Meine ecuadorianische Identität

Der Erwerb einer Aufenthaltserlaubnis kann sich in Ecuador zu einer langwierigen, äußerst anstrengenden und vor allem nervenaufreibenden Unternehmung auswachsen. Dank tiefgreifender, radikaler Reformen unterscheiden sich die Behörden hierzulande im Grunde kaum von den Ämtern in Deutschland – sie sind modern, effizient und exekutieren Dienstanweisungen mit derselben haarspalterischen Insistenz wie ihre deutschen Amtsvettern. Vom angeblichen südländischen Schlendrian keine Spur – die Beamten arbeiten effektiv wie Automaten und sie wirken auch oft genauso unsympathisch wie ihre deutschen Kollegen. Doch kein Ecuadorianer würde sich die speckigen Amtsstuben früherer Zeit und das Chaos, das in ihnen herrschte, zurückwünschen. Dennoch kann einen der bürokratische Irrsinn manchmal in die Verzweiflung treiben. Man könnte den Ämtern und allem, was man dort so erlebt, einen eigenen Blog widmen.

Wahrscheinlich lässt sich die Entwicklung hin zu mehr Bürokratie auch gar nicht vermeiden, denn wie man weiß, verselbständigt sich so ein Verwaltungsapparat, sobald er nur eine kritische Größe erreicht hat. Doch die Verwaltungsreform hat auch positive Dinge mit sich gebracht: Ein gravierender Unterschied zu deutschen Behörden besteht darin, dass die Mitarbeiter fast alle jung sind. In der Tat kann ich mich nicht erinnern, dem Angestellten einer Behörde gegenübergestanden zu haben, der älter als ich gewirkt hätte, und dabei bin ich doch noch nicht einmal dreißig! Scherz beiseite: Ehrenvoll im Dienst ergraute Beamte sieht man eigentlich gar nicht – entweder hat man sie im Zuge der Erneuerungsmaßnahmen aufs Altenteil geschickt oder sie fristen ihr Gnadenbrot in den Hinterzimmern, zwischen verstaubten Aktenbergen und Dokumentenablagen, die schon Spinnweben angesetzt haben, jedenfalls dort, wo sie kein Besucher der Behörde jemals zu Gesicht bekommt. Ich glaube nicht, dass man sie in den hauseigenen Aktenschreddern entsorgt hat – so viele Schredder könnte eine vielbeschäftigte Behörde ja auch gar nicht entbehren.

Ursprünglich war vorgesehen, dass der Arbeitgeber meiner Frau, die Deutsche Schule Quito, die notwendigen Schritte einleitet, um meinen Aufenthaltsstatus zu klären. Aus Gründen, die sich einer verstandesmäßigen Durchdringung entziehen, unterließ man es aber, sich mit den Behörden in Verbindung zu setzen. Drei Monate waren verstrichen und nichts war geschehen. Ab diesem Zeitpunkt hielt ich mich illegal im Lande auf.

Aus der Not entschieden wir uns, eine Anwältin damit zu beauftragen, die Sache in die Hand zu nehmen. Wer nun glaubt, damit wäre alles so gut wie ausgestanden, irrt gewaltig. Eigentlich bestellt man ja einen Rechtsbeistand, um sich nicht selber mit solch unangenehmen Dingen wie Behördengängen herumschlagen zu müssen, dennoch kann ich die Stunden gar nicht zählen, die ich, zu Tode gelangweilt, in den Wartesälen der Behörden verbracht habe. Inzwischen haben die Dienste der Anwältin – die unentbehrlichen Dienste, wie man ehrlicherweise hinzufügen muss – die Kleinigkeit von annähernd zweitausend Dollar verschlungen, doch am Ende hat es sich doch gelohnt und ich bezweifle, dass wir ohne ihre Hilfe so weit gekommen wären. Die Auslagen bekommen wir übrigens ersetzt, denn die Deutsche Schule ist verpflichtet, den Ehegatten ihrer Angestellten eine Aufenthaltserlaubnis zu verschaffen.

Um eine Aufenthaltserlaubnis zu erwerben, braucht man vor allem eines: Geduld. Am besten lässt man gleich den Gedanken fahren, dass man die Angelegenheit in ein paar Tagen abhaken könnte. Ich versichere, man kann es nicht. Ob man einen Rechtsbeistand zu Rate zieht, bleibt jedem selbst überlassen. Ich kann dazu eigentlich nur raten, denn aus eigener Erfahrung weiß ich, dass man schnell überfordert ist, zumal wenn man die Sprache nicht ausreichend gut beherrscht. Man kann sich nur zu leicht in den Labyrinthen der Bürokratie verirren und irgendwann verliert man in dem unentwirrbaren Wust aus Papieren und gescheiterten Hoffnungen den Verstand. Da ist es wichtig, dass man einen verlässlichen Lotsen hat, der einen sicher durch die tückischen Gewässer des Verwaltungsaktes geleitet.

