Ein Herz und eine Gruft

Wir sagen Bahía Lebewohl und reisen weiter nach Süden, nach Guayaquil, der großen pulsierenden Hafenstadt am Río Guayas. Unterwegs machen wir einen Abstecher nach Montecristi, das in Ecuador wegen zweier Dinge berühmt ist, im Rest der Welt aber kaum für eines davon: Montecristi ist die Geburtsstätte Eloy Alfaros, des berühmten und gemeinhin verehrten Präsidenten, der vor über hundert Jahren die liberale Revolution einleitete. Aber nicht nur berühmte Präsidenten stammen aus Montecristi, sondern auch der Panama-Hut.

Eloy Alfaro war bis 1911 Präsident Ecuadors. Erst nach langen wechselvollen Kämpfen gelang es ihm, die Ordnung des Landes auf der Grundlage moderner verfassungsrechtlicher Normen zu verankern. Die strikte Trennung von Kirche und Staat war dabei die größte Errungenschaft und gilt als einer der Marksteine der liberalen Revolution. Sie eröffnete Freiräume für eine Entwicklung, wie sie unter der paternalistischen Diktatur der Kirche nicht möglich gewesen wäre. Die unwiderrufliche Trennung hat die überwältigende Mehrheit der Bewohner des Landes jedoch nicht davon abbringen können, sich auch weiterhin als Katholiken zu bekennen.

In Ecuador kennt natürlich jeder Eloy Alfaro – Grund, ihn zu lieben, haben aber bei weitem nicht alle. Unter der Präsidentschaft Rafael Correas, des derzeitigen Amtsinhabers (er wird noch bis 2017 regieren), hat man oberhalb von Monecristi ein Mausoleum mit den sterblichen Überresten des Generals sowie einen Plenarsaal errichten lassen. Dem architektonischen Ensemble, das einsam wie ein Eremitenkloster am Fuße der Berge thront, verlieh man den stolzen Namen Ciudad Alfaro. Hätten Nationen ein Herz, wäre es gewiss dieser Ort, über den der Geist eines ecuadorianischen Märtyrers wacht.

Ein, zweimal im Jahr werden hier, gewissermaßen am Reliquienschrein der Nation – der zugleich der Nabel des modernen nationalen Selbstbildes ist – symbolische Parlamentssitzungen abgehalten. Man darf bezweifeln, dass alle Abgeordneten in den Überbleibseln des grausam hingemordeten Präsidenten einen Quell der Inspiration sehen.

Wie der Zufall es will, ist Correa ein entfernter Verwandter des großen Generals. Nicht wenige halten dies für ein denkbar schlechtes Omen, da Alfaro selbst vor einem blutigen Staatsstreich nicht zurückschreckte, um seine politische Agenda durchzusetzen. Der derzeitige Präsident versteht sich zwar als ideologischer Erbe, aber damit enden auch schon die Gemeinsamkeiten, denn schließlich hat er sich nicht an die Macht geputscht, sondern wurde vom Volk in freier Wahl dreimal hintereinander mit großer Mehrheit ins Amt gewählt. Nicht jeder freilich möchte sich mit dieser Wahrheit abfinden.

Nur wenige Schritte vom Sitzungsort entfernt, lädt die Stätte mit den sterblichen Überresten des Generals zu einem Besuch ein. Ihre letzte Ruhe fanden die Gebeine in einer schlichten Marmorkiste zu Füßen einer Monumentalstatue, die den Präsidenten als kraftstrotzenden Heiland und Heroen zeigt. Vor dem Mausoleum ist indes sein größtes Werk zu bestaunen: die Eisenbahn.

Die Strecke, die einst von den Hafenstädten am Pazifik bis hinauf in die Anden führte, war seinerzeit eine technische Meisterleistung, würdig eines großen Führers und als solcher hat sich dieser stolze Mann wohl auch Zeit seines Lebens empfunden. Durch das Bahnprojekt standen Costa und Sierra zum ersten Mal in direktem Kontakt und die neuen Transportmöglichkeiten förderten die Entwicklung des Landes wie nie zuvor. Eloy Alfaro hat ein wichtiges Kapitel Geschichte geschrieben, aber bekanntlich findet jeder große Mann die Gegner, die er verdient. Am Ende haben sie ihn zu Fall gebracht. Sein Vermächtnis aber besteht bis heute fort.

Die andere Sache, mit der sich Montecristi einen Namen gemacht hat, sind natürlich Panama-Hüte. Die traditionelle Kopfbedeckung, die aus den Fasern einer endemischen Grasart, der Paja Toquilla, hergestellt wird, hat jedoch mit dem Land in Zentralamerika, nach dem sie benannt ist, etwa soviel zu tun wie der Hamburger mit der Stadt an der Elbe.

Panama-Hüte werden auch heute noch auf traditionelle Weise hergestellt, doch mittlerweile sind Hüte von guter Qualität unerschwinglich geworden und wohl auch ein wenig aus der Mode. Wer würde heutzutage schon zweitausend Dollar für einen Hut ausgeben, nur damit er ihn dann am Strand spazieren tragen kann? Ein unerwarteter Regenguss und das edle Stück taugt ohnehin nur noch als Dichtungsmaterial für Abwasserleitungen. Gerade noch eine Handvoll Hutflechter, die sich auf ein Werk von solch hoher Kunstfertigkeit versteht, widersetzt sich dem Trend. Aber wahrscheinlich kann man die Kunden, welche die exquisite Qualität zu schätzen wissen und die die ebenso exquisiten Preise für dieses handwerkliche Meisterwerk zu zahlen bereit sind, mittlerweile auch an einer Hand abzählen.

Wir besuchen die Ciudad Alfaro, die an diesem Tag wirkt, als wäre sie in einen Schlaf des Vergessens gesunken. Der Schlag des Herzens in der Brust dieser Nation gleicht dem Puls eines Patienten, der vorübergehend in ein Koma gefallen ist. Als einzige Besucher verlieren wir uns geradezu auf dem riesigen Parkplatz vor dem Mausoleum. Wir streifen ziellos umher, spazieren durch die Gärten, besteigen die Kuppel des Grabmals und lassen uns von der sakralen Atmosphäre in seinem Innern gefangen nehmen. Ein grauer Himmel hängt schwer über den Bergen und der Stadt.

Später fahren wir die Hauptstraße Montecristis ab, auf der sich Geschäft an Geschäft reiht. Ich habe den Eindruck, wir sind die einzigen, die es hierher verschlagen hat und ich kann mir nicht vorstellen, dass heute auch nur einer der Händler irgendein Geschäft macht. Auch uns steht nicht der Sinn nach Flechtarbeiten und Hängematten. Nirgendwo kann man Flechtarbeiten guter Qualität günstiger kaufen, aber wir haben schon mehr Hängematten und Körbe als wir im ganzen Leben je brauchen könnten. Und so verlassen wir Montecristi mit seiner nationalen Andachtsstätte mit nichts weiter als Erinnerungen und ein paar Fotos.

