Einsame Ladies und sonderbare Gestalten

Auf der Fahrt nach Montecristi hatten wir eine jener sonderbaren Begegnungen, wie man sie nur auf den Landstraßen Ecuadors haben kann: Die Straße führte durch eine einsame Landschaft. Man sah weder Häuser noch Menschen. Wahrscheinlich versteckten sich die wenigen Bewohner der Gegend vor der sengenden Sonne, die an diesem Tag mit erbarmungsloser Gewalt auf die tropische Landschaft niederbrannte. Das Land schien wie im Hitzeschock erstarrt und nur auf der Straße, der einzigen Lebensader in dieser Einöde, gab es Bewegung. Doch nur selten begegnete man anderen Reisenden – offenbar mied man die Hitze. Es war zwar erst Vormittag, doch ein zorniger Himmel sandte seine Strahlen zur Erde hinab, als wollte er die Menschheit verdorren lassen. Ich saß im kühlen Innern des Wagens in der sicheren Gewissheit, dass ich meinen Platz hinter dem Steuer an diesem Tag nicht würde verlassen müssen. Die Klimaanlage lief derweil auf Hochtouren.

In der flimmernden Hitze tauchte plötzlich ein einsamer Wanderer am Straßenrand auf. Als ich näher kam, sah ich, dass es eine Frau von etwa sechzig war, die hurtig wie ein Paradesoldat über den glühenden Asphalt marschierte. Sie trug ein Tanktop, khakifarbene Shorts und ihre Füße steckten in robusten Wanderstiefeln. Am Hals baumelte eine teure Kamera mit massivem Teleobjektiv. Rücken, Schultern und Gesicht waren gerötet, als wären sie im Abgasstrahl eines startenden Düsenjets geröstet worden.

Ich weiß nicht, was manche Gringos glauben, wo sie eigentlich sind. Der kriminelle Abschaum hierzulande macht nämlich nur selten einen Unterschied zwischen arglosen Naturfotografen und reichen Urlaubern. Und wer mit einer teuren Kamera durch eine gottverlassene Gegend stolziert, als handelte es sich um den Broadway, fordert das Gesindel ja geradezu heraus. Genauso gut könnte man einer hungrigen Hundemeute mit einem Beefjerky vor der Nase herumfuchteln; man muss sich dann nur nicht wundern, wenn man gebissen wird. Ich hoffe, die Lady blieb von unangenehmen Begegnungen verschont und erreichte irgendeinen Außenposten der Zivilisation, bevor die Sonne sie zu Beefjerky dörrte.

Da gerade die Rede von merkwürdigen Begegnungen ist, muss ich eine Begebenheit noch unbedingt erwähnen: Angelegentlich einer unserer länger zurückliegenden Reisen fuhren wir von Quito nach Bahía. Nicht weit westlich von Quito führt die Route über die Kordillere und die Straße schraubt sich in schier endlosen Serpentinen durch Steigungen und Gefälle. In den Bergen leben kaum Menschen und nur alle paar Dutzend Kilometer fährt man durch Dörfer, die in Tälern zwischen Felsmassiven eingeklemmt sind. Auf dem weitaus größten Teil der Strecke sieht man bloß von dichtem Grün überzogene Berge oder tiefe Täler, durch die Wildwasserbäche rauschen. Die Straße folgt den Flüssen und so hat man die Wahl zwischen einer Felswand auf einer Seite der Straße und einer Schlucht auf der anderen Seite. Da bleibt man am besten immer schön auf dem Asphalt.

Wir fuhren gerade mitten durch die Berge, auf dem einsamsten Teil der Strecke zwischen Quito und Santo Domingo. Weit und breit gab es keine menschliche Ansiedlung und wäre man irgendwo abseits der Straße gestrandet, hätte man wahrscheinlich Tage gebraucht, um wieder in die Zivilisation zurückzufinden. Es regnete in Strömen. Die Scheibenwischer peitschten hektisch über die Frontscheibe und dennoch konnte man allenfalls Umrisse erkennen. Was für ein scheußliches Wetter! Man hätte keinen Hund vor die Tür jagen wollen. Titan, unser vierbeiniger Hausgenosse, fiepste nur immerzu mitleidig – wahrscheinlich erriet er meine finstersten Gedanken.

