Was mir fehlt

Wenn man in ein anderes Land reist, entdeckt man Dinge, die man vorher nicht gekannt hat, macht Erfahrungen, die man nie gemacht hätte, wenn man daheim geblieben wäre, sieht, was man noch nie zuvor gesehen hat. Man erlebt etwas Neues. Manchmal sind die neuen Eindrücke schön und man freut sich, dass man den großen Schritt ins Abenteuer gewagt hat; manchmal sind sie es aber nicht und man bereut, dass man die Sicherheit und die Bequemlichkeit des eigenen Heims verließ und man fragt sich, warum man nicht auf die innere Stimme gehört hat, die einen immer wieder mahnte, zuhause zu bleiben. Ich glaube, ganz gleich, ob man gute oder schlechte Erfahrungen macht – Menschen brauchen Erfahrungen, damit sie wachsen können und damit sie sich vervollkommnen als Menschen. So schmerzlich der Abschied vom Vertrauten, vom Gewohnten, auch von der Bequemlichkeit sein mag, der Reisende wird mehr als jeder andere mit einem neuen und reicheren Leben belohnt.

Wenn man in ein anderes Land reist, lässt man auch immer etwas zurück und das ist nicht wenig: die Familie, Freunde, den Bekanntenkreis. Man verlässt Orte, die einem etwas bedeuten, wie die eigene Wohnung mit dem Zimmer, in dem das erste Bettchen des Sohnes stand. Die Straßen und Plätze, auf denen man tausendmal entlangging, ohne dass man daran einen einzigen Gedanken verschwendet hätte, sind verschwunden, und doch sind sie weiter da, denn längst sind sie Teil der Topografie des Gedächtnisses. Man verlässt jene Orte, an denen man mit den Menschen, die man liebt, Zeit verbracht hat, und tauscht sie gegen andere Orte, die einem nichts bedeuten. Wenn man auch dem Leben durch Erfahrungen etwas Neues hinzugewinnt, so verliert man doch auch immer ein kleines Stück davon. Und nach und nach geht alles dahin und was bleibt, ist Erinnerung.

Aber es sind ja nicht nur die ernsten und bedeutsamen Dinge im Leben, die man vermisst, und die einen ganz sentimental werden lassen, wenn man erst einmal angefangen hat, darüber nachzudenken. Oft ist es etwas ganz und gar Triviales, das gar nicht den Anschein erweckt, als wäre es wichtig in so einem Leben. Man merkt oft erst, wie sehr man diese kleinen Dinge vermisst, wenn man sie nicht mehr hat, und manchmal wird einem sogar dann erst bewusst, dass es sie überhaupt gibt. Es kommt vor, dass man sich nichts anderes mehr wünscht – als hinge das Leben von jenen Nebensächlichkeiten ab. Es sind oft die kleinen unersetzbaren Dinge, die darüber entscheiden, ob wir uns heimisch fühlen oder nicht, ob wir geneigt sind, unsere Zukunft als hoffnungsvoll zu empfinden, oder ob wir verzagen.

Ich vermisse meine Bibliothek. Viele Bücher haben wir im Container nach Ecuador geschickt. Aber das ist natürlich immer nur eine Auswahl, die dem Muster folgt: Welche Bücher würde ich auf eine einsame Insel mitnehmen. Das sind dann zumeist jene, die man sich irgendwann einmal gekauft hat, weil man den drängenden Wunsch verspürte, sie zu lesen, aber am Ende haben einen die Querelen des Alltags oder schlicht Müdigkeit davon abgehalten, sie überhaupt nur aufzuschlagen. Ich habe einige Bücher, die seit Jahren bei mir im Regal stehen, aber noch immer in Plastik eingeschweißt sind. Ein Besucher fragte mich einmal ungläubig, ob ich all die Bücher, die sich in den Regalen stapeln, wirklich gelesen hätte. Natürlich nicht, denn zuallererst kauft man ja Bücher, um sie zu besitzen. Das fühlt sich so an, als würde man einen Schatz erwerben, der nur darauf wartet, gehoben zu werden. Und die Vorfreude ist nicht selten größer als das Vergnügen des Lesens selbst. Zwar habe ich auch jetzt einen kleinen Bestand an Büchern um mich, aber es ist doch etwas anderes, in einer gemütlichen Bibliothek zu sitzen, aufs Geratewohl ins Regal zu greifen und einfach zu lesen, wozu man sich aus einer Laune heraus hinreißen lässt. Wenn die Stimmung danach ist, liest man sich fest und man merkt gar nicht, wie die Zeit verrinnt. Dazu ein Glas Port und die Welt war niemals näher am Zustand der Perfektion.

