Auf den Spuren Humboldts

Die Straße nähert sich dem Vulkan von Südwesten und schlägt dann am Fuß des Berges einen weiten Bogen nach Norden, wo sie schließlich auch wieder aus dem Park hinausläuft. Die nördliche Route ist weit weniger befahren als die südliche und die meisten Besucher reisen auf demselben Weg zurück, auf dem sie in den Park gelangt sind. Unterhalb der Flanken des Berges sahen wir immer wieder Pferde auf der kargen Hochebene weiden. Ich wunderte mich aber, warum man nirgends Lamas oder Alpakas begegnet. Fast hat es den Anschein, die einheimischen Spezies sind in Ecuador zur Rarität geworden.

Unterhalb der nördlichen Flanke des Vulkans kamen wir zu einem wüsten Feld, das über und über mit Gesteinsbrocken übersät war. Die Trümmer hatte der Berg beim letzten Ausbruch im Jahre 1904 herausgeschleudert. Viele der Brocken, die über die Ebene verstreut lagen gleich Hagelkörnern nach einem heftigen Schauer, waren groß wie Kühlschränke und manche hatten sogar die Ausmaße von Autos, aber der Vulkan hatte sie durch die Luft geworfen, als wären sie Popcorn, das knisternd aus dem Topf springt. Die Flur war dicht gespickt mit den tonnenschweren Monolithen und fast hatte man den Eindruck, sie wären aus steinerner Saat der Erde entsprossen und warteten nur darauf, von Giganten geerntet zu werden.

Ich habe einmal gelesen, wenn man als Vulkanologe von einem Ausbruch überrascht wird, ist es der Gesundheit zuträglicher, man schaut nach oben, in den Himmel, statt nach unten, auf den Weg. Denn wenn man sieht, dass ein Felsblock im Begriff ist, auf einen niederzufallen als wäre er eine Smartbombe, abgefeuert von einer Killer-Drohne, können einem schnelles Reaktionsvermögen und ein beherzter Sprung das Leben retten. Ich bin natürlich kein Vulkanologe, aber ich werde es mir merken – für den nächsten Besuch.

Die „Humboldtsche Straße der Vulkane“ führt vom Cotopaxi aus immer geradeaus nach Norden. Hat man den Bergriesen erst einmal hinter sich gelassen, ist man auf sich selbst gestellt, denn fast alle Besucher des Parks reisen durch den Südausgang und dann weiter auf der Panamericana zurück nach Quito. Die Route über die Panamericana ist der kürzeste und schnellste Weg zurück in die Zivilisation und vor allem fährt man auf der schön ausgebauten Autopista viel bequemer als auf der holprigen Humboldtschen Straße. Die Anreise von Quito aus hatte kaum eine Stunde in Anspruch genommen, zurück brauchten wir fast vier Stunden.

Sobald man den Vulkan im Rücken hat, ändert sich der Zustand der Straße von einer glatten Schotterpiste hin zu einem von Erosionsrinnen und Schlaglöchern zerfressenen Allrad-Parkour. Felsbrocken, groß wie Fußbälle, liegen über den Weg verstreut gleich Landmienen und man muss höllisch aufpassen, dass man sich nicht den Unterboden ruiniert. An einigen Abschnitten der Straße kommt man kaum schneller als in Schrittgeschwindigkeit voran und der Zustand der Fahrbahn stellt wahrscheinlich das Limit dessen war, was ein Auto ohne Allradantrieb gerade noch bewältigen kann. Wer aber lieber bequem fährt, dem sei die Rückkehr über die Panamericana ans Herz gelegt.

Unterhalb des Vulkans, aber schon zum nördlichen Ausgang hin, liegt eine Hacienda in der trostlosen Einsamkeit der Hochebene. Manche der großen Landgüter gehen auf Gründungen des 16. oder 17. Jahrhunderts zurück. Dabei kam es vor, dass man Grundmauern aus der Zeit der Inkas in den Bau integriert hat, nicht anders als man Kirchen und Klöster auf den Fundamenten ehemaliger Tempel und Paläste errichtete. Die meisten Haciendas sind schon lange keine produzierenden Landwirtschaftsbetriebe mehr. Einige Güter wurden aufwändig restauriert und dem Tourismus zugänglich gemacht. Eine stilechte Übernachtung in den alten spanischen Gemäuern ist aber alles andere als erschwinglich und mehr als die erkleckliche Summe von zweihundert Dollar für die Nacht ist eher die Regel als die Ausnahme. Doch zumindest kann man sich einmal im Leben wie ein richtiger Latifundista fühlen.

Das Herrenhaus der Hacienda liegt so verlassen in der Landschaft, dass man sich unwillkürlich fragt, wer außer den hartleibigsten Eskapisten hier gern Urlaub machen würde. Aber vielleicht reicht ja eine Nacht, um sich zu sammeln und auf sich selbst zu besinnen. Länger würde man es wahrscheinlich sowieso nicht aushalten, denn ringsherum gibt es im Grunde nichts, worauf der neugierige, forschende Geist seine Aufmerksamkeit richten könnte: Abseits der ausgewiesenen Pfade darf man nicht durch den Páramo streifen und der Vulkan ist fast ständig in dichte Wolken gehüllt. Wahrscheinlich fühlt man sich schon nach kurzer Zeit ziemlich einsam.

Eigenartig ist, dass Steinmauern die Hacienda umgeben und den Besitz von der Außenwelt abgrenzen. Wer würde in dieser kargen und menschenleeren Landschaft das Stück Land innerhalb der Mauern, das genauso karg und menschenleer ist, betreten wollen und vor allem, in welcher Absicht? Es gibt ja nichts, das man stehlen könnte, und der eisige Wind streicht diesseits genauso wie jenseits der Mauern über das Land.

Erst nachdem man den Park durch den nördlichen Ausgang verlassen hat, wird die Straße wieder besser, und eigentlich befindet man sich erst jetzt auf der berühmten Humboldtschen Route. Der preußische Naturforscher ist in Ecuador wie in allen Ländern des südamerikanischen Kontinents, in denen man Spanisch spricht, fast schon so etwas wie ein Volksheld. Jeder kennt natürlich Humboldt, aber ich habe leider vergessen, die Leute zu fragen, ob sie wüssten, dass ihre Straße nach ihm benannt ist. Ich wäre wirklich gespannt gewesen auf ihre Antwort. Leider kam mir der Gedanke erst hinterher.