Ich tastete mich langsam durch den dichten Regen, als ich plötzlich eine Gestalt am rechten Straßenrand stehen sah. Als ich nahe genug war, erkannte ich, dass es ein Mann mit Hut war und er trug einen Anzug, als wäre er zu einer Geschäftsbesprechung verabredet: schwarzes, frisch gebügeltes Sakko, die Hose mit scharfen Bügelfalten, weißes Hemd, akkurat gebundene Krawatte, auf Hochglanz polierte Schuhe und natürlich der Hut. Er stand einsam im strömenden Regen und schaute mir direkt in die Augen.

Es gab im Umkreis von mehreren Dutzend Kilometern absolut nichts, wofür es notwendig gewesen wäre, einen Anzug zu tragen (in dieser Gegend hätten ausnahmsweise einmal Cargohose, Wanderstiefel und Buschmesser gepasst). Die Begegnung wirkte so unwirklich wie eine surreale Szene in einem David-Lynch-Film. Als ich das Erlebnis später mit den anderen teilte, beteuerten sie aber nur, sie hätten nichts bemerkt. Doch der Mann stand direkt am Straßenrand und ich fuhr auf Armeslänge an ihm vorbei, und da ich wegen des Regens nur langsam vorankam, konnte ich ihn ganz deutlich sehen. Vielleicht war er zu einem Geschäftstermin eingeladen und er wartete auf seine Partner. Um welche Art Business es sich handeln könnte, das in dieser Einöde Erfolg verspräche, bleibt allerdings rätselhaft. Merkwürdige Dinge geschehen in den Bergen …

[…]

P.S. Als meine Frau die Geschichte las, bezweifelte sie keineswegs, dass ich tatsächlich jemanden im Regen hatte stehen sehen, obwohl sie selbst sich nicht daran erinnern konnte, jemanden gesehen zu haben. Sie versuchte mir auch nicht weiszumachen, dass ich mich getäuscht hätte oder dass meine Beobachtung bloß eine Halluzination gewesen sei, die von einer Überdosis Erdnussschokolade verursacht worden wäre. Ohne mit der Wimper zu zucken, erklärte sie, dies sei ein Fantasma gewesen, ein Gespenst oder ein Geist. Sie schloss jede andere Erklärung kategorisch aus, denn was ich beobachtet hatte, sei zu absurd, als dass man es anders würde deuten können.

In der Tat, wenn man im Ausschlussverfahren all jene Ursachen eliminiert, die logisch nicht in Frage kommen können, muss zwangsläufig wahr sein, was am Ende übrigbleibt, auch wenn es vollkommen absurd erscheint. Dass der Mann zu einer Geschäftssitzung eingeladen war, wird man wohl aus naheliegenden Gründen ausschließen dürfen. Und sehr viel mehr andere Deutungen, die nicht ins Komische abrutschen, lässt die Situation kaum zu. Für viele Ecuadorianer wäre eine übernatürliche Erklärung ohnehin plausibler.

Aber wenn der Mann wirklich ein Geist war – um einmal die Logik ins Spiel zu bringen –, frage ich mich, warum er sich ausgerechnet diese (Achtung, Kalauer!) todlangweilige Gegend ausgesucht hatte, um herumzuspuken, noch dazu an einem Tag, an dem es ohne Unterlass regnete. Wäre ich ein Geist, würde ich viel lieber die Villen mit den Swimmingpools heimsuchen oder die schönen tropischen Strände, ja, selbst noch die Shopping-Malls. Tagein, tagaus an so einer zügigen Autopista zu stehen, muss wirklich kein Vergnügen sein – kein Wunder, dass die Toten im Film immer so schlecht gelaunt sind.

[…]

P.P.S. Mein Sohn konnte sich plötzlich wieder erinnern, den Mann ebenfalls gesehen zu haben, obwohl er zuerst das Gegenteil behauptet hatte. Es soll ja schon vorgekommen sein, dass mehrere Personen Zeugen derselben Erscheinung wurden. Aber das würde dann wirklich die Grenzen der Logik sprengen.

