Berlin – Bahía: ein Jahr, ein Tag

Berlin im August 2017. Meine Frau ist für einen längeren Erholungsurlaub nach Ecuador geflohen zurückgekehrt – ein Jahr an der Spree reichte aus, um unser Nervenkostüm bis an den Rand der Belastbarkeit zu strapazieren. Kaum ein Tag vergeht, an dem ich nicht wünschte, an den Pazifik zurückzukehren. Zumindest für einen von uns hat sich dieser Wunsch erfüllt.

Berlin kann einen wirklich fordern. Der Alltag hat einen fest im Griff, aber Flucht ist ebenso ausgeschlossen wie Erlösung. Man ist bloß noch ein winziges Rädchen in der mehr oder weniger gut geölten Maschinerie des Lebens oder was man dafür halten mag. Der Daseinszweck beschränkt sich darauf zu funktionieren. Aber selbst Maschinen müssen hin und wieder in die Werkstatt. Menschen brauchen so etwas nicht: Wie Rädchen drehen sie sich so lange, bis sie kaputtgehen.

Und die Leute? Mit guten Manieren kommt man in Berlin nicht weiter und ohne es zu merken, hat man schlechte Laune, die hier in der Stadt chronisch ist und so verbreitet zu sein scheint wie die Schwindsucht bei Victor Hugo. Schon bald gebärdet man sich genauso ruppig wie der Rest der Stadt, dabei will man doch einfach nur in Ruhe gelassen werden.

Meine Frau hat dem Verdruss Lebewohl gesagt und ist in freundlichere Gefilde ausgewichen. In Bahía empfängt sie tropisches Laissez faire und die Geruhsamkeit eines Alltags, der an einen Bingo-Abend in der Seniorenresidenz erinnert. Bahía ist ruhig, sehr ruhig, jedenfalls gerade ruhig genug, um den gereizten Nerven die dringend benötigte Ruhepause zu gönnen.

Aus der Stadt am Pazifik gibt es gute Neuigkeiten zu vermelden: Nach dem Erdbeben ist Bahía auf dem besten Weg, zu altem Glanz zurückzufinden. Das muss man nicht ganz wörtlich nehmen, denn die Stadt war nie der Ort, der seine Besucher zu beeindrucken suchte. Die gravierendsten Schäden sind beseitigt, wenn es auch sicher noch Jahre dauern wird, bis alle Wunden geheilt sind, aber alles deutet darauf hin, dass es allmählich wieder bergauf geht mit der Stadt am Pazifik.

Das Leben ist auf die Straßen zurückgekehrt. Die Strandpromenade füllt sich wie vordem mit sonnenhungrigen Touristen, die Zahl der Übernachtungen steigt und die Bars und Restaurants verzeichnen endlich wieder höhere Umsätze. Das Stadtbild wirkt entschieden verändert, da die meisten der himmelstürmenden Hoteltürme eingestürzt sind oder abgerissen werden mussten – Grund genug, einen Neustart zu wagen. Und die Menschen haben neues Selbstvertrauen geschöpft und vor allem haben sie Zutrauen in die eigene Kraft gewonnen: Schon beginnt man sich zu organisieren, um der schwächelnden Stadtverwaltung mit Elan und Eigeninitiative unter die Arme zu greifen. Bahía, die Stadt am Pazifik, nimmt das Schicksal in die eigenen Hände.

Henry´s Sports Café, das Etablissement meines amerikanischen Namensvetters, profitiert von dem allgemeinen Aufschwung. Das Beben hat alle Gebäude an der Wasserfront einstürzen lassen – bis auf Henrys Café. Und so eröffnet sich dem Besucher der Location seit Neuestem ein phantastischer Blick über den Mündungstrichter des Río Chone und über den Pazifik – sicher ein Grund mehr, Henry einen Besuch abzustatten und im Genuss der göttlichen French Toasts zu schwelgen, die der allzeit entspannt wirkende Chef mit eigener Hand zubereitet.

Wie man hört, haben sich die Geschäfte spürbar belebt, und zu wünschen wäre es Henry, denn schließlich hält man eine Durststrecke, wie sie die Stadt nach der Katastrophe erlebte, nicht ewig durch. Sicher wird man nun wieder das eine oder andere Craftbeer ausschenken (ich liebe false friends: Kraftbier) und vielleicht wird das eine oder andere davon auch einmal über den Durst getrunken werden (oder schlecht gewesen sein, zumindest das letzte). Ich hoffe, die lustigen Hörnerhelme stehen noch immer auf dem Tresen, damit man sich im Falle eines Schamversagens auch einmal so richtig lustig danebenbenehmen kann.

Dany´s Gym, das coolste Fitnessstudio in ganz Bahía (und in Ecuador und überhaupt), hat seine Pforten nach wie vor geöffnet. Der leistungswillige Eisenjünger und die rekordaffine Extrem-Athletin sind jederzeit willkommen, aber genauso alle anderen, auch wenn sie nicht den Wunsch verspüren, in jedem Training über sich hinauszuwachsen, sondern einfach nur gut trainieren möchten. Und gut trainieren, das kann man in Dany´s Gym in der Tat (und manchmal auch über sich hinauswachsen).

Der Besitzer hat übrigens bei mir anfragen lassen, ob ich 110-Pfund-Hanteln hätte (das sind ca. 50 kg). Er wolle sie für sein privates Training kaufen. Meine eigenen lassen sich aber lediglich mit läppischen 35 kg beladen und so kam das Geschäft nicht zustande. Was man mit 50-Kilo-Kurzhanteln anstellen kann? Bankdrücken fiele mir ein, fünfzig Kilo auf jeder Seite, aber sonst? Ich könnte damit freilich noch Curls machen, einarmig, versteht sich, aber nur, wenn ich gut aufgewärmt bin …

Ich beneide meine Frau nicht oft, denn alle offensichtlichen Vorzüge, die sie im Vergleich zu mir hat, und alle lobenswerten Eigenschaften, die sie besitzt und die mir dagegen vollkommen abgehen, werden mehr als aufgewogen durch den Umstand, dass sie Lehrerin ist. Das wiegt schwer. Doch um eines beneide ich sie ganz sicher, nämlich darum, dass sie nun in Bahía ist, wo ich doch im Berliner Sommer (Kann es einen größeren Euphemismus geben?) ausharren und darauf hoffen muss, dass wir wenigstens einen goldenen Herbst bekommen. Ich höre mich schon an wie mein eigener Opa!

Ich gönne ihr die Zeit in ihrem Refugium der Ruhe und des Friedens und ich wünschte, ich könnte bei ihr sein. Oceano pacífico bedeutet wörtlich „Friedlicher Ozean“ und friedlich geht es in Bahía fürwahr zu. Ich wünsche ihr, dass sie genug Kraft schöpft für ein ganzes langes Schuljahr. Ich wünsche ihr außerdem, dass sie die letzte Etappe ihrer Reise, gewissermaßen den Gipfelsturm ihrer Tour um die halbe Welt unbeschadet übersteht: den Shopping-Marathon in Miami. Merkwürdig, aber der verregnete Berliner Sommer will mir mit einem Mal viel angenehmer erscheinen. Ich weiß auch schon, mit welchem Satz sie in die Tür fallen wird: Ich bin vollkommen erschöpft.

[Anmerkung: Alle Bilder in diesem Post wurden im August 2017 aufgenommen. Auf manchen liegt ein weicher Schmelz, als wäre die Aufnahme durch einen Filter gemacht worden. Wahrscheinlich war aber die Linse bloß mit Sonnencreme verschmiert.]