Comida manabita

Das „Pelícano“ ist ein einfaches Strandrestaurant mit einer großartigen Küche. Es befindet sich nur einen Katzensprung außerhalb von San Vicente. Wir kehren um die Mittagszeit ein, aber das Lokal ist leer wie eine Cocktailbar am Morgen. Wir glauben schon, man habe geschlossen, als plötzlich die junge Bedienung auftaucht und etwas schüchtern die Bestellung entgegennimmt. Meine Frau, die Salat solchen stärkehaltigen Magenfüllern wie Kochbanane vorzieht, äußert ihren Sonderwunsch und die junge Frau vom Restaurant meint, sie werde fragen, ob ihre Großmutter es einrichten könne. Das Lokal ist also in Familienhand – wir nehmen es als ein gutes Zeichen.

Während wir auf das Essen warten, haben wir Zeit, uns ein wenig umzusehen. Durch das Souterrain unter dem Gastraum gelangt man zu einem Ausgang auf der Strandseite. Nachdem wir Berge von Treibgut überstiegen haben, vertreten wir uns die Beine am Wasser. Zwar kommen wir gerade vom Strand und die Sonne hat uns ordentlich zugesetzt, aber als geborene Landratten und als Bewohner eines kalten Landes kann man nie genug davon kriegen. Vom Restaurant aus blickt man auf das weite Mündungsdelta des Río Chone und am anderen Ufer sieht man Bahía geisterhaft im Dunst des Meeres liegen. Es scheint fast, die Stadt schwimme auf dem Wasser. Schneller als wir es erwartet hatten, ist das Essen fertig, und der Junge aus dem Restaurant ruft uns zurück.

Serviert wird Comida manabita, also Essen, wie es für die Küstenprovinz Manabí typisch ist: Unsere gute Freundin, die mit uns reist, hatte sich Corvina al ajillo bestellt, meine Frau nimmt einen Ceviche de camarón und mich erwartet die Corvina a la plancha. Ceviche ist eine lateinamerikanische Erfindung. Wenn man ganz streng sein will, darf man das Fleisch der Meeresfrüchte nur in Zitronensaft ziehen lassen, denn das ist das Besondere am Ceviche: Die Meeresfrüchte werden nicht gekocht, sondern ausschließlich in Zitronensaft „gegart“. Ich glaube aber, in der Gegend um Bahía ist es üblich, die Camarones, die Shrimps, vorher zu kochen. Dagegen ist im Prinzip nichts einzuwenden und nur haarspalterische Puristen würden darüber die Nase rümpfen. Serviert werden die Krustentiere in einer würzigen Tomatensoße mit Chilis, rohen Zwiebeln und gehacktem Korianderkraut. Dazu gibt es Patacones. Das sind frittierte Kochbananenscheiben, die man anschließend zusammendrückt, so dass sie aussehen wie zerquetschte Doughnuts.

Die Corvina ist ein wohlschmeckender Speisefisch, der an der gesamten Pazifikküste Südamerikas vorkommt. Im Pons Online-Wörterbuch wird Corvina wahlweise mit Adlerfisch, Seebarsch oder Meerbarbe übersetzt; der Langenscheidt weist sie schlicht als Adlerfisch aus. Die Gattungsbezeichnung lautet Cilus gilberti, aber das wird den hungrigen Restaurantbesucher in der Regel wohl kaum interessieren, es sei denn, er hätte eine „ichthyophile“ Marotte oder wäre ein Hobby-Fischkundler. Das Fleisch ist weiß und fest und man findet nur wenige oder gar keine Gräten darin. Der Geschmack erinnert mich ein wenig an Seelachs.

Eigentlich esse ich nie frischen Fisch. Nur wenn ich in Ecuador bin, mache ich eine Ausnahme, und hier auch nur dann, wenn ich mich an der Küste aufhalte. Ich meine, wenn man den Ozean nicht sehen, hören und riechen kann, schmeckt der Fisch nur halb so gut. In Berlin begnüge ich mich eigentlich immer mit Thunfisch aus der Büchse. Ich hätte natürlich nichts gegen ein dickes Thunfischsteak vom Grill, aber für den Gegenwert könnte man wahrscheinlich bei Aldi einen ganzen Einkaufswagen füllen. Wie man ihn hier an der Küste zubereitet, ist der Fisch wirklich lecker, und eigentlich kann man nichts falsch machen, wenn man ihn in irgendeinem der Restaurants Manabís frisch bestellt.

Das Essen im „Pelícano“ hat uns so gut geschmeckt, dass wir gleich am nächsten Tag noch einmal wiederkommen. Wir sind ein wenig verwundert darüber, dass ein gutes Restaurant wie dieses mit solch einem vorzüglichen Essen so schlecht besucht ist. An den Preisen kann es jedenfalls nicht liegen, denn für ein Essen bezahlt man gerade einmal fünf Dollar. Verglichen mit dem Preisniveau in Cumbayá, ist das wirklich lächerlich, aber hier bekommt man ein Schlemmermahl zum Spottpreis.

Ich glaube, die Leute aus der Sierra fahren deshalb so gern an die Costa, weil sie sich dort endlich einmal preiswert mit gutem Essen vollstopfen können. Man kann es ihnen nicht verdenken, denn die Küche der Sierra kann bei weitem nicht die Vielfalt an Zutaten und Aromen aufbieten, wie sie für die Speisen der Küste typisch sind. Die Cocina manabita gilt nicht ohne Grund als die beste Küche des Landes. Im Essen macht sich eben der Einfluss des Meeres bemerkbar und all die Händler, Siedler, Seefahrer und Reisenden aus fernen Weltgegenden, die über Jahrhunderte mit ihren Schiffen die ecuadorianische Küste ansteuerten, haben nicht nur ihre Spuren im Lande und in den Gesichtszügen der Menschen hinterlassen, sie haben letztlich auch die Kochkunst bereichert.

Heroen und andere Unsterbliche

Die Tage in Bahía sind eine unbeschwerte Zeit, die bei Sonne, Strand und Meer nur allzu schnell verrinnt. Der Rhythmus der Stadt ist ansteckend und fünf Tage sind schnell vergangen, wenn man nichts weiter zu tun hat, als den natürlichen Bedürfnissen zu gehorchen. Es gibt keine Pflichten, denen man zu genügen hätte, keine lästigen Obliegenheiten, mit denen einen der Alltag nur allzu oft quält, und am Strand zu liegen, Muße zu pflegen und hin und wieder das gute einheimische Essen zu genießen, sind schon die einzigen Forderungen, denen man sich zu fügen hat.

Man könnte so das ganze Leben zubringen und es wäre in nur einem Augenblick vorbei. Selbst die Ewigkeit wirkt kürzer angesichts des Gleichmaßes, das der stete Takt von Tag und Nacht der Welt als unerschütterliches Gesetz auferlegt. In Bahía richtet sich das Versmaß des Lebens nach dem Rhythmus der Natur und das Metrum der Zeit schlägt immer mit derselben unveränderlichen Geschwindigkeit. Nie geschieht etwas, das ihren Lauf beschleunigt und Uhren, die einen daran gemahnen, immer hübsch im Takt zu bleiben, sind daher ganz unnötig. Das Leben ist ein einziges unerschütterliches Kontinuum. Es ist friedlich und ruhig – kein Wunder, dass es so viele Expats in die Stadt zieht: Einen größeren Kontrast zu den Großstädten der USA oder Europas könnte man sich wahrlich nicht denken.