Wen könnte der Name „Humboldtsche Straße der Vulkane“ nicht beeindrucken, doch wenn man sich dann tatsächlich auf der berühmten Route befindet, ist man überrascht, bloß einen schmalen Kopfsteinpflasterweg vorzufinden. Ich war keineswegs enttäuscht, denn diese nostalgische Straße wie aus einer Reisebeschreibung Theodor Fontanes wird dem Geist und dem Andenken des berühmten Forschungsreisenden viel besser gerecht als eine moderne Autopista mit Bogenlampen und Leitplanken. Humboldt gilt als der Pate so mancher Entdeckung und als begehrter Namenspatron obendrein; erinnert sei an den Humboldt-Strom und den Humboldt-Pinguin. Dieser Straße aber hat man seinen Namen sicher nur ehrenhalber verlieren (immerhin ist verbürgt, dass er wirklich durch diese Gegend zog), denn die Vulkane waren ja schon seit jeher bekannt.

An diesem Tag waren wir allein unterwegs auf der Straße der Vulkane, aber wahrscheinlich wären wir es auch an jedem anderen Tag gewesen. Beiderseits des Weges findet man ein ländliches Postkartenidyll, das bis heute von einem metastatisch ausufernden Tourismus verschont geblieben ist. Es gibt keine asphaltierten Straßen, keine Hotels, keine Parkplätze und vor allem keine Touristen. Vor über zwanzig Jahren, als ich das Land zum ersten Mal besuchte, sah es in Ecuador fast überall so aus, doch seitdem ist viel Wasser den Río Napo hinuntergeflossen.

Die Zeit ist nicht stehengeblieben und selbst dieser verschlossene Landstrich am äußersten Rande des Erdkreises musste irgendwann einmal aus seinem Dornröschenschlaf erwachen. Doch dieses unscheinbare Fleckchen Ecuador beiderseits der Straße der Vulkane scheint sich seit den Zeiten Humboldts kaum verändert zu haben. Und so kann man auch heute noch einer Ursprünglichkeit begegnen, die anderswo längst verschwunden ist in einer Welt, die sich immer schneller um sich selbst zu drehen scheint.

Die Landschaft ist so schön, dass man alle paar Hundert Meter halten und Fotos machen möchte. Die liebliche grüne Flur schmiegt sich sanft wie ein Traum von Elysium in die Hügel. Wiesen, Weiden und Wälder wechseln einander in rascher Folge ab. Es ist nicht schwer sich vorzustellen, wie Humboldt und Bonpland vor über zweihundert Jahren über diese Straße zogen und wie sie unablässig Proben sammelten, Messungen vornahmen, sich Notizen machten und staunten und ihr Forscherglück gar nicht fassen konnten. Vor lauter Beschäftigtsein hatten sie wahrscheinlich gar keine Zeit, sich der Schönheit dieses reizenden Fleckchens Ecuador bewusst zu werden.

Am Straßenrand sahen wir Einheimische Mora-Beeren pflücken. Die Ernte der fast schwarzen Früchte scheint sich hierzulande ähnlicher Beliebtheit zu erfreuen wie in Deutschland das Pilzesammeln. „Mora“ wird immer mit „Maulbeere“ übersetzt, aber eigentlich handelt es sich um Brombeeren. Die Büsche wuchsen so dicht, dass man den Eindruck hatte, die Straße schneide sich durch eine endlose Wildnis aus Brombeergestrüpp. Wir fragten zweimal nach dem Weg. Die Leute meinten gutmütig, wir sollten der Straße einfach nur folgen, dann kämen wir schon irgendwann nach Quito. Sicher werden sie nicht oft nach dem Weg gefragt.

Ganz gewiss gab es schon zu Humboldts Zeiten eine Menge zu sehen, denn schließlich heißt die Route, auf der die berühmten Reisenden wandelten, nicht ohne Grund „Straße der Vulkane“. Uns aber war das Wetter leider nicht gewogen: Der Himmel war grau in Grau und undurchdringlicher Dunst lag über dem Horizont – man hätte nicht einmal erahnen können, wo die Bergriesen ihre schneebedeckten Gipfel in die Höhe reckten.

An einer Weggabelung trafen wir eine Frau in der Tracht der Indigenen. Man begegnet in der Landschaft mehr Kühen als Menschen, und wenn einem schon einmal jemand über den Weg läuft, sollte man unbedingt halten, denn man weiß nie, wann die nächste Gelegenheit kommt, Auskünfte einzuholen. Wir fragten die Frau, welcher der richtige Weg nach Quito sei, und bei dieser Gelegenheit wollten wir auch gleich wissen, wo denn die Vulkane wären, die uns der Reiseführer versprochen hatte und für die diese Straße berühmt ist.

Wahrscheinlich klang unsere Frage wie ein Vorwurf, gerade so, als machten wir die Frau persönlich dafür verantwortlich, dass man nichts sah. Wie um sich von jeglicher Schuld reinzuwaschen, zeigte sie mit ausgestrecktem Arm siebenmal zielsicher jeweils in eine andere Richtung und sagte dabei aus dem Effeff die Namen der Berge der Reihe nach her. Man konnte wirklich nicht das Geringste erkennen, aber irgendwo hinter dem Dunst warteten die Vulkanriesen darauf, von neugierigen Augen entdeckt zu werden. Nur an diesem Tag wollten sie sich leider nicht zeigen.

Von diesem Punkt an schien sich die Rückreise zu beschleunigen. Humboldt und seine Vulkane entschwanden bald unseren Blicken und unsere Gedanken richteten sich auf gutes Essen und den Komfort eines bequemen Sofas. Wir hielten noch einige Male, um den Ausblick zu genießen und um die schöne Landschaft zu fotografieren. Anderen Reisenden, die Abenteuerlust oder romantische Sehnsüchte auf die Spur Humboldts gelockt hätten, begegneten wir aber auch hier nicht, obwohl wir uns doch schon nahe der Stadt befanden. Irgendwo kurz vor Sangolquí, einem Ort südöstlich von Quito, bekamen wir dann seit Stunden zum ersten mal wieder Asphalt unter die Räder. Da wussten wir, wir waren zurück in der Zivilisation.

Wir fuhren durch ländliche Vorstädte, die so ausgestorben wirkten, als hätte man gerade die Sperrstunde verhängt. Die wenig befahrenen, schmalen Landwege mündeten bald in größere Straßen mit mehr Verkehr. Über Sangolquí gelangten wir nach El Tingo, einem hübschen Provinzstädtchen mit einer entzückenden Plaza. Von El Tingo ist es nur ein Katzensprung nach Cununyacu; dort befindet sich die Schule unseres Sohnes.

Der letzte Abschnitt der Reise führte über die schöne neue Autopista zurück nach Cumbayá. Die Fahrt verging wie im Fluge, und als wir dann wieder in die Behaglichkeit unseres Heims zurückgefunden hatten und es uns auf dem Sofa bequem machten, um auszuruhen und um die vielen neuen Eindrücke zu verdauen, die wie eine Flut auf uns eingestürmt waren, konnten wir kaum glauben, dass es erst wenige Stunden her sein sollte, dass wir unter dem Gletscher des Cotopaxi gestanden hatten.