Das grüne Herz des Paradieses

Unsere Tour durch die Mangrove begann am Hafen von Puertobelo. Wir waren die einzigen, die zu dieser Stunde beabsichtigen, zur Insel überzusetzen. Man erzählte uns später, dass der Tourismus seit dem Erbeben praktisch zum Erliegen gekommen ist. Wir bestiegen ein kleines Touristenboot und mit Motorkraft ging es über die breite Wasserstraße zwischen Festland und Insel. Salzige Seeluft wehte uns ins Gesicht. Der Atem des Meeres hatte sich bereits mit den Noten des Magrovensumpfes gemischt und die drückende Hitze trieb einen fauligen Geruch auf.

Die Isla Corazón ist eigentlich keine Insel im herkömmlichen Sinne, denn bei Flut ist sie vollständig mit Wasser bedeckt. Der braune Strom des Río Chone mischt sich an dieser Stelle mit dem Ozean und die Mangrove, welche die Insel als dichter Wald bedeckt, gedeiht prächtig in dieser Brackwasserzone, die weder ganz Fluss noch ganz Meer ist. Bei Hochwasser ragt allein das dichte Mangrovengestrüpp über den Meeresspiegel, und selbst bei Ebbe müsste ein Besucher des Eilandes durch zähen Schlick waten. Man hatte einen Pfad auf Pfählen angelegt, so dass Touristen die Insel trockenen Fußes besichtigen konnten. Das letzte Erdbeben hat ihn zum Einsturz gebracht und der Magrovensumpf hat ihn verschluckt.

Bei Ebbe saugt der Ozean die Wassermassen aus der Flussmündung und die Segelyachten, die mitten im Fluss ankern, richten ihren Bug nach der Gezeitenströmung aus. Dann sieht man plötzlich Sandbänke auftauchen, auf denen Vogelschwärme ein Festmahl an Krabben und Würmern vorfinden. An manchen Stellen wird das Meer so flach, dass das Wasser als glatter Spiegel über dem Grund liegt, während darum herum Wellen die Oberfläche kräuseln. Überall erzeugt der Sog des Meeres Strudel.

An den Inseln gibt die Ebbe Strände frei, die bei Hochwasser nur ein Tummelplatz für Fische sind. Die Strände legen sich wie eine cremefarbene Bordüre um die grünen Eilande und in dem feinen Sand finden einzelne Sonnenanbeter ihr Paradies. Manchmal sieht man Schiffe ankern und eine illustre Gesellschaft aus Skippern und Gezeitentouristen nimmt dann den Strand bis zur nächsten Flut in Besitz.

Nachdem die Motorschaluppe, die uns über den Sund beförderte, das grüne Ufer der Insel erreicht hatte, stiegen wir in ein Kanu um. Die Flut hatte die Insel überschwemmt und allein das dichte Mangrovengestrüpp schaute noch aus den bräunlichen Wassermassen hervor. Bei Ebbe wäre eine solche Tour nicht möglich, denn der tiefe Schlamm würde ein Fortkommen unmöglich machen. Wir saßen hintereinander im Boot wie die Teilnehmer einer gefährlichen Urwaldexpedition – in jeder Doku über den Amazonas kann man so etwas sehen. Unser Guide nahm den Platz am Heck ein und dann paddelte er seine neugierige Fracht durch das Dickicht.

Die Insel wird von einem natürlichen Kanal durchzogen. An einigen Stellen war die Wasserstraße so schmal, dass wir die Luftwurzeln der Mangroven zu beiden Seiten berühren konnten, während sich das Blätterdach wie ein grünes Gewölbe über uns schloss. Die Gezeiten drückten das milchig-trübe Wasser mit solcher Kraft durch den Mangrovenwald, dass man überall Wirbelschleppen sehen konnte. Blätter und paddelnde Insekten trieben an uns vorbei. Der Geruch von Fäulnis lag in der Luft wie der Odor der stymphalischen Sümpfe. Im Wald stand die Luft förmlich, nicht die geringste Brise war zu spüren und die Hitze trieb einem den Schweiß aus den Poren. Zumindest schützte das dichte Kronendach vor der heißen Sonne.

Einige Male lief das Kanu auf Baumstämme auf, die versteckt unter der Wasseroberfläche lagen. Unser Guide sprang in die schlammige Brühe, die ihm bis zur Brust reichte, und schob das Boot weiter. Da ich ihn so unbekümmert durch das Wasser rudern sah, fragte ich ihn später, ob es hier Haie gäbe. Er meinte, bis zum Jahr 1998, als El Niño die Küste traf, hätte man in den Mangrovensümpfen und im Meer vor der Küste eine reiche Tierwelt vorgefunden. Es hätte in der Tat viele Arten Haie, dazu Kaimane, Krokodile und sogar Mantarochen gegeben. Heute könne man immer noch Fregattvögel beobachten, Pelikane und Ibisse, die jedoch eine invasive Art auf dem amerikanischen Kontinent darstellten. Die meisten Spezies seien aber verschwunden und ausnahmsweise trug einmal nicht die andere invasive Art, der Mensch, die Schuld daran.

Der Mangrovensumpf mit seinem Gezirpe und Geraschel, mit all den versteckten Bewegungen, die man nur aus dem Augenwinkel gewahrt und wenn man hinsieht, kann man nichts entdecken, das trübe Wasser, bei dem allein ein Kräuseln an der Oberfläche verrät, dass sich etwas Lebendiges darunter verbirgt, gemahnten mich an die dampfende Dschungelwelt von Dagobah und hätte man eine Realverfilmung gewünscht, hätte dieser Mangrovensumpf als perfekter Drehort dienen können.

An manchen Bäumen waren kleine Leinensäcke angebunden. Unser Guide öffnete eines der Behältnisse und zeigte uns den Inhalt: Krabben. Die Menschen nutzen die Mangrove genau wie vor Tausenden von Jahren heute immer noch zur Nahrungssuche. Unterwegs begegneten uns zwei Jungs von dreizehn oder vierzehn Jahren. Sie zogen im Kanal entlang, das Wasser reichte ihnen bis zur Brust. Wir fragten, was sie dort täten, und sie meinten, sie noodlen.

Beim Noodlen handelt es sich um eine spezielle Fischfangtechnik. Ich weiß nicht, ob die spanische Sprache dafür ein Wort hat, aber mit „to noodle“ bezeichnet man in Texas den Versuch, einen Wels oder Catfish, wie sie dort heißen, mit der bloßen Hand zu fangen: Man tastet im trüben Wasser nach Höhlen und hat man eine gefunden und versteckt sich zufällig ein Fisch darin – Welse lauern gern in Höhlen –, steckt man ihm die Hand ins Maul. Wenn der Fisch nun zuschnappt, weil er glaubt, dass sich Beute in die Falle verirrt habe, greift man in die Kiemen und zieht ihn mit einem beherzten Ruck an die Oberfläche. Welse haben nur winzige Zähne, die einen nicht wirklich verletzen können – keine Gefahr also. Wir wünschten den Jungs viel Glück bei der Jagd und sie zogen weiter durch das undurchdringliche Dickicht Dagobahs.

Wir verließen die Mangalares, die Mangroven, auf der anderen Seite der Insel. Der Urwald öffnete sich plötzlich und wir glitten hinaus aufs offene Wasser. Eine frische Meeresbrise kühlte den Schweiß und man hatte den Eindruck, das Atmen fiele einem plötzlich Mal viel leichter. Vor uns lag die weite Mündung des Río Chone. Nachdem wir vom Kanu wieder in ein Motorboot umgestiegen waren, ging die Fahrt an der Südseite der Insel entlang zu den Kolonien der Fregattvögel und Pelikane.

