Abstieg in neue Welten

Ganz wie ein richtiger Astronaut, verlasse ich den Mars nicht, ohne vorher ein paar Gesteinsproben eingesammelt zu haben. Die geologische Fracht verstaue ich stilecht im Rucksack. Dann wende ich mich endgültig der Welt der Erdenbewohner zu. Für den Abstieg wähle ich eine andere Route: Es ist ein staubiger Bergrücken, der parallel zum Weg meines Aufstiegs verläuft. Hier ist man allein, denn der bunte Strom der Anoraks bewegt sich ein-, zweihundert Meter weiter zur Linken den Berg hinauf.

Ich lasse die Laguna und die Whymper-Hütte hinter mir. Das Refugium mit den blitzenden Sonnenkollektoren liegt zwischen den Schenkeln der Schuttberge gleich einem Habitat am Grunde eines gefrorenen Mars-Canyons. Weiter unten sieht man die Carrel-Hütte als winzigen roten Würfel. Wie ein Leuchtfeuer der Wärme und Geborgenheit steht die menschliche Behausung in der majestätisch kargen Landschaft.

Zum Parkplatz ist es recht weit und der Weg, der dorthin führt, balanciert auf dem Grat eines steilen Höhenrückens entlang. Starkes Gefälle macht zügiges Ausschreiten unmöglich. Der Schotter ist so locker, dass man schon bei der geringsten Unachtsamkeit ins Rutschen kommt. Man könnte sich in einen Wok setzen und den Berg hinunterrasen und man würde sämtliche Geschwindigkeitsrekorde brechen. Ich wundere mich, dass noch niemand auf die Idee gekommen ist.

Zweimal verliere ich den Halt und bevor ich mich versehe, liege ich im Staub und ich rutsche auch gleich noch ein paar Meter den Hang hinunter. Der einzige andere Mensch, dem ich hier begegne und den ich ausgerechnet im Augenblick meiner Beschämung treffen muss, fragt, ob ich wohlauf sei. Es gehe mir gut, lasse ich ihn wissen, aber als sei ich der Buffo am Berg, liege ich schon in der nächsten Sekunde wieder auf dem Rücken. Es zieht mir förmlich die Beine weg und kommt man erst einmal ins Rutschen, kann man das Unglück nicht mehr aufhalten. Ich sehe nun aus, als hätte ich mich nach allen Regeln der Kunst in der roten Erde gesuhlt. Der feine Staub hängt an mir wie der Puderzucker am Weihnachtsstollen.

Als ich schließlich an der Carrel-Hütte ankomme, schmerzt mir der Ellenbogen. Das unangenehme Stechen sollte mir auch noch während der nächsten Monate erhalten bleiben. Richtig weh tut es aber nur beim Gewichtestemmen. Ich schließe daraus, dass es nichts Ernstes sein kann, doch der Schmerz ist mir eine stete Erinnerung an unser Abenteuer unter dem eisigen Thron Gottes.

Das Dramolett, in das ich anlässlich meiner Rückkehr in die Zivilisation geraten bin, ist nichts im Vergleich zu dem Drama epischen Ausmaßes, das sich während meiner Abwesenheit auf dem Parkplatz abgespielt hat: Hatte die eine Hälfte der Seilschaft beschlossen, dem Pfad des Abenteuers hinauf ins ewige Eis zu folgen, beschied sich die andere Hälfte mit Warten. Viele Bergtouristen bleiben in der Nähe des Parkplatzes und genießen von hier den Ausblick in die malerisch öde Landschaft. Sie müssen auch so schon gegen Atemnot kämpfen, der Aufstieg wäre eine einzige Tortur.

Als ich verfroren und ziemlich derangiert beim Auto eintreffe, empfängt man mich mit der durchaus vorwurfsvollen Feststellung, man habe volle drei Stunden warten müssen. Drei Stunden? Die Zeit ist wie im Fluge vergangen, aber wahrscheinlich hat die dünne Luft ein Delirium mit anschließender Amnesie bei mir ausgelöst. Ich habe wirklich den Eindruck, ich sei nur einen Augenblick fort gewesen, so viele Eindrücke sind in so kurzer Zeit auf mich eingestürmt.

Auf dem Parkplatz wurde es dennoch nicht langweilig, denn spannende Unterhaltung war auch hier garantiert: Francisco hatte uns den Wagen mit nur einem Schlüssel ausgehändigt und damit uns die Zentralverriegelung nicht eines Tages aussperrte, war als erstes Gebot beschlossen worden, dass derjenige, der fährt, auch für den Schlüssel verantwortlich sei. Die Fahrt hinauf zum Vulkan hatte unser Nervenkostüm arg strapaziert und nur so lässt sich erklären, wie es zu der Konfusion kommen konnte, die wieder einmal in dem unanfechtbaren Beweis mündete, dass Murphys Gesetz eine ebenso unumstößliche Naturkonstante ist wie die Lichtgeschwindigkeit: Die Türen schnappten zu und der Schlüssel steckte ordnungsgemäß an seinem Platz im Zündschloss.

In Deutschland hätte sich das Malheur zur wahren Tragödie ausgewachsen (und wahrscheinlich zum finanziellen Melodram), doch in Ecuador sind die Leute praktisch veranlagt und für alle Lebenslagen gibt es einen Kunstgriff. Meine Frau traf gerade noch rechtzeitig auf dem Parkplatz ein, um den schlimmsten Ausbruch der Verzweiflung abzuwenden – man wog bereits den Stein, mit dem man zur Tat zu schreiten gedachte (vulkanisches Ergussgestein, das so aussah wie die Proben, die ich im Rucksack trug).

Es dauerte nicht lange und man hatte jemanden ausfindig gemacht, der sich erbot, die Tür zu öffnen: Dazu war lediglich ein Stück Draht nötig. Mit Geschick war das Werk in wenigen Sekunden vollbracht. Ich frage mich bis heute, warum man unser Auto nicht andauernd knackte. Wie man einen Wagen gegen seinen Willen öffnet, scheint hierzulande Allgemeinwissen zu sein. Doch bekanntlich ist Wissen blind gegen den Zweck, dem es dient, und es hilft dem Bösen wie dem Guten stets mit derselben Gleichgültigkeit.

Wir nehmen Abschied vom Chimborazo mit dem Gefühl, einen Triumph errungen zu haben, denn allen Widrigkeiten zum Trotz haben wir unser Ziel erreicht und mit den besten Erwartungen setzen wir unsere Reise fort: Wir schlagen einen weiten Bogen zurück zur Panamericana, auf die wir in Ambato treffen. Doch wir verweilen nicht. Schon nach kurzer Rast geht es über die Kordillere und weiter nach Osten, hinab ins Tiefland mit seinen heißen, schwitzenden Urwäldern. Die Strecke ist so malerisch wie ein Landschaftsbild der Romantik, mit Geheimnissen, die in purpurnen Schatten lauern, und geisterhaften Nebelgebilden.

