Vor der Flut

Auf der Rückfahrt von Canoa führt uns der Weg am „Pelícano“ vorbei. Wir waren schon öfter zu Gast in diesem kleinen Restaurant, das seinen Gästen eine gute Auswahl lokaler Spezialitäten offeriert. Serviert wird Comida manabita, also Essen, wie es für die Küstenprovinz Manabí typisch ist. Ganz hervorragend ist der Ceviche de camarón (mit Shrimps). Ceviche ist eine Erfindung der lateinamerikanischen Küche. Das Besondere daran ist, dass die Meeresfrüchte (es gibt auch Ceviche de pescado, d.h. mit Fisch, oder Ceviche de concha, d.i. mit Muschelfleisch) nicht gekocht, sondern in Zitronensaft gegart werden. Die Zubereitungsart variiert freilich von Region zu Region, aber die Ceviches im „Pelícano“ sind mit das Beste, was man essen kann – zumindest, wenn man meiner Frau glaubt, einer ausgewiesenen Kennerin und Liebhaberin dieses Gerichts. Ich selbst mache mir leider nicht viel aus Meeresfrüchten.

Ich hatte geglaubt, es sei die Großmutter, die kocht, aber an diesem Tag bedienen uns die Enkel und von ihnen erfahren wir, dass es der Großvater ist, der in der Küche wirkt. Es scheint, je öfter man fragt, desto mehr Versionen der derselben Geschichte bekommt man zu hören, aber es ist natürlich nicht auszuschließen, dass auch die Oma hin und wieder am Herd steht. Als der Chef dann höchstpersönlich an den Tisch kommt, um sich nach dem Wohl seiner (einzigen) Gäste zu erkundigen, fragt ihn meine Frau ein wenig aus.

Wir erfahren, dass er früher bei einer der berühmten Familien Bahías als Koch angestellt war. In ihren Diensten lernte er, selbst die einfachsten Gerichte zu wahren Gaumenfreuden zu veredeln. Meine Frau kennt die Leute sogar und wie über alle prominenten Familien gäbe es auch über diese jede Menge Geschichten zu erzählen. In einer kleinen Stadt wie Bahía lassen sich Geheimnisse nur schwer verbergen, zumal die Leute nichts lange für sich behalten können.

Berühmte und vor allem vermögende Familien beschäftigen nicht selten ein ganzes Heer von Angestellten. Wer diese Art der Abhängigkeit nicht aus eigener Anschauung kennt, fühlt sich auf eine unangenehme Weise berührt, wenn er ihr als etwas begegnet, das so allgemein verbreitet und vor allem so alltäglich ist, dass niemand daran Anstoß nimmt. Solche Klientelverhältnisse wecken Erinnerungen an längst vergangene Zeiten, aber hierzulande ist das Wort „Padrón“, womit natürlich ganz wörtlich der Patron gemeint ist, noch keineswegs aus der Alltagssprache verschwunden. Eine Anstellung bei einem vermögenden Brotherrn – manchmal auf Lebenszeit – ist oft die einzige Möglichkeit, überhaupt Geld zu verdienen in Gegenden, in der es sonst keine Arbeit gibt.

Die beiden Enkelkinder, die an diesem Tag das Essen servieren, mögen zehn oder elf Jahre alt sein. Sie nehmen ihre Aufgabe mit großem Ernst wahr und stellen eine sehr „erwachsene“ Würde zur Schau. Streng genommen ist das natürlich Kinderarbeit, aber obwohl auch hierzulande die Kinderarbeit verboten ist, nimmt man es mit dem Gesetz nicht immer allzu genau. Außerdem scheinen die beiden Jungs ganz erpicht darauf zu sein, dem Großvater zu helfen, und da wir an diesem Tag die einzigen sind, die sich hierher verirrt haben, kann man auch nicht wirklich von Arbeit sprechen.

Später gibt meine Frau jedem von ihnen einen Dollar Trinkgeld. Die Kinder freuen sich darüber wie die Könige und zeigen sich gegenseitig ihre Dollars als wären es Trophäen. Sie schwelgen im Vorgefühl des Glücks, das sich einstellt, als sie sich wortreich ausmalen, was sie damit wohl alles kaufen könnten. Manchmal kostet das Glück nicht viel.