Einmal fahren wir nach Rocafuerte, um Süßigkeiten einzukaufen. Wir schaufeln die Dulces gleich tütenweise ins Auto, aber die Leckereien sind auch schnell aufgegessen. Ich bin geradezu abhängig von dem Naschwerk mit Maní (Erdnussbutter) und ich kann mich schon ein paar Tage später nicht mehr zurückhalten und esse gleich zwei große Behälter an nur einem einzigen Abend leer.

Ganz in der Nähe liegt Montecristi, ein kleiner Ort, der für seine Flechtarbeiten aus Toquilla bekannt ist. Toquilla ist ein Gras, das ausschließlich an der ecuadorianischen Pazifikküste vorkommt. Schon in präkolumbianischer Zeit fand es Verwendung und Händler brachten Erzeugnisse daraus bis nach Mexiko. Berühmtheit erlangte Montecristi durch den Panama-Hut, denn auch wenn die Kopfbedeckung nach dem Land in Mittelamerika benannt ist, stammen die Hüte doch aus der ecuadorianischen Küstenregion, besonders aus Montecristi und dessen näherer Umgebung.

Montecristi wird ebenfalls als der Geburtsort Eloy Alfaros gerühmt. Eloy Alfaro war zweimal Präsident Ecuadors (bis 1911) und gilt als der Wegbereiter der liberalen Revolution. Unter seiner Ägide wurde die Trennung von Kirche und Staat vollzogen. Darüber hinaus initiierte er den Bau einer Eisenbahn, die zum ersten Mal Costa und Sierra direkt verbinden sollte. Das Projekt galt seinerzeit als undurchführbar, doch im Jahre 1908 wurde das letzte Teilstück der Route Guayaquil-Quito fertiggestellt. Vor dem Bau der Eisenbahnstrecke dauerte eine Reise Wochen. Für die Bergregionen bestimmte Handelsgüter mussten auf Eseln transportiert werden und der Weg führte über steinige Pfade bis hinauf in eisige Höhen.

Mit der Eisenbahn schaffte man dieselbe Strecke, für die man vorher Wochen benötigt hatte, in nur zwei Tagen. Damit wurden Costa und Sierra zum ersten Mal auch wirtschaftlich eng miteinander verbunden (Heute braucht man mit dem Auto etwa acht Stunden.). Als sich der General später zum dritten Mal zum Präsidentenamt zu putschen versuchte, verlor er seine Unterstützer, wurde festgenommen, in Quito ins Gefängnis gesperrt und dort von einer wütenden Menge gelyncht. Seine Leiche wurde in einem der großen Parks der Stadt verbrannt.

Heute gilt Eloy Alfaro als eine Art Nationalheiliger und er wird als der mächtigste Bannerträger des Fortschritts in der ecuadorianischen Geschichte verehrt. Die derzeitige Regierung, die sich als Wahrerin jener Werte versteht, für die der General einst unter Einsatz seines Lebens kämpfte, beruft sich explizit auf dessen Vorreiterrolle in der liberalen Bewegung. Die Regierung Correa versteht sich als Alleinerbin der liberalen Revolution und sieht sich zugleich als kämpferische Verwalterin ihres Vermächtnisses. Sie wird nicht müde, diesen Anspruch propagandistisch akzentuiert unters Volk zu bringen, um noch dem Letzten im Lande klarzumachen, dass die liberale Revolution im Sinne Eloy Alfaros mit dieser Regierung ihre Fortsetzung und letztlich ihre Vollendung gefunden hat. Amtsinhaber Rafael Correa ist übrigens ein entfernter Verwandter des berühmten Generals.

Oberhalb von Montecristi, dem Geburtsort Eloy Alfaros, hat man eine nationale Weihestätte zum Andenken an den großen Präsidenten errichtet. In der Ciudad Alfaro, der „Alfaro-Stadt“, gibt es eine Gedenkstätte, die einem Mausoleum nicht unähnlich sieht. Darüber hinaus kann man noch ein Museum besuchen, das zur Geschichte und Kultur Ecuadors informiert sowie Stationen aus dem Leben Eloy Alfaros zeigt; auf dem Gelände findet sich ein Besucherzentrum, Tagungssäle für Parlamentssitzungen oder internationale Konferenzen und ein Areal mit kleinen Läden, in denen der Besucher schöne landestypische Handwerksarbeiten kaufen kann. Der große Parkplatz vor dem Eingang ist auf Massenandrang ausgerichtet.

Im Zentrum der Ciudad Alfaro erhebt sich ein massiver Kuppelbau. Darin befindet sich eine pompöse Monumentalplastik, die Eloy Alfaro als kettensprengenden Heroen zeigt (der Mann war in Wirklichkeit selbst für seine Zeit außergewöhnlich klein). Auf dem Postament ruhen in einem im Kontrast zur Statue sehr schlichten Ossuarium die sterblichen Überreste des Präsidenten. Man kann sich nur schwer des Eindrucks erwehren, dies sei weniger ein Gedenkmonument für einen Staatsmann als vielmehr der Reliquienschrein für einen Heiligen.

Wenn man den Bau betritt, führt der Weg zunächst durch einen langen Gang, der unheimlich wie das Innere einer Mysteriengrotte erleuchtet ist. Das flache Gewölbe, das sich über die Köpfe der Besucher spannt, erzeugt eine Atmosphäre des Mystischen und Geheimnisvollen. In die Wände sind Vitrinen eingelassen und Tafeln mit berühmten Zitaten aus Briefen und Reden des Präsidenten stimmen den Besucher auf den Geist des Ortes ein. Fast scheint es, man gehe durch eine dunkle Krypta, und wenn man dann das Ende des Weges erreicht hat, tritt man urplötzlich ins helle Licht unter der Kuppel. Gleich einem heidnischen Idol erhebt sich dort die mächtige Heroenstatue des Präsidenten, und ich musste wirklich an einen Archäologen denken, der als erster Besucher seit Tausenden von Jahren den unterirdischen Kultraum einer vergessenen Kultur betritt. Wahrscheinlich ist dieser Effekt gewollt und wahrscheinlich fühlt es sich für einen wahren Gläubigen gar nicht anders an, wenn er seinen Tempel, seine Kirche oder seine Moschee betritt.

Von außen wird der Bau von den Spitzbögen einer Stahlkonstruktion gleich dem Fächer eines Blütenkelches eingerahmt. Angesichts ihrer schieren Größe lassen die Bögen öfter an das Gerippe eines Wals denken denn an irgendetwas anderes. Ich habe immer noch nicht herausgefunden, was die fächerförmige Konstruktion eigentlich darstellt, aber vielleicht kommt mir ja noch eine Erleuchtung.

