Wir verbringen zwei Tage in der Stadt. Bei einem Spaziergang stoßen wir nicht ganz zufällig auf das „Cocoa y Canela“, ein kleines Café, dessen Spezialität heiße Schokolade in allen nur denkbaren Variationen ist. Ich hatte am Morgen noch schnell den Reiseführer studiert und war dabei über die Adresse gestolpert. Das Café versprüht einen etwas dekadenten Charme und ich fühle mich auf anheimelnde Art an die Absinth-Höhlen des Fin de siècle erinnert. Das Interieur ist so betont altmodisch, dass man nicht zu entscheiden vermag, ob dieser Ort tatsächlich schon so lange existiert und eine Renovierung mangels Geld oder Interesse unterblieben ist, oder ob seine Betreiber ihn nicht absichtsvoll und gleichermaßen stilsicher in dieses Toulouse-Lautrecsche Schokoladen-Freudenhaus verwandelt haben.
Eine Wand ist über und über mit alten Geldscheinen tapeziert. Darunter findet sich auch eine Einhundert-Sucres-Note. Ecuador hat die Landeswährung im Jahre 2000 zugunsten des Dollars abgeschafft, aber 1992, als ich das Land zum ersten Mal bereiste, musste man noch ein ganzes Bündel der labbrigen Scheine mit sich herumschleppen, wenn man einen kleineren Einkauf auf dem Markt erledigen wollte.
Ich mache ein Foto von dem Geldschein, der an eine vergangene, fast vergessene Epoche erinnert, und ich frage mich, ob die junge Frau, die am Nebentisch sitzt, sich überhaupt an jene Zeit erinnern kann, da man in den Geschäften mit Sucres bezahlte und in der es die öffentliche Moral jungen Frauen untersagte, allein in Cafés zu sitzen und Bier zu trinken. Abgesehen von solchen Nebensächlichkeiten, muss man es schon als eine grobe Stilwidrigkeit ansehen, an einem Ort, der für seine heiße Schokolade bekannt ist, Bier zu trinken, und dann auch noch aus der Flasche. Aber es ist mir egal und die Gründe für diese nur allzu offensichtliche Provokation interessieren mich herzlich wenig, denn im Augenblick genieße ich bloß meine Schokolade. Nachdem ich ausgetrunken habe, bestelle ich noch eine zweite Tasse, denn die schönen Dinge im Leben sind leider immer viel zu schnell vorbei.