Parque Nacional Cotopaxi

Als wir in den USA lebten, haben wir einmal einen Naturpark besucht, das Wichita Mountains Wildlife Refuge im Süden von Oklahoma. Großartig an den US-Naturparks ist, dass es gut ausgebaute Straßen gibt, auf denen man den Park bequem mit dem Auto durchqueren kann. Die Idee dahinter ist, dass es auch den einfachen, hart arbeitenden Menschen – und nicht nur einer Handvoll Privilegierter oder einigen elitären Abenteurern – möglich sein soll, einen Einblick in die Vielfalt der Natur zu gewinnen und ihre Schönheit zu genießen. Die amerikanische Kultur betet die Mobilität an und das Auto ist fast schon Gegenstand der Verehrung. Da würde es verwundern, wenn es in diesem Land auch nur einen Ort gäbe, den man nicht mit dem eigenen Wagen erreichen könnte, ganz gleich, wo auch immer sich dieser Ort befinden mag. Und so rollt man gemächlich durch die unberührten Weiten der Prärie und sieht den Bisons vom Auto aus dabei zu, wie sie friedlich grasen.

Die Gegend rund um den Cotopaxi ist mit Straßen so gut ausgebaut wie nur irgendein Naturpark in den USA. Weite Abschnitte sind sogar asphaltiert und lediglich direkt unterhalb des Vulkans und am Nordausgang muss man mit einer Schotterpiste vorliebnehmen, die umso holpriger wird je weiter man nach Norden kommt. Aber das Straßenbett ist immer noch gut genug, um auch Fahrzeugen, die nicht über Allradantrieb verfügen, eine leidlich sichere Fahrt zu ermöglichen.

Im Cotopaxi-Nationalpark findet man keine Bisons, sondern Wildpferde. Sie sind die Nachkommen der von den Spaniern eingeführten Andalusier. Sie dienten den Eroberern auf ihren Kriegszügen gegen die Azteken und gegen das Inka-Reich und oft erwiesen sich die Tiere in der Schlacht als kriegsentscheidende Waffe. Einigen gelang die Flucht in die Freiheit und auf den weiten Grasebenen unterhalb des Vulkans fanden sie offenbar so gute Lebensbedingungen vor, dass sie prächtig gediehen und sich vermehrten. Die Tiere zeigen keine Scheu vor dem Menschen. Wenn man sich ihnen nähert, beobachten sie einen nur aufmerksam, aber sie laufen nicht davon.

Wir näherten uns dem majestätischen Stratovulkan auf der Südroute. Es ging vorbei an tiefen Erdspalten und Klüften – ohne Zweifel Zeugnisse nicht weit zurückliegender tektonischer Aktivität. Viele der Hänge und Böschungen am Eingang des Parks sind zum Schutz gegen die Bodenerosion mit Pinien bepflanzt worden. In dem trüben Licht aus tiefhängenden Wolken, die an diesem Tag den Himmel verdunkelten, wirkten die Wälder fast schwarz. Leider hat man die Bäume viel zu dicht gesetzt, so dass das Unterholz in dem kühlen, feuchten Klima leicht zu faulen beginnt. An den Flanken der Berge sind die Bäume zudem oft starken Winden ausgesetzt und Windbruch kommt häufig vor. Die Stämme bleiben in dem dichten Bewuchs einfach liegen und verrotten mit der Zeit.

Wir rollten gemächlich auf der Straße dahin, die uns in sicherem Abstand an Klüften und Spalten vorbeiführte. Die geologischen Spuren wirkten wie Wunden, die sich nicht mehr schließen wollen. Einige Wagen fuhren vor uns und vielleicht gab es auch ein paar Autos hinter uns, doch sie verloren sich in der Weite der Landschaft. Es waren an diesem Tag nur wenige Touristen im Park unterwegs. Einigen der Besucher ging es dann aber doch nicht schnell genug und sie überholten die langsam vor ihnen rollende Kolonne, als wäre dies ein Rennen und als gelte es, die Ziellinie am Vulkan unter allen Umständen als erste zu überqueren.

Wir hatten es nicht eilig. Wir hielten ein paarmal und machten Fotos – ich glaube nicht, dass wir noch einmal Gelegenheit haben werden, den Vulkan zu besuchen. Die Parkregeln verbieten es, die ausgeschilderten Wege zu verlassen. Das Ökosystem rund um den Berg reagiert sehr empfindlich auf Eingriffe des Menschen und angesichts des kalten Klimas braucht eine Regeneration viel Zeit. Aber man darf halten und den Wagen verlassen, um Fotos zu schießen. Bären, wie im Yellowstone, gibt es natürlich nicht und deshalb muss man auch nicht fürchten, zur „Mahlzeit auf Rädern“ zu werden.

Der Puma, von dem noch immer einige Exemplare durch die menschenleeren Ebenen rund um den Vulkan streifen sollen, ist eher scheu und man müsste schon unglaublich viel Glück haben, um eines der Tiere je zu Gesicht zu bekommen. Allerdings sollte man immer ein Auge auf die Straße haben, denn mancher Parkbesucher scheint es gar nicht abwarten zu können, endlich sein Ziel zu erreichen: Schon von Weitem sieht man die Staubfahne, die sein geländegängiger Wagen aufwirbelt, wenn er ihn mit hoher Drehzahl über die Schotterpiste treibt.

Auf unbekannten Straßen

Am Donnerstag müssen wir dann aber wirklich wieder zurück nach Quito, denn die Schule hat bereits begonnen und uns fällt keine sinnvolle Ausrede ein, die unserem Sohn erlaubt hätte, noch länger dem Unterricht fernzubleiben. Ursprünglich wollten wir schon am Morgen aufbrechen, aber am Ende sind alle Pläne für die Katz, denn die Wirklichkeit bringt sich immer gerade dann unangenehm in Erinnerung, wenn man am wenigsten damit rechnet. Es waren noch letzte Besorgungen zu machen und das Packen dauerte wieder einmal den ganzen Vormittag. Mein Einwand, dass ich auf keinen Fall Nachts fahren wolle, weil die Strecke viel zu gefährlich sei, wurde geflissentlich überhört und so musste es erst Mittag werden bis wir endlich Richtung Quito aufbrechen konnten. Die Schwiegermutter begleitete uns. Sie wollte sehen, wie ihre Tochter lebt, und außerdem beabsichtigte sie, bei dieser Gelegenheit gleich ein paar wichtige Einkäufe zu erledigen. Ich ahnte, diese Fahrt würde meine Kräfte bis zum Äußersten beanspruchen.

