Ex umbra in solem

Las Cuevas de Jumandy: Schon nach wenigen Metern umfängt uns die Dunkelheit wie ein Vorhang aus schwarzem Samt. Nur unsere Stirnlampen spenden jetzt noch Licht. Wir gelangen in eine Kaverne, deren Wände wie ein Kamin in die Höhe wachsen. An ihrem Grund liegt ein schwarzer Pool. Ein Wasserfall bricht sich an mehreren Felsstufen und mischt sich schäumend mit den schwarzen Wassern. Starke Strömungen wallen die Oberfläche des Pools auf. An dieser Stelle sei der Fluss vier Meter tief, lässt uns der Guide wissen. Das ist sehr beruhigend, zumal es nun gilt, das Gewässer zu überwinden. Doch kein Charon geleitet den Reisenden auf seiner Barke zum jenseitigen Ufer. Wir sind gehalten, uns selbst den Weg zu bahnen.

An einer der Felswände ist ein Seil verankert und an diesem dünnen Lebensfaden hangelt sich der Reisende hinüber, während er bis zur Brust im Wasser hängt. Als ich mich durch die schwarzen Fluten ziehe, taste ich nach dem Grund, doch wie die Füße eines Schwimmers über einer Meerestiefe finde ich nur Leere. Die Strömung ist so stark, dass man fortgerissen würde, wenn man sich nicht mit aller Kraft am Seil festhielte. Während ich mich durchs Wasser ziehe – ich bin froh, dass ich Klimmzüge übe –, fühle ich plötzlich, wie mir die Strömung einen Gummistiefel fortreißt. Ich kann nichts dagegen tun. Es ist, als würde mir ein Wal den Stiefel vom Fuß lutschen und im Bruchteil einer Sekunde ist der plumpe Treter fort, unrettbar verloren am Grunde des Styx.

Der Guide macht ein Gesicht, als hätte er Zahnschmerzen, doch ich würde jede Wette eingehen, dass man mit den Gummistiefeln, die mittlerweile am Grunde des Pools liegen, ganze Kompanien ausrüsten könnte. Ich ziehe mir den anderen Stiefel aus und laufe barfuß und dabei stelle ich fest, dass man so viel leichter und viel sicherer durch die Dunkelheit geht. Freilich muss man aufpassen, wohin man tritt, und manchmal pikt es auch ein bisschen, aber die Eindrücke vervielfachen und verstärken sich, da nun alle Sinne gereizt werden.

Die Wände sind überzogen mit dicken Krusten aus Kalkablagerungen, die an manchen Stellen aussehen wie die fleischigen Bäuche von Sepien, an anderen wie versteinerte Wasserfälle. Die Inkrustationen sind von matter Pastellfarbe und schimmern in einem hellen Fleischton. Schwarze Adern laufen durch das Gestein als wäre es Sepsis. Wir ducken uns unter stachelige Gewölbe aus Stalaktiten. In Äonen verwachsen die Tropfsteine mit ihren Schwestern, den Stalagmiten, zu Säulen, die wie die schlanken Körper korsettierter Sufragetten wirken. Kraggewölbe schießen in die Höhe – man könnte glauben, man sei im Innern eines prähistorischen Grabtumulus eingeschlossen. Im Gewölbesturz leuchtet Glimmer. Das Funkeln erinnert mich an den unterirdischen Himmel bei Jules Verne und ich hoffe, wir müssen nicht wie seine Helden durch das Innere eines Vulkans an die Oberfläche zurückkehren.

Als wir in einer größeren Kaverne anlangen, legen wir eine kurze Verschnaufpause ein. Unser Guide steht auf einem Sims hoch über uns und im fahlen Licht der Lampen wirkt er wie der stolze Krieger eines untergegangenen Volkes. Er berichtet von Jumandy. Die Geschichte ist schnell erzählt: Jumandy war der Anführer eines Aufstandes gegen die Spanier. Im Jahre 1578 erfasste die Erhebung die Region rund um Archidona. Es gelang den Rebellen, die Herrschaft der grausamen Fremden für kurze Zeit abzuschütteln, gerade so lange, wie die spanischen Herren benötigten, um frische Truppen heranzuführen. Die Erhebung endete in Feuer und Tod. Die Anführer des Aufstandes wurden nach Quito verschleppt, gefoltert und gevierteilt. Ihre Schädel stellte man jahrelang an den Mauern von San Blas aus. Zwar konnten die Spanier die Rebellen besiegen, doch die Erinnerung an die Rebellion vermochten sie nicht auszulöschen.

Der Guide bittet uns, für einen Augenblick das Licht zu löschen. Die Dunkelheit, die uns nun umfängt, ist so vollständig, dass man das Gefühl hat, man könnte sie mit Händen greifen. Man reißt die Augen auf und starrt hinein, aber man weiß plötzlich nicht mehr, ob man überhaupt noch Augäpfel hat, mit denen man schauen könnte. Mir, dem Atheisten, kommt ein kurioser Gedanke: Solche Dunkelheit muss in der Welt geherrscht haben, bevor Gott das Licht erschuf. Dann gehen die Lampen wieder an – fiat lux – und die Welt, die eben noch ausgelöscht war, ist so plötzlich wieder da, als wäre sie in diesem Augenblick erschaffen worden.