Nach dem Essen fahren wir zum Strand. Wir passieren den Verkaufsstand des Kokosmannes, der zwischen Kühltruhe und Tresen entspannt in seiner Hängematte liegt, und setzten mit Schwung über ein Sandfeld, das schon andere vor uns aufgewühlt haben. Der Wagen, den wir zur Zeit fahren, hat kleinere und schmalere Reifen als unser alter Kia und außerdem ist er erbarmungswürdig schwach motorisiert. Würde man das Auto mit einem Pferd vergleichen, wäre es eine klapperdürre Schindmähre, die zudem noch lahmt. Wir machen uns Sorgen, wir könnten steckenbleiben. Doch mit aufheulendem Motor schaffen wir es bis auf die Strandebene. Dort hat die letzte Flut den Sand zu einer betonharten Piste zusammengebacken.

Wir fahren einen halben Kilometer die Küste hinauf. Das Verhängnis nimmt seinen Lauf, als wir unseren Jungs gestatten, das Steuer zu übernehmen. Das Auto, ein Mietwagen, verfügt über eine recht wackelige Knüppelschaltung, und wer in seinem Leben noch nie mit einer Schaltung gefahren ist, lässt den Motor erst einmal ein Dutzend Mal absaufen, bevor es ihm gelingt, auch nur eine Strecke von hundert Metern zurückzulegen.

Der Strand ist an diesem Tag leer und wir fühlen uns so allein wie an der Küste eines unentdeckten Kontinents. Wir sind gekommen, um den Sonnenuntergang zu sehen – den letzten, den wir in Bahía erleben sollten. Für gewöhnlich versammelt sich bei Ebbe eine Autokarawane auf der flachen Halbinsel. Die Leute verabschieden den Tag mit einem fröhlichen Familienfest – man grillt, trinkt, lacht und hat Spaß.

An diesem Abend liegt der Himmel düster und schwer über einem bleigrauen Ozean. Es ist etwas kühler als an anderen Tagen, aber man genießt die Frische, die wenigstens für den Augenblick die Gluthitze vergessen macht. Eine stramme Brise weht warme, feuchte Seeluft in unsere Gesichter. Sie ist erfüllt von den Gerüchen des Meeres, von Salz und Tang und Wehmut. Ich sauge die Aromen tief in mich ein, damit sie meine Erinnerungen durchtränken wie ein Schwamm, denn ich weiß nicht, ob ich den Pazifik je wiedersehen werde.

Irgendwann setzen wir über ein Sandfeld, das so glatt wirkt wie der übrige Strand, und wahrscheinlich wäre auch gar nichts passiert, wenn der Wagen nicht gestoppt hätte. Bisher ist alles gut gegangen, doch dann stottert der Motor unter der unsachgemäßen Handhabung des Fahreleven. Der Wagen bäumt sich ein paarmal auf und mit einem Ruck bleibt er stehen. Wir lassen den Motor wieder an, aber die Räder stecken bereits fest und beim Versuch anzufahren, graben sie sich noch tiefer ein. Behutsam versuche ich zurückzusetzen, doch der Motor heult nur auf und das Auto schaukelt wie ein Irrer, der in eine Zwangsjacke gefesselt ist.

Die Vorderräder stecken im feuchten Sand als wären sie darin einbetoniert. Da nützen auch alle Fahrkünste nichts – wir müssen den Wagen ausgraben und hoffen, dass wir irgendwie wieder freikommen. Während also die eine Hälfte der Fahrgäste die Räder freischaufelt, sucht die andere stabile Äste und Bretter. Der Strand ist übersät mit Treibgut und so haben wir im Nu genug beisammen. Wir graben hastig und mit bloßen Händen, wie Piraten, die einen Schatz vor der anrückenden Royal Navy verstecken. Aber zur Eile besteht eigentlich kein Grund, denn die Flut würde erst in einigen Stunden einlaufen. Und dann glauben wir, dass unsere Anstrengungen weit genug gediehen sind. Voller Ungeduld wollen wir den Start versuchen.

