Das grüne Herz des Paradieses

Unsere Tour durch die Mangrove begann am Hafen von Puertobelo. Wir waren die einzigen, die zu dieser Stunde beabsichtigen, zur Insel überzusetzen. Man erzählte uns später, dass der Tourismus seit dem Erbeben praktisch zum Erliegen gekommen ist. Wir bestiegen ein kleines Touristenboot und mit Motorkraft ging es über die breite Wasserstraße zwischen Festland und Insel. Salzige Seeluft wehte uns ins Gesicht. Der Atem des Meeres hatte sich bereits mit den Noten des Magrovensumpfes gemischt und die drückende Hitze trieb einen fauligen Geruch auf.

Die Isla Corazón ist eigentlich keine Insel im herkömmlichen Sinne, denn bei Flut ist sie vollständig mit Wasser bedeckt. Der braune Strom des Río Chone mischt sich an dieser Stelle mit dem Ozean und die Mangrove, welche die Insel als dichter Wald bedeckt, gedeiht prächtig in dieser Brackwasserzone, die weder ganz Fluss noch ganz Meer ist. Bei Hochwasser ragt allein das dichte Mangrovengestrüpp über den Meeresspiegel, und selbst bei Ebbe müsste ein Besucher des Eilandes durch zähen Schlick waten. Man hatte einen Pfad auf Pfählen angelegt, so dass Touristen die Insel trockenen Fußes besichtigen konnten. Das letzte Erdbeben hat ihn zum Einsturz gebracht und der Magrovensumpf hat ihn verschluckt.

Bei Ebbe saugt der Ozean die Wassermassen aus der Flussmündung und die Segelyachten, die mitten im Fluss ankern, richten ihren Bug nach der Gezeitenströmung aus. Dann sieht man plötzlich Sandbänke auftauchen, auf denen Vogelschwärme ein Festmahl an Krabben und Würmern vorfinden. An manchen Stellen wird das Meer so flach, dass das Wasser als glatter Spiegel über dem Grund liegt, während darum herum Wellen die Oberfläche kräuseln. Überall erzeugt der Sog des Meeres Strudel.

An den Inseln gibt die Ebbe Strände frei, die bei Hochwasser nur ein Tummelplatz für Fische sind. Die Strände legen sich wie eine cremefarbene Bordüre um die grünen Eilande und in dem feinen Sand finden einzelne Sonnenanbeter ihr Paradies. Manchmal sieht man Schiffe ankern und eine illustre Gesellschaft aus Skippern und Gezeitentouristen nimmt dann den Strand bis zur nächsten Flut in Besitz.

Nachdem die Motorschaluppe, die uns über den Sund beförderte, das grüne Ufer der Insel erreicht hatte, stiegen wir in ein Kanu um. Die Flut hatte die Insel überschwemmt und allein das dichte Mangrovengestrüpp schaute noch aus den bräunlichen Wassermassen hervor. Bei Ebbe wäre eine solche Tour nicht möglich, denn der tiefe Schlamm würde ein Fortkommen unmöglich machen. Wir saßen hintereinander im Boot wie die Teilnehmer einer gefährlichen Urwaldexpedition – in jeder Doku über den Amazonas kann man so etwas sehen. Unser Guide nahm den Platz am Heck ein und dann paddelte er seine neugierige Fracht durch das Dickicht.

Die Insel wird von einem natürlichen Kanal durchzogen. An einigen Stellen war die Wasserstraße so schmal, dass wir die Luftwurzeln der Mangroven zu beiden Seiten berühren konnten, während sich das Blätterdach wie ein grünes Gewölbe über uns schloss. Die Gezeiten drückten das milchig-trübe Wasser mit solcher Kraft durch den Mangrovenwald, dass man überall Wirbelschleppen sehen konnte. Blätter und paddelnde Insekten trieben an uns vorbei. Der Geruch von Fäulnis lag in der Luft wie der Odor der stymphalischen Sümpfe. Im Wald stand die Luft förmlich, nicht die geringste Brise war zu spüren und die Hitze trieb einem den Schweiß aus den Poren. Zumindest schützte das dichte Kronendach vor der heißen Sonne.

