Die leidige spanische Sprache

Der Erwerb einer fremden Sprache folgt ganz eigenen Gesetzen. Wie man weiß, lernen die Menschen nicht alle auf dieselbe Weise, und ein Weg, der dem einen schnelle Erfolge verspricht, mag den anderen in eine Sackgasse führen. Aus Erfahrung weiß ich, dass ich eine Sprache am besten lerne, wenn ich sie nur oft genug höre, insbesondere, wenn die Worte von einem Muttersprachler gesprochen werden. Zumindest war es beim Englischen so, der einzigen Fremdsprache, die ich gut genug spreche, um darin sowohl eine gepflegte Unterhaltung zu führen, die nicht ständig an den eingeübten Floskeln des Smalltalks kleben bleibt, als auch ohne die Hilfe eines Wörterbuches Texte zu lesen, deren Schwierigkeitsgrad ein klitzekleines Bisschen über das Niveau der Dialoge bei den Teletubbies hinausgeht.

Experten – Linguisten, Lernforscher, Polyglotte – räumen ein, es mag zwar ausgewiesene Sprachtalente geben, dennoch könnten auch Menschen Fremdsprachen erlernen, die sich selbst überhaupt nicht für sprachbegabt halten (in diese Kategorie falle ich). Ich möchte der Expertenmeinung nicht grundsätzlich widersprechen und ich glaube sogar, dass unter idealen Bedingungen jeder eine Fremdsprache erlernen kann, doch meist sind die Bedingungen weit davon entfernt, ideal zu sein und dann hat natürlich derjenige, dem der Zugang zur Sprache leichtfällt, einen Vorteil gegenüber dem „Normalbegabten“.

Vor einigen Jahren traf ich in Berlin einen jungen Brasilianer, der erst seit wenigen Wochen in der Stadt lebte. Obwohl er sozusagen kaum angekommen war, sprach er so gut Deutsch, dass ich direkt neugierig wurde. Ich fragte ihn, wie er denn die Sprache so schnell habe erlernen können. Er erzählte mir, dass er sich, ein Jahr bevor er nach Deutschland kam, jeden Tag DVDs auf Deutsch angeschaut und auch oft die „Deutsche Welle“, das deutsche Auslandsfernsehen, geguckt hätte. Ich war begierig zu erfahren, ob er denn nicht Vokabeln habe lernen müssen oder ob er denn nicht Übungen zur Grammatik gemacht hätte, aber er verneinte. Natürlich sprach er nicht perfekt und manchmal fehlte ihm das eine oder andere Wort, doch war er dann zumindest fähig, wortreich und sehr anschaulich zu beschreiben, was er meinte, und wenn man nur deutlich genug sprach, verstand er fast alles auf Anhieb. Das ist mehr als erstaunlich und ich denke, nur wenige Menschen sind mit einem derartigen Sprachtalent gesegnet. Ich kann mit größter Sicherheit erklären, dass ich nicht zu diesen Glücklichen gehöre.

Gemeinhin stellt man sich vor, man müsse nur lange genug in einem fremden Land leben und wenn der Kontakt zu seinen Bewohnern auch eng genug ist, sei das Erlernen der Sprache dieses Landes ein Kinderspiel, etwas, das man gewissermaßen en passant erledigen kann – auch ohne lästiges Vokabelnpauken, ohne langweilige Grammatikübungen und vor allem ohne quälende Repititorien. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass an dieser Idee ungefähr so viel dran ist wie an der Illusion, man könnte übers Wasser laufen, wenn man es sich nur fest genug vornimmt.