Manche Durchlässe sind so schmal, dass man sich regelrecht hindurchzwängen muss. Die Wände sind feucht und glatt wie eine schwitzende Glatze. Wenn man zwischen ihnen hindurchschlüpft, hat man in der Tat den Eindruck, man dränge sich zwischen schwitzende Körper, die sich in inniger Umarmung zu vereinen suchen. Manche Kavernen sind so flach, dass man den Kopf einziehen muss, doch hat man nie das Gefühl, die Wände würden einen bedrängen. Viel eher fühlt man sich behütet, beschützt von Tausenden Tonnen Fels, während draußen die Welt gegen einen wütet.

Ich hatte mir vorgestellt, ich würde in einen klaustrophobischen Alptraum hinabsteigen, wie er in „The Descent“ auf das Schillerndste ausgemalt wird, doch stattdessen finde ich mich in einer verzauberten Märchenwelt von anrührender Schönheit wieder. Die Bewohner dieser stillen Landschaft sind friedlich: blasse Fischlein, die flink durch die Pools schwimmen, und Spinnen, die mit ihren tentakelartigen Beinen lautlos über die Glimmerwände schreiten. Die Tiere bewegen sich dabei geisterhaft langsam wie Tiefseekrabben und wenn man sie dem grellen Licht der Lampen aussetzt, krabbeln sie einfach ungerührt weiter. Wahrscheinlich sind sie blind, wie die agilen Fische.

Wir kommen an einen weiteren Pool, in dem es wirbelt wie in einem Jakuzzi. Über eine Felskante stürzt ein Wasserfall. Unser Führer durch das Reich der Finsternis fragt uns mit einem maliziösen Lächeln, ob jemand schwimmen wolle. In diesem Augenblick könnte man ihn für den Leibhaftigen halten. Es ist fast stockdunkel und die Wasser sind schwarz wie Tinte. Man könnte höchstens einmal kurz eintauchen, denn ein Jakuzzi ist dieser See natürlich nicht, wenn er auch so brodeln mag. Außerdem habe ich den Eindruck, niemand will sich vor den Augen der anderen lächerlich machen. Vielleicht fürchtet man auch, man könnte enden wie mein Gummistiefel. Wir lehnen dankend ab. Unser Führer macht eine Miene, als sei er enttäuscht.

Ein schwacher Schein zeigt uns den Weg an die Erdoberfläche. Wir steigen dem Licht entgegen wie Gefangene, die einem lichtlosen Verlies entrinnen. Wir waren nur kurz in der Dunkelheit und doch sind unsere Augen dem Tageslicht entwöhnt. In den Mythen ist nicht vielen Reisenden eine glückliche Rückkehr aus der Unterwelt beschieden. Doch wir sind nur zu Besuch und dies ist ein Spaßbad mit Wasserrutschen und nicht die Phlegräischen Felder.

Unser Vergil führt uns sicher ans Licht: Ein Katarakt aus moosbewachsenen Felsblöcken steigt empor in den Tag. Wir klettern hinauf und schon sind wir wieder an der Erdoberfläche. Das erste, was ich sehe, ist ein Typ in quietschbunter Badehose, der seinen Selfie-Stick schwenkt, als wollte er das Bad, die Höhlen, uns und seine eigene Dummheit in ein 360-Grad-Panoramabild bannen. Ich weiß nicht, ob ich mit auf das Foto möchte, aber zumindest kann ich nun absolut sicher sein, dass ich wieder zuhause bin.

Ich gehe sofort zur Stiefelausgabe und melde pflichtschuldigst den Verlust – da bin ich ganz deutsche Sekundärtugend. Kühl gibt man mir zu verstehen, ich solle am Ausgang zehn Dollar entrichten, aber irgendwie habe ich es dann doch vergessen. Ich gräme mich nicht allzu sehr, denn ich gehe davon aus, dass man mit den Stiefeln, die mittlerweile im Pool liegen, einen regelrechten Gummistiefelgroßhandel begründen könnte.

Wir fahren weiter nach Norden und die wilde grüne Landschaft bezaubert uns so sehr, dass wir ganz melancholisch werden. Dies ist ein Abschied, doch wir hoffen, eines Tages werden wir zurückkehren. Die Straße führt durch verwunschene Wälder und über rauschende Flüsse. Die Autopista ist makellos glatt und es fährt sich darauf so sanft wie auf der Magistrale, über die der Präsident seiner allmorgendlichen Lagebesprechung entgegenrollt. Doch hier, in der Einsamkeit des Tieflandes, begegnet uns niemand – keine Touristen, keine Anwohner, nicht einmal Präsidenten. Wir sind allein, verloren im grünen Labyrinth der Flüsse, die alle zum Amazonas streben. In Baeza schwenken wir nach Westen. Bis zum Pass geht es nun stetig bergauf. Das Auto scheint sich in sein Schicksal gefügt zu haben: Als ich ihm wütend die Sporen gebe, habe ich den Eindruck, die Maschine würde unter dem Gaspedal jeden Augenblick still entschlafen.