Merkwürdigerweise seht man sich immer nach Essen. Anscheinend prägen sich Geruch und Geschmack dem Gedächtnis schärfer als alle anderen Sinneswahrnehmungen ein, und es mag sein, dass es unmöglich ist, sie je wieder zu vergessen. Welche Speisen uns einmal beglückt haben, daran erinnern wir uns ein Leben lang, und wer hätte sich nicht schon einmal förmlich nach seiner Lieblingsspeise verzehrt, nachdem er sie lange entbehren musste.

Ich vermisse Schafskäse. Im ganzen Land – und ich bin mir nicht sicher, ob auf dem ganzen Kontinent – gibt es anscheinend nicht einen Ort, an dem man Schafskäse kaufen könnte. Was würde ich nicht geben für ein Stück Feta oder bulgarischen Schafskäse! Doch hier bekommt man immer nur Queso fresco; das ist ein aus pasteurisierter Kuhmilch hergestellter Weichkäse mit der Konsistenz von Mozzarella. Eigentlich schmeckt dieser Käse nach gar nichts, man hat manchmal sogar den Eindruck, man kaue auf einem Stück Radiergummi herum. Ich weiß nicht, warum er sich hierzulande so großer Beliebtheit erfreut. Gereifte Käse sieht man hingegen nur selten und wenn, sind sie unvorstellbar teuer – kein Vergleich mit den Preisen in deutschen Supermärkten, ja selbst mit denen in deutschen Edelfeinkostläden.

Es gibt auch europäische Käse zu kaufen, vor allem in den teuren Verbrauchermärkten und in Feinkostläden, aber man kann sich durchaus vorstellen, dass zum Beispiel ein bescheidenes Stück Roquefort ein Loch von der Größe eines Atombombenkraters in die Geldbörse reißt. Einmal waren wir auf einem Biomarkt, der immer am Wochenende in einer der feineren Einkaufspassagen Cumbayás abgehalten wird. Man muss durchaus fragen, ob alles, was als Bio etikettiert ist, auch wirklich nur Bio enthält. Aber ich bin kein fanatischer Bio-Verfechter und würde mich nicht daran stören, wenn es nicht so wäre. Zumindest gab es Käse nach europäischer Art, aber aus einheimischer Fabrikation, und auch gute Salami, die man hier im Lande sonst nirgends kaufen kann. Die Produkte sahen aus, als wären sie in kleinen Manufakturen oder sogar in Heimarbeit hergestellt worden und sie schienen weit entfernt vom üblichen Industriestandard. Wir nahmen Kostproben – lecker! Der Hartkäse, den wir probierten, erinnerte an Parmesan und war wirklich gut, über Spaghetti Alfredo oder in einer Lasagne einfach perfekt. Doch ein flaches Stück, nicht größer als ein Handteller, kostete sieben Dollar. Bei diesen Preisen überlegt man wirklich zweimal, ob man noch einmal abbeißt.

Eigenartig ist, dass ich Roggenbrot gar nicht vermisse. Das würde man aber von einem Deutschen erwarten und wenn man die Expatriates fragt, bekommt man unisono zu hören, dass es das deutsche Roggenbrot sei, dass sie vermissten. Vielleicht ist das aber nur ein Klischee. Roggen ist hierzulande wirklich etwas Exotisches und sehr viel schwerer zu finden als etwa Quinoa in Berlin (mittlerweile gibt’s Quinoa sogar im Supermarkt um die Ecke). Ich glaube, die meisten Leute hier haben noch nie von Roggen gehört und dass man daraus Brot backen kann, würde ihnen höchst merkwürdig erscheinen, geradezu barbarisch. So etwas wie Roggenmischbrot sucht man denn auch vergeblich. Zwar kann man sogenanntes Pan integral kaufen – das ist eine Art Vollkornbrot –, doch darf man sich nicht allzu große Hoffnungen machen, denn Brot wird hierzulande immer aus Weizen gebacken, auch Pan integral. Ich fürchte, die schöne dunkle Farbe mancher dieser Brote, deren wertvolle Bestandteile als besonders gesund angepriesen werden, stammt vom Malzzucker.