Manta: Breakfast of Champions

Die Nacht zum 30. Dezember verbringen wir wieder im Haus von Maria Vicenta. Im Haus gibt es keinen Hund und die Kinder sind ganz vernarrt in Titan, unseren vierbeinigen Hausgenossen: Sie tragen ihn durch die Gegend, als hätte er nicht sogar vier gesunde Beine, auf denen er aus eigener Kraft laufen könnte, knuddeln ihn wie ein Plüschtier und herzen seine Schlappohren, dass man fürchtet, sie könnten abreißen. Aber der Hund lässt alle Liebesfoltern stoisch über sich ergehen und fast scheint es, als genieße er auch noch die ungewohnte Aufmerksamkeit, die man ihm entgegenbringt. Ich liege derweil im Bett, betäubt von Sonne und Wellen, und schaue mir „Ronin“ mit Robert De Niro an.

Am nächsten Tag, dem vorletzten des Jahres, wollen wir wieder zurück nach Bahía, um den Jahreswechsel mit der Familie zu feiern. Doch wir möchten Manta nicht verlassen, ohne vorher einen weiteren seiner spektakulären Strände besucht zu haben. Es ist früh am Morgen und wir haben Hunger, sogar gewaltigen Hunger, und deshalb beschließen wir einstimmig, uns unverzüglich mit einem opulenten Frühstück zu stärken. Unsere Gastgeberin empfiehlt das „Dulce y Cremoso“. Wir fahren eine kurze Strecke durch die Stadt, Maria Vicenta zeigt uns den Weg, und natürlich haben wir sie an diesem Morgen eingeladen, mit uns zusammen zu frühstücken.

Das „Dulce y Cremoso“ (also „Süß & Cremig“) ist eigentlich nur eine Filiale in einer größeren Kette, wie man sie vielerorts in Ecuador finden kann. Ihren Dependancen begegnet man vor allem in den Foodcourts der Shopping-Malls, doch dort unterscheiden sie sich nicht sehr von den Niederlassungen der typischen Coffeeshops, angefangen bei „Starbucks“ über „Juan Valdez“ (der Schnauzbart mit dem Esel) bis hin zu „Sweet and Coffee“ (Mein Sohn machte mich eines Tages alles andere als arglos darauf aufmerksam, dass das Logo dem nicht ganz unvoreingenommenen Betrachter wie etwas erscheinen muss, das man gemeinhin als Endprodukt eines erfolgreichen Verdauungsvorgangs ansieht. Es könnten natürlich auch andere Interpretationen denkbar sein, aber diese ist viel zu lustig, um sie je wieder zu vergessen).

Serviert wird bei „Dulce y Cremoso“ natürlich Kaffee, aber anders als bei den Konkurrenten, den Coffeeshops, steht das Getränk nicht im Mittelpunkt. Der Kaffee ist vielmehr bloß Begleiter zu allem, was gut zu Kaffee passt. Das Angebotsspektrum reicht von Crêpes, Waffeln, Kuchen über Sandwiches und Salate bis hin zu regelrechten Mittagsgerichten, wie man sie auch in einem Restaurant finden würde.

In den Foodcourts der Malls kann man sich aufgrund der räumlichen Nähe zu McDonalds, KFC und Co nie ganz des Eindrucks erwehren, auch das „Dulce y Cremoso“ offeriere seinen Gästen bloß Fastfood, doch hier in Manta lassen wir uns gern eines Besseren belehren: Das Lokal macht uns ganz den Eindruck eines Bistros der gehobenen Preisklasse. Ein aufmerksamer Kellner bietet uns gleich einen Platz auf der weiträumigen Terrasse an, aber obwohl die Sonne gerade erst über die Dächer der Häuser emporgestiegen ist, sprengen die Temperaturen bereits die Grenze des Erträglichen. Selbst unter den Sonnenschirmen würde man förmlich zerfließen. Wir suchen uns daher Plätze im Gästeraum, der so gemütlich wirkt wie das Frühstückszimmer eines mondänen Kurhotels. Die Klimaanlage läuft auf vollen Touren und die Gäste genießen sichtlich die wohltuende Kühle.