Einige Male lief das Kanu auf Baumstämme auf, die versteckt unter der Wasseroberfläche lagen. Unser Guide sprang in die schlammige Brühe, die ihm bis zur Brust reichte, und schob das Boot weiter. Da ich ihn so unbekümmert durch das Wasser rudern sah, fragte ich ihn später, ob es hier Haie gäbe. Er meinte, bis zum Jahr 1998, als El Niño die Küste traf, hätte man in den Mangrovensümpfen und im Meer vor der Küste eine reiche Tierwelt vorgefunden. Es hätte in der Tat viele Arten Haie, dazu Kaimane, Krokodile und sogar Mantarochen gegeben. Heute könne man immer noch Fregattvögel beobachten, Pelikane und Ibisse, die jedoch eine invasive Art auf dem amerikanischen Kontinent darstellten. Die meisten Spezies seien aber verschwunden und ausnahmsweise trug einmal nicht die andere invasive Art, der Mensch, die Schuld daran.

Der Mangrovensumpf mit seinem Gezirpe und Geraschel, mit all den versteckten Bewegungen, die man nur aus dem Augenwinkel gewahrt und wenn man hinsieht, kann man nichts entdecken, das trübe Wasser, bei dem allein ein Kräuseln an der Oberfläche verrät, dass sich etwas Lebendiges darunter verbirgt, gemahnten mich an die dampfende Dschungelwelt von Dagobah und hätte man eine Realverfilmung gewünscht, hätte dieser Mangrovensumpf als perfekter Drehort dienen können.

An manchen Bäumen waren kleine Leinensäcke angebunden. Unser Guide öffnete eines der Behältnisse und zeigte uns den Inhalt: Krabben. Die Menschen nutzen die Mangrove genau wie vor Tausenden von Jahren heute immer noch zur Nahrungssuche. Unterwegs begegneten uns zwei Jungs von dreizehn oder vierzehn Jahren. Sie zogen im Kanal entlang, das Wasser reichte ihnen bis zur Brust. Wir fragten, was sie dort täten, und sie meinten, sie noodlen.

Beim Noodlen handelt es sich um eine spezielle Fischfangtechnik. Ich weiß nicht, ob die spanische Sprache dafür ein Wort hat, aber mit „to noodle“ bezeichnet man in Texas den Versuch, einen Wels oder Catfish, wie sie dort heißen, mit der bloßen Hand zu fangen: Man tastet im trüben Wasser nach Höhlen und hat man eine gefunden und versteckt sich zufällig ein Fisch darin – Welse lauern gern in Höhlen –, steckt man ihm die Hand ins Maul. Wenn der Fisch nun zuschnappt, weil er glaubt, dass sich Beute in die Falle verirrt habe, greift man in die Kiemen und zieht ihn mit einem beherzten Ruck an die Oberfläche. Welse haben nur winzige Zähne, die einen nicht wirklich verletzen können – keine Gefahr also. Wir wünschten den Jungs viel Glück bei der Jagd und sie zogen weiter durch das undurchdringliche Dickicht Dagobahs.

Wir verließen die Mangalares, die Mangroven, auf der anderen Seite der Insel. Der Urwald öffnete sich plötzlich und wir glitten hinaus aufs offene Wasser. Eine frische Meeresbrise kühlte den Schweiß und man hatte den Eindruck, das Atmen fiele einem plötzlich Mal viel leichter. Vor uns lag die weite Mündung des Río Chone. Nachdem wir vom Kanu wieder in ein Motorboot umgestiegen waren, ging die Fahrt an der Südseite der Insel entlang zu den Kolonien der Fregattvögel und Pelikane.

Schon von weitem hörten wir das Gekreisch der agilen Fregattvögel, die sich in artistischen Flugmanövern gegenseitig Nistmaterial und Futter abjagten. Eine schwarze Wolke aus Vögeln kreiste ununterbrochen über den Wipfeln des Mangrovenwaldes. Wie Schatten zogen die kohlschwarzen Silhouetten mit den schlanken Flügeln und den gegabelten Schwänzen über den Himmel. Es herrschte ständiges aufgeregtes Gekreisch und immer war Bewegung in der Luft.