Der Sonnenuntergang reißt uns in die Nacht, die das Land, den Himmel und die Autopista in kohlschwarze Finsternis taucht. Um uns ist nichts als samtene Schwärze, in der die Rücklichter der vorausfahrenden Wagen wie Granate leuchten. Baños, die Stadt der heißen Quellen, taucht daraus auf als warmer Lichtschein aus Autokolonnen, Musik und feiernden Menschen. In der Nacht erreichen wir Puyo, das Eingangstor zum Amazonas-Tiefland. Gerade drei Stunden und viertausend Höhenmeter trennen uns nun vom Eisigen Thron Gottes, doch es fiele leichter zu glauben, wir hätten Kontinente und Ozeane überquert, um hierher zu gelangen. Puyo ist eine gänzlich andere Welt – eine neue Welt für uns. Wir sind begierig, das Amazonas-Tiefland und seine Geheimnisse zu ergründen.

Wolkenmeer und Sterne

Wir haben Riobamba noch nicht erreicht, da nähert sich der Tag mit rasender Geschwindigkeit seinem Ende. In den Tropen sind die Abende nie lang. Pünktlich um sechs Uhr oder nur wenig später verschluckt der Horizont die Sonne mit der Plötzlichkeit einer Katastrophe. Fast schlagartig wird es dunkel – keine lange Dämmerung, keine Stunde des Zwielichts. Der Sonnenuntergang vollzieht sich wie im Zeitraffer und dann bricht mit einem Mal die Nacht herein. Aber schon zwölf Stunden später, und zwar pünktlich um sechs Uhr Morgens, erscheint die Sonne ebenso plötzlich wie sie verschwunden ist – als hätte jemand den großen Schalter betätigt, um mal eben das Licht zu löschen.

In den Tälern hängen die Wolken wie über einer verzauberten Märchenlandschaft. Zwischen den Bergketten wogt ein apfelblütenweißer Ozean, die Bewegung erstarrt in wilder Pose. Die Wolken liegen über dem Tal wie eine Decke aus Zuckerwatte. Die Sonne hängt als gleißende Fackel am Himmel, nur eine Handbreit davon entfernt, den Weltenbrand zu entfachen. Das Vlies aus Wolken ist undurchdringlich wie dicker Filz und der Betrachter vermag der verborgenen Welt darunter nicht das kleinste ihrer Geheimnisse zu entreißen.

Wir stehen vor diesem Naturwunder mit angehaltenem Atem, staunend, genießen das Schauspiel und machen Fotos. Obwohl die Panamericana eine vielbefahrene Route ist, sind wir allein. Hierzulande würde sich niemand die Mühe machen, irgendwo zu halten, etwa um Zeuge eines traumhaften Sonnenuntergangs zu werden. Die Leute begeben sich auf Reisen mit dem ausschließlichen Wunsch, ihr Ziel möglichst schnell zu erreichen. Niemand reist um des Reisens willen und außerdem gibt es noch so viele Sonnenuntergänge.

Kurz vor Riobamba lässt uns Google-Maps, unser treuer Führer in allen Lebenslagen, im Stich. Die Internetverbindung ist so schwach, dass sich kaum einmal eine Seite vollständig aufbaut, und alle paar Minuten landen wir in einem Funkloch. Wie üblich hat man wieder einmal die Ausschilderung „vergessen“ und so ist es ein Wunder, dass wir trotzdem den Weg zum Hotel finden.

Die Dunkelheit ist mittlerweile so vollständig, wie man sie in Berlin nie erleben würde: Wenn man in die Schwärze starrt, könnte man glauben, man sei plötzlich erblindet. Nur der Sternenhimmel spendet sein fahles, kaltes Licht. Das Firmament ist so dicht mit Sternen gesprenkelt, dass man meint, das ganze gewaltige Universum scheine auf einen herab. Wir würden gern halten, um uns bis in die Seele von diesem Anblick erschüttern zu lassen, aber wir finden nirgendwo einen Parkplatz. Und auf der Straße würde uns jeder Laster plattmachen wie leichtsinnige Rehkitze.

In Riobamba, einer Stadt ohne Sehenswürdigkeiten und ohne Anziehungskraft, finden wir das Hotel, in dem wir die Nacht verbringen, und ein Restaurant, in dem wir zu Abend essen. Wir freuen uns auf den nächsten Tag, an dem wir zum Chimborazo aufbrechen werden. Doch dieser Tag hat uns bis ins Innerste erschöpft. Während der Wagen auf dem hoteleigenen Parkplatz sicher vor Dieben hinter massiven Gittern verschlossen wird, liegen wir schwer vor Müdigkeit in unseren Betten, niedergestreckt von Strapazen geradezu Humboldtschen Ausmaßes. Wir träumen von Wolkentälern und einem funkelnden Kaleidoskop aus Sternen, in deren kaltem Strahlen sich ein ganzes Universum offenbart. Am nächsten Tag wird uns Humboldt in eisige Höhen führen.

Abschied vom Pazifik

Am Tag vor unserer Abreise aus Bahía fahren wir nach Manta an den Strand. Santa Marianita liegt nur wenige Kilometer westlich der großen Stadt und doch hat man den Eindruck, man sei einen halben Kontinent und einen Ozean von der nächsten größeren Ansiedlung entfernt. Der Strand ist mit dem Auto gut erreichbar, denn die nagelneue Küstenstraße – ein Teilstück von Ecuadors Küstenautobahn, der Ruta del Spondylus – verbindet Manta auf dem kürzesten Weg mit all den anderen wundervollen Orten, die sich jenseits der Stadt wie Perlen an einer Kette aufreihen.

Kurz vor Manta kommen wir durch einen Wald von Ceibos, jenen gewaltigen Bäumen, deren bauchig ausladende Stämme an Wasserschläuche erinnern. Der Baum speichert darin das kostbare Nass, das er braucht, um die langen Trockenzeiten zu überstehen. Die Gegend erinnert in der Tat an eine Wüste und außer den Ceibos und etwas Gestrüpp, das sich verzweifelt an die staubtrockene Krume krallt, sieht man so gut wie kein Leben. (Es kann allerdings vorkommen, dass man in dieser gottverlassenen Gegend echten Aliens begegnet, Reisenden von fremden Welten, die auf diesem lebensfeindlichen Planeten gestrandet sind mit nichts weiter bewaffnet als einer teuren Spiegelreflexkamera mit Teleobjektiv.)

Bei Manta empfängt uns der pazifische Ozean wie eine Offenbarung. Sonnenglanz liegt blendend hell auf dem Wasser. Die See wiegt sich im Glitzern von Abermillionen von Diamanten. Im Hafen von Manta schaukelt ein Wald von Masten sanft in den Wellen. Ich habe Lust, an Bord zu gehen. Die Magie dieses ruhigen sonnigen Ozeans lockt mich an die entferntesten Gestade. Der Parkplatz vor dem Murcielago-Beach, dem Vorzeigestrand der Stadt, ist nicht übermäßig gefüllt – seit dem Beben hat Manta, wie viele Städte an der Küste, empfindliche Einbußen im Tourismusgeschäft hinnehmen müssen.