Richtiges, gutes Roggenbrot und dazu noch von einem deutschen Bäcker gebacken (wenn das nichts heißen will!), kann man im Bioladen in Cumbayá kaufen. Das ist zwar kein ganz billiges Vergnügen (fünf Dollar kostet der Laib), aber wenn es einen eben danach verlangt, was interessiert da schon schnöder Mammon! Ich bin kein großer Vollkorn-Fan, in Berlin war ich es nicht und hier werde ich nicht zu einem werden, und deshalb stört es mich auch nicht, dass Schrot- und Vollkornbrot hierzulande unbekannt sind. Meine Frau jedoch leidet regelrecht darunter, denn als wir noch in Berlin lebten, ernährte sie sich im Grunde von nichts anderem als den schweren Körner-Laiben aus der Bio-Bäckerei.

Ich vermisse das Roggenmischbrot, das mancherorts Graubrot genannt wird, und das vertraute Mundgefühl des Sauerteigs – Brote lässt man hier ausschließlich mit Hefe gehen, Sauerteig scheint dagegen unbekannt. Mit Hefe erreicht man lange nicht die Textur und die Komplexität der Aromen des Sauerteigs. Vielleicht versuche ich, selbst einen Sauerteig herzustellen. In Texas und in Berlin ist es mir einige Male sehr gut gelungen. Sauerteig zu machen, ist nicht schwer, denn im Grunde rührt man einfach nur Mehl und Wasser zusammen und wartet, bis die Pampe anfängt zu blubbern. Das kann einige Tage bis Wochen dauern. Ich habe aber gehört, dass den Hefen in den Tropen dieses Kunststück manchmal nicht so recht gelingen will. Vielleicht machen sie Siesta. Es käme auf einen Versuch an.

Merkwürdig ist, dass man Gerste im normalen Supermarkt kaufen kann, und zwar nicht etwa geschrotet oder zu Mehl vermahlen, sondern als Körner. Ich wüsste nicht, wozu man Gerstenkörner in einer normalen Haushaltsküche verwenden könnte. Gerste ist den Leuten hier noch eher vertraut als Roggen, denn man weiß natürlich, dass sie ins Bier gehört. Wozu man aber die Gerstenkörner noch nutzt, bleibt ein Rätsel. Meine Frau, die übrigens von hier stammt, musste ebenfalls passen.

Was ich noch vermisse? Portwein. Vielleicht gibt es im Land welchen zu kaufen, aber ich möchte lieber nicht nach Preisen fragen. Und wahrscheinlich muss man mit dem fast schon obligatorischen Sandeman, den man selbst in den weniger gut sortierten deutschen Supermärkten findet, Vorlieb nehmen. Einen Late Bottled Vintage Port wird man wohl eher nicht antreffen und dass man irgendwo auf eine Auswahl der Weine verschiedener Hersteller trifft, halte ich für ausgeschlossen.

Neulich sah ich im Supermaxi (das ist eine der teuren Supermarktketten) in der Abteilung für Spirituosen eine Flasche Jägermeister. Der Preis ließ mich fast aus den Latschen kippen – für den klebrigen Kräuterlikör wurden tatsächlich 72 Dollar verlangt. Etwas weiter, aber noch im selben Regal, stand der Bailey´s: über sechzig Dollar kostete die Flasche. Wenn man sich preiswert betrinken wollte, müsste man schon zum einheimischen Billigfusel greifen. In einigen Gegenden, in denen der Zuckerrohranbau Tradition hat, soll es auch guten Rum geben. Ein Abstecher könnte sich lohnen.