Nachdem wir den Pass überwunden haben, gelangen wir zu dem einzigen Streckenabschnitt, an dem noch immer gebaut wird: Die Straße kerbt sich durch das Gebirge, als hätten Titanen mit gewaltigen Felshämmern einen Keil in den Horizont geschlagen. Es ist Abend geworden. Die Sonne sinkt in die Klamm als fiele sie plötzlich vom Himmel und es ist, als würden wir ihrer Bahn folgen – zuerst hinter die Berge und dann immer weiter nach Westen, bis an die Küsten Elysiums. Die Welt ist von der Magie des Abends erfüllt und die Anden entbieten uns einen letzten Gruß, ehe sie im Abendrot verglühen. Drei Tage später werden wir Ecuador verlassen.

Reise zum Mittelpunkt der Erde

Las Cuevas de Jumandy: Wir stehen unter dem Felsdach des Höhleneingangs. Glasklares, kühles Wasser umspült unsere Knöchel. Über unsere Köpfe spannt sich das Stalaktitengewölbe gleich einem Himmel aus herabstürzenden Donnerkeilen. Die Wasser gleiten plätschernd über ein Bett aus blankpoliertem Fels. Der Blick dringt kaum ein Dutzend Meter tief in die Höhle, dann verliert er sich in einer Schwärze, die den Eingang verstopft wie ein monolithischer Block Kohle. Wir warten auf den Guide, unseren Führer durch die Unterwelt, und auf weitere Teilnehmer. Der Höhlenneuling in mir will einen Moment lang tatsächlich glauben, man könnte den Untergrund allein betreten. Doch schon hier am Eingang wird klar, ohne Führer würde man sich in dem weitverzweigten Labyrinth unrettbar verirren.

Ein älteres Paar gesellt sich zu uns und dann kommt auch endlich unser Führer durch das chthonische Reich: Es ist ein junger Mann, der stolz seine indigene Herkunft herausstellt – in einem Land wie Ecuador keineswegs eine Selbstverständlichkeit. Er trägt überdimensionale Ohrstecker, aber ich glaube kaum, dass es sich um den individuellen Ausdruck eines alternativen Lebensstils nach westlicher Mode handelt, sondern wohl eher um traditionellen Schmuck. Ich wundere mich, dass er keine Gummistiefel trägt, und hätte ich geahnt, dass man eigentlich keine braucht, würde ich auf die plumpen Knobelbecher verzichtet haben. Bevor es losgeht, händigt unser Führer jedem der Teilnehmer eine Stirnlampe aus. Mit dem Licht am Kopf sieht man zwar aus wie ein Tiefsee-Anglerfisch, doch will der Reisende aus der Unterwelt wieder ans Tageslicht zurückfinden, ist ihm die Lampe so unentbehrlich wie Orpheus die Harfe.

Mit einem erwartungsvollen Kribbeln im Bauch brechen wir auf. Zuerst bedauern wir ein wenig, uns nur für die einstündige Tour angemeldet zu haben, doch am Ende sind wir froh darüber, denn obwohl ich nicht unter Platzangst leide und auch sonst keine Beklemmung in engen Räumen verspüre, hätte ich die klaustrophobische Enge keine vier Stunden ertragen mögen. Kameras sind übrigens strikt verboten (weshalb es auch keine Fotos gibt). Auf den Aufnahmen würde man ohnehin kaum etwas erkennen, denn in der Höhle herrscht vollkommene Finsternis. Einige der Teilnehmer anderer Gruppen bewahrt aber weder das offizielle Verbot noch der gesunde Menschenverstand vor der Torheit, ihre Handys mitzunehmen. Manch einer möchte nicht einmal auf den unvermeidlichen Selfie-Stick verzichten. Ich schwanke, ob ich diese Leute für ihren kühnen Nonkonformismus bewundern oder sie wegen ihrer Ignoranz verachten soll.

Unser Führer bewegt sich so sicher, als hätte er nie woanders gelebt als in diesem unterirdischen Reich. Mit den schweren Gummistiefeln ist es unmöglich, ihm in gleicher Weise zu folgen: Wie die typischen Westler, also Menschen, die die meiste Zeit ihres Lebens im Sessel verbracht haben und die ohne ihre Autos, Rolltreppen und Fahrstühle hilflos sind, stolpern wir hinterdrein. Wo wir mühsam über das chaotische Terrain klettern, schreitet unser Guide mit der Leichtigkeit eines aristokratischen Spaziergängers aus, die Arme auf dem Rücken verschränkt wie ein lustwandelnder Marquis. Behände wie ein Bergelf hüpft er von Fels zu Fels, schlüpft geschmeidig durch enge Kamine und tänzelt über handschmale Grate. Derweil tasten wir uns ächzend durch den stockdunklen Parkour.

Am Eingang wird darauf hingewiesen, dass Personen unter zehn und über sechzig Jahren der Zutritt verwehrt sei (das Schild mit der hübschen Vignette und der Aufschrift „Wir müssen draußen bleiben“ fehlt aber noch). Es ist vollkommen klar, warum man dieses Verbot erlassen hat – kaum einer, dem es nicht in den Fingern juckte, die Gelegenheit zu ergreifen, um sich der nervigen Hausplagen ein für alle Mal zu entledigen: Man beschert der frechen Brut und dem schlecht gelaunten Altenteil den Ausflug des Lebens und das Labyrinth sorgt zuverlässig dafür, dass die Probleme für immer aus dem Haus sind. Mein Sohn ist zwar älter, aber einen Augenblick lang bin ich versucht, ihn schon mal allein vorausgehen zu lassen … Ich glaube, es gibt da diesen Spruch: Was in den Höhlen passiert, bleibt in den Höhlen.