Der Wagen ruckt kurz an, aber er schafft es nicht aus der Kuhle. Stattdessen graben sich die Reifen mitsamt Stöcken und Brettern noch tiefer in den feuchten Sand. Jetzt hat sich sogar die Karosse wie der Schild einer Planierraupe in die Erde geschoben. Ich habe das Gefühl, wir werden noch eine ganze Weile festsitzen. Langsam senkt sich die Dunkelheit herab und außer uns ist niemand am Strand. Die Küste scheint sich endlos in die Ferne zu erstrecken. Irgendwo in der Nähe des Horizonts verliert sie sich im Dunst des Meeres. Zwar sind wir in den nächsten Stunden noch sicher vor der Flut, doch mir will der weiße Streifen aus Sand schon jetzt viel schmaler erscheinen.

Wir überlegen, ob meine Frau ihren Onkel anrufen soll, damit er uns mit seinem Pickup aus dem Sand herauszieht. Mit schwindendem Tageslicht verlöschen Strand und Meer allmählich zu einer dunklen Schwarz-weiß-Fotografie. Die Farben schwinden und dort, wo das sinkende Tagesgestirn das Firmament allabendlich mit Rottönen tränkt, sieht man nichts als eine graue Wolkenfläche, die den Himmel bedeckt wie eine leere Leinwand. Wir wollten den Sonnenuntergang sehen, doch der Tag verdämmert als würde eine Kerzenflamme ersticken.

Durch das Halbdunkel kommt ein Motorrad. Erst als der Fahrer schon fast bei uns ist, erkennen wir, dass es sich um einen Polizisten handelt. Mir rutscht das Herz in die Hose, denn ich rechne damit, dass er uns mindestens einen strengen Verweis erteilt, weil wir es gewagt haben, seinen Strand mit dem Auto zu befahren. Er hält, steigt von der Maschine wie der Sheriff vom Pferd und nimmt das Malheur neugierig und auch ein wenig amüsiert zur Kenntnis. Unsere Beschämung ist vollständig, als er uns auch noch fragt, worin das Problem bestehe. Wir sind erleichtert, dass er uns nicht rügt – offenbar ist die Vergnügungsfahrt über den Strand keine Ordnungswidrigkeit.

Er steht lässig im Sand und beobachtete uns geraume Zeit dabei, wie wir aufgeregt wie die Hühner um das Auto laufen und uns den Kopf darüber zerbrechen, was zu tun sei. Er rät, wir sollten den Wagen ausgraben. Wir wagen nicht, ihn darauf aufmerksam zu machen, dass wir genau das schon probiert hätten. Die Motorrad-Polizisten in Ecuador sehen etwa so aus wie der T-1000 im „Terminator“ und zu widersprechen würde wahrscheinlich nur dazu führen, dass man „terminiert“ wird. Während wir graben, spaziert er lässig über den Strand. Irgendwann – er hat es nicht eilig – kommt er mit einem langen, stabilen Brett zurück. Ich frage mich, wie wir es übersehen konnten. Mit bloßen Händen schaufeln wir uns ein Stück näher an den Erdmittelpunkt heran, und als unsere Ausschachtungsarbeiten weit genug gediehen sind, platzieren wir die Rampen.

Einer fährt und alle anderen müssen schieben – selbst unser Polizist hilft mit, freilich so, wie der Kapitän seiner Crew dabei helfen würde, das Rettungsboot zu Wasser zu lassen. Der Motor heult auf, die Kupplung greift und rückwärts zieht die Maschine den Wagen so leicht aus dem Loch, als hätte er sich nie eingegraben. Ich schiebe direkt vor einem der Vorderräder. Das Rad dreht plötzlich durch und eine Fontäne aus Sand und Schlamm sprudelt mir ins Gesicht. Der Wagen ist frei, aber ich sehe nun aus wie einer der Typen, die sich bei Urwald-Trophies werbewirksam als „echte Kerle“ profilieren. Vielleicht sind Schlamm und Dreck die Wegmarken zum Männerruhm – ich nehme es als Auszeichnung. Ausgerechnet an diesem Tag trage ich ein weißes T-Shirt. Selbst nach dreimaligem Waschen sind die Dreckflecken noch sichtbar.

