeiten aber leider immer der Fall ist.

Das Gelände der Schule befindet sich in einer dem Anschein nach relativ ärmlichen Gegend und wie alle Schulen in Ecuador ist sie gegen die Nachbarschaft mit Mauern und Zäunen gesichert. Ein Sicherheitsdienst bewacht das gesamte Gelände und kontrolliert den Zugang. Außerhalb der offiziellen Besuchszeiten am Morgen und nach Schulschluss muss der Besucher, wie schon in der Deutschen Schule, seinen Ausweis abgeben und bekommt im Tausch dafür eine Besucherkarte. Ich habe mich ein wenig über den Wachschutz gewundert, denn auf den Schutzwesten der Mitarbeiter prangt groß der Davidsstern und darüber ist der Schriftzug „Sefardi“ zu lesen. Wenn man das Gelände betreten möchte, kommt es einem so vor, als passiere man einen israelischen Checkpoint. Ganz im Gegensatz zu ihrem martialischen Auftreten, sind die Leute aber sehr nett und hilfsbereit.

Bei der British School sieht man, dass der Zahn der Zeit schon ein wenig an der Substanz genagt hat. Zwar sind alle Gebäude gut in Schuss und zwar kümmert sich auch hier ein Heer von Bediensteten darum, dass alles so bleibt, doch man empfindet deutlich, dass einige Bereiche einer Generalüberholung bedürften. Der Principal, der es sich nicht nehmen lässt, uns persönlich herumzuführen, erklärt, dass Vieles in den nächsten zwei Jahren von Grund auf renoviert werden soll. Zu wünschen wäre es, denn die Schule macht einen sehr sympathischen Eindruck: In der Mitte des Geländes thront das Hauptgebäude mit dem Sekretariat, den Büros und der Cafeteria. Darum herum gruppieren sich die einzelnen Klassenräume, die in Bungalows untergebracht sind. Die Gebäude vermittelten mir doch stark den Eindruck einer Missionsschule, wie die Briten sie in vielen Teilen ihres ehemals weit gespannten Empires errichteten. Doch als man uns ins Innere führte, sahen wir, dass sie eingerichtet sind, wie es sich für moderne Klassenräume gehört, und dass es an nichts fehlt.

Wie in „Harry Potter“ werden die Schüler einzelnen Häusern zugeteilt und zuweilen kommt es vor, dass die Fiktion gar nicht so weit von der Wirklichkeit entfernt ist: Jedes dieser Häuser hat einen eigenen Namen und eine eigene Farbe. Mein Sohn kam zum Haus „Cayambe“ (nicht der sprechende Hut übernahm die Zuteilung, sondern eine Angestellte der Schule). Alle Häuser sind nach Vulkanen benannt und mit den Farben der ecuadorianischen Trikolore (blau, rot, gelb) ausgezeichnet. Cayambe ist gelb (oder Gold, wie auch „Gryffindor“, das Haus, dem Harry Potter angehört). Mein Sohn hat die Harry-Potter-Romane alle gelesen und musste schmunzeln, als ich ihn darauf aufmerksam machte.

Es war der erste Schultag und die Schüler waren in ihren Schuluniformen im Hof angetreten. Ich hatte tatsächlich einen Augenblick lang den Eindruck, ich befände mich im Mutterland England (oder in Hogwarts), als ich die Schüler in ihrer gebügelten Schulkleidung, die Mädchen in Rock und alle mit Krawatte dastehen sah. Das männliche Lehrpersonal trug übrigens ausnahmslos Anzug und die weiblichen Angestellten wirkten auf mich allesamt sehr gut gekleidet. Wüsste man nicht, dass es sich um Lehrer handelt, hätte man sie auch für Banker oder Angestellte in Führungspositionen in einer großen Firma halten können. Manche der Männer trugen dazu noch einen Panama-Hut, was sie sehr britisch wirken ließ. Allerdings sind es weniger die Äußerlichkeiten, die einen die „Britishness“ des Ortes empfinden lassen, sondern vielmehr die ganz besondere Art, wie man als Fremder aufgenommen wird. Alle sind so ausnehmend freundlich und so hilfsbereit, dass man sich sofort wohlfühlt. Ich habe das Gelände der Schule noch nie zuvor betreten, aber jedermann, dem ich begegne, gibt mir das Gefühl, als gehörte ich schon eine Ewigkeit dazu. Der Umgang ist so leger wie in einem exklusiven Tennis- oder Golfklub und sämtliche Klischees, die man immer gern über britische Höflichkeit bemüht, werden erfüllt. Dabei ist immer ein gewisses Understatement zu spüren – auch das sieht man als typisch britisch an; niemals würde man damit protzen, wer man ist, obgleich man durchaus Grund dazu hätte. Das alles macht es sehr angenehm und augenblicklich kamen mir viele schöne Erinnerungen an meine Reisen nach England ins Gedächtnis.