Meine Höhlenerfahrung beschränkt sich auf die Feengrotten in Thüringen, die ich als Kind besucht habe. Dort könnte man wahrscheinlich sogar mit dem Rollator hineinfahren und auf der anderen Seite des Berges wieder hinaus. Hier aber werden dem Besucher körperliche Höchstleistungen abverlangt und die Gefahren, denen man auf Schritt und Tritt begegnet, sind keineswegs gering: Das unterirdische Terrain ist wie geschaffen, um sich sämtliche Knochen zu brechen. Wer da das Gefühl hat, schon das Bücken nach der Fernbedienung sei eine artistische Meisterleistung, sollte lieber an der Oberfläche bleiben.

In Deutschland wäre solch eine Tour vielleicht gar nicht möglich – nicht aus Mangel an entsprechenden Örtlichkeiten, sondern wegen rechtlicher Vorbehalte. Wahrscheinlich müsste man erst eine fünfseitige Verzichtserklärung (in dreifacher Ausführung) unterschreiben und ellenlange Belehrungen über sich ergehen lassen. Kein Veranstalter würde seine Klienten einem derartigen Risiko aussetzen, ohne sich vorher eine wasserdichte Absicherung verschafft zu haben. Hier in Ecuador muss man nichts unterschreiben und auch Belehrungen unterbleiben, aber ich habe dennoch meine Zweifel, ob man deshalb gleich einen Hubschraubernottransport ins nächste Krankenhaus spendiert bekäme … Die Höhlen sind der perfekte Ort für Angstpsychosen vielfältigster Art.

Unter der Pyramide

Nachdem wir unseren schwächelnden Kreislauf mit Hilfe der uralten Hausmedizin Coca wieder in Schwung gebracht haben, steigen wir zur Pyramide auf. Das Pyramiden-Monument ist mit Sicherheit die beliebteste Destination für all jene Chimborazo-Touristen, die nicht die Absicht haben, den Gipfel des Eisriesen zu erklimmen. Streng genommen, handelt es sich gar nicht um eine Pyramide, sondern um einen recht stämmigen Obelisken, aber wer möchte schon als Klugscheißer gelten, zumal mit Rechthaberei nichts gewonnen wäre: Das Monument markiert keinen besonderen Punkt. Es steht nur für sich selbst oder zum Zeichen, dass die Menschheit sogar von diesem verlassenen und ödesten aller Orte Besitz ergriffen hat. Obelisken haben hierzulande keine Tradition, aber Pyramiden lassen an berühmte Hochkulturen denken, sie gemahnen an alte Götter und blutige Opferkulte, und Opfer hat der Berg immer wieder gefordert.

Öde ist die Gegend fürwahr, doch keineswegs verlassen: Ein bunter, nie abreißender Strom von Touristen zieht vom Parkplatz hinauf zum Monument. Für die meisten markiert die Pyramide, die kaum hundert Meter von der Sicherheit des eigenen Wagens entfernt liegt, zugleich den Endpunkt der Reise. Das Gelände ist nicht sonderlich steil, der Aufstieg verlangt keine bergsteigerischen Fähigkeiten. Jeder, der es aus eigener Kraft aus dem Fond seines SUV schafft, vermag auch bis zu dieser Stelle zu laufen.

Man könnte sogar noch höher hinaufsteigen, viel höher, doch die meisten ziehen es vor, ihr Abenteuer an diesem – wie sie meinen – besonderen Ort zu beschließen, in Tuchfühlung zur Carrel-Hütte, dem vorletzten warmen und sicheren Platz unter dem Gipfel, wo es Schoko-Doughnuts gibt und reich gefüllte Teigtaschen und wo man den Schwindel und das Rauschen in den Ohren mit heißem Coca-Tee bekämpft, der einem auch ein bisschen die Seele wärmt.

Das größte Problem ist die dünne Luft. Auf fünftausend Metern Höhe überlegt man sich jeden Schritt zweimal und an sportliche Aktivitäten sollte man gar nicht erst denken. Viele jener Besucher, die aus dem Flachland aufgestiegen sind, und deren Kreislauf demzufolge keine Möglichkeit hatte, sich allmählich an die Höhe zu gewöhnen, leiden schon bei der kleinsten Anstrengung unter Atemnot und Schwindelanfällen. Da wir in den letzten Monaten fast durchgängig auf gut zweieinhalbtausend Metern gelebt haben (Quito liegt auf rund 2.800 Metern und Cumbayá nur wenig tiefer), macht uns die Höhe nicht so zu schaffen wie diesen Frischlingen.

Der Pfad, der zur Pyramide hinaufführt, ist recht schmal und so ist man immer wieder gezwungen, über Geröll zu steigen, wenn der Zug der Gipfelaspiranten in den bunten Watteanoraks einmal ins Stocken gerät: Alle paar Meter sitzt jemand auf einem Felsblock, zusammengesunken zu einem Häufchen Elend, schwer atmend und mit fahlem Gesicht. Die dünne Luft macht den Leuten zu schaffen. Da hilft es auch nicht, dass man den von Atemnot und Schwindel Geplagten gut zuredet. Manche von ihnen scheinen nur wenige Höhenmeter vom Kreislaufzusammenbruch entfernt. Eine junge Frau macht den Eindruck, sie sei kaum noch ansprechbar. In den meisten Fällen hilft da nur der Abstieg. Hätten diese Wagemutigen es bis zur Pyramide geschafft, würden sie vielleicht eingesehen haben, dass der Preis für das flüchtige Gefühl, ein Abenteuer zu erleben, manchmal viel zu hoch ist.