So weit ich sehen konnte, war das einzige, das etwa genauso viel wie in Deutschland kostete oder sogar noch um weniges preiswerter war, kubanischer Rum aus den staatlichen Destillerien. Die Flasche Black Rum, sieben Jahre in Eichenfässern gelagert, war für etwas mehr als dreißig Dollar zu haben – diesen Preis würde man durchaus auch in Berlin erwarten dürfen. Vielleicht kaufe ich mir eine Flasche, denn verschiedene Male gelang es uns, ein großartiges Gingerale herzustellen (Ingwer gibt es massenhaft zu kaufen, obwohl die Wurzel in der traditionellen einheimischen Küche keine Verwendung findet – ein weiteres der vielen ungelösten Rätsel dieses Landes). Zusammen mit einem Schuss gutem dunklen Rum wird das Ale zu „Dark and Cloudy“ veredelt, dem Longdrink der Skipper und Weltumsegler. Bis ich wieder eine gute Flasche Port genießen kann (vielleicht zusammen mit einem englischen Käse, einem Blue Stilton etwa), wird aber wohl noch eine ziemlich lange Zeit vergehen müssen. Doch ich bin geduldig, wie der Port, der auf mich wartet und der ja erst ein paar Jährchen reifen muss. Wenn der Wein warten kann, kann ich es auch.

Ich vermisse Käsekuchen. Ich könnte Cheesecake backen, den ich auch sehr mag, ja, nachdem ich geradezu süchtig bin, denn Creme Cheese (Queso crema, Frischkäse) bekommt man in allen Supermärkten. Aber das ist nicht dasselbe, auch wenn ich das samtig weiche Mundgefühl dieses Kuchens liebe. Deutscher Käsekuchen ist Teil meiner ältesten Erinnerungen und ein Stück Heimat sowieso. Außerdem liebe ich Käsekuchen einfach, am besten noch warm – wer kann da schon widerstehen. Leider bekommt man hierzulande keinen Quark. Das scheint etwas so Exotisches zu sein wie mancherorts frittiertes Meerschweinchen (Cuy asado) oder ganze Hühnerfüße, die in einer Suppe schwimmen (der Kenner lutscht gern die geleeartige Haut von den Knochen). Das wäre aber noch keine Tragödie, wenn es wenigstens Buttermilch gäbe, die man braucht, um Quark herzustellen. Doch bisher ist es mir nicht gelungen, irgendwo welche aufzutreiben. Schade, sehr schade. Allerdings gibt es Molkereien im Lande und vielleicht würde es sich lohnen, die Milch frisch von ihnen zu beziehen, denn anders als H-Milch lässt sie sich zu Quark verarbeiten; H-Milch ist dazu völlig ungeeignet, nur wird sie in den Geschäften ausschließlich angeboten.

Es ist schon verrückt: Ecuador ist ein Land, in dem die traditionelle Landwirtschaft viel verbreiteter ist als in Europa, aber die Leute bevorzugen die Lebensmittel nach Industriestandard aus dem Supermarkt, weil sie glauben, diese seien besser. Nur wer zu arm ist, um in den Supermärkten einzukaufen, geht auf den Wochenmarkt. Viele Ecuadorianer, der es sich leisten können, woanders zu kaufen, empfinden diese Märkte als unhygienisch, und auch mancher deutsche Einwanderer bekommt bei der Vorstellung, von dort Lebensmittel zu beziehen, eine Gänsehaut. In Berlin scheint demgegenüber die Welt auf dem Kopf zu stehen: Wer es sich leisten kann, kauft auf Biomärkten ein, weil er dort die vermeintlich frischere und gesündere Ware, Erzeugnisse aus traditioneller Landwirtschaft, zu bekommen hofft. Das Volk geht zu Aldi, Lidl oder Netto, die mit Schnäppchen und Schnäppchenpreisen locken. Den Leuten hierzulande würde es nur ein ratloses Stirnrunzeln entlocken, wenn sie sähen, dass es Menschen gibt, die unansehnliches Gemüse für viel Geld auf dem Markt kaufen.

