Leibesertüchtigung

Gestern habe ich in Cumbayá zum ersten Mal ein Fitness-Studio besucht. Ich kann einfach nicht ohne Sport leben. Für jemandem, der noch nie bewusst Sport getrieben hat und der körperlicher Betätigung eher reserviert gegenübersteht, mag es schwer einzusehen sein, was so toll daran ist, in ein Sportstudio zu gehen: Menschen schwitzen und schnaufen, man muss sich bewegen und es ist anstrengend. Zwar halte ich es nicht mit dem großen Arnold Schwarzenegger, der seinerzeit auf dem Gipfel seines sportlichen Ruhmes meinte, Gewichte stemmen verschaffe ihm ein Gefühl, das er wörtlich als Orgasmus beschrieb, aber ganz Unrecht hat er natürlich nicht, denn nach einem guten Workout fühlt man sich einfach nur phantastisch. Nach einem guten Training ist die Welt in Ordnung, alle Sorgen haben sich – zumindest für eine Weile – in Luft aufgelöst und man fühlt sich einfach nur gut. Studien haben übrigens ergeben, dass Gewichte stemmen eine ähnlich positive Wirkung auf die Stimmung hat wie die gängigen Psychopharmaka.

Meine Frau und mein Sohn hatten einige Tage zuvor schon einmal ein Probetraining absolviert und lobten das Studio in den höchsten Tönen. Als alter Fitness-Profi war ich natürlich skeptisch, denn was der Laie als gut befindet, muss das Auge des Experten noch lange nicht erfreuen. Dennoch bin ich voller Vorfreude und Tatendrang mit ihnen zum Studio gefahren, ungeduldig der Dinge harrend, die auf mich warteten.

Das Studio mit dem vielversprechenden Namen „Physique“ befindet sich in der obersten Etage der größten Shopping-Mall Cumbayás, des Centro Comercial San Francisco. Wir hatten für den Abend einen Probetermin vereinbart. Wir kamen etwas später, aber niemand nahm uns die Verspätung übel, denn erstens sind wir in Ecuador und zweitens versprachen sich die Angestellten des Studios offenbar eine Provision für den Fall, dass wir einen Vertrag unterschrieben. Da wird man nicht so kleinlich sein und genau auf die Uhr sehen.

Die Mall ist so riesig, dass man schon zehn Minuten benötigt, um vom einen Ende zum anderen zu laufen. Das Einkaufszentrum ist praktisch neu, aber Käufer sah man an diesem Abend kaum. Die Flure lagen fast völlig verwaist, manche Geschäfte sind leer und andere stehen vor der Geschäftsaufgabe, was unschwer an den stark reduzierten Preisen abzulesen ist. Es heißt, das Centro Comercial sei ein gigantischer Flop und auf absehbare Zeit würde es sich nicht rentieren. Man munkelt, dass man es vielleicht sogar wieder schließen werde. Die Investitionen wird man wohl abschreiben müssen. Ich kann nicht allzu viel Mitleid mit den Bauherren empfinden.

Bevor wir zum Studio fuhren, haben wir noch schnell einen Cyber-Shop besucht (landläufig Cyber genannt – „Sieber“ ausgesprochen). Da wir selber noch keinen Internetanschluss in den eigenen vier Wänden haben und meine Frau ihr Datenvolumen auf dem Handy ausgeschöpft hat, ist das die einzige Möglichkeit, sicher ins Internet zu kommen. Am Ende dauerte es länger als geplant, was eigentlich nicht die Ausnahme, sondern die Norm ist, und dann musste ich auch noch meine Sportsachen holen. Zwar liegt der Cyber-Shop nur ca. zweihundert Meter von unserer Wohnung entfernt, aber man muss eine Steigung emporklimmen, um dorthin zu gelangen – auf zweitausend Metern Meereshöhe eine sportliche Herausforderung. Kaum zurück, fiel mir ein, dass ich meine Maus im Shop vergessen hatte. Meine Frau und mein Sohn saßen bereits im Bus, der startbereit wartete. Ich hatte wenig Hoffnung, die Maus an meinem Computerplatz wiederzufinden. Seit ich denken kann, erzählte mir meine Frau wahre Horrorgeschichten über die Kriminalität im Lande und da ich mich nicht auskenne, war ich gewogen, ihr zu glauben. Mittlerweile denke ich, sie übertreibt. Selbstverständlich gibt es Kriminalität, selbstverständlich werden Dinge gestohlen, aber ich bin überzeugt, die meisten Ecuadorianer sind so ehrlich wie meine Nachbarn in Berlin [Anmerkung des Autors: Nach einem Jahr Ecuador war ich gezwungen, meine Meinung gründlich zu revidieren. Siehe auch hier und hier.]