Direkt an der Pyramide sind Gedenktafeln aufgestellt, die an jene erinnern, die ihren Traum vom Bergabenteuer mit dem Leben bezahlten. Manche der Tafeln erinnern tatsächlich an Grabsteine, doch ich bezweifle, dass auch nur einer der Unglücklichen hier seine letzte Ruhestätte gefunden hat, in dieser kalten Einöde. Überdies fördern die klimatischen Bedingungen die Konservierung in besonderer Weise, wie man durch gut erhaltene Inka-Mumien weiß, die man in den letzten Jahren aus ihren eisigen Grüften nahe der schneebedeckten Gipfel der Vulkane hat bergen können. Die Vorstellung, irgendwann als Schauobjekt in einem Museum zu enden, eingeschlossen in eine Glasvitrine, hat etwas Bizarres und zugleich Beängstigendes an sich.

Auf manchen der Stelen sieht man Eispickel eingraviert, so dass man annehmen darf, es handele sich um Bergsteiger. Andere zeigen nur ganz schlicht den Namen des Verstorbenen sowie das Datum seines Geburts- und seines Todestages. Es ist immer tragisch, wenn ein junger Mensch stirbt, doch bei vielen der Verblichenen handelt es sich, wie man den Lebensdaten unschwer entnehmen kann, um alte Menschen. Der Chimborazo ist nicht hoch genug, um eine eigene Todeszone zu besitzen, aber ich frage mich dennoch, was fast Achtzigjährige dazu treibt, sich in alpinen Höhenlagen zu tummeln, wenn nicht Todessehnsucht.

Es ist bedrückend, so viele Tafeln zu sehen. Jede einzelne steht für den Tod eines Menschen – so viele Schicksale, die aus wenigen nüchternen Zeilen sprechen. Kaum einer der Bergtouristen in den bunten Anoraks interessiert sich für diesen Bergfriedhof, obwohl doch nur ein Umweg von wenigen Schritten nötig wäre, um der Toten zu gedenken.

Die meisten treibt es zur Pyramide oder in die Carrel-Hütte. Sie machen Fotos mit dem Handy, wobei sie sich in immer neue Posen werfen, den Berg als Staffage im Hintergrund. Manche haben gleich den berüchtigten Selfie-Stick mitgebracht, denn schließlich hat ein Foto nur dann Bedeutung, wenn man selbst darauf zu sehen ist. Für die meisten ist die Pyramide aber das Ultima Thule. Hier kehren sie um und gut gelaunt oder atemlos oder atemlos und dennoch gut gelaunt steigen sie wieder hinab in freundlichere Gefilde.

An der Pyramide haben wir Gelegenheit, zur Kenntnis zu nehmen, dass offenbar jeder, der der ecuadorianischen Geschichte irgendein Vermächtnis hinterlassen hat, eine Reise zum Berg unternahm. Merkwürdig genug, führen solche Reisen immer zu unwirklichen Orten wie der Tierra nevada, wo man doch genauso gut einen pazifischen Palmenstrand besuchen könnte, denn schließlich verlangt es die Reisenden nicht nach Entdeckerruhm, sondern nach innerer Einkehr (bei Humboldt waren es bekanntlich Forscherdrang und Eitelkeit). Aber Besinnung liegt der Costa fern; man ist eher dem Dies- als dem Jenseits zugewandt – kaum vorstellbar, dass dem Libertador unter Palmen ein Satz in den Sinn gekommen wäre, den man für würdig erachten könnte, einem sterbenden Freiheitskämpfer von den Lippen zu fließen.

Für eine stilechte Einkehr bedarf es der Stille und vor zweihundert Jahren musste man ganz gewiss noch nicht fürchten, von SUVs niedergewalzt oder von einer anorakbewehrten Meute erdrückt zu werden. Die Liste der berühmten Namen wäre nicht vollständig, wenn sich nicht auch der große Simón Bolívar in ihr verewigt hätte. Meine Frau schwelgt in Bewunderung. Was für ein Mannsbild, sogar unbezwingbare Berge hat er bezwungen! Ich habe Glück, dass der Libertador in den Heroen-Himmel entrückt ist.

So viel konzentrierte Bedeutungsschwere bleibt nicht ohne Wirkung: Angesteckt von dem Memento mori unterhalb der Pyramide und befeuert vom Beispiel der Prominenz, beginne ich über die Vergeblichkeit menschlicher Anstrengungen zu grübeln. Doch Rettung naht und noch rechtzeitig bevor mein Verstand sich im Tiefsinn verliert wie am Grunde einer Sickergrube, bringt mich ein alter Bekannter zurück in die Wirklichkeit.