Schon von weitem hörten wir das Gekreisch der agilen Fregattvögel, die sich in artistischen Flugmanövern gegenseitig Nistmaterial und Futter abjagten. Eine schwarze Wolke aus Vögeln kreiste ununterbrochen über den Wipfeln des Mangrovenwaldes. Wie Schatten zogen die kohlschwarzen Silhouetten mit den schlanken Flügeln und den gegabelten Schwänzen über den Himmel. Es herrschte ständiges aufgeregtes Gekreisch und immer war Bewegung in der Luft.

Überall leuchteten uns rote Farbtupfer aus dem Geäst entgegen. Der Farbton erinnerte verblüffend an Mohnblumen, aber hier handelte es sich um die Kehlsäcke der Männchen. Voller Eifer waren sie damit beschäftigt, Partnerinnen zu werben. Der bis zum Bersten aufgepumpte Hautsack hing ihnen vor der Brust wie der Blasebalg eines Dudelsacks. Das schrille Konzert hallte in ohrenbetäubender Lautstärke über das Wasser, aber ich weiß nicht, ob es Triumphschreie waren oder Schreie der Enttäuschung.

Die Plätze in den oberen Stockwerken der Baumkronen waren ausschließlich für die Brutplätze der Fregattvögel reserviert. Etwas tiefer saßen mit stolzer Würde die Pelikane und darunter, dicht am Wasser, die Kormorane. Durch das laute Gekreisch hindurch erklärte unser Guide, dass ein Kormoran ein halbes Kilo Fisch am Tag verspeisen könne und Pelikane könnten Fische bis zu einer Größe von einem halben Kilo schlucken. Im Wasser lagen zahlreiche Kadaver junger Fregattvögel. Die Tierleichen hatten sich zwischen den Luftwurzeln der Mangroven verfangen – Nahrung für die Fische. Einige sahen aus wie abgestürzte Segelflugzeuge.

Unser Guide ließ das Boot eine Weile in den Wellen schaukeln und gab uns Gelegenheit zu fotografieren. Dann drehten wir bei. Auf der Rückfahrt nahmen wir den längeren Kurs um die Insel. Das Geschrei der Vögel verstummte bald in der Ferne, wir aber hielten uns dicht an der Insel und folgten der Strömung des Río Chone.

Im Hafen von Puertobelo konnten wir uns mit eigenen Augen von den Auswirkungen einer anderen Naturgewalt überzeugen, welche die Gegend nach El Niño verheert hatte. Im April 2016 hatte ein starkes Erdbeben die Küstenregion heimgesucht. Obgleich das Epizentrum sich viel weiter im Norden befunden hatte, verursachten die Erdstöße in Bahía beträchtliche Schäden.

Schon bei unserer Ankunft am Hafen hatte ich mich gewundert, dass mitten in der Flussmündung Bäume standen. Man erklärte uns, die Erdbewegungen seinen derart heftig gewesen, dass riesige Erdschollen mitsamt dem Wald, der darauf wuchs, die Hänge hinunterrutschten. Erst im Wasser, einen Steinwurf vom Ufer entfernt, kamen sie zum Stehen. Ein Gutes hätte die Katastrophe allerdings: Die Äste der mittlerweile abgestorbenen Bäume bieten den Jungfischen gute Verstecke und auch Nahrung und so könnte man seit Kurzem in der Flussmündung einen nicht mehr erwarteten Fischreichtum feststellen.

Am Tage des Erdbebens lag eine kleine Flotte von Ausflugsschiffen im Hafen von Puertobelo vor Anker. Für den nächsten Tag hatte sich ein Minister zum Besuch angekündigt und wie in einem solchen Fall üblich, war man eifrig bemüht, einen würdevolleren Rahmen zu schaffen. Bei dem Schiff, das die honorigen Gäste durch die Flussmündung navigieren sollte, handelte es sich deshalb auch nicht um eine Schaluppe, wie sie uns zur Insel übergesetzt hatte, sondern um eine stattliche Yacht. Dann kam das Beben. Das Schiff fand sich am Grund des Flusses wieder, wo es sich mehrere Meter in den Schlick gebohrt hatte.

Unser Guide erzählte, die Geologen vermuten, es habe einen Mini-Tsunami gegeben. Das Erdbeben fand in der Nacht statt und niemand hat etwas beobachtet, aber die Erdrutsche, die ganze Wälder in den Fluss trugen, und versenkte Schiffe sprechen dafür, dass eine Flutwelle den Mündungstrichter des Río Chone getroffen hat. Mittlerweile wollen die Wissenschaftler sogar eine Verwerfung entdeckt haben, die sich der Länge nach durch die gesamte Flussmündung zieht. Es steht zu befürchten, dass es auch in Zukunft immer wieder heftige Erdstöße geben wird.

Wir waren am Ende unserer Tour, doch wir wollten von unserem Guide noch wissen, ob er eigentlich aus der Gegend stamme. Gutgelaunt entgegnete er, er sei hier sogar geboren und er habe immer hier gelebt. Nach El Niño hätte sich das Schicksal Puertobelos erst in den letzten Jahren wieder zum Besseren gewendet, und zwar dank der Touristen. Doch seit dem Erdbeben komme niemand mehr – wir waren an diesem Tag die einzigen, die hierher gefunden hatten.

Die Leute wollen dennoch nicht wegziehen und ich kann sie gut verstehen, denn trotz aller Härten und trotz der offensichtlichen Armut erscheint dieser Ort auf den ersten Blick wie das Paradies (und vielleicht auch auf den zweiten). Lichtjahre entfernt vom hektischen Getriebe einer vereinten Welt ruhen die Menschen noch in sich selbst. Fast könnte man im Anklang an alte utopistische Ideen behaupten, sie lebten im Einklang mit der Natur. Wer freilich eine gute Ausbildung hat, träumt von einem besseren Leben, und es sind nicht wenige, die das Land jedes Jahr Richtung Amerika oder Europa verlassen. Und dennoch, nicht alle wollen gehen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass man ein solches Paradies leicht aufgibt.

Nach den Mühen kommt die Belohnung: In San Vicente (das ist die Stadt auf der Festlandseite der Bucht) gibt es eine Bäckerei namens „El Toñito“. Wir fuhren ziellos durch die Stadt und fragten Leute auf der Straße, wo man um diese Zeit – die Abenddämmerung hatte bereits eingesetzt – etwas Leckeres essen könnte. Alle meinten das „El Toñito“ sei der Ort, nach dem wir suchten. Nachdem wir mehrmals um den Block gefahren waren – ein Kunststück, das man erst einmal fertigbringen muss in einer so übersichtlichen Stadt –, fanden wir den Laden dann schließlich doch.

Der Gästeraum war überfüllt und an der Theke musste man regelrecht drängeln, um sich Gehör zu verschaffen. In den Auslagen begegnete mir eine Spezialität der Gegend, ein letzter kulinarischer Gruß der Mangalares: Es gab Empanadas de pescado y de cangrejo, also Teigtaschen mit Fisch- und mit Krebsfleisch-Füllung. Wir aber orderten Berge von Kuchen, um die enormen Energiemengen zu ersetzen, die man beim Stillsitzen in einem Kanu verbraucht – Völlerei ist in diesem Zusammenhang ein viel zu milder Ausdruck. Die Halbwüchsigen wurden mit Pizza ruhiggestellt; eine eisgekühlte Cuvée der erlesensten Jahrgänge Champagne américain dünkte sie die passende Begleitung.

