Manta: Breakfast of Champions

Die Nacht zum 30. Dezember verbringen wir wieder im Haus von Maria Vicenta. Im Haus gibt es keinen Hund und die Kinder sind ganz vernarrt in Titan, unseren vierbeinigen Hausgenossen: Sie tragen ihn durch die Gegend, als hätte er nicht sogar vier gesunde Beine, auf denen er aus eigener Kraft laufen könnte, knuddeln ihn wie ein Plüschtier und herzen seine Schlappohren, dass man fürchtet, sie könnten abreißen. Aber der Hund lässt alle Liebesfoltern stoisch über sich ergehen und fast scheint es, als genieße er auch noch die ungewohnte Aufmerksamkeit, die man ihm entgegenbringt. Ich liege derweil im Bett, betäubt von Sonne und Wellen, und schaue mir „Ronin“ mit Robert De Niro an.

Am nächsten Tag, dem vorletzten des Jahres, wollen wir wieder zurück nach Bahía, um den Jahreswechsel mit der Familie zu feiern. Doch wir möchten Manta nicht verlassen, ohne vorher einen weiteren seiner spektakulären Strände besucht zu haben. Es ist früh am Morgen und wir haben Hunger, sogar gewaltigen Hunger, und deshalb beschließen wir einstimmig, uns unverzüglich mit einem opulenten Frühstück zu stärken. Unsere Gastgeberin empfiehlt das „Dulce y Cremoso“. Wir fahren eine kurze Strecke durch die Stadt, Maria Vicenta zeigt uns den Weg, und natürlich haben wir sie an diesem Morgen eingeladen, mit uns zusammen zu frühstücken.

Das „Dulce y Cremoso“ (also „Süß & Cremig“) ist eigentlich nur eine Filiale in einer größeren Kette, wie man sie vielerorts in Ecuador finden kann. Ihren Dependancen begegnet man vor allem in den Foodcourts der Shopping-Malls, doch dort unterscheiden sie sich nicht sehr von den Niederlassungen der typischen Coffeeshops, angefangen bei „Starbucks“ über „Juan Valdez“ (der Schnauzbart mit dem Esel) bis hin zu „Sweet and Coffee“ (Mein Sohn machte mich eines Tages alles andere als arglos darauf aufmerksam, dass das Logo dem nicht ganz unvoreingenommenen Betrachter wie etwas erscheinen muss, das man gemeinhin als Endprodukt eines erfolgreichen Verdauungsvorgangs ansieht. Es könnten natürlich auch andere Interpretationen denkbar sein, aber diese ist viel zu lustig, um sie je wieder zu vergessen).

Serviert wird bei „Dulce y Cremoso“ natürlich Kaffee, aber anders als bei den Konkurrenten, den Coffeeshops, steht das Getränk nicht im Mittelpunkt. Der Kaffee ist vielmehr bloß Begleiter zu allem, was gut zu Kaffee passt. Das Angebotsspektrum reicht von Crêpes, Waffeln, Kuchen über Sandwiches und Salate bis hin zu regelrechten Mittagsgerichten, wie man sie auch in einem Restaurant finden würde.

In den Foodcourts der Malls kann man sich aufgrund der räumlichen Nähe zu McDonalds, KFC und Co nie ganz des Eindrucks erwehren, auch das „Dulce y Cremoso“ offeriere seinen Gästen bloß Fastfood, doch hier in Manta lassen wir uns gern eines Besseren belehren: Das Lokal macht uns ganz den Eindruck eines Bistros der gehobenen Preisklasse. Ein aufmerksamer Kellner bietet uns gleich einen Platz auf der weiträumigen Terrasse an, aber obwohl die Sonne gerade erst über die Dächer der Häuser emporgestiegen ist, sprengen die Temperaturen bereits die Grenze des Erträglichen. Selbst unter den Sonnenschirmen würde man förmlich zerfließen. Wir suchen uns daher Plätze im Gästeraum, der so gemütlich wirkt wie das Frühstückszimmer eines mondänen Kurhotels. Die Klimaanlage läuft auf vollen Touren und die Gäste genießen sichtlich die wohltuende Kühle.

In Berlin tendierte ich dazu, Klimaanlagen für das beste Mittel zu halten, um den Planeten innerhalb kürzester Zeit zu ruinieren, aber seit ich in den Tropen lebe, weiß ich, dass so eine Klimaanlage eine Erlösung sein kann, vor allem, wenn man zu schlafen versucht, aber sich stattdessen bis zum Morgengrauen nur in Alpträumen und dem eigenen Schweiß wälzt (diese Erfahrung hat natürlich meine Meinung im Hinblick auf die teuflischen Klimaanlagen nicht grundsätzlich geändert). Vielleicht sagt man den Leuten an der Küste nicht zu Unrecht eine gewisse Affinität zu abendlicher Umtriebigkeit und nächtlichen Partys nach – niemandem würde einfallen, sich bei dieser Hitze ins Bett zu legen, und irgendwie muss man die Nächte ja herumkriegen. Umweltschutz hin oder her, für die Leute hierzulande, vor allem für jene kleine Minderheit, die sich diesen Luxus leisten kann, bedeuten große Autos und tiefgekühlte Wohnungen einfach Lebensqualität. Ich würde natürlich nicht so weit gehen, die Höhe der Lebensqualität in ein reziprokes Verhältnis zur Temperatur zu setzen.

Während wir auf das Frühstück warten, vertreiben sich meine Frau und Maria Vicenta die Zeit mit einem Gespräch unter Freundinnen. Es hat den Anschein, als würden sie gar nicht bemerken, dass mein Sohn und ich mit am Tisch sitzen, aber ich bin nicht unglücklich über diese Vernachlässigung. Frauen haben ja immer etwas zu bereden und das ist auch gut so, denn andernfalls könnten sie ihre Aufmerksamkeit anderen, weit weniger erquicklichen Dingen zuwenden, ernsten Aussprachen etwa oder irgendeiner nervigen Aufgabe, bei der dringend Hilfe erbeten wird, obwohl man doch auch gut allein zurande käme. Aber man hilft ja doch immer wieder gern. Dazu ist man schließlich da.

Am Nebentisch hat sich eine geschwätzige Runde von sehr jungen und nicht mehr ganz so jungen Mädchen breitgemacht. Es mögen Studentinnen sein, die etwas zu feiern haben und sei es nur das Leben. Die Älteste am Tisch ist vielleicht die Mutter einer der Mädchen. Sie schwatzen ununterbrochen, lachen und sind so guter Laune, dass man gar nicht anders kann, als sich mit ihnen zu freuen. Irgendwann bestellt eine von ihnen einen Breadpudding. Das Dessert hat die Ausmaße einer umgestürzten Waschschüssel und eine Sahnehaube thront auf der Spitze wie die Aschewolke über einem explodierenden Stratovulkan. Die Mädels löffeln zögerlich ihren Teil von den Hängen dieses Berges, doch das meiste bleibt unberührt. Am Ende erbarmt sich ausgerechnet die mit Abstand Dünnste in der Runde und isst den Rest des Puddings, der immer mehr an die ausgehöhlten Bergruine in Potosí erinnert. Ich weiß nicht, wo sie all die Kalorien lässt – man könnte ihre Rippen zählen –, aber wahrscheinlich gehört sie zu der Art Frauen, die ihren Salat verzehrenden Freundinnen mit Unschuldsmiene sagen kann: Ich kann essen, was ich will, aber ich nehme einfach nicht zu!

Am Tisch auf der anderen Seite haben eine üppige Wasserstoffblondine und ihr schnauzbärtiger Begleiter Platz genommen. Sie schäkern miteinander wie frisch Verliebte, dabei sind sie doch dem Teenager-Alter seit mindestens zwei Jahrzehnten entwachsen, doch der Blondine scheint dies noch nicht aufgefallen zu sein. Nicht weit von ihnen entfernt sitzt eine vierköpfige Familie in Urlaubsstimmung. Die Gesichter der Eltern und auch der Kinder strahlen in allen Schattierungen von Rot, von einem blassen Pink bis hin zu der wirklich besorgniserregenden Farbe gegrillter Langostinos. Offenbar ist man gerade dabei, sich an die heiße Sonne zu gewöhnen, die mit nie nachlassender Kraft auf die Stadt am Pazifik niederbrennt.

Der Kellner kann sich an diesem vorletzten Tag des Jahres jedenfalls nicht darüber beschweren, dass es ihm an Arbeit mangelte. Die Bestellungen gehen im Minutentakt ein und der Ärmste muss sich so sehr beeilen, dass ihm trotz Klimaanlage schon die Schweißperlen auf der Stirn stehen. Dann kommt unser Frühstück und das Warten hat sich am Ende doch noch gelohnt. Unsere erste Mahlzeit des Tages macht der alten Ernährungsweisheit, wonach man Morgens wie ein König, Mittags wie ein Edelmann und Abends wie ein Bettler essen soll, alle Ehre. In der Tat würde man nach solch einem Frühstück selbst einen Tag als Vorarbeiter im Bergwerk mit Leichtigkeit überstehen.

Als Aficionado alles Süßen und Fettigen bestelle ich mir gleich zwei Stück Cheese-cake mit Manjar. Manjar ist die feste Variante von Dulce de leche, eines karamellartigen süßen Sirups, der aus eingedickter Milch und viel Zucker hergestellt wird. Dulce de leche bedeutet dem Lateinamerikaner ungefähr dasselbe wie dem Berliner das Pflaumenmus im Pfannkuchen (ich meine damit natürlich die Art Schmalzgebäck, die überall Berliner heißt, nur eben nicht in Berlin). Viele Desserts sind ohne Manjar bzw. Dulce de leche einfach nicht vorstellbar und der Sirup schmeckt zu fast allem, was süß ist.

Die geschmeidige Creme aus Doppelrahmfrischkäse und reichlich Sahne liegt mächtig wie eine Endmoräne über einer dünnen Schicht aus karamellfarbenem Manjar. Der Kuchen gleitet über meine Zunge als wäre jeder Bissen ein Stück Glückseligkeit. Allein ein Stück ist schon so gehaltvoll wie eine tödliche Dosis Pommes mit extra Majo, aber da am Vortag das Abendbrot ausfiel, finde ich nichts dabei, mir gleich die doppelte Menge einzuverleiben. Mit dem Energieäquivalent könnte man mit Leichtigkeit sportliche Höchstleistungen in solchen Disziplinen wie Langstreckenrudern oder Triathlon vollbringen – wenn man nur nicht so träge würde. Aber die unfassbare Menge an Fettkalorien und eine lebensbedrohliche Dosis Zucker wirken lähmend wie das Blasrohrgift der Amazonasindianer. Ich kann mich kaum noch bewegen und würde mich am liebsten gleich hinlegen. Um die allzu oft beschworenen negativen Folgen der unmäßigen Aufnahme von Fett zu mildern, habe ich mir zuvor noch eine große Schale Früchte (Papaya, Mango, Apfel, Banane) mit Joghurt gegönnt. Ein Café con leche, die ecuadorianische Variante des Milchkaffees, lässt die Ballaststoffe besser rutschen.

Auch die anderen am Tisch sind keine Kostverächter und bestellen, was immer ihnen ihr knurrender Magen befiehlt: Meine Frau möchte sich als Patriotin erweisen und ordert mutig das Desayuno manabita, das Frühstück nach der Art, wie sie in Manabí (einer der Küstenprovinzen Ecuadors) üblich ist. Die Montuvios, die Landbewohner der Küstenzone, mussten früher hart für ihren Lebensunterhalt schuften, und damit man so einen Tag auf den Feldern von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang übersteht, bedurfte es einer ordentlichen Grundlage: Das typische Frühstück besteht aus einem Bolón de platano, also einem Kloß aus grünen Kochbananen, sowie einer Fleischbeilage, die an ein deftiges Chili erinnert. Zur Auswahl stehen Rindfleisch oder Leber. Letzteres ist, vor allem am Morgen, wohl nur etwas für ganz Hartgesottene, echte Montuvios eben. Die Zeit in Berlin hat meine Frau aber zu sehr an Latte macchiato und Carrot-cake gewöhnt, und so verschmäht sie die Leber und hält sich stattdessen lieber an das Rindfleisch. Sie nimmt auch keinen Platano, sondern den süßen Maduro (das ist die reife Kochbanane). Der Bolón de maduro ist groß wie eine Kanonenkugel und beinahe auch so schwer, und die stärkehaltige Kochbanane hält die hart arbeitende Landfrau dann auch lange Zeit satt.

Ihre Freundin Maria Vicenta, die wie meine Frau von der Küste stammt, bestellt dasselbe, allerdings nimmt sie den Bolón de platano, der die Süße der reifen Kochbanane vermissen lässt. Ich muss zugeben, der Bolón de maduro con carne sieht wirklich lecker aus und schmeckt auch so, nämlich lecker. Fast bedauere ich, den Cheese-cake genommen zu haben. Und Sohnemann? Da so einen hungrigen Heranwachsenden ein bisschen Obst mit Joghurt nicht zu sättigen vermag, bestellt sich unser Sohn eine große Portion Waffeln: Ein Sahnehäubchen krönt die Kalorienbombe, die wie eine arktische Treibeisscholle auf einem Meer von Sirup schwimmt.

Als ich so aus dem Fenster schaue, fällt mir auf, dass wir uns offenbar genau an der Grenze zweier Stadtteile befinden, die zugleich zwei ganz verschiedene Welten zu repräsentieren scheinen. Das Gebäude, welches das Restaurant beherbergt, in dem wir gerade gemütlich sitzen und uns das Frühstück schmecken lassen, ist das letzte Haus im Block und steht genau an einer Straßenkreuzung. Die Gebäude diesseits der Kreuzung sind überwiegend neu oder befinden sich in einem ansehnlichen Zustand. Aber auf der anderen Seite der Straße, nur wenige Schritte entfernt, erscheinen die Häuser mit viel weniger Aufwand errichtet und sie sind auch viel billiger gebaut, wie man unschwer an den verwendeten Baumaterialien erkennen kann, denn statt Ziegel oder Beton hat man nicht selten Bambus und Palmstroh verwendet, die traditionellen Baustoffe der Küstenprovinzen. Die Gegend jenseits der Straße, die eine Art Wasserscheide des Besitzstandes zu markieren scheint, wirkt auch deutlich verwahrloster, als fehlte es am Geld, um die dringend notwendigen Instandsetzungen vornehmen zu lassen. Ich frage mich, wie dieser extreme Gegensatz auf so engem Raum zustande kommt, aber Maria Vicenta, die das „Dulce y Cremoso“ nicht zum ersten Mal besucht, ist dieser Unterschied noch gar nicht aufgefallen. Die Einheimischen sind an krasse Gegensätze dieser Art natürlich von Kindheit an gewöhnt. Die Augen des Fremden sehen aber anders.