Als ich in die Tür des Cyber-Shops haste – ich muss immer den Kopf einziehen, weil der Türsturz so niedrig ist –, überreicht mir die Besitzerin die Maus, noch bevor ich etwas sagen kann. Der Laden ist voll und irgendjemand hat sie ihr gegeben. Sie lächelt und ich bedanke mich artig. Dann renne ich zum Bus und springe in den Einstieg, während der Fahrer schon Gas gibt – gerade noch geschafft.

Das Fitness-Studio macht einen ordentlichen Eindruck. Alles ist sauber und gepflegt, die Trainingsgeräte sind neu und die Trainer grüßen freundlich. Es gibt einen Cardiobereich, ein Areal für Freihanteln und eine Etage höher befindet sich eine Laufbahn. Es gibt einen Kurs- und einen Spinningraum. Die Geräte sind von Techno-Gym, einem renommierten italienischen Hersteller. Müsste man das „Physique“ mit einem bekannteren Studio vergleichen, würde man am ehesten das Fitness First heranziehen: Optik und Ausstattung sind ähnlich und auch die Trainer zeigen dasselbe debile Dauerlächeln. So weit, so gut.

Das Studio firmiert als Wellness-Club. Demzufolge steht nicht das Training, sondern das Wohlfühlen im Vordergrund. Es liegt mir fern, die Kompetenz der Trainer in Frage zu stellen – sicher verstehen sie ihr Handwerk –, wenn ich aber ein Studio besuche, ist mir nicht wichtig, ob die Trainer mich grüßen oder ob es einen Handtuchservice gibt. Mich interessiert vielmehr, wie gut das Trainingsangebot ist: Gibt es die Möglichkeit, Kniebeugen, Kreuzheben, Bankdrücken und Klimmzüge auszuführen – das ist, was mich interessiert. Das „Physique“ verfügt weder über einen Platz für Kniebeuge bzw. fürs Kreuzheben, noch über eine Klimmzugstange. Sicher, es gibt einen Spinningraum, es gibt Kurse, es gibt eine Sauna und eine Laufbahn. Aber brauche ich das alles? Ich will Hanteln, kein Wellness. Die meisten der Trainierenden sehen eher wie sportelnde Büromenschen aus, Leute, die einmal pro Woche ihr Alibitraining absolvieren. Man sieht ihnen nicht an, das sie Sport treiben. Und von den durchtrainierteren Besuchern haben zwar einige einen relativ gut entwickelten Oberkörper vorzuweisen, die Beine sind jedoch dünn. Wie sollten sie auch anders aussehen, da es keine Möglichkeit gibt, die Oberschenkel so zu trainieren, wie es sich gehört.

Meine Frau war ganz enttäuscht, als ich ihr eröffnete, dass das Studio nicht für mich geeignet sei. Außerdem fand ich den Preis viel zu hoch: 46 Dollar wären pro Monat zu entrichten. Das würde sich für mich nicht lohnen, denn schließlich möchte ich das Wellnessprogramm gar nicht in Anspruch nehmen. Warum sollte ich also dafür zahlen?