Ich fühlte mich gut, doch es waren nicht die toxischen Mengen Zucker, die mich in Hochstimmung versetzten. Die Eindrücke der letzten Stunden gingen mir durch den Kopf. Ich dachte an unsere Fahrt durch den Mangrovenwald und ich dachte an die Menschen, die in diesem Paradies leben. Wie schön das alles ist und wie gesegnet man sein muss, dies jeden Tag sehen zu dürfen. Ich kann gut verstehen, warum niemand von hier fortgehen will. Niemals.

Der Hafen am Ende der Welt

Heute muss man sich nicht mehr ein Fischerboot am Strand von Bahía suchen, wenn man zur Isla Corazón übersetzen möchte. Man überquert die Brücke, welche die Mündung des Río Chone in gerader Linie überspannt, und wenn man die Festlandseite erreicht hat, folgt man der Straße nach Süden. Schon nach wenigen Kilometern gelangt man zu einem Flecken namens Puertobelo.

Der poetische Name gibt Anlass zu den schönsten Hoffnungen, aber um in diesem Ort mehr zu sehen als bloß eine Ansammlung von Hütten, bedarf es schon einer überschäumenden Phantasie. Mir drängte sich der Eindruck auf, Puertobelo sei der letzte Hafen vor dem Ende der Welt. Der Fortschritt scheint an diesem Ort vorbeigegangen zu sein und auch die Brücke, über die das Leben und neue Ideen zur Halbinsel fließen, hat ihn nicht beflügeln können. Puertobelo ist ein von der Zeit vergessenes Dorf am Pazifik, wie es viele in Ecuador geben mag.

Doch der erste Eindruck täuscht und wer die Leute nicht fragt, dem bleibt das Geheimnis verborgen: Bis 1998 war Puertobelo ein wichtiger Ausfuhrhafen für landwirtschaftliche Produkte der Region. Schiffe machten an den Kais in Sichtweite der Mangroveninsel fest. Die Fracht wurde entlang der Küste bis nach Manta verschifft. Als wir den Hafen besuchten, lag aber nicht ein einziges Schiff vor Anker. Die Wasserstraße zwischen Hafen und Insel wirkte wie ausgestorben. Man sah keine Fischer, keine Boote, nicht einmal Touristen. Die weite, leere Wasserfläche glänzte magisch in der grellen tropischen Sonne. Auf der anderen Seite lag zum Greifen nahe die Isla Corazón, still und unberührt wie ein wildes Eden.

Bis 1998 war Puertobelo auf den Karten der Küstenschifffahrt als wichtiger Hafen vermerkt, doch dann kam El Niño und unaufhörliche sintflutartige Regenfälle suchten die Küstenregion heim. Die Wassermassen spülten Unmengen an Sedimenten in die Flussmündung. Lag die Wassertiefe im Hafen vor 1998 bei durchschnittlich 25 Metern, so sind es jetzt gerade einmal fünf bis sieben Meter. Für Schiffe, wie sie für den Transport auf dem Meer nötig wären, reicht die Wassertiefe mittlerweile nicht mehr aus. Die Transportrouten haben sich verlagert und Puertobelo gerät immer mehr in Vergessenheit.

Insel im Strom

Die Isla Corazón ist ein über und über mit Magroven bewachsenes sumpfiges Eiland in der Mündung des Río Chone. Der Mündungstrichter des Flusses schneidet durch die Küstenebene und trennt eine gebirgige Halbinsel vom Festland. Die Landzunge ragt wie ein Sporn in den glitzernden Spiegel des Pazifiks und in dem Maße, wie sie sich verjüngt, gewinnt der Strom an Breite. Am äußersten Ende der Halbinsel, gleich einem glitzernden Juwel an der Spitze eines Szepters, liegt Bahía.

Seit einigen Jahren überspannt eine mehrere Kilometer lange Brücke die Mündung des Río Chone und verbindet die Stadt direkt mit dem Festland auf der anderen Seite des Flusses. Wenn man von der Stadt aus dem Chone stromaufwärts folgt und an der Brücke vorbeifährt, gelangt man schon nach wenigen Kilometern zu einer Insel, die wie ein flacher Diskus im Mündungstrichter des Flusses zu treiben scheint. Ihren Namen Isla Corazón, Herzinsel, verdankt sie ihrer Form, doch nur, wenn man auf die Berge hinauffährt, welche die Halbinsel wie ein Rückgrat durchziehen, kann man es tatsächlich sehen: ein grünes Herz, von den braunen Fluten des Río Chone umspült.

Doch das Bild der Naturidylle täuscht, denn die Küste war wie nur wenige Regionen des Landes in den letzten Jahren starken Eingriffen des Menschen ausgesetzt: Die Shrimpzucht mit ihrem unstillbaren Hunger nach Land – man brauchte das Land, um darauf Becken für die Aufzucht der Krebstiere anzulegen – sorgte seit den achtziger Jahren zuverlässig dafür, dass die Magrove allmählich verschwand. Heute findet man sie nur noch in einigen geschützten Naturreservaten – und auf der Isla Corazón.

Zum ersten Mal habe ich Ecuador im Jahre 1992 bereist. Damals erlebte das Land die Hochzeit der Shrimpindustrie – weite Landstriche an der Küste waren von Shrimpfarmern in Beschlag genommen worden. Es herrschte eine Art Goldgräberstimmung: Jeder, der auch nur ein wenig Kapital aufzubringen vermochte, versuchte sich in der Shrimpzucht. Die Methoden, die man damals anwandte, wären wohl schwerlich mit heutigen Umweltschutzbestimmungen vereinbar gewesen; oftmals errichtete man die Farmen sogar illegal. Die Mangrove aber verschwand nach und nach, obwohl sie doch einst fast überall an der ecuadorianischen Küste zu finden war. Unersetzbare Naturreichtümer wurden der Profitgier geopfert, einzigartige Biotope vernichtet.

Damals, 1992, unternahmen wir eine Bootstour zur Insel. So etwas wie Tourismus war in jener Zeit praktisch nicht existent und bei den wenigen Reisenden, die es ins Land verschlug, handelte es sich ausnahmslos um den Typus des Freizeit-Abenteurers. Diese Leute schreckten auch vor Gefahren nicht zurück und der Gefahren waren viele. Man hatte es mit hartgesottenen Typen vom Schlage eines Bear Grylls zu tun – man hätte sie ohne schlechtes Gewissen in einem krokodilverseuchten Sumpf aussetzen können und hätte allenfalls um das Schicksal der Krokodile fürchten müssen. Die Bootstour zur Insel war von einem Freund organisiert, der auf einer Shrimpfarm arbeitete. Bootsfahrten für Touristen gab es damals nämlich nicht, ebenso wenig wie Touristen.

Seit jener Zeit hat sich viel verändert. Zwar wird auch heute noch Shrimpzucht betrieben, aber viele Farmen haben mittlerweile auf ökologische Erzeugung umgestellt – es werden wenig oder gar keine Antibiotika eingesetzt und man verwendet zunehmend Futter aus umweltgerechter Herstellung. Die Erträge sind nun zwar deutlich zurückgegangen, aber merkwürdigerweise sind die Shrimps viel größer und sie erzielen auch höhere Preise. Zugute kommt diese Entwicklung auch der geschundenen Küstenlandschaft, doch darf man bezweifeln, dass es auf absehbare Zeit gelingen wird, die mit Antibiotika und Exkrementen verseuchten Böden zu renaturieren.

Der Tourismus hat seit damals einen gewaltigen Aufschwung genommen und viele kommen hierher, um sich auf der Isla Corazón von den Wundern der Natur und ihrer Schönheit bezaubern zu lassen. Seit vielen Jahren ist die Insel ein beliebtes Ausflugsziel für Naturinteressierte. Mit den zahlreichen Touristen beginnen auch die Einheimischen den Wert ihres Landes zu erkennen.