Überall leuchteten uns rote Farbtupfer aus dem Geäst entgegen. Der Farbton erinnerte verblüffend an Mohnblumen, aber hier handelte es sich um die Kehlsäcke der Männchen. Voller Eifer waren sie damit beschäftigt, Partnerinnen zu werben. Der bis zum Bersten aufgepumpte Hautsack hing ihnen vor der Brust wie der Blasebalg eines Dudelsacks. Das schrille Konzert hallte in ohrenbetäubender Lautstärke über das Wasser, aber ich weiß nicht, ob es Triumphschreie waren oder Schreie der Enttäuschung.

Die Plätze in den oberen Stockwerken der Baumkronen waren ausschließlich für die Brutplätze der Fregattvögel reserviert. Etwas tiefer saßen mit stolzer Würde die Pelikane und darunter, dicht am Wasser, die Kormorane. Durch das laute Gekreisch hindurch erklärte unser Guide, dass ein Kormoran ein halbes Kilo Fisch am Tag verspeisen könne und Pelikane könnten Fische bis zu einer Größe von einem halben Kilo schlucken. Im Wasser lagen zahlreiche Kadaver junger Fregattvögel. Die Tierleichen hatten sich zwischen den Luftwurzeln der Mangroven verfangen – Nahrung für die Fische. Einige sahen aus wie abgestürzte Segelflugzeuge.

Unser Guide ließ das Boot eine Weile in den Wellen schaukeln und gab uns Gelegenheit zu fotografieren. Dann drehten wir bei. Auf der Rückfahrt nahmen wir den längeren Kurs um die Insel. Das Geschrei der Vögel verstummte bald in der Ferne, wir aber hielten uns dicht an der Insel und folgten der Strömung des Río Chone.

Im Hafen von Puertobelo konnten wir uns mit eigenen Augen von den Auswirkungen einer anderen Naturgewalt überzeugen, welche die Gegend nach El Niño verheert hatte. Im April 2016 hatte ein starkes Erdbeben die Küstenregion heimgesucht. Obgleich das Epizentrum sich viel weiter im Norden befunden hatte, verursachten die Erdstöße in Bahía beträchtliche Schäden.

Schon bei unserer Ankunft am Hafen hatte ich mich gewundert, dass mitten in der Flussmündung Bäume standen. Man erklärte uns, die Erdbewegungen seinen derart heftig gewesen, dass riesige Erdschollen mitsamt dem Wald, der darauf wuchs, die Hänge hinunterrutschten. Erst im Wasser, einen Steinwurf vom Ufer entfernt, kamen sie zum Stehen. Ein Gutes hätte die Katastrophe allerdings: Die Äste der mittlerweile abgestorbenen Bäume bieten den Jungfischen gute Verstecke und auch Nahrung und so könnte man seit Kurzem in der Flussmündung einen nicht mehr erwarteten Fischreichtum feststellen.

Am Tage des Erdbebens lag eine kleine Flotte von Ausflugsschiffen im Hafen von Puertobelo vor Anker. Für den nächsten Tag hatte sich ein Minister zum Besuch angekündigt und wie in einem solchen Fall üblich, war man eifrig bemüht, einen würdevolleren Rahmen zu schaffen. Bei dem Schiff, das die honorigen Gäste durch die Flussmündung navigieren sollte, handelte es sich deshalb auch nicht um eine Schaluppe, wie sie uns zur Insel übergesetzt hatte, sondern um eine stattliche Yacht. Dann kam das Beben. Das Schiff fand sich am Grund des Flusses wieder, wo es sich mehrere Meter in den Schlick gebohrt hatte.

Unser Guide erzählte, die Geologen vermuten, es habe einen Mini-Tsunami gegeben. Das Erdbeben fand in der Nacht statt und niemand hat etwas beobachtet, aber die Erdrutsche, die ganze Wälder in den Fluss trugen, und versenkte Schiffe sprechen dafür, dass eine Flutwelle den Mündungstrichter des Río Chone getroffen hat. Mittlerweile wollen die Wissenschaftler sogar eine Verwerfung entdeckt haben, die sich der Länge nach durch die gesamte Flussmündung zieht. Es steht zu befürchten, dass es auch in Zukunft immer wieder heftige Erdstöße geben wird.

Wir waren am Ende unserer Tour, doch wir wollten von unserem Guide noch wissen, ob er eigentlich aus der Gegend stamme. Gutgelaunt entgegnete er, er sei hier sogar geboren und er habe immer hier gelebt. Nach El Niño hätte sich das Schicksal Puertobelos erst in den letzten Jahren wieder zum Besseren gewendet, und zwar dank der Touristen. Doch seit dem Erdbeben komme niemand mehr – wir waren an diesem Tag die einzigen, die hierher gefunden hatten.