Wir haben gespeist wie die Könige, aber am Ende hat uns der Spaß nicht mehr als dreißig Dollar gekostet, was wirklich eine angenehme Überraschung bedeutet angesichts des in Cumbayá üblichen Preisniveaus, das selbst noch dasjenige in Berlin in den Schatten stellt, obwohl doch die Spreemetropole als Weltstadt gelten möchte und Cumbayá nur ein Flecken auf der Landkarte ist. Apropos Cumbayá: Maria Vicenta stammt zwar von der Küste, aber sie kennt die Stadt, denn sie hat dort einige Zeit gelebt. Mit einem nur allzu deutlichen Ausdruck des Widerwillens gibt sie uns zu verstehen, dass Cumbayá einer der langweiligsten Orte sei, die sie kenne. Ich will ihr nicht widersprechen. Sie sagt, man möchte sich am liebsten die Kugel geben und sie unterstreicht den Ernst ihrer Aussage, indem sie sich den Zeigefinger an die Schläfe setzt. Ja, dieses Gefühl hat man manchmal.

Cumbayá ist ruhig, ja regelrecht öde, eigentlich todsterbenslangweilig, aber die von Kriminalität arg gebeutelten Einheimischen – und insbesondere die Angehörigen der Oberschicht – sehnen sich nach Ruhe, Frieden und Sicherheit. Cumbayá wird diesen Ansprüchen in vielerlei Hinsicht gerecht. Man will die Annehmlichkeiten des hart erkämpften Wohlstandes genießen, ohne ständig die irritierende Gegenwart von Leuten ertragen zu müssen, mit denen es das Schicksal weit weniger gut gemeint hat. Oft befinden sich daher die Wohnanlagen der Gutbetuchten alle in derselben Gegend, und die Konzentration von Edel-Urbanisationen an den vitalen Punkten der Stadt ist einem wuchernden Metastasen-Cluster an einer Gehirnarterie nicht unähnlich. Wenn einen der Zufall einmal in diese Gegenden verschlägt – einen Grund, dorthin zu fahren, hat man in der Regel nicht, es sei denn, man wohnt dort –, begreift man sofort, was Paranoia wirklich bedeutet. Kaum je hat man den Eindruck, man fahre an einer Wohnanlage vorbei, denn Mauern, Stacheldraht und Wächter versprühen mehr den Charme einer Hochsicherheitsanlage für geisteskranke Schwerstkriminelle.

Manta: Leben hinter Mauern und zweimal Strand

Die Urbanisation Manta Beach liegt direkt am Highway und wenn man sich nähert, glaubt man zunächst, es handele sich nicht um einen Wohnpark, sondern um eine wichtige militärische Einrichtung, denn die Zufahrt ist gesichert, als würden hinter den Mauern nicht Menschen leben, sondern Atomsprengköpfe gelagert oder ein Arsenal tödlicher Biowaffen. In den USA habe ich Militärbasen gesehen, die weniger gut bewacht wirkten als der Eingang zu dieser Siedlung. Maria Vicenta, die Freundin meiner Frau, holt uns am Tor ab und wir fahren zu ihrem Haus.

Das Areal ist innerhalb der schützenden Mauern weiträumig bebaut und die ganze Anlage ist groß wie eine Kleinstadt. Die Grundstücke um jedes Haus sind so riesig, dass nirgendwo zwei Häuser aneinanderstoßen, und oft ist sogar Platz genug, dass ein Dutzend Leute dazwischen Fußball spielen könnten. Alles wirkt ein bisschen kahl, denn das trocken-heiße Klima verhindert, dass Bäume wachsen. Hier und da kämpft eine Palme gegen die Trockenheit und den Staub an, aber dort, wo Grundstücke verlassen stehen oder noch nicht erschlossen sind, sieht man nichts als staubtrockene Erde und Dornengestrüpp.

Die Vorgärten müssen auf den obligatorischen Rasen verzichten und manch einer, der sich damit nicht abfinden kann, versucht der Natur zu trotzen, indem er sich Kunstrasen vor dem Haus ausrollen lässt. Der Plasterasen ist so grün, dass es schon in den Augen sticht, und im Kontrast zu den teuren Häusern erscheint er nur um so billiger. Die Wohnanlage indes gehört zu den teuersten und exklusivsten der Stadt. Maria Vicenta versichert, es gäbe überhaupt nur eine Siedlung, die noch teurer sei. Die Häuser, die wir sehen, würden jedem Vorstadt-Nobelviertel in Deutschland zur Ehre gereichen.

Bis das Mittagessen fertig ist, dauert es noch eine Weile und so macht unsere Gastgeberin den Vorschlag, an die Playa de murcielago, den Fledermausstrand, zu fahren. Murcielago Beach ist einer der prominentesten Strände der Stadt und will man den Reiseführern glauben, der einzige Strand innerhalb der Stadtgrenzen, an dem man dank Strandpatrouille nicht fürchten muss, dass einem die Unterhosen nebst anderen Dingen abhanden kommen, während man sorglos im Meer schwimmt. Der Sohn Maria Vicentas arbeitet bei der Strandaufsicht und so müssen wir auch nicht die übliche Taxe für die Benutzung des Parkplatzes entrichten.

Die Playa de murcielago bietet alles, was sich der an den Komfort karibischer Ressorts gewöhnte Strandurlauber nur wünschen kann: Um eine große Plaza einen Steinwurf hinter dem Sandstrand reiht sich ein Dutzend Restaurants, deren Schlepper hungrige Spaziergänger mal marktschreierisch, mal höflich-reserviert in die auf Massenansturm ausgelegten Fresstempel zu locken versuchen. Zwischen den Restaurants finden sich die üblichen Souvenirshops und die unvermeidlichen Boutiquen, in denen Strandkleidung und Accessoires feilgeboten werden.

Es gibt eine unscheinbare Kaffeerösterei, welcher aber ein so verführerischer Duft nach frisch gerösteten Bohnen entströmt, dass man sofort Lust auf eine schöne Tasse Kaffee bekommt. Doch an diesem Tag herrscht eine infernalische Hitze und das einzige, wonach man sich nach einer Stunde auf dem heißen Sand wirklich sehnt, ist Schatten und ein kühles Blondes. Mitten auf der Plaza steht das Zelt eines Tätowierers, in dem sich der abenteuerlustige Strandbesucher das unvermeidliche Tribal oder einen neckischen Delfin zum Andenken stechen lassen kann. Für jedes noch so kleine Bedürfnis der zahlreichen Besucher an diesem Tag ist gesorgt, doch die eigentliche Sensation an der Playa de murcielago ist das Meer: Der Pazifik ist türkisblau und der Horizont scheint unter dem Azur des Himmels geradezu in eine jenseitige Welt entrückt. Wann im Leben sieht man schon einmal solches Blau!

Nach dem Mittagessen soll es nicht bei einer Stippvisite am Strand bleiben. Maria Vicenta fragt uns, welche Art Strand wir bevorzugen würden: den ruhigen, einsamen oder lieber einen solchen, wo sich Jubel, Trubel und der übliche Konsum ein Stelldichein geben. Ohne zu überlegen entscheiden wir uns für das Friedvolle. Nach zwanzigminütiger Fahrt über frisch gepflasterte Highways, über deren heißem Asphalt die Fata Morgana wabert, erreichen wir einen Strand außerhalb der Stadt. Man könnte mit dem Auto geradewegs ins Meer fahren, doch wir sind ja keine Barbaren und deshalb parken wir den Wagen ein wenig oberhalb des Strandes neben einer windschiefen Palmstrohhütte, dem einzigen Hinweis am ganzen Strand, dass Menschen diesen Planeten bewohnen. Nicht viele Besucher haben am Nachmittag hierher gefunden – kaum ein halbes Dutzend Autos parkt oberhalb des Strandes neben der Hütte. Die wenigen Besucher verlieren sich geradezu in der Einsamkeit des über einen Kilometer langen Sandstrandes.

Ockerfarbene Berge, rau und kahl wie die Abhänge eines Mondkraters, umschließen den Strand gleich dem gezackten Rand einer Muschelschale. Und in der Tat scheint es dem Auge, als schmiege sich der Sandstreifen an die Berge wie das glatte Innere der Muschel an den gewölbten Rand der Schale. Die Pazifikküste macht bei Manta einen scharfen Bogen und der Strand verläuft daher nicht in Nord-Süd- sondern in Ost-West-Richtung. Das westliche Ende der Bucht wird von einem Vorgebirge begrenzt, dessen äußerste felsige Ausläufer an eine Sphinx erinnern, die wie die Wächterin des Meeres über den Wellen thront und deren steinernes Antlitz hinaus auf den weiten Horizont des Ozeans gerichtet ist.

Ich sitze im warmen Sand und schaue den Jungs beim Herumtollen in den Wellen zu. Einmal gehe ich mit ins Wasser – das Meer reißt einen mit Gewalt von den Beinen und wirbelt einen herum, dass man glaubt, man würde nie wieder auftauchen. Ich lasse mich am Strand von der Sonne trocknen und schaue den Wellen dabei zu, wie sie sich matt legen und den Sand mit einem glänzenden Firnis überziehen. Noch herrscht Ebbe und der Strand ist so breit, dass ein ganzes Fußballfeld darauf Platz hätte.

Ein altes Ehepaar hat sich Campingstühle aufgebaut. Die Eheleute sitzen Hand in Hand wie frisch Verliebte vor der überwältigenden Szenerie des Meeres und warten auf den pazifischen Sonnenuntergang. Eine Joggerin läuft leichtfüßig an mir vorbei. Bei jedem Schritt vibriert die papierdünne Haut über den Muskelsträngen ihres Bauches. Ihre eng anliegende Sportkleidung und das zu einem dicken Zopf geflochtene Haar gemahnen an Lara Croft. Ich muss schmunzeln, aber sie nimmt nicht einmal Notiz von mir, obwohl sie auf Armeslänge an mir vorbeiläuft. Ihr Tempo ist mörderisch, sie fliegt förmlich über den Strand, aber ich höre sie nicht einmal atmen. Wie fit man sein kann. In der Ferne werfen sich ein paar Teenager quietschend vor Vergnügen in die Brandung. Auf dem Spiegel des Meeres ziehen weiße Jachten und Fischerboote vorüber.

Der Zivilisation zu entfliehen ist ein sinnloses Unterfangen; man könnte versuchen, selbst noch zu den entferntesten, gottverlassenen Orten der Welt zu entkommen, man würde dennoch eingeholt. Gibt es irgendein Paradies, das nicht besudelt worden wäre? Manchmal muss man sich wirklich fragen, wer eigentlich die Barbaren sind – die sogenannten Wilden oder diejenigen, die sich für zivilisiert halten?

Ich habe einen Bekannten, der in der Reisebranche arbeitet, und der das Reisen zu fernen, unbekannten Orten über alles liebt. Reisen ist seine Leidenschaft. Schon von Jugend an erforschte er die ganze Welt und irgendwann erfüllte er sich seinen großen Traum: Tahiti. In Tahiti hörte er Einheimische von einer geheimen Insel sprechen, einem Ort, der dem gewöhnlichen Touristen für immer verwehrt bleibt. Er machte sich auf die Suche nach dieser Insel und schließlich, nach vielen Mühen und Gefahren, fand er sie. Er überredete einen Fischer, ihn überzusetzen, und als er dann an dem menschenleeren weißen Sandstrand angelangt war und im kühlen Schatten eines einsamen Palmenhains rastete, vernahm er plötzlich Stimmen auf dem angeblich menschenleeren Eiland. Er folgte den Stimmen und dann verstand er sogar, was sie sagten, und als er nahe genug war, so dass er alles ganz genau hören konnte, wurde seine Verwunderung nur um so größer. Und dann begriff er und da erst zerbarsten all seine Hoffnungen und was blieb, war Enttäuschung, schwärzer als die dunkelste Ohnmacht, und sein vor Leidenschaft hämmerndes Herz wäre fast daran erstickt, wenn ihn nicht sein eigenes hysterisches Lachen erlöst hätte: Die Worte, achtlos in die Einsamkeit von Meer, Sonne, Wind gesprochen, drangen mit einem unverkennbar sächsischen Zungenschlag an sein Ohr. (Ich schwöre, die Geschichte ist nicht erfunden – soviel zu den Netzen der Zivilisation)

Natürlich war der Strand, an dem wir unseren Nachmittag verbrachten, kein wirklich unentdecktes Land, dessen Koordinaten auf der Landkarte etwa nur ein weißer Fleck markiert hätte. Und so blieb es nicht aus, dass man auch hier von den üblichen nervigen Abgesandten der Zivilisation behelligt wurde: Einer der Besucher des Strandes hatte sämtliche Türen seines Wagens sowie die Heckklappe geöffnet und dann die Stereoanlage auf volle Lautstärke gestellt. Aus den Boxen, die groß genug waren, um ein ganzes Stadion zu beschallen, dröhnte Partysalsa der schlimmsten Sorte. Ich wollte eigentlich den Strand und den Klang des Meeres genießen, doch dieses bescheidene Vergnügen blieb mir dank dieses Idioten versagt. Die einzige Maßnahme, um den Tag noch zu retten, hätte wohl darin bestanden, den Möchtegern-DJ mit dem Basie windelweich zu prügeln – einfach so, aus purer Lust und natürlich aus erzieherischen Gründen! Denn man weiß ja: Erziehung ist alles. Leider hatte ich zufällig keinen Basie dabei. Schade.