Der Aufenthalt in einem fremden Land ist natürlich noch kein Garant dafür, dass man auch die Sprache erlernt, denn der Lernerfolg ist an bestimmte Bedingungen geknüpft, und fehlen diese, ist der Erwerb des fremden Idioms nur um den Preis von Blut, Schweiß und Tränen sowie jeder Menge Kopfschmerzen möglich. All die Expats, die sich in Kulturen eingerichtet haben, deren Sprache sie nicht sprechen – sei es, dass sie nicht wollen, sei es, dass sie nicht können –, und die deshalb auch noch nach Jahren in ihrer neuen Heimat wie Fremdkörper wirken, geben davon beredt Zeugnis. Ich habe in Berlin Menschen getroffen, die kaum fähig waren, auch nur ein Dutzend Worte auf Deutsch zu sagen, obwohl sie fünf Jahre oder länger in der Stadt lebten. Das ist bedauerlich, aber eigentlich sollte ich nicht sie, sondern mich selbst bedauern, denn im Augenblick bin ich gar nicht so weit davon entfernt, ihre Erfahrung zu wiederholen, und es gibt Momente des Versagens und der Unfähigkeit, in denen ich wirklich den Tränen nahe bin – Tränen der Wut.

Die wichtigste Bedingung für den Lernerfolg ist natürlich, dass man mit der Sprache, die man lernen möchte, überhaupt in Kontakt kommt – je öfter dieser Kontakt stattfindet und je nachhaltiger er ist, für umso wahrscheinlicher kann man es ansehen, dass man ein Verständnis für die neue Sprache entwickelt. Der Versuch, eine Sprache zu meistern, die man weder tagtäglich hört noch selbst zu sprechen gezwungen ist, kommt dem Bestreben gleich, das Schwimmen zu lernen, ohne jemals ein Schwimmbad von innen gesehen zu haben.

Ich komme hier mit absolut niemandem in Kontakt. Es scheint fast, als lebte ich in einem Paralleluniversum, das zufällig einige Überschneidungen mit dieser Welt aufweist, dem Universum von Newton und Einstein. Ansonsten aber gibt es nicht viele Gemeinsamkeiten zwischen meiner Welt und der Welt da draußen. Die Bewohner unserer Urbanisation entziehen sich größtenteils der Annäherung durch ihre Mitmenschen, aber die Wohnanlage ist ja auch keine normale Stadt mit einem normalen öffentlichen Leben, das die Möglichkeit böte, sich zu begegnen.

Es gibt hier eigentlich nur zwei Arten von Residenten: Die einen sind wohlhabend und die anderen sind steinreich. Verschwiegenheit bedeutet hierzulande Sicherheit (s.v. „Kriminalität“) – je weniger die Nachbarn von einem wissen, desto sicherer fühlt man sich und desto besser glaubt man sein Eigentum beschützt. Da ist es natürlich schwierig, einen Kontakt aufzubauen. Außerdem fahren alle mit dem Auto und nur ein paar Verrückte gehen manchmal joggen. Die einzigen Worte bzw. Redewendungen, die ich wirklich brauche, um einigermaßen komfortabel durch den Tag zu kommen, beschränken sich auf „Guten Tag“ und „Danke“. Mehr muss ich eigentlich nie sagen und manchmal ist auch das schon zu viel. Es leuchtet ein, dass man eine Sprache wohl kaum wird lernen können, wenn es keinen Anlass gibt, sie zu sprechen.

In den USA habe ich viel fern gesehen. Im Gegensatz zu seinem etwas biederen deutschen Gegenstück ist amerikanisches Fernsehen eine Sache mit erheblichem Suchtpotential; ich liebe US-TV, denn es ist einfach nur großartig und wie von einer psychedelischen Droge kann man davon eigentlich nie genug bekommen. Doch der Marathon vor der Glotze dient nicht nur rein hedonistischen Zielen, sondern hat zugleich auch einen ganz praktischen Zweck: Durch die Dauerberieselung verbessert sich das Hörverständnis ganz enorm. Selbst die Werbung nützt da. Es ist ein wirklich erhebendes Gefühl, wenn man plötzlich feststellt, dass man alles versteht und dass man zum Beispiel den witzigen Plaudereien in den Late-Night-Shows oder den Pointen der Comedians problemlos zu folgen vermag. Dazu muss man mit keinem besonderen Sprachtalent gesegnet sein – es reicht, die Mattscheibe anzubeten.