An einem normalen Tag pendelt man mehrmals zwischen Einwanderungs- und Meldebehörde hin und her, und wenn einen nicht eine Stelle zur anderen schickt, weil irgendein wichtiges Formular, ein unverzichtbares Dokument oder eine unentbehrliche notarielle Beglaubigung fehlt, dann schickt einen eben die Stelle, zu der man doch eben hin beordert wurde, aus exakt denselben Gründen wieder zurück. Mit einer Böswilligkeit, wie sie nur Behörden eigen ist, wird man so etliche Male von Pontius zu Pilatus befohlen und am Ende ist man nicht einmal schlauer, geschweige denn, dass man das Gefühl hätte, die Sache wäre auch nur ein klitzekleines Stück vorangekommen.

Ich fühlte mich oft an die berühmte Szene in einem Asterixfilm erinnert, in der die Helden im Getriebe eines aufgeblähten bürokratischen Apparates unterzugehen drohen. Sie entgehen dem Verhängnis, indem sie auf die geniale Idee verfallen, das System zu veranlassen, sich gegen sich selbst zu wenden: Sie werfen Sand ins Getriebe der gut geölten Behördenmaschinerie, denn sie erfinden einfach ein Formular, das es in Wirklichkeit gar nicht gibt. Der sonst so fabelhaft effiziente Apparat strauchelt und der kleine böswillige Sabotageakt stiftet ein derartiges Chaos, dass bald alles in Wahnsinn versinkt. Am Ende implodiert der ganze Laden wie ein Schwarzes Loch. Vielleicht hätte ich einfach nur nach dem ungemein wichtigen und unverzichtbaren rosa Formularbogen fragen sollen …

Ich war inzwischen gut ein Dutzend Mal auf der Behörde und dann verbrachte ich dort auch immer gleich den ganzen Tag – morgens hin, am Nachtmittag wieder zurück. Die Anwältin, die meine Antragstellung betreute, pflegte mich immer am Morgen in ihr Büro einzubestellen und sie verstand es jedes Mal, meinen Unmut über die zu erwartenden Unannehmlichkeiten zu zerstreuen, indem sie treuherzig erklärte, heute gehe alles ganz, ganz schnell – eigentlich könnte ich mein Visum und sogar die Cedula, die ID-Card, gleich mitnehmen. Versprochen!

Natürlich erwiesen sich die vollmundigen Versprechungen nur als ein Mittel, mich aufzumuntern, denn die Anwältin spürte sehr wohl meinen Widerwillen, in der Sache auch nur noch einen Schritt weiterzugehen. Meine Hoffnung, diese Geduldsprobe heute endlich hinter mich bringen zu können, wurde dann auch jedes Mal aufs Neue gedämpft, kaum dass wir die Behörde betreten und der Beamte uns mitgeteilt hatte, es fehlte noch dieses Papier und jenes Formular und diese beglaubigte Kopie und jener amtliche Stempel. Man kommt sich manchmal vor wie in einem Irrenhaus, nur hat man den Eindruck, man stehe selber im Begriff, allmählich den Verstand zu verlieren.

Lohnt es sich, einen Rechtsbeistand zu engagieren? Auf jeden Fall! Ich möchte eigentlich jeden, der nach Ecuador kommt, um sich hier für längere Zeit niederzulassen, ermutigen, sich der Hilfe eines verlässlichen Rechtsberaters zu versichern. Ein Anwalt kann hierzulande für vieles nützlich sein. Die einzigen Anwälte, denen ich in Berlin begegnet bin, waren mehr oder weniger Zufallsbekanntschaften. Die meisten von ihnen fand ich übrigens sehr sympathisch (Ich muss allerdings einräumen, ich habe nie die traumatische Erfahrung machen müssen, eine anwaltliche Honorarrechnung auf den Tisch zu bekommen). Hier in Ecuador braucht man den Rechtsbeistand, damit er einem aus so mancher verzwickten Lage befreit. Denn man kann in Schwierigkeiten geraten, auch ohne je gegen das Gesetz verstoßen zu haben, und dann ist man darauf angewiesen, dass jemand die Eisen wieder aus dem Feuer holt.