Es hat den Anschein, in Santa Marianita würde der Strand nur auf uns warten. Man sieht eine Handvoll Badender, aber sie verlieren sich in der schier grenzenlosen Ausdehnung der Küste. Die bunten Segel der Kite-Drachen hängen am ätherisch blauen Himmel. Sie wiegen sich im Wind wie Blumen an dünnen Blütenstängeln. Immer hat man den Eindruck, man sei allein. Das Geräusch des Windes und der Klang der Wellen verschlucken die Stimmen der anderen Besucher. Doch es besteht auch keine Notwendigkeit, enger zusammenzurücken, denn der Strand scheint an diesem Tag ohnehin viel zu groß zu sein für so wenig Gäste.

Später, ermattet von Sonne und Meer wie die Quallen in den Gezeitentümpeln, versuchen wir irgendwo etwas zu essen. Die Bars in unserem Rücken sind geschlossen wie auch fast alle Restaurants. Wir müssen weit laufen, um überhaupt ein Lokal zu finden, das geöffnet hat, und dann ist das Essen ziemlich gewöhnlich, aber dafür kommen uns die Preise reichlich übertrieben vor. Vielleicht empfindet es das halbe Dutzend Gäste, das trübsinnig an den Tischen hockt, ganz genauso: Missmutig stochern die Leute in den lieblos zubereiteten Fisch- und Krabbengerichten herum. Nicht wenige erwecken ganz den Anschein, als bedauerten sie, etwas bestellt zu haben. Wir kaufen nur Wasser und eisgekühlte Fanta und begnügen uns darüber hinaus mit Keksen und Schokolade aus unserem Notvorrat.

Der Hund hetzt derweil am Strand umher, als hätte man ihn mit starken Aufputschmitteln vollgepumpt. Mit hängender Zunge jagt er am Wasser entlang. Zu versuchen, ihn wieder einzufangen, wäre aber zwecklos, denn obwohl er so klein ist, kann er rennen wie ein geölter Blitz. Irgendwann hat er genug und dann kommt er von allein zurück, glücklich hechelnd, wie mir scheinen will. Ins Wasser wagt er sich zwar nicht, aber dafür gräbt er mit großer Hingabe Löcher in den Sand. Vielleicht hat ja jemand seine Lieblingssnacks am Strand verbuddelt. So ein verrücktes Hundi!

Wir bleiben, bis die Sonne nur noch zwei Hände breit über dem Meereshorizont hängt. Wir hätten die Abendstimmung gern noch ein wenig länger genossen, aber wir müssen zurück nach Bahía. Nächtliche Fahrten auf den größtenteils unbeleuchteten Straßen sind nicht immer ein Vergnügen und ganz ungefährlich sind sie auch nicht. Wir möchten nicht in Verlegenheit geraten, Manta, die große, quirlige Hafenstadt, nach Einbruch der Dunkelheit durchqueren zu müssen, zumal sich das Korps der freiwilligen „Helfer“, das die Stadt nächstens nach hilfsbedürftigen Fremden durchstreift, seit der Erdbebenkatastrophe beträchtlich vergrößert hat.

Das herabsinkende Tagesgestirn breitet seinen Strahlenfächer über das Meer und wo das Licht den Ozean berührt, verwandelt dieser sich in geschmolzenes Silber. Unter einer dünnen erkalteten Kruste scheinen die Wolken von innen heraus zu glühen. Schiffe ziehen über den Horizont, schwimmen durch die trüben Lichtbalken, als versuchten sie, den Tag mit ihren Netzen einzufangen. Wir spüren eine große Wehmut, denn es ist der letzte Abend, den wir in Bahía verbringen sollten, und es ist unser letzter Besuch am Strand. Schon bald werden wir vom Pazifik Abschied nehmen. Es wird ein Abschied für immer sein.

Vor der Flut

Auf der Rückfahrt von Canoa führt uns der Weg am „Pelícano“ vorbei. Wir waren schon öfter zu Gast in diesem kleinen Restaurant, das seinen Gästen eine gute Auswahl lokaler Spezialitäten offeriert. Serviert wird Comida manabita, also Essen, wie es für die Küstenprovinz Manabí typisch ist. Ganz hervorragend ist der Ceviche de camarón (mit Shrimps). Ceviche ist eine Erfindung der lateinamerikanischen Küche. Das Besondere daran ist, dass die Meeresfrüchte (es gibt auch Ceviche de pescado, d.h. mit Fisch, oder Ceviche de concha, d.i. mit Muschelfleisch) nicht gekocht, sondern in Zitronensaft gegart werden. Die Zubereitungsart variiert freilich von Region zu Region, aber die Ceviches im „Pelícano“ sind mit das Beste, was man essen kann – zumindest, wenn man meiner Frau glaubt, einer ausgewiesenen Kennerin und Liebhaberin dieses Gerichts. Ich selbst mache mir leider nicht viel aus Meeresfrüchten.

Ich hatte geglaubt, es sei die Großmutter, die kocht, aber an diesem Tag bedienen uns die Enkel und von ihnen erfahren wir, dass es der Großvater ist, der in der Küche wirkt. Es scheint, je öfter man fragt, desto mehr Versionen der derselben Geschichte bekommt man zu hören, aber es ist natürlich nicht auszuschließen, dass auch die Oma hin und wieder am Herd steht. Als der Chef dann höchstpersönlich an den Tisch kommt, um sich nach dem Wohl seiner (einzigen) Gäste zu erkundigen, fragt ihn meine Frau ein wenig aus.

Wir erfahren, dass er früher bei einer der berühmten Familien Bahías als Koch angestellt war. In ihren Diensten lernte er, selbst die einfachsten Gerichte zu wahren Gaumenfreuden zu veredeln. Meine Frau kennt die Leute sogar und wie über alle prominenten Familien gäbe es auch über diese jede Menge Geschichten zu erzählen. In einer kleinen Stadt wie Bahía lassen sich Geheimnisse nur schwer verbergen, zumal die Leute nichts lange für sich behalten können.

Berühmte und vor allem vermögende Familien beschäftigen nicht selten ein ganzes Heer von Angestellten. Wer diese Art der Abhängigkeit nicht aus eigener Anschauung kennt, fühlt sich auf eine unangenehme Weise berührt, wenn er ihr als etwas begegnet, das so allgemein verbreitet und vor allem so alltäglich ist, dass niemand daran Anstoß nimmt. Solche Klientelverhältnisse wecken Erinnerungen an längst vergangene Zeiten, aber hierzulande ist das Wort „Padrón“, womit natürlich ganz wörtlich der Patron gemeint ist, noch keineswegs aus der Alltagssprache verschwunden. Eine Anstellung bei einem vermögenden Brotherrn – manchmal auf Lebenszeit – ist oft die einzige Möglichkeit, überhaupt Geld zu verdienen in Gegenden, in der es sonst keine Arbeit gibt.