Apropos: Wir kaufen auf dem Markt ein, sooft es möglich ist. Wir – das heißt eigentlich nur meine Frau, denn sobald die Händler mich entdecken, verdoppelt sich automatisch der Preis. Anscheinend befiehlt ihnen irgendein ungeschriebenes Marktgesetz, dass sofort der Gringo-Aufschlag erhoben werden muss, wenn jemand mit heller Haut und blauen Augen durch die Tür tritt. Ich lasse meine Frau immer allein auf den Markt gehen und sie will meist auch gar nicht, dass ich mitkomme; ich bin ihr wirklich keine große Hilfe, zumal sie, anders als ich, nicht die geringste Scheu hat, erbarmungslos mit den Händlern zu feilschen – ein Talent, das mir völlig abgeht. Manchmal ist es schon direkt peinlich, wie sie den Preis einer ohnehin schon preiswerten Ware auch noch zu drücken versucht. Aber hierzulande muss man sich fürs Feilschen nicht schämen, denn einfach jeder versucht noch irgendwie etwas für sich herauszuholen, und wenn es nur ein paar Cents sind. Wer noch nicht erlebt hat, wie Handeln wirklich funktioniert, muss meiner Schwiegermutter zugucken! Diese Frau hat noch jeden Händler in den Wahnsinn getrieben, wenn sie sich in den Kopf gesetzt hat, eine Ware zu kaufen, aber den Preis als unverschämt hoch empfindet. Am Ende hat sie noch immer ihren Willen bekommen – Hauptsache, sie geht und kommt nie wieder, niemals!

Colegio Alemán Quito

Unser Sohn soll das Colegio Alemán Quito, die Deutsche Schule Quito besuchen. Das Colegio Alemán ist eine Schule mit langer Tradition; in Ecuador genießt sie einen ausgezeichneten Ruf. Alle Bekannten, die wir fragten, welche denn die beste Schule in Quito sei, antworteten ohne zu zögern – die Deutsche Schule. Da meine Frau hier ohnehin als Lehrerin arbeitet, lag die Idee, unseren Sohn auf diese Schule zu schicken, nicht allzu fern.

Zwei Wochen zuvor – wir waren erst vor Kurzem in Quito eingetroffen –, hatten wir der Deutschen Schule schon einmal einen Besuch abgestattet. Meine Frau hatte sich in der Verwaltung vorgestellt und mein Sohn und ich hatten die Gelegenheit genutzt, um uns ein wenig umzusehen, zumal man uns ausdrücklich dazu eingeladen hatte, als wollte man sagen: Seht euch nur gründlich um – ihr werdet nichts finden, was euren Augen missfällt. Tatsächlich ist die Deutsche Schule ein Hort der Ordnung und Sauberkeit, wie man nur wenige selbst in Deutschland antreffen würde: Die Wege sind besenrein gekehrt, kein einziges welkes Blatt stört die vollkommene Harmonie; die Blumenrabatten sind wie aus dem Bilderbuch; der Rasen ist so akkurat geschnitten, als hätte man ihn mit der Nagelschere bearbeitet. Auf dem ganzen Gelände herrscht perfekte Ordnung – nichts ist überflüssig oder sieht so aus, als läge es zufällig herum. Gebäude und Wege sind in erstklassigem Zustand, die Wände sehen so glatt aus, als hätte man sie eben erst gestrichen. Ein Heer von unsichtbaren Helfern sorgt tagein, tagaus dafür, dass alles so bleibt: außerhalb der Schulzeit sieht man Gärtner, Techniker, Reinigungskräfte emsig unter den wachsamen Augen des schuleigenen Sicherheitsdienstes wirken. Der Wachschutz hat eine eigene Uniform und auf der Mütze prangt das Logo der Schule. Als wir das Stadion mit der 400-Meter-Tartanbahn besichtigen und eifrig Fotos schießen, werden wir misstrauisch beäugt. Man weicht uns keinen Zentimeter von der Seite. Vielleicht fürchtet man, einer von uns würde die schöne Bahn mit Kaugummipapier verunreinigen. Ordnung muss sein!

Die Schule behält sich vor, ihre Schüler in spe zunächst Tests absolvieren zu lassen. Schließlich gilt es, den guten Ruf zu verteidigen und letztlich will man auch wissen, mit wem man es im nächsten Schuljahr im Klassenraum zu tun haben wird. Das Zeugnis mit dem Versetzungsvermerk wäre zwar pro forma ausreichend, dies ist aber die Deutsche Schule und da gelten wiederum ganz eigene Gesetze.

