Schmetterlinge und Kolibris

Das Mariposario, das Schmetterlingshaus, befindet sich eine kurze Wegstrecke von Mindo entfernt. Man könnte laufen – laut Reiseführer, den ich mir sicherheitshalber eingesteckt habe, benötigt selbst der ungeübte Wanderer gerade eine Dreiviertelstunde. Doch im Gegensatz zu der Abzweigung, die von der Hauptroute nach Mindo abgeht, ist diese Straße nicht befestigt und der letzte Regen hat sie in eine einzige Schlammpiste verwandelt. Die Entdeckerlust in mir ist keineswegs so groß, dass ich es wegen einiger Schmetterlinge auf mich nehmen würde, durch den knöcheltiefen Matsch zu waten.

Wir nehmen also das Auto, wie fast alle anderen Besucher des Mariposarios. Ein paar allerdings trampen fröhlich durch den Modder – ich weiß allerdings nicht, welche Notwendigkeit besteht, zu Fuß zu gehen, wenn man bequem mit dem Auto fahren kann. Vielleicht sind sie ohne eigenen Wagen angereist. Der Weg zu den Schmetterlingen ist nicht sehr gut ausgeschildert und es gibt auch Abzweigungen, in die man sich verirren könnte. Auf halber Stecke fragen wir den Kokosmann nach dem richtigen Weg. Er zeigt ihn uns und bietet uns gleich einen Coco helado, eine eisgekühlte Kokosnuss, an. Wir lehnen dankend ab, doch wir beteuern, wir kämen auf dem Rückweg noch einmal vorbei. Der Parkplatz an der Schmetterlingsfarm ist mit Autos restlos zugestellt und so parken wir, wie Dutzende andere auch, einfach am Straßenrand.

Das Mariposario ist nicht weiter imposant. Eigentlich handelt es sich nur um eine Art Vivarium, nicht unähnlich der Tropenhalle im Tierpark Berlin (nur viel kleiner). Hunderte von bunten Schmetterlingen flattern durch die Luft und wenn man sie so sieht, wird einem plötzlich klar, wie treffend die Metapher von den Schmetterlingen im Bauch ist: Überall ist Bewegung, kaum je sieht man die Tiere einmal stillhalten und fast hat es den Anschein, sie flögen nicht, sondern sie schwebten einfach durch die Luft. Die Insekten sind die wahre Attraktion und man kann sich kaum sattsehen an den wunderschönen Farben, Mustern und Formen, die einem fortwährend wie ein bunter Blütensturm um den Kopf schwirren. Schalen mit Bananen- oder Mangopüree locken die Flattertiere in Scharen an, und da sie stillhalten, während sie sich das Festmahl einverleiben, kann man sie auch einmal in Ruhe fotografieren.

Merkwürdigerweise gibt es eine Lobby, die sogar noch die Dimensionen des Schmetterlingshauses übertrifft. Sie ist ausstaffiert mit bequemen Sitzecken und auf Beistelltischen liegen dicke Stapel der neuesten Illustrierten aus. Die Lobby verfügt über eine Galerie und die Wände sind geschmackvoll dekoriert. Zwei oder drei Gäste fläzen in den Sesseln und blättern gelangweilt in den Zeitschriften. Man fragt sich, warum ein relativ kleines Schmetterlingshaus, das doch der eigentliche Anziehungspunkt sein soll, solch eine riesige Lobby braucht. Doch nicht jeder mag Schmetterlinge und es könnte sein, dass es Menschen gibt, die die bunten Seiten einer Illustrierten dem bunten Geflatter vorziehen. Vielleicht aber hat einer der Initiatoren des Projekts nur zu oft „Jurassic Park“ gesehen und er glaubte daher, ein echter Naturerlebnispark brauche eine Lobby, die dieses Namens würdig ist. Gott sei Dank hat man kein Dinosaurierskelett unter die Decke gehängt. Bienvenidos al Mariposario!

Am Ende stellte sich heraus, dass meine Frau nur Karten für die Schmetterlinge gekauft hatte und nicht für die Kolibris. Doch im Garten rund um das Schmetterlingshaus hatte man in den Bäumen Rastplätze mit Zuckerwasserflaschen für die kleinen Vögel angebracht. Ein Dutzend smaragdgrüner Vögel schwirrte an diesem Tag zwischen den Bäumen umher. Wir verweilten und schauten den Vögeln dabei zu, wie sie ihre unglaublichen Flugkünste vorführten. Ihr Flügelschlag ist so schnell, dass das Auge nur ein Flirren wie von heißer Luft wahrzunehmen vermag. Manchmal schwebten die Vögel auf der Stelle, manchmal flogen sie rückwärts, dann wieder schossen sie mit wahnwitziger Geschwindigkeit durchs Geäst, stoppten vor einer der Plattformen und landeten zielsicher, um Zuckerwasser zu tanken. Man hatte wirklich den Eindruck, die Rastplätze wären Tankstationen, an denen fortwährend jemand landete oder wieder abflog, und es ging so geschäftig zu wie auf einem großen Flughafen.