Die beiden Enkelkinder, die an diesem Tag das Essen servieren, mögen zehn oder elf Jahre alt sein. Sie nehmen ihre Aufgabe mit großem Ernst wahr und stellen eine sehr „erwachsene“ Würde zur Schau. Streng genommen ist das natürlich Kinderarbeit, aber obwohl auch hierzulande die Kinderarbeit verboten ist, nimmt man es mit dem Gesetz nicht immer allzu genau. Außerdem scheinen die beiden Jungs ganz erpicht darauf zu sein, dem Großvater zu helfen, und da wir an diesem Tag die einzigen sind, die sich hierher verirrt haben, kann man auch nicht wirklich von Arbeit sprechen.

Später gibt meine Frau jedem von ihnen einen Dollar Trinkgeld. Die Kinder freuen sich darüber wie die Könige und zeigen sich gegenseitig ihre Dollars als wären es Trophäen. Sie schwelgen im Vorgefühl des Glücks, das sich einstellt, als sie sich wortreich ausmalen, was sie damit wohl alles kaufen könnten. Manchmal kostet das Glück nicht viel.

Nach dem Essen fahren wir zum Strand. Wir passieren den Verkaufsstand des Kokosmannes, der zwischen Kühltruhe und Tresen entspannt in seiner Hängematte liegt, und setzten mit Schwung über ein Sandfeld, das schon andere vor uns aufgewühlt haben. Der Wagen, den wir zur Zeit fahren, hat kleinere und schmalere Reifen als unser alter Kia und außerdem ist er erbarmungswürdig schwach motorisiert. Würde man das Auto mit einem Pferd vergleichen, wäre es eine klapperdürre Schindmähre, die zudem noch lahmt. Wir machen uns Sorgen, wir könnten steckenbleiben. Doch mit aufheulendem Motor schaffen wir es bis auf die Strandebene. Dort hat die letzte Flut den Sand zu einer betonharten Piste zusammengebacken.

Wir fahren einen halben Kilometer die Küste hinauf. Das Verhängnis nimmt seinen Lauf, als wir unseren Jungs gestatten, das Steuer zu übernehmen. Das Auto, ein Mietwagen, verfügt über eine recht wackelige Knüppelschaltung, und wer in seinem Leben noch nie mit einer Schaltung gefahren ist, lässt den Motor erst einmal ein Dutzend Mal absaufen, bevor es ihm gelingt, auch nur eine Strecke von hundert Metern zurückzulegen.

Der Strand ist an diesem Tag leer und wir fühlen uns so allein wie an der Küste eines unentdeckten Kontinents. Wir sind gekommen, um den Sonnenuntergang zu sehen – den letzten, den wir in Bahía erleben sollten. Für gewöhnlich versammelt sich bei Ebbe eine Autokarawane auf der flachen Halbinsel. Die Leute verabschieden den Tag mit einem fröhlichen Familienfest – man grillt, trinkt, lacht und hat Spaß.

An diesem Abend liegt der Himmel düster und schwer über einem bleigrauen Ozean. Es ist etwas kühler als an anderen Tagen, aber man genießt die Frische, die wenigstens für den Augenblick die Gluthitze vergessen macht. Eine stramme Brise weht warme, feuchte Seeluft in unsere Gesichter. Sie ist erfüllt von den Gerüchen des Meeres, von Salz und Tang und Wehmut. Ich sauge die Aromen tief in mich ein, damit sie meine Erinnerungen durchtränken wie ein Schwamm, denn ich weiß nicht, ob ich den Pazifik je wiedersehen werde.

Irgendwann setzen wir über ein Sandfeld, das so glatt wirkt wie der übrige Strand, und wahrscheinlich wäre auch gar nichts passiert, wenn der Wagen nicht gestoppt hätte. Bisher ist alles gut gegangen, doch dann stottert der Motor unter der unsachgemäßen Handhabung des Fahreleven. Der Wagen bäumt sich ein paarmal auf und mit einem Ruck bleibt er stehen. Wir lassen den Motor wieder an, aber die Räder stecken bereits fest und beim Versuch anzufahren, graben sie sich noch tiefer ein. Behutsam versuche ich zurückzusetzen, doch der Motor heult nur auf und das Auto schaukelt wie ein Irrer, der in eine Zwangsjacke gefesselt ist.

Die Vorderräder stecken im feuchten Sand als wären sie darin einbetoniert. Da nützen auch alle Fahrkünste nichts – wir müssen den Wagen ausgraben und hoffen, dass wir irgendwie wieder freikommen. Während also die eine Hälfte der Fahrgäste die Räder freischaufelt, sucht die andere stabile Äste und Bretter. Der Strand ist übersät mit Treibgut und so haben wir im Nu genug beisammen. Wir graben hastig und mit bloßen Händen, wie Piraten, die einen Schatz vor der anrückenden Royal Navy verstecken. Aber zur Eile besteht eigentlich kein Grund, denn die Flut würde erst in einigen Stunden einlaufen. Und dann glauben wir, dass unsere Anstrengungen weit genug gediehen sind. Voller Ungeduld wollen wir den Start versuchen.

Der Wagen ruckt kurz an, aber er schafft es nicht aus der Kuhle. Stattdessen graben sich die Reifen mitsamt Stöcken und Brettern noch tiefer in den feuchten Sand. Jetzt hat sich sogar die Karosse wie der Schild einer Planierraupe in die Erde geschoben. Ich habe das Gefühl, wir werden noch eine ganze Weile festsitzen. Langsam senkt sich die Dunkelheit herab und außer uns ist niemand am Strand. Die Küste scheint sich endlos in die Ferne zu erstrecken. Irgendwo in der Nähe des Horizonts verliert sie sich im Dunst des Meeres. Zwar sind wir in den nächsten Stunden noch sicher vor der Flut, doch mir will der weiße Streifen aus Sand schon jetzt viel schmaler erscheinen.

Wir überlegen, ob meine Frau ihren Onkel anrufen soll, damit er uns mit seinem Pickup aus dem Sand herauszieht. Mit schwindendem Tageslicht verlöschen Strand und Meer allmählich zu einer dunklen Schwarz-weiß-Fotografie. Die Farben schwinden und dort, wo das sinkende Tagesgestirn das Firmament allabendlich mit Rottönen tränkt, sieht man nichts als eine graue Wolkenfläche, die den Himmel bedeckt wie eine leere Leinwand. Wir wollten den Sonnenuntergang sehen, doch der Tag verdämmert als würde eine Kerzenflamme ersticken.