In der Nähe Santo Domingos lebt ein alter Studienkollege meiner Frau und obwohl abzusehen ist, dass wir Quito erst nach Einbruch der Dunkelheit erreichen würden, muss erst noch ein Zwischenstopp bei besagtem Ex-Kommilitonen eingelegt werden. Ich fahre ungern bei Dunkelheit durch die Anden. Die Straßen sind schon am Tage gefährlich genug, Nachts aber verlangt die Strecke einem alles ab und nach ein paar Stunden Fahrt durch die Berge, inklusive Passhöhen von über dreitausend Metern, ist man am Ende seiner Kräfte – physisch wie mental. Meine Frau telefoniert noch einmal und René, so der Name des ehemaligen Mitstudenten, sagt, das Essen würde bei unserem Eintreffen schon bereitstehen. Wer kann da schon Nein sagen!

René wohnt irgendwo auf dem Campo, d. h. auf dem Land, und seine Adresse ist so schwer zu finden, dass selbst das Navi mit seinem Latein am Ende ist. Wir verabreden uns deshalb zehn Kilometer hinter einem markanten Verkehrskreisel. Er sei nicht zu verfehlen, meint René, aber wir haben so unsere Erfahrungen mit Verkehrskreiseln und schon aus Angst, die Stelle wieder zu verpassen, wittern wir wie die Eichhörnchen ständig in alle Richtungen. Entgegen allen Erwartungen finden wir den Kreisel auf Anhieb und alles, was wir jetzt noch tun müssen, ist Kilometer zählen. Ich schaue genau auf den Kilometeranzeiger und tatsächlich, gerade als die Ziffern zur Zehn Komma Null umschalten, sehe ich René winkend und lächelnd am Straßenrand stehen. Wir begrüßen uns kurz und weiter geht es über eine mit Schlaglöchern gespickte Schotterpiste. René fährt einen Pickup mit Allradantrieb und wahrscheinlich ist ein geländegängiges Fahrzeug auch nötig. Ich wage mir kaum auszumalen, wie die Wege bei Regen aussehen. Die Straße führt durch eine Art pastorale Idylle. Kein Anzeichen menschlicher Tätigkeit bändigt die wild wuchernde Natur. Plötzlich halten wir vor einem stählernen Flügeltor von geradezu zyklopischen Ausmaßen. Wir stehen davor wie die Besucher des „Jurassic Park“, aber natürlich sind wir nur zum Essen gekommen und nicht als die Mahlzeit. Es steht aber nichts zu befürchten, denn René ist einer der freundlichsten Zeitgenossen, die ich kenne. Er öffnet das Tor und wir rollen auf den Hof.

René wohnt so, wie man sich gemeinhin vorstellt, dass ein Großagrarier leben müsste: Der flache Gebäudekomplex von gewaltigen Ausmaßen thront auf der Anhöhe wie das Hauptquartier eines Generalobersten. Rundherum breitet sich eine verwilderte Hügellandschaft aus. Eine Meute furchteinflößender Wachhunde patrouilliert argwöhnisch um das Haus und verbellt jeden Einbrecher. Wir dürfen passieren, aber nur weil René die Hunde zurückhält. Er führt uns ins Wohnzimmer des Hauses, einen Raum von den Ausmaßen eines Audienzsaals. In dessen Mitte befindet sich gleich einer Insel der Ruhe eine bequeme Sitzgruppe. Wir lassen uns erschöpft in die weichen Polster fallen. Vitrinen und Bilder schmücken die Wände. Um wirklich zu glauben, man befände sich im Herrenhaus einer großen Hacienda, fehlt eigentlich nur der Kamin mit dem ausgestopften Stierkopf an der Wand darüber. Doch in einem Land, in dem immer sommerliche Temperaturen herrschen, sind Kamine wohl fehl am Platze. Und René ist kein Rinder-, sondern ein Hühnerbaron. Und wie sähe denn ein Huhn über dem Kamin aus!

Unser Gastgeber hat in Deutschland Landwirtschaft studiert und reüssiert seit Jahren als Hühnerzüchter. Ich habe noch nie zuvor einen Leibhaftigen Hühnerbaron getroffen und René muss herzlich lachen, als er den Ausdruck hört. Ich frage ihn, ob wir uns die Ställe anschauen dürfen und während seine Frau das Essen zubereitet, machen wir einen kurzen Spaziergang. Wir schlagen den Weg über einen holprigen Sandpfad ein. Es geht bergab und dann bergauf und nachdem wir uns unter einem Dornendickicht hindurch gebückt haben, öffnet sich plötzlich der Blick: Wir schauen über ein weites, von sattgrünem Gestrüpp überwuchertes Hügelland. Aus der dichten Vegetation erheben sich vier kastenförmige Gebäude, jedes von den Ausmaßen einer Kaserne. Wir befinden uns oberhalb der Anlage und schauen aus der Vogelperspektive herunter. An einigen Stellen hat man die Dachluken geöffnet und darunter herrscht heilloses Gewimmel: Jeder der kleinen weißen Punkte ist ein Huhn. Es müssen Tausende sein. Über den Hügeln hört man ihr Gegacker, das einem tausendstimmigen geschwätzigen Chor gleicht.

Die Hügelketten steigen wie eine Theaterkulisse sanft zum Horizont hin an. Gleich dem Rand eines Suppentellers rahmen sie eine Senke ein, in deren Mitte Renés Hühnerfarm liegt. Die Kämme der weiter weg liegenden Höhenzüge nehmen uns die Fernsicht. Die Hügel breiten sich vor uns aus wie Sandrippen an einem Strand und die vier Gebäude, jedes so lang wie ein Fußballfeld, wirken darin wie Fremdkörper. Ich frage René, ob das alles ihm gehöre und mache dazu eine ausschweifende Geste bis hin zu den entferntesten Hügeln. Und dieser bescheidene Mann nickt etwas schüchtern. Das Areal ist riesig, geradezu gigantisch und es fällt mir schwer zu glauben, dass René, wie er sagt, nur eine kleine Nummer im Hühnerbusiness ist. Er erzählt mir, er habe zur Zeit sechzigtausend Hühner, um aber als Großproduzent zu gelten, müsse man mindestens dreihunderttausend Tiere besitzen. Das sind eine Menge Vögel!

Ich erzähle ihm, dass der Vater eines der Klassenkameraden meines Sohnes der größte Hühnerproduzent Ecuadors sei. Der Mann gehöre zu den Top-Lieferanten für KFC (das ist der Colonel) in ganz Lateinamerika und überdies sei er auch noch Eigentümer des „El Español“, einer Kette von Deli-Restaurants. René nickt abermals – ja, er kenne ihn. Wahrscheinlich geht es in in seiner Branche zu wie auf dem Dorf, wo jeder jeden kennt. Sicherlich trifft man sich alljährlich auf den einschlägigen Fachmessen und bebauchpinselt sich auf den Verbandsfeiern.