Ich hätte gern ein paar Fotos gemacht, aber aus Gründen, die sich der Erfassung durch den Verstand entziehen, waren der Akku der Kamera sowie das Ladegerät leider wie vom Erdboden verschluckt [Anmerkung des Autors: Die Fotos, die man sieht, stammen von einem späteren Besuch]. Die hektische Suche, die sich daraufhin entspann, hatte nicht den gewünschten Erfolg und auch als wir später noch einmal gründlich und methodisch suchten, blieb das Ladegerät verschwunden. Man hätte ja Fotos mit dem Handy schießen können. Allerdings werde ich das Gefühl nicht los, die Eigenwerbung der Hersteller übertreibt doch maßlos, wenn es um die Qualität der Bilder geht, die sich mit solch einer popeligen Handykamera angeblich erzielen lässt. Die Aufnahmen, die ich bisher gemacht habe, gleichen da schon eher Lomografien. Übrigens fand sich das Ladegerät später im Koffer (sic!), begraben unter Bergen all jener nützlichen wie unentbehrlichen Dinge, die man auf alle Fälle braucht, um eine siebentägige Reise zu überstehen.

Von so viel Bedeutungsschwere war mir schon ganz schummerig und ich war froh, dass wir noch vor dem Abend ins leichtlebige Bahía mit seinen spektakulären Sonnenuntergängen und seinen gutgelaunten Bewohnern zurückkehren konnten. Bahía gehört wahrscheinlich zu den wenigen Orten auf der Welt, an denen man den lieben langen Tag im Prinzip einfach mal nichts tun kann, ohne deswegen ein schlechtes Gewissen haben zu müssen, denn paradoxerweise fühlt man sich am Abend, als hätte man wie einst Herkules die Welt aus den Angeln gehoben und auch gleich wieder ganz neu eingehängt.

In Bahía bedarf es nicht viel, um das Leben in seiner reinsten Form zu genießen. Aber braucht es denn auch viel mehr als Sonne, Strand und Zeit – vor allem Zeit, viel Zeit? Zeit jedenfalls hat man genug, und zwar immer. Wäre Zeit Geld, wie das Sprichwort behauptet, hätte man in Bahía stets mehr davon zur Hand, als man ausgeben könnte. Zeit kann nicht verschwendet werden, denn es gibt sie im Überfluss, doch überflüssige Zeit ist unbekannt.

Die Bahieños verlassen ihre Stadt nur ungern: Das Leben anderswo sei viel zu hektisch. Warum soll man das beruhigende Gefühl, eine Unendlichkeit zur Verfügung zu haben, um Dinge ins Lot zu bringen, gegen den Akkord nach dem rasenden Takt der Uhr tauschen? Ich kann die Leute gut verstehen, die leben, als wären sie unsterblich. Fast wünschte ich, ich wäre selbst ein Bahieño.

Pazifische Sonnenuntergänge

Wir waren auf Reisen. Ausgangspunkt unserer Grand Tour de Ecuador war Bahía de Caráquez. Nicht zum ersten Mal zog es uns zur Küste und eigentlich ist Bahía bei jeder Reise – ganz gleich, welches Ziel wir auch ansteuern – immer unser erster Anlaufpunkt. Ecuador ist zwar ein Land in den Tropen, doch besteht zwischen Costa und Sierra mindestens ein so großer Unterschied wie zwischen dem winterlichen Berlin und dem sonnenverwöhnten Neapel. Aber nicht nur Geographie und Klima bewirken, dass Küste und Gebirge als zwei völlig verschiedene Welten empfunden werden, auch die Mentalität der Leute unterscheidet sich und vielleicht ist doch nicht alles falsch an der alten, im Kehricht der Studierstuben vergessenen Idee, dass das Klima den Charakter beeinflusst.

Ich habe nie verstehen können, warum man statt an die liebliche Amalfiküste oder zum mythischen Kreta, im Sommer zum kalten Nordkap pilgern muss. Norwegen hat sicher seinen Reiz, aber wenn man aus einem kalten Land kommt – und Deutschland ist nun einmal ein kaltes Land (man frage die Ecuadorianer!) – sehnt man sich nach Wärme, nach Sonne und nach der Leichtigkeit des Südens mit seiner kultivierten Lebensart und seinen freundlichen Menschen. Ich habe nie begriffen, dass man nichts dabei fand, wenn der Berliner Sommer grau, kalt und verregnet wäre, hätte man doch nur einen wunderbaren Goldenen Herbst zu erwarten!

Ich brauche Wärme, Sonne und freundliche Menschen um mich. Die Küste hat in vielerlei Hinsicht die Leichtigkeit und die Leichtlebigkeit der mediterranen Kultur geerbt. Manch einer mag zu der nicht ganz unbegründeten Auffassung neigen, sie habe auch ihren Leichtsinn geerbt, aber das ist ein anderes Thema. Nachdem sie einmal mit Italienern zu tun gehabt hatte, wunderte sich meine Frau, die von der Küste stammt, dass die Leute von der Apenninenhalbinsel den Costeños in ihrer ganzen Art sehr ähnlich seien. Das ist einer der Gründe, warum ich so gern an die Küste fahre.

Wie üblich fuhren wir über Santo Domingo und wie üblich ließ es sich mein Schwiegervater nicht nehmen, uns zum Essen einzuladen. Der Mann hat offenbar einen Spenderkomplex, aber irgendwie ist er nett und ich kann ihn gut leiden. Bei Pedernales stießen wir auf die Küste und von dort braucht man noch einmal neunzig Minuten bis Bahía. Wir fuhren auf der hervorragend ausgebauten Küstenstraße nach Süden und da es schon spät geworden war, konnten wir der Sonne dabei zusehen, wie sie gleich einem auf die Erde stürzenden Himmelskörper zunächst allmählich und dann immer schneller dem Horizont entgegensank.

Als wir San Vicente erreichten (das ist die Stadt auf der Festlandseite jener Bucht, auf deren anderer Seite Bahía de Caráquez liegt), hing die orange-rote Feuerkugel der Sonne nur eine Daumenbreite über dem Meereshorizont. Wir hielten an einem Aussichtspunkt und sahen gebannt dabei zu, wie der glühende Sonnenball in nur wenigen Augenblicken auf der Oberfläche des Pazifiks zerschmolz. Noch minutenlang füllte Abendrot den Himmel. Von jenseits des Horizonts setzte das sinkende Tagesgestirn das Firmament mit letzter Kraft in Brand. Wie im Widerschein einer kataklysmischen Vulkaneruption glühten die Wolken in einem feurigen Orange.

Nicht anders als das berühmte Macondo, ist Bahía ein Ort der Geschichten und der Mythen, wobei sich nur selten mit einiger Sicherheit bestimmen lässt, was davon wahrer ist – Mythos oder Geschichte. Denn mancher Mythos ist wirklich wahr, wohingegen nicht wenige Geschichten wohl mehr auf die überschäumende Einbildungskraft der Leute zurückzuführen sind. Eine wahre Geschichte von fast schon Shakespeareschen Ausmaßen erzählt vom Schicksal der Rupertis, einer berühmten Familie der Stadt.