Stadtrundfahrt mit Tía Tocha

An unserem letzten Abend in Bahía de Caráquez wollen wir das „Sorbetito“ besuchen. Ein Sorbete ist eigentlich ein Shake, ganz gleich, ob man ihn mit oder ohne Milch mixt, und „Sorbetito“ ist die Verkleinerungsform davon, ein kleiner Shake gewissermaßen. Es würde überraschen, wenn ein Lokal, das so heißt, für etwas anderes berühmt wäre als für seine Milchmixgetränke. Wir hatten schon viel Gutes über das „Sorbetito“ berichten hören und an diesem Abend wollen auch wir uns endlich einmal selbst davon überzeugen, dass das Lob gerechtfertigt ist.

Das „Sorbetito“ befindet sich nicht in Bahía, sondern in San Vicente (das ist die Stadt auf der anderen Seite der Bucht). Obwohl man einräumen muss, dass San Vicente sich in den letzten Jahren von einem unansehnlichen Flecken, den der Reisende in der Regel so schnell wie möglich zu verlassen wünscht, zu einer schöneren Stadt herausgeputzt hat, ist Bahía die bei weitem attraktivere der beiden Geschwister an der Mündung des Río Chone. Bahía ist recht klein, aber dennoch versprüht es städtisches Flair und es besitzt einen gewissen Charme, dem der Besucher nur zu gern erliegen möchte.

Doch wenn es um das gastronomische Angebot geht, hat San Vicente einiges zu bieten. Die Baheños selbst fahren nur zu gern in die Nachbargemeinde, in deren Restaurants man so gut und vor allem so preiswert essen kann. Seit eine Brücke das Delta des Río Chone überspannt und die beiden Städte über die Bucht hinweg wie eine Nabelschnur verbindet, ist das auch leicht möglich: Eine Fahrt mit dem Auto zur anderen Seite dauert gerade ein paar Minuten.

Im geschwätzigen Bahía spricht sich schnell herum, dass wir den Abend mit einem Besuch im „Sorbetito“ einzuläuten gedenken (später zeigt sich, dass das Einläuten eher ein Ausklingen ist, denn für den Rest des Abends sollte uns der Fernseher mit seiner Magie der bunten Bilder in Bann schlagen). Die Großtanten meiner Frau sind schon sehr alt und sie verlassen nicht mehr so oft das Haus wie früher. Ihr größtes Vergnügen besteht darin, abends vor der Tür zu sitzen und ein Schwätzchen zu halten. Wer zufällig vorbeikommt, gesellt sich einen Augenblick lang zu ihnen und so erfahren sie immer, was es Neues in der Stadt gibt. Wahrscheinlich ist ihnen durch einen Besucher zu Ohren gekommen, dass wir ausgehen wollen.

Es sind ihrer drei: Tía Tocha, Tía Vicenta und Tía Juanita. Tía Juanita war von allen dreien stets die Unternehmungslustigste und sie reist auch jetzt noch gern, da sie auf die Neunzig zugeht, und sie schreckt auch vor langen beschwerlichen Busfahrten nicht zurück, sofern ihr nur jemand Gesellschaft dabei leistet.

Tía Vicenta fällt das Gehen mittlerweile so schwer, dass sie die meiste Zeit im Haus verbringt. Sie war früher Krankenschwester und ich erinnere mich, dass sie mir anlässlich unserer ersten Reise nach Ecuador im Jahre 1992 fachmännisch eine Spritze in den Allerwertesten verabreichte (so etwas vergisst man nie!). Ich litt damals an diversen Tropenkrankheiten – nicht an allen auf einmal, sondern immer hübsch nacheinander – und ich musste mich deshalb gleich mehrmals in ärztliche Behandlung begeben. Tía Vicenta übernahm dann die „Detailarbeit“. Ich kann mich rühmen, sie alle gehabt zu haben, darunter solch erlesene Menschheitsplagen wie Dengue und eine recht milde Form von Typhus. Der Arzt jedenfalls versicherte, sie sei milde, was den Typhus aber nicht davon abhielt, mich zwei Tage lang ununterbrochen auf dem Lokus festzuhalten.

Die dritte schließlich, Tía Tocha, ist stolze Bahieña und sie hat daher wenig Veranlassung, die Stadt zu verlassen, in der zudem ihre ganze Familie lebt. Wie die anderen beiden Tanten ist sie mittlerweile fast Neunzig. Die Beine bereiten ihr zunehmend Probleme und weite Strecken kann sie nicht mehr zu Fuß zurücklegen. So kommt sie nur selten in der Stadt herum und alles, was sie erfährt, erfährt sie von Leuten, die sie vor der Haustür trifft oder die sie besuchen kommen.

Als Tía Tocha davon hört, dass wir das „Sorbetito“ besuchen möchten, will sie auch mit. Sie kommt so selten unter Leute und ergreift deshalb nur zu gern jede sich bietende Gelegenheit, das Haus zu verlassen. Es ist für uns selbstverständlich, dass wir die Tía mitnehmen, und im Auto reservieren wir für sie den Beifahrersitz. Ein paar Cousins und Cousinen meines Sohnes fahren ebenfalls mit, aber die Kinder brauchen nicht viel Platz oder werden, wie hierzulande üblich, gleich Gepäckstücken unter der Heckklappe verstaut.

Die Sonne schickt sich gerade an, im Ozean zu versinken, als wir vor dem Restaurant vorfahren. Ich parke den Wagen direkt vor dem Eingang und helfe der Tía aus dem Sitz. Das „Sorbetito“ ist im Grunde nur ein kleines Eckgrundstück, das von einem Zaun umgrenzt wird. Im vorderen Teil, der zur Straße weist, befindet sich eine Art Pavillon mit einer Bar darin, auf deren Tresen man drei oder vier elektrische Mixer sieht. Auf dem Grundstück stehen mehrere Bankreihen, die nach Art der Sitzgelegenheiten an Autobahnrastplätzen überdacht sind. Die Gäste nehmen auf Sitzmöbeln Platz, die an Campinggestühl erinnern.

Neben Sorbetes, also Shakes, serviert das „Sorbetito“ noch eine Auswahl an Sandwiches und Hotdogs. Mein Sohn und sein Cousin bestellen die ausgezeichneten Hotdogs und die Tía Tocha gelüstet es nach einem Sandwich, das sie dann so genussvoll verspeist, als hätte sie dieses Vergnügen seit langer Zeit entbehren müssen. Dazu trinkt sie ganz stilecht eine Cola. Der Arzt hat ihr süße Softdrinks strengstens verboten, aber Tía Tocha liebt nun einmal die klebrige Limonade und sie kann der Versuchung einfach nicht widerstehen.

Ich halte mich derweil an die Shakes. Die Shakes sind geeist und erinnern in ihrer festen cremigen Konsistenz an die Milchshakes bei McDonalds. Um den vielen Bestellungen nachzukommen, arbeiten die Leute hinter den Mixern im Akkord. Nicht weit von uns entfernt nehmen ein älterer Herr mit schlohweißem Haar und Schnurrbart und seine Frau Platz. Der agile Kellner begrüßt den Besucher mit „Herr Richter“, doch der honorige Gast bestellt ganz schlicht ein Sandwich, das er mit einem Shake herunterspült. Seine Frau isst nichts. Sie sitzt nur steif auf ihrem Stuhl und schaut etwas pikiert dabei zu, wie der Richter sein Sandwich genießt.