Obwohl noch Ferien sind, hatte meine Frau das Haus während der ganzen Woche jeden Morgen vor Acht Uhr verlassen müssen. Wie üblich, bereiten sich die Lehrer in der Woche vor Schulbeginn in Schulungen und Weiterbildungen auf das kommende Schuljahr vor. Unser Sohn konnte derweil noch seine Ferien genießen und jeden Morgen ausschlafen, jedenfalls bis zum Donnerstag. Zwar wussten wir, dass er sich in der Woche noch den üblichen Test unterziehen sollte, aber dann kam alles ganz plötzlich. An einem Donnerstagmorgen stand plötzlich meine Frau in der Tür und verkündete etwas abgehetzt, dass wir sofort aufbrechen müssten, weil unser Sohn jetzt gleich (!) seine Tests schreiben sollte. Er war gerade erst aufgestanden und verständlicherweise verspürte er nicht die geringste Lust, die Schule zu besuchen – es waren Ferien! Und dann, zu allem Überdruss, sollte er auch noch eine Prüfung ablegen. Ich konnte sehr gut nachempfinden, warum er so schlecht gelaunt war.

Wir nahmen ein Taxi; die Fahrt aus dem Valle (das Tal – so nennen die Einheimischen die Gegend, in der wir wohnen) hinauf zur Schule dauert etwa zehn Minuten und kostet 2,50 Dollar. Das Colegio Alemán Quito befindet sich eben nicht, wie der Name behauptet, in Quito selbst, sondern in Cumbayá, das man als eine Art Vorort von Quito ansehen kann. Kaum waren wir angekommen, ging es sofort zum Test. Der Lehrer, der ihn abholte, war sehr nett, gar nicht so furchteinflößend wie die Lehrer, die ich aus meiner Schulzeit in Erinnerung habe. Mein Sohn drehte sich noch einmal um und warf mir einen etwas bangen Blick zu. Ich lächelte aufmunternd und sagte, ich würde im Sekretariat auf ihn warten.

An diesem Donnerstag wurden Deutsch und Englisch geprüft. Nach anderthalb Stunden kehrte mein Sohn quietschvergnügt zurück und als ich ihn fragte, wie es denn gewesen wäre, meinte er nur nur ganz cool: „Das war aber leicht!“ Mir fiel ein Stein vom Herzen. Am Freitag würden noch Mathe und Spanisch geprüft und ich hoffe, dass wir dann auch noch Grund zum Lachen haben.

Während mein Sohn seine Tests absolvierte, brachte ich meine Zeit damit zu, im Foyer des Sekretariats herumzusitzen. Wenn man nichts zu tun hat (ich hatte vergessen, mir Lektüre mitzubringen), ist es eine vortreffliche Art, die Zeit herumzubringen, indem man Leute beobachtet. Und an diesem Donnerstag war viel los in der Deutschen Schule Quito: Es wurden Weiterbildungen abgehalten und selbstverständlich hätten alle Lehrer auch dann daran teilgenommen, wenn diese nicht obligatorisch gewesen wären. Es herrschte ein ständiges Kommen und Gehen, so dass ich Gelegenheit hatte, mich mit der gesamten Belegschaft der Schule zumindest optisch vertraut zu machen.

Was einem sofort auffällt, ist der erfrischend zwanglose und kollegiale Umgang – alle duzen sich und die weiblichen Lehrkräfte werden, wie in Ecuador üblich, mit einem Wangenkuss begrüßt (allerdings küsst man nur einmal, während ich es noch aus Berlin gewohnt bin, auf beide Wangen zu küssen, was manchmal Verwirrung stiftet). Der Lehrkörper der Deutschen Schule Quito setzt sich jeweils zur Hälfte aus Ecuadorianern und Deutschen zusammen. Die Direktorenposten sind immer paritätisch besetzt: Ein Direktor ist Deutscher, der andere Ecuadorianer. Von meinem bequemen Sessel aus konnte ich das geschäftige Treiben in aller Ruhe beobachten: Lehrer schlenderten hin und her, Leute kamen die Treppen herunter und verschwanden in Büros, andere durchquerten ruhigen Schrittes das Foyer. Niemand hatte es eilig, die Atmosphäre war äußerst entspannt. Alle nahmen sich Zeit, um Kollegen, die man zufällig traf, zu grüßen. Man wechselte ein paar Worte, plauderte eine Weile freundschaftlich miteinander und ging dann gemächlich seiner Wege – der ecuadorianische Lebensstil hat eindeutig auf die deutsche Belegschaft abgefärbt. Es wirkte sehr beruhigend, den Leuten bei der Arbeit zuzusehen und ich würde sie direkt um ihren Job beneiden, wenn ich nicht wüsste, wie nervenaufreibend der Lehrerberuf manchmal sein kann. Dessen ungeachtet hört man immer wieder, dass es schwer sei, geeignetes Fachpersonal für längere Zeit zu verpflichten. Es kam schon vor, dass Lehrer nach dem ersten Jahr ihren Vertrag ohne Angabe von Gründen kündigten und einfach abreisten – nicht jeder kommt mit der neuen Situation klar. Vielleicht ist man deshalb so sehr um Schönwetter bemüht, denn schließlich kann ein gute Arbeitsatmosphäre helfen, Menschen auf längere Zeit zu binden.