Leider haben wir hier in Ecuador keinen Fernseher und so bin ich fast vollkommen von der Möglichkeit abgeschnitten, zumindest hin und wieder etwas Spanisch zu hören. Ich könnte mir auf Youtube Videos hochladen, aber – mein Gott! – das hätte ich auch in Berlin tun können. Dazu hätte ich nicht um den halben Erdball reisen müssen. Zu allem Übel scheint sich im Fundus der spanischsprachigen Videos kaum etwas wirklich Gescheites zu finden. Man stößt nur immer wieder auf die unsäglichen Telenovelas. Ich hasse diese absurden Daily Soaps aber so sehr, dass sie für mich ein Grund wären, niemals auch nur eine einzige spanische Vokabel zu lernen.

Spanisch ist keine einfache Sprache. Ich möchte nicht bezweifeln, dass es Menschen gibt, die Spanisch leicht finden und die auch in kurzer Zeit Lernerfolge erzielen, von denen ich nur träumen kann. Für mich ist diese Sprache so kompliziert wie nur irgendein exotisches Idiom aus dem hintersten Winkel der Welt, und ich habe manchmal das Gefühl, ich könnte noch eher Mandarin oder Arabisch lernen als Spanisch. Ich muss mir eingestehen, dass ich leider überhaupt keine Ader für diese Sprache habe. Mit viel Fleiß könnte man sicher so manches erreichen, allein mir fehlt der Antrieb; und man kann so manches über mich sagen, aber zu behaupten, ich sei fleißig, wäre ungefähr so, als würde man Mario Barth witzig nennen. Was nützt es, eine Sprache zu lernen, wenn man mit niemandem sprechen kann!

Wenn ich viel Englisch höre, kann ich mir Redewendungen und Wörter merken, und es ist erstaunlich, wie viel mein Hirn festzuhalten vermag, auch ohne dass ich mich langwierigen Exerzitien über Vokabellisten verschreiben müsste und ohne dass ich mich der Selbstkasteiung des Grammatikstudiums auszuliefern hätte. Aus irgendeinem Grund, der für mich ein vollkommenes Mysterium bleibt, verweigert das störrische Denkorgan aber denselben Dienst, wenn es sich um Spanisch handelt. Ich denke manchmal, die Art der Verschaltung meiner Neuronen steht der Beherrschung dieser Sprache so sehr entgegen wie die berüchtigten zwei linken Füße einer Karriere als Rudolf Nurejew. Wir, die spanische Sprache und ich, sind einfach nicht füreinander geschaffen, und wie es aussieht, können wir niemals Freunde sein.

Ich habe das ungute Gefühl, je länger ich hier lebe, umso weniger verstehe ich und umso weniger bin ich überhaupt fähig, selbst einfachste Sätze zu bilden. Die meisten Wörter kann ich nicht einmal korrekt aussprechen und die wenigen Sprechversuche, zu denen mir der Alltag Anlass gab, gipfelten darin, dass man mich je nach Sympathie entweder unsicher lächelnd oder achselzuckend oder fragend oder völlig verwirrt ansah. Je mehr Mühe ich mir gebe, mich verständlich zu machen, desto größere Verwirrung scheinen meine stockend vorgebrachten Ausführungen zu stiften. Das ist einfach nur frustrierend und mittlerweile habe ich eine regelrechte Abneigung dagegen entwickelt, überhaupt irgendetwas auf Spanisch zu sagen. Aber das muss ich ja auch gar nicht. Wie man grüßt und sich bedankt, habe ich gelernt, und das reicht, um durch den Tag zu kommen. Mehr wird vielen Expats übrigens auch nicht abverlangt und ich fühle mich fast schon wie einer von ihnen.