Unser Polizist entlässt uns mit einer lässigen Geste – geht doch! Wir danken ihm für die Hilfe. Er zieht von dannen in der sicheren Gewissheit, wieder einmal ein paar einfältigen Fremden aus der Patsche geholfen zu haben. Ohne Eile steigt er auf seine Maschine und Augenblicke später ist er auch schon verschwunden. Wir sind nun allein am Strand. Die Sonne ist längst untergegangen. Himmel und Ozean verschmelzen als graue Schemen mit der Dunkelheit. Noch immer lässt die Flut auf sich warten. Erst in einigen Stunden würde das Meer den Strand wieder in Besitz nehmen. Doch wir haben keine Veranlassung, länger zu verweilen. Wir fahren zurück nach Bahía.

Strand-Rallye

Das Leben in Bahía besteht natürlich nicht nur aus Sonne, Strand und Frohsinn. Meine Frau hat sich schon seit längerer Zeit mit dem Wunsch getragen, den Friedhof zu besuchen, und eines Morgens fahre ich sie mit dem Auto dorthin und begleite sie. Es ist zwar erst früher Vormittag, aber es ist heiß wie in einer Sauna und nachdem ich das klimatisierte Innere des Wagens verlassen habe, bin ich augenblicklich in Schweiß gebadet. Angezogen von dem verführerischen Schweißgeruch, stürzen sich Schwärme von Mosquitos sogleich angriffslustig auf jede freie Hautstelle.

Wir finden den Platz mit den Gräbern der Großeltern meiner Frau nicht sofort und irren wie zwei Touristen, die sich verlaufen haben, auf dem labyrinthischen Gottesacker umher – für die Mücken Zeit genug, erst einmal in aller Ruhe ein gehaltvolles Frühstück zu tanken. Meine Frau legt Blumen nieder und nach einer kurzen Andacht geht es schon wieder zurück. Länger hätte man es ohnehin nicht ausgehalten, wegen der Hitze und wegen der stechlustigen Plage. Als wir zum Auto zurückkehren, ist meine Haut von Schwellungen übersät und sieht aus wie eine Hügellandschaft; die Stiche wachsen sich zu eitrigen Beulen aus und jucken noch Tage später so höllisch, dass ich an die Decke gehen könnte.

Gegen Mittag fahren wir zu einer Landzunge nördlich von San Vicente. Ein breiter Sandstreifen ragt dort wie ein Dorn dreihundert Meter in die glitzernde Weite des Ozeans hinein. Bei Ebbe ist der Strand breit wie ein Fußballplatz und flach wie ein Teller. An einer Stelle gibt es eine Zufahrt und man kann mit dem Auto bis auf den Strand fahren und diesem sogar noch entlang der Küste folgen, wenn man will. In Deutschland wäre das natürlich strengstens verboten, aus vielerlei Gründen, nicht zuletzt, weil der Amtsschimmel schlicht an Langeweile eingehen würde, wenn er nicht alle Naselang Verbote aufstellen und deren Einhaltung überwachen könnte. Wie man weiß, sind Bußgelder ein substantieller Bestandteil des kommunalen Budgets.

Aber wir sind hier in Ecuador und die Polizei kümmert sich hierzulande lieber darum, mehr schlecht als recht den Verkehr zu regeln, oder man sieht sie irgendwo einfach nur gravitätisch und gleichermaßen nutzlos herumzustehen. Dabei gäbe es mehr als genug zu tun: Die Gesetzeshüter könnten zum Beispiel versuchen, die vielen Wohnungseinbrüche aufzuklären; sie könnten die Leute davon abhalten, den Müll einfach aus dem Fenster ihres Autos zu werfen. Die illegale Müllentsorgung ist so weit verbreitet, dass man sie fast schon als gute alte Landessitte ansehen muss. Manches Teilstück der neuen Autopistas ist links und rechts des Asphalts bereits flächendeckend zugemüllt. An einigen Aussichtspunkten, die man nach US-Vorbild an landschaftlich besonders reizvollen Stellen angelegt hat, empfangen den Reisenden stinkende Halden aus Haus- und Sperrmüll. Man könnte fast den Eindruck gewinnen, die Ecuadorianer mögen ihr Land nicht sonderlich.