Die Leute wollen dennoch nicht wegziehen und ich kann sie gut verstehen, denn trotz aller Härten und trotz der offensichtlichen Armut erscheint dieser Ort auf den ersten Blick wie das Paradies (und vielleicht auch auf den zweiten). Lichtjahre entfernt vom hektischen Getriebe einer vereinten Welt ruhen die Menschen noch in sich selbst. Fast könnte man im Anklang an alte utopistische Ideen behaupten, sie lebten im Einklang mit der Natur. Wer freilich eine gute Ausbildung hat, träumt von einem besseren Leben, und es sind nicht wenige, die das Land jedes Jahr Richtung Amerika oder Europa verlassen. Und dennoch, nicht alle wollen gehen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass man ein solches Paradies leicht aufgibt.

Nach den Mühen kommt die Belohnung: In San Vicente (das ist die Stadt auf der Festlandseite der Bucht) gibt es eine Bäckerei namens „El Toñito“. Wir fuhren ziellos durch die Stadt und fragten Leute auf der Straße, wo man um diese Zeit – die Abenddämmerung hatte bereits eingesetzt – etwas Leckeres essen könnte. Alle meinten das „El Toñito“ sei der Ort, nach dem wir suchten. Nachdem wir mehrmals um den Block gefahren waren – ein Kunststück, das man erst einmal fertigbringen muss in einer so übersichtlichen Stadt –, fanden wir den Laden dann schließlich doch.

Der Gästeraum war überfüllt und an der Theke musste man regelrecht drängeln, um sich Gehör zu verschaffen. In den Auslagen begegnete mir eine Spezialität der Gegend, ein letzter kulinarischer Gruß der Mangalares: Es gab Empanadas de pescado y de cangrejo, also Teigtaschen mit Fisch- und mit Krebsfleisch-Füllung. Wir aber orderten Berge von Kuchen, um die enormen Energiemengen zu ersetzen, die man beim Stillsitzen in einem Kanu verbraucht – Völlerei ist in diesem Zusammenhang ein viel zu milder Ausdruck. Die Halbwüchsigen wurden mit Pizza ruhiggestellt; eine eisgekühlte Cuvée der erlesensten Jahrgänge Champagne américain dünkte sie die passende Begleitung.

Ich fühlte mich gut, doch es waren nicht die toxischen Mengen Zucker, die mich in Hochstimmung versetzten. Die Eindrücke der letzten Stunden gingen mir durch den Kopf. Ich dachte an unsere Fahrt durch den Mangrovenwald und ich dachte an die Menschen, die in diesem Paradies leben. Wie schön das alles ist und wie gesegnet man sein muss, dies jeden Tag sehen zu dürfen. Ich kann gut verstehen, warum niemand von hier fortgehen will. Niemals.

Schmetterlinge und Kolibris

Das Mariposario, das Schmetterlingshaus, befindet sich eine kurze Wegstrecke von Mindo entfernt. Man könnte laufen – laut Reiseführer, den ich mir sicherheitshalber eingesteckt habe, benötigt selbst der ungeübte Wanderer gerade eine Dreiviertelstunde. Doch im Gegensatz zu der Abzweigung, die von der Hauptroute nach Mindo abgeht, ist diese Straße nicht befestigt und der letzte Regen hat sie in eine einzige Schlammpiste verwandelt. Die Entdeckerlust in mir ist keineswegs so groß, dass ich es wegen einiger Schmetterlinge auf mich nehmen würde, durch den knöcheltiefen Matsch zu waten.

Wir nehmen also das Auto, wie fast alle anderen Besucher des Mariposarios. Ein paar allerdings trampen fröhlich durch den Modder – ich weiß allerdings nicht, welche Notwendigkeit besteht, zu Fuß zu gehen, wenn man bequem mit dem Auto fahren kann. Vielleicht sind sie ohne eigenen Wagen angereist. Der Weg zu den Schmetterlingen ist nicht sehr gut ausgeschildert und es gibt auch Abzweigungen, in die man sich verirren könnte. Auf halber Stecke fragen wir den Kokosmann nach dem richtigen Weg. Er zeigt ihn uns und bietet uns gleich einen Coco helado, eine eisgekühlte Kokosnuss, an. Wir lehnen dankend ab, doch wir beteuern, wir kämen auf dem Rückweg noch einmal vorbei. Der Parkplatz an der Schmetterlingsfarm ist mit Autos restlos zugestellt und so parken wir, wie Dutzende andere auch, einfach am Straßenrand.