In Berlin tendierte ich dazu, Klimaanlagen für das beste Mittel zu halten, um den Planeten innerhalb kürzester Zeit zu ruinieren, aber seit ich in den Tropen lebe, weiß ich, dass so eine Klimaanlage eine Erlösung sein kann, vor allem, wenn man zu schlafen versucht, aber sich stattdessen bis zum Morgengrauen nur in Alpträumen und dem eigenen Schweiß wälzt (diese Erfahrung hat natürlich meine Meinung im Hinblick auf die teuflischen Klimaanlagen nicht grundsätzlich geändert). Vielleicht sagt man den Leuten an der Küste nicht zu Unrecht eine gewisse Affinität zu abendlicher Umtriebigkeit und nächtlichen Partys nach – niemandem würde einfallen, sich bei dieser Hitze ins Bett zu legen, und irgendwie muss man die Nächte ja herumkriegen. Umweltschutz hin oder her, für die Leute hierzulande, vor allem für jene kleine Minderheit, die sich diesen Luxus leisten kann, bedeuten große Autos und tiefgekühlte Wohnungen einfach Lebensqualität. Ich würde natürlich nicht so weit gehen, die Höhe der Lebensqualität in ein reziprokes Verhältnis zur Temperatur zu setzen.

Während wir auf das Frühstück warten, vertreiben sich meine Frau und Maria Vicenta die Zeit mit einem Gespräch unter Freundinnen. Es hat den Anschein, als würden sie gar nicht bemerken, dass mein Sohn und ich mit am Tisch sitzen, aber ich bin nicht unglücklich über diese Vernachlässigung. Frauen haben ja immer etwas zu bereden und das ist auch gut so, denn andernfalls könnten sie ihre Aufmerksamkeit anderen, weit weniger erquicklichen Dingen zuwenden, ernsten Aussprachen etwa oder irgendeiner nervigen Aufgabe, bei der dringend Hilfe erbeten wird, obwohl man doch auch gut allein zurande käme. Aber man hilft ja doch immer wieder gern. Dazu ist man schließlich da.

Am Nebentisch hat sich eine geschwätzige Runde von sehr jungen und nicht mehr ganz so jungen Mädchen breitgemacht. Es mögen Studentinnen sein, die etwas zu feiern haben und sei es nur das Leben. Die Älteste am Tisch ist vielleicht die Mutter einer der Mädchen. Sie schwatzen ununterbrochen, lachen und sind so guter Laune, dass man gar nicht anders kann, als sich mit ihnen zu freuen. Irgendwann bestellt eine von ihnen einen Breadpudding. Das Dessert hat die Ausmaße einer umgestürzten Waschschüssel und eine Sahnehaube thront auf der Spitze wie die Aschewolke über einem explodierenden Stratovulkan. Die Mädels löffeln zögerlich ihren Teil von den Hängen dieses Berges, doch das meiste bleibt unberührt. Am Ende erbarmt sich ausgerechnet die mit Abstand Dünnste in der Runde und isst den Rest des Puddings, der immer mehr an die ausgehöhlten Bergruine in Potosí erinnert. Ich weiß nicht, wo sie all die Kalorien lässt – man könnte ihre Rippen zählen –, aber wahrscheinlich gehört sie zu der Art Frauen, die ihren Salat verzehrenden Freundinnen mit Unschuldsmiene sagen kann: Ich kann essen, was ich will, aber ich nehme einfach nicht zu!

Am Tisch auf der anderen Seite haben eine üppige Wasserstoffblondine und ihr schnauzbärtiger Begleiter Platz genommen. Sie schäkern miteinander wie frisch Verliebte, dabei sind sie doch dem Teenager-Alter seit mindestens zwei Jahrzehnten entwachsen, doch der Blondine scheint dies noch nicht aufgefallen zu sein. Nicht weit von ihnen entfernt sitzt eine vierköpfige Familie in Urlaubsstimmung. Die Gesichter der Eltern und auch der Kinder strahlen in allen Schattierungen von Rot, von einem blassen Pink bis hin zu der wirklich besorgniserregenden Farbe gegrillter Langostinos. Offenbar ist man gerade dabei, sich an die heiße Sonne zu gewöhnen, die mit nie nachlassender Kraft auf die Stadt am Pazifik niederbrennt.

Der Kellner kann sich an diesem vorletzten Tag des Jahres jedenfalls nicht darüber beschweren, dass es ihm an Arbeit mangelte. Die Bestellungen gehen im Minutentakt ein und der Ärmste muss sich so sehr beeilen, dass ihm trotz Klimaanlage schon die Schweißperlen auf der Stirn stehen. Dann kommt unser Frühstück und das Warten hat sich am Ende doch noch gelohnt. Unsere erste Mahlzeit des Tages macht der alten Ernährungsweisheit, wonach man Morgens wie ein König, Mittags wie ein Edelmann und Abends wie ein Bettler essen soll, alle Ehre. In der Tat würde man nach solch einem Frühstück selbst einen Tag als Vorarbeiter im Bergwerk mit Leichtigkeit überstehen.

