In die Unterwelt

Las Cuevas de Jumandy: Meine Frau meint immer, ich hätte viel zu hohe Ansprüche, dabei bin ich wirklich kein Snob – ich erwarte nur immer das Falsche: Ich meiner Vorstellung sehe ich eine geheimnisvolle Grotte, von Nebelschleiern mystisch umweht. Ein Fluss strömt aus dem Fels, wo dieser sich gleich dem Maul eines Fisches öffnet. Und wie der Wal den zitternden Jona verschluckt, so nimmt die Erde den Initianden auf, der die unaussprechlichen Geheimnisse der Tiefe zu ergründen sucht – das ist, was ich erwarte.

Was ich vorfinde, ist eine schnöde Badeanlage mit Pools, mit Wasserrutschen und mit Kaskaden. Alles ist akkurat gefliest, wie es sich für ein Schwimmbad gehört. Es gibt auch ein Restaurant, auf dessen Terrasse die Gäste lustlos in den Stühlen lümmeln. Kaum ein halbes Dutzend siecht in der feuchten Wärme dahin, notdürftig am Leben erhalten durch kalte Drinks und Eiscreme. Ich musste ins Herz der Wildnis reisen, um in einem Allerwelts-Spaßbad zu landen und in einem ziemlich schlecht besuchten noch dazu.

Doch die geheimnisvolle Höhle, von der ich geträumt habe, gibt es wirklich: Die Schwimmbecken werden von dem klaren, kühlen Wasser gespeist, das ein tropischer Acheron unablässig aus dem Höhlenschlund speit. Ein Teil des Wassers wird abgezweigt und in Kanäle geleitet; es perlt über Kaskaden und füllt schließlich die Badebecken. Doch das Schwimmbad ist an diesem Tag geschlossen. Die in der tropischen Hitze wie enthemmt sprießende Algenpopulation hat das Wasser in einen Sellerie-Smoothie verwandelt. Die grasgrüne Brühe liegt bewegungslos zwischen den Kacheln wie eine Lkw-Ladung Froschleichen. Ich fürchte, jeder, der die Kühnheit besitzt, darin zu baden, kann anschließend so gut Photosynthese betreiben wie der Spinat auf seinem Teller.

Ob man das Bad nun nutzt, um darin zu schwimmen oder um die weltgrößte Waldmeistergötterspeise herzustellen, macht für uns keinen Unterschied – weder verlangt es uns nach Badefreuden, noch nach Nesselsucht. Wir geben unsere Sachen an der Aufbewahrungsstelle ab. Ein etwa zehnjähriger Junge nimmt unsere Taschen entgegen und verstaut sie in Körben, die wiederum in vergitterten Schränken verwahrt werden. Wir haben größtes Vertrauen in die professionellen Fähigkeiten des Zehnjährigen, auf unsere Sachen aufzupassen, und begeben uns zum Höhleneingang.

Nachdem wir unseren Obolus als Eintritt in die Unterwelt entrichtet haben, stehen wir vor einer Art Pförtnerhäuschen. Ein freundlicher Zerberus macht uns darauf aufmerksam, dass wir uns lieber Gummistiefel besorgen sollten und er schickt uns auch gleich zur Ausgabestelle. Eingekleidet nach der Mode, die sich für eine Expedition ins Schattenreich offenbar ziemt, warten wir auf unseren Guide. Ich hoffe inständig, keiner der Schatten wird uns in dieser lächerlichen Aufmachung sehen.