In der British School wird Schulkleidung getragen – für die meisten Schüler sicher ein handfester Grund, sich dem Wunsch der Eltern zu verweigern und lieber eine andere Schule zu besuchen, auf der keine Schulkleidung vorgeschrieben ist. Nur würde man es damit auch nicht besser treffen, jedenfalls ist mir keine Privatschule bekannt, an der keine einheitliche Kleidung getragen wird, und Ausländer wie Ecuadorianer, die es sich leisten können, schicken ihre Kinder der besseren Bildungschancen wegen nur zu gern dorthin. Wenn man nach Schulschluss durch die Stadt fährt, sieht man die verschiedenfarbigen Uniformen der Schulen: blau, braun, grün. An der Deutschen Schule trägt man übrigens graue Hose, weißes Shirt mit dem Schullogo darauf und, wer will, darf sich eine grüne Jacke überziehen (auf dem Herzen prangt das Emblem der Schule). Die Jacken und die dazu passenden Hosen erinnern sehr an die Trainingsanzüge der deutschen Fußballnationalmannschaft anno 1954. Das sind nicht die coolen Sachen, in denen man als Dreizehn-, Vierzehnjähriger gesehen werden möchte. In Deutschland würde man ganz sicher Sticheleien über sich ergehen lassen müssen, doch hierzulande ist es eher eine Auszeichnung, diese Kleidung tragen zu dürfen. Der einzige Trost ist, dass alle anderen genauso aussehen – kein Grund also, sich zu schämen. In einem Land wie Ecuador ist es nur einer kleinen Elite vergönnt, die Kinder auf teure Privatschulen zu schicken, so dass die Schüler dieser Schulen von Gleichaltrigen wohl eher beneidet werden, als dass man über sie lacht.

Für Jungs besteht die Uniform der British School aus weißem Hemd, gelber Krawatte (Haus Cayambe), blauem Blazer mit roten Streifen, grauer Hose und schwarzen Schuhen. In der Ventura-Mall, das ist eine Shopping-Mall in Tumbaco, unterhält die British School einen eigenen Uniform-Shop. Zwar besuchen die Einrichtung nur dreihundert Schüler, doch muss sich jeder mit einer Schuluniform eindecken. Die einfache Garnitur kostet schon über zweihundert Dollar, dabei sind die Schuhe, die hier in Ecuador extrem teuer sind, noch gar nicht mit eingerechnet. Darüber hinaus ist es ratsam, gleich mehrere Garnituren zu kaufen, denn schließlich verschmutzt ja auch mal etwas. Wer nur auf die Idee gekommen ist, Schüler in weiße Hemden zu strecken! Leider waren Hosen in der entsprechenden Größe und gelbe Krawatten (Haus Cayambe) nicht mehr verfügbar, so dass wir am Samstag erst zur Fabrik nach Quito fahren müssen, um die fehlenden Kleidungsstücke dort direkt zu kaufen. Wir haben immer noch kein Auto und der vermeintlich kurze Trip wird wahrscheinlich wieder zur Weltreise ausarten. Ich sehe mich nach der Rückkehr am Abend schon wieder vollkommen erschöpft auf der Couch liegen.