Durch das Halbdunkel kommt ein Motorrad. Erst als der Fahrer schon fast bei uns ist, erkennen wir, dass es sich um einen Polizisten handelt. Mir rutscht das Herz in die Hose, denn ich rechne damit, dass er uns mindestens einen strengen Verweis erteilt, weil wir es gewagt haben, seinen Strand mit dem Auto zu befahren. Er hält, steigt von der Maschine wie der Sheriff vom Pferd und nimmt das Malheur neugierig und auch ein wenig amüsiert zur Kenntnis. Unsere Beschämung ist vollständig, als er uns auch noch fragt, worin das Problem bestehe. Wir sind erleichtert, dass er uns nicht rügt – offenbar ist die Vergnügungsfahrt über den Strand keine Ordnungswidrigkeit.

Er steht lässig im Sand und beobachtete uns geraume Zeit dabei, wie wir aufgeregt wie die Hühner um das Auto laufen und uns den Kopf darüber zerbrechen, was zu tun sei. Er rät, wir sollten den Wagen ausgraben. Wir wagen nicht, ihn darauf aufmerksam zu machen, dass wir genau das schon probiert hätten. Die Motorrad-Polizisten in Ecuador sehen etwa so aus wie der T-1000 im „Terminator“ und zu widersprechen würde wahrscheinlich nur dazu führen, dass man „terminiert“ wird. Während wir graben, spaziert er lässig über den Strand. Irgendwann – er hat es nicht eilig – kommt er mit einem langen, stabilen Brett zurück. Ich frage mich, wie wir es übersehen konnten. Mit bloßen Händen schaufeln wir uns ein Stück näher an den Erdmittelpunkt heran, und als unsere Ausschachtungsarbeiten weit genug gediehen sind, platzieren wir die Rampen.

Einer fährt und alle anderen müssen schieben – selbst unser Polizist hilft mit, freilich so, wie der Kapitän seiner Crew dabei helfen würde, das Rettungsboot zu Wasser zu lassen. Der Motor heult auf, die Kupplung greift und rückwärts zieht die Maschine den Wagen so leicht aus dem Loch, als hätte er sich nie eingegraben. Ich schiebe direkt vor einem der Vorderräder. Das Rad dreht plötzlich durch und eine Fontäne aus Sand und Schlamm sprudelt mir ins Gesicht. Der Wagen ist frei, aber ich sehe nun aus wie einer der Typen, die sich bei Urwald-Trophies werbewirksam als „echte Kerle“ profilieren. Vielleicht sind Schlamm und Dreck die Wegmarken zum Männerruhm – ich nehme es als Auszeichnung. Ausgerechnet an diesem Tag trage ich ein weißes T-Shirt. Selbst nach dreimaligem Waschen sind die Dreckflecken noch sichtbar.

Unser Polizist entlässt uns mit einer lässigen Geste – geht doch! Wir danken ihm für die Hilfe. Er zieht von dannen in der sicheren Gewissheit, wieder einmal ein paar einfältigen Fremden aus der Patsche geholfen zu haben. Ohne Eile steigt er auf seine Maschine und Augenblicke später ist er auch schon verschwunden. Wir sind nun allein am Strand. Die Sonne ist längst untergegangen. Himmel und Ozean verschmelzen als graue Schemen mit der Dunkelheit. Noch immer lässt die Flut auf sich warten. Erst in einigen Stunden würde das Meer den Strand wieder in Besitz nehmen. Doch wir haben keine Veranlassung, länger zu verweilen. Wir fahren zurück nach Bahía.

Unter dem Wasserfall

Man hat ja immer viel zu tun und da freut man sich, wenn man ausnahmsweise einmal mehrere Sachen in einem Aufwasch erledigen kann. Eigentlich wollen wir an diesem Tag nur dem Lechero, einem Wunderbaum in der Nähe Otavalos, unsere Aufwartung machen, doch dank günstiger Umstände und vor allem dank kurzer Wege ergibt es sich, dass wir gleich noch dem Parque el Condor und den Wasserfällen von Peguche einen Besuch abstatten.

Von den Kondoren aus folgen wir der Ausschilderung. Man ist immer wieder froh, wenn man auf die hilfreichen Wegweiser trifft, denn solche abgelegenen Straßen sind in den Karten oft nicht verzeichnet – die Travelmaps renommierter internationaler Verlage können einen gehörig in die Irre führen – und für das Navi sind solche einsamen Gegenden manchmal nur ein weißer Fleck auf der elektronischen Straßenkarte. Wir nähern uns den Wasserfällen durch die Berge. Freilich sollten wir noch herausfinden, dass es eine einfachere und vor allem besser zu befahrende Route gibt. Diese Straße aber gehört uns ganz allein und wir genießen den romantischen Ausflug durch die geheimnisvolle grüne Berglandschaft.

Eine Art Klamm schließt dieses Ende des Tales ab wie das schmale Ende eines Trichters: Von einem Absatz in einigen Dutzend Metern Höhe stürzt das Wasser durch einen Felskamin und zerstiebt brausend im Talgrund. Ein Wildbach schneidet sich durch die üppig grüne Talweitung, die sich, vom Wasserfall ausgehend, wie der Hals des Trichters öffnet. Die Straße nähert sich von der Seite, die über dem Wasserfall liegt, und sie steigt dann an der Flanke des Berges hinab ins Tal, während sie sich immer wieder in zahlreichen Spitzkehren windet.

Lange bevor man die Fälle sehen kann, hört man das Rauschen und Brausen des Wassers. Beim Fahren empfiehlt es sich, die Strecke stets mit Argusaugen im Blick zu halten, denn die Schotterpiste ist unberechenbar und Haarnadelkurven laden den unbesonnenen Fahrer zu einem Flug über das Tal ein. Hat man den Fuß des Berges glücklich erreicht, rollt man aus dem schattigem Grün ins Freie und plötzlich findet man sich vor einer Schranke wieder, hinter der ein Parkplatz liegt. Nachdem man das Eintrittsgeld in Höhe von 1,50 Dollar entrichtet hat, winkt einen der freundliche Wächter durch.

In den letzten Jahren hat an nahezu allen Orten des Landes, an denen es Sehenswürdigkeiten zu bestaunen gibt, der Tourismus einen starken Aufschwung genommen. Früher konnte man diese Orte besuchen, ohne dass sich irgendeine Behörde darum geschert hätte. Man konnte sich völlig frei bewegen und anderen Touristen begegnete man in der Regel auch nicht, es sei denn, man besuchte die Kirchen und Klöster Quitos, die von der Unesco als Weltkulturerbe ausgewiesen sind und die darum seit jeher touristische Aufmerksamkeit genossen. Die Gegend von Peguche mit ihren berühmten Wasserfällen ist touristisch jedenfalls so gut erschlossen wie das Freibad Orankesee in Berlin Hohenschönhausen und was es dort gibt, findet man auch hier (ausgenommen natürlich den Strand).

