Meine ecuadorianische Identität

Der Erwerb einer Aufenthaltserlaubnis kann sich in Ecuador zu einer langwierigen, äußerst anstrengenden und vor allem nervenaufreibenden Unternehmung auswachsen. Dank tiefgreifender, radikaler Reformen unterscheiden sich die Behörden hierzulande im Grunde kaum von den Ämtern in Deutschland – sie sind modern, effizient und exekutieren Dienstanweisungen mit derselben haarspalterischen Insistenz wie ihre deutschen Amtsvettern. Vom angeblichen südländischen Schlendrian keine Spur – die Beamten arbeiten effektiv wie Automaten und sie wirken auch oft genauso unsympathisch wie ihre deutschen Kollegen. Doch kein Ecuadorianer würde sich die speckigen Amtsstuben früherer Zeit und das Chaos, das in ihnen herrschte, zurückwünschen. Dennoch kann einen der bürokratische Irrsinn manchmal in die Verzweiflung treiben. Man könnte den Ämtern und allem, was man dort so erlebt, einen eigenen Blog widmen.

Wahrscheinlich lässt sich die Entwicklung hin zu mehr Bürokratie auch gar nicht vermeiden, denn wie man weiß, verselbständigt sich so ein Verwaltungsapparat, sobald er nur eine kritische Größe erreicht hat. Doch die Verwaltungsreform hat auch positive Dinge mit sich gebracht: Ein gravierender Unterschied zu deutschen Behörden besteht darin, dass die Mitarbeiter fast alle jung sind. In der Tat kann ich mich nicht erinnern, dem Angestellten einer Behörde gegenübergestanden zu haben, der älter als ich gewirkt hätte, und dabei bin ich doch noch nicht einmal dreißig! Scherz beiseite: Ehrenvoll im Dienst ergraute Beamte sieht man eigentlich gar nicht – entweder hat man sie im Zuge der Erneuerungsmaßnahmen aufs Altenteil geschickt oder sie fristen ihr Gnadenbrot in den Hinterzimmern, zwischen verstaubten Aktenbergen und Dokumentenablagen, die schon Spinnweben angesetzt haben, jedenfalls dort, wo sie kein Besucher der Behörde jemals zu Gesicht bekommt. Ich glaube nicht, dass man sie in den hauseigenen Aktenschreddern entsorgt hat – so viele Schredder könnte eine vielbeschäftigte Behörde ja auch gar nicht entbehren.

Ursprünglich war vorgesehen, dass der Arbeitgeber meiner Frau, die Deutsche Schule Quito, die notwendigen Schritte einleitet, um meinen Aufenthaltsstatus zu klären. Aus Gründen, die sich einer verstandesmäßigen Durchdringung entziehen, unterließ man es aber, sich mit den Behörden in Verbindung zu setzen. Drei Monate waren verstrichen und nichts war geschehen. Ab diesem Zeitpunkt hielt ich mich illegal im Lande auf.

Aus der Not entschieden wir uns, eine Anwältin damit zu beauftragen, die Sache in die Hand zu nehmen. Wer nun glaubt, damit wäre alles so gut wie ausgestanden, irrt gewaltig. Eigentlich bestellt man ja einen Rechtsbeistand, um sich nicht selber mit solch unangenehmen Dingen wie Behördengängen herumschlagen zu müssen, dennoch kann ich die Stunden gar nicht zählen, die ich, zu Tode gelangweilt, in den Wartesälen der Behörden verbracht habe. Inzwischen haben die Dienste der Anwältin – die unentbehrlichen Dienste, wie man ehrlicherweise hinzufügen muss – die Kleinigkeit von annähernd zweitausend Dollar verschlungen, doch am Ende hat es sich doch gelohnt und ich bezweifle, dass wir ohne ihre Hilfe so weit gekommen wären. Die Auslagen bekommen wir übrigens ersetzt, denn die Deutsche Schule ist verpflichtet, den Ehegatten ihrer Angestellten eine Aufenthaltserlaubnis zu verschaffen.

Um eine Aufenthaltserlaubnis zu erwerben, braucht man vor allem eines: Geduld. Am besten lässt man gleich den Gedanken fahren, dass man die Angelegenheit in ein paar Tagen abhaken könnte. Ich versichere, man kann es nicht. Ob man einen Rechtsbeistand zu Rate zieht, bleibt jedem selbst überlassen. Ich kann dazu eigentlich nur raten, denn aus eigener Erfahrung weiß ich, dass man schnell überfordert ist, zumal wenn man die Sprache nicht ausreichend gut beherrscht. Man kann sich nur zu leicht in den Labyrinthen der Bürokratie verirren und irgendwann verliert man in dem unentwirrbaren Wust aus Papieren und gescheiterten Hoffnungen den Verstand. Da ist es wichtig, dass man einen verlässlichen Lotsen hat, der einen sicher durch die tückischen Gewässer des Verwaltungsaktes geleitet.

An einem normalen Tag pendelt man mehrmals zwischen Einwanderungs- und Meldebehörde hin und her, und wenn einen nicht eine Stelle zur anderen schickt, weil irgendein wichtiges Formular, ein unverzichtbares Dokument oder eine unentbehrliche notarielle Beglaubigung fehlt, dann schickt einen eben die Stelle, zu der man doch eben hin beordert wurde, aus exakt denselben Gründen wieder zurück. Mit einer Böswilligkeit, wie sie nur Behörden eigen ist, wird man so etliche Male von Pontius zu Pilatus befohlen und am Ende ist man nicht einmal schlauer, geschweige denn, dass man das Gefühl hätte, die Sache wäre auch nur ein klitzekleines Stück vorangekommen.