Ein Beispiel für jene Wechselfälle des Lebens, in denen ein Anwalt nützliche Dienste leistet, mag genügen: Eines Tages forderte unsere Vermieterin ultimativ die Summe von zweitausend Dollar. Wir wunderten uns darüber und waren auch ein wenig besorgt, denn diese Forderung kam wie aus heiterem Himmel. Wir wollten die Wohnung in nächster Zeit kündigen und offenbar glaubte die Vermieterin, sie hätte in diesem Fall das Anrecht auf eine Art Entschädigungszahlung für entgangene Mieteinnahmen. Unsere Anwältin (das ist eine andere als die, in deren Hände die behördlichen Vorgänge um meine Aufenthaltserlaubnis gelegt sind) lächelte kühl und meinte, es gäbe keine rechtliche Grundlage, die eine solche Unverschämtheit stütze. Das sei reine Willkür – ich denke aber, es war wohl eher die reine Gier, die aus der Forderung der Vermieterin sprach.

Wir waren froh, dass die Anwältin das Telefongespräch führte, in der sie der Vermieterin lapidar mitteilte, dass ihre Forderung nichtig sei. Die Frau versuchte dann Geld herauszuschinden, indem sie insistierte, erst einmal müsse geprüft werden, ob das Parkett sich auch wirklich noch in dem Zustand befinde, in dem es angeblich gewesen sei, als es uns übergeben wurde. Ganz offensichtlich hat sie eine Art obsessive Leidenschaft zu dem Holzfußboden entwickelt, und ich glaube, an dem Tag, an dem Termiten die Holzplanken auffressen, hat das Leben für sie seinen Sinn verloren. Die Anwältin schmetterte das Ansinnen routiniert ab. Auch eine Mediation verweigerte sie.

Irgendwann, nach mehreren Monaten geduldigen Wartens, hatte das Schicksal doch noch ein Einsehen und es kam der Tag, an dem mir das Visum tatsächlich in den Pass eingetragen wurde. Und es kam sogar noch besser, denn vier Wochen später erhielt ich auch noch die Cedula de identidad. Ein Mitarbeiter der Anwältin brachte mit mir wieder fast den ganzen Tag auf dem Registro civil zu, der Meldebehörde. Die Anwältin scheint Mitarbeiter zu bevorzugen, die die meiste Zeit ihres Lebens in Spanien verbracht haben. Auch dieser junge Mann hatte dort sein ganzes Berufsleben absolviert. Erst seit zwei Jahren lebte er wieder in Ecuador, um, wie es scheint, nun Botengänge für seine Arbeitgeberin zu erledigen.

Wir warteten geraume Zeit, aber schließlich teilte uns ein Mitarbeiter der Meldestelle mit, dass alle Papiere nun vollständig seien und ich die Cedula in drei Stunden am Schalter abholen könnte. Mehr noch als mich diese lapidare Mitteilung freute, nahm die Frisur des Beamten meine ganze Aufmerksamkeit gefangen: Der Haaransatz über der Stirn war eckig wie ein Fußballplatz ausrasiert. Der schwarze Haarsaum legte sich um das Gesicht wie ein viel zu groß geratener Bilderrahmen. Man konnte deutlich die dunkle Wurzel an den Stellen erkennen, an denen der Rasierer zwei Finger breit Haar entfernt hatte. Der Mann wirkte bestimmt viel intelligenter, da die Stirn nun viel höher und breiter war, und obwohl er gerade Ende Zwanzig zu sein schien, erinnerte er mich sehr stark an Winfried Noë von Astro-TV.

Leider war es mir nicht möglich, den Ausweis noch an diesem Tag entgegenzunehmen, denn ich musste meinen Sohn von der Schule abholen. Aber das sei, so informierte man uns, überhaupt kein Problem, denn das Dokument läge am Schalter bereit und man könne es sich jederzeit aushändigen lassen. Das tat ich dann zwei Wochen später – man hat ja oft keine Zeit, aber so gut wie nie verspüre ich Lust, mich durch den dichten Verkehr auf Quitos Straßen zu quälen.

Und da ist sie nun – meine Cedula. Die Cedula de identidad ist eine ID-Card und als solche ist sie mit dem deutschen Personalausweis durchaus vergleichbar. Man kann sie aber bekommen, auch ohne die ecuadorianische Staatsangehörigkeit zu besitzen (was auf mich zutrifft). Das Foto beachte man am besten gar nicht, denn darauf sehe ich aus wie El Colorado, der berüchtigte Pistolero, kurz nach seiner Festnahme. Worauf es ankommt, ist ja auch nicht das Bild, sondern die Tatsache, dass ich den Ausweis überhaupt habe.