Als wir zurückkehren, wartet schon das Essen auf uns. Es gibt Reis mit – wer hätte es ahnen können! – Hühnchen. Wir setzen uns an den Tisch, der die Ausmaße einer Rittertafel hat. René und ich nehmen jeweils am Kopfende Platz und wir müssen laut sprechen, damit unsere Stimmen die Worte über die große Entfernung tragen. Von meinem Platz aus kann ich die Küche sehen – sie ist so groß wie unsere ganze Wohnung in Berlin und mit so viel Kücheninventar ausgestattet, dass leicht zwei Dutzend hungriger Landarbeiter verköstigt werden könnten. Hier ist einfach alles riesig, doch selbst noch das größte Anwesen verliert sich in der weithin leeren Landschaft. Renés Frau kümmert sich offenbar um das Haus, was angesichts von dessen Größe keine leichte Aufgabe ist. Ich glaube, es ist weniger fordernd, ein mittelständisches Unternehmen zu führen, als diesen Pharaonenpalast von einem Haus zu verwalten. Sie ist von der herzlich-zupackenden Art der Landfrauen, obwohl ich mich nicht dafür verbürgen könnte, dass sie wirklich vom Lande stammt. Aber vielleicht wird man so, wenn man nur lange genug auf dem Campo gelebt hat. Seit dem Morgen haben wir nichts gegessen und wir langen ordentlich zu. Das Essen ist lecker – kein Wunder, dass René Bauch angesetzt hat, seit ich ihn das letzte Mal sah.

Nach dem Essen plaudern wir noch ein wenig, aber wir können nicht lange bleiben. Schon bald wird es dunkel und ich bin ein wenig besorgt, weil uns der schwierigste Teil der Strecke noch bevorsteht. In einigen Wochen wollen wir uns wieder treffen, diesmal bei uns in Cumbayá, und neben René sind all die anderen „Ossis“ eingeladen. Die Ecuadorianer, die in der DDR studiert haben, nennen sich selbst immer scherzhaft „Ossis“. Meine Frau möchte eine Nostalgie-Party veranstalten und sie hat deshalb Bockwürste, Gewürzgurken im Glas und noch vieles mehr mitgebracht, das an die alte Zeit erinnert. Ein halbes Dutzend Leute werden der Einladung wohl folgen und wir sind jetzt schon gespannt, was sie zu erzählen haben.

Wir verabschieden uns bald und René öffnet uns das Tor. Die Wachhunde umkreisen argwöhnisch unser Auto. Ein letzter Abschiedsgruß und dann geht es wieder auf die Autopista. Zwar hoffen wir, dass wir die Berge vor Einbruch der Dunkelheit überwunden haben werden, aber die Zeit ist zu knapp. Ich verkneife mir einen rechthaberischen Einwand und stelle mich mental schon einmal auf eine lange und anstrengende Nachtfahrt ein. Ich entschließe mich, die nördliche Route nach Quito auszuprobieren. Diese führt nicht über Santo Domingo sondern über San Miguel de los bancos. Wir hoffen so, dem Regen, dem Nebel und den tückischen Serpentinen mit ihren starken Steigungen und Gefällen zu entgehen.

Unsere Reise steht unter einem guten Stern: Wir haben noch mehr als zwei Stunden Tageslicht, die Straße ist in exzellentem Zustand und es gibt so gut wie keinen Verkehr. Einmal fahren wir eine Stunde oder länger am Stück, ohne dass uns ein anderes Fahrzeug begegnet wäre. Die Straße führt durch sanft geschwungene grüne Hügel unter einem blaue Himmel, über den gemächlich Schäfchenwolken treiben. Wir fahren durch winzige Dörfer, deren Namen wir noch nie gehört haben, und die wir schon wieder vergessen, als wir die letzten Häuser passieren. Die Straße zieht sich in immer neuen Schwüngen durch das Grün der Hügel. Alles ist ruhig, friedvoll und einfach nur schön. Die Landschaft ist der Traum von einer Idylle, wie er nur dem Kopf eines Großstadtmenschen entspringen kann. Mir kommt der Gedanke, hier vielleicht einmal Urlaub zu machen, doch ich verwerfe sofort diese Weltfluchtidee des Großstädters in mir. Wie sollte man sich hier versorgen – ich hatte seit Stunden nicht ein Geschäft gesehen – und vor allem, was sollte man hier eigentlich tun? Außer der schönen Landschaft gibt es absolut nichts; wir sahen nicht einmal Menschen. Die meisten Einheimischen sind froh, wenn sie der Tristesse und der Armut ihrer Dörfer entrinnen können. Nur der Reisende von weither ist der Wirklichkeit fern genug, um mit dem Blick des Romantikers in der Einöde ein Paradies zu erkennen.

Wir waren nun schon über zwei Stunden unterwegs und so schlagartig, als hätte sich ein Vorhang gesenkt, kam die tropische Nacht über uns. Wir hatten noch kaum die Hälfte geschafft und mit jedem Kilometer, den wir zurücklegten, schien sich die Strecke zum zwei zu verlängern. Auf der Karte sehen beide Routen – die südliche über Santo Domingo und die nördliche über San Miguel de los bancos – etwas gleich weit aus, tatsächlich aber benötigt man auf der nördlichen Strecke fast zwei Stunden mehr bis Cumbayá. Bei Tage mag dies noch angehen, denn die Straßen sind in gutem Zustand und die nördliche Strecke ist viel weniger gefährlich als die südliche. Während der ganzen Fahrt war es trocken und auch der Nebel blieb uns erspart, was dem Umstand zu danken ist, dass die Strecke nicht so hoch in die Tierra fría hinaufführt wie die Route über Santo Domingo. Für diesen Komfort muss man jedoch mehr Zeit einplanen. Bei Tag macht es sogar richtig Spaß, diese Route zu befahren, bei Nacht kann es jedoch passieren, dass man unversehens in einen Alptraum gerät.

Es war stockdunkel. Ohne das Licht der Scheinwerfer hätte ich die Hand vor Augen nicht sehen können. Hin und wieder kamen uns andere Fahrzeuge entgegen. Die meisten der Fahrer schienen nicht zu wissen, dass man das Licht auch abblenden kann, und nach jeder dieser Begegnungen sah ich für Sekunden nur noch grüne Punkte. Ich fuhr langsam, so langsam, dass man mich einige Male überholte, aber die Straße war wegen der Dunkelheit und auch wegen der schlechten Kennzeichnung stellenweise kaum noch zu erkennen. Als wäre ich hypnotisiert, hielt ich die Augen die ganze Zeit starr auf den Seitenstreifen gerichtet, der einzigen Orientierungshilfe in der undurchdringlichen Dunkelheit.

Plötzlich, als hätte die Nacht sie verschluckt, waren die Fahrbahnmarkierungen verschwunden. Im Licht der Scheinwerfer versuchte ich die Straße auszumachen, doch im nächsten Augenblick bäumte sich der Wagen auf wie ein bockendes Pferd und sprang ein paarmal wie wild auf und ab. Wir wurden hart in die Sitze gestaucht und dann hatte ich für einen kurzen Moment das Gefühl von Schwerelosigkeit, wie wenn man mit dem Auto über einen Hügel rast und wenn man die Kuppe erreicht, zieht es einem die Eingeweide nach oben und es ist, als tanzten Schmetterlinge im Bauch. Doch das verheißungsvolle Gefühl entpuppte sich als Täuschung, denn die Fahrt endete mit einem großen Plumps.