Am entferntesten Ende des Strandes sah man einen SUV nur wenige Meter entfernt von den Wellen im Sand stehen. Zufällig kam eine Polizeistreife vorbei. Der Polizeiwagen hielt neben dem motorisierten Strandbesucher und man sah, wie der Halter des Fahrzeuges und der Polizist in eine angeregte, um nicht zu sagen, in eine heftige Diskussion gerieten. Wahrscheinlich machte der Gesetzeshüter den Mann darauf aufmerksam, dass es nicht gestattet sei, den Strand mit dem Auto zu befahren. Der Mann antwortete wahrscheinlich, wozu hätte er sich denn ein allradgetriebenes Auto gekauft, wenn er damit nicht einmal über den Strand fahren dürfe. Das bisschen Motoröl könne doch wohl kaum dem riesigen Ozean schaden, und überhaupt sei so ein Biotop nur gesund, wenn es beständig durch Umweltveränderungen herausgefordert werde. Um also einen wirklichen Beitrag für die Umwelt zu leisten, müsste eigentlich an Ort und Stelle ein kompletter Ölwechsel vorgenommen werden. Und da das allein bei einem so gewaltigen Ozean keinesfalls ausreichend sei (immerhin handele es sich um den Pazifik!), könne man ja gleich noch die alte Batterie im Meer entsorgen … Der Polizist und der SUV-Fahrer diskutierten noch eine ganze Weile. Leider konnte man überhaupt nichts hören, weil die Entfernung und das Donnern der Wellen jedes Geräusch erstickten. Manchmal wünscht man sich, der Punisher würde sich öfter melden. Gelegenheit, sein gerechtes Werk zu verrichten, gäbe es jedenfalls genug – in Ecuador wie anderswo.

Im Licht der untergehenden Sonne ließ sich ein junges Hochzeitspaar vor der Kulisse einer steil aufragenden Felswand fotografieren: er im schwarzen Anzug, sie im blütenweißen Brautkleid mit Schleier und Brautstrauß. Beide lächelten gegen die sinkende Sonne an, aber die geologischen Schichtungen im Hintergrund, die von Jahrmillionen des Wechsels von Land und Meer, Hitze und Kälte, Regen und Trockenheit erzählten, degradierten das Glück des jungen Paares zu nicht mehr als einem kurzen Augenblick, kaum länger als ein einziges schnelles Blinzeln in einem langen Menschenleben.

Manta: In Ostasien mit James Dean

Diesmal fuhren wir mit dem eigenen Auto und das Navi führte uns über die glänzend ausgebauten Straßen in nur anderthalb Stunden nach Manta. Eigentlich wollten wir einen kurzen Abstecher nach Rocafuerte machen, einer kleinen Stadt auf halbem Wege zwischen Bahía und Manta, aber obwohl ich den Namen der Stadt ins Navi eingab, führte uns das launische Gerät zielsicher daran vorbei. Manchmal bin ich nahe daran zu glauben, dieses Navi hat ein eigenes Bewusstsein, und Routen, die ihm aus irgendeinem Grund nicht zusagen (wer weiß schon, was in so einem elektronischen Hirn vorgeht), werden einfach ignoriert. In Rocafuerte wollten wir Süßigkeiten kaufen, denn die Stadt ist unter allen Süßmäulern berühmt für ihre Dulces, kleine süße Sünden, von einfachem Gebäck bis hin zu aufwändig verarbeitetem Konfekt. Doch das süße Leben musste bis zu unserer Rückreise warten.

Die Strecke zwischen Bahía und Manta ist sehr schön und die Fahrt hat etwas von einer Landpartie: Das Autofahren ist ein reines Vergnügen, denn die Straßen sind in hervorragendem Zustand. Meist ist auch nicht viel Verkehr unterwegs, so dass man von den üblichen Belästigungen durch andere Verkehrsteilnehmer weitgehend verschont bleibt. Man fährt durch ländliche Gebiete, die – so hat es den Anschein – von moderner Infrastruktur noch kaum berührt worden sind. Dennoch gibt es eine ganze Menge zu sehen, denn alle paar Kilometer wechselt die Landschaft und man hat den Eindruck, hinter jeder Wegbiegung ist der Ausblick noch schöner.

Einmal hielten wir in der Nähe Charapotós (das ist ein Ort auf der Stecke), um Fotos zu schießen: Reisfelder erstreckten sich bis zum Horizont und auf den schnurgeraden Rainen zwischen den Feldern, kleinen Wällen, die verhindern, dass das Wasser abfließt, wuchsen Palmen in den azurblauen Himmel. Auf den Feldern wateten die Bauern durch das knöcheltiefe, schlammige Wasser und pflanzten Stecklinge. Um sich vor der heißen Sonne zu schützen, hatten sie sich dick eingemummelt. Das Tagesgestirn schien mit einer Kraft, dass man innerhalb kürzester Zeit regelrecht verbrannt wäre, wenn man nicht jede noch so kleine Hautstelle mit Kleidung bedeckt hätte. Die Landschaft wirkte so ursprünglich und friedlich wie die bukolische Idylle aus der Feder nur irgendeines schwärmerischen Romantikers. Hätte man keine Ahnung, wo man sich befände, könnte man wegen der Reisfelder leicht der Vorstellung erliegen, man sei irgendwo in Südostasien. Ich war nie in Vietnam oder Kambodscha, aber Jahrzehnte ungezügelten Fernsehkonsums haben meinen Gehirnwindungen die Ikonografien des Medienzeitalters unauslöschlich eingeprägt: Einen Augenblick lang erwartete ich tatsächlich, einen Huey-Helikopter über die Wipfel der Palmen brausen zu sehen.

Eingedenk unserer Erfahrungen vor drei Jahren hatten wir damit gerechnet, dass wir gut drei Stunden benötigen würden, um Manta zu erreichen. Wir waren regelrecht verblüfft und zugleich freudig überrascht, als wir schon nach der Hälfte der Zeit an die Stadtgrenze gelangten. Dabei hatten wir uns nicht einmal sehr beeilt, sondern – ganz im Gegenteil – unterwegs noch Zeit gefunden, anzuhalten und die malerische Landschaft zu fotografieren.

Mit jedem Kilometer, mit dem wir uns der Stadt näherten, schien es wärmer zu werden. Die Einheimischen meinen, Manta sei eine der wärmsten Städte in Ecuador und tatsächlich, wenn man aus dem klimatisierten Auto steigt, hat man das Gefühl, man sei an die Ausläufer einer Wüste gelangt: Die Sonne brannte unbarmherzig auf das Land nieder und der Wind war so heiß und trocken, dass man meinte, das Fleisch würde einem am Knochen gedörrt. Auch die Landschaft hatte sich verändert und den höheren Temperaturen und vor allem der Trockenheit angepasst: Kurz vor Manta hatte das Land ein fast wüstenartiges Gepräge angenommen und beiderseits der Autopista sah man nur noch karge, allenfalls mit Dornbüschen und Sukkulenten bewachsene Erdhügel. Die Klimaveränderung wird durch den Humboldtstrom verursacht, der ungefähr auf der geografischen Breite von Manta in den Pazifik abknickt.

Die Urbanisation Manta Beach, in der die Freundin meiner Frau lebt, ist nicht leicht zu finden. Wir halten an einer Tankstelle und fragen einen der Angestellten. Der junge Mann scheint zu glauben, er sei so eine Art James Dean in irgendeinem amerikanischen Roadmovie: Die Stirn unter den nachlässig zurückgekämmten Haarsträhnen ist beständig in rebellische Falten geworfen, die Kippe hängt lässig im Mundwinkel zwischen den aufgeworfenen Lippen. Mit einer Coolness, die er sich von seinem Vorbild abgeschaut haben könnte, holt er sein Handy hervor und erklärt uns auf Google Maps, wie wir zu der Urbanisation gelangen, die sich auf der anderen Seite der Stadt befindet: Wir sollten die Ausfallstraße nehmen, die um die Stadt herumführt, alles andere wäre zu dieser Tageszeit einfach nur Wahnsinn. Er zoomt in die Karte und erklärt ein-, zwei-, und ich weiß nicht mehr wie viele Male mit einer schieren Engelsgeduld, welche Abzweigungen wir nehmen müssten und worauf wir zu achten hätten. Nach einer so sorgfältigen, ja idiotensicheren Unterweisung scheint es fast unmöglich, dass wir uns verfahren. Als wir uns verabschieden, ist er gerade dabei, sich eine neue Kippe anzustecken (und er arbeitet an einer Tankstelle!). Wir bedanken uns, er aber nickt bloß und nimmt einen tiefen Zug. Als wir abfahren, hat er sich bereits des nächsten hilfsbedürftigen Reisenden angenommen.

Flucht aus Cumbayá

Die Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr verbrachten wir an der Küste. Wenn man es freundlich meinte, würde man Cumbayá (wo wir derzeit wohnen) als eine ruhige, beschauliche Kleinstadt bezeichnen. Nicht ganz so wohlgesinnte Zeitgenossen könnten allerdings behaupten, der Ort sei ein sterbenslangweiliger und dazu noch potthässlicher Vorstadtflecken, in dem der unüberbietbare Höhepunkt eines jeden Wochenendes in einem Besuch der Shopping-Mall bestünde. Halleluja! An einem ruhigen Samstag oder Sonntag, von denen es immer viel zu viele zu geben scheint, möchte man sich vor Langeweile am liebsten die Kugel geben. Und wenn man schon an ausnahmslos jedem Wochenende in eine Lebenskrise verfällt, mag man sich leicht ausmalen, wie es an den Feiertagen aussieht. Selbstmord oder Flucht scheinen da die einzigen Alternativen zu sein, denn Alkohol ist leider viel zu teuer.

Der 24. Dezember ist hierzulande ein ganz normaler Arbeitstag. Man hat nicht den Eindruck, dass das Gros der Leute sonderliche Anstrengungen unternimmt, um das Fest zu einem unvergesslichen Erlebnis zu machen. Die meisten scheinen kaum genug Geld zu haben, um sich die notwendigsten Dinge des Lebens zu leisten. Für Extraausgaben bleibt da in der Regel kaum etwas übrig und so feiert man in ganz bescheidenem Rahmen, kaum anders als man etwa den Freitagabend nach einer langen harten Wochen genießen würde. Noch an Heiligabend mussten wir einen wichtigen Auslandsanruf tätigen und auch noch einige Seiten ausdrucken. Da wir Auslandsanrufe nicht von unserer Wohnung aus führen können und der Drucker auch nicht funktioniert, suchten wir den erstbesten Cybershop in der Stadt auf. Wir waren nicht sicher, ob wir nicht noch einmal am nächsten Tag (das wäre der 25. Dezember) anrufen müssten, aber die Besitzerin des Ladens versicherte uns, das sei überhaupt kein Problem; wie jeden Tag habe sie ab 6:30 Uhr geöffnet. Meine Frau wunderte sich und fragte sie neugierig, ob sie denn nicht feiere. Die Cyber-Frau schaute sie bloß verständnislos an und frage dann zurück, was sie denn feiern solle. Ich glaube, die arme Frau wohnt in ihrem Laden.

Für die Alteingesessenen ist es oft schwer, sich durchs Leben zu schlagen, aber nicht jeder in der Stadt muss sich darum sorgen, wie er den nächsten Tag übersteht. Cumbayá hat in den letzten Jahren viele Pelucones angezogen. So nennen die Leute spöttisch das neureiche Gesindel, welches die Grundstücke in der Stadt billig aufgekauft hat und das nun mit seinen protzigen Häusern und seinen dicken Luxuskarossen jedermann die eigene Bedeutung vor Augen zu führen versucht – nagelneue Wagen der Marke Porsche sieht man hier weit öfter im Straßenbild als in Berlin, obwohl der Verkaufspreis für die preiswertesten Modelle bei über 150.000 Dollar liegt. Ganz davon abgesehen ist so ein tiefliegendes Auto auf den hiesigen Straßen mit ihren alle paar hundert Meter willkürlich eingefügten Schwellen einfach unpraktisch.

Wer Geld hat, gönnt sich zu den Feiertagen auch etwas und da die Reichen nach Cumbayá drängen wie die hungrigen Humboldt-Kalmare zum Fischkadaver, werden die teuren Supermärkte und Spezialitätengeschäfte an den Festtagen regelrecht überschwemmt von aufgebrezelten Señoras und ihrem Dienstpersonal. Den übervollen Einkaufswagen lässt man sich vom Bediensteten des Supermarkts bis vor das Auto schieben und dann überwacht man mit Argusaugen, dass die Einkäufe auch ja ordentlich verstaut werden – man kann einfach niemandem trauen. Gerade Lebensmittel, und ganz besonders solche Dinge, die hierzulande nicht unbedingt Teil der traditionellen Esskultur sind, wie zum Beispiel Schinken, italienische Salami, europäischer Käse oder Schweizer Schokolade kommen preislich dem nahe, was man in Berlin für eine kleine Dose Kaviar verlangen würde. Doch wer es sich leisten kann, das Konsumverhalten der europäischen gehobenen Mittelklasse zu kopieren, würde es fast als Schmach empfinden zu verzichten. Und so kann ein Feiertagseinkauf leicht mit drei-, vierhundert Dollar oder mit noch mehr zu Buche schlagen, alkoholische Getränke nicht mit eingerechnet. Aber was soll´s – wer hat, der hat.