Es gibt in Cumbayá noch weitere Studios. In den nächsten Tagen werde ich versuchen, einige von ihnen zu besuchen, um mir einen Eindruck zu verschaffen, und ich hoffe, dass ich dort das finde, was ich suche: Eisen.

Wohnen in Cumbayá

Wir verbringen unsere erste Nacht in unserem Heim in Cumbayá. Noch ist die Wohnung fast kahl – außer ein paar Matratzen gibt es keine Möbel – doch schon am nächsten Tag sollen Sofa, Waschmaschine und Barhocker für unsere Küche geliefert werden. Herd und Kühlschrank sind schon da und müssen nur noch angeschlossen werden. Noch gibt es keinen Fernsehen, kein Telefon und kein Internet, so dass man das Gefühl hat, man sei von der übrigen Welt abgeschnitten. Ich könnte in ein Internetcafé gehen, aber das Haus, in dem wir wohnen, liegt in einiger Entfernung zum Zentrum von Cumbayá. Ich müsste erst ein Taxi nehmen oder den Bus, der zwar regelmäßig, aber nur in großen Abständen fährt. Aber eigentlich habe ich keine Lust und bleibe deshalb zuhause.

Für den Abend ist eine Mieterversammlung anberaumt. Das einzige Thema ist die Sicherheit. Abgesehen von der Sprache, merkt man, dass man sich nicht in Deutschland befindet, unter anderem sofort daran, mit welchem emotionalen Engagement hier Themen diskutiert werden. Zwischen den etwa zehn Personen, die sich in dem kleinen Gemeinschaftsraum der Wohnanlage versammelt haben, entspinnt sich sogleich eine lebhafte Diskussion. Da fliegen die Fetzen und manche der Anwesenden sind hochgradig erregt. Das Thema ist brisant, denn die Kriminalitätsrate ist in Ecuador ungleich höher als in Deutschland. Jeder, der etwas besitzt, ist in Gefahr, Opfer eines Überfalls zu werden, und ein Haus wie dieses zu bewohnen, ist für nicht wenige Leute hierzulande der Beweis, dass man reich ist. Erst neulich, so erfährt man, seien Unbekannte in das Parkgeschoss eingedrungen und hätten versucht, ein Auto zu knacken. Die Bewohner der Anlage diskutieren geschlagene drei Stunden, ehe ihnen schließlich die Puste ausgeht.

Sicherheit ist ein großes Thema. Alle Wohnanlagen in der Umgegend – auch unsere – sind mit Mauern, Elektrozäunen, Warnmeldern, Scheinwerfern und allen nur denkbaren Einbruchsicherungen versehen. Und es gibt tatsächlich etwas zu holen: manche der Anwesen sind überaus luxuriös ausgestattet, mit englischem Rasen, Pools, Pavillons und Gärten. Die Häuser sind ein Traum, mal ganz schlicht im Bauhausstil, mal ausladend postmodern oder klassisch im spanischen Kolonialstil mit wunderschönen Ziegeldächern und Brunnen vor dem Eingangsportal. Von außen wird der Blick durch hohe Mauern abgeschirmt.

Von der Straße aus betrachtet, machen selbst die luxuriösesten Anwesen kaum Eindruck auf den Betrachter. Understatement ist Teil der Strategie. Lediglich die Länge der vier Meter hohen Mauern gibt einen Hinweis auf die Größe des Grundstücks, aber nur, wenn sich zufällig einmal die Pforten öffnen, wenn etwa das Dienstpersonal zum Einkaufen geschickt wird oder die Gärtner ihre Arbeit verrichtet haben, kann man einen Blick ins Innere erhaschen. Zusätzlich zu allem technischen Sicherungsaufwand ist am Tor oft noch ein Wächterhäuschen aufgestellt, von dem aus der Mitarbeiter einer Wachschutzfirma den Eingang kontrolliert. Manch einer zieht gleich in eine Guarded Community, eine Wohnanlage mit Wachschutz. Ein Freund unserer Familie besitzt ein Haus in einer solchen Anlage. Das Prozedere ist etwas umständlich, aber Sicherheit geht bekanntlich vor: Man kommt nur hinein, wenn man dort wohnt oder von einem der Residenten eingeladen wurde. Der Posten fragt nach dem Namen und ruft den Bewohner an und erst, wenn dieser seine Zustimmung gibt, darf man hinein. Es muss ein wirklich demütigendes Erlebnis sein, durch die Sprechanlage hindurch abgewiesen zu werden.