An einem warmen Abend kurz vor Sonnenuntergang ließen wir uns ohne ersichtliches Ziel durch die Stadt treiben. Bahía hat viele berühmte, von Mythen und Geheimnissen umwitterte Orte, denn anders als das skeptische Berlin mit seiner alles hinterfragenden, fast schon lästerlichen Vernunft lebt die Stadt am Pazifik von den Geschichten am Rande des Irrationalen. Und die wahren Geschichten erkennt man daran, dass sie verrückter sind als die erfundenen es je sein könnten. Wir fuhren durch die Stadt und als der Tag sich anschickte, im Goldgewand des Abends in den Pazifik zu tauchen, kamen wir plötzlich zu der Ruine eines Hauses auf der Spitze eines Hügels hoch über dem Meer.

Ähnlich dem Palazzo eines vornehmen Geschlechts im Italien der Renaissance erhob sich über der Stadt einst die strahlende Residenz der Rupertis. Die Familie hatte das repräsentative Anwesen erst kürzlich errichten lassen und mit dem neuen Haus sollte sich eine glückliche Zukunft verbinden. Doch das Schicksal folgte nicht dem geraden Weg des Glücks, sondern schlug eine Abzweigung ein, die zu einem dunklen, trostlosen Ort führte.

Das Verhängnis drängte in das Leben der Familie mit der Macht des Schicksals in einer griechischen Tragödie: Eines Tages fand man den Vater tot im Bett, niedergestreckt mit einem Kopfschuss. Es gab keine Indizien, die einen Schluss zuließen, wer hinter dem Mord steckte; auch ein Motiv ließ sich nicht ermitteln. Zusammen mit ihren drei Kindern lebte die Mutter weiter in dem Haus bis zu jenem verhängnisvollen Tage, etwa zwei Jahre später, da man auch sie tot in ihren Gemächern fand. Auch sie wurde erschossen und wieder fand sich nicht die geringste Spur. Die Morde sind bis heute ein Rätsel und alles, was man darüber hört, sind die verrückten Geschichten, die sich die Leute in den Straßen Bahías zuraunen.

Schicksalsschläge wie diese hätten wohl jeden aus der Bahn geworfen, und so ist es nicht verwunderlich, dass die Geschichte, die als Tragödie begann, auch als Tragödie endete. Wie ein tausend Tonnen schwerer Güterzug, der ohne Bremsen einen Berg hinunterrast, und der erst in einer Katastrophe zum Stehen kommt, musste das Vermögen der Familie verschleudert und die Leben der Kinder vollständig ruiniert werden, ehe die Waagschalen des Schicksals wieder ins Gleichgewicht kamen.

Man kann einem Menschen, der einen traumatischen Verlust erlitten hat, nicht vorwerfen, dass er den Schmerz in jeder nur möglichen Weise zu betäuben versucht. Doch leider findet man auf diesem Weg keine Erlösung, denn wenn die Betäubung nachlässt, erleidet man nur immer wieder dieselbe Qual. Am Ende aller Wege steht man am Abgrund und ob man noch einen Schritt weiter geht, ist die letzte Entscheidung, die man im Leben zu treffen hat.

Die Kinder hatten in geschäftlichen Dingen leider nicht das Geschick der Eltern geerbt und so verzettelten sie sich in teils waghalsigen, teils törichten Unternehmungen, die das riesige Vermögen der Familie in nur wenigen Jahren vernichteten. Nachdem alle Konten geplündert und noch der letzte Notgroschen verschleudert war, ließ sich der standesgemäße Lebensstil, den man als Angehöriger einer honorigen Familie gewohnt war, nicht länger aufrechterhalten und der unaufhaltsame Abstieg ging in den freien Fall über.

Mit dem Verlust des Vermögens fielen die Schranken des Anstands und als handelte es sich um einen namenlosen Leichnam am Straßenrand fledderte man auch noch die letzten Überbleibsel dessen, was einst der Ruhm und der ganze Stolz der Familie war: Alles von Wert wurde aus dem Haus fortgeschafft. Möbel, Türen, Fenster, Bodenbeläge, Armaturen und Installationen wurden entfernt und eilig verhökert, als gelte es, die eigene Seele aus dem Fegefeuer freizukaufen. Am Ende blieben von dem strahlenden Anwesen nur die kahlen Mauern. Die Zeit und Plünderer rissen auch sie bis auf die Fundamente nieder. An den Resten nagt die salzige Meeresluft und allmählich zerfällt alles zu Staub.

Die Kinder haben überlebt. Ähnlich Suchtpatienten, die nach Jahren ruchloser Exzesse ein schweres Fieber befällt und die, nachdem die Fiebermären ausgestanden sind, friedlich ihrer Genesung entgegenschlafen, führen sie heute ein ruhiges, unscheinbares Leben abseits der öffentlichen Aufmerksamkeit. Vielleicht träumen sie manchmal von ihrem früheren Leben und man könnte es ihnen nicht verübeln, wenn sie es sich zurückwünschten.

Doch eine Rückkehr ist unmöglich, denn die Vergangenheit ist ausgelöscht: Vom Vermögen der Familie ist nichts geblieben als Erinnerung. Und auch ihr Ruf ist dahin, getilgt in Exzessen jeglicher Art und zur Legende verteinert mit den Jahren. Nur die alten Geschichten sind noch da, die sich die Leute auf den Straßen Bahías erzählen, Geschichten von Reichtum, Neid und Rache, Geschichten von Intrige und Mord. Manche dieser Geschichten sind so verrückt, dass man sie kaum glauben möchte, aber wahrscheinlich sind sie wahr, so wie alle Mythen irgendwie wahr sind.

Das Grundstück, auf dem sich einst das stolze Anwesen der Familie erhob, ist heute verwaist. Der warme Pazifikwind streicht um die Ruine und Unkraut sprießt aus den Mauerritzen. Dabei befindet sich die Immobilie in bester Lage und jeder, der ein wenig Geschäftssinn hat, müsste sich eigentlich die Finger danach lecken: Die Spitze des Hügels bietet eine grandiose Aussicht auf den Ozean und allabendlich könnte man von der Terrasse aus den pazifischen Sonnenuntergang bewundern. Auf der anderen Seite streift der Blick über die Dächer Bahías und man schaut herab auf die Stadt wie ein Fürst vom Altan seines Palastes.

Es verwundert, dass noch niemand Interesse an dem Grundstück angemeldet hat, aber die Leute sind abergläubisch. Man meint, ein Fluch liege über dem Ort, und jedem, der die Kühnheit besitze, eine so offensichtliche Tatsache zu ignorieren, indem er dort ein Haus errichtet, werde es nicht anders ergehen als den Vorbesitzern. Mit Logik hat das natürlich nichts zu tun, aber wie soll man den Leuten mit Vernunft kommen, wenn höhere Mächte im Spiel sind.

Wir fuhren weiter zur Strandpromenade auf der dem Pazifik zugewandten Seite der Stadt. Dort versammelt sich jeden Abend eine bunte Gesellschaft aus Einheimischen und Urlaubern, um bei Musik und ausgelassener Stimmung den Sonnenuntergang zu feiern. Die Sonnenuntergänge am Pazifik sind spektakulär wie sonst kaum ein Naturereignis und die Leute sind so fröhlich, dass man fast meinen könnte, die Sonne ginge nur alle paar Jahre unter. Aber wann nimmt man sich schon einmal Zeit für solche Dinge? Wie oft im Leben hat man die Silberscheibe des Vollmonds gesehen und wie oft wird man noch Gelegenheit dazu haben? Wann hat man zum letzten Mal vor dem Abendrot ausgeharrt bis das letzte Licht erlischt und die Sterne heraufziehen? Und wann käme man schon auf die Idee, den Sonnenuntergang zu feiern? Da feiert man öfter den eigenen Geburtstag.