Ich fühlte mich oft an die berühmte Szene in einem Asterixfilm erinnert, in der die Helden im Getriebe eines aufgeblähten bürokratischen Apparates unterzugehen drohen. Sie entgehen dem Verhängnis, indem sie auf die geniale Idee verfallen, das System zu veranlassen, sich gegen sich selbst zu wenden: Sie werfen Sand ins Getriebe der gut geölten Behördenmaschinerie, denn sie erfinden einfach ein Formular, das es in Wirklichkeit gar nicht gibt. Der sonst so fabelhaft effiziente Apparat strauchelt und der kleine böswillige Sabotageakt stiftet ein derartiges Chaos, dass bald alles in Wahnsinn versinkt. Am Ende implodiert der ganze Laden wie ein Schwarzes Loch. Vielleicht hätte ich einfach nur nach dem ungemein wichtigen und unverzichtbaren rosa Formularbogen fragen sollen …

Ich war inzwischen gut ein Dutzend Mal auf der Behörde und dann verbrachte ich dort auch immer gleich den ganzen Tag – morgens hin, am Nachtmittag wieder zurück. Die Anwältin, die meine Antragstellung betreute, pflegte mich immer am Morgen in ihr Büro einzubestellen und sie verstand es jedes Mal, meinen Unmut über die zu erwartenden Unannehmlichkeiten zu zerstreuen, indem sie treuherzig erklärte, heute gehe alles ganz, ganz schnell – eigentlich könnte ich mein Visum und sogar die Cedula, die ID-Card, gleich mitnehmen. Versprochen!

Natürlich erwiesen sich die vollmundigen Versprechungen nur als ein Mittel, mich aufzumuntern, denn die Anwältin spürte sehr wohl meinen Widerwillen, in der Sache auch nur noch einen Schritt weiterzugehen. Meine Hoffnung, diese Geduldsprobe heute endlich hinter mich bringen zu können, wurde dann auch jedes Mal aufs Neue gedämpft, kaum dass wir die Behörde betreten und der Beamte uns mitgeteilt hatte, es fehlte noch dieses Papier und jenes Formular und diese beglaubigte Kopie und jener amtliche Stempel. Man kommt sich manchmal vor wie in einem Irrenhaus, nur hat man den Eindruck, man stehe selber im Begriff, allmählich den Verstand zu verlieren.

Lohnt es sich, einen Rechtsbeistand zu engagieren? Auf jeden Fall! Ich möchte eigentlich jeden, der nach Ecuador kommt, um sich hier für längere Zeit niederzulassen, ermutigen, sich der Hilfe eines verlässlichen Rechtsberaters zu versichern. Ein Anwalt kann hierzulande für vieles nützlich sein. Die einzigen Anwälte, denen ich in Berlin begegnet bin, waren mehr oder weniger Zufallsbekanntschaften. Die meisten von ihnen fand ich übrigens sehr sympathisch (Ich muss allerdings einräumen, ich habe nie die traumatische Erfahrung machen müssen, eine anwaltliche Honorarrechnung auf den Tisch zu bekommen). Hier in Ecuador braucht man den Rechtsbeistand, damit er einem aus so mancher verzwickten Lage befreit. Denn man kann in Schwierigkeiten geraten, auch ohne je gegen das Gesetz verstoßen zu haben, und dann ist man darauf angewiesen, dass jemand die Eisen wieder aus dem Feuer holt.

Ein Beispiel für jene Wechselfälle des Lebens, in denen ein Anwalt nützliche Dienste leistet, mag genügen: Eines Tages forderte unsere Vermieterin ultimativ die Summe von zweitausend Dollar. Wir wunderten uns darüber und waren auch ein wenig besorgt, denn diese Forderung kam wie aus heiterem Himmel. Wir wollten die Wohnung in nächster Zeit kündigen und offenbar glaubte die Vermieterin, sie hätte in diesem Fall das Anrecht auf eine Art Entschädigungszahlung für entgangene Mieteinnahmen. Unsere Anwältin (das ist eine andere als die, in deren Hände die behördlichen Vorgänge um meine Aufenthaltserlaubnis gelegt sind) lächelte kühl und meinte, es gäbe keine rechtliche Grundlage, die eine solche Unverschämtheit stütze. Das sei reine Willkür – ich denke aber, es war wohl eher die reine Gier, die aus der Forderung der Vermieterin sprach.

Wir waren froh, dass die Anwältin das Telefongespräch führte, in der sie der Vermieterin lapidar mitteilte, dass ihre Forderung nichtig sei. Die Frau versuchte dann Geld herauszuschinden, indem sie insistierte, erst einmal müsse geprüft werden, ob das Parkett sich auch wirklich noch in dem Zustand befinde, in dem es angeblich gewesen sei, als es uns übergeben wurde. Ganz offensichtlich hat sie eine Art obsessive Leidenschaft zu dem Holzfußboden entwickelt, und ich glaube, an dem Tag, an dem Termiten die Holzplanken auffressen, hat das Leben für sie seinen Sinn verloren. Die Anwältin schmetterte das Ansinnen routiniert ab. Auch eine Mediation verweigerte sie.