Nach der abendlichen Versammlung kam noch ein Mann vorbei, um sich die Mängel in unserer Wohnung anzusehen (einige Griffe sind locker). Ich dachte erst, unser Besucher sei der Hausmeister, aber dann erfuhr ich, dass es sich um den Besitzer der Wohnanlage handelte. Dem Anschein nach war er noch keine vierzig. Auf dem Grundstück stehen mehrere Häuser mit insgesamt vielleicht zehn oder zwölf Wohneinheiten. Manche der Apartments kann man mieten, andere wurden verkauft. Man hört, dass eine Wohneinheit 150.000 Dollar kostet – dafür bekommt man hier schon ein schmuckes Haus, das auch nicht zu klein ist. Trotz des für ecuadorianische Verhältnisse nicht gerade einladenden Preises sind alle Einheiten verkauft und auf den Grundstücken nebenan wird eifrig an weiteren Apartment-Häusern gebaut.

Kaufrausch in Quito

Heute wurden Kühlschrank, Herd und Matratzen in unsere neue Wohnung geliefert. Wir haben eine Wohnung in Cumbayá angemietet, weil das Colegio Alemán (die Deutsche Schule Quito), in der meine Frau als Lehrerin arbeiten und die unser Sohn besuchen wird, ganz in der Nähe liegt. Zwar wäre es reizvoll gewesen, in Quito selbst zu wohnen, allerdings hätten wir dann jeden Morgen einen ziemlich langen und stressigen Anfahrtsweg zu bewältigen gehabt. Die letzten Tage haben wir in der Wohnung einer Bekannten meiner Frau verbracht. Von dort sind es mindestens zwanzig Minuten mit dem Taxi nach Cumbayá. Schon am Vortag musste ein Transporter für den nächsten Morgen bestellt werden, denn ein normales Taxi hätte alle unsere Koffer und Neuanschaffungen nicht in einer Tour bewältigen können. Bis 10:00 Uhr mussten wir in unserer neuen Wohnung sein, weil dann Kühlschrank, Herd und Matratzen geliefert werden sollten. Was sollte da schon schief gehen, dachte ich mir.

Schon gegen 7:00 Uhr klingelte uns der Fahrer, der den Kühlschrank liefern sollte, aus dem Bett. Er wäre in einer halben Stunde bei der Wohnung – ob uns das recht sei. Wir erklärten ihm, dass wir erst ab 10:00 Uhr den Kühlschrank entgegennehmen könnten. Etwas später rief der Fahrer des Transporters an. Er meinte, er könne die Tour heute nicht machen, weil er nicht nach Quito fahren dürfe. Das hat folgende Bewandnis: Um den Verkehr nach Quito zu regulieren, hat man beschlossen, dass an bestimmten Wochentagen Fahrzeuge mit einer bestimmten Endnummer auf dem Nummernschild nicht nach Quito oder heraus fahren dürfen, an anderen Tagen wiederum Fahrzeuge mit anderen Endnummern usw. Heute war eben der Transporter dran – wie hätte der gute Mann auch wissen sollen, dass er ausgerechnet an diesem Tag nicht fahren kann. Meine Frau regte sich furchtbar auf, denn schließlich hatten wir einen Termin zu halten und der Fahrer hatte sein Wort gegeben, pünktlich zu sein. Nach vielem Hin und Her sagte er schließlich zu, einen anderen Transporter zu schicken. Leider kam der nie an, so dass wir am Ende doch gezwungen waren, zwei Taxis zu bezahlen.