Es ist ermüdend und gleichermaßen unfruchtbar, immer nur Vokabeln zu lernen, wenn man keine Möglichkeit hat, sie zu üben. Es ist wirklich erstaunlich, wie schnell man vergisst: Mein Kopf ist wie ein Schwarzes Loch, das alles, was hineingelangt, unerbittlich verschlingt und niemals wieder lässt es auch nur den kleinsten Zipfel davon wieder hervortreten. Ich frage mich, wo all die vielen Vokabeln geblieben sind, die ich mir unter so großen Mühen versucht habe ins Gedächtnis zu hämmern. In meinem Kopf sind sie jedenfalls nicht.

Dafür geschehen neuerdings kuriose Dinge: Während ich mich krampfhaft an eine spanische Vokabel zu erinnern versuche, schießen mir plötzlich russische Wörter ins Hirn, die ich seit einer Ewigkeit weder gehört, noch gesprochen habe und an die mich zu erinnern ich nicht einmal den Wunsch verspüre. Das ist schon eine merkwürdige Art von Ironie (wirklich, sehr witzig!) und zugleich ist dieser unerbetene „Besuch“ aus der Vergangenheit schon ein wenig befremdlich, denn eigentlich habe ich mich als Teenager mehr für die durchsichtigen Blusen meiner Russischlehrerin als für das Schul-Russisch erwärmen können.

Vielleicht ist dies eine Art himmlisches Zeichen, um mir zu verstehen zu geben, ich solle ja nicht glauben, es sei bereits vorbei mit der russischen Sprache. Als Atheist und Rationalist vermag ich mich zwar nicht so recht davon zu überzeugen, dass nicht existente himmlische Mächte mir Zeichen schicken, aber die Welt ist ja bekanntlich größer als der eigene Verstand und man sollte die Türen stets geöffnet halten für unerwarteten Besuch.

Es könnte sich auch bloß um eine pathologische Laune meines Gedächtnisses handeln, das wie bei einer voll belegten Festplatte fieberhaft Speicherplatz zu schaffen versucht, indem es den alten Datenmüll entsorgt. Kürzlich ist mir sogar die verrückte Idee gekommen, dass ich, zurück in Berlin, meine Russisch-Studien wieder aufnehmen könnte. Gelegenheit zu sprechen, gäbe es jedenfalls genug, denn schließlich gilt Berlin innerhalb Deutschlands als die heimliche russische Hauptstadt. Aber das ist sicher nur so eine Flitzidee, die sich schnell verliert, sobald ich wieder in den hektischen Alltag der Stadt eintauche.

Manta: Am Pool

Nach einem langen Tag am Strand ist man rechtschaffen erschöpft. Man könnte tatsächlich glauben, man hätte ein bedeutendes Werk vollbracht, obwohl man doch gar nichts getan hat, außer sich in die Wellen zu werfen und in der Sonne zu baden. So ein Tag am Strand ist wie eine Lossprechung von aller Sündenschuld und man fühlt sich befreit, als wäre man von jeglichen Bürden des Lebens erlöst und hätte nur noch dessen Belohnungen zu erwarten. Und obwohl die Glieder ermattet sind vom Spiel mit den Kräften des Meeres, ist einem ganz leicht ums Herz, denn das reinigende Bad hat etwas von der Seele gewaschen, das schwer und drückend auf ihr lag wie der Goldstaub in der Legende von El Dorado.

Man sagt, der Ozean kenne keine Vergangenheit und er habe auch keine Erinnerung, und das ist die Wahrheit: Die Stimmen, die einem weismachen, dass man durchs Leben laufen müsse, so schnell einen die Füße tragen, sind im Donnern der Brandung kaum mehr als ein leises Wispern, das schließlich verstummt, lauscht man dem Klang der Wellen nur lange genug. Wenn man Abends am Meer sitzt und eine laue Brise wehrt heran und über einem spannt sich das bestirnte Firmament, bedeutet Zeit gar nichts, aber das Leben alles. Und nie fühlt man sich so lebendig wie in diesem kurzen Augenblick.