Irgendwann, nach mehreren Monaten geduldigen Wartens, hatte das Schicksal doch noch ein Einsehen und es kam der Tag, an dem mir das Visum tatsächlich in den Pass eingetragen wurde. Und es kam sogar noch besser, denn vier Wochen später erhielt ich auch noch die Cedula de identidad. Ein Mitarbeiter der Anwältin brachte mit mir wieder fast den ganzen Tag auf dem Registro civil zu, der Meldebehörde. Die Anwältin scheint Mitarbeiter zu bevorzugen, die die meiste Zeit ihres Lebens in Spanien verbracht haben. Auch dieser junge Mann hatte dort sein ganzes Berufsleben absolviert. Erst seit zwei Jahren lebte er wieder in Ecuador, um, wie es scheint, nun Botengänge für seine Arbeitgeberin zu erledigen.

Wir warteten geraume Zeit, aber schließlich teilte uns ein Mitarbeiter der Meldestelle mit, dass alle Papiere nun vollständig seien und ich die Cedula in drei Stunden am Schalter abholen könnte. Mehr noch als mich diese lapidare Mitteilung freute, nahm die Frisur des Beamten meine ganze Aufmerksamkeit gefangen: Der Haaransatz über der Stirn war eckig wie ein Fußballplatz ausrasiert. Der schwarze Haarsaum legte sich um das Gesicht wie ein viel zu groß geratener Bilderrahmen. Man konnte deutlich die dunkle Wurzel an den Stellen erkennen, an denen der Rasierer zwei Finger breit Haar entfernt hatte. Der Mann wirkte bestimmt viel intelligenter, da die Stirn nun viel höher und breiter war, und obwohl er gerade Ende Zwanzig zu sein schien, erinnerte er mich sehr stark an Winfried Noë von Astro-TV.

Leider war es mir nicht möglich, den Ausweis noch an diesem Tag entgegenzunehmen, denn ich musste meinen Sohn von der Schule abholen. Aber das sei, so informierte man uns, überhaupt kein Problem, denn das Dokument läge am Schalter bereit und man könne es sich jederzeit aushändigen lassen. Das tat ich dann zwei Wochen später – man hat ja oft keine Zeit, aber so gut wie nie verspüre ich Lust, mich durch den dichten Verkehr auf Quitos Straßen zu quälen.

Und da ist sie nun – meine Cedula. Die Cedula de identidad ist eine ID-Card und als solche ist sie mit dem deutschen Personalausweis durchaus vergleichbar. Man kann sie aber bekommen, auch ohne die ecuadorianische Staatsangehörigkeit zu besitzen (was auf mich zutrifft). Das Foto beachte man am besten gar nicht, denn darauf sehe ich aus wie El Colorado, der berüchtigte Pistolero, kurz nach seiner Festnahme. Worauf es ankommt, ist ja auch nicht das Bild, sondern die Tatsache, dass ich den Ausweis überhaupt habe.

Hat sich der ganze Aufwand gelohnt? Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht. Ich bin ein wenig skeptisch. Das Dokument ist zehn Jahre gültig und kann beliebig verlängert werden. Es besteht also kein Anlass zu der Sorge, man müsste die ganze Behördenquälerei noch einmal über sich ergehen lassen. Die Cedula nützt einem nur in Ecuador. In anderen Ländern, selbst in den Staaten des amerikanischen Kontinents, schindet man damit etwa so viel Eindruck wie mit der Visitenkarte Winfried Noës.

In Ecuador kann man mit der Cedula aber durchaus eine Menge anfangen: Zunächst einmal muss man nun nicht mehr ständig den Reisepass mit sich herumtragen. Die Cedula reicht vollkommen aus für den Fall, dass man sich ausweisen muss. Im Vergleich mit dem gewöhnlichen Touristen zahlt man oft nur den halben Eintrittspreis. Es mag sich zwar nur um wenige Dollar handeln, doch richtig sparen kann man, wenn man nach Galapagos reisen möchte. Der Unterschied kann einige Hundert Dollar betragen. Wirklich zu genießen vermag man die Vergünstigungen, die einem mit der Cedula gewährt werden, aber erst im Rentenalter, in der Tercera edad, denn dann zahlt man in allen staatlichen oder öffentlichen Einrichtungen stets nur den halben Preis.

Ich kann es mir ja noch einmal überlegen, ob ich meine bescheidene Rente nicht irgendwo an einem pazifischen Palmenstrand verzehren möchte. Die Cedula ist zeitlich unbegrenzt gültig und wer kann schon voraussehen, welche Zeiten uns noch erwarten. Mit der Cedula in der Tasche müsste ich in Ecuador jedenfalls keinen Asylantrag stellen. Und es ist beruhigend zu wissen, dass es einen Platz auf der Welt gibt, an dem man im Notfall Zuflucht finden könnte. Es gibt wahrlich unwohnlichere Orte als dieses tropische Paradies.

Partys und Invasionen

Den Nachmittag hätte ich am liebsten damit verbracht, im Bett zu liegen und meine narkotische Abhängigkeit vom Fernsehen durch stundenlangen Dauerkonsum noch weiter zu verstärken. Leider zwangen uns dringende gesellschaftliche Verpflichtungen, der Droge fürs Erste zu entsagen: Die Großtante meiner Frau, Tía Juanita, feierte ihren 88sten Geburtstag und alle Verwandten waren natürlich zur Party eingeladen und damit verpflichtet, sich sehen zu lassen. Insbesondere galt dies für meine Frau, die immer so tut, als würde sie von den eigenen Verwandten in einem Akt der Vendetta erschossen werden, wenn sie auch nur einer einzigen der zahlreichen Familienfeiern fernbliebe. Ich bin zwar nur angeheiratet, aber da ich im Urlaub war und im Grunde nichts zu tun hatte (außer fernzusehen), konnte ich schlecht anderweitige Verpflichtungen geltend machen. Außerdem ist mein Gesicht zu bekannt, als dass ich mich einfach verstecken könnte, denn ich bin der einzige Gringo in der Familie (und eigentlich bin ich gar kein Gringo, sondern Alemán).