Am 25. Dezember brachen wir nach Bahía auf. Wir hatten schon am Vortag alle Besorgungen für die Reise gemacht, denn wir gingen fest davon aus, dass die Geschäfte zu Weihnachten geschlossen bleiben würden. Doch wir hatten uns getäuscht. Zwar herrschte auf den Straßen nur wenig Verkehr, aber fast sämtliche Läden, einschließlich der Supermärkte, schienen geöffnet zu haben, als wäre es ein ganz normaler Arbeitstag. Nichts deutete darauf hin, dass Weihnachten war – keine Chöre, die fröhlich Weihnachtschoräle schmetterten, keine Studenten, die, als Weihnachtsmänner verkleidet, kleine Kinder belästigten, keine Sammelbüchsen und tränenreiche Spendenaufrufe. Es war warm, die Sonne schien und Weihnachtsdekoration fand sich nur so spärlich in der Stadt, dass man sie glatt übersehen konnte. Würde man nichts von Weihnachten wissen und hätte man noch nie davon gehört, dass man an diesem Tag die Geburt des Heilands feiert, wäre es gut möglich, dass der Tag vorüberginge und man hätte von einem der bedeutendsten Feste der Christenheit kaum etwas bemerkt – und das in einem katholischen Land! Im Gegensatz dazu kann man im heidnischen Berlin all dem Frohlocken, dem ununterbrochenen Weihnachtsgesang und dem Besinnlichsein kaum entrinnen, so gern man es auch manchmal möchte.

Apropos Weihnachtsmänner: Der Weihnachtsmann – in Deutschland der Superstar jedes Weihnachtsfestes – lässt sich hierzulande nur selten sehen. Das mag daran liegen, dass sich Papa Noël, so sein Name, getreu dem amerikanischen Vorbild zu mitternächtlicher Stunde, wenn jedermann in tiefem Schlaf liegt, durch Schornsteine und Kamine zwängen muss (dabei gibt es hier im Land nicht einmal Schornsteine – armer Papa Noël). Anders als in Deutschland, wo man dem Rauschebart um die Weihnachtszeit in so ziemlich jeder Einkaufsmeile begegnen kann, sieht man die Rotjacke hier nie – er ist ja immer nachts unterwegs; kein Auf-dem-Schoß-sitzen, kein Wangentätscheln, keine mahnenden Worte, keine ängstlich hingemurmelten Weihnachtsgedichte, um den gestrengen Rauschebart gnädig zu stimmen. Studenten verlieren eine lukrative Einnahmequelle, obwohl ich kaum glaube, dass die Studierenden hierzulande es nötig haben, als Weihnachtsmänner verkleidet kleine Kinder zu erschrecken. Wer studiert, noch dazu an einer teuren Privatuniversität, wie sich eine in der Stadt befindet, hat reiche Eltern. Da kommt der Weihnachtsmann nur als Spender erlesener Gaben, nicht als Bittsteller.

Auch Weihnachtsbäume sieht man selten. Weihnachten ohne Weihnachtsbaum ist in Deutschland einfach undenkbar. Da würde man das Fest lieber ganz ausfallen lassen als auf die festlich geschmückte Tanne zu verzichten. Zwar bin ich in einem atheistischen Elternhaus groß geworden, aber zum Fest musste immer ein Baum her, und er durfte auf keinen Fall zu klein sein. Oft waren die Bäume so groß, das mein Vater das sperrige Geäst erst zurechtstutzen musste, damit sie überhaupt ins Zimmer passten. Hier am Äquator gibt es keine Nadelwälder und da der Christbaum, wenn man es recht bedenkt, eine ganz heidnische Angelegenheit ist, die im erzkatholischen Ecuador nie so recht hat Fuß fassen können, sind die Leute auch gar nicht erpicht darauf, sich einen Baum in die gute Stube zu stellen. Ohnehin müsste man in Ermangelung echter Bäume mit Abies plastica (der Plastiktanne) Vorlieb nehmen, denn auf eine so absonderliche Idee, sich etwa eine Palme ins Haus zu stellen, käme wohl niemand. Ein Baum zu Weihnachten ist eher etwas für die Gutbetuchten, die es, wie in so vielem, dem nordamerikanischen Vorbild gleichzutun versuchen.

Lenins Gourmet-Reise

Obwohl wir uns geschworen hatten, so bald nicht wieder den Strand zu besuchen, zieht es uns schon am nächsten Tag wieder dorthin. Nach den Ferientagen ist Bahía eine andere Stadt: die Strände sind verwaist, die Hotels leer und die Straßen haben ohne die Ferientouristen zur üblichen verschlafenen Gemächlichkeit zurückgefunden. Am Vormittag drängt die Flut bis an die Mauern der Strandpromenade und die Felsblöcke, welche man zu ihrem Schutze aufgetürmt hat, bieten die einzige Möglichkeit, dem Meer nahe zu sein, ohne ständig im Wasser stehen zu müssen. Eine unbeschreibliche Faszination geht von diesem Ozean aus (allein schon dieses Wort – Ozean), und man fühlt eine Sehnsucht, die an den tiefsten Empfindungen rührt. Ich liebe das Meer und wenn ich könnte, würde ich seine Ufer nie wieder verlassen. Aber irgendwann ist auch der längste Urlaub vorbei und es heißt Abschied nehmen.

Der Strand, bei Ebbe fast hundert Meter breit, ist zu einem schmalen Saum geschrumpft, über das die Flut Wellen und Schaum treibt. Die meisten Feriengäste sind schon abgereist und wir sind an diesem Tag die einzigen, die sich am Strand blicken lassen. Nicht einmal Spaziergänger gibt es auf der Strandpromenade, obwohl das Wetter wirklich schön ist. Es ist Anfang November und es ist so heiß, dass man es nicht lange aushält, ohne Abkühlung in den Fluten des Pazifik zu suchen. Wir waten mehr als hundert Meter ins Meer hinaus, aber das Wasser reicht uns gerade bis zur Hüfte. Wir lassen uns von den Wellen mitnehmen und surfen wie die Galapagos-Pinguine auf der Brandung. Als wir genug haben, setzen wir uns auf die Felsblöcke. Die tropische Sonne hat uns im Nu getrocknet. Mittlerweile bin ich braun wie der Skipper einer Karibikjacht, und das Anfang November! Im kalten winterlichen Berlin wird kein Tag vergehen, an dem ich mich nicht nach der warmen Äquatorsonne sehne.

Einmal noch mussten wir eine weitere Etappe in Lenins kulinarischer Tour de force überstehen. Er lud uns ein in ein Restaurant mit dem schönen Namen „El Tomate“. Leider hatten wir nicht die geringste Ahnung, wo sich dieses Restaurant befindet, doch Lenin beschrieb uns genau den Weg. Nach einer Stunde Fahrt mit dem Auto waren wir kurz vor Portoviejo. Es war vorgesehen, dass wir uns an einem Rondell neben einer Tankstelle treffen, um dann den letzten Abschnitt der Fahrt gemeinsam zurückzulegen. Eigentlich kann man die Stelle nicht verfehlen, aber wir brachten es dennoch fertig. Mehrmals mussten wir den U-Turn nehmen und wir fuhren die Straße immer wieder hoch und runter – von dem Restaurant keine Spur. Schließlich fanden wir das „Tomate“ dann doch: Ein verblichenes, kaum noch lesbares Schild wies uns den Weg zu der versteckt liegenden Örtlichkeit. Wir waren die ersten. Lenin, der Schwiegervater und dessen Freund sowie ihr Anhang trudelten geraume Zeit später ein, wie üblich gut gelaunt und voller Vorfreude auf das Essen.

Das „Tomate“ ist ein riesiges Familienrestaurant unter einem noch gewaltigeren Palmstrohdach. Wände gibt es nicht, aber wer braucht schon geschlossene Räume in einer Weltgegend, in der die Temperaturen so gut wie nie unter 25 Grad Celsius sinken? Das Auto stellt man einfach irgendwo ab; Platz gibt es genug. Da es keine Wände gibt, braucht man auch keine Eingangstür. Vom Wagen gelangt man mit nur wenigen Schritten direkt in den Gästeraum, der auf Massenandrang ausgerichtet ist: Die Tische sind so groß wie die Tafelrunde an König Artus Hof und ebenfalls rund. Mindestens zwölf Gäste können daran Platz nehmen, ohne sich gegenseitig an den Ellenbogen zu stoßen. Das Restaurant ist ein typisches Mittagslokal. Wir sind an diesem Tag spät dran und nur wenige Gäste verweilen noch an den Tischen. Als wir bestellen wollen, erleben wir eine Enttäuschung, denn die Hälfte der Gerichte ist schon ausgegangen (Wer zu spät kommt … den Rest kennt man ja). Wir begnügen uns mit dem, was noch da ist. Ich nehme das gegrillte Schweinefleisch mit Reis.

Die Küche Manabís ist so abwechslungsreich wie kaum eine andere Lokalküche in Ecuador, und selbst ein so einfaches Gericht wie Schweinefleisch mit Reis kann ein kulinarisches Erweckungserlebnis bedeuten. Nach einem Berg von Vorspeisen – frittierten Maduros (das sind reife Kochbananen) mit Salprieta (eine grobkörnig würzige Erdnusspaste) und Chifles (dünne knusprige Chips aus Kochbananen) mit scharfer Soße – kommt endlich das Essen. Ich weiß nicht, was mich geritten hat, ausgerechnet Schweinefleisch zu bestellen – normalerweise esse ich gar kein Schwein. Der Teller sieht recht unspektakulär aus und ich bin skeptisch. Das Fleisch, drei große Grillscheiben an schneeweißem Reis, ist viel dunkler als ich es in Erinnerung habe. In Deutschland habe ich Schweinefleisch seit mindestens zwanzig Jahren gemieden, nicht aus religiösen oder ethischen Gründen, sondern weil ich mich vor dessen wässriger Konsistenz ekele. Außerdem empfand ich es immer als ziemlich fade.

Hier nun, im „Tomate“, probiere ich seit langer Zeit wieder Schwein. Ich nehme nur ein kleines Stück in den Mund und kaue vorsichtig – und ich kann kaum glauben, wie unglaublich lecker es ist. Das soll Schweinefleisch sein? Mein Mund erlebt eine wahre Geschmacksexplosion. Dieses Fleisch ist so ganz anders als das Schweinefleisch, das ich aus Deutschland kenne, viel fester und zugleich sehr saftig. Mir scheint, der Koch hat nur ein wenig Salz verwendet, und in der Tat wäre alles andere viel zu viel des Guten. Aber es wird noch viel besser als ich eine gute Portion scharfen Ají auf jeden Bissen tropfe. Ich muss mich zwingen, langsam zu essen und gewissenhaft zu kauen, denn es schmeckt so gut, dass die Versuchung groß ist, einfach nur zu schlingen.

Auch die anderen sind mit ihrem Essen sehr zufrieden. Allen mundet es ausgezeichnet. Lenin, der alte Sybarit, lobt das Essen in den höchsten Tönen und schwelgt in Erinnerungen an vergangene „Gourmetreisen“. Er ist ein wenig enttäuscht, weil die Fischsuppe, derentwegen er extra hergekommen ist, schon ausgegangen ist. Er meint, wann immer er Zeit habe, toure er durch die Küstenprovinz, um das lokaltypische Essen zu genießen, denn nirgendwo sei die Küche so gut wie hier. Ein Blick auf seine Leibesfülle verrät, dass aus ihm der Experte spricht. Mittlerweile sind wir die einzigen Gäste im Restaurant und das Personal macht schon Anstalten, das Lokal zu schließen. Doch Lenin will uns nicht gehen lassen, ehe wir nicht eine Torta de choclo (eine Art saftiger Maiskuchen) probiert hätten, die man ganz in der Nähe beziehen könne. Er verspricht, er sei in fünf Minuten zurück, und schon eilt er zu seinem Wagen.

Am Ende dauert es dann doch eine halbe Stunde (die Kellner schauen schon böse) und er bringt gleich mehrere Tüten mit den in der Aluform gebackenen goldgelben Maiskuchen mit. Wir sind so satt, dass wir uns die Torta de choclo für später aufsparen wollen und auch die anderen verschmähen die Leckerei – zumindest für den Augenblick. Ich probiere die Torta am nächsten Tag, obwohl sie ganz frisch sicher noch viel besser ist. Ich muss unbedingt das Rezept haben, und wenn ich dafür töten müsste! Ich kann nicht begreifen, wie ein simpler Maiskuchen so gut schmecken kann. Der Stoff hat eindeutig Suchtpotential. Das Rezept muss her oder man kann mich nicht für meine Taten verantwortlich machen!

Nach dem Essen verabschieden wir uns herzlich und ein jeder geht seiner Wege. Wir fahren zurück nach Bahía. Unterwegs machen wir an einem der zahllosen Stände beiderseits der Autopista halt und kaufen Mangos. Mangos haben gerade Saison und werden an der Küste allerorten angeboten. Meine Frau kauft gleich eine ganze Tüte voll. Sie nimmt verschiedene Sorten – ich wusste gar nicht, dass es mehrere Sorten gibt. Manche sehen so aus wie die Mangos, die man aus Deutschland kennt, andere sind nur so groß wie Pflaumen und eher rund. Der Schleier meiner Unwissenheit wird noch ein wenig weiter gelüftet, als wir gleich an Ort und Stelle probieren: Ich kann kaum glauben, dass das dieselben Früchte sein sollen, die ich aus Berlin nur als fades strunkiges Obst kenne. Wenn man in das dunkelgelbe Fleisch beißt, rinnt einem der Saft nur so über die Wangen. Diese Mangos sind sehr süß und unglaublich aromatisch; verglichen mit den Früchten in Berlin sind sie geradezu Supermangos. Schon wenn man sie aufschneidet, entströmt ihnen ein so intensiver Duft, dass einem das Wasser im Munde zusammenläuft. Die kleinen schmecken dabei noch einen Tick süßer als die großen. Schon am nächsten Tag ist von den leckeren Früchten nichts mehr übrig. Die Saison für Mangos dauert nicht lange und wir beschließen, dass wir die Schwelgerei noch recht oft wiederholen wollen.

Immer wieder Canoa

Am 3. November ist die ganze Stadt auf den Beinen, um sich die Parade anlässlich der Erhebung Bahías zum Kanton im Jahre 1875 anzuschauen. Der Aufzug hat Tradition und die Einwohner der Stadt säumen nicht nur die Uferpromenade, auf der die Parade stattfindet, sondern nehmen selber in großer Zahl am Umzug teil: Jede Schule marschiert mit einer eigenen Abordnung. Schüler und Lehrer haben sich herausgeputzt, um auf diesem wichtigen gesellschaftlichen Ereignis zu glänzen. Die Parade dauert den ganzen Vormittag, denn jede noch so kleine Behörde oder Institution entsendet ihre Teilnehmer. Man sieht die Bomberos, die örtliche Feuerwehr, stolz in ihren Uniformen durch die jubelnde Menge marschieren. Eine Abordnung der Streitkräfte paradiert zackig über das Pflaster, dass die Sohlen nur so knallen – einfache Soldaten in Kampfmontur; Scharfschützen im Fransentarn, das Gewehr wie ihr Baby im Arm wiegend; bullige Typen der Marine-Infanterie, bei denen man sich vorstellen kann, dass sie keiner Kneipenschlägerei aus dem Weg gehen; Offiziere, die zum Gruß stolz den Paradesäbel präsentieren.