Ich bestelle einen Schoko-Shake, denn leider erliege ich den Einflüsterungen meines Sohnes. Der Sorbete de chocolate ist nicht schlecht, wirklich nicht, doch nachdem ich den Mora-Shake probiert habe, bereue ich fast, dass ich so ein Schokoladen-Freak bin und reflexartig alles esse oder trinke, was nur irgendwie nach Schokolade aussieht oder riecht.

Mora ist die Maulbeere. Die Mora ist in Ecuador so weit verbreitet wie Erdbeeren zur Sommerzeit in Deutschland. Man kann die fast schwarzen Beeren praktisch überall kaufen. Verarbeitet werden sie zu Eis oder Saft und Mora-Geschmack ist hier so gewöhnlich wie Erdbeere in Deutschland. Aber ihre wahre Bestimmung hat die Mora in den Shakes des „Sorbetito“ gefunden. Diese Shakes sind einfach nur göttlich. Der Becher kostet gerade einen Dollar und ich trinke an diesem Abend drei. Danach zittere ich zwar vor Kälte, als hätte ich Schüttelfrost, aber mein Bauch ist gefüllt mit cremiger Glückseligkeit in Mora-Geschmack.

Die Tía Tocha möchte sich noch ein wenig in San Vicente umsehen. Sie war seit Jahren nicht mehr dort und da man die Stadt in der letzten Zeit großzügig verschönert hat, gibt es viel Neues zu sehen. Wir rollen langsam auf den nächtlichen Straßen San Vicentes dahin. Die Gegend an der Seeseite ist dicht bevölkert – die Menschen genießen die milde tropische Nacht und den Blick auf das auf der anderen Seite der Bucht gelegene Bahía.

Wir fahren weiter zu einem Aussichtspunkt wenige hundert Meter außerhalb der Stadt, doch zu dieser späten Stunde ist der Ort verwaist wie die Oberfläche des Mondes. Nicht ein einziger Besucher hat sich an diesen Platz über dem Meer verirrt, dabei treibt es die Leute am Tage in Scharen hierher. Es ist so dunkel wie es in einer mondlosen Nacht nur sein kann. Wir werfen einen sehnsuchtsvollen Blick auf die Lichter-Silhouette Bahías, die jenseits der Bucht in der Dunkelheit schwimmt. Dann fahren wir zurück.

Comida manabita

Das „Pelícano“ ist ein einfaches Strandrestaurant mit einer großartigen Küche. Es befindet sich nur einen Katzensprung außerhalb von San Vicente. Wir kehren um die Mittagszeit ein, aber das Lokal ist leer wie eine Cocktailbar am Morgen. Wir glauben schon, man habe geschlossen, als plötzlich die junge Bedienung auftaucht und etwas schüchtern die Bestellung entgegennimmt. Meine Frau, die Salat solchen stärkehaltigen Magenfüllern wie Kochbanane vorzieht, äußert ihren Sonderwunsch und die junge Frau vom Restaurant meint, sie werde fragen, ob ihre Großmutter es einrichten könne. Das Lokal ist also in Familienhand – wir nehmen es als ein gutes Zeichen.

Während wir auf das Essen warten, haben wir Zeit, uns ein wenig umzusehen. Durch das Souterrain unter dem Gastraum gelangt man zu einem Ausgang auf der Strandseite. Nachdem wir Berge von Treibgut überstiegen haben, vertreten wir uns die Beine am Wasser. Zwar kommen wir gerade vom Strand und die Sonne hat uns ordentlich zugesetzt, aber als geborene Landratten und als Bewohner eines kalten Landes kann man nie genug davon kriegen. Vom Restaurant aus blickt man auf das weite Mündungsdelta des Río Chone und am anderen Ufer sieht man Bahía geisterhaft im Dunst des Meeres liegen. Es scheint fast, die Stadt schwimme auf dem Wasser. Schneller als wir es erwartet hatten, ist das Essen fertig, und der Junge aus dem Restaurant ruft uns zurück.

Serviert wird Comida manabita, also Essen, wie es für die Küstenprovinz Manabí typisch ist: Unsere gute Freundin, die mit uns reist, hatte sich Corvina al ajillo bestellt, meine Frau nimmt einen Ceviche de camarón und mich erwartet die Corvina a la plancha. Ceviche ist eine lateinamerikanische Erfindung. Wenn man ganz streng sein will, darf man das Fleisch der Meeresfrüchte nur in Zitronensaft ziehen lassen, denn das ist das Besondere am Ceviche: Die Meeresfrüchte werden nicht gekocht, sondern ausschließlich in Zitronensaft „gegart“. Ich glaube aber, in der Gegend um Bahía ist es üblich, die Camarones, die Shrimps, vorher zu kochen. Dagegen ist im Prinzip nichts einzuwenden und nur haarspalterische Puristen würden darüber die Nase rümpfen. Serviert werden die Krustentiere in einer würzigen Tomatensoße mit Chilis, rohen Zwiebeln und gehacktem Korianderkraut. Dazu gibt es Patacones. Das sind frittierte Kochbananenscheiben, die man anschließend zusammendrückt, so dass sie aussehen wie zerquetschte Doughnuts.

Die Corvina ist ein wohlschmeckender Speisefisch, der an der gesamten Pazifikküste Südamerikas vorkommt. Im Pons Online-Wörterbuch wird Corvina wahlweise mit Adlerfisch, Seebarsch oder Meerbarbe übersetzt; der Langenscheidt weist sie schlicht als Adlerfisch aus. Die Gattungsbezeichnung lautet Cilus gilberti, aber das wird den hungrigen Restaurantbesucher in der Regel wohl kaum interessieren, es sei denn, er hätte eine „ichthyophile“ Marotte oder wäre ein Hobby-Fischkundler. Das Fleisch ist weiß und fest und man findet nur wenige oder gar keine Gräten darin. Der Geschmack erinnert mich ein wenig an Seelachs.

Eigentlich esse ich nie frischen Fisch. Nur wenn ich in Ecuador bin, mache ich eine Ausnahme, und hier auch nur dann, wenn ich mich an der Küste aufhalte. Ich meine, wenn man den Ozean nicht sehen, hören und riechen kann, schmeckt der Fisch nur halb so gut. In Berlin begnüge ich mich eigentlich immer mit Thunfisch aus der Büchse. Ich hätte natürlich nichts gegen ein dickes Thunfischsteak vom Grill, aber für den Gegenwert könnte man wahrscheinlich bei Aldi einen ganzen Einkaufswagen füllen. Wie man ihn hier an der Küste zubereitet, ist der Fisch wirklich lecker, und eigentlich kann man nichts falsch machen, wenn man ihn in irgendeinem der Restaurants Manabís frisch bestellt.

Das Essen im „Pelícano“ hat uns so gut geschmeckt, dass wir gleich am nächsten Tag noch einmal wiederkommen. Wir sind ein wenig verwundert darüber, dass ein gutes Restaurant wie dieses mit solch einem vorzüglichen Essen so schlecht besucht ist. An den Preisen kann es jedenfalls nicht liegen, denn für ein Essen bezahlt man gerade einmal fünf Dollar. Verglichen mit dem Preisniveau in Cumbayá, ist das wirklich lächerlich, aber hier bekommt man ein Schlemmermahl zum Spottpreis.

Ich glaube, die Leute aus der Sierra fahren deshalb so gern an die Costa, weil sie sich dort endlich einmal preiswert mit gutem Essen vollstopfen können. Man kann es ihnen nicht verdenken, denn die Küche der Sierra kann bei weitem nicht die Vielfalt an Zutaten und Aromen aufbieten, wie sie für die Speisen der Küste typisch sind. Die Cocina manabita gilt nicht ohne Grund als die beste Küche des Landes. Im Essen macht sich eben der Einfluss des Meeres bemerkbar und all die Händler, Siedler, Seefahrer und Reisenden aus fernen Weltgegenden, die über Jahrhunderte mit ihren Schiffen die ecuadorianische Küste ansteuerten, haben nicht nur ihre Spuren im Lande und in den Gesichtszügen der Menschen hinterlassen, sie haben letztlich auch die Kochkunst bereichert.