Während der Fahrt schaute ich aus dem Fenster und ließ die Eindrücke auf mich wirken. Plötzlich sah ich etwas, das mir bekannt vorkam: Das Taxi hatte an einer Ampel direkt vor dem Colegio Italiano gestoppt, und als ich aus dem Fenster blickte, sah ich vor dem in die Jahre gekommenen Gebäude die Statue des „Sterbenden Galaters“ aus Pergamon stehen. Die Autoabgase hatten zwar den Firnis der Betonreplik schon etwas angegriffen, aber es war unzweifelhaft der Galater. Es ist schon merkwüdig, in welchen Verwandlungen einem bekannte Dinge manchmal entgegentreten.

Der Kühlschrank wurde geliefert, aber es zeigte sich, dass die Tür defekt war. Also wurde alles wieder eingepackt und mitgenommen. Der neue Schrank kam dann zwei Stunden später. Vorher war schon der neue Herd angekommen, denn daran fehlte es ebenfalls. Seit die Regierung beschlossen hat, Gasöfen allmählich aus dem Verkehr zu ziehen und ganz auf Induktionsöfen setzt, gibt es keine mit Gas betriebenen Öfen mehr zu kaufen. Einmal die Woche kommt ein Lkw und bringt volle Gasflaschen im Tausch gegen leere. Früher wurde so jeder Winkel Ecuadors mit Gas versorgt, doch jetzt hat man begonnen, das Versorgungsnetz auszudünnen, um die Leute dazu zu bringen, Induktionsöfen zu kaufen. Wir haben den neuen Ofen, der übrigens aus ecuadorianischer Produktion stammt, gleich mit einer ersten Mahlzeit eingeweiht – es gab Spaghetti. So ein Induktionsofen ist eine tolle Sache: alles wird unglaublich schnell warm, viel schneller als bei Gas. Die schöne neue Küchenwelt hat aber ihren Preis und etwas Billiges findet man nicht. Einen Tag vorher hatten wir schon einmal vorsorglich einen Topf und eine Pfanne gekauft. Der Topf, der nicht mal sehr groß ist, hat sechzig Dollar gekostet und die Pfanne vierzig.

Während meine Frau und mein Sohn in der Wohnung darauf warteten, dass Herd und Kühlschrank geliefert wurden, fuhren mein Schwager und ich los, um ein paar Einkäufe zu machen. Wir brauchten solche alltäglichen Dinge wie Bodenreiniger, Putzschwämme, Kleiderbügel, Waschpulver, Wäscheklammern und fast alles, was in jeder normalen Wohnung im Überfluss vorhanden ist. Wir fuhren also von Santa Inés, das ist der Distrikt von Cumbayá, in dem unsere Wohnung liegt, ins Zentrum von Cumbayá. Auf der Hinfahrt nahmen wir kein Taxi und so dauerte es bestimmt eine Stunde, bis wir endlich den Supermarkt erreichten. Wir mussten einmal umsteigen und die Busse, die wir nahmen, rasten schon los, bevor wir überhaupt eingestiegen waren. Man hält sich dann einfach am Türgriff fest und schwingt sich wie Indiana Jones in den Bus.

Wir kauften bei „Tia“ ein. Das ist eine Supermarktkette im preisgünstigeren Segment. Am Ende waren es dann aber doch hundert Dollar und wir hatten gerade so das Nötigste besorgt. Das reichte, um etwa zehn Einkaufstüten zu füllen (und die Tüten sind wirklich klein, kein Vergleich mit denen, die man beim deutschen Discounter bekommt). Zurück fuhren wir mit dem Taxi – ich hätte mir auch nicht vorstellen können, wie wir uns mit vollen Tüten in den fahrenden Bus hätten schwingen sollen. Die Fahrt dauerte nur wenige Minuten und kostete am Ende 1,80 Dollar. Ich hatte nur einen Zehn-Dollar-Schein, aber auch den konnte mir der Fahrer nicht wechseln. Mit Mühe und Not kratzten wir etwas Kleingeld zusammen.