Vater Abraham kommt mir in seiner signalbunten Schlechtwetter-Outdoor-Abenteuer-Kombi hurtig entgegengestiefelt, ein triumphierendes Lächeln im Gesicht. Sein langer Rauschebart weht verwegen im Wind. Er hat die Whymper-Hütte doch noch gefunden. Bis dort hinauf sei es aber eine ziemliche Strecke, sagt er. Er meint, man könne auch noch höher aufsteigen, zur Laguna Condor Cocha, doch bei der Hütte sei für ihn Schluss gewesen – die Höhe.

Wir sind dem Himmel so nahe, dass wir ihn fast berühren könnten, doch wir stehen verloren wie Fremde in einer Landschaft, die sich als staubige Ödnis unter der ätherisch blauen Kuppel ausbreitet. Beklemmung kommt uns an, denn wir fühlen, dass sich die Seele hier niemals heimisch fühlen könnte. Über uns erhebt sich drohend das Eisgebirge des Chimborazo, doch wir plaudern so geschwätzig gegen das Gefühl der Verlassenheit an, dass es scheint, wir hätten uns irgendwo in Bahía zufällig auf der Straße getroffen. Ein schneidend kalter Wind streicht um meine nackten Waden und in meiner dürftigen Kleidung beginne ich allmählich zu frieren. Ich muss in Bewegung bleiben.

Ich verabschiede mich von Vater Abraham mit dem Hinweis, dass ich ebenfalls zur Hütte aufsteigen wolle. Ich dränge weiter. Es ist kein unfreundlicher Abschied, zumal es auch ihn wieder nach unten zieht, ins warme Innere seines allradgetriebenen Wagens. Mich aber zieht es mit Macht hinauf zum letzten Refugium der Zivilisation, zur fernsten Exklave der Menschheit im Niemandsland zwischen Himmel und Erde, zu einem Ort namens Whymper-Hütte.

In die Caldera

Vor einigen Wochen hatten wir den Pululahua-Krater besucht. Wir waren damals jedoch am Kraterrand geblieben und hatten lediglich einen kurzen Blick in die Caldera riskiert, denn wir fürchteten, der Abstieg und noch viel mehr der unvermeidliche Aufstieg würden sich zur körperlichen Tortur auswachsen. Nun aber hatten wir uns doch dazu verleiten lassen hinabzusteigen.

Ich schätzte, dass ein geübter Wanderer in nicht mehr als einer Stunde bis zum Boden gelangen könnte, und dass er zwei Stunden benötigte, um wieder emporzusteigen. Es zeigte sich dann aber, dass man gerade eine halbe Stunde braucht, um nach unten zu gelangen, und eine Stunde, um wieder hinaufzusteigen, und dabei hatten wir uns noch nicht einmal beeilt, sondern viele Pausen eingelegt – um zu rasten, zu fotografieren und einfach, um den herrlichen Ausblick zu genießen.

Der Weg führt an der Wand der Caldera entlang und ein steiniger Saumpfad, der an manchen Stellen kaum breit genug ist, auch nur einer Person Platz zu bieten, windet sich im Zickzack der Serpentinen in die Tiefe. Beiderseits wird der Weg von dichter Vegetation gesäumt – Regen und die allabendlich über den Krater ziehenden Wolken spenden Feuchtigkeit genug, um üppigen Pflanzenbewuchs zu ermöglichen. Abfließendes Regenwasser hat tiefe Rinnen in den Boden gewaschen und freigelegte Gesteinsbrocken und allerlei Geröll machen den Abstieg oft zu einem schwierigen Balanceakt. Die Wahl festen Schuhwerks erweist sich in jedem Fall als eine kluge Entscheidung.

Auf dem Weg in den Krater begegnen einem kaum Menschen. Die meisten Touristen scheuen die anstrengende und vor allem zeitraubende Klettertour und sie bleiben daher oben am felsigen Kraterrand. Man steigt allenfalls fünfzig Meter hinab, schießt wie zum Beweis des eigenen Wagemuts ein paar schnelle Selfies und klettert dann wieder hoch zur Aussichtsplattform. Der Selfie-Stick ist dabei ein unerlässliches Utensil und ich habe noch nie so viele Menschen mit dem lächerlichen Stab auf einem Haufen gesehen.

Eigentlich hatten wir gar nicht vorgehabt, den Boden des Kraters zu besuchen, aber nach zehn Minuten war schon fast die Hälfte der Strecke zurückgelegt und es kam uns nicht einmal besonders anstrengend vor. Ich weiß nicht, ob es Entdeckergeist war oder einfach Neugier, aber da wir schon einmal so weit gekommen waren, erschien es uns irgendwie töricht, so kurz vor dem Ziel umzukehren. Wenn eine Wanderung so angenehm ist wie diese, verbietet es sich, an den Rückweg und seine Strapazen zu denken.

Während des Abstiegs begegneten uns zweimal Bewohner des Kraters. Beim ersten Mal war es eine ältere Frau. Sobald sie meine Kamera sah, machte sie mit einer unmissverständlichen Geste klar, dass sie nicht fotografiert zu werden wünschte. Wahrscheinlich gibt es viel zu viele Besucher, die den Krater für eine Art Freilichtmuseum halten und die sich nicht scheuen, seinen sehr zurückgezogen lebenden Bewohnern mit geradezu voyeuristischer Neugier zu begegnen. Der zweite Kraterbewohner, der uns an diesem Tag über den Weg lief, war ein Mann mit seinen beiden Maultieren. Eines der Tiere ritt er selber, das andere diente ihm als Lasttier; es war mit Bündeln und Kanistern bepackt. Er grüßte freundlich, beachtete mich und die Kamera aber sonst nicht weiter.