Da es allgemein üblich ist, mit dem Auto zum Strand zu fahren, müssen auch wir kein schlechtes Gewissen haben, zumal der Wagen fast neu ist und die Ölwanne dichthält. Wir sind an diesem Tag nicht die einzigen motorisierten Strandbesucher, denn mit uns kurvt ein halbes Dutzend weiterer Wagen fröhlich durch den Sand. Wir hatten lediglich beabsichtigt, ein paar hundert Meter den Strand hinauf zur Landspitze zu ziehen, aber als wir dort angekommen sind, sehen wir manchen der Strandbesucher weiter nach Norden fahren. Der Strand schlängelt sich flach und glatt wie eine Autobahn an der Küste entlang. Bei Ebbe gelangt man mit dem Wagen bis nach Briceño, einen kleinen Badeort kurz vor Canoa. Erst hinter Briceño wird der Strand dann immer schmaler und Felsen versperren den Weg gleich den Mauern eines Festungsgürtels.

Im Innern der Landzunge hatte die Flut einen riesigen Gezeitentümpel zurückgelassen. Das flache, spiegelglatte Gewässer hat die Ausmaße eines Sees; man könnte darauf sogar segeln oder Wasserski fahren. Am Ufer hat sich eine Fischerfamilie unter einem schattenspendenden Baldachin niedergelassen. Der Fischer wirft träge das Netz aus. Die Kinder spielen im flachen Wasser oder rennen quietschend und schreiend am Ufer entlang – halbnackte Wilde in ihrem Paradies. Später, nachdem die Hitze und das Toben sie ermattet haben, ruhen sie wie Könige unter ihrem roten Baldachin.

Es ist heiß wie in einem Backofen und die Sonne brennt aus einem schmerzhaft gleißenden Himmel erbarmungslos auf den Strand hernieder. Man hat den Eindruck, Nadeln würden sich einem in den Schädel bohren, so grell gleißt der Strand im hellen Sonnenlicht. Der Sand streut die Helligkeit in alle Richtungen, so dass das Auge nirgendwo Linderung findet. Ich war klug genug, mir eine Cap mitzubringen, denn ohne Schutz hätte mein Hirn zu kochen angefangen wie ein Blumenkohl im Schnellkochtopf. Nur selten streicht an diesem Tag eine kühlende Brise über den Strand und wenn sich doch einmal ein Lüftchen hierher verirrt, fühlt es sich glühend heiß an wie die Winde über der Atacama.

Mit dem Auto folgen wir dem Strand nach Norden. Es tut gut, den Schweiß für einen Augenblick im kühlen Luftstrahl der Klimaanlage trocknen zu lassen. Die Piste ist fast hundert Meter breit und die letzte Flut hat den Sand zu einer betonharten Schicht verfestigt. Besucher gibt es nicht und der Wagen rollt leicht dahin über den Strand, der so ausgedehnt erscheint wie das Rollfeld eines Flughafens. Die Autos vor uns sind längst im Dunst irgendwo weiter die Küste hinauf verschwunden und hinter uns ist ebenfalls niemand zu sehen. Der Strand wirkt verwaist wie am Tage nach der Schöpfung.

Ich lasse meinen Sohn das Steuer übernehmen – was soll schon passieren, schließlich hat der Wagen Automatik und Gefahr, dass jemand überfahren wird, besteht auch nicht. Cool wie ein professioneller Rallye-Pilot nimmt er im Fahrersitz Platz und dann treibt er den Wagen mit Sechzig über die sich scheinbar endlos hinziehende Sandpiste. Ich muss ihn immer wieder zügeln, aber die fast unendliche Weite des Strandes verlangsamt die Bewegung und man könnte noch viel schneller fahren und würde dennoch den Eindruck haben, man krieche langsam dahin wie eine Schnecke.