Am ersten Schultag holte ich meinen Sohn von der Schule ab. Da wir immer noch kein Auto haben und es in den Sternen steht, wann es geliefert wird, musste ich mit dem Taxi zur Schule fahren. Von unserer Wohnung aus zahlt man fünf Dollar und Fahrt dauert ca. zwanzig Minuten. Unsere Wohngegend ist offenbar selbst für Taxifahrer so abgelegen, dass der Dispatcher der Taxi-Kooperative stets nachfragen muss, wo genau wir zu finden wären. Nach dem dritten oder vierten Mal konnte meine Frau nicht mehr an sich halten und machte dem Mann wortreich Vorwürfe, dass man immer noch nicht wüsste, wohin man das Taxi beordern solle. Ich glaube, die Tirade half, denn heute kam das Taxi auch ohne umständliches Nachfragen. Wenn ich mir in der Schule ein Taxi bestellen lasse, geben sie immer meinen Vornamen an, denn gewöhnliche deutsche Nachnamen sind für ecuadorianische Zungen einfach unmöglich korrekt auszusprechen. Ich bin dann Señor Henry (ausgesprochen je nach Gusto entweder Chenry mit hartem „Ch“ oder Enry, denn die spanische Sprache kennt kein „H“).

Ich hatte noch ein paar Besorgungen zu machen – unter anderem wollte ich ein Fitness-Studio testen – und bin deshalb mit dem Bus nach Tumbaco gefahren. Ich fand das Studio übermäßig teuer, aber zumindest hatte ich ein Probetraining frei. Zufällig lief mir der Besitzer über den Weg. Ich merkte schnell, das er ein Landsmann war und wir kamen ins Gespräch. Er erzählte, dass er seit vier Jahren im Lande sei. Mit seiner Frau zusammen hätte er das Studio aufgebaut, aber sie überlegten, ob sie nicht alles wieder verkauften und nach Europa zurück gingen. Die Mentalität der Leute hierzulande sei furchtbar. Die Ecuadorianer hätten keinen Respekt vor fremdem Eigentum und alles werde mutwillig zerstört. Wie zum Beweis zeigte er auf die Matten, mit denen er sein Studio erst kürzlich ausgelegt hätte, wie er meinte – sie waren schon über und über zerschlissen und sahen aus, als würden sie seit Jahren genutzt. Er war darüber erbost, dass jeder um kleinste Dollarbeträge feilsche. Er habe es so satt. Es gäbe einfach keine Kultur in diesem Land, auch keine Esskultur. Man hätte sich ein Grundstück am Pazifik gekauft und habe vor, ein Haus zu bauen – doch wozu? Es lohne ja doch nicht. Man wolle hier nicht bleiben. Man werde alles verkaufen und in Europa einen neuen Start versuchen. Ich wünsche ihm viel Glück.

Von Tumbaco aus wollte ich ein Taxi zur Schule nehmen. Ich postierte mich gut sichtbar am Taxistand vor der größten Shopping-Mall im Ort und war guter Hoffnung, dass ich in kürzester Zeit ein Taxi finden würde. Aber es dauerte geschlagene zwanzig Minuten bis überhaupt eines auftauchte. Ich nannte dem Fahrer mein Ziel, aber er entgegnete mir nur, dass er von einer British School noch nie gehört habe. Die British School ist eine der teuersten und exklusivsten Schulen des Landes und jeder in der Gegend kennt sie, Taxifahrer oder nicht. Ich muss annehmen, der Mann wollte mich nicht fahren. Doch schon wenige Minuten später tauchte ein zweites Taxi auf und diesmal hatte ich mehr Glück.