Hat sich der ganze Aufwand gelohnt? Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht. Ich bin ein wenig skeptisch. Das Dokument ist zehn Jahre gültig und kann beliebig verlängert werden. Es besteht also kein Anlass zu der Sorge, man müsste die ganze Behördenquälerei noch einmal über sich ergehen lassen. Die Cedula nützt einem nur in Ecuador. In anderen Ländern, selbst in den Staaten des amerikanischen Kontinents, schindet man damit etwa so viel Eindruck wie mit der Visitenkarte Winfried Noës.

In Ecuador kann man mit der Cedula aber durchaus eine Menge anfangen: Zunächst einmal muss man nun nicht mehr ständig den Reisepass mit sich herumtragen. Die Cedula reicht vollkommen aus für den Fall, dass man sich ausweisen muss. Im Vergleich mit dem gewöhnlichen Touristen zahlt man oft nur den halben Eintrittspreis. Es mag sich zwar nur um wenige Dollar handeln, doch richtig sparen kann man, wenn man nach Galapagos reisen möchte. Der Unterschied kann einige Hundert Dollar betragen. Wirklich zu genießen vermag man die Vergünstigungen, die einem mit der Cedula gewährt werden, aber erst im Rentenalter, in der Tercera edad, denn dann zahlt man in allen staatlichen oder öffentlichen Einrichtungen stets nur den halben Preis.

Ich kann es mir ja noch einmal überlegen, ob ich meine bescheidene Rente nicht irgendwo an einem pazifischen Palmenstrand verzehren möchte. Die Cedula ist zeitlich unbegrenzt gültig und wer kann schon voraussehen, welche Zeiten uns noch erwarten. Mit der Cedula in der Tasche müsste ich in Ecuador jedenfalls keinen Asylantrag stellen. Und es ist beruhigend zu wissen, dass es einen Platz auf der Welt gibt, an dem man im Notfall Zuflucht finden könnte. Es gibt wahrlich unwohnlichere Orte als dieses tropische Paradies.

United States of Bahía

Am Morgen des nächsten Tages, in aller Herrgottsfrühe, führte ich den Hund im Park aus, damit er dort sein Geschäft verrichten könnte. Der Park befindet sich praktisch direkt vor dem Haus der Tante. Man muss nur ein paar Schritte gehen und schon kann man über gepflegte Rasenflächen flanieren und an Blumenhecken vorbei spazieren, auf Bänken sitzen, oder in dem schönen Pavillon verweilen, um den Sonnenaufgang zu genießen. Freizeitsportler in neonfarbener Sportkleidung marschierten hurtig auf den Wegen entlang. Als ich die Rasenfläche betrat, wurde mir klar, dass ich die Tüte umsonst mitgebracht hatte, denn es gab kaum eine Stelle, die nicht bereits von Hundehaufen in allen erdenklichen Stadien der Frische übersät war. Es war fast unmöglich, ein paar Schritte zu geben, ohne auf eine der tückischen Minen zu treten. Ich nahm das Häufchen, das der Hund dann auch verlässlich produzierte, aber dennoch mit.

Den Pavillon hatte an diesem Morgen eine Gruppe Umweltaktivisten okkupiert: Man hatte einen Tisch aufgebaut, auf dem Informationsmaterial ausgebreitet lag; als Eyecatcher hatte man ein großes Plakat vor den Pavillon gespannt – es ging um den Erhalt irgendeines „Biocorredor“, ein berechtigtes Anliegen, zumal die Urwälder und die Mangrove innerhalb von nur dreißig Jahren bis auf wenige klägliche Reste verschwunden sind. Auf einem zweiten Tisch lagen Cookies und allerlei Gebäck bereit, um Neugierige anzulocken, aber keinen von den Freizeitsportlern schien das Anliegen der Aktivisten auch nur einen müden Blick wert. Unbeeindruckt zogen sie ihre Runden durch den Park. Vielleicht verschmähten sie die Cookies nur deshalb, weil Sportler sich nun einmal gesund ernähren.

Die Aktivisten selbst waren ausnahmslos Amerikaner. Man erkennt es immer sofort an der Kleidung, die entweder so aussieht, als richte man sich auf das ganz große Survival-Abenteuer ein oder auf enthemmten Freizeitspaß im luxuriösen Ferienressort, was so ziemlich auf dasselbe hinausläuft. Im Vorbeigehen hörte ich Englisch mit unverkennbarem amerikanischen Akzent, aber es mussten schon deshalb Amerikaner sein, weil Einheimische niemals auf die recht kuriose Idee kämen, morgens um sieben Uhr für ein Umweltprojekt zu werben. Müssen diese Leute denn immer den Rest der Menschheit missionieren, zu welchem Ende auch immer?