Am Rande der feiernden Menge tauchte plötzlich ein Jogger in voller Fitnessmontur auf: die windschnittige Kleidung des Profiathleten auf den eher weichlichen Leib gepresst, Stirnband, Fitnesstracker, sündhaft teure Laufschuhe. Doch er schleppte sich eher müde durch den Abend, als dass er leichtfüßig dem Sonnenuntergang entgegeneilte. In der Regel beherrschen die Läufer am Morgen die Szene, Abends sieht man sie jedoch nie. „Guck mal, ein Jogger!“ bemerkte ich, denn der Läufer, der sich keuchend auf der Promenade entlangschleppte, nahm sich mit seinem Leidensausdruck unter all den jungen, fröhlichen Gesichtern sehr fremd aus.

Ein kurzer Blick reichte meiner Frau, um sich zu vergewissern, dass sie den Mann kannte. Wie nebenbei bemerkte sie, es handele sich um einen bekannten Drogenabhängigen der Stadt – früher jedenfalls wäre er dafür bekannt gewesen. Aber offenbar hat er sein Leben von Grund auf geändert, denn schließlich machen einen Drogen nicht jünger. Doch Spaß scheint ihm das neue Leben nicht zu machen: Ich sah ihn später wie das traumatisierte Opfer eines Flugzeugabsturzes völlig lethargisch auf den Stufen vor seinem Haus sitzen. Eine Schweißpfütze hatte sich zwischen seinen Füßen gebildet. Er guckte in die Gegend mit dem vollkommen leeren Gesichtsausdruck eines Menschen, der nicht begreifen kann, in welche Richtung sich sein Leben gewendet hatte.

An diesem Abend hatten sich ungewöhnlich viele Surfer am Strand versammelt. Sie schwammen wie die Seeotter auf der spiegelnden Oberfläche des Meeres und warteten auf die perfekte Welle. Ein warmer auflandiger Wind türmte die Brandung zu langen Wellenkämmen, die diagonal gegen die Küste rollten. Meist verharrten die Surfer bewegungslos im Wasser, aber wenn es einmal eine Welle schaffte, die Brandungszone zu überwinden, ohne zu Schaum zu zerfallen, warf sich ein Dutzend von ihnen zugleich auf die Bretter und paddelte der Welle wie auf Kommando davon. Wenn sie die Welle zu fassen bekam, sprangen sie auf das Brett und die Woge trug sie Richtung Strand. Das war keine Physik mehr, das war reine Magie. Die geschicktesten Surfer ritten die Welle, bis der Wellenkamm zusammenbrach und dann hechteten sie übermütig wie spielende Delfine in die brodelnden Wassermassen, nur um Augenblicke später als braungebrannte junge Meeresgötter aus der Gischt emporzutauchen.

Dann kam der Höhepunkt des Abends als die Sonne die Oberfläche des Meeres berührte. Alle folgten nun in atemloser Spannung dem Schauspiel und selbst die Surfer stellten für einen Moment ihre Jagd nach der perfekten Welle ein. Als die glühende Kupferscheibe unter den Horizont tauchte, brach die Menge in frenetischen Jubel aus. Die Menschen schickten dem Tag einen letzten Gruß hinterher und verabschiedeten das Tagesgestirn mit einem ausgelassenen Vale. In wenigen Minuten war es vorüber: Der Ozean verschluckte den letzten Rest flüssigen Goldes und die Welt erstrahlte in der ganzen Pracht des Abendrots, ehe sie in das mit Sternen gesprenkelte Gewand der Nacht schlüpfte. Wie ein Weltenbrand brach die Abenddämmerung über den Himmel und mit einem Mal schien es viel stiller geworden zu sein.

Doch am Strand ging die Party weiter und man feierte den Tag und das Leben bis in die späten Nachtstunden. Und auch am nächsten Tag würde die Sonne untergehen und die Bewohner Bahías werden dann wieder feiern, als wäre es der erste Sonnenuntergang seit Anbeginn der Zeit.

Ponchos in Genf

Es war spät geworden und eigentlich hatten wir unseren Trip nach Cotacachi als Tagesreise geplant. Doch eingedenk unserer Erfahrungen wollten wir es nicht darauf ankommen lassen, bei Dunkelheit zurückzufahren. Nachts mit dem Auto durch die Anden zu fahren, ist ein Abenteuer, das jedem empfohlen sei, der den Nervenkitzel der ganz großen Herausforderung sucht. Wir wollten nicht zurück nach Cumbayá und in Cotacachi hatten wir alles gesehen, was man gesehen haben sollte, doch Otavalo lag nur einen Katzensprung entfernt. Mit dem Auto schafft man die Strecke in nicht mehr als fünfzehn Minuten. Also machten wir uns auf nach Otavalo, um dort zu übernachten und vielleicht auch den berühmten Markt zu besuchen, der hier jedes Wochenende abgehalten wird.

Otavalo ist ein kleines hübsches Städtchen, dessen Einwohner sich vor allem auf Textilarbeiten spezialisiert haben. Darüber hinaus kann man noch schöne Kunstgewerbearbeiten bewundern und natürlich auch kaufen. Als wir eintrafen, war man auf dem Markt bereits damit beschäftigt, die Stände abzubauen. Seit ich den Ort das erste Mal besucht hatte – mir scheint, es war vor einer Ewigkeit –, war der Markt über die Plaza mayor hinaus wie eine Wucherung in die Stadt hineingewachsen. Weite Teile der Innenstadt waren für den Verkehr gesperrt, weil Händler dort dicht an dicht ihre Marktstände aufgebaut hatten. Feilgeboten wurden alles, was geschickte Hände nur zu weben, zu klöppeln oder zu stricken vermochten, und wer einen erstklassigen Poncho erstehen möchte, um sich einmal wie ein waschechter Hochlandbewohner zu fühlen (oder wie ein Idiot – es kommt nur darauf an, wo man das Kleidungsstück trägt), ist hier genau an der richtigen Adresse.

Man sagt, die Bewohner der Stadt, die Otavaleños, hätten dank konsumfreudiger Touristen ihr Geschäft so groß aufziehen können, dass nicht wenige von ihnen steinreich geworden seien. In der Tat sind es vor allem Touristen, die auf dem Markt kaufen, aber das Gros bilden dabei die Ecuadorianer und nicht die Ausländer. Die sieht man zwar häufig und auch hört man gar nicht so selten Deutsch (merkwürdigerweise immer mit unverkennbarem Schweizer Akzent), doch ist der Markt in der Regel so gut besucht, dass die paar Nicht-Ecuadorianer gar nicht ins Gewicht fallen.