Als ich ankam, waren die meisten Eltern schon da, um ihre Kinder abzuholen. Eine Seitenstraße direkt an der Mauer, die das Gelände der Schule begrenzt, ist fürs Parken reserviert und dort standen nun die Wagen der Eltern. Die Phalanx der parkenden Autos gab einen deutlichen Hinweis auf den Wohlstand, der sich an diesem Ort sammelt: Sämtliche Fahrzeuge der Marke Chevy sowie diverser ostasiatischer Hersteller waren deutlich übermotorisiert, viele hatten Allradantrieb. Die SUVs waren eindeutig in der Überzahl. Manche der Autos waren so geräumig, dass man eine ganze Fußballmannschaft damit transportieren könnte, dennoch saßen meist nur zwei Personen darin. Wenn man diese Flotte aus geländegängigen Fahrzeugen so sah, hätte man glauben können, es gäbe in diesem Land keine einzige asphaltierte Straße.

Pünktlich um 15:20 Uhr öffnete die Schule ihre Pforten und die Kinder strömten befreit hinaus. Es dauerte gerade einmal fünf Minuten, dann hatten sich mehrere Dutzend Fahrzeuge in den Verkehr gequetscht und die Parkstraße war wieder leer. Während sie abfuhren, konnte man bei manchen der Autos auf der Heckscheibe einen Hinweis auf die Herkunft der Insassen erkennen: Man sah amerikanische, britische oder australische Fahnen. Es schien, als wollte man jedermann gut sichtbar kundtun, wer man ist. Ich hatte den Eindruck, die Insassen säßen gut geschützt in ihren stählernen Festungen, in denen sie nach Hause, zu ihren bewachten Wohnanlagen rollten.

Am nächsten Tag brachte ich meinen Sohn wieder mit dem Taxi zur Schule. Auf halbem Weg setzten wir meine Frau an ihrem Arbeitsplatz, dem Colegio Alemán ab. Viele der Schüler trugen die „Retro“-Schuluniform anno ’54, einige aber nur das weiße Shirt mit dem Adler auf der Brust, was mich ungewollt an die preußische Turnerriege aus Wilheminischer Zeit denken ließ. An der British School gab ich meinen Sohn ab und fuhr dann wieder mit demselben Taxi nach Hause. An der Pforte zu unserer Wohnanlage angekommen, merkte ich jedoch, dass ich nicht ins Hause kommen würde: Die Haushälterin hatte die Eingangstür zur Anlage aus mir unbekannten Gründen von innen mit einem dicken Vorhängeschloss gesichert, obwohl die Tür bereits über ein gutes Schloss verfügt. Ich habe zwar einen Schlüssel für das Vorhängeschloss, doch um es zu öffnen, hätte ich irgendwie auf die andere Seite der Tür gelangen müssen und dort hätte ich den Schlüssel nicht mehr gebraucht, da ich ja schon drin wäre. Ich hätte freilich auch über die Parkanlage ins Haus gelangen können; dazu wäre nur der Türöffner nötig gewesen, den aber meine Frau mit in die Schule genommen hatte. An manchen Tagen läuft wirklich alles perfekt!

Ich wartete einige Zeit vor der Tür, weil ich hoffte, jemand würde das Haus verlassen, aber es kam niemand. Keine Menschenseele war zu sehen, obwohl Autos im Parkdeck standen. Einfach zu klingeln und zu fragen, ob man mir öffnete, wäre kaum möglich gewesen, da man es hierzulande als klüger erachtet, niemandem zu öffnen, den man nicht kennt oder der sich nicht angekündigt hat. Wohl oder Übel musste ich mir wieder ein Taxi nehmen, zur Schule meiner Frau fahren und mir von ihr den Türöffner für die Parketage geben lassen. So kann man schon mal einen Morgen sinnvoll verstreichen lassen.

[Anmerkung des Autors: Ich habe diesen Artikel noch einmal gepostet, diesmal auch mit Bildern von der British School. Am allerletzten Schultag wollte man mir (allerdings nur unter dem strengen Blick des Wachpersonals) schließlich erlauben, auch ein paar Aufnahmen von der Schule zu machen, die unser Sohn ein Jahr lang besucht hat. Für gewöhnlich ist das Fotografieren aus Sicherheitsgründen streng untersagt, aber da ich so nett darum bat, machte man eine Ausnahme. Zum Re-Post geht es hier.]