Wir gelangten schneller zum Kratergrund, als wir es für möglich gehalten hatten: Vor uns breitete sich eine weite Idylle aus Wiesen und Weiden aus. Feldwege führten schnurgerade durch den sattgrünen, bunt mit Blumen gesprenkelten Rasenteppich. An den Rändern sah man den Mais sich in die Sonne recken. Pferde galoppierten über die Weiden und Hunde trotteten gemächlich auf den Wegen daher.

Wir kamen an einem alten Gehöft vorbei, das durch Jahrzehnte der Vernachlässigung in Verfall geraten war. Die Dachbalken kragten wie die Spanten eines geplünderten Piratenschiffes in die Luft. Die Denkmalpflege hatte zwar verzweifelte Anstrengungen unternommen, die zerbröckelnden Mauern vor dem Einsturz zu bewahren, doch es schien, alle Bemühungen wären vergeblich, denn sie kamen zu spät. Die Zeit forderte ihren Tribut – der Verfall hatte längst das Stadium der Unumkehrbarkeit erreicht und alles, was von dem einstmals ansehnlichen Haus noch übrig ist, sind brüchige Mauern und eine Handvoll morscher Balken.

Gleich nachdem man den Kraterboden erreicht hat, führt der Weg an einem Haus vorbei. Der Bau ist rund wie eine Jurte und von der Höhe des Kraterwalls aus betrachtet, wirkt er er eher wie der Tank einer Kläranlage. Auf dem Grundstück war ein junger Mann gerade mit Gartenarbeiten zugange. Er sprach gebrochen Englisch und wir erfuhren, dass man Zimmer mieten könne, nur wusste er nicht, wie viel man zu bezahlen hätte. Später fragte er seinen Vater – zwanzig Dollar verlangte man für die Nacht. Es schien jedoch nicht viele Reisende zu geben, die von dem Angebot Gebrauch machten. Als ich später allein durch den Krater streifte, begegnete mir nur ein junges Paar, das sich offenbar auf eine romantische Abenteuerreise begeben hatte. Ansonsten war ich ganz allein. Zwischen den Kraterwänden herrschte eine so tiefe Stille, dass jedes fremde Geräusch wie der Vorbote einer Invasion wirkte.

Mitten im Krater gibt es ein kleines Hotel. Ich gelangte eher zufällig zu diesem Ort, während ich den Feldwegen ziellos durch die üppig grüne Flur folgte. Es schien, das Gasthaus stand leer und die einzigen Bewohner waren der Besitzer, seine Familie und eine Angestellte. Von der anderen Seite hörte ich Kinderlachen und als ich den Bau umrundete und einen neugierigen Blick wagte, sah ich eine Frau, die an irgendeiner Maschine mit etwas Schweißtreibendem beschäftigt war: Sie brauchte ihre ganze Kraft, um ein großes, schweres Handrad zu drehen. Ich weiß nicht, was genau sie da tat, aber es sah aus wie etwas, das Mägde und Knechte auf einem Gutshof um das Jahr 1900 getan haben würden. Zwei Kinder tollten in der Nähe herum. Ich wollte nicht stören und begab mich in den Gästeraum.

Das kleine Hotel ist so rustikal eingerichtet, dass man sich vorstellen könnte, man sei in einer Berghütte in den Rocky Mountains. Doch Bergsteiger und andere Abenteurer bekommt man hier wohl eher nicht zu Gesicht, denn es bedarf keiner besonderen körperlichen Fähigkeiten oder einer speziellen Ausrüstung, um zum Grund des Kraters zu gelangen. Es dauerte geraume Zeit, bis es mir gelang, auf mich aufmerksam zu machen. Ich wollte einfach nur eine Weile sitzen und ausruhen und damit ich einen Vorwand hätte, bestellte ich einen Kaffee.

Eine Angestellte war gerade damit beschäftigt, Caldo de pollo, also Hühnersuppe, zu kochen. Der aromatische Duft zog durch das ganze Haus und obwohl ich Suppen im Allgemeinen und Hühnersuppe im Speziellen gar nicht mag, bekam ich dennoch Appetit, weil es so verführerisch roch. Als die Frau dann endlich geruhte, meine Anwesenheit zu bemerken, nahm sie meine Bestellung in einer Mischung aus Verwunderung und Widerwillen entgegen. Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit bis der Kaffee kam. Nach guter alter Landessitte bestand er aus Instantpulver, das mit heißem Wasser aufgegossen worden war. Zumindest machten Milch und Zucker das Getränk einigermaßen genießbar.

Während ich so dasaß und meinen Kaffee trank – zum Glück war er heiß –, schaute der Besitzer vorbei. Er nahm von mir keinerlei Notiz, grüßte auch nicht, obwohl ich doch als der einzige Gast in der Lobby seines Hotels saß. Ich sprach ihn an, weil ich mehr über den Krater in Erfahrung bringen wollte, und wenn es jemanden gäbe, der darüber Bescheid wüsste, dann doch wohl er, da er hier lebte. Meine Spanischkenntnisse sind nicht der Rede wert, aber mein Englisch ist passabel und so fragte ich ihn, ob er Englisch spräche. Er bejahrte und ich hatte sogar den Eindruck, dass er die Sprache sehr gut beherrschte, fast wie jemand, der längere Zeit in den USA verbracht hatte. Doch ich kann mich natürlich auch täuschen, denn seine Antworten blieben einsilbig. Meist beschränkte er sich sogar nur auf ein, wie es schien, widerwillig dahingemurmeltes Ja oder Nein.

