Abschied vom Pazifik

Am Tag vor unserer Abreise aus Bahía fahren wir nach Manta an den Strand. Santa Marianita liegt nur wenige Kilometer westlich der großen Stadt und doch hat man den Eindruck, man sei einen halben Kontinent und einen Ozean von der nächsten größeren Ansiedlung entfernt. Der Strand ist mit dem Auto gut erreichbar, denn die nagelneue Küstenstraße – ein Teilstück von Ecuadors Küstenautobahn, der Ruta del Spondylus – verbindet Manta auf dem kürzesten Weg mit all den anderen wundervollen Orten, die sich jenseits der Stadt wie Perlen an einer Kette aufreihen.

Kurz vor Manta kommen wir durch einen Wald von Ceibos, jenen gewaltigen Bäumen, deren bauchig ausladende Stämme an Wasserschläuche erinnern. Der Baum speichert darin das kostbare Nass, das er braucht, um die langen Trockenzeiten zu überstehen. Die Gegend erinnert in der Tat an eine Wüste und außer den Ceibos und etwas Gestrüpp, das sich verzweifelt an die staubtrockene Krume krallt, sieht man so gut wie kein Leben. (Es kann allerdings vorkommen, dass man in dieser gottverlassenen Gegend echten Aliens begegnet, Reisenden von fremden Welten, die auf diesem lebensfeindlichen Planeten gestrandet sind mit nichts weiter bewaffnet als einer teuren Spiegelreflexkamera mit Teleobjektiv.)

Bei Manta empfängt uns der pazifische Ozean wie eine Offenbarung. Sonnenglanz liegt blendend hell auf dem Wasser. Die See wiegt sich im Glitzern von Abermillionen von Diamanten. Im Hafen von Manta schaukelt ein Wald von Masten sanft in den Wellen. Ich habe Lust, an Bord zu gehen. Die Magie dieses ruhigen sonnigen Ozeans lockt mich an die entferntesten Gestade. Der Parkplatz vor dem Murcielago-Beach, dem Vorzeigestrand der Stadt, ist nicht übermäßig gefüllt – seit dem Beben hat Manta, wie viele Städte an der Küste, empfindliche Einbußen im Tourismusgeschäft hinnehmen müssen.

Es hat den Anschein, in Santa Marianita würde der Strand nur auf uns warten. Man sieht eine Handvoll Badender, aber sie verlieren sich in der schier grenzenlosen Ausdehnung der Küste. Die bunten Segel der Kite-Drachen hängen am ätherisch blauen Himmel. Sie wiegen sich im Wind wie Blumen an dünnen Blütenstängeln. Immer hat man den Eindruck, man sei allein. Das Geräusch des Windes und der Klang der Wellen verschlucken die Stimmen der anderen Besucher. Doch es besteht auch keine Notwendigkeit, enger zusammenzurücken, denn der Strand scheint an diesem Tag ohnehin viel zu groß zu sein für so wenig Gäste.

Später, ermattet von Sonne und Meer wie die Quallen in den Gezeitentümpeln, versuchen wir irgendwo etwas zu essen. Die Bars in unserem Rücken sind geschlossen wie auch fast alle Restaurants. Wir müssen weit laufen, um überhaupt ein Lokal zu finden, das geöffnet hat, und dann ist das Essen ziemlich gewöhnlich, aber dafür kommen uns die Preise reichlich übertrieben vor. Vielleicht empfindet es das halbe Dutzend Gäste, das trübsinnig an den Tischen hockt, ganz genauso: Missmutig stochern die Leute in den lieblos zubereiteten Fisch- und Krabbengerichten herum. Nicht wenige erwecken ganz den Anschein, als bedauerten sie, etwas bestellt zu haben. Wir kaufen nur Wasser und eisgekühlte Fanta und begnügen uns darüber hinaus mit Keksen und Schokolade aus unserem Notvorrat.

Der Hund hetzt derweil am Strand umher, als hätte man ihn mit starken Aufputschmitteln vollgepumpt. Mit hängender Zunge jagt er am Wasser entlang. Zu versuchen, ihn wieder einzufangen, wäre aber zwecklos, denn obwohl er so klein ist, kann er rennen wie ein geölter Blitz. Irgendwann hat er genug und dann kommt er von allein zurück, glücklich hechelnd, wie mir scheinen will. Ins Wasser wagt er sich zwar nicht, aber dafür gräbt er mit großer Hingabe Löcher in den Sand. Vielleicht hat ja jemand seine Lieblingssnacks am Strand verbuddelt. So ein verrücktes Hundi!

Wir bleiben, bis die Sonne nur noch zwei Hände breit über dem Meereshorizont hängt. Wir hätten die Abendstimmung gern noch ein wenig länger genossen, aber wir müssen zurück nach Bahía. Nächtliche Fahrten auf den größtenteils unbeleuchteten Straßen sind nicht immer ein Vergnügen und ganz ungefährlich sind sie auch nicht. Wir möchten nicht in Verlegenheit geraten, Manta, die große, quirlige Hafenstadt, nach Einbruch der Dunkelheit durchqueren zu müssen, zumal sich das Korps der freiwilligen „Helfer“, das die Stadt nächstens nach hilfsbedürftigen Fremden durchstreift, seit der Erdbebenkatastrophe beträchtlich vergrößert hat.

Das herabsinkende Tagesgestirn breitet seinen Strahlenfächer über das Meer und wo das Licht den Ozean berührt, verwandelt dieser sich in geschmolzenes Silber. Unter einer dünnen erkalteten Kruste scheinen die Wolken von innen heraus zu glühen. Schiffe ziehen über den Horizont, schwimmen durch die trüben Lichtbalken, als versuchten sie, den Tag mit ihren Netzen einzufangen. Wir spüren eine große Wehmut, denn es ist der letzte Abend, den wir in Bahía verbringen sollten, und es ist unser letzter Besuch am Strand. Schon bald werden wir vom Pazifik Abschied nehmen. Es wird ein Abschied für immer sein.