Zeit

In Ecuador gehen nicht nur die Uhren anders – hier ist einfach alles anders. Viele Dinge sind gut so wie sie sind; an manche Dinge muss man sich erst gewöhnen; an andere wird man sich nie gewöhnen (Siehe auch hier!).

Sehr gut gefällt mir der entspannte Lebensstil, den die Menschen hier pflegen. Ein Freund meines Schwagers (Jorge, genannt Jorgito) gab mir einmal einen Rat: In Ecuador funktioniere zwar nicht alles so reibungslos wie in Deutschland und auch könne man nicht erwarten, dass alles von Anfang bis Ende geregelt sei, aber dennoch kann man ein unbeschwertes Leben führen, wenn man die Dinge nur einfach auf sich zukommen lässt und abwartet. Man wird immer wieder Problemen begegnen, die einem zunächst unüberwindlich erscheinen. Aber man muss Ruhe bewahren, das ist das Allerwichtigste, und Geduld haben – am Ende regelt sich alles von selbst. Ganz falsch sei es zu versuchen, etwas zu erzwingen. Wenn man es schafft, Ruhe zu bewahren, kann man in Ecuador sehr gut und vor allem sehr entspannt leben, ohne Terminstress und ohne Alltagshektik.

Wie oft habe ich, wenn ich meinen Sohn morgens in Berlin zur Schule fuhr, Menschen hinter der Bahn her rennen sehen: Aktentasche unterm Arm und spurten, was das Zeug hält. Hier habe ich noch nie jemanden rennen sehen – weder nach dem Bus, noch zum Spaß. Selbst in Quito, der Hauptstadt, haben es die Leute nicht eilig. Eigentlich haben sie es niemals eilig, nirgendwo. Man nimmt sich für alles Zeit und vor allem braucht alles seine Zeit. Wenn man zum Beispiel im Supermarkt an der Kasse ansteht, wundert man sich, wie lange es dauert, bis man endlich dran ist. Dabei sind 15 Kassen geöffnet und an allen stehen lange Schlangen. Die Ecuadorianer haben die sprichwörtliche Arschruhe, niemand würde sich darüber beschweren, dass es so lange dauert, und niemand regt sich darüber auf. Man hat Zeit.

Ich finde es ja schön, ohne Termine zu leben und ich genieße es, immer so viel Zeit zur Verfügung zu haben, wie ich eben brauche. Manch einer, der es von Deutschland her gewohnt ist, seinen Tag auf die Sekunde durchzutakten, hat da am Anfang Probleme. Man wird hierzulande kaum erleben, dass man Termine pünktlich wahrnimmt. Allerdings hat sich in dieser Hinsicht in den letzten Jahren doch einiges getan und die Leute sind nun in der Regel pünktlich, zumal wenn es sich um Geschäftstermine handelt. Im privaten Bereich nimmt man es mit der Zeit auch weiterhin nicht allzu genau. Auf Handwerker oder Möbellieferungen wartet man entweder bis zum Sanktnimmerleinstag oder aber ausgerechnet dann steht jemand vor der Tür, wenn man überhaupt nicht mehr damit rechnet. Und wenn die Leute tatsächlich einmal pünktlich kommen, ist man fast schon überrascht. Zeit ist in den Tropen ein viel dehnbarer Begriff als in Deutschland und man sollte sich beizeiten abgewöhnen, die Dinge zu streng zu sehen.

Was besonders ins Auge sticht, wenn man durch die Städte fährt, ist der Eindruck des Halbfertigen, des Provisorischen: Viele Gebäude sehen so aus, als seien sie nie fertig gebaut worden, als hätten die Bauleute einfach ihre Maschinen stehen lassen und wären von einem Tag auf den anderen abgezogen. So bleiben Häuser unverputzt, die oberen Etagen stehen auf Jahre hinaus als Bauruinen leer, aus den Dächern ragen die Stahlarmierungen, als hätte man vergessen, ein weiteres Stockwerk aufzuführen. Man weiß nicht, ob den Besitzern das Geld ausgegangen ist oder ob sie einfach keine Lust mehr haben weiterzubauen oder ob sie mit dem desolaten Zustand sogar zufrieden sind – wer weiß. Oft sieht es so aus, als störten sich die Bewohner gar nicht daran, dass ihr Heim wie eine Baustelle aussieht.