Man nähert sich den Wasserfällen durch das Tal. Ein Pfad schlängelt sich durch einen urzeitlich wirkenden Wald mit dicken, knorrigen Baumstämmen und ausladenden Blattkronen, doch bei den Bäumen handelt es sich ausnahmslos um Eukalyptus, eine Art, die erst vor hundert Jahren aus Australien eingeführt wurde. Forstleuten ist dieser schnellwüchsige Baum ein Graus, denn die mit ätherischen Ölen getränkten Blätter bilden am Boden eine dicke Schicht, welche die einheimische Flora zuverlässiger vernichtet als die berüchtigte chemische Keule. Unter dem Kronendach eines Eukalyptuswaldes sieht es aus wie in Vietnam nach einer Entlaubungsaktion des US-Militärs. Dort wächst ungefähr so viel wie auf Kojaks Glatze. Aber es riecht schön, wie in einer Sauna nach dem Aufguss. Die Wurzeln des Eukalyptus reichen zudem tief in den Boden und der unstillbare Durst der Pflanze bewirkt, dass der Grundwasserspiegel absinkt.

An den Wasserfällen von Peguche hat man übrigens nichts dem Zufall überlassen und die Fürsorge, die einem als Besucher entgegengebracht wird, lässt einen schon fast an die Stadtparks in den USA denken: Es gibt fix und fertig eingerichtete Grillstationen und gepflegte Campingbereiche. Allerorten begegnet man Imbissständen und selbst Cabañas (kleine Ferienhäuschen), in denen man übernachten kann, findet man auf dem Gelände. Direkt hinter dem Einlass gelangt man auf eine Plaza, die von Restaurants und Souvenir-Shops gesäumt wird. Zum Park hin wird der Platz von den Resten alter Gemäuer aus dem 17. Jahrhundert begrenzt. Eine einzige Wand, die vielleicht einmal Teil der Wirtschaftsgebäude einer großen Hacienda gewesen sein mag, hat dem Zahn der Zeit widerstanden.

Die Pfade, die sich durch das geheimnisvolle Halbdunkel des Eukalyptuswaldes winden, wirken uralt und zugleich so anheimelnd wie die Wege, die durch einen Märchenwald führen, doch es ist alles Täuschung. Gleich erkalteten Lavakanälen werden die Wege von hüfthohen Mauern begrenzt, die wirklich so aussehen, als wären sie aus Feldsteinen errichtet. Wenn man genauer hinsieht, bemerkt man aber, dass es sich um Beton handelt. Das tut der Stimmung indes keinen Abbruch und man wandelt gern durch diesen verzauberten Eukalyptuswald.

Der Weg führt durch Kathedralen aus Licht, vorbei an Stämmen, die wie gotische Säulen himmelwärts streben. Man spaziert über unberührte grüne Wiesen und überquert kristallklare Bäche – vorsorglich hat man Planken über das kaum eine Elle breite Gewässer gelegt, aber man müsste sich schon sehr anstrengen, um der Länge nach hineinzufallen. Familien aus der Gegend suchen Entspannung in dieser nach Eukalyptus duftenden Idylle: Man spielt Federball oder picknickt oder macht sich an einem der zahlreichen Grills zu schaffen – also ganz normaler Alltag, wie er einem im Sommer auch in den Berliner Parks begegnen könnte.

Der Wasserfall ist nicht weit. Wir hören das Brausen der Wasser schon eine ganze Weile, aber wegen des dichten Waldes kann man nichts sehen. Doch dann stehen wir unterhalb der Fälle und sehen die Wassermassen als weißes schäumendes Band herabfallen. Eine Holzbrücke führt über die Schlucht, durch die der Wildbach fließt, welcher durch den Wasserfall gespeist wird. Die Schlucht ist gut besucht, doch alle Touristen scheinen Ecuadorianer zu sein. Jedenfalls begegnet uns niemand, der schon auf den ersten Blick die untrüglichen Kennzeichen offenbart, an denen man den Auslandstouristen, insbesondere den Gringo, erkennt.

Ein feiner Sprühnebel steigt aus der Schlucht auf. Schon nach Minuten in der Nähe des Wassers fühlt sich die Kleidung ganz klamm an, und bleibt man länger, ist man anschließend vollkommen durchnässt. Einige Besucher, die sich bis direkt unter die Fälle gewagt haben, sind so nass, als hätten sie gebadet. Ihre Haare tropfen, die Shirts kleben ihnen am Körper und die Jeans quietschen bei jeder Bewegung. Ich nähere mich, so weit es mir möglich ist, denn immer wieder setzt sich ein Wasserfilm auf der Kamera ab und ich fürchte, lange wird die Elektronik diese Misshandlung nicht aushalten. Ich mache ein paar Fotos und drehe ein paar kurze Clips. Meine Kleidung ist mittlerweile ganz feucht und ich halte es für eine gute Idee, ins Trockene zu flüchten.

Aus größerer Entfernung betrachtet, wirken die Wasserfälle nicht sehr imposant, und erst, wenn man einen Vergleich heranzieht, bekommt man einen Eindruck von ihrer wahren Größe: Die Leute, die sich nahe unter die Fälle gewagt haben, wirken vor den niederstürzenden Wassermassen winzig wie vor einer Schneelawine. Die Wasser schießen über die Felsstufe, verwandeln sich im freien Fall in einen weißen, brodelnden Vorhang und fallen brausend in die Tiefe. Als würden sie zu kochen beginnen, zerstieben sie im Auffangbecken zu einer Wand aus Vapor. Der Dunst aus Abermilliarden winzigen Tröpfchen füllt die Talschlucht.

Am Ausgang des Tales spannt sich eine Hängebrücke über die Schlucht. Es besteht keine Notwendigkeit, sie zu überqueren, doch ich möchte Fotos machen und von der Höhe der Brücke hat man einen bezaubernden Blick über die Talniederung. Als ich die Mitte erreicht habe, versuchen zwei Jungs die Brücke in Schwingung zu versetzen: Sie springen rhythmisch und zerren an den Seilen. Die Hängebrücke schaukelt ein wenig. Da ich relativ schwindelfrei bin, macht mir der übermütige Schabernack nichts aus und die beiden Strolche sind schwer enttäuscht. Aber eine Frau hält sich schreiend an den Seilen fest und als die beiden frechen Gören genug von dem Spaß haben, geht sie ihnen wütend nach, um ihnen gehörig die Leviten zu lesen. Man kann es den Jungs nicht verübeln, dass sie die Beine lieber in die Hand nehmen, als seelenruhig auf die fällige Abreibung zu warten.

Auf der Rückfahrt nehmen wir die Strecke über den Flughafen. Es ist kurz nach Sechs und die Sonne sendet ihre Strahlen bereits von jenseits des Horizonts in den Himmel. Voraus taucht plötzlich die kegelförmige Silhouette des Cotopaxi auf, über der grünen Landschaft schwebend wie eine Fata Morgana. Der goldene Abendglanz, den das scheidende Tagesgestirn als letzten Gruß über die Landschaft wirft, schneidet ein Relief aus Licht und Schatten in die Flanken des Vulkans. So plastisch wie zu dieser Stunde kurz nach Sonnenuntergang sieht man den Berg wohl nie.