Ich würde die Wahrheit verleugnen, wenn ich behauptete, man könne Ecuadorianer und Deutsche nicht voneinander unterscheiden. Selbst dem umgeschulten Auge fallen die Unterschiede sofort auf: Der deutsche Lehrer pflegt im Allgemeinen den eher unauffälligen Bekleidungsstil, der durch Understatement bis hin zu äußerster Schlichtheit gekennzeichnet ist. Bekleidung, die selbst noch so geringe Aufmerksamkeit erregen könnte, scheint geradezu verpönt. Einen solchen Anblick kennt man auch aus Schulen in Deutschland. Ich erinnere mich, dass meine Lehrer sich in der Mehrheit oft so schlecht kleideten, dass es zum Erbarmen war. Ich bin der Meinung, Lehrer sollten die Schule stets gut angezogen betreten, denn immerhin repräsentieren sie eine wichtige staatliche Institution.

Die einheimischen Lehrkräfte und insbesondere die Lehrerinnen machten auf mich einen viel stärkeren Eindruck und zwar nicht, weil sie die schöneren oder interessanteren Menschen gewesen wären, sondern weil sie sich einfach besser anzogen (Ausnahmen bestätigen die Regel). Die Lehrerinnen sahen so aus, wie ich mir als Schüler meine Lehrer immer gewünscht hätte. Aber es kann sein, dass die Zeit meine Erinnerungen ein wenig durcheinandergebracht hat.

Anschließend, sozusagen als Belohnung für den erfolgreichen Abschluss der Prüfungen, sind wir Pizza essen gegangen. Wir sind ins Pueblo gefahren – das ist das ältere innerstädtische Viertel Cumbayás. Um einen gepflegten kleinen Park haben sich Restaurants, Cafés und allerlei Geschäfte angesiedelt, die der solventen Kundschaft ihre Waren und ihren Service offerieren. Wohin man auch blickt, nirgends wird man etwas Preiswertes finden. Das Preisniveau entspricht durchaus dem der europäischen Metropolen und wer hofft, dennoch das berühmte Schnäppchen zu finden, hat sich gründlich verrechnet. Diese Gegend ist nicht für den kleinen Geldbeutel gedacht – ein Kollege meiner Frau verbrachte seinen letzten Urlaub in Spanien und er war der Meinung, Ecuador sei teurer.

Schließlich fanden wir ein Pizza-Restaurant. Es trug den Namen „Pizza rodante“ (d.i. Pizza auf Rädern). Seinen Namen verdankt das Lokal einem Wohnwagen, den man höchst dekorativ auf einer Seite des Gastraumes platziert hat. Früher sind Hausierer, Hippies oder Aussteiger mit solchen Wagen durch die Lande gezogen; heute sieht man sie in Berlin noch gelegentlich im Umkreis alternativer Wohnkultur. Hier diente der Wagen nur als Dekoration. Das Restaurants war einfach und mit einem gewissen kultivierten Hang zum Trash-Appeal eingerichtet: An den Wänden waren einfache Holzregale befestigt, in denen sich allerlei Nippes sammelte – Sonnenbrillen, Ansichtskarten, Dinosaurierspielzeug, antike Kameras und dergleichen Plunder mehr. Die Tische waren aus Industriespanplatten gezimmert und grobschlächtig verschraubt. Dennoch wirkte das Lokal sehr gemütlich und man verspürte Lust, eines der Cervezas artesanales (der Craft-Biere) zu genießen, die schon am Eingang groß angepriesen wurden. Meine Lust auf ein kühles Bier wurde sofort gedämpft, als ich sah, wie viel für das Vergnügen zu berappen wäre: 5,50 Dollar kostete die kleine Flasche.