Weihnachten mit Erol Sander

Von Santo Domingo aus ging es weiter nach Bahía. Es ist immer wieder ein Erlebnis, sich dem Meer zu nähern: Schon wenn man die salzige Seeluft riecht, hat man plötzlich den Eindruck, als wäre der Horizont viel weiter und der Himmel höher und die Luft wäre viel leichter zu atmen. Man mag sagen, das sei Einbildung, aber irgendwie gerät man augenblicklich in eine andere Stimmung. Das Leben fühlt sich so viel leichter an am Meer und die Leute scheinen viel weniger von den tristen Notwendigkeiten des Lebens getrieben als in den Bergen, wo alles schwer ist, als herrschte eine andere Schwerkraft, die unerbittlicher als anderswo am Gemüt der Menschen zerrt. Die Küste verspricht Leichtigkeit und der Ozean Vergessen. Man möchte den flüchtigsten Launen nachgeben und das Leben einfach treiben lassen, als wäre es ein Sandkorn in den Gezeiten.

Bei Pedernales stießen wir endlich auf die Küste und dann ging es eine Stunde auf der neuen Autopista nach Süden. Wir überquerten die Brücke, die Bahía bei San Vicente mit dem Festland verbindet, und fuhren in den goldenen pazifischen Sonnenuntergang. Die Tante wartete schon auf uns. Sie hatte eine ihrer Wohnungen, die sie über die Feiertage für gewöhnlich an zahlende Gäste vermietet, eigens für uns reserviert. Das Haus der Tante war übrigens eines von wenigen Häusern im Ort, die weihnachtlich dekoriert waren. Auch hier hatte man wie schon in Cumbayá den Eindruck, den Leuten liege nicht viel an Weihnachten. Jedoch geht man in die Kirche und feiert die Messe und für die Nacht an Heiligabend bereitet man ein großes Essen im Kreise der Familie, das dann genau Schlag Zwölf im Gedenken an die Geburt des Erlösers eingenommen wird.

Mein Sohn und ich warfen uns sofort aufs Bett, regelten die Klimaanlage, die im Haus der Tante nur selten benutzt wird, auf eisige Temperaturen herunter und zappten uns durch das Fernsehprogramm. Meine Frau hatte leider nicht so viel Glück an diesem Abend, denn als gute Katholikin war sie verpflichtet, die Tante und ihre Mutter zur abendlichen Messe zu begleiten. Was war ich froh, dass ich so ein Heide bin!

Im Fernsehen liefen die Avengers, aber in der Werbepause zappte ich ziellos durch das Programm und plötzlich sah ich ein bekanntes Gesicht. Wie um die Weihnachtszeit nahezu überall üblich, lief auch hier auf den meisten Sendern das unumgängliche „Familienprogramm“, also Herz-Schmerz-Filme der übelsten Sorte, Schmachtfetzen zum Davonlaufen oder zum Augenausweinen, je nach Seelenzustand. Es ist interessant zu sehen, dass viele Produktionen ganz offensichtlich auf einen internationalen Einheitsgeschmack abzielen, unabhängig davon, aus welchem Land sie stammen. Ein wenig verwunderte es mich dann aber schon, plötzlich das Gesicht Erol Sanders auf dem Bildschirm zu sehen. Ich schaltete sofort zu den Avengers zurück. Wir guckten dann noch bis in die Puppen. Viel später wiegte uns das Rauschen des Meeres endlich in den Schlaf (vielleicht war es auch nur das monotone Fauchen der Klimaanlage).

Mare tranquilitatis

Bahía de Caráquez ist eine Ausnahme unter den ecuadorianischen Städten. Die meisten Städte im Land, selbst die kleinen, sind quirrlig und chaotisch. Bahía hingegen ist eher ruhig – wenn nicht gerade Horden von Touristen und Ausflüglern einfallen. Als ich die Stadt 1992 zum ersten Mal besuchte, gab es so gut wie keinen Autoverkehr. Es war vollkommen egal, ob man auf der Straße ging oder auf dem Bürgersteig. In der ganzen Stadt fand man nicht eine Verkehrsampel (wozu auch?) und es war eine regelrechte Sensation, als man später eine aufstellte. Heute gibt es im Zentrum und an der Zufahrtsstraße gleich mehrere, und wie in allen Städten tun sie zuverlässig ihre Arbeit und bremsen den Verkehr aus, der übrigens stark zugenommen hat. Vor 23 Jahren war die Brücke, welche die Stadt mit dem Festland verbindet, noch nicht gebaut und man musste weite Wege in Kauf nehmen, um zur anderen Seite zu gelangen. Heute ist das kein Problem mehr: Man läuft einfach hinüber zur anderen Seite oder joggt, was der sportbegeisterte Teil der Einwohnerschaft gelegentlich tut.

Da die Stadt auf einer Halbinsel liegt, hat sie naturgegeben wenig Platz, um sich auszubreiten. Von drei Seiten wird der Ort von Meer eingeschlossen, nur die Seite zur Halbinsel hin ist offen. Und genau hier wurde in den letzten Jahren am meisten gebaut: Firmen haben sich angesiedelt und Privatleute haben Land gekauft, um Häuser darauf zu bauen. Direkt an der Zufahrtsstraße nach Bahía, etwas außerhalb der Stadt, aber gerade noch zu Fuß zu erreichen, hat man ein riesiges Einkaufszentrum, ein Centro comercial bzw. eine Shopping Mall, errichtet. Als wir vorbeifuhren, hatte ich kurz ein Deja vu und ich glaubte, ich befände mich vor den Hellerdorfer Arkaden oder vor irgendeinem beliebigen Wall-Mart in den USA. Lediglich der Schriftzug „Centro Comercial“ belehrte mich eines Besseren. Die Architektur solcher Malls ist so austauschbar, dass man glauben könnte, ein einziger Verantwortlicher hätte sämtliche Shopping Malls auf der ganzen Welt konzipiert.

Wenn man nicht gerade der Besitzer einer der zahllosen kleinen Geschäfte ist, welche in großer Zahl die Straßen säumen, hat man in Bahía nicht viel zu tun: man kann an den Strand gehen oder eines der vielen kleinen Restaurants besuchen. Schließlich bleibt noch die Möglichkeit, auf dem Balkon oder vor dem Haus zu sitzen und die Leute auf der Straße zu beobachten, was die Einheimischen auch gern tun. Für Feierwütige bietet die Stadt nicht viele Gelegenheiten. Während der Saison, die bis Mitte August dauert, gibt es manchmal Straßenpartys, aber sonst sucht man vergeblich nach Zerstreuung. Man lässt die Tage eher gelassen angehen, denn Zeit spielt eigentlich keine Rolle. Jeder Tag ist wie alle Tage – es passiert nichts; die Sensationen des Lebens spielen sich im privaten Bereich ab.