Am Abend, als wir mit dem Taxi zurück nach Quito zu unserer provisorischen Unterkunft fuhren, rief die Bank an und bestätigte, dass sie die Finanzierung für unser Auto bewilligen wolle. Das ist eine gute Nachricht, denn ohne ein Auto ist man in Ecuador wirklich aufgeschmissen. Sicher, man kann den Bus nehmen, aber erstens muss man denn viel Zeit mitbringen und zweitens muss man sportlich sein und die Herausforderung lieben. Billig ist es allemal und man kommt auch überall hin. Wer das Abenteuer sucht, wird den Bus lieben.

Unser Heim, unsere Möbel

Heute haben wir endlich den Vertrag für die Wohnung unterschrieben, die für die nächste Zeit der Mittelpunkt unseres Lebens sein wird. Das Haus hat drei Etagen. Es gab keinen Vormieter, alles ist nagelneu – an vielen Stellen sieht man noch die Bleistiftmarkierungen der Zimmerleute und Fliesenleger. Bis auf die Schränke und eine Spüle ist unser neues Heim so leer wie eine Ausnüchterungszelle der Nachtwache. Dadurch wirken die Räume noch größer als sie ohnehin schon sind. Es gibt einen Balkon, ein Gemeinschaftsgrundstück und eine Dachterrasse, die so riesig wie ein Tenniscourt ist. Ich habe gleich nachgefragt, ob man dort grillen dürfe – aber selbstverständlich, war die Antwort. Vorn blickt man auf einen Stadtteil von Cumbayá und die Berge. Ganz in der Nähe wird gerade ein neues Gebäude hochgezogen; die Maurer verputzen schon die Wände, aber es wird wohl noch eine Weile dauern, bis die Baustelle vor unserer Haustür verschwunden ist. Hinter dem Haus gibt ein ein kleines Stückchen Land, auf dem eine Kuh friedlich grast.

Wir sind hier angekommen wie Flüchtlinge, wir besitzen nichts. Doch sind wir natürlich nicht wirklich mittellos, aber wir sind auch nicht so gut betucht, dass wir alle unsere Ausgaben aus der Portokasse bestreiten könnten. Und Ausgaben werden auf uns zukommen, so viel ist sicher. Alles ist unglaublich teuer, viel teurer als in Deutschland. Insbesondere die Anschaffung von Elektrogeräten bedeutet einen Schlag ins Kontor. Wer hier seit längerer Zeit lebt, konnte die Anschaffungen wenigstens nach und nach tätigen. Wir müssen alles auf einmal kaufen – Matratzen, Herd, Kühlschrank, Töpfe, Pfannen, Besteck, Tisch, Stühle und all die anderen Dinge, die man als zivilisierter Mensch braucht. Wir haben schon mal Matratzen gekauft, die dann im Laufe der Woche geliefert werden. Der Kauf selbst war eine Qual, denn meine Frau konnte sich nicht entscheiden, ob sie lieber die etwas härtere oder die etwas weichere Variante haben möchte. Dann versuchte uns der Verkäufer auch noch das teurere Modell anzudrehen. Schließlich aber war der Kauf perfekt und alle waren zwar erschöpft, doch glücklich. Wir besorgten noch Kissen und Decken, denn zwar liegt Cumbayá – so heißt der Ort, an dem wir wohnen werden – um einiges tiefer als Quito, dennoch sind die Nächte ziemlich kalt und eine kuschelige Decke braucht man auf jeden Fall.