Der Motor lief noch, die Scheinwerfer brannten auch noch und die Airbags hatten nicht ausgelöst. Um uns herum breitete sich tiefschwarze Nacht aus, die durch die Scheinwerfer eher noch verstärkt wurde, als dass das Licht sie durchdringen konnte. Alles ging so schnell, doch meine Schwiegermutter hatte noch Zeit, die Mutter Gottes und sämtliche Heiligen um Hilfe anzurufen. Und es hat etwas genutzt! Ich hörte ihre Worte in meinem Kopf nachhallen und ich musste fast lachen, als ich daran dachte, dass wir vielleicht nur deshalb noch am Leben waren, weil der Himmel mich, den Atheisten, verschmäht hatte. Ich spürte überhaupt keine Angst, obwohl ich doch Angst haben sollte. Stattdessen überkam mich eine geradezu meditative innere Ruhe wie sonst nur nach der Neujahrsansprache unserer Bundeskanzlerin.

Da niemand verletzt war – alle saßen noch angeschnallt und mit perplexem Gesichtsausdruck auf ihren Sitzen –, konnte ich mich um den Wagen kümmern. Meine Frau meinte, da lägen Teile. Ich stieg aus, um den Schaden zu begutachten. Sobald ich die Tür geöffnet hatte, versanken meine Füße im Matsch. Erst jetzt bemerkte ich, dass der Wagen in einer Schlammpfütze gelandet war. Rundherum verstreut lagen Teile von Kotflügeln, Scheinwerfer, eine zerbrochene Stoßstange, Radkappen. Ich stakte auf Zehenspitzen um den Wagen herum, doch ich konnte keinen Schaden feststellen. Bis auf die Tatsache, dass das Auto verdreckt war wie nach einer Tauchfahrt durch einen Schlammgeysir, schien alles in Ordnung. Die Teile, die ich im Matsch liegen sah, stammten nicht von uns. Sehr wahrscheinlich waren wir nicht die einzigen, und ganz sicher nicht die ersten, die in diese gemeingefährliche Falle tappten.

Was war geschehen? Die Straße hatte sich gegabelt und ich hatte mich für den falschen Abzweig entschieden. In der Dunkelheit ließ sich nicht erkennen, ob auf dem Weg, den wir eingeschlagen hatten, gerade gebaut wurde oder man den Abzweig einfach stillgelegt hatte. Jedenfalls waren zehn Meter hinter der Gabelung einige Sandhügel aufgeschüttet worden. Über den letzten davon hatte es uns wie auf einer Sprungschanze hinausgetragen und der Wagen war in die dahinter liegende Schlammpfütze geplumpst. Ob die Straße noch weiter ging, konnte man wegen der Dunkelheit nicht erkennen. Sie verlor sich irgendwo an der Flanke eines Hügels im Gebüsch.

Jedenfalls mussten wir wieder zurück. Ich legte also den Rückwärtsgang ein – der Wagen reagierte wie gewohnt –, umfuhr die Sandhügel und setzte zurück auf die Hauptroute. Erst jetzt wunderte ich mich, warum man vor dem toten Abzweig keinen Warnhinweis angebracht hatte. Sonst pflegt die Verkehrspolizei aus unerfindlichen Gründen an den unmöglichsten Stellen Kegel aufzustellen. Warum sie das tut, bleibt ein ungelöstes Rätsel, denn die willkürlichen Absperrungen behindern eher den Verkehr, als dass sie für einen reibungslosen Ablauf sorgen. In diesem Fall hätte sich eine Markierung als nützlich erweisen können, zumal wir nicht die ersten gewesen zu sein scheinen, die sich für die falsche Ausfahrt entschieden hatten. Aber man darf den Leuten hier nicht mit Logik kommen. Ich habe schon oft daran gedacht, dass man vielleicht einer anderen Art Logik folgt, die zu erkennen, ich bloß noch keinen Sinn entwickelt habe. Das kommt aber alles noch – da bin ich mir ganz sicher!

Der restliche Teil der Fahrt verlief dann mehr oder weniger ohne Zwischenfälle. Auf dem allerletzten Abschnitt kurz vor Quito gerieten wir hinter einen Laster, der eine schwere Ladung Holzbohlen transportierte. Die meiste Zeit zuckelte er mit allenfalls vierzig Kilometern pro Stunde durch die Nacht. Ein dickes Seil, mit dem wohl ursprünglich die Ladung gesichert war, schleifte hinter ihm her und pendelte wie ein Treibanker von einer Straßenseite zur anderen. Ich hätte ihn gern überholt, aber nach acht Stunden Fahrt und nachdem wir nur knapp der Katastrophe entronnen waren, hatte ich keine Nerven mehr, an ihm vorbeizuziehen. Die Straße war ziemlich schmal und durch die vielen Serpentinen konnte man den Gegenverkehr erst im allerletzten Moment erkennen. Mehrmals überholte man mich, doch ich war keineswegs darauf erpicht, es selbst zu versuchen, denn einige Male hatte ich den Eindruck, der Zusammenstoß wäre unausweichlich. Doch dann, im letzten Moment, zog der Überholende mit verzweifelter Verwegenheit vor den Laster und der Aufprall wurde nur um Zentimeter vermieden. Auch wenn es ein wenig länger dauerte, schafften wir es schließlich sicher nach Hause, und an diesem Abend war ich darüber so froh wie noch nie.

Bahía – Ort der Sehnsucht

Wenn man es milde ausdrücken wollte, müsste man sagen, dass den Ecuadorianern eine gewisse Spontaneität nicht abzusprechen ist. Böse Zungen behaupten freilich, hier herrsche das totale Chaos und selbst auf heiligste Versprechen und beeidete Zusagen könne man sich nicht verlassen. Werden eben noch große Pläne für die Zukunft geschmiedet, sind sie manchmal schon am nächsten Tag vergessen oder verblassen im Lichte einer noch viel großartigeren Vision. Man weiß manchmal nicht, was man davon halten soll. Am besten ist es, man nimmt nicht alles so ganz wörtlich. Die Leute haben ein Talent zum Fabulieren und nur zu oft lassen sie sich vom eigenen Überschwang (und auch aus Freundlichkeit dem Gast gegenüber) zu Versprechungen hinreißen, an die sie sich im nächsten Augenblick schon nicht mehr erinnern können. Geschwätzigkeit ist hierzulande keine schlechte Eigenschaft und je weiter man zur Küste vorstößt, um so redseliger sind die Menschen ohnehin. Man sollte also hoch geschraubte Erwartungen fahren lassen und sich entspannen. Man muss nur ein wenig Geduld aufbringen und am Ende regelt sich immer alles von selbst.