Mein Sohn maulte, er hätte keine Lust, auf diese Rentnerparty, und mit Schmollgesicht verkündete er, er werde auf keinen Fall gehen. Ich kann verstehen, dass sich alles in ihm sträubte, denn noch immer wirkte das Trauma nach, das er bei einem unserer Jahre zurückliegenden Ferienbesuche erlitten hatte: Meine Frau hatte ihn damals auf eine Veranstaltung des örtlichen Rentnerklubs mitgenommen. Ihre Großtante, die Tía Juanita, war zur „Königin der Rentner“ gewählt worden und aus diesem Anlass wurde eine Party gegeben. Die Rentner hierzulande haben eigene Klubs, in denen sie sich regelmäßig treffen, um ihren Exzessen zu frönen (Kaffee, Kola und Plätzchen sind die Drogen der Wahl und lateinamerikanische Schnulzen aus den Fünfzigern gestalten das musikalische Programm).

Auf besagter Seniorenparty hatte Julia Querola, die Stimmungskanone unter den Verwandten, unseren Sohn spontan auf die Tanzfläche gezogen. Natürlich hätte dies für jedes Kind ein Erlebnis mit traumatischen Folgen bedeutet. Mein Sohn war damals neun Jahre alt, aber er war gar nicht scheu, die Aufforderung anzunehmen, zumal er sich in diesem Augenblick, da aller Augen auf ihn gerichtet waren, schlecht verstecken konnte. Nachdem das Eis aber erst einmal gebrochen war, hatte er sich in seinem bunten Guayaquil-Shirt auf der Tanzfläche geschüttelt wie Señor Salsa höchstpersönlich. Immerhin fließt zur Hälfte lateinamerikanisches Blut in seinen Adern und im Gegensatz zu seinem Vater gehen ihm die Rhythmen mit einer Leichtigkeit in die Beine, dass man nur neidisch werden kann. Die Senioren waren natürlich entzückt, ja, regelrecht begeistert, so dass sie am Ende sogar Beifall spendeten. Seit dieser Tanzeinlage kennt ihn die ganze Stadt. Er selbst will natürlich nicht mehr auf die Episode angesprochen werden, aber die Alten in Bahía lieben ihn dafür.

Es bedurfte schlagkräftiger Argumente, um unseren Sohn zu erweichen, uns auf die Geburtstagsparty zu begleiten. Immerhin wurde an diesem Abend Lasagne serviert und wer außer Garfield und meinem Sohn konnte schon einer guten Lasagne widerstehen? Zwar hatte er schon zu Mittag eine Lasagne im „Bambú“ verputzt, aber das sei eben das Mittagessen gewesen und dies sei jetzt das Abendessen, wie er nicht müde wurde zu betonen – der anscheinend im Kopf meiner Frau eingebaute Kalorienrechner hatte den von unserem Sohn während des Tages konsumierten Brennwert überschlagen und Alarm ausgelöst. Doch letztlich zählten Kalorien wenig, wenn es um den 88sten Geburtstag der Tía ging. Widerwillig, und nur wegen des Essens, erklärte sich unser Sohn einverstanden, auf die Party mitzukommen, aber er wollte allenfalls so lange bleiben, bis serviert worden wäre. Danach müsse er zurück nach Hause, um Fernsehen zu gucken. Diesmal war ich ausnahmsweise einmal ganz seiner Meinung.

Die Party war schon eine Weile im Gange, als wir im Haus der Tía Juanita eintrafen. „Party“ ist vielleicht ein zu großer Euphemismus, denn als wir die Treppe hinaufstiegen und das Wohnzimmer betraten, empfing uns eine Versammlung recht betagter Damen; die meisten waren wohl schon selbst im Alter der Jubilarin. Stühle und Sessel waren wie bei einem Tanzvergnügen im Seniorenstift entlang der Wände platziert worden und obwohl das Wohnzimmer so geräumig ist wie ein Salon, war gerade noch Platz für das Buffet mit dem Geburtstagskuchen und den Dulces, also den Süßigkeiten, von denen es so reichlich gab, das man schon vom Anblick Diabetes bekam. Da wir viele der Gäste kannten – meine Frau kannte natürlich alle –, dauerte die Begrüßung wieder einmal ewig, und wir schritten das Spalier der Damen ab, als wären wir Gesandte auf einem offiziellen Empfang und müssten dem komplett versammelten diplomatischen Korps unsere Aufwartung machen. Wir schüttelten Hände, küssten staubige Wangen und lächelten dazu artig. Niemand sollte sich beleidigt fühlen, weil man ihn versehentlich übersehen hatte.