Das Mariposario ist nicht weiter imposant. Eigentlich handelt es sich nur um eine Art Vivarium, nicht unähnlich der Tropenhalle im Tierpark Berlin (nur viel kleiner). Hunderte von bunten Schmetterlingen flattern durch die Luft und wenn man sie so sieht, wird einem plötzlich klar, wie treffend die Metapher von den Schmetterlingen im Bauch ist: Überall ist Bewegung, kaum je sieht man die Tiere einmal stillhalten und fast hat es den Anschein, sie flögen nicht, sondern sie schwebten einfach durch die Luft. Die Insekten sind die wahre Attraktion und man kann sich kaum sattsehen an den wunderschönen Farben, Mustern und Formen, die einem fortwährend wie ein bunter Blütensturm um den Kopf schwirren. Schalen mit Bananen- oder Mangopüree locken die Flattertiere in Scharen an, und da sie stillhalten, während sie sich das Festmahl einverleiben, kann man sie auch einmal in Ruhe fotografieren.

Merkwürdigerweise gibt es eine Lobby, die sogar noch die Dimensionen des Schmetterlingshauses übertrifft. Sie ist ausstaffiert mit bequemen Sitzecken und auf Beistelltischen liegen dicke Stapel der neuesten Illustrierten aus. Die Lobby verfügt über eine Galerie und die Wände sind geschmackvoll dekoriert. Zwei oder drei Gäste fläzen in den Sesseln und blättern gelangweilt in den Zeitschriften. Man fragt sich, warum ein relativ kleines Schmetterlingshaus, das doch der eigentliche Anziehungspunkt sein soll, solch eine riesige Lobby braucht. Doch nicht jeder mag Schmetterlinge und es könnte sein, dass es Menschen gibt, die die bunten Seiten einer Illustrierten dem bunten Geflatter vorziehen. Vielleicht aber hat einer der Initiatoren des Projekts nur zu oft „Jurassic Park“ gesehen und er glaubte daher, ein echter Naturerlebnispark brauche eine Lobby, die dieses Namens würdig ist. Gott sei Dank hat man kein Dinosaurierskelett unter die Decke gehängt. Bienvenidos al Mariposario!

Am Ende stellte sich heraus, dass meine Frau nur Karten für die Schmetterlinge gekauft hatte und nicht für die Kolibris. Doch im Garten rund um das Schmetterlingshaus hatte man in den Bäumen Rastplätze mit Zuckerwasserflaschen für die kleinen Vögel angebracht. Ein Dutzend smaragdgrüner Vögel schwirrte an diesem Tag zwischen den Bäumen umher. Wir verweilten und schauten den Vögeln dabei zu, wie sie ihre unglaublichen Flugkünste vorführten. Ihr Flügelschlag ist so schnell, dass das Auge nur ein Flirren wie von heißer Luft wahrzunehmen vermag. Manchmal schwebten die Vögel auf der Stelle, manchmal flogen sie rückwärts, dann wieder schossen sie mit wahnwitziger Geschwindigkeit durchs Geäst, stoppten vor einer der Plattformen und landeten zielsicher, um Zuckerwasser zu tanken. Man hatte wirklich den Eindruck, die Rastplätze wären Tankstationen, an denen fortwährend jemand landete oder wieder abflog, und es ging so geschäftig zu wie auf einem großen Flughafen.

Nicht viele der Gäste des Mariposarios schienen sich für die Kolibris zu interessieren. Die meisten liefen achtlos an den Vögeln vorbei. Einer versuchte gar, ihnen etwas von seinem Bier anzubieten, aber ich glaube kaum, dass so ein kleiner Vogel ein guter Zechkumpan wäre, denn er verträgt ja nicht viel. Mir ist indes völlig schleierhaft, warum man einen Naturerlebnispark überhaupt mit einem Bier betreten muss.