Wir bestellten Pizza. Es gab eine unglaubliche Auswahl an Belägen und noch mehr Kombinationen. Mein Sohn – er war am Ende der einzige, der etwas aß – orderte erwartungsgemäß Pizza peperoni, die in Deutschland Pizza Salami heißt. Die Bedienung fragte, ob der Teig aus Vollkorn, Weißmehl oder aus einer Mischung von beidem gemacht werden solle. Er entschied sich für den klassischen Pizzateig. Dann kam die Pizza. Sie sah wirklich sehr gut aus und in diesem Augenblick hätte ich auch Lust gehabt, mir eine zu bestellen, aber ich unterließ es dann doch. Mein Sohn meinte, die Pizza schmecke hervorragend, aber das kann man auch erwarten, denn schließlich kostete sie 6,50 Dollar. Das ist für ecuadorianische Verhältnisse viel Geld; für die Hälfte dieses Betrages bekommt man mancherorts schon ein komplettes Mittagessen, inklusive Vorsuppe und Dessert. Die teuersten Pizzen schlugen mit acht Dollar zu Buche – das sind Preise, die man sicherlich auch in Berlin erwarten könnte.

An den Tischen rechts und links neben uns saß jeweils eine Gruppe junger Mädchen. Die Gruppe auf der Rechten bestellte ebenfalls Pizza. Sie tratschten ununterbrochen und ihr Redefluss wurde nur unterbrochen, um das Essen herunterzuschlucken. Die Gruppe links von uns war überwiegend damit beschäftigt, cool auszusehen, und so saßen sie fast die ganze Zeit lang schweigend am Tisch und musterten ihre Umgebung mit einem allzu deutlich zur Schau getragenen Ausdruck der Langeweile. Die Mädchen bestellten Pilsener und tranken ihr Bier gleich aus der Flasche. Dazu machten sie sehr erwachsene Gesichter, dabei mögen sie höchstens fünfzehn gezählt haben. Die Bedienung der Pizzeria nahm am Alter der Gäste keinen Anstoß, sie ließ sich nicht einmal die Ausweise zeigen, obwohl auf dem Etikett jeder Flasche vermerkt war, dass der Ausschank alkoholischer Getränke erst ab 18 gestattet sei. Dass man es sich in dem Alter leisten kann, einen teuren Laden wie diesen zu besuchen, sagt viel über die Herkunft der Mädchen aus. Meine Frau war empört, dass sie „Alkohol“ tranken und sie warf die Frage auf, wo denn die Eltern seien. Ich weiß es auch nicht.

Am Abend wollten wir noch etwas Brot einkaufen. Von unserer Reise vor drei Jahren war uns ein Bioladen im Zentrum von Cumbayá in guter Erinnerung geblieben. In dem Laden findet man die landestypischen Produkte, nur sind sie unmäßig teurer, weil eben „Bio“ auf den Etiketten steht. Mitten im Laden befand sich eine Art Schautisch, auf dem sich Gebäck stapelte. Es gab solch exotisches Backwerk wie Quinoa-Cookies und deutsches Roggenschrotbrot. Wir entschieden uns für das Roggenbrot – nicht, weil wir unbedingt jeden Tag deutsches Brot essen müssten, sondern weil es einfach eine Abwechslung im Weißbrot-Einerlei darstellt. Mein Frau, obgleich Ecuadorianerin von Geburt, hat sich während der Jahre, die sie in Deutschland verbrachte, derart an Roggensauerteig gewöhnt, dass sie nicht mehr ohne leben kann. Roggen ist hierzulande nur schwer zu bekommen und so exotisch wie vielleicht Quinoa in Deutschland. Der Besitzer des Bioladens jedenfalls wusste damit nicht viel anzufangen. Er wog das Brot und stellte fest, dass es ganz schön schwer sei, und in der Tat hatte man den Eindruck, man hielte einen Ziegelstein in der Hand. Dafür schmeckte es umso besser, wie richtiges gutes Bäckerbrot. Für meinen Geschmack hatte der Bäcker jedoch viel zu viel Leinsamen an den Teig gegeben, aber es war dennoch ein sehr gutes Brot. Selbst mein Sohn, der sich sonst nicht viel aus Brot macht, langte ordentlich zu. In zwei Tagen hatten wir es bis auf einen Kanten aufgegessen.