Im Haus der Tía Juanita waren wohl an die zweitausend Lebensjahre versammelt und unsere paar Jährchen fielen dabei gar nicht ins Gewicht, weil wir fast die Jüngsten waren. Ein paar Mädchen, wohl Großnichten oder sogar Urgroßnichten (?) der Tía, lümmelten gelangweilt in den Sesseln und vertrieben sich die Zeit damit, WhatsApp-Nachrichten zu posten („Ist so langweilig. Hoffe, ich kann bald wieder verschwinden.“). Man sah ihnen an, dass sie litten und sich nach dem Ende sehnten. Aber vorbei war es noch lange nicht, denn an die vierzig Gäste oder sogar noch mehr mochten sich zur Geburtstagsfeier eingefunden haben und alle mussten noch beköstigt und unterhalten werden. Obwohl der Salon einen Balkon hat, sämtliche Türen geöffnet waren und die Deckenventilatoren mit Höchstleistung liefen, war es heiß wie in einem Backofen und allein schon beim Sitzen rann einem der Schweiß in Sturzbächen vom Körper. Viele der Damen zückten nun ihre Fächer und fingen an zu wedeln. In der Küche wirbelten derweil die fleißigen Helferinnen und bereiteten das Essen für die Gäste.

Schon am Morgen, nachdem meine Frau angekündigt hatte, dass wir die Geburtstagsparty der Großtante besuchen wollten (Wollten? Wer hatte gesagt, dass ich will?), hatte ich sehr behutsam versucht, Einspruch dagegen ihre Pläne einzulegen. Doch meine Frau, mit ihrem leichten Hang zum Dramatischen, entkräftete meine äußerst stichhaltigen Argumente mit einer emotionalen Großoffensive und tat so, als müsste die Party tatsächlich ausfallen, wenn wir sie nicht dorthin begleiteten. Der letzte, der gewollt hätte, dass die Party ausfällt, wo sich doch alle so sehr darauf freuten, bin doch wohl ich! Am Ende zeigte sich, dass mein Sohn, ich und ihr Onkel die einzigen männlichen Gäste waren. Wir saßen wie Fremdkörper unter all den älteren Damen, von denen einige sich tatsächlich zu wundern schienen, ob wir uns verirrt hatten. Andere männliche Familienangehörige hatten es offenbar vorgezogen, irgendeine wichtige und gleichermaßen unaufschiebbare Verpflichtung vorzuschützen, um dem Grauen fernbleiben zu dürfen. Wie ich es hasse, immer Recht zu behalten.

Onkel Fausto (der Bruder meiner Schwiegermutter) machte von uns dreien noch die beste Figur. In seinen mit Bügelfalten versehenen Jeans, mit seinem blütenreinen, frisch gestärkten Hemd, dem akkurat gekämmten Haar und dem feschen Schnurrbart, der stets fachmännisch getrimmt ist, wirkt er immer wie der Gentleman vom Lande. Es ist bewundernswert, wie er angesichts der Folter Haltung bewahrte. Während mir der Schweiß übers Gesicht lief und ich mich gequält auf dem unbequemen Stuhl wand, saß er aufrecht wie ein ungekrönter König und er wirkte dabei zugleich vollkommen entspannt, gerade so, als könnte er sich nichts Angenehmeres vorstellen, als seine Zeit auf Geburtstagspartys älterer Damen zuzubringen. Mit legerer Würde unterhielt er sich mit seinen Sitznachbarn. Er spricht immer auf eine sehr bedächtige und kluge Art, dass es den Anschein hat, er beleuchte die Argumente seines Gegenüber zunächst von allen Seiten, bevor er antwortet. Ich weiß nicht, wie er es fertigbrachte, nicht zu schwitzen, zumal in dieser Hitze, die durch den Dunst aus der Küche, die auf Hochbetrieb arbeitete, sogar noch verstärkt wurde. Man sah bei ihm nicht eine Schweißperle, wo doch die Gesichter aller anderen nur so glänzten. Ist das nun die schiere Coolness oder jahrelange Übung?

Schließlich wurde die Lasagne serviert. Wir hatten fast eine Stunde auf diesen Augenblick gewartet, aber ich fand es einfach zu heiß für ein so gehaltvolles Essen. Meinen Sohn hielt die Hitze jedoch nicht davon ab, seinen Teller in Windeseile leerzuessen – als wäre er durch tagelange Entbehrungen ausgehungert und Lasagne das einzige, durch das er wieder zu Kräften kommen könnte. Und er aß sogar noch die Portion meiner Frau, welche die Hitze und der Kalorienrechner im Kopf davon abhielten, mehr als nur den Salat anzurühren. Nachdem er aufgegessen hatte, machte er mir unauffällig Zeichen zu gehen. Gerade war Julia Querola dabei, das Geburtstagskind auf die Tanzfläche zu ziehen, und mit ihm ein kleines Geburtstagstänzchen anzustimmen, und mein Sohn fürchtete wohl, dass ihm das gleiche Unglück widerfahren könnte. Julia Querola ist von Beruf Sängerin und so etwas wie die Stimmungskanone der Familie. Oft singt sie zu den Liedern auf der Party und sie hat eine wirklich schöne Stimme. Wir aber hatten unsere Pflicht getan und schlichen uns unbemerkt davon. Als ich das Haus der Tía Juanita verließ, war ich schweißgebadet.

Eine Stunde später, mein Sohn und ich genossen gerade das abendliche Fernsehprogramm auf HBO, klingelte es an der Tür. Nichtsahnend öffnete ich – die Schwiegermutter war da und sie war nicht allein gekommen. Sie brachte fast ein Dutzend Leute mit, alles Familienmitglieder. Damit war es erst einmal vorbei mit dem gemütlichen Fernsehabend im tiefgekühlten Schlafzimmer. Invasionen dieser Art sind in Bahía so üblich, dass sie einen eigenen Namen haben: Man nennt solcherart Überfälle „Reunión“, also ein zwangloses Zusammensein mit der Familie oder mit Freunden. Als hätten sie sich verschworen, kommen dabei die Gäste häufig in Mannschaftsstärke und sie laden sich auch immer selbst ein. Die Etikette verlangt nicht, dass der Besucher sich anmelden muss; die Gastgeberpflicht des Besuchten gebietet jedoch, dass man die Gäste einlässt und ihnen die besten Plätze anbietet. Die Gäste erwarten keinesfalls, dass Essen serviert wird, noch dass man Getränke bereitstellt. Man ist gekommen, um zu plaudern. Mehr verlangt man nicht. Und so lümmelt man schließlich in den bequemen Sesseln und plaudert.