Am Vormittag wollte ich trainieren und da ich erfahren hatte, dass es gleich eine Straße weiter ein Studio gäbe, stand meinem Entschluss nichts mehr im Wege. Nach drei Wochen ohne Training fühlte ich mich schon ganz eingerostet und ich konnte meinen Bewegungsdrang kaum noch bändigen. Ich brauchte unbedingt ein gutes Workout, sonst würde mich das Rumsitzen, Abhängen und Chillen noch umbringen. Das Studio breitet sich auf drei Etagen eines Wohnhauses aus. Auf der mittleren Etage befinden sich die Privaträume des Besitzers und man muss notgedrungen an ihnen vorbeilaufen, wenn man in die oben befindlichen Studioräume gelangen möchte. Das Studio selbst ist sehr spartanisch eingerichtet: ein paar Maschinen, die aussehen, als wären sie in Heimarbeit zusammengeschweißt worden, ein paar Bänke und Gott sei Dank eine gute Auswahl an Lang- und Kurzhanteln. Das Studio erfüllte dann auch seinen Zweck – das Workout war gut, doch nicht ohne Wehmut dachte ich an meine alte Arbeitsstelle, das Studio im Sportzentrum der Turngemeine in Berlin. Ich glaube nicht, dass es hier in Ecuador auch nur ein Studio damit aufnehmen kann. Und ich dachte auch an die Freunde und Kollegen in Berlin, denen ich Lebewohl gesagt hatte, an Christoph, an Marte und an all die anderen – viele herzliche Grüße!

Der Besitzer des Studios, in dem ich trainieren wollte, sieht aus wie ein fetter deutscher Pumper, ist aber offenbar waschechter Ecuadorianer. Ich versuchte, mich mit ihm auf Englisch zu unterhalten, aber hier im Land spricht fast niemand Englisch. Genausogut hätte ich es mit Hindi oder Kisuaheli versuchen können. Ich kenne Leute, die seit fünf oder mehr Jahren in Berlin leben und gerade mal „Guten Tag“ auf Deutsch sagen können. In Berlin besteht keine wirkliche Notwendigkeit, Deutsch zu lernen, weil man mit Englisch fast überall durchkommt. Hier ist das anders: Niemand spricht Englisch, wirklich niemand. Selbst in Quito, der Hauptstadt, ist es ausgeschlossen, dass man in einer der großen Shopping-Malls auf Englisch bedient wird. Eine einfache Unternehmung wie eine Order im Restaurant kann zur Tortur werden, wenn einem die Worte fehlen. Die Leute, die hier leben, empfinden dies aber nicht als Einschränkung, denn schließlich spricht man fast auf dem ganzen Kontinent Spanisch und immerhin sind Spanisch und Portugiesisch bzw. Brasilianisch miteinander verwandt und sie sind sich so ähnlich, dass man sich gegenseitig versteht, ohne die Sprache des anderen lernen zu müssen. Zählt man übrigens die Sprecher einer Sprache, die dieses Idiom als ihre Muttersprache ansehen, so steht Spanisch nach Chinesisch auf dem zweiten Rang, noch vor dem Englischen. Man darf nicht vergessen: Im Gegensatz zum Deutschen ist das Spanische eine Weltsprache – schon deshalb lohnt es sich, diese Sprache zu lernen.

Es gibt auch hier kleine Kolonien von Ausländern, meist Amerikanern, in denen man sich hartnäckig weigert, die Landessprache zu lernen. Die Ecuadorianer sprechen von ihnen mit einer gewissen Verachtung. Diese Leute leben nur unter sich, sie haben mit den Einheimischen nicht viel zu tun und vermutlich wollen sie auch gar nicht mit ihnen zu tun haben. Die Ecuadorianer sind sehr gastfreundliche Menschen, aber solch eine ablehnende Einstellung gegenüber der Landeskultur sehen sie mit tiefster Missbilligung. Ich finde, sich zu weigern, die Landessprache zu lernen, ist ein Zeichen von Arroganz und zeugt von schlechten Manieren. Gewiss gelingt es nicht jedem, die Sprache leicht zu erlernen – viele müssen sie quälen (ich gehöre auch dazu), aber letztlich zählt doch die Einstellung. Die Einheimischen merken sehr schnell, was man über ihr Land denkt und was man von ihrer Kultur hält. Wenn man hier auf Dauer leben möchte, ist es nicht nur klüger, sondern auch profitabler – und zwar in jeder Hinsicht –, wenn man versucht, sich anzupassen. Spanisch gehört in jedem Fall dazu.

In Bahía sollte man an den Strand gehen, denn er ist eine der wenigen Attraktionen, welche die Stadt zu bieten hat. Und das Beste daran: Alles ist kostenlos. Besucht man den Strand bei Ebbe, wird man von einem hundert Meter breiten Streifen aus feinem Sand empfangen. In der Bucht, die der Stadt ihren Namen gab (Bahía bedeutet Bucht), sollte man lieber nicht baden, es sei denn, man sehnt sich nach juckendem Hautausschlag. Etwa einen Kilometer oberhalb der Badestelle werden nämlich die Abwässer der Stadt ins Meer eingeleitet und was aus dem Rohr kommt, sieht nicht wirklich appetitlich aus. Das Rohr endet über der Wasserlinie und man kann dabei zusehen, wie der Unrat sich in der Bucht verteilt. Der Fluss spült ihn direkt an den Badenden vorbei. Auch die Abwässer der Shrimp-Farmen werden in die Bucht eingeleitet; die leckeren Krebstierchen mag man zwar gern essen, doch in ihren Exkrementen und den Antibiotika, die man ihnen mit dem Futter verabreicht, möchte man nicht unbedingt baden. Überdies besteht die Gefahr, dass man von der Strömung erfasst wird. Schließlich badet man in einer Flussmündung, die dazu noch Gezeitenzone ist. Vom Strand aus kann man die Strömungen und Strudel gut sehen, die sich schon wenige Meter vom Ufer entfernt bilden. Es hat in den letzten Jahren immer wieder tödliche Unfälle gegeben. Die Badenden, zumeinst sind es Touristen aus der Sierra, d.h. aus den Gebirgsregionen, scheinen davon gehört zu haben, denn sie wagen sich nicht weiter als bis zum Bauchnabel ins Wasser hinein.

Gesünder und vor allem weniger gefährlich ist es, man geht auf die andere Seite der Landzunge, dorthin, wo die Wellen des Pazifiks auf den Stand rollen. Die Schar der Badelustigen ist hier eigenartigerweise überschaubar, obwohl das Wasser sauberer ist und obwohl es riesigen Spaß macht, sich in die Wellen zu stürzen. Das Wasser ist warm wie in einer Badewanne, obgleich dicht an der Küste der kalte Humboldtstrom vorbeifließt. Vor Kleiderdieben muss man sich nicht fürchten, aber man muss aufpassen, dass die Sachen, die man am Strand zurückgelassen hat, nicht von der Flut überspült werden. Wir warfen uns den halben Tag lang in die Wellen und gingen an den malerischen Stränden direkt vor der Stadt spazieren. Die Strandpromenade war gepflastert mit mobilen Verkaufsständen, die den Badetouristen Erfrischungen und Snacks anboten. Es sind die Tage vor dem 10. August, des Tages des Primer Grito de la Indepencia – des „ersten Schreis nach Unabhängigkeit“. Die Menschen, darunter viele Familien mit Kindern, strömen in die Stadt, um ein paar schöne Tage am Meer zu verleben.

So ganz genau weiß ich noch nicht, was es mit dem 10. August auf sich hat. Als ich meine Frau, die es ja wissen müsste, fragte, meinte sie in typischer Lehrermanier, ich solle mich im Selbststudium darüber informieren (6 – setzen! Arbeit nachschreiben!). In den nächsten Monaten habe ich Zeit und es ist durchaus lohnend und interessant, sich mit der an Umstürzen und Revolutionen reichen Geschichte dieses Landes zu befassen. Zwar habe ich schon viel gelesen, aber alles kann man natürlich nicht wissen. Schließlich bin ich ja erst kürzlich zugezogen; da verzeiht man schon mal den einen oder anderen Fauxpas.