Mein Schwiegervater lud uns ein, die Zeit um den Día de los muertos, den Tag der Toten, mit ihm zu verbringen. Er wohnt allein in Santo Domingo, einer Stadt auf halbem Wege zwischen Quito und Bahía de Caráquez. Er ist ein lebenslustiger Mensch und er ist in seinem Leben viel gereist, aber seit er alt ist und seit seine Kinder das Haus verlassen haben, lebt er ganz allein. Wer würde sich da nicht nach Gesellschaft und vor allem nach Abwechslung sehnen? Der Plan war folgender: Am Sonntag, dem 1. November, wollten der Schwiegervater und sein bester Freund Don Claudio zu uns nach Cumbayá kommen. Sie sollten bei uns übernachten und dann, am Montag, dem 2. November – das ist der Día de los muertos (der Tag der Toten) –, wollten wir alle zusammen in aller Frühe in unserem Auto nach Riobamba fahren. Don Claudio, der früher Lastwagen fuhr, hatte sich erboten, uns zu chauffieren. Soweit der Plan.

Mein Schwiegervater stammt aus Riobamba, einer Stadt südlich von Quito. Er hatte uns eingeladen, mit ihm zusammen den Friedhof zu besuchen, und bei dieser Gelegenheit wollte er uns auch gleich die Stadt und die Orte seiner Vergangenheit zeigen. Für Sonntag Abend erwarteten wir ihn und seinen Freund Don Claudio bei uns in Cumbayá, doch am Samstag rief er uns an und teilte lapidar mit, dass er die Reise absagen müsse, da er sich nicht wohl fühle. Er hätte etwas gegessen, das ihm nicht bekommen sei und er fühle sich nun elend krank. Leider waren die Hotelzimmer in Riobamba schon gebucht und ich weiß nicht, ob es ihm gelang, so kurzfristig ohne größere Stornokosten abzusagen. Auch Baños, das nur eine kurze Wegstrecke von Riobamba entfernt liegt, würden wir nun nicht besuchen können. Es war geplant, dass wir am nächsten Tag alle zusammen einen Abstecher dorthin machen und die berühmten Thermen besuchen würden.

Baños ist zwar nur eine kleine Stadt, aber in jedem Reiseführer wird sie als der Ort angepriesen, den man unbedingt gesehen haben muss. Und so ist es nicht verwunderlich, dass sich Touristen wie Einheimische gleichermaßen zuhauf in den Straßen tummeln. Wie man hört, sind die Bäder fast immer brechend voll und das Badevergnügen hält sich in Grenzen. Manche Reiseführer empfehlen sogar, dass man, um den Massen zu entgehen, die Pools entweder vor Sonnenaufgang oder kurz nach 18:00 Uhr besucht, wenn sie gerade gereinigt worden sind, denn das seien die einzigen Zeitpunkte, zu denen man hoffen könne, nicht zwischen Hunderten badewilliger Gäste zerquetscht zu werden. Dass wir die Stadt mit ihren Thermen vorerst nicht besuchen würden, ist zwar schade, aber wir werden ganz sicher noch viele Gelegenheiten haben, dorthin zu reisen.

Vor uns lagen die Ferientage (die Schulen haben Herbstferien) und da wir aller Verpflichtungen enthoben waren, konnten wir tun und lassen, was immer wir wollten. Wir hätten zuhause bleiben können, DVDs gucken, Musik hören oder am Computer spielen können. Doch irgendwann hat man auch davon genug und man sehnt sich nach Abwechslung. Die Wohnsiedlung, in der wir leben, bietet kaum mehr Zerstreuung, denn sie ist keine richtige Stadt, sondern nur eine Ansammlung Häuser, in denen man sich allenfalls aufhält, um zu schlafen. Man kann nicht einmal vor die Tür gehen, denn alles ist zwar teuer und edel, aber auch so öde und langweilig, dass man schon nach einem kurzen Spaziergang Depressionen bekommt. Und jenseits der Mauern der Wohnanlage gibt es nur weitere solcher Siedlungen und Autopistas. Wo soll man da schon hingehen?

Wir wollten ein Stück vom wirklichen Leben und wir wollten uns erholen. Also entschlossen wir uns, am Sonntag nach Bahía de Caráquez zu fahren. So ein Entschluss will reiflich überlegt sein, denn die Reise nach Bahía dauert mit dem Bus nicht weniger als acht Stunden und selbst mit dem eigenen Auto ist man noch mindestens sechs Stunden unterwegs. Da ich der einzige bin, der fahren darf (und kann) – der Führerschein meiner Frau wurde gestohlen –, trage ich auch die ganze Verantwortung. Ich fahre nicht gern solch lange Strecken, zumal die Route nach Bahía berüchtigt ist. Manch einer fährt die Strecke nur, wenn es sich gar nicht vermeiden lässt. Am Tage ist die Route schon eine ziemliche Herausforderung, aber nachts würde ich um nichts in der Welt in den Anden unterwegs sein wollen.

Die Straße windet sich in nicht enden wollenden Serpentinen durch die Berge; starke Gefälle und Steigungen wechseln fortwährend; alle paar Minuten fährt man in eine dichte Nebelwand und oft gehen von einer Sekunde auf die nächste heftige Regenschauer nieder. Hinzu kommt, dass man immer mit dem Unerwarteten rechnen muss: nach schweren Regenfällen gibt es manchmal Erdrutsche; Schlamm, Geröll oder Felstrümmer können die Straße in einen gefährlichen Slalomparkour verwandeln. Und als wäre das nicht genug, begegnet man auf den Straßen Mitreisenden, deren Trachten darauf abzielt, einem die Fahrt so unangenehm wie möglich zu machen. Rücksichtsloses Fahren wird hierzulande nicht einmal als Kavaliersdelikt angesehen – es ist der Normalzustand. Von gegenseitiger Rücksichtnahme haben die meisten noch nie gehört und nicht wenige scheinen wirklich zu glauben, die Straße gehöre ihnen. Man könnte ganze Romane darüber schreiben. Auf diesen schwierigen Strecken ist es ratsam, immer mit voller Konzentration zu fahren, denn schon der kleinste Fehler kann tödliche Folgen haben – die Kreuze an der Straße und in den Schluchten stehen als Warnung, niemals unaufmerksam zu sein.