Im Haus von Maria Vicenta, der besten Freundin meiner Frau, geht es manchmal ein wenig drunter und drüber: Noch immer steht das Geschirr vom Mittagessen auf dem Tisch und in der Küche türmen sich neben der Spüle Berge von schmutzigen Tellern, Töpfen und Pfannen. Zwar gibt es wie in allen wohlhabenderen Häusern eine Haushälterin, doch es scheint, sie hat im Augenblick andere Sorgen, und auch ist das Haus nicht gerade so klein, dass sich alle anfallenden Arbeiten – angefangen vom Bettenmachen, Wäschewaschen, Bügeln über Staubsaugen, Wischen, Bohnern bis hin zu Putzen, Kochen, Abwaschen, Aufräumen – im Handumdrehen erledigen ließen.

Meine Frau hat ein Herz aus Gold und niemals würde sie einem Bedürftigen ihre tatkräftige Hilfe versagen, und so lässt sie es sich nicht nehmen, selbst anzupacken, um diesen Augiasstall von einer Küche wieder auf Vordermann zu bringen. Während sie sich emsig wie eine Ameise durch Berge von schmutzigem Geschirr arbeitet, sieht man die Haushälterin fröhlich winkend das Haus verlassen. Solche Hausgäste wünscht man sich, die nach dem Essen auch noch aufräumen und abwaschen, ohne dass man sie mit vorgehaltener Waffe dazu nötigen muss.

Am Abend wollen die Jungs noch zum Pool der Wohnanlage. Wir haben zwar den ganzen Tag am Strand verbracht und die Sonne hat mich dermaßen ermattet, dass ich mein Hirn auf Leerlauf schalten und mich nur noch willenlos vor die Glotze schmeißen möchte, doch Kinder können ja bekanntlich immer dann unbändige Energien freisetzen, wenn Erwachsene an den Grenzen ihrer physischen und vor allem ihrer psychischen Leistungsfähigkeit angekommen sind. Maria Vicenta meint, die Wohnanlage sei sicher und es wäre überhaupt kein Problem, wenn die Kinder allein zum Pool gingen. Ich bin ganz ihrer Meinung.

Doch meine Frau fürchtet, mit der Dunkelheit sei die beste Zeit für das Verbrechen gekommen und daher müsse man besonders achtsam sein – als würden die einschlägigen Vertreter der Branche auf die Nacht warten, um ihrem Gewerbe nachzugehen. Sie ersucht mich dringend, die Kinder zu begleiten und auch am Pool zu bleiben, um aufzupassen. Bin ich der Bademeister? Aber diese dringlichen amtlichen Ersuchen haben so etwas Förmliches, dass man sich nur schwer widersetzen kann, gerade so, als bekäme man von einem Polizisten gesagt, dass man gefälligst woanders parken solle. Am Ende fahren wir mit dem Auto, obwohl sich der Pool nur eine kurze Strecke vom Hause Maria Vicentas entfernt befindet. Man könnte in wenigen Minuten bequem zu Fuß dorthin gelangen, aber mit dem Auto sei es eben sicherer.

An diesem Abend ist der Pool voll mit Kindern unterschiedlichen Alters. Die Nacht ist so warm, dass man auch nicht frieren würde, wenn man stundenlang im Wasser bliebe und die nasse Kleidung anschließend anbehielte, was die meisten der Kinder auch tun. Als wir am Pool eintreffen, mögen an die zwanzig Badenden das Wasser bevölkern. Erwachsene sieht man weit und breit nicht. Ich habe mir ein Buch mitgebracht und setze mich an den Beckenrand. Ich tue so, als hätte ich zufällig nichts anderes zu tun, dabei wartet doch im Haus unserer Gastgeberin der Fernseher auf mich und die Freuden des Pay-TV. Irgendwann kommt ein Wächter auf dem Motorrad vorbei, checkt kurz die Lage und dreht wieder ab.