Als Aficionado alles Süßen und Fettigen bestelle ich mir gleich zwei Stück Cheese-cake mit Manjar. Manjar ist die feste Variante von Dulce de leche, eines karamellartigen süßen Sirups, der aus eingedickter Milch und viel Zucker hergestellt wird. Dulce de leche bedeutet dem Lateinamerikaner ungefähr dasselbe wie dem Berliner das Pflaumenmus im Pfannkuchen (ich meine damit natürlich die Art Schmalzgebäck, die überall Berliner heißt, nur eben nicht in Berlin). Viele Desserts sind ohne Manjar bzw. Dulce de leche einfach nicht vorstellbar und der Sirup schmeckt zu fast allem, was süß ist.

Die geschmeidige Creme aus Doppelrahmfrischkäse und reichlich Sahne liegt mächtig wie eine Endmoräne über einer dünnen Schicht aus karamellfarbenem Manjar. Der Kuchen gleitet über meine Zunge als wäre jeder Bissen ein Stück Glückseligkeit. Allein ein Stück ist schon so gehaltvoll wie eine tödliche Dosis Pommes mit extra Majo, aber da am Vortag das Abendbrot ausfiel, finde ich nichts dabei, mir gleich die doppelte Menge einzuverleiben. Mit dem Energieäquivalent könnte man mit Leichtigkeit sportliche Höchstleistungen in solchen Disziplinen wie Langstreckenrudern oder Triathlon vollbringen – wenn man nur nicht so träge würde. Aber die unfassbare Menge an Fettkalorien und eine lebensbedrohliche Dosis Zucker wirken lähmend wie das Blasrohrgift der Amazonasindianer. Ich kann mich kaum noch bewegen und würde mich am liebsten gleich hinlegen. Um die allzu oft beschworenen negativen Folgen der unmäßigen Aufnahme von Fett zu mildern, habe ich mir zuvor noch eine große Schale Früchte (Papaya, Mango, Apfel, Banane) mit Joghurt gegönnt. Ein Café con leche, die ecuadorianische Variante des Milchkaffees, lässt die Ballaststoffe besser rutschen.

Auch die anderen am Tisch sind keine Kostverächter und bestellen, was immer ihnen ihr knurrender Magen befiehlt: Meine Frau möchte sich als Patriotin erweisen und ordert mutig das Desayuno manabita, das Frühstück nach der Art, wie sie in Manabí (einer der Küstenprovinzen Ecuadors) üblich ist. Die Montuvios, die Landbewohner der Küstenzone, mussten früher hart für ihren Lebensunterhalt schuften, und damit man so einen Tag auf den Feldern von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang übersteht, bedurfte es einer ordentlichen Grundlage: Das typische Frühstück besteht aus einem Bolón de platano, also einem Kloß aus grünen Kochbananen, sowie einer Fleischbeilage, die an ein deftiges Chili erinnert. Zur Auswahl stehen Rindfleisch oder Leber. Letzteres ist, vor allem am Morgen, wohl nur etwas für ganz Hartgesottene, echte Montuvios eben. Die Zeit in Berlin hat meine Frau aber zu sehr an Latte macchiato und Carrot-cake gewöhnt, und so verschmäht sie die Leber und hält sich stattdessen lieber an das Rindfleisch. Sie nimmt auch keinen Platano, sondern den süßen Maduro (das ist die reife Kochbanane). Der Bolón de maduro ist groß wie eine Kanonenkugel und beinahe auch so schwer, und die stärkehaltige Kochbanane hält die hart arbeitende Landfrau dann auch lange Zeit satt.

Ihre Freundin Maria Vicenta, die wie meine Frau von der Küste stammt, bestellt dasselbe, allerdings nimmt sie den Bolón de platano, der die Süße der reifen Kochbanane vermissen lässt. Ich muss zugeben, der Bolón de maduro con carne sieht wirklich lecker aus und schmeckt auch so, nämlich lecker. Fast bedauere ich, den Cheese-cake genommen zu haben. Und Sohnemann? Da so einen hungrigen Heranwachsenden ein bisschen Obst mit Joghurt nicht zu sättigen vermag, bestellt sich unser Sohn eine große Portion Waffeln: Ein Sahnehäubchen krönt die Kalorienbombe, die wie eine arktische Treibeisscholle auf einem Meer von Sirup schwimmt.