Nicht viele der Gäste des Mariposarios schienen sich für die Kolibris zu interessieren. Die meisten liefen achtlos an den Vögeln vorbei. Einer versuchte gar, ihnen etwas von seinem Bier anzubieten, aber ich glaube kaum, dass so ein kleiner Vogel ein guter Zechkumpan wäre, denn er verträgt ja nicht viel. Mir ist indes völlig schleierhaft, warum man einen Naturerlebnispark überhaupt mit einem Bier betreten muss.

Zwischen Mythos und Wirklichkeit

Von San Antonio führt die Straße nach Westen Richtung San Miguel de los Bancos. Von Cumbayá aus, das ganz im Osten von Quito liegt, benötigt man mit dem Auto gute anderthalb Stunden nach Mindo. Man fährt meist sehr entspannt, denn die Straßen sind über den Großteil der Strecke gut ausgebaut und wenn man den Reisetermin nicht gerade so wählt, dass er mit den Feiertagen oder mit dem Beginn der Schulferien zusammenfällt – denn dann will alles, was Räder hat, zur Küste –, sind die Straßen erfreulicherweise auch fast leer. Bei strömenden Regen kann so eine Fahrt allerdings sehr unangenehm sein, und in den feuchten tropischen Bergwäldern regnet es fast schon so oft wie im „Bladerunner“ von Ridley Scott. Bei Dunkelheit sollte man die Route durch die Berge lieber meiden, wie es sich überhaupt empfiehlt, bei Nacht von einer längeren Fahrt durch die Anden Abstand zu nehmen.

Die stark gewundene und nicht selten abschüssige Straße fordert selbst dem erfahrenen Autofahrer höchstes Können ab. Wer es aber nicht gewohnt ist, viel zu fahren und vor allem bei Dunkelheit, kommt schnell an seine Grenzen. Schon die kleinste Unachtsamkeit kann dazu führen, dass die Fahrt in einer Schlucht endet oder in einem der zahlreichen wilden Flüsse. Dies ist ein Land, in dem man beidseits der Straße noch tatsächlich das authentische Abenteuer finden kann. Man ist gut beraten, auf den gepflasterten Wegen zu bleiben.

Von der Hauptroute führt ein gut ausgeschilderter Abzweig nach Mindo. In zehn Minuten rollt man auf der asphaltierten Straße gemütlich hinab ins Tal und man fragt sich dabei, warum man sich stattdessen nicht mit einer schlammigen Lehmpiste zu begnügen hat, da einen in Mindo doch das Abenteuer fernab von jeglicher Zivilisation erwartet. Schon auf den letzten Kilometern stechen immer wieder Hinweisschilder aus dem monotonen Grün des Waldes, die den interessierten Besucher in Eco-Lodges und Birdwatching-Touren, zu Kakao-Farmen oder Schmetterlingsrefugien zu locken versuchen. Wir lassen uns aber nicht beirren und halten stur auf Mindo zu, das Epizentrum des Öko-Abenteuer-Rummels.

Bevor der Tourismus lärmend Einzug hielt, muss Mindo einer jener Orte gewesen sein, die von der Welt und der Zeit vergessen waren. Es hätte noch eine Ewigkeit vergehen können und dennoch würde niemand je von der Existenz der Stadt erfahren haben und vielleicht wäre sie mehr ein Ort aus dem Reich der Fabel geblieben, denn ein Ort in dieser, der wirklichen Welt, dem mythenumsponnenen Macondo ähnlicher als einer Stadt aus Stein. Doch der Tourismus hat zuverlässig dafür gesorgt, dass Mindo fest im Diesseits verwurzelt ist, fester als man es sich manchmal wünschen mag.

Es gibt in Ecuador auch heute noch Orte, die nicht an das Pipeline-Netz der Zivilisation angeschlossen sind – man muss nur auf die Karte schauen, zu den leeren Flächen, der Terra incognita zwischen den roten Arterien der Highways. Diese Orte liegen in einem kartografischen Vakuum: Keine Straße, kein Weg führt zu ihnen und es gibt nicht einmal bewohnte Ansiedlungen in der Nähe. Man wundert sich, dass sie dennoch auf der Karte vermerkt sind und ich glaube, der Geograf, dem das Verdienst zukommt, ihre Koordinaten der Welt zum ersten Mal mitgeteilt zu haben, kämpfte sich unter größten Entbehrungen durch Urwälder, musste schroffe Bergketten bezwingen und reißende Flüsse überwinden, ehe er sein Ziel erreichte. Die Annahme, dass die Menschen, die an solchen Orten leben, auch heute noch ohne viele der technischen Errungenschaften unserer Zivilisation auskommen, ist sicher nicht allzu verwegen.