Bevor es am Sonntag dann endlich losging, entspann sich wieder jenes unsägliche Drama, das zu jeder längeren Reise gehört wie die Amöbenruhr zum Dschungeltrip. Statt nur Zahnbürsten und Badehosen mitzunehmen, wie man es für drei oder vier Tage Strandurlaub erwarten würde, wurde für eine Weltreise gepackt. Ich glaube, es gab eigentlich kaum etwas, von dessen Unentbehrlichkeit man, je länger das Packen dauerte, nicht überzeugt war, und am Ende hatten wir so viel Gepäck, dass wir, gesetzt den Fall, wir wären auf einer einsamen Insel gestrandet, monatelang überleben könnten. Eigentlich wollten wir schon am Morgen aufbrechen, aber das Packen hatte so viel Zeit in Anspruch genommen, dass es schließlich ein Uhr wurde. Ich warf meinen Rucksack ins Auto; um die Koffer, Taschen und Beutel der anderen Reisenden zu verstauen, bedurfte es geradezu genialer logistischer Fähigkeiten, denn der Stauraum des Wagens hatte schon bald seine Kapazitätsgrenze erreicht, und noch immer gab es Gepäck, das verstaut werden musste. Und auch unser Kühler musste noch mit, denn wer würde schon ohne kalte Getränke und vor allem ohne Grundnahrungsmittel eine Reise zum Strand antreten! Schließlich hatten wir es geschafft: Das Auto war bis unters Dach beladen, und die Reise konnte beginnen.

Wir nahmen die Route über Santo Domingo. Das ist zwar die anspruchsvollste, aber auch, wie wir noch herausfinden sollten, die schnellste Strecke. Da die Schulferien schon am Donnerstag begonnen hatten, war der große Schwung bereits vorbei. Die meisten waren bereits am Freitag an die Küste gefahren und die Straßen wirkten streckenweise wie verwaist. In den Anden erwarteten uns die üblichen Herausforderungen: Es regnete wie aus Gießkannen und wenn einmal nicht heftige Schauer niedergingen, hüllte uns der dichte Nebel wie ein nasses Bettlaken ein. Da das befürchtete Gedränge auf den Straßen ausblieb, blieben uns unangenehme Überraschungen erspart. Wir folgten immer der Route, die uns das Navi anzeigte, und für den größten Teil der Strecke fuhren wir gut damit.

Dann, es war bereits dunkel, aber uns trennten nur noch dreißig Kilometer von unserem Ziel, war die Asphaltierung plötzlich verschwunden und auf dem letzten Teilstück der Reise erwartete uns eine brachiale Schotterpiste. Das Navi konnte natürlich nicht wissen, dass gerade Straßenbauarbeiten im Gange waren. Die Straße war nicht gesperrt und auch Umleitungsschilder suchte man vergebens. Ich dachte, nach ein, zwei Kilometern würde es wie gewohnt weitergehen, doch das ganze letzte Teilstück nach Bahía führte über Schotter und erst in Bahía selbst hatten wir wieder Asphalt unter den Reifen. Wenn ich schnell fuhr, zeigte das Tachometer vielleicht vierzig, fünfzig Kilometer pro Stunde an. Oft musste ich aber die Geschwindigkeit noch weiter drosseln, denn in Teilen der Strecke ging es über wahre Katarakte von Bodenwellen und wenn ich zu schnell fuhr, schaukelte sich die Bewegung derart auf, dass ich fast durchs Dach geschleudert wurde. Hier hätte ein Allradantrieb sicher gute Dienste geleistet – und ich hatte mich tatsächlich gefragt, wofür man hierzulande geländegängige Fahrzeuge braucht. Jetzt weiß ich es.

Nachdem wir die letzte Siedlung hinter uns gelassen hatten, herrschte tiefschwarze Nacht. Tatsächlich sahen wir nicht ein einziges Licht, weder nah noch fern, nirgendwo. Es war so dunkel, als wäre gerade ein globaler Stromausfall eingetreten. Eine dichte Wolkendecke verhinderte, dass man den Mond sah, der uns wenigsten den Weg hätte leuchten können, und es waren selbstredend auch keine Sterne zu sehen. Die Horizontlinie war nur vage zu erahnen. Einmal überholten wir ein anderes Fahrzeug, einen uralten Pickup mit Holzverschlag, ansonsten begegneten wir nicht einer Menschenseele. Wir sahen keine Häuser und bis auf die Schotterpiste fanden sich keinerlei Spuren menschlicher Tätigkeit.

Meine Frau zweifelte schon, dass wir unser Ziel jemals erreichen würden, und schlug allen Ernstes vor, wir sollten unverzüglich zurückfahren. Aber das wären noch einmal dreißig Kilometer in die Gegenrichtung gewesen und die Straße wurde dadurch auch nicht besser. Aber irgendwie hatte mich plötzlich die Abenteuerlust gepackt und schließlich musste diese verdammte Straße ja irgendwohin führen, und wenn schon nicht nach Bahía, dann wenigstens zu einem anderen Ort, an dem Menschen lebten. Dann stieg die Straße an und vom Höhenkamm öffnete sich urplötzlich der Blick auf die Bucht und voraus in der Ferne, vor dem schwarzen unendlichen Ozean, funkelten die Lichter der Stadt wie ein warmes Leuchtfeuer. Die Straße wand sich aus dem Küstengebirge hinab zur Landzunge. Nur wenige Minuten später tauchten wir in den Stadtverkehr.

Meine Schwiegermutter hat eine kleine Wohnung, die sie regelmäßig vermietet. Ihre eigene Wohnung befindet sich im selben Haus eine Etage höher. Ihr letzter Gast war gerade ausgezogen und sie bot uns an, die Wohnung während unseres Aufenthaltes in der Stadt als Unterkunft zu nutzen. Wir nahmen dankend an. Am Abend nach unserer Ankunft ging wir noch ins „Mi Ranchito“, um den Tag bei Burgern und Joghurt ausklingen zu lassen. Ein Problem ergab sich aus der Frage, wo wir das Auto über Nacht parken sollten. Bahía ist zwar eine verschlafene kleine Stadt, dennoch hat das Verbrechen seinen Weg hierher gefunden und zudem scheint es nie zu schlafen. Die Tante meinte, wir könnten das neue Auto nachts unmöglich draußen stehen lassen. Sie bot uns ihren Hof an, aber am Ende erwies es sich, dass der Abstellplatz zu eng war. Es gab noch eine zweite Möglichkeit: Leute, die in der Stadt unbebaute Grundstücke besitzen, bieten diese gegen ein kleines Entgelt als Parkplatz an. Die Tante kannte eine verlässliche Person und dort ließen wir den Wagen neben den Autos anderer ängstlicher Fahrzeugbesitzer auf einem ummauerten Hof. Die zwei riesigen Hunde des Besitzers streunten darin herum, und als wir ausstiegen, gebärdeten sie sich so wild, als wollten sie uns auffressen. Der Besitzer des Hofes musste sie mit Gewalt zurückhalten. In der Früh am nächsten Tag holten wir das Auto wieder ab und fuhren mit der Mutter meiner Frau und ihrer Tante zum Friedhof. Fürs Parken gaben wir dem Besitzer des Grundstücks vier Dollar.