Als ich so aus dem Fenster schaue, fällt mir auf, dass wir uns offenbar genau an der Grenze zweier Stadtteile befinden, die zugleich zwei ganz verschiedene Welten zu repräsentieren scheinen. Das Gebäude, welches das Restaurant beherbergt, in dem wir gerade gemütlich sitzen und uns das Frühstück schmecken lassen, ist das letzte Haus im Block und steht genau an einer Straßenkreuzung. Die Gebäude diesseits der Kreuzung sind überwiegend neu oder befinden sich in einem ansehnlichen Zustand. Aber auf der anderen Seite der Straße, nur wenige Schritte entfernt, erscheinen die Häuser mit viel weniger Aufwand errichtet und sie sind auch viel billiger gebaut, wie man unschwer an den verwendeten Baumaterialien erkennen kann, denn statt Ziegel oder Beton hat man nicht selten Bambus und Palmstroh verwendet, die traditionellen Baustoffe der Küstenprovinzen. Die Gegend jenseits der Straße, die eine Art Wasserscheide des Besitzstandes zu markieren scheint, wirkt auch deutlich verwahrloster, als fehlte es am Geld, um die dringend notwendigen Instandsetzungen vornehmen zu lassen. Ich frage mich, wie dieser extreme Gegensatz auf so engem Raum zustande kommt, aber Maria Vicenta, die das „Dulce y Cremoso“ nicht zum ersten Mal besucht, ist dieser Unterschied noch gar nicht aufgefallen. Die Einheimischen sind an krasse Gegensätze dieser Art natürlich von Kindheit an gewöhnt. Die Augen des Fremden sehen aber anders.

Wir haben gespeist wie die Könige, aber am Ende hat uns der Spaß nicht mehr als dreißig Dollar gekostet, was wirklich eine angenehme Überraschung bedeutet angesichts des in Cumbayá üblichen Preisniveaus, das selbst noch dasjenige in Berlin in den Schatten stellt, obwohl doch die Spreemetropole als Weltstadt gelten möchte und Cumbayá nur ein Flecken auf der Landkarte ist. Apropos Cumbayá: Maria Vicenta stammt zwar von der Küste, aber sie kennt die Stadt, denn sie hat dort einige Zeit gelebt. Mit einem nur allzu deutlichen Ausdruck des Widerwillens gibt sie uns zu verstehen, dass Cumbayá einer der langweiligsten Orte sei, die sie kenne. Ich will ihr nicht widersprechen. Sie sagt, man möchte sich am liebsten die Kugel geben und sie unterstreicht den Ernst ihrer Aussage, indem sie sich den Zeigefinger an die Schläfe setzt. Ja, dieses Gefühl hat man manchmal.

Cumbayá ist ruhig, ja regelrecht öde, eigentlich todsterbenslangweilig, aber die von Kriminalität arg gebeutelten Einheimischen – und insbesondere die Angehörigen der Oberschicht – sehnen sich nach Ruhe, Frieden und Sicherheit. Cumbayá wird diesen Ansprüchen in vielerlei Hinsicht gerecht. Man will die Annehmlichkeiten des hart erkämpften Wohlstandes genießen, ohne ständig die irritierende Gegenwart von Leuten ertragen zu müssen, mit denen es das Schicksal weit weniger gut gemeint hat. Oft befinden sich daher die Wohnanlagen der Gutbetuchten alle in derselben Gegend, und die Konzentration von Edel-Urbanisationen an den vitalen Punkten der Stadt ist einem wuchernden Metastasen-Cluster an einer Gehirnarterie nicht unähnlich. Wenn einen der Zufall einmal in diese Gegenden verschlägt – einen Grund, dorthin zu fahren, hat man in der Regel nicht, es sei denn, man wohnt dort –, begreift man sofort, was Paranoia wirklich bedeutet. Kaum je hat man den Eindruck, man fahre an einer Wohnanlage vorbei, denn Mauern, Stacheldraht und Wächter versprühen mehr den Charme einer Hochsicherheitsanlage für geisteskranke Schwerstkriminelle.