Wir fahren bis nach Briceño. Rauschende Palmenhaine und grüne Hügel ziehen an uns vorbei, Strandhäuser und Berge von Treibgut, die der Ozean mit der letzten Flut ans Land geworfen hat. Kurz vor der Stadt treffen wir auf eine Gruppe von etwa zwei Dutzend Einheimischen, die damit beschäftigt sind, etwas im Sand zu suchen. Die Szene wirkt so archaisch, dass ich mich für einen kurzen Augenblick in eine ferne prähistorische Zeit zurückversetzt glaube. Die Leute knien auf dem Strand und zerreiben den feuchten Sand zwischen den Fingern. Wenn ihre akribische Suche etwas zutage gebracht hat, stecken sie es in ein winziges Eimerchen, das jeder von ihnen bei sich hat. Man kann nicht erkennen, was sie sammeln, denn es ist zu klein.

Wir halten und meine Frau fragt ein Mädchen von etwa zehn Jahren, was sie denn da im Sand suchten. Das Mädchen bringt ein paar kaum verständliche Sätze hervor und spricht, als hätte es überhaupt keine Ahnung, was es da eigentlich tue (unser Sohn wundert sich und fragt uns leise, ob das arme Ding nicht ganz richtig im Kopf sei). Trotz mehrfachen geduldigen Nachfragens ist aus ihm nicht herauszubringen, was es ist, wonach man so angestrengt sucht. Ein paar der Erwachsenen gucken schon, als wären wir Sittenstrolche auf der Suche nach einem schnellen Abenteuer. Meine Frau stellt die Befragung frustriert ein und wir drehen bei. Wahrscheinlich hatte man dem Kind eingeschärft, niemandem zu verraten, was man da tue. Ich vermute, die Leute waren auf der Suche nach Muschelstücken und Korallen, aus denen man Schmuck herstellen kann. Vielleicht hat man in dieser Gegend ein Monopol, das man eifersüchtig zu hüten bestrebt ist, und da kann man natürlich niemandem trauen, selbst wenn es sich augenscheinlich nur um harmlose Touristen wie uns handelt.

Mein Sohn fährt uns auch wieder sicher zurück zur Landspitze und stolz überlässt er mir schließlich das Steuer – so einfach kann Autofahren sein! Am Ausgang des Strandes, nur wenige Schritte vom spiegelnden Asphalt der Straße entfernt, hat ein Kokosverkäufer seinen Stand aufgebaut. Wie ein mächtiger Kazike liegt er in seiner Hängematte und wartet darauf, dass ihm die Straße die durstige Kundschaft direkt in die Arme treibt. Auf dem Schild an seinem Verkaufsstand soll man lesen „Se vende coco helado“ (eisgekühlte Kokosnuss zu verkaufen), geschrieben steht aber „Seven de coco hela do“. Völlig perplex, sinne ich geraume Zeit darüber nach, welche mystische Bedeutung die Zahl Sieben wohl im Zusammenhang mit Kokosnüssen haben könnte, bis mir plötzlich aufgeht, dass es sich keinesfalls um ein pythagoräisches Zahlenrätsel handelt, sondern bloß um eine simple Anzeige. Wir kaufen ein paar Cocos, denn bei dieser Hitze gibt es nichts Besseres, als den Durst mit kaltem Agua de coco (Kokoswasser) zu stillen.

Ein paar Meter entfernt sitzt ein Junge am Straßenrand. Er wartet augenscheinlich auf den Bus, der entweder jeden Augenblick wie eine Fata Morgana aus der flimmernden Hitze auftaucht oder niemals kommt. Wir fragen, ob wir ihn mitnehmen können. Er nimmt unser Angebot an und wir fahren ihn zurück nach San Vicente, wo, wie er sagt, sein Onkel auf ihn warte. Meine Frau versucht ein wenig Konversation zu treiben, aber die ungewöhnliche Tatsache, dass ihn jemand Wildfremdes mit dem Auto mitgenommen hat, und der Umstand, dass das Auto auch noch vollgestopft ist mit neugierigen Gringos, scheinen ihn über alle Maßen zu beeindrucken. Er bringt kaum ein Wort heraus. Wir setzen ihn in San Vicente ab und fahren weiter zum „Pelícano“, denn so ein Strandausflug macht unglaublich hungrig.