Wir schlenderten noch ein wenig durch die Kunstgewerbegalerien. Es gibt viele schöne Dinge zu kaufen und man könnte wirklich ein Vermögen dalassen und würde es nicht bereuen, sofern man eines hat, das man verschwenden kann. Kein Wunder, dass die Stadt – anders als viele andere ecuadorianische Städte – so aufgeräumt, so sauber und so ordentlich wirkt. Die Bürgersteige sind in der gesamten Innenstadt mit bunten Kacheln ausgelegt; die Straßen sind so gut gepflastert wie in nur irgendeinem properen Städtchen Mitteleuropas; die Fassaden der Häuser sind in ordentlichem Zustand und selbst die alte Barockkirche an der Plaza mayor ist adrett renoviert und strahlt so schön und sauber, als wäre sie gerade erst hingebaut worden. In einem Land wie Ecuador und wahrscheinlich an den meisten Orten dieser Welt sind solche profanen Dinge keineswegs selbstverständlich, und umso mehr ist man erstaunt und freut sich, wenn man ihnen dann doch unvermutet begegnet. Durch den Markt und das Textilgeschäft wurde Otavalo wohlhabend, und das merkt man der Stadt auch an.

Nachdem die Händler ihre Zelte abgebaut hatten, fuhr die Müllabfuhr durch die nächtlichen Straßen und sammelte den Unrat des Tages ein. Von überall her konnte man das Lied der Müllautos hören, das wie ein Kinderlied aus einer antiken Spieluhr klang. Die Müllmänner arbeiteten im Akkord, um die Straßen in Rekordzeit blitzsauber zu räumen: Während die Laster unter klingendem Spiel langsam durch die nächtlichen Gassen rollten, turnten die Müllmänner wie Reitakrobaten um die Maschine, sammelten in einem schier wahnwitzigen Tempo den Müll vom Bordstein und schleuderten ihn in den Container. Nach zwei Stunden klingender Kinderlieder waren die Straßen so sauber als hätte der Markt mit Abertausenden von Besuchern nie stattgefunden.

Meine Frau, obgleich Ecuadorianerin von Geburt, ist in der Sierra eine Fremde geblieben. Die kulturellen Unterschiede und vor allem die Mentalitätsunterschiede zwischen Sierra und Costa sind so groß, dass man glauben könnte, es handelte sich um Bewohner verschiedener Länder, die dazu noch auf weit entfernten Kontinenten liegen. Sie meinte einmal, sie könne nicht verstehen, warum die Serranos in Deutschland immer jammerten, denn im Grunde seien sie nicht viel anders als die Deutschen oder zumindest entsprächen sie genau dem Klischee, das man den Deutschen immer gern anhängt: sie seien wortkarg, humorlos und arbeitsam. Es erübrigt sich zu erwähnen, dass die Costeños das genaue Gegenteil dessen verkörpern – so behauptet man zumindest. Die Serranos sagen ihren ungeliebten Vettern von der Küste nach, dass diese immer nur feiern wollten, vom Arbeiten hingegen hielten sie nicht allzu viel. Meine Frau ist selbstverständlich eine Ausnahme – falls an der Sache etwas dran sein sollte.

Wir suchten ein Hotel für die Nacht und meine Frau, die schon einmal vor ein paar Jahren in Otavalo übernachtet hatte, empfahl uns das „Indio Inn“. Das „Indio Inn“ ist eines der besten Hotels am Ort und wird von Otavaleños, also Einheimischen, geführt. Man muss wissen, dass „Indio“ eigentlich ein Schimpfwort ist. „Indio“ steht für Rückständigkeit, Unbildung, Unterdrückung und ist der Name, den die vermeintlich bessere Hälfte der Gesellschaft dem vermeintlichen Bodensatz gegeben hat. Niemand würde sich freiwillig als „Indio“ bezeichnen, wenn man jedoch auf die ethnischen Wurzeln anspielt, spricht man von „Indigenas“.

Als ich im Jahre 1992 Ecuador besuchte, wurde gerade der fünfhundertste Jahrestag der Entdeckung Amerikas durch Kolumbus gefeiert. Natürlich bot dieses Jubiläum nicht für alle Ecuadorianer Anlass zu grenzenloser Freude, besonders nicht für jene Teile der Bevölkerung, die aufgrund ihrer ethnischen Zugehörigkeit noch heute von der gesellschaftlichen Teilhabe ausgeschlossen sind. Ich erinnere mich, dass wir gerade mit dem Taxi unterwegs waren, als wir plötzlich in eine Demonstration gerieten. Die Teilnehmer des Aufmarsches prangerten nicht weniger als Völkermord und fünfhundert Jahre Unterdrückung an. Meine Frau fragte den Taxifahrer, was für eine Bewandtnis es mit dem Protestzug hätte, und der Fahrer antwortete, wie wohl die Mehrheit geantwortet haben würde: Er wisse nicht, was diese Indios eigentlich wollen.

Seit damals hat sich viel verändert, vor allem in der Mentalität der Leute. Noch vor Jahren wäre es undenkbar gewesen, dass sich Menschen stolz ihrer indigenen Abkunft rühmen – und dass sie ein Hotel betreiben. Als meine Frau zum ersten Mal im „Indio Inn“ übernachtete, war sie ganz begeistert, dass so etwas in Ecuador möglich ist. Die Bewegung der Indigenen hat in den letzten Jahren einen leidenschaftlichen Aufschwung genommen und jene seit so langer Zeit unterdrückten Menschen sind mit deutlich gestärktem Selbstbewusstsein aus dem Ringen um gesellschaftliche Anerkennung hervorgegangen. Man muss sagen, ihr Erfolg hat dem Land gut getan.

An dieser Erfolgsgeschichte hat sicher auch der Tourismus mitgestrickt: Wer nach Ecuador kommt, will etwas Landestypisches und Authentisches sehen und möchte zugleich den Kitzel des Exotischen spüren. Die Vielfalt der einheimischen Kulturen bedient dieses Bedürfnis und die Touristen sind auch gern bereit, dafür Geld auszugeben. So hat die einst verachtete Kultur der Indigenen eine Aufwertung erfahren, und es ist jetzt sogar möglich, dass ein Hotel einen Namen trägt, den man noch vor gar nicht langer Zeit allein dann auszusprechen pflegte, wenn man damit eine Herabwürdigung meinte.

Am Ende war unsere Begeisterung doch nicht groß genug, um uns davon zu überzeugen, die Nacht im „Indio Inn“ zu verbringen. Nach Otavalo zu kommen, war das Ergebnis eines spontanen Entschlusses, aber achtzig Dollar wollten wir dann doch nicht für ein bisschen Spontaneität opfern. Und schließlich waren wir nicht der schönen Hotels wegen gekommen. Otavalo ist gut auf den Ansturm der Touristen eingerichtet (der Markt zieht Tausende jedes Wochenende hierher). Die Stadt ist geradezu gespickt mit Hotels und ein Zimmer für die Nacht zu finden, ist deshalb kein großes Kunststück. Wir zogen nur eine Straße weiter und dort fanden wir unsere Bleibe. Das Zimmer, das uns der Nachtportier anbot, war sauber, die Betten bequem und es gab HBO – was will man mehr? Und das alles für nur dreißig Dollar!