Wir kamen nicht umhin, auf unserer Einkaufsodyssee das Quicentro, eine der größten Malls der Stadt, zu besuchen. Für mich sehen alle Malls gleich aus – man hätte sich auch in irgendeinem Shoppingzentrum in Dallas, New York, London oder Berlin befinden können. Meinem Gefühl nach ist das Quicentro deutlich größer als etwa das Alexa oder die Mall of Berlin, was aber einfach nur am Grad meiner geistigen und körperlichen Erschöpfung gelegen haben mag. Alle großen internationalen Marken sind vertreten – nichts Besonderes also. Der Aufenthalt in dieser Mall wäre nicht weiter bemerkenswert gewesen, hätte ich nicht nach endlosen, schmerzhaft empfundenen Stunden der Suche nach dem Goldenen Vlies auf die Toilette gemusst – unglaublich, was man dort zu sehen bekommt: Die Türen der Toilettenkabinen bestehen aus Glas und sind halbdurchsichtig. Zwar kann man von draußen nicht hineinsehen (wer möchte schon wissen, was dort vor sich geht!), von innen kann man aber sehr wohl alles sehen, was sich vor der Tür abspielt. Es ist schon merkwürdig, auf dem Klo zu sitzen und das Gefühl zu haben, die Kloschüssel stünde mitten im Raum und alle laufen an einem vorbei, ohne Notiz zu nehmen.

Das ist aber noch nicht alles, was die Sanitäreinrichtungen der Mall an Attraktionen zu bieten haben! Auf der anderen Seite befinden sie die Batterien mit den Pissoirs, ungefähr zwölf in einer Reihe, und über jedem einzelnen hängt tatsächlich ein Bildschirm. Man sieht weiße Federwolken über einen azurblauen Himmel treiben. Das hat etwas sehr Beruhigendes; man fühlt sich augenblicklich entspannt und man wird von dem unwiderstehlichen Verlangen gepackt, es einfach ungehemmt fließen zu lassen. Jedem, der das sieht, wird augenblicklich klar: So viel Fortschritt braucht die Menschheit!

Zuvor statteten wir einem Möbelhaus, das uns empfohlen worden war, einen Überraschungsbesuch ab. Wir hatten keinen bestimmten Vorsatz, etwas zu kaufen, aber schon als wir durch die Tür kamen, stach uns ein Sofa förmlich ins Auge und der Entschluss war bereits gefasst, ohne dass wir darüber noch einmal nachdenken mussten. Unsere neue Wohnung ist noch vollkommen leer, aber sitzen möchte man ja schon dann und wann. Das Geschäft mit dem Namen Colineal ist in der besten Einkaufsstraße Quitos angesiedelte und bietet auf drei Etagen edle Möbel und Accessoirs für den Mann oder die Frau mit Stil. Das Colineal ist ein Möbelgeschäft ganz anderer Art als jenes, das wir einige Tage zuvor besucht hatten (Möbel bis zur Wellblechdecke, Träger hasten ameisenhaft durch die Klüfte zwischen den Möbelbergen). Was man sieht, ist teuer, aber dafür von höchster Qualität. Selbst die Dekorationen sind echt: Auf dem Tisch und im Regal der Ausstellung standen drei Flaschen Heineken. Als ich eine nahm, merkte ich, dass es echte Flaschen waren. Das Bier hätte man trinken können, wäre es nur nicht so warm gewesen.

Offenbar legt das Unternehmen großen Wert auf sein Image und so findet man unter den Angestellten, die mit dem Verkauf befasst sind, keine Männer, nur Frauen. Die meisten sehen sehr gut aus (muss wohl irgendeines der vielen Einstellungskriterien sein) und ihre Anziehungskraft wird noch gesteigert durch das sehr geschmackvolle und vor allem figurbetonende rote Kleid, das sie tragen – eine Art Firmenuniform. Ihr Arbeitsvertrag scheint ihnen ebenfalls das Tragen hoher Schuhe vorzuschreiben, denn ich sah keine, die nicht auf wenigstens fingerlangen Absätzen durch den Laden paradierte. Die Angestellten wirkten alles anderes als Verkäuferinnen, man hätte vielmehr meinen können, sie seien Hostessen einer edlen Hotelkette. Als ich dies sah, musste ich unwillkürlich an Ikea mit seinen Cargohosen und gelben T-Shirts denken. Ich hätte stundenlang in den Polstern sitzen und ihnen bei der Arbeit zusehen können.