Unter den Gästen ist auch der Onkel; wir hatten ihn schon auf der Geburtstagsparty getroffen und offenbar hat auch er die erstbeste Gelegenheit ergriffen, um die Feier zu verlassen. Ich kann mir jedoch gut vorstellen, dass der alte Charmeur es auf eine weit elegantere Art getan hat als wir, wo unser Abgang doch eher einer Flucht glich. Der Onkel hatte bis vor Kurzem einen Baustoffhandel betrieben, aber nun überlegt er, ob er das Geschäft aufgeben soll, denn erst vor ein paar Wochen ist er ausgeraubt worden. In seiner ruhigen Art erzählt er, dass einer der Kriminellen ihm eine Waffe an den Kopf gehalten habe, während der andere ihm ein Messer gegen die Rippen gedrückt hätte. Zweihundert Dollar erbeuteten die Diebe. Das ist nicht viel Geld und dafür das Leben zu riskieren, wäre die größte Torheit. Alle stimmen ihm zu. Ein Patentrezept, wie man die ausufernde Kriminalität in den Griff bekommen könnte, hat aber niemand. Man redet noch ein wenig über dies und jenes, und nach einer Stunde sind die Gäste so schnell wieder verschwunden, wie sie aufgetaucht waren.

United States of Bahía

Am Morgen des nächsten Tages, in aller Herrgottsfrühe, führte ich den Hund im Park aus, damit er dort sein Geschäft verrichten könnte. Der Park befindet sich praktisch direkt vor dem Haus der Tante. Man muss nur ein paar Schritte gehen und schon kann man über gepflegte Rasenflächen flanieren und an Blumenhecken vorbei spazieren, auf Bänken sitzen, oder in dem schönen Pavillon verweilen, um den Sonnenaufgang zu genießen. Freizeitsportler in neonfarbener Sportkleidung marschierten hurtig auf den Wegen entlang. Als ich die Rasenfläche betrat, wurde mir klar, dass ich die Tüte umsonst mitgebracht hatte, denn es gab kaum eine Stelle, die nicht bereits von Hundehaufen in allen erdenklichen Stadien der Frische übersät war. Es war fast unmöglich, ein paar Schritte zu geben, ohne auf eine der tückischen Minen zu treten. Ich nahm das Häufchen, das der Hund dann auch verlässlich produzierte, aber dennoch mit.

Den Pavillon hatte an diesem Morgen eine Gruppe Umweltaktivisten okkupiert: Man hatte einen Tisch aufgebaut, auf dem Informationsmaterial ausgebreitet lag; als Eyecatcher hatte man ein großes Plakat vor den Pavillon gespannt – es ging um den Erhalt irgendeines „Biocorredor“, ein berechtigtes Anliegen, zumal die Urwälder und die Mangrove innerhalb von nur dreißig Jahren bis auf wenige klägliche Reste verschwunden sind. Auf einem zweiten Tisch lagen Cookies und allerlei Gebäck bereit, um Neugierige anzulocken, aber keinen von den Freizeitsportlern schien das Anliegen der Aktivisten auch nur einen müden Blick wert. Unbeeindruckt zogen sie ihre Runden durch den Park. Vielleicht verschmähten sie die Cookies nur deshalb, weil Sportler sich nun einmal gesund ernähren.

Die Aktivisten selbst waren ausnahmslos Amerikaner. Man erkennt es immer sofort an der Kleidung, die entweder so aussieht, als richte man sich auf das ganz große Survival-Abenteuer ein oder auf enthemmten Freizeitspaß im luxuriösen Ferienressort, was so ziemlich auf dasselbe hinausläuft. Im Vorbeigehen hörte ich Englisch mit unverkennbarem amerikanischen Akzent, aber es mussten schon deshalb Amerikaner sein, weil Einheimische niemals auf die recht kuriose Idee kämen, morgens um sieben Uhr für ein Umweltprojekt zu werben. Müssen diese Leute denn immer den Rest der Menschheit missionieren, zu welchem Ende auch immer?

Vor dem Supermarkt, der eigentlich eher ein zu groß geratener Tante-Emma-Laden ist, traf ich noch mehr Amerikaner (mein Sohn wollte zum Frühstück unbedingt Schoko-Pops). Viele von ihnen haben sich mittlerweile in Ecuador niedergelassen, um irgendeinem Business nachzugehen, vielmehr aber noch, um die Tage ihres Renterdaseins friedlich und in relativem Wohlstand zu verleben – Wünsche, die in den Staaten nur für die Wohlhabenderen unter ihnen wahr werden. Aber hier in Ecuador kann jeder auf seine alten Tage ein König sein: Die Leute sind nett und anders als in Deutschland sind Alte hochgeachtet und ihr altersweiser Rat wird geschätzt. Niemand würde einen als senil bezeichnen, nur weil man allein nicht mehr nach Hause zurückfindet oder weil man die Bekannten mit den immer gleichen Geschichten nervt. Und im Übrigen zahlt man ab 60 überall nur die Hälfte. Und nicht zu vergessen: Hier in Ecuador herrscht immerwährender Sommer (oder Frühling, wenn man in Quito wohnt).