Diese einmalige Gelegenheit möchten wir uns nicht entgehen lassen. Wir halten, machen Fotos und genießen die grandiose Aussicht. Beim Aussteigen muss ich höllisch aufpassen, dass ich nicht von den Pisten-Desperados in ihren allradgetriebenen SUVs oder Pickups überfahren werde. So stark befahren wie zu dieser Stunde habe ich die Strecke am Flughafen noch nie erlebt.

Ich lasse den Anblick auf mich wirken. Erst in solchen raren Augenblicken der Besinnung, wie man sie manchmal im Angesicht einer ganz und gar fremden Welt erlebt, merkt man plötzlich, dass man auf einem Planeten lebt, der größer ist, als man es sich immer hat vorstellen können. Im Grunde weiß man nur sehr wenig über diese Welt. Man ist ein Alien und vielleicht zum ersten Mal im Leben wird einem klar, wie weit man von allen Dingen entfernt ist, die einem wirklich vertraut sind – Lichtjahre weit. Wir fahren zurück nach Cumbayá mit dem guten Gefühl, viel an diesem Tag erlebt zu haben.

Pazifische Sonnenuntergänge

Wir waren auf Reisen. Ausgangspunkt unserer Grand Tour de Ecuador war Bahía de Caráquez. Nicht zum ersten Mal zog es uns zur Küste und eigentlich ist Bahía bei jeder Reise – ganz gleich, welches Ziel wir auch ansteuern – immer unser erster Anlaufpunkt. Ecuador ist zwar ein Land in den Tropen, doch besteht zwischen Costa und Sierra mindestens ein so großer Unterschied wie zwischen dem winterlichen Berlin und dem sonnenverwöhnten Neapel. Aber nicht nur Geographie und Klima bewirken, dass Küste und Gebirge als zwei völlig verschiedene Welten empfunden werden, auch die Mentalität der Leute unterscheidet sich und vielleicht ist doch nicht alles falsch an der alten, im Kehricht der Studierstuben vergessenen Idee, dass das Klima den Charakter beeinflusst.

Ich habe nie verstehen können, warum man statt an die liebliche Amalfiküste oder zum mythischen Kreta, im Sommer zum kalten Nordkap pilgern muss. Norwegen hat sicher seinen Reiz, aber wenn man aus einem kalten Land kommt – und Deutschland ist nun einmal ein kaltes Land (man frage die Ecuadorianer!) – sehnt man sich nach Wärme, nach Sonne und nach der Leichtigkeit des Südens mit seiner kultivierten Lebensart und seinen freundlichen Menschen. Ich habe nie begriffen, dass man nichts dabei fand, wenn der Berliner Sommer grau, kalt und verregnet wäre, hätte man doch nur einen wunderbaren Goldenen Herbst zu erwarten!

Ich brauche Wärme, Sonne und freundliche Menschen um mich. Die Küste hat in vielerlei Hinsicht die Leichtigkeit und die Leichtlebigkeit der mediterranen Kultur geerbt. Manch einer mag zu der nicht ganz unbegründeten Auffassung neigen, sie habe auch ihren Leichtsinn geerbt, aber das ist ein anderes Thema. Nachdem sie einmal mit Italienern zu tun gehabt hatte, wunderte sich meine Frau, die von der Küste stammt, dass die Leute von der Apenninenhalbinsel den Costeños in ihrer ganzen Art sehr ähnlich seien. Das ist einer der Gründe, warum ich so gern an die Küste fahre.

Wie üblich fuhren wir über Santo Domingo und wie üblich ließ es sich mein Schwiegervater nicht nehmen, uns zum Essen einzuladen. Der Mann hat offenbar einen Spenderkomplex, aber irgendwie ist er nett und ich kann ihn gut leiden. Bei Pedernales stießen wir auf die Küste und von dort braucht man noch einmal neunzig Minuten bis Bahía. Wir fuhren auf der hervorragend ausgebauten Küstenstraße nach Süden und da es schon spät geworden war, konnten wir der Sonne dabei zusehen, wie sie gleich einem auf die Erde stürzenden Himmelskörper zunächst allmählich und dann immer schneller dem Horizont entgegensank.

Als wir San Vicente erreichten (das ist die Stadt auf der Festlandseite jener Bucht, auf deren anderer Seite Bahía de Caráquez liegt), hing die orange-rote Feuerkugel der Sonne nur eine Daumenbreite über dem Meereshorizont. Wir hielten an einem Aussichtspunkt und sahen gebannt dabei zu, wie der glühende Sonnenball in nur wenigen Augenblicken auf der Oberfläche des Pazifiks zerschmolz. Noch minutenlang füllte Abendrot den Himmel. Von jenseits des Horizonts setzte das sinkende Tagesgestirn das Firmament mit letzter Kraft in Brand. Wie im Widerschein einer kataklysmischen Vulkaneruption glühten die Wolken in einem feurigen Orange.

Nicht anders als das berühmte Macondo, ist Bahía ein Ort der Geschichten und der Mythen, wobei sich nur selten mit einiger Sicherheit bestimmen lässt, was davon wahrer ist – Mythos oder Geschichte. Denn mancher Mythos ist wirklich wahr, wohingegen nicht wenige Geschichten wohl mehr auf die überschäumende Einbildungskraft der Leute zurückzuführen sind. Eine wahre Geschichte von fast schon Shakespeareschen Ausmaßen erzählt vom Schicksal der Rupertis, einer berühmten Familie der Stadt.

An einem warmen Abend kurz vor Sonnenuntergang ließen wir uns ohne ersichtliches Ziel durch die Stadt treiben. Bahía hat viele berühmte, von Mythen und Geheimnissen umwitterte Orte, denn anders als das skeptische Berlin mit seiner alles hinterfragenden, fast schon lästerlichen Vernunft lebt die Stadt am Pazifik von den Geschichten am Rande des Irrationalen. Und die wahren Geschichten erkennt man daran, dass sie verrückter sind als die erfundenen es je sein könnten. Wir fuhren durch die Stadt und als der Tag sich anschickte, im Goldgewand des Abends in den Pazifik zu tauchen, kamen wir plötzlich zu der Ruine eines Hauses auf der Spitze eines Hügels hoch über dem Meer.

Ähnlich dem Palazzo eines vornehmen Geschlechts im Italien der Renaissance erhob sich über der Stadt einst die strahlende Residenz der Rupertis. Die Familie hatte das repräsentative Anwesen erst kürzlich errichten lassen und mit dem neuen Haus sollte sich eine glückliche Zukunft verbinden. Doch das Schicksal folgte nicht dem geraden Weg des Glücks, sondern schlug eine Abzweigung ein, die zu einem dunklen, trostlosen Ort führte.