Schon nach wenigen Minuten ging mir der Redestoff aus und außerdem kommt man sich schnell wie ein Idiot vor, wenn man immer nur Fragen stellt, aber nie eine Antwort bekommt. Es ist alles andere als erbaulich zu versuchen, mit jemandem ein Gespräch zu führen, der nicht im Geringsten an einer Unterhaltung interessiert zu sein scheint. Der Mann verstand mein Angebot zum Smalltalk offenbar gründlich falsch und ich hatte sogar den Eindruck, er fühlte sich regelrecht belästigt. Vielleicht lässt man sich als Hotelbesitzer zu solcherart seichter Unterhaltung nur herab, wenn man es mit zahlenden Gästen zu tun hat.

Ich verabschiedete mich und machte mich auf den Rückweg. In der Einsamkeit des Kraters hat man sich menschlicher Gesellschaft offenbar bis zu dem Punkt entwöhnt, dass man selbst schon die flüchtige Begegnung mit Fremden als Störung empfindet. Ich hatte den Eindruck, die Leute wollten für sich bleiben und das mag auch der Grund sein, warum sie die Anwesenheit neugieriger Reisender nur ungern dulden. Ich wundere mich aber, warum man ausgerechnet ein Hotel betreibt, wenn man doch mit Menschen nichts zu tun haben möchte. Das ist ungefähr so, als würde jemand mit einer ausgeprägten Anthropophobie ausgerechnet im Kundenservice bei Ikea arbeiten.

Der Aufstieg hatte es in sich. Wenn man nicht daran gewöhnt ist, Treppen zu steigen oder sich in schier endlosen Trainingssitzungen auf dem Stepper zu kasteien, beginnen die Oberschenkel schon nach kurzer Zeit infernalisch zu brennen. Aber man hat es ja nicht eilig und man kann so viele Pausen machen, wie man eben braucht, um sich wieder zu erholen. Die Mittagssonne schien heiß auf die Kraterflanke und der Fels speicherte und reflektierte die Wärme wie die Ziegelwände in einem alten Bäckerofen. Die steil aufragenden Wände der Caldera unterbinden jede Luftzirkulation und an manchen Abschnitten des Weges staute sich die Hitze wie im Fokus eines Brennspiegels. Schon nach kurzer Zeit rann mir der Schweiß über den Rücken, als hätte ich ein anstrengendes Ausdauertraining absolviert. Das Shirt klebte mir auf dem Leib und ich hätte sonst etwas gegeben für eine kühlende Brise. Doch man spürte nicht den geringsten Lufthauch.

Anderen Spaziergängern machte der Aufstieg weniger zu schaffen: Als ich einmal rastete (und dabei die schöne Aussicht genoss), überholte mich eine Frau von vielleicht Siebzig. Sie trug einen dicken Wollpullover, dazu auf dem Kopf ein grünes Filzhütchen, wie es in Deutschland wohl nur passionierte Jäger im Seniorenalter aufzusetzen pflegen. Dazu hatte sie sich einen prall gefüllten Rucksack auf den Rücken geschnallt. Sie grüßte mich freundlich und stapfte dann in einem solch forschen Tempo den Pfad hinauf, dass man glaubte, sie wäre fest entschlossen, sämtliche Rekorde einzustellen. Während sie hurtig an mir vorbeizog, rätselte ich, wie man es in dieser Hitze fertigbringt, einen dicken Wollpullover zu tragen (wahrscheinlich war er aus molliger Alpaka-Wolle gefertigt) und dazu noch einen Filzhut und es dennoch vermeidet zu schwitzen.

Oberhalb des Kraters gibt es ein schönes Hotel mit einem gemütlichen Restaurant. Das Hotel sitzt auf dem Grat des Kraterwalls wie die Ananasspalte auf der Piña colada. Es gibt eine kleine Lobby unter einer Kuppel, in deren Zenit sich ein Fenster befindet, das gleich einem allsehenden Auge Licht spendet. Man sitzt entspannt in den überaus bequemen Sesseln, trinkt Tee aus Guayusa, einer Pflanze des Oriente, und schaut durch die riesigen Panoramafenster verträumt in die karge Hochgebirgslandschaft.

Vom Restaurant aus blickt man direkt in den Krater und an jedem Nachmittag wird man Zeuge, wie die Wolken gleich einem Wasserfall aus Trockeneisnebel in Zeitlupe über den Felsgrat in die Caldera stürzen. Wenn man vom behaglichen Innern des Hotels aus die aufregend andersartige Welt jenseits der Panoramafenster gewahrt, fühlt man den angenehmen Schauder des Exotischen und man kommt sich so vor, als befände man sich im beschützten Innern seines Raumschiffs, das gerade auf einem fremden, gefährlichen Planeten gelandet ist. Und aus der sicheren und komfortablen Kommandozentrale bewundert man die ganz und gar unvertraute Landschaft mit ihren grandiosen Schauspielen.