Im Grunde hat man in Bahía nie viel zu tun. Sicher, auch hier müssen die Leute arbeiten, dennoch erweckt die Stadt immer den Eindruck, dass nichts, aber auch gar nichts passiert. Die einzige, die immerfort behauptet, sie sei gestresst, weil sie ja so viel zu tun hat, ist meine Schwiegermutter. Ein Grund dafür mag darin liegen, dass sie Rentnerin ist und bekanntlich haben Rentner niemals Zeit. Alle übrigen aber lassen den Tag vorbeiziehen und warten einfach ab, was sich so ergibt.

Am Nachmittag will ich einmal wieder in meinem Lieblingsstudio trainieren. Es ist brütend heiß und damit genau die richtige Zeit für eine fordernde Trainingseinheit – nichts geht über ein gutes Workout in einem guten Studio und der Fitnessenthusiast lässt sich durch solche Kleinigkeiten wie dreißig Grad im Schatten nicht von seinen sportlichen Zielen ablenken. Das Gym ist nur ein paar Meter vom Hause der Tante entfernt: Man überquert die Hauptstraße, die Avenida Simón Bolívar, und schon befindet man sich vor dem Eingang. Man kann das Studio kaum verfehlen, denn wann immer es geöffnet hat, schallt Musik in infernalischer Lautstärke aus der Tür.

Ich habe schon die Sportschuhe unter dem Arm und bin im Begriff aufzubrechen, als es plötzlich an der Tür klingelt. Ein alter Amerikaner steht davor. Die heiße Äquatorsonne hat sein Gesicht in eine Tomate verwandelt; tiefe Runzeln durchziehen seine Haut wie Erdspalten nach dem Einschlag eines Meteoriten. Er hat das Schild am Haus der Tante gesehen: „Zimmer zu vermieten“. Er möchte die Tante sprechen. Leider spricht die Tante kein Englisch und der alte Amerikaner versteht überhaupt kein Spanisch. Während wir auf meine Frau warten, die beide Sprachen beherrscht und deshalb dolmetschen soll, machen wir ein wenig Smalltalk: Er stammt aus Texas und sein Südstaatenakzent ist so breit, dass ich Mühe habe, ihn überhaupt zu verstehen. Er ist erstaunt, von mir zu hören, dass wir einige Jahre im Norden von Texas gelebt haben. Er kenne die Gegend am Redriver, unsere alte Heimat, sehr gut, denn er sei nicht weit westlich davon aufgewachsen. Jetzt suche er eine Wohnung für den Sohn. Vorher hätten beide, Vater und Sohn, in Quito gelebt, doch nun seien sie hier, in Bahía, und hier wollten sie auch bleiben.

Das Gespräch zieht sich in die Länge. Eigentlich habe ich keine Lust, mich mit ihm zu unterhalten, denn ich will ins Studio und es kribbelt mir förmlich in den Beinen, aber ihn einfach so stehen zu lassen, wäre unhöflich. Schließlich kommt meine Frau und ich habe endlich einen Vorwand, das Weite zu suchen. Ich verabschiede mich und eile schnurstracks zum Studio. Mein Sohn meint später etwas despektierlich, der Typ sehe aber abgewrackt aus, und ich muss ihm leider zustimmen. Aber man weiß nie, was die Menschen für ein Schicksal hinter sich haben und darüber zu urteilen, steht ohnehin niemandem zu.

Ein Nachtrag in Sachen Internet 2

Am letzten Freitag kündigte sich unser Internetanbieter „Netlife“ an – wieder einmal. Drei Mitarbeiter dieses merkwürdigen Unternehmens hatten uns zwar erst vor einer Woche besucht, angeblich wollten sie einen Internetanschluss einzurichten, doch leider wurde dann doch nichts aus dem groß angekündigten Plan, denn offenbar kann der Service erst bereitgestellt werden, sobald sich acht Parteien pro Wohneinheit zum Vertragsabschluss finden. Die Techniker, die mir schon aus Santa Inés bekannt waren, mussten unverrichteter Dinge wieder abziehen. Diesmal schickte man vorsorglich nur einen Mann und dieser prüfte – vorsorglich –, ob es nicht doch möglich sei, Internet zu installieren. Nach einer halben Stunde des Suchens und Prüfens in den verborgensten Ecken des Hauses musste aber selbst der Fachmann aufgeben. Er erklärte, um irgendetwas bewirken zu können, müsse erst ein Antrag gestellt werden – eine Erklärung wie und wo blieb er schuldig, und er verschwand ebenso plötzlich, wie er aufgetaucht war.

So sind wir also weiterhin auf das W-Lan der Wohnanlage angewiesen, das zwar kostenlos zur Verfügung gestellt wird, das jedoch ein ungeschütztes Netz ist. An manchen Tagen ist es so nervtötend langsam, dass man den Eindruck hat, sie würden hier die alten pfeifenden Modems aus den achtziger Jahren wiederverwenden. In der Zeit, die es braucht, um eine normale Internetseite aufzubauen, kann man getrost andere Dinge erledigen. Man ist ja immer noch rechtzeitig zurück! An manchen Tage kann ich mir erst noch bequem einen Tee brühen, bevor die Startseite von „Kritisches Netzwerk“ vollständig erscheint. Es ist sicher auch eine gute Idee, von Banktransaktionen Abstand zu nehmen. Der Vorrat an pfiffigen Kriminellen scheint hierzulande einfach unerschöpflich und irgendeiner wird bestimmt schon herausgefunden haben, wie er in die Computer fremder Leute eindringen kann. Da helfen die Sicherheitsleute am Tor und die Patrouillen auf den Straßen wenig.