Die Straßen sind dicht gesäumt mit Schaulustigen. Salsa-Rhythmen dringen aus den Laufsprecherboxen und die Leute haben sichtlich Spaß am Marschieren und Präsentieren und am Zuschauen. Oft werden die Abordnungen von jungen Frauen in knappen Kleidern und hohen Schuhen angeführt. Sie sind Fahnenträgerinnen oder sollen wohl einfach nur die Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Viele haben sich bunte Schärpen umgelegt, die sie als Gewinnerinnen irgendeiner Misswahl oder als exzellente Studentinnen ausweisen. Die Marschkolonnen werden mit Jubel- und Hochrufen empfangen und die Paradeteilnehmer genießen ihre momentane Aufmerksamkeit. Als die Parade beendet ist, verläuft sich die Menge keineswegs. Die meisten bleiben an der Promenade, wo bis in die Nachtstunden hinein Volksfeststimmung herrscht.

Später holten wir den Wagen mit dem Vorsatz ab, nach Canoa an den Strand zu fahren. Es war einer jener Tage, die so heiß sind, dass man glaubt, lebendig gebraten zu werden. Wir hatten Ferien und wer käme da schon auf die Idee, in seiner tristen Wohnung hocken zu bleiben, zumal bei solch einem Wetter! Wir konnten es kaum erwarten, nach Canoa zu gelangen – was für ein herrlicher Strand! Doch bevor wir uns in die Brandungswellen stürzen konnten, bekundeten zwei Drittel der Teilnehmer unserer Badepartie, dass sie Hunger verspürten, großen Hunger sogar. Selbstverständlich mussten erst die drängenden leiblichen Bedürfnisse befriedigt werden, bevor die Badelust gestillt werden konnte. Das „Bambú“ lag nur wenige Schritte von unserem Parkplatz entfernt – wir hatten mit Mühe und Not noch einen freien Platz ergattern können. Ein sonnenverbrannter älterer Herr, offenbar der Angestellte des kleinen Restaurants, vor dem unser Wagen stand, gab zu erkennen, dass er auf das Auto aufpassen würde. Es war klar, dass wir uns später für diesen Service erkenntlich zeigen würden, denn wo sich viel Volk tummelt, hat die Zunft der Diebe ein gutes Auskommen.

Der hungrige Teil unserer Reisegruppe stärkte sich erst einmal ausgiebig im „Bambú“, denn schließlich verleiht so ein voller Magen, vor allem wenn er mit fettreicher Nahrung gefüllt ist, genug Auftrieb, um in den Meeresbrechern nicht unterzugehen. Ich habe gelesen, Haie hätten keine Schwimmblase und der Auftrieb werde allein durch die Fettleber erzeugt. Vielleicht ist es beim Menschen ja ähnlich. Es war heiß wie in einem Backofen, nur die stramme Meeresbrise brachte ein wenig Erfrischung. An Essen war wegen der Hitze nicht zu denken und so begnügte ich mich mit einem Kaffee, während mein Sohn Spaghetti Carbonara und meine Frau eine dicke Suppe mit Käse orderten. Mein Sohn hat offenbar den Magen der Ecuadorianer geerbt, denn ganz gleich wie heiß es auch sein mag, so ein ordentliches Mittagessen besteht immer aus der Heiligen Dreifaltigkeit von Suppe, Hauptgericht und Dessert. Dabei sind die Suppen oft so gehaltvoll, dass man leicht auf das Hauptgericht verzichten könnte. Meine Frau nahm noch einen Cocos-Flan zum Dessert und ich bestellte noch einen Kaffee – die Hitze machte träge und müde und ich hoffte, dass das Koffein meinen Kreislauf ankurbeln würde.

Bekannten, gleich ob prominent oder nicht, begegneten wir diesmal nicht. Anlässlich unseres letzten Besuchs in Canoa waren wir der halben Hautevolee Bahías förmlich in die Arme gelaufen. Meiner Frau war es recht und sie nutzte die Gelegenheit zum fröhlichen Plaudern. Diesmal gab es nichts zum Tratschen und wahrscheinlich hatte sie wieder einmal ihre Vorahnungen, denn sie hatte sich vorsorglich ein Buch mitgenommen, damit ihr die Zeit nicht zu lang würde.

Was für ein herrlicher Strand! Es herrschte Ebbe und auf dem sechzig, siebzig Meter breiten Streifen aus feinem Sand versammelte sich die übliche Standgesellschaft. Sehen und gesehen werden, lautet das Motto. Man kann deutlich erkennen, wie hoch das Wasser bei Flut steht, denn an dieser Stelle steigt der Sand zu einem zwei, drei Meter hohem Wall an. Bei Ebbe liegt davor ein Glacis von fünfzig und weiter hinauf an der Küste von hundert Metern Breite. Die letzte Flut hat dort den Sand geglättet und verfestigt, so dass er sich ideal eignet, um darauf Fußball zu spielen. Und so sieht man verschiedentlich junge Männer gekonnt Bälle kicken. Mancher Strand-Adonis ist darunter: gravitätisch lässt er den Ball von der hantelgestählten Brust abtropfen und lässig passt er ihn zu seinen Mitspielern weiter.

Eine junge Frau geniert sich kein bisschen, nur wenige Meter von mir entfernt Liegestütze zu machen (und sie kann Liegestütze!). Später stemmt sie sich ächzend in den Seitstütz. Zwischen den Trainingssätzen hakt sie immer wieder den BH ihres Bikinis auf, um ein Maximum an Sonne einzufangen. Und in der Tat brennt die Sonne an diesem Tag, als wollte sie den Ozean verdampfen. Der Himmel ist stahlgrau und nur in der Nahe des Zenits sieht man eine Andeutung von Blau, dennoch gleißt das Tagesgestirn wie eine Magnesiumfackel. Das Licht ist so unerbittlich hart, dass einem die Augäpfel schmerzen, wenn man den Blick über Meer und Sand schweifen lässt. Vom Ozean her weht eine steife Brise und die Brecher werfen sich unermüdlich auf den Strand. Die Luft ist warm wie der Strahl eines Heißluftgebläses, aber das Meer verheißt Abkühlung.

Wir werfen uns lustvoll den Wellen entgegen. Das Meer ist einfach wunderbar und genau richtig temperiert, um den lieben langen Tag darin auszuharren. Wir möchten das Wasser am liebsten gar nicht mehr verlassen. Aber natürlich hat uns das fortwährende Auf und Ab nach kurzer Zeit so erschöpft, dass wir nur allzu gern wieder an den heißen Strand zurückkriechen. Mir ist schon ganz schwindelig von den vielen Hechtsprüngen und dem Tauchen und in meinem Kopf rauscht es wie in einer Meeresmuschel. Als uns der heiße Sand die Sohlen verbrennt, sind wir doch froh, wieder festen Boden unter den Füßen zu spüren. Wir wagen uns noch mehrmals ins Meer, aber jedes Mal kehren wir ein wenig ermatteter zurück. Nach ein paar Stunden bin ich wie genudelt; Meer und Sonne haben mich ausgelaugt. Mein Körper sehnt sich nach Kühle und Schatten und meine Kehle lechzt nach einem kalten Pils.

Es sind Ferien und der Strand ist gut gefüllt mit Urlaubern aus der Sierra – man erkennt sie sofort am blassen Teint. Auf dem Kamm des Flutwalls haben geschäftstüchtige Hoteliers Strandzelte und Liegestühle aufgebaut. Da wir nicht den ganzen Tag in der brennenden Sonne sitzen wollen, mieten wir uns eines der Zelte; fünf Dollar kostet der Tag. Von der Anhöhe aus hat man einen guten Überblick über den Strand und das Meer. Zwei Surfer stehen scheinbar gelangweilt herum, die Bretter lässig unter die muskulösen Arme geklemmt. Man findet sie wahrscheinlich an jedem tropischen Strand der Welt und ihr Habit ist auch immer das gleiche: Die äußerst knapp geschnittenen Shirts lassen genug gebräunte Haut sehen, um sich ohne große Anstrengung auch den Rest vorstellen zu können; dazu die quietschbunte Badehose und die obligatorische Sonnenbrille für die Coolness. Etwas Lokalkolorit verleiht der Afro. Wenn das wirklich Surfer sind – die Bretter lassen es vermuten –, dann sind das sie merkwürdigsten Surfer, die ich je gesehen habe, denn statt aufs Meer zu schauen, um nach der perfekten Welle zu suchen, haben sie nur Augen für die üppigen Strandschönheiten. Sie stehen geschlagene zwei Stunden im heißen Sand, aber weder gelingt es ihnen, eine Welle zu erhaschen, noch schaffen sie es, eine der Schönen zu mehr als einem kurzen Flirt zu verführen. Zumindest haben sie als Trost noch etwas mehr Bräune abbekommen. Vielleicht klappt´s ja beim nächsten Mal – mit dem Surfen und den Schönen.

Wir laufen am Strand ein Stück nach Norden. Schon nach ein paar Minuten haben wir den Trubel hinter uns gelassen und wir sind fast die einzigen auf dem hundert Meter breitem Sandstreifen. Nach zwanzig Minuten gelangen wir an eine kleine Bucht. In dem Geröll hinter dem Strand haben sich Berge von Treibgut verfangen wie Krill in den Barten eines Wals. Nach Norden hin steigt das Niveau immer weiter an, so dass sich die Küste stellenweise zu regelrechten Cliffs auftürmt. Die Bucht selbst wird an ihrem nördlichen Ende von schroffen Felsformationen begrenzt, die ein gutes Stück in die Meeresbrandung hineinragen. Bei Ebbe ist das Wasser so flach, dass man einfach hindurchwaten kann, um die Felsen zu umrunden.

Eine einsame Felsnadel, stark wie ein mittelalterlicher Wehrturm, steht vor der Küste und trotzt den Elementen. Bei Niedrigwasser könnte man hinlaufen, doch reicht einem der Meeresspiegel bis zur Brust, und dann muss man auch noch die fast senkrechte Felswand erklimmen, um zur Spitze zu gelangen. Einige Wagemutige haben dies tatsächlich getan und winken von der Höhe herab übermütig den Strandspaziergängern zu. Die Flut läuft ein und am Fuß des Felsens bricht sich schäumend die Brandung. Ich kann mir nicht vorstellen, wie sie wieder zurückkommen wollen. Wir laufen zurück. Als wir die Felsen umrunden, steht ein alter fetter Mann breitbeinig wie ein Feldmarschall auf der Anhöhe und glotzt die Mädchen in ihren Bikinis an, dass ihm fast der Sabber aus dem Mund läuft.

Irgendwann ist auch der schönste Strand einfach nur zu heiß und zu sandig. Wir packen unsere Sachen und fahren zurück nach Bahía. Es ist später Nachmittag, aber es sieht nicht danach aus, als würde sich der Strand bald leeren oder als würde der Ort je zur Ruhe kommen. Wie man hört, sei es wegen der vielen Partys ein Ding der Unmöglichkeit, auch nur eine Nacht durchzuschlafen. Ganz gleich, wann man nach Canoa fährt, die Stadt erweckt immer den Anschein, als hätten hier gerade die Ferien begonnen. Sicher macht dies einen Teil ihres Reizes aus und die Leute kommen hierher, um in die entspannte Atmosphäre einzutauchen und die gestresste Seele baumeln zu lassen. Wir drücken dem Mann vom Restaurant, der so gut auf unser Auto aufgepasst hat – immerhin wurde nichts gestohlen –, noch ein paar Dollar in die Hand. Er freut sich. Erschöpft, aber glücklich geht es zurück nach Bahía.

Der Wahnsinn namens Alltag

Die wichtigste und nützlichste Tugend, die man in Ecuador haben kann, ist Geduld. Seit einigen Wochen leben wir nun schon in unserer neuen Wohnung, aber bisher haben wir weder Fernsehen, noch Internet, noch Telefon. Letzte Woche war der Internet-Mann da und machte uns drei Angebote mit jeweils unterschiedlichen Übertragungsgeschwindigkeiten und demzufolge jeweils unterschiedlichen monatlichen Gebühren. Wir nahmen das günstigste Angebot, das immerhin noch 35 Dollar pro Monat kostet, und verließen uns auf die Zusage, dass er sich um alles weitere kümmern würde. Ich habe das unbestimmte Gefühl, wir werden noch viele Wochen ohne Internet in unserer Wohnung sitzen (dazu auch hier und hier).

Zum Glück gibt es gleich um die Ecke einen Cyber, d.i. ein Cyber-Shop, in dem man für wenig Geld surfen und auch mal eine Seite oder zwei ausdrucken kann, wenn man keinen eigenen Drucker besitzt. Abends ab 18:00 Uhr sind fast alle Plätze ausnahmslos mit Teenies belegt, die entweder Call of Duty, Grand Theft Auto online spielen oder ihre Idole, Ikonen der Musikindustrie, anhimmeln. Neulich waren einige etwa 13- oder 14jährige Mädchen da, die immer wieder ihren Lieblingssong, gesungen von einer der hiesigen Pop-Diven, im Karaoke-Stil nachzusingen versuchten. Bestimmt eine Stunde oder länger konnte ich mir immer wieder den selben Song anhören – Mädchen-Pop der schlimmsten Sorte – und dazu noch den Gesang der Hobbypopsternchen, die oft nicht nur einen Ton danebenlagen. Sie genierten sich überhaupt nicht, dass alle im Raum zuhörten, und schienen erst zufrieden, als sie dann wenigstens ein paar Töne getroffen hatten.