Das Verhängnis drängte in das Leben der Familie mit der Macht des Schicksals in einer griechischen Tragödie: Eines Tages fand man den Vater tot im Bett, niedergestreckt mit einem Kopfschuss. Es gab keine Indizien, die einen Schluss zuließen, wer hinter dem Mord steckte; auch ein Motiv ließ sich nicht ermitteln. Zusammen mit ihren drei Kindern lebte die Mutter weiter in dem Haus bis zu jenem verhängnisvollen Tage, etwa zwei Jahre später, da man auch sie tot in ihren Gemächern fand. Auch sie wurde erschossen und wieder fand sich nicht die geringste Spur. Die Morde sind bis heute ein Rätsel und alles, was man darüber hört, sind die verrückten Geschichten, die sich die Leute in den Straßen Bahías zuraunen.

Schicksalsschläge wie diese hätten wohl jeden aus der Bahn geworfen, und so ist es nicht verwunderlich, dass die Geschichte, die als Tragödie begann, auch als Tragödie endete. Wie ein tausend Tonnen schwerer Güterzug, der ohne Bremsen einen Berg hinunterrast, und der erst in einer Katastrophe zum Stehen kommt, musste das Vermögen der Familie verschleudert und die Leben der Kinder vollständig ruiniert werden, ehe die Waagschalen des Schicksals wieder ins Gleichgewicht kamen.

Man kann einem Menschen, der einen traumatischen Verlust erlitten hat, nicht vorwerfen, dass er den Schmerz in jeder nur möglichen Weise zu betäuben versucht. Doch leider findet man auf diesem Weg keine Erlösung, denn wenn die Betäubung nachlässt, erleidet man nur immer wieder dieselbe Qual. Am Ende aller Wege steht man am Abgrund und ob man noch einen Schritt weiter geht, ist die letzte Entscheidung, die man im Leben zu treffen hat.

Die Kinder hatten in geschäftlichen Dingen leider nicht das Geschick der Eltern geerbt und so verzettelten sie sich in teils waghalsigen, teils törichten Unternehmungen, die das riesige Vermögen der Familie in nur wenigen Jahren vernichteten. Nachdem alle Konten geplündert und noch der letzte Notgroschen verschleudert war, ließ sich der standesgemäße Lebensstil, den man als Angehöriger einer honorigen Familie gewohnt war, nicht länger aufrechterhalten und der unaufhaltsame Abstieg ging in den freien Fall über.

Mit dem Verlust des Vermögens fielen die Schranken des Anstands und als handelte es sich um einen namenlosen Leichnam am Straßenrand fledderte man auch noch die letzten Überbleibsel dessen, was einst der Ruhm und der ganze Stolz der Familie war: Alles von Wert wurde aus dem Haus fortgeschafft. Möbel, Türen, Fenster, Bodenbeläge, Armaturen und Installationen wurden entfernt und eilig verhökert, als gelte es, die eigene Seele aus dem Fegefeuer freizukaufen. Am Ende blieben von dem strahlenden Anwesen nur die kahlen Mauern. Die Zeit und Plünderer rissen auch sie bis auf die Fundamente nieder. An den Resten nagt die salzige Meeresluft und allmählich zerfällt alles zu Staub.

Die Kinder haben überlebt. Ähnlich Suchtpatienten, die nach Jahren ruchloser Exzesse ein schweres Fieber befällt und die, nachdem die Fiebermären ausgestanden sind, friedlich ihrer Genesung entgegenschlafen, führen sie heute ein ruhiges, unscheinbares Leben abseits der öffentlichen Aufmerksamkeit. Vielleicht träumen sie manchmal von ihrem früheren Leben und man könnte es ihnen nicht verübeln, wenn sie es sich zurückwünschten.

Doch eine Rückkehr ist unmöglich, denn die Vergangenheit ist ausgelöscht: Vom Vermögen der Familie ist nichts geblieben als Erinnerung. Und auch ihr Ruf ist dahin, getilgt in Exzessen jeglicher Art und zur Legende verteinert mit den Jahren. Nur die alten Geschichten sind noch da, die sich die Leute auf den Straßen Bahías erzählen, Geschichten von Reichtum, Neid und Rache, Geschichten von Intrige und Mord. Manche dieser Geschichten sind so verrückt, dass man sie kaum glauben möchte, aber wahrscheinlich sind sie wahr, so wie alle Mythen irgendwie wahr sind.

Das Grundstück, auf dem sich einst das stolze Anwesen der Familie erhob, ist heute verwaist. Der warme Pazifikwind streicht um die Ruine und Unkraut sprießt aus den Mauerritzen. Dabei befindet sich die Immobilie in bester Lage und jeder, der ein wenig Geschäftssinn hat, müsste sich eigentlich die Finger danach lecken: Die Spitze des Hügels bietet eine grandiose Aussicht auf den Ozean und allabendlich könnte man von der Terrasse aus den pazifischen Sonnenuntergang bewundern. Auf der anderen Seite streift der Blick über die Dächer Bahías und man schaut herab auf die Stadt wie ein Fürst vom Altan seines Palastes.

Es verwundert, dass noch niemand Interesse an dem Grundstück angemeldet hat, aber die Leute sind abergläubisch. Man meint, ein Fluch liege über dem Ort, und jedem, der die Kühnheit besitze, eine so offensichtliche Tatsache zu ignorieren, indem er dort ein Haus errichtet, werde es nicht anders ergehen als den Vorbesitzern. Mit Logik hat das natürlich nichts zu tun, aber wie soll man den Leuten mit Vernunft kommen, wenn höhere Mächte im Spiel sind.

Wir fuhren weiter zur Strandpromenade auf der dem Pazifik zugewandten Seite der Stadt. Dort versammelt sich jeden Abend eine bunte Gesellschaft aus Einheimischen und Urlaubern, um bei Musik und ausgelassener Stimmung den Sonnenuntergang zu feiern. Die Sonnenuntergänge am Pazifik sind spektakulär wie sonst kaum ein Naturereignis und die Leute sind so fröhlich, dass man fast meinen könnte, die Sonne ginge nur alle paar Jahre unter. Aber wann nimmt man sich schon einmal Zeit für solche Dinge? Wie oft im Leben hat man die Silberscheibe des Vollmonds gesehen und wie oft wird man noch Gelegenheit dazu haben? Wann hat man zum letzten Mal vor dem Abendrot ausgeharrt bis das letzte Licht erlischt und die Sterne heraufziehen? Und wann käme man schon auf die Idee, den Sonnenuntergang zu feiern? Da feiert man öfter den eigenen Geburtstag.

Am Rande der feiernden Menge tauchte plötzlich ein Jogger in voller Fitnessmontur auf: die windschnittige Kleidung des Profiathleten auf den eher weichlichen Leib gepresst, Stirnband, Fitnesstracker, sündhaft teure Laufschuhe. Doch er schleppte sich eher müde durch den Abend, als dass er leichtfüßig dem Sonnenuntergang entgegeneilte. In der Regel beherrschen die Läufer am Morgen die Szene, Abends sieht man sie jedoch nie. „Guck mal, ein Jogger!“ bemerkte ich, denn der Läufer, der sich keuchend auf der Promenade entlangschleppte, nahm sich mit seinem Leidensausdruck unter all den jungen, fröhlichen