„Netlife“ hat übrigens schon einmal die Gebühren für diesen Monat eingezogen, vorsorglich wahrscheinlich, in Erwartung des baldigen positiven Umschwungs. Wir haben ja immer noch unseren alten Vertrag aus Santa Inés, doch leider kann die Firma die darin vereinbarte Leistung nicht erbringen. Alles, was wir wollen, ist doch bloß ein Internetanschluss für unsere neue Wohnung! Das sollte eigentlich für Leute, deren Geschäft das Internet ist und die sich dessen werbewirksam brüsten, eine einfache Angelegenheit sein. Offenbar ist das Gegenteil der Fall. Es wäre nun aber fair, zumindest so lange auf Zahlung zu verzichten, bis die gemäß Vertrag vereinbarte Leistung erbracht werden kann, doch auch dazu ist – wer hätte es gedacht – wieder ein Antrag nötig. Ich hätte nun erwartet, dass sich alle Formalitäten online erledigen lassen, zumal es sich ja um einen Internetanbieter handelt, doch weit gefehlt: Man muss sich schon persönlich in die Zentrale nach Quito bemühen, um dort den Antrag in Papierform (sic!) einzureichen. Manchmal weiß man nicht, ob man angesichts solcher Schildbürgerstreiche lachen oder weinen soll.

Der Besuch des Cable-guy verursachte nicht geringe Irritationen bei den übrigen Wohnparteien des Hauses. Selbstverständlich hatten die gewöhnlich gut informierten Kreise unter den Bewohnern, die Spiongucker und Türlauscher, die anderen davon in Kenntnis gesetzt, dass eine Fremdfirma im Haus zugange war. Es bestand Klärungsbedarf: Wenige Tage noch dem Besuch des Netlife-Mannes klingelte es an der Tür. Durch das Bullauge des Türspions sah ich das Gesicht eines weißhaarigen Greises – keine Gefahr also. Ich öffnete und vor der Tür stand ein alter und, wie mir schien, schon ziemlich gebrechlicher kleiner Mann. Er redete sofort los, aber ich verstand nur Internet und Netlife. Ich war ein wenig verwundert darüber, dass die Firma jetzt schon Greise schickte, aber man kann sich bekanntlich die Mitarbeiter nicht immer aussuchen. Ich vertröstete ihn einen Augenblick und holte meine Frau, denn sie ist bei uns für das Administrative zuständig.

Meine Frau ging mit ihm vor die Tür und ich konnte gerade noch hören, wie sie gleichsam unsere ganze Lebensgeschichte haarklein vor ihm ausbreitete. Im Laufe der Zeit kamen immer mehr Mieter von unserer Etage hinzu und am Ende dauerte es bestimmt eine halbe Stunde, bis meine Frau sich zu aller Zufriedenheit erklärt hatte. Ich fragte sie später, was dieser Auflauf zu bedeuten hätte. Sie sagte mir, der ältere Herr sei ein Oberst a. D. und er sorge sich um das Wohl des Hauses und kümmere sich ein wenig um dessen Geschicke. Sollte mich das interessieren? In unseren Haus in Berlin gibt es Rentner, die weiter nichts zu tun haben, als sich den ganzen Tag lang bei den anderen Mietern zu erkundigen, woher die Bohrgeräusche kämen. Als sie an meine Tür klopften, sagte ich ihnen, ich wüsste es nicht, aber ich hätte es auch gehört. Ich versprach, ich würde die Sache aufmerksam verfolgen. Ich wartete eine Weile und dann bohrte ich weiter. Vielleicht hätte ich dem allzu neugierigen Oberst sagen sollen, von einer Firma namens Netlife habe ich noch nie gehört.

Die Internetsache zieht immer weitere Kreise und mittlerweile ist schon das ganze Haus involviert. Einschließlich des zittrigen Oberst a. D. gibt es vierzehn Mietparteien. Damit Netlife, der Internetanbieter, im Haus tätig werden kann, ist das Einverständnis aller vierzehn Parteien nötig. Das ist auch der Grund, worum alle plötzlich geradezu hellhörig geworden sind, was uns betrifft. Noch vor wenigen Tagen haben die meisten von ihnen noch nicht einmal gewusst, dass wir im Haus leben, und vermutlich hat es sie auch gar nicht interessiert. Jetzt, da wir einen Internetanschluss haben möchten, und es an ihnen ist, gewissermaßen darüber zu entscheiden, verlangen sie möglichst detaillierte Auskünfte über unser Leben. Wen geht es denn etwas an, ob man Internet hat oder nicht? Wen geht unser Leben etwas an? Hier ist das anscheinend eine Frage der persönlichen Sicherheit. Man möchte wissen, mit wem man es zu tun hat. Schließlich kann man nicht ahnen, ob sich hinter einem freundlichen Gesicht nicht doch ein abgefeimter Schurke verbirgt. Ich mag diese Blockwartmentalität nicht und ich möchte auch den aufdringlichen Oberst nicht wiedersehen. Sollte ich ihm doch zufällig einmal begegnen, werde ich ihn einfach ignorieren – klein genug ist er ja, dass man ihn einfach übersehen könnte.