Dieselbe Einstellung kann man zuweilen auch in manchen Wohnungen beobachten. Alle meine Bekannten in Berlin haben stets Mühe und Sorgfalt darauf verwandt, die eigenen vier Wände möglichst wohnlich und gemütlich zu gestalten. Hierzulande kommt es gar nicht so selten vor, dass ein Schlafzimmer nur mit Bett, Schrank, Stuhl und Leuchtstoffröhre an der Decke eingerichtet ist. Ich empfinde eine solch spartanische Einrichtung als nicht sehr gemütlich, aber das ist ja auch nur meine Meinung und über Geschmack lässt sich bekanntlich streiten. Man muss vielleicht berücksichtigen, dass sich der Großteil des Lebens in der Öffentlichkeit abspielt und auch die Familie nimmt einen viel bedeutenderen Platz als in Deutschland ein. Demgegenüber treten solche trivialen Dinge wie eine schöne Wohnungseinrichtung in den Hintergrund. Außerdem gibt es hier keinen Winter, den man in einer mollig warmen und gemütlichen Wohnung zu überstehen hätte. Und manchmal ist eine schöne Wohnung auch eine Frage des Geldes: So mancher Gutbetuchte hierzulande gestaltet sein wie eine Festung gesichertes Anwesen mit exquisitem Interieur zu einem geschmackvollen und schönen Heim für seine Familie. Davon können Familien mit schmalerem Geldbeutel oft nur träumen.

Werbung

Überall in Ecuador sieht man Werbung. Die Werbung ist so omnipräsent wie in irgendeiner deutschen Großstadt. Wahrscheinlich gibt es davon sogar noch mehr, denn anders als in deutschen Städten, in denen von der Traufhöhe bis zur Bordsteinhöhe alles normiert und reglementiert ist, hat man hier immer den Eindruck, vieles folge einer spontanen Eingebung. Man sieht Werbung einfach überall. Das ist nicht weiter überraschend, auffällig ist allerdings der Abstand zwischen der perfekten Werbewelt und der Lebensrealität der Ecuadorianer. Kann man sich in Deutschland noch durchaus der Illusion hingeben, dass die durch die Werbung propagierten Ideale zumindest theoretisch erreichbar sind, so zelebrieren die hiesigen Werbespots eine reine Phantasiewelt, die für die allermeisten Ecuadorianer ein Traum bleiben muss: Man sieht blonde Menschen, die teure Autos oder Jet-Ski fahren, die in Häusern leben, wie der gehobene Mittelstand in Europa sie bewohnt.

Die Werbewelt hier kommt einem vor wie eine bunte Bollywood-Tanzoper. Auf dem Bildschirm breitet sich eine flitterbunte Märchenwelt aus, die mit der Wirklichkeit derart kontrastriert, dass ich nicht glauben kann, jemand bei klarem Verstand wolle sich dies freiwillig ansehen. Legt man den materiellen Reichtum als Maßstab zugrunde, ist das Gros der Ecuadorianer viel ärmer als der durchschnittliche Deutsche (einige wenige sind freilich sehr viel reicher als der druchschnittliche Deutsche). Ich frage mich, wie die einfachen Leute die Werbung sehen. Empfinden sie denn die reichen schönen Menschen mit ihren Häusern, Autos und Jachten nicht als den reinen Hohn? Die Mauern, Elektrozäune, Überwachungskameras und Sicherheitsdienste, mit denen die Gutbetuchten hierzulande ihren Besitz schützen, sprechen eine deutliche Sprache: Wohlstand ist nicht für alle.