Gleich neben dem Pool befindet sich ein kleiner Kiosk. Eigentlich ist der Laden direkt in den Pool integriert und nach zwei Seiten offen: Auf der dem Becken abgewandten Seite befindet sich ein ganz normaler Verkaufsstand für Eis, Schokolade, Snacks und Getränke. Auf der Seite, die zum Pool blickt, ragt eine Bar wie der Bug eines Schiffes in das Bassin hinein und die Badegäste können heranschwimmen und sich ganz mondän die Drinks gleich im Wasser servieren lassen. An diesem Abend sind aber nur Kinder im Pool, die nur wenig an Cocktails, dafür aber mehr an Wasserschlachten interessiert sind. Die Kiosk-Frau ist mit den Nerven am Ende und als sich wieder einmal ein Schwall Wasser von einer der zahlreichen Arschbomben über sie ergießt, kreischt sie hysterisch und schimpft mit den Kindern, die sich nicht benehmen können. Als wir dann später gehen, bestelle ich noch Eis für die Jungs. Die arme Frau ist so durchnässt, als hätte sie selbst an der Wasserschlacht teilgenommen.

Als ich so am Pool sitze und versuche, mich in meine Lektüre zu vertiefen, glaube ich plötzlich, jemanden Russisch sprechen zu hören. Tatsächlich unterhalten sich einige der Kinder miteinander auf Russisch. Ich bin neugierig und versuche zu überschlagen, wer noch alles Russisch spricht und ich komme darauf, dass es mindestens die Hälfte der Kinder ist. Gegen Ende kommen dann auch noch drei der russischen Mütter zum Pool, um sich ein wenig zu entspannen. Sie bringen eine Flasche Wein mit und Pappbecher und plaudern angeregt miteinander, während ihre Sprösslinge weiter den Kiosk unter Wasser setzen. Maria Vicenta erzählt uns später, dass mehr als die Hälfte der Bewohner der Urbanisation entweder Russen oder Kroaten seien. Viele von ihnen betrieben ihre eigenen Unternehmen, sie hätten zum Beispiel Hotels oder Yoga-Schulen. Einige von ihnen kenne sie sehr gut und mit manchen sei sie sogar befreundet. Warum sie nach Ecuador gekommen sind, darüber sagt Maria Vicenta aber nichts.

Manta ist eine sehr lebendige Stadt und eine Stadt, die sich in einer Phase dramatischen Wachstums befindet. An allen Ecken wird gebaut und überall sieht man (noch) leere Grundstücke, auf denen Werbetafeln großartige Bauprojekte ankündigen, die man schon sehr bald ins Werk zu setzen verspricht. Die Infrastruktur wird mit Hochdruck erneuert und die meisten Straßen in Manta und seiner Umgebung sind entweder in den letzten Jahren überhaupt erst ganz neu entstanden oder frisch asphaltiert worden. Maria Vicenta meint, viel Narko-Geld sei dabei im Spiel, und seit die Amerikaner im Jahre 2009 ihre Luftwaffenbasis räumen mussten, weil die Regierung es ablehnte, ihnen den Pachtvertrag zu verlängern, hätte die Geldwäsche geradezu epidemische Ausmaße angenommen.

Die Schattenwirtschaft bleibt für den normalen, gesetzestreuen Bürger größtenteils unsichtbar. Nur manchmal, so Maria Vicenta, tauche die Spitze des Eisbergs auf, wenn, wie erst kürzlich geschehen, eine der kriminellen Größen der Stadt eine Hochzeit für zehn Millionen Dollar ausrichtet. Die Leute können eben nicht aus ihrer Haut und statt stillzuhalten und sich des unredlich erworbenen Reichtums im privaten Rahmen zu erfreuen, gebärden sie sich wie die Barockfürsten und werfen das Geld mit vollen Händen aus dem Fenster. Dass das Gesetz ihnen schnell auf die Schliche kommt, ist angesichts solchen Leichtsinns sicher kein Zufall.