Gleich neben dem Cyber-Shop befindet sich eine Art Restaurant, in dem sich die Anwohner Freitags und am Wochenende zum Essen und zum gemütlichen Beisammensein treffen. Zwar hat es in den letzten paar Jahren in Cumbayá viele tiefgreifende Veränderungen gegeben, weil reiche Quiteños oder solche, die sich bloß für wohlhabend halten, hierher gezogen sind, sich Grund und Boden inklusive neuer Häuser gekauft und damit letztlich die Grundstückspreise ruiniert haben, dennoch findet man immer noch Inseln, in denen die Alteingesessenen in ihren einfachen Häuser dem Luxuswahn trotzen. Das Restaurant ist nichts weiter als ein Holzkohlegrill unter einem mit Wellblech gedeckten Vordach. Dahinter, unter dem Dach, hat die Besitzerin einige Stühle und Tische für die Gäste aufstellen lassen. Die übliche Kundschaft kommt aus der Nachbarschaft. Es gibt solche einfachen Gerichte wie gegrilltes Fleisch mit Maiskolben oder Salchipapas, das sind dicke Pommes frites (Papas fritas) mit einer gegrillten Wurst (Salchicha). Die Leute sitzen in der lauen Abendluft, schlagen sich die Bäuche mit den deftigen Gerichten voll, trinken Bier aus der Flasche und unterhalten sich bis spät in die Nacht hinein. Einmal wollte ich mir auch eine Portion gestatten, aber meine Frau riet mir mit vor Entsetzen geweiteten Augen ab, als könnte ich mir durch die Bestellung eines einfachen Gerichts den Tod auf dem Teller einhandeln. Bei allem, was gegrillt, gebraten oder frittiert ist, muss man sich nicht wirklich sorgen. Acht geben sollte man jedoch bei den vermeintlich gesunden Nahrungsmitteln wie Salaten und frisch gepressten Säften, von denen ich, eingedenk meiner Erfahrungen während vorangegangener Reisen, lieber die Finger lasse. Vielleicht mag meine Frau auch deshalb nicht dort essen, weil kein Salat angeboten wird. Mein Sohn jedenfalls machte schon ganz große Augen als er den Teller mit den Papas fritas und der Salchicha sah.

Die meisten Leute haben nicht viel Geld in der Tasche und zehn oder zwanzig Dollar sind für manch einen ein kleines Vermögen. Auf der letzten Hausversammlung hatten die Mieter und die Besitzer von Wohneigentum lebhaft die Frage der Sicherheit diskutiert. Unbekannte waren in die Parketage eingedrungen und hatten versucht, eines der Autos gewaltsam aufzubringen. Auf der Versammlung hatte man in Abstimmung mit dem Besitzer der Anlage beschlossen, dass ein Concierge eingestellt würde, der sich um alle Belange kümmern könnte. Natürlich muss der Concierge von den Mietern bzw. Wohnungseignern bezahlt werden. Seit etwa einer Woche wirbelt ein junger Mann durch die Anlage, beseitigt den Müll, nimmt kleinere Reparaturen vor und schrubbt die Böden blitzblank. Das ist wirklich kein leichter Job, und den ganzen Tag Fußböden schrubben, kann einen schon ordentlich fordern. Ich habe erfahren, dass er eine Frau hat und dass die beiden ein Baby haben. Man müsste annehmen, dass die Arbeit, die er tagtäglich verrichtet, gut genug bezahlt ist, um die Familie ernähren zu können, zumal das Einkommen seiner Frau für die Zeit nach der Entbindung entfällt. Wie man sich erzählt, gehört er einer Familie an, in der das Dienstbotendasein Tradition hat: Seit Generationen steht man im Dienste „der Reichen“ und verrichtet all die niederen Tätigkeiten, die man sich – reich oder nicht – am liebsten ersparen möchte. Ich war schockiert zu hören, dass er gerade einmal dreihundert Dollar pro Monat verdient. Ich glaube allerdings nicht, dass es sich um eine Vollzeitstelle handelt. Aber man bräuchte schon mehrere solcher Jobs, um in einer derart teuren Stadt wie Cumbayá einigermaßen über die Runden zu kommen.

Das Leben in Ecuador und im Speziellen in Cumbayá ist unglaublich teuer; manchmal scheint mir, sogar noch teurer als in Deutschland. Ein Kollege meiner Frau gestand, er und seine Frau bräuchten im Monat gut tausend Dollar für Nahrungsmittel – ernähren sich diese Leute nur von Trüffel und Kaviar? Es ist jedoch wahr, dass man für einen ganz normalen Familienwocheneinkauf ein kleines Vermögen lassen kann. Einhundert Dollar sind schneller ausgegeben, als man es für möglich halten möchte, und damit ist ein Einkaufswagen, wie man sie üblicherweise in den Supermärkten vorfindet, noch kaum gefüllt.

Neulich Morgens fuhren wir mit dem Taxi zur Schule. In der Deutschen Schule beginnt die Arbeit um 7:30 Uhr und meine Frau muss ein wenig früher da sein, weil es Lehrern auch außerhalb der offiziellen Arbeitszeiten nie an Arbeit mangelt. Der Unterricht an der Schule meines Sohnes beginnt erst Punkt 8:00 Uhr. Also fahren wir mit dem Taxi zuerst zum Colegio Alemán, setzten meine Frau ab, und dann geht die Fahrt weiter zur British School. Die erste Etappe kostet 2,50 Dollar. Die Fahrt von der Deutschen Schule weiter zur Schule meines Sohnes, die etwas außerhalb liegt, schlägt noch einmal mit derselben Summe zu Buche. Dort angekommen, überreichte ich dem Taxifahrer einen Zwanzig-Dollar-Schein, um die Fahrt, fünf Dollar insgesamt, zu bezahlen. Doch der Fahrer hatte nicht genug Wechselgeld in seinem Portemonnaie und konnte mir nicht herausgeben. Die Situation hätte Anlass zu einiger Verwirrung geben können, doch der Taxifahrer meinte nur, ich könne ihm das Geld auch irgendwann später geben. Er wohne ebenfalls im Sektor Santa Inés (das ist unser Stadtteil in Cumbayá) und er werde Nachmittags um fünf Uhr vorbeikommen, um das Geld in Empfang zu nehmen. Als ich gegen halb drei mit dem Bus losfuhr, um meinen Sohn von der Schule abzuholen, sah ich ihn wieder mit seinem Taxi auf der Straße. Er fragte mich im Vorbeifahren, ob ich Geld gewechselt hätte, doch ich musste passen – ich hatte den großen Schein noch immer in der Tasche.

Wenn ich meinen Sohn von der Schule abhole, nehmen wir immer den Bus. Der Bus ist das weitaus geläufigste öffentliche Verkehrsmittel in Ecuador und fast überall das einzige. In Cuenca, einer Stadt im Süden des Landes, entsteht ein Straßenbahnnetz, doch Cuenca bleibt damit wohl auf lange Zeit eine Ausnahme. Das gewöhnliche und meistbenutzte Verkehrsmittel bleibt nach wie vor der Bus. Seit Jahren nun schon liegen Pläne vor, das arg strapazierte Verkehrsnetz von Quito durch eine U-Bahn zu entlasten. Die Planungen sind weit fortgeschritten und eigentlich hätte mit dem Bau schon begonnen werden müssen, wenn sich nicht Widerstand gegen das neue Verkehrsmittel geregt hätte. Eine U-Bahn-Fahrt soll vierzig Cent kosten. Die Fahrt wäre damit deutlich teurer als eine Fahrt mit dem Bus, die den Fahrgästen gerade einmal 25 Cents abverlangt, und zwar unabhängig davon, wie weit man fährt. Viele Menschen fürchten, dass sie sich dann Fahrten nicht mehr leisten könnten, und sie sind deshalb gegen den Bau der Metro.

Wenn man wissen will, wie dieses Land tickt, muss man mit dem Bus fahren. Das Liniennetz ist erstaunlich verzweigt und im Prinzip kommt man zu jedem Ort der Stadt ohne jemals ein Taxi benutzen oder weit zu Fuß gehen zu müssen. Selbstverständlich darf man auf einigen Strecken nicht denselben Komfort erwarten wie im eigenen Auto. Manchmal sind die Busse regelrecht überfüllt und man muss stehen, was wirklich unangenehm sein kann, wenn der Fahrer meint, die Passagiere bräuchten etwas Frischluft und in voller Fahrt die Türen aufreißt. Auf den längeren Routen, wie zum Beispiel zwischen Quito und Cumbayá, verkehren richtige Reisebusse mit bequemen Polstersitzen, und meistens ergattert man auch einen Sitzplatz, so dass man die Fahrt ganz entspannt genießen kann. Die Fahrer halten auch nur an den Haltestellen, und nicht etwa zwischendurch, wie auf den kürzeren Strecken, wo man nur den Arm heben muss, und schon bremst der Bus und man springt ab oder auf.

Auf den längeren Routen steigen an fast jeder Station fliegende Händler zu und versuchen, ihre Ware an den Mann oder die Frau zu bringen: frisches Gebäck, Eis, Feuerzeuge, Zeitungen, Kugelschreiber, Kaugummis, Schokolade. Es gibt kaum etwas, was man nicht im Bus kaufen kann. Die Fahrer lassen die Händler seelenruhig gewähren; vielleicht bekommen sie ein kleines Handgeld. Einmal versuchte ein Hare-Krishna-Jünger sein Glück. Zuerst hielt er eine Bekehrungsrede, die so professionell wirkte, dass jede x-beliebige Werbeagentur ihn von der Stelle weg eingestellt hätte. Nachdem er seine Ansprache beendet hatte, verteilte er Büchlein, in denen man Lebenshilfe und Anleitungen zur Meditation finden konnte. Wer mochte, konnte eines der Bücher für nur einen Dollar erstehen, die anderen sammelte er bis zum nächsten Stopp wieder ein. Am Ende war er bestimmt ein Dutzend Bücher losgeworden. Meine Frau war schon versucht, eines zu kaufen, aber mein skeptischer Blick hielt sie dann doch zurück.

Von unserem Viertel (Santa Inés) aus fährt so ein kleiner Tingel-Tangel-Bus bis ins Zentrum von Cumbayá und wieder zurück. Morgens können die Busse richtig voll werden, denn die Bediensteten der reichen Haushalte fahren von den ärmeren Vierteln, wo sie wohnen, in die Stadtteile der Reichen. Köchinnen, Wäscherinnen, Kinder- und Putzfrauen, Haushälterinnen, Gärtner, Chauffeure, Handwerker, Wachschutzleute – sie alle müssen zu Arbeit und sie alle nehmen den Bus, der nur schleppend vorankommt, denn alle fünfzig Meter ruft jemand „Gracias“ – das Zeichen, dass der Fahrer anhalten möge. Einige Menschen steigen dann aus und eilen auf zigfach gesicherte Tore oder Türen zu, durch die sie nach der üblichen Gesichtskontrolle eingelassen werden. So geht das über die ganze Strecke und wenn ich dann schließlich zuhause ankomme, ist der Bus fast leer.

Am Nachmittag, wenn ich meinen Sohn von der Schule abholen möchte, fahre ich erst bis ins Zentrum von Cumbayá. Dort nehme ich dann den Bus Richtung Tumbaco (das ist die nächste Gemeinde weiter östlich). An der Haltestelle muss man nie lange warten, denn während ein Bus abfährt, sieht man schon in der Ferne den nächsten anrollen. Eigentlich sind es nur drei oder vier Kilometer bis nach Tumbaco, doch die nagelneue Autopista nimmt einen ziemlich weiten Umweg um das Tal des Rio San Pedro. Der Fluss hat sich derart tief ins Erdreich gegraben, dass das Flusstal stellenweise zur Schlucht mit fast senkrechten Wänden wird. Nach Tumbaco geht es mit leichtem Gefälle abwärts und die Fahrer lassen keine Gelegenheit aus, um wieder einmal den Streckenrekord zu brechen. Da die Straße einige Kurven hat, ist es ratsam, sich gut festzuhalten, will man nicht ständig willenlos gegen den Sitznachbarn gepresst wird.

Ich fahre nie ganz bis nach Tumbaco, sondern steige immer schon an der Station „El Nacional“ aus. Dabei handelt es sich um eine riesige Trainingsstätte für Nachwuchsfußballer – Fußballfelder so weit das Augen reicht. Vom Bus aus sieht man zu jeder Tageszeit Dutzende von Nachwuchstalenten auf den penibel gepflegten Rasenplätzen kicken. Auf der anderen Seite der Straße liegt ein Park und genau davor befindet sich die Haltestelle, an der mein Anschlussbus schon startbereit wartet. Meist stärken sich die Fahrer jedoch erst mit einem Snack an den Imbissbuden direkt oberhalb der Haltestelle. Auch geben sie den Händlern so Gelegenheit, noch einmal durch die Busse zu gehen und ihre Waren feilzubieten.

Zur British School geht es überwiegend bergauf und die Busse schleppen sich mühsam auf den von Schlaglöchern gesäumten Straßen entlang. Es geht durch einfache Wohnviertel, manchmal sieht man Werkstätten oder kleine Geschäfte. Die Straße, an der die Schule liegt, ist die Calle Cunuyacu. Zu sehen gibt es nicht viel, doch seit einiger Zeit hat man auf einigen der Grundstücke, die direkt an die Straße grenzen, zu bauen begonnen. Riesige Werbetafeln, mit denen Käufer angelockt werden sollen, verraten mehr: Errichtet werden Luxus-Wohnsiedlungen, moderne, weitläufige Anlagen mit 24-Stunden-Bewachung, mit Mauern, Elektrozäunen und Scheinwerfern. Vielleicht, so das Kalkül der Bauherren, wollen dieselben Leute, die ihre Kinder auf eine teure und exklusive Privatschule schicken, gleich in der Nähe ihrer Schützlinge wohnen.