Vor dem Supermarkt, der eigentlich eher ein zu groß geratener Tante-Emma-Laden ist, traf ich noch mehr Amerikaner (mein Sohn wollte zum Frühstück unbedingt Schoko-Pops). Viele von ihnen haben sich mittlerweile in Ecuador niedergelassen, um irgendeinem Business nachzugehen, vielmehr aber noch, um die Tage ihres Renterdaseins friedlich und in relativem Wohlstand zu verleben – Wünsche, die in den Staaten nur für die Wohlhabenderen unter ihnen wahr werden. Aber hier in Ecuador kann jeder auf seine alten Tage ein König sein: Die Leute sind nett und anders als in Deutschland sind Alte hochgeachtet und ihr altersweiser Rat wird geschätzt. Niemand würde einen als senil bezeichnen, nur weil man allein nicht mehr nach Hause zurückfindet oder weil man die Bekannten mit den immer gleichen Geschichten nervt. Und im Übrigen zahlt man ab 60 überall nur die Hälfte. Und nicht zu vergessen: Hier in Ecuador herrscht immerwährender Sommer (oder Frühling, wenn man in Quito wohnt).

Im Grunde hat man in Bahía nie viel zu tun. Sicher, auch hier müssen die Leute arbeiten, dennoch erweckt die Stadt immer den Eindruck, dass nichts, aber auch gar nichts passiert. Die einzige, die immerfort behauptet, sie sei gestresst, weil sie ja so viel zu tun hat, ist meine Schwiegermutter. Ein Grund dafür mag darin liegen, dass sie Rentnerin ist und bekanntlich haben Rentner niemals Zeit. Alle übrigen aber lassen den Tag vorbeiziehen und warten einfach ab, was sich so ergibt.

Am Nachmittag will ich einmal wieder in meinem Lieblingsstudio trainieren. Es ist brütend heiß und damit genau die richtige Zeit für eine fordernde Trainingseinheit – nichts geht über ein gutes Workout in einem guten Studio und der Fitnessenthusiast lässt sich durch solche Kleinigkeiten wie dreißig Grad im Schatten nicht von seinen sportlichen Zielen ablenken. Das Gym ist nur ein paar Meter vom Hause der Tante entfernt: Man überquert die Hauptstraße, die Avenida Simón Bolívar, und schon befindet man sich vor dem Eingang. Man kann das Studio kaum verfehlen, denn wann immer es geöffnet hat, schallt Musik in infernalischer Lautstärke aus der Tür.

Ich habe schon die Sportschuhe unter dem Arm und bin im Begriff aufzubrechen, als es plötzlich an der Tür klingelt. Ein alter Amerikaner steht davor. Die heiße Äquatorsonne hat sein Gesicht in eine Tomate verwandelt; tiefe Runzeln durchziehen seine Haut wie Erdspalten nach dem Einschlag eines Meteoriten. Er hat das Schild am Haus der Tante gesehen: „Zimmer zu vermieten“. Er möchte die Tante sprechen. Leider spricht die Tante kein Englisch und der alte Amerikaner versteht überhaupt kein Spanisch. Während wir auf meine Frau warten, die beide Sprachen beherrscht und deshalb dolmetschen soll, machen wir ein wenig Smalltalk: Er stammt aus Texas und sein Südstaatenakzent ist so breit, dass ich Mühe habe, ihn überhaupt zu verstehen. Er ist erstaunt, von mir zu hören, dass wir einige Jahre im Norden von Texas gelebt haben. Er kenne die Gegend am Redriver, unsere alte Heimat, sehr gut, denn er sei nicht weit westlich davon aufgewachsen. Jetzt suche er eine Wohnung für den Sohn. Vorher hätten beide, Vater und Sohn, in Quito gelebt, doch nun seien sie hier, in Bahía, und hier wollten sie auch bleiben.

Das Gespräch zieht sich in die Länge. Eigentlich habe ich keine Lust, mich mit ihm zu unterhalten, denn ich will ins Studio und es kribbelt mir förmlich in den Beinen, aber ihn einfach so stehen zu lassen, wäre unhöflich. Schließlich kommt meine Frau und ich habe endlich einen Vorwand, das Weite zu suchen. Ich verabschiede mich und eile schnurstracks zum Studio. Mein Sohn meint später etwas despektierlich, der Typ sehe aber abgewrackt aus, und ich muss ihm leider zustimmen. Aber man weiß nie, was die Menschen für ein Schicksal hinter sich haben und darüber zu urteilen, steht ohnehin niemandem zu.