Nachdem wir eingecheckt hatten, gingen wir noch einmal auf die Straße, um ein wenig durch die abendliche Stadt zu schlendern. Wie es der Zufall so will, trafen wir auf zwei Kolleginnen meiner Frau, die eine Ecuadorianerin, die mehr als die Hälfte ihres Lebens in Deutschland verbracht hat, die andere Schweizerin. Man kam sofort ins Plaudern und ehe man sich´s versah, hatte man sich schon zum fröhlichen Umtrunk verabredet. Ich kam mir ein bisschen vor wie das fünfte Rad am Wagen und verabschiedete mich unter einem Vorwand, zumal ich die einmalige Gelegenheit nutzen wollte, um bis in die Puppen fernzusehen.

Zuhause in Cumbayá haben wir kein Fernsehen und nach Monaten der Abstinenz giert man regelrecht nach der Glotze – selbst Werbung verschafft einem da schon ein Hochgefühl. Während meine Frau genüsslich Piña coladas mit den Kolleginnen schlürfte, machten mein Sohn und ich es uns im Bett bequem und zappten uns durch das nächtliche Fernsehprogramm. Nichts geht über einen Fernsehabend unter Jungs: Niemand beschwert sich über Gewaltorgien oder versucht einen mit didaktischer Raffinesse über die psychischen Folgen exzessiven Fernsehkonsums aufzuklären. Über die Mattscheibe flimmerten Mord und Totschlag und zu so einem spaßigen Happening fehlten eigentlich nur noch die opulente, fleischlastige Abendmahlzeit und natürlich das Bier.

Bis zum Mittag des nächsten Tages wollten wir zurück in Cumbayá sein. Meine Frau nutzte den Morgen, um dem Markt noch schnell einen Besuch abzustatten. Sie kaufte zwei schöne T-Shirts und war rechtzeitig zum Frühstück wieder zurück. Otavalo befindet sich in der Nähe der Laguna San Pablo, eines recht großen Sees hoch in den Anden. Schon auf der Fahrt nach Cotacachi hatten wir von der Autopista aus einen Blick auf die majestätische Wasserfläche erhaschen können. Nun wollten wir einen kurzen Abstecher zum Ufer machen, auch um herauszufinden, ob sich ein Wochenendaufenthalt am Wasser lohnen könnte.

Über eine einsame Landstraße gelangten wir zu einem Parkplatz vor einer Art Pier, auf dem ein Restaurant stand. Wir waren die einzigen Besucher. Der Pier sah so hinfällig aus, dass es nur eine Frage der Zeit zu sein schien, wann ihn die Wasser des Sees samt dem Restaurant verschlingen würden. Ein zweiter Pier, auf dem einmal ein Hotel oder auch ein Restaurant gestanden haben mochte, war bereits ins letzte Stadium des Verfalls übergegangen: Eine morsche Holzruine, von der sich gerade noch erahnen ließ, was sie einmal darstellte, hielt sich, wie es schien, mit verzweifelter Anstrengung eben so über dem Wasserspiegel. Ein scharfer Windstoß – die vermoderten Stützbalken würden nachgeben und der Pier fände sein nasses Grab im See.

Das Wasser des Sees war kristallklar; am Grund wogte Seegras. Die Sonne brannte als wäre sie der Erde noch nie so nahe gewesen. Der Morgen setzte das Bergpanorama in ein ätherisches Licht. Man hätte glauben können, dort irgendwo, jenseits des Sees, befinde sich das Tor nach Shangri La. Am liebsten wäre ich gleich in den See gesprungen und zu seinem Grund getaucht, doch die Laguna San Pablo befindet sich im Hochgebirge und das reine, klare Wasser sieht nicht nur so aus, als ob es sich aus den frostkalten Gletscherbächen der Berge speiste.

Wir stellten uns vor den See und machten Fotos. Als wir zum Parkplatz zurückkehrten, lagerten dort zwei Frauen in der Tracht der Indigenen. Ihre Gesichter waren von Falten zerfurcht, als hätten darin geologische Kräfte in Äonen ihre Spuren hinterlassen. Sie erschienen mir steinalt wie mythische Wahrsagerinnen. Man bettelte uns freundlich um etwas Geld an und ich gab ihnen alles, was ich an Kleingeld in den Taschen hatte. Vielleicht sagten sie mir dafür ein günstiges Schicksal voraus.

Auf der Rückfahrt nahmen wir den Umweg um den See. Die schön gepflasterte Landstraße, auf der es sich so bequem fahren ließ, wich bald einer abenteuerlichen Buckelpiste. Offenbar war in diese Gegend noch kein Straßenbautrupp vorgedrungen. Am jenseitigen Ufer des Sees zogen sich die Dörfer in langer Reihe hin. Eigentlich war es nur ein einziges Dorf, dessen Häuser sich an der Hauptstraße entlangreihten wie Perlen an einer Schnur. Zwischen Seeufer und Bergen gibt es nicht viel Platz und so ist die Umgehungsstraße oft die einzige Verkehrsader im Ort.

Ich bezweifle, dass je ein Tourist aus dem Ausland diese Gegend besucht. Rund um den See findet sich nicht die geringste Spur einer touristischen Infrastruktur, und alles was man über die sonstige Infrastruktur mit Sicherheit sagen kann, ist, dass sie nicht existiert. Wir haben gehört, dass es irgendwo ein schönes Restaurant geben soll, von dem aus man einen wundervollen Blick über den See hat. Manch einer behauptet sogar, man komme sich vor wie in Genf. Die Leute übertreiben gern. Leider haben wir das Lokal verpasst und wir fanden auch keine Muße, erst umständlich danach zu suchen. Vielleicht beim nächsten Mal.

Die Straße führte oberhalb des Sees in den Ausläufern der Berge entlang und von hier oben hatte man einen guten Blick auf das Seeufer und die Lagune: Der Berg senkte sich ziemlich steil bis zum See ab. Dort aber, wo er das Niveau des Wasserspiegels erreichte, ging er in einen breiten sattgrünen Ufersaum über, der aus der Ferne so wirkte wie eine angenähte Bordüre aus grünem Samt. Als wir so auf der engen, mit Schlaglöchern gespickten Straße durch die Dörfer zuckelten, entdecken wir plötzlich rechter Hand die Zufahrt zu einem Ferienressort. „Cabañas“, also kleine Bungalows, war auf einem Schild zu lesen. Wir hielten und unser Blick folgte der Zufahrtsstraße immer weiter bis zum Seeufer hinab und tatsächlich: auf dem moosgrünen Ufersaum, unmittelbar am Wasser, warteten niedliche Ferienbungalows auf die Gäste. Aus der Ferne sahen sie den Häuschen aus dem Monopoly-Spiel zum Verwechseln ähnlich. Ganz reizend, würde der Connoisseur sagen.

Es muss schön sein, mit einem guten Schoppen im Glas gemütlich auf der Terrasse zu sitzen, und dabei den Blick über den See schweifen zu lassen. Vielleicht kommt es einem ja wirklich ein bisschen so vor, als sei man in der Schweiz und vielleicht ist es Heimweh, das die vielen Schweizer in diese Gegend zieht. Wer weiß schon, was in den Köpfen der Schweizer vorgeht.