Von allen Eltern der etwa dreihundert Schüler der British School bin ich der einzige, der mit dem Bus anreist, um sein Kind abzuholen. Manchmal sieht man ein, zwei Taxis, der Rest fährt mit dem eigenen Wagen vor. Das sind Fahrzeuge im überwiegend hochpreisigen Segment, wenn nicht sogar aus der Luxussparte. Mehrmals sah ich tatsächlich einen Porsche, die meisten anderen Gefährte sind dagegen eher geländegängig, allradgetrieben und mehr als bloß ausreichend stark motorisiert. Man kommt sich vor, als wäre man auf einer Autoshow, denn viele der Wagen sehen nagelneu aus. Jedes Mal, wenn ich am Eingang der Schule stehe und auf den Bus warte, treffen mich neugierige wie gleichermaßen irritierte Blicke aus dem klimatisierten Innern der vorbeiziehenden Autokarawane: Gehört der dazu? Warum steht er dort? Ein Gringo-Opa guckte mich an, als hätte er noch nie jemanden auf den Bus warten sehen. Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass in den USA nur die Menschen mit dem Bus fahren, die so arm sind, dass sie sich kein eigenes Auto leisten können. Und da muss man schon wirklich sehr arm sein, denn kurioserweise gibt es Obdachlose, die in Autos leben. Ich glaube, auch wenn wir unser eigenes Auto bekommen sollten – es kann sich nur noch um Wochen handeln –, werde ich die Gewohnheit beibehalten, und mit dem Bus zur Schule meines Sohnes fahren.

Ich denke, viele der Menschen, die ihre Kinder auf solch teure Schulen schicken, haben den Kontakt zur Wirklichkeit in diesem Land verloren oder überhaupt nie einen Kontakt zum Leben gehabt. Mit dem wirklichen Leben, wie es sich direkt vor ihrer Haustür abspielt, kommen sie kaum je in Berührung. Wie sollte man auch – man wohnt in beschützten Wohnanlagen, fährt im klimatisierten Auto durch die Stadt anstatt auch nur ein paar Meter zu Fuß zu gehen, kauft in teuren Malls ein und lässt sich die Einkäufe auch noch vom Angestellten des Supermarktes ins Auto packen, das im gesicherten Parkhaus wartet. Viele dieser Leute begegnen niemals den „normalen“ Ecuadorianern, es sei denn als Hausangestellten und dann vermeidet man es wohl eher, von ihnen Kenntnis zu nehmen. Man umgibt sich mit seinesgleichen oder mit jenen Einheimischen, die durch ihren Reichtum ein ähnlich hohes soziales Prestige, wie man es selbst zu besitzen glaubt, für sich in Anspruch nehmen können. Manche von ihnen erscheinen vor der Schule tatsächlich mit ihren Hausangestellten, der Nanny etwa oder der Haushälterin. Man erkennt es an der Kleidung: Während der Herr Business-Anzug trägt und die Dame mit Geschmack sich mit teurer Designerkleidung und edlen Accessoires schmückt, ist die Bedienstete schmucklos in Kittelschürze und Arbeitsanzug gehüllt. Man zweifelt manchmal, ob all die Revolutionen, in die sich die Menschheit für eine bessere Welt stürzte, wirklich etwas genützt haben.

Oberhalb der Schule, nicht mehr als zweihundert Meter entfernt, thront ein Franziskaner-Konvent wie eine einsame Bergfestung am Hang. Dieselbe Straße, auf der die Eltern ihre teuren Autos parken, wenn sie die Kinder abholen, führt hinauf zum Sanctuario Eucaristico, wie auf einem Hinweisschild vor der Schule zu lesen ist. Ich frage mich, was die Franziskaner wohl denken mögen angesichts des eitlen Schaulaufens, das tagtäglich vor ihren Augen vorbeizieht. Ich hätte nicht übel Lust, einmal hinaufzugehen und sie zu fragen. Schließlich wies der Heilige Franz von Assisi, der Gründer des Ordens, jeglichen Besitz von sich und er vertrat sogar der Meinung, die Kirche sollte arm sein. Vielleicht ist es ein gutes Zeichen, dass der derzeitige Papst ihn zum Namenspatron erkoren hat. Ich hoffe, ich nehme irgendwann einmal all meinen Mut zusammen und statte den Brüdern auf dem Berg einen Besuch ab, vorausgesetzt, sie wollen mich überhaupt empfangen.

Die Rückfahrt von der Schule nach Hause ist weit spektakulärer als die Hinfahrt. Nicht nur führt die Strecke über weite Teile bergab, der Bus ist in der Regel auch voll besetzt. Eine Maximalkapazität scheint es nicht zu geben und jeder, der den Bus heranwinkt, wird auch mitgenommen. So kommt es gar nicht so selten vor, dass die Türen nicht mehr geschlossen werden können, weil sich die Fahrgäste so eng drängen, dass der Platz nicht mehr reicht, um für solche Nebensächlichkeiten wie geschlossene Türen zu sorgen. Ich muss allerdings zugeben, dass ich dies erst ein einziges Mal erlebt habe und dann auch nur am Morgen, wenn die Leute ohnehin spät dran sind und jeden Bus nehmen, den sie kriegen können. Ich hatte gerade meinen Sohn zur Schule gebracht, und da kam auch schon der Bus, mit dem ich nach Hause fahren würde. Als er vor mir hielt und die Tür sich öffnete, sah ich nichts als einen Wust von dicht gedrängten Leibern. Ich hätte auf den nächsten Bus in zehn Minuten warten können. Andererseits hatte ich noch nicht gefrühstückt und mir war deshalb schon ganz flau zumute. Länger wollte ich nicht warten. Also stieg ich ein in der Hoffnung, dass sich der Bus auf der Strecke rasch leeren würde.

Ich hatte gerade meinen Fuß auf das Trittbrett gesetzt, als der Fahrer auch schon das Gaspedal bis zum Anschlag durchtrat. Man tut gut daran, sich mit aller Kraft festzuhalten, denn die Fahrer nehmen weder Rücksicht auf den Komfort noch die Sicherheit der Fahrgäste. Während der Bus beschleunigte, hing ich noch halb aus der Tür und es gelang mir auch nicht, mich zwischen die anderen Passagiere in den Bus zu schieben. Mir war nur zu deutlich bewusst, dass ich wohl unweigerlich mit dem nächsten Laternenpfahl Bekanntschaft machen müsste, würde ich den Griff loslassen – nicht, dass ich die Absicht gehabt hätte! Auf der Rückfahrt ist die Strecke ziemlich abschüssig und die Fahrer nutzen jede Gelegenheit, die Maximalgeschwindigkeit aus ihren Fahrzeugen herauszukitzeln. Bei manchen Bodenwellen hat man das Gefühl, der Magen würde sich umstülpen und in den Kurven zerren die Fliehkräfte so unerbittlich, dass man glaubt, man wäre nicht in einem Bus, sondern hätte sich ins Astronautentraining verirrt.

Der Fahrtwind pfiff scharf an meinem Gesäß vorbei und ich schmiegte mich ganz eng an den Bus, denn ich fürchtete, ich könnte an irgendeinem der Zaunpfähle oder Mauervorsprünge hängen bleiben, an denen wir mit wahnwitziger Geschwindigkeit vorbeirasten. Neben mir stand die Kassiererin; sie lehnte lässig in der Tür und hielt sich ebenso lässig fest. In der anderen Hand hatte sie das Wechselgeld. Das Buspersonal auf den längeren Strecken ist immer in Zweierteams unterwegs: einer fährt, der andere kassiert, nur weiß man nicht, welcher der anspruchsvollere Job ist, denn gerade wenn die Busse voll sind, hangeln die Kassierer sich mit nahezu artistischer Gelenkigkeit durch den Fahrgastraum oder springen bei Stopps aus einer Tür, kassieren in einem irren Tempo das Geld von den Fahrgästen, die gerade aussteigen, und springen ebenso verwegen wieder durch die andere Tür in den Bus, während der Fahrer schon mit Vollgas beschleunigt. Als die Kassiererin mich nach Fahrgeld fragte, konnte ich mit Mühe und Not den geforderten Vierteldollar aus der Tasche kramen. Dabei schielte ich immer wieder ängstlich auf die vorbeirasende Umgebung.

An der nächsten Haltestelle stiegen einige der Passagiere aus; etwas Platz wurde frei und ich nutzte die Gelegenheit, weiter ins Innere des Busses vorzudringen. Ein Mann neben mir fragte: „Do you speak English?“ Es kommt so gut wie nie vor, dass man in Ecuador auf Englisch angesprochen wird. Umso verwunderter war ich, dass mich ausgerechnet jemand im Bus fragte, wo doch selbst in den teuren Boutiquen der Shopping-Malls ausschließlich Spanisch gesprochen wird. Ich musste seine Frage bejahen und er schickte voller Neugier sofort die nächste Frage hinterher: woher ich käme. Ich sagte es ihm und er überlegte eine Weile, was dies wohl zu bedeuten hätte. Dann hielt der Bus, die Tür ging auf und weitere Passagiere drängten sich zwischen uns.

Auf der Strecke zwischen Tumbaco und Cumbayá wurde ich abermals „erkannt“: Ich stieg nichtsahnend in den Bus und hangelte mich bis in die Mitte vor, damit ich den Leuten, die aussteigen wollten, nicht im Wege stünde. Irgendwo mitten im Gang standen zwei junge Männer, die aussahen wie Gringos oder Europäer – also wie ich. Völlig ahnungslos blickte ich auf und sie deuteten den Blickkontakt offenbar als Zeichen, denn sie grüßten mich, als würden wir uns gut kennen, als wären wir seit ewigen Zeiten Kameraden und Reisegefährten auf abenteuerlichen Wegen. Man muss entweder ziemlich verzweifelt sein oder von starkem Heimweh geplagt werden, wenn man den Erstbesten grüßt, der aussieht, als würde er von dort stammen, wo man selbst herkommt. Ich erwiderte ihren Gruß eher desinteressiert, weil ich es für ganz schön kühn halte, jemanden als Geistesverwandten anzusehen, nur weil er vielleicht vom selben Kontinent stammt.

Es ist übrigens für einen normal großen Europäer oder Amerikaner gar nicht so einfach, eine längere Busfahrt zu unternehmen, wenn man dabei nur einen Stehplatz hat. Der normal große Ecuadorianer kann in einem landesüblichen Bus bequem stehen. Schwieriger wird dies für Menschen ab einer Körpergröße von etwa 1,85 Metern. Wenn ich in einem der Linienbusse aufrecht stehe, reibt mein Schädeldach am Wagenhimmel. Ich mache mich aber immer ein wenig kleiner, federe in die Knie und ziehe den Kopf ein, denn man muss stets damit rechnen, dass der Bus in eine Delle taucht oder über eine Bodenwelle springt. Die rasant-sportliche Fahrweise der meisten Fahrer tut noch ein Übriges. Der Reisekomfort ist doch ganz erheblich eingeschränkt, wenn einem der Kopf ständig gegen die Decke gerammt wird. Aber manchmal hat man ja Glück und kann sitzen. Da scherzt dann nicht das Schädeldach, sondern die Knie, denn auch der Abstand zwischen den Sitzen ist auf eine kleinere Körpergröße geeicht.

Ich habe die ersten Schritte unternommen, mich meinem kulturellen Umfeld zumindest optisch anzugleichen. Ein wenig Bräune macht aus mir zwar noch keinen Ecuadorianer, zumindest aber glaubt man nun nicht mehr, ich sei gerade dem Flugzeug entstiegen. Nichts sticht hier mehr hervor als ein kreideweißer Teint. Eigentlich ist hier niemand wirklich blass, es sei denn, er käme aus einem kalten, dunklen Land oder wäre rothaarig. Man müsste sich schon sehr anstrengen, um die aristokratische Blässe auf Dauer zu bewahren, denn die Sonne scheint am Tag nahezu ununterbrochen und schließlich kann man sich nicht für immer im dunklen Zimmer vergraben.

Zur Zeit ist es so warm wie an einem heißen Badetag in Berlin. Erst in den Abendstunden kühlen die Temperaturen dann aufgrund der Höhe wieder merklich ab, was aber zugleich den Vorteil hat, dass man gut schläft. Der Himmel strahlt blau in Blau und wenn doch einmal Wolken aufziehen, ist man froh darüber, dass einem die Sonne einmal nicht den ganzen Tag auf den Pelz brennt. Man fragt sich, ob es wohl hin und wieder regnet. Manch Schöne, die ihren makellos weißen Teint nicht durch den geringsten Anflug von Farbe entstellt sehen möchte, wechselt die Straßenseite im Laufschritt, nur um ja schnell wieder in den Schatten zu gelangen. Während sie durch die pralle Sonne eilt, hält sie ihre Hand über den Kopf, damit das Gesicht beschattet ist. Was würde sie wohl denken, wenn sie die sommerlichen Parks und Badestrände Berlins mit ihren Sonnenanbetern sähe? Ich habe gerade gelesen, dass die Temperaturen im spätsommerlichen Berlin noch einmal bis auf 25 Grad steigen. Wenn ich Berlin auch ein wenig vermisse, den Winter vermisse ich ganz bestimmt nicht! Ich bin froh, dass mir das nasskalte Wetter und die arktische Dunkelheit erspart bleiben. Zwar gibt es auch hier eine Art „Winter“, doch regnet es dann mehr. Richtig kalt wird es aber nie und wenn es einen doch danach verlangen sollte, wieder einmal im Schnee herumzutollen, müsste man schon bis auf fast 6.000 Meter aufsteigen. Man sollte nur Acht geben, dass man sich für diese Unternehmung keinen aktiven Vulkan aussucht, der kurz vor dem Ausbruch steht, wie derzeit der Cotopaxi, wenn man den Vulkanologen glauben will. Dann kann es nämlich richtig warm werden, höllisch warm.

Ich bin jetzt fleißig dabei, Spanisch zu lernen. Aber ich muss ehrlich bekennen: es fällt mir unglaublich schwer. Mein Hirn sträubt sich regelrecht dagegen, selbst die einfachsten Wörter zu behalten. Aber Vokabeln zu pauken ist auch wirklich nicht die Art von Ablenkung, die man sich an einem lauen Sommerabend wünscht, zumal hier jeder Abend ein lauer Sommerabend ist. Es geht langsam voran, viel langsamer als ich mir wünschte. Nichtsdestotrotz mache ich Fortschritte. Manchmal jedoch sind nicht Bücher die besten Lehrmeister, manchmal lehrt einen der Alltag mehr als alle Weisheit, die man in Büchern finden kann: Zumindest weiß ich jetzt, was in Ecuador „cool“ heißt: chevere (gesprochen: tschéwere; „Wie cool!“ heißt dann que chevere, gesprochen: ke tschéwere). Und auch solch ein nützliches, kaum zu unterschätzendes weil oft gebrauchtes Wort wie „Schlumpf“ kenne ich jetzt: pitufo. Damit ist es nun möglich, in jedem tiefschürfenden Gespräch den richtigen Akzent zu setzen: Que chevere, pitufo – Wie cool, du Schlumpf.

Abschied von Bahía

Die schöne Zeit in Bahía de Caráquez ging zu Ende; wir mussten zurück nach Cumbayá. Bevor wir abreisten, waren wir noch einmal im Pazifik baden. Es war Ebbe und um überhaupt ein paar Wellen abzubekommen, musste man hundert Meter ins Meer hineinlaufen, und selbst dort reichte das Wasser kaum bis zum Bauch. Es gab auch Badende, die sich noch viel weiter hinaus wagten, aber das schien mir dann doch zu gefährlich, zumal die Gezeiten schnell wechseln und Strömungen den Schwimmer aufs offene Meer hinausziehen können.

Schon am Morgen war der Himmel aufgerissen und die Sonne brannte den ganzen Tag lang gnadenlos auf den Strand. Das hielt die Badewilligen jedoch nicht davon ab, ihr Vergnügen zu suchen. Es waren so viele Leute am Meer wie kaum je außerhalb der Feriensaison und viel mehr als an den kühleren Tagen (an diesen Tagen ist es bewölkt und die Temperaturen liegen irgendwo knapp unter dreißig Grad). Man spürte die Hitze aber nicht, denn vom Meer blies ein beständiger warmer Wind und wenn man gerade aus dem Wasser kam, fühlte es sich angenehm kühl an. Doch man sollte die tropische Sonne nicht unterschätzen. In Berlin kann man gut und gerne den ganzen Tag am Orankesee sitzen und Abends noch ein paar Bier zischen, aber hier, am Äquator, sollte man die Mittagssonne lieber meiden. Nach drei Stunden war mir, als knisterte es in meinem Kopf und ich fühlte mich so matt, als hätte ich einen Sonnenstich – höchste Zeit, den Strand zu räumen.

Wir nahmen den langen Weg um die Landspitze herum. Der hundert Meter breite Sandstrand war wie ausgestorben – nicht eine Menschenseele hatte sich hierher verirrt. Dafür hockte das Badevolk auf der Buchtseite unter Schirmen und Zeltdächern, schleckte Eis und schlürfte kalte Drinks. Als ich zuhause ankam, war ich von der vielen Sonne regelrecht ausgelaugt und ich musste mich erst einmal hinlegen. Den Nachmittag zu verschlafen, ist in den Tropen nichts Schlimmes und niemand wird deswegen für faul gehalten, denn meist ist es so heiß, dass einem das Hirn zu kochen beginnt und selbst dem Arbeitswütigsten vergeht in der Hitze die Lust auf körperliche Anstrengung. Man schwitzt in einem fort, fühlt sich schlapp und ist vollkommen lustlos. Die Straßen sind um die Mittagszeit wie ausgestorben, die Geschäfte schließen, und die Leute essen Mittag oder machen Siesta. Im Schatten ruhen ist das einzig Sinnvolle.

Am nächsten Tag sagten wir Bahía Lebewohl. Wir verabschiedeten uns von der Familie und dankten der Tante, in deren Haus wir in den letzten Tagen logiert hatten. Die Tante hatte sich solche Mühe gegeben und war so nett, dass es mir leid tat, gehen zu müssen. Wir kommen bestimmt in den nächsten Ferien wieder.

Long Beach

Unsere Übernachtung in Long Island hatten wir strategisch geplant: Meine Frau hätte sich gern einen Vineyard angesehen, von denen es einige am östlichen Ende der Insel gibt. Sie hätte sich ebenfalls darauf gefreut, das Haus von Walt Whitman zu besuchen. Leider hat es sich nicht ergeben, denn um die Vineyards zu erreichen, hätten wir bestimmt zwei Stunden fahren müssen. Das Haus des Dichters, das als Museum erhalten geblieben ist, liegt nicht an der Atlantikseite, sondern an der Seite, die auf das amerikanische Festland blickt. Wir aber hatten in einem Motel im Süden eingecheckt. Die Zeit war recht knapp und wir wollten sie nicht verschwenden, indem wir den halben Tag mit dem Auto umherfuhren. Mein Sohn erklärte schon vorher wenig diplomatisch, dass er zu den von uns avisierten Zielen auf keinen Fall fahren wolle; das sei alles langweilig.

Nur eine kurze Autofahrt von unserem Motel entfernt, lag jedoch Long Beach, einer der schönsten und berühmtesten Strände der Welt. Zwar hatte der Wetterbericht Wolken und leichten Regen vorhergesagt, aber am Vormittag klarte es auf und eine gnadenlose Hitze brannte von einem wolkenlosen Himmel herab. Wir mussten einfach nach Long Beach!

Wir packten unsere sieben Sachen und checkten aus. Auf der Fahrt zum Strand fiel zwei der drei Reisenden ein, dass sie Hunger hätten und sofort essen müssten, so groß war die Hungerqual. Aus dem Augenwinkel gewahrte ich im Vorbeifahren irgendwo die Aufschrift „Falafel“ und wir beschlossen, dass wir etwas essen müssten, um uns für den Strandaufenthalt zu wappnen. Nachdem wir uns ein paarmal verfahren hatten, gelangten wir dann doch zu dem kleinen Bistro, das wir zufällig entdeckt hatten.

Für den Berliner ist Falafal ja kulinarisch nichts Neues und es ist etwa so exotisch wie die Currywurst oder der Döner, also normales Berliner Streetfood. Meine Frau liebt Falafel und Hummus und sie isst es, wann immer sie Gelegenheit dazu hat (bei mir macht die Verdauung Schwierigkeiten und mein Sohn hasst alles, was auch nur entfernt an Gemüse erinnert). In Berlin ist man daran gewöhnt, Falafel als eine typisch arabische Speise anzusehen, denn die allermeisten Falafel-Shops werden von Arabern betrieben. Als wir vor der Tür des Bistros standen, das mit seiner Falafel warb, fiel uns der Name „Geffen“ ins Auge und da erst merkten wir, dass wir unbewusst einem Irrtum aufgesessen waren. Der Laden war über und über mit israelischen Landesfahnen tapeziert. Auf einem Tisch an der Tür lagen Zeitungen in hebräischer Sprache sowie die jüdische Lokalzeitung aus. Die männlichen Kunden, egal welchen Alters, trugen allesamt Kippa, die Frauen waren züchtig gekleidet.

An der Theke bestellten wir Hummus und Falafel, eine Pita mit Falafel, Tee und als Nachtisch für unseren Sohn einen koscheren Schokoriegel. Die junge Frau hinter dem Tresen nahm unsere Bestellung mit einem strahlenden Lächeln entgegen. Einige der Gäste, die an den Tischen im hinteren Teil ihr Mittagessen einnahmen, drehten sich neugierig nach uns um – wir passten so wenig ins hiesige Biotop wie ein Fisch in der Wüste. Auf einer Seite des Ladens standen Regale mit einer großen Auswahl an Lebensmitteln darin, unter anderem Kaffee, Tee und Schokolade. Vieles war aus Israel importiert und alles war natürlich koscher. Es gab auch eine Kühlteke, in der ich koscheres Ham sah.

Neben der jungen Frau, die hinter dem Tresen arbeitete, war noch ein älterer Herr zugegen, vielleicht der Besitzer des Ladens. Er lief umher und bediente die Gäste, nahm Bestellungen entgegen und machte Smalltalk. Ich konnte sehen, dass er uns die ganze Zeit über neugierig beäugte. Vielleicht wollte er herausfinden, wer wir waren, denn offenbar verirrten sich in diese Gegend Long Islands nicht viele Touristen und schon gar nicht solche wie wir: Wir sprachen deutsch miteinander und meine Frau wird in Berlin oft für eine Araberin oder Türkin gehalten. Ich weiß nicht, zu welchen Schluss er kam; vielleicht blieben wir ein Rätsel für ihn. Er unterließ es, uns zu fragen, obwohl er durchaus interessiert schien, mehr zu erfahren.

Erst nachdem wir das kleine Lokal verlassen hatten, fiel uns auf, dass es uns in eine Gegend mit überwiegend jüdischer Bevölkerung verschlagen hatte: Die Namen der Lebensmittelgeschäfte fingen alle an mit „kosher“. Es gab viel „Kosher Meat“, einmal sahen wir sogar „Kosher Chinese Food“. Das Essen, Hummus und Falafel, war übrigens ausgezeichnet und selbst mein Sohn, der ein echter Gemüse-Verächter ist, verdrückte seine Pita mit Falafel, scharfer Soße und viel Gemüse mit regelrechtem Heißhunger.

Endlich gelangten wir ans Ziel – Long Beach. Wir konnten schon das Meer riechen und die Brandung hören, aber es ist gar nicht so einfach, an den Strand zu gelangen. Weite Teile der Küste sind in Privatbesitz und es ist einfach unmöglich zum Wasser vorzudringen, ohne von bestellten Aufpassern davon abgehalten zu werden. Ich fragte einen Passanten, wo es denn Strände mit öffentlichem Zugang gäbe und er sagte mir, ich müsste noch viel, viel weiter fahren. Das taten wir dann auch, ungeduldig, endlich das Meer zu sehen. Als wir glaubten, weit genug gefahren zu sein, parkten wir das Auto auf einem kostenlosen Parkplatz und machten uns auf zum Strand.

Endlich, da lag das ersehnte Ziel zum Greifen nahe – Long Beach: von der hölzernen Strandpromenade aus erstreckte sich ein etwa fünfzig Meter breites Band feinkörnigen, weißen Sandes bis zum Meer. Auf der Promenade begegneten wir tätowierten Bodybuildern, deren Körper unglaublich massig und zugleich so hart waren, dass es schon an Wahnsinn grenzt. Sie waren sonnengebräunt, wie ich es noch nie zuvor gesehen habe: wie schwarz angelaufenes Kupfer. Eine kleine zähe Frau um die sechzig, die zerknitterte Haut braun wie Milchschokolade, kam uns auf einer silbernen Beinprothese entgegengejoggt. Unter ihren grauen, wie Stacheln auffrisierten Haaren warf sie mir einen herausfordernden Blick zu – ich hatte ihre Beinprothese wie hynotisiert angestarrt.

Von der Promenade zum Strand waren es noch einmal drei, vier Meter. Man musste nur die Stufen einer Treppe hinabsteigen und schon lief man durch weichen, warmen Sand. Das war leichter gesagt als getan, denn vor dem Zugang zur Treppe stand eine Art Maut-Häuschen und darin thronte eine dicke Frau wie ein Zerberus und kassierte Eintritt. Eintritt für den Strand? Zwölf Dollar waren pro Person zu entrichten. Ich fragte, ob es denn irgendwo einen freien Strand gäbe und sie antwortete mir gleichgültig, ich müsste nur sechs Meilen die Küste hochfahren. Nachdem wir eine Ewigkeit gebraucht hatten, um überhaupt hierher zu gelangen, wollte ich jetzt nicht schon wieder ins Auto steigen. Wir zahlten also die zwölf Dollar. Mein Sohn ging einfach so durch, weil ich log, er sei erst zwölf Jahre alt. Als wir außer Hörweite waren, meinte er: „Die hat ja einen Bart.“

Am Strand selbst erlebten wir die nächste Überraschung: Die Lifeguard machte uns darauf aufmerksam, dass das Baden nur zwischen den grünen Fahnen gestattet sei. Der Strand zog sich unendlich weit hin, aber Badestellen gab es nur ca. alle zweihundert Meter, und der Abstand zwischen den Fähnchen betrug nicht mehr als zwanzig, dreißig Meter. Alles andere, sagte uns die Strandaufsicht, sei Surfer-Beach. Wir sahen keinen einzigen echten Surfer, nur ein paar Möchtegerns, die nicht mal dann auf dem Brett zu stehen vermocht hätten, wenn es auf dem Sand gelegen hätte. Einmal verließen wir beim Baden versehentlich den eingegrenzten Bereich um einige Meter, doch sogleich war der Aufpasser zur Stelle und forderte uns freundlich, aber bestimmt auf, in den zum Baden bestimmten Bereich zurückzukehren. Er war so dünn und nervte uns so sehr, dass wir beschlossen, ihn gleich an Ort und Stelle zu ertränken und seinen Körper dem Meer zu überlassen. Wenn uns die Polizei befragte, würden wir einfach sagen, er wollte schwimmen gehen.

Das Meer und der Strand waren überwältigend, einfach herrlich! Die 24 Dollar Standtaxe taten uns kein bisschen leid. Wir warfen uns in die Brandungswellen bis uns ganz schwindelig war und es in unseren Ohren nur noch rauschte. Man glaubt gar nicht, welche Kraft das Meer hat. Weit draußen sahen wir blasse Silhouetten an der Horizontlinie entlangschwimmen – Schiffe mit Fracht aus aller Welt, die den Hafen von New York anlaufen.

Ich hätte den ganzen Tag am Strand verbringen können, aber irgendwann haben einen Meer und Sonne so ermattet, dass man nur noch nach Hause will. Wir verließen Long Beach erschöpft und glücklich und ein wenig gebräunter als zuvor (so braun wie die Bodybuilder würde ich im Leben nicht mehr werden). Auf dem Heimweg versprachen wir uns, sollte uns das Schicksal noch einmal hierher führen, würden wir zum öffentlichen Strand gehen, dorthin, wo man keinen Eintritt zahlen muss. Aber das Geld konnten wir getrost verschmerzen, denn dieser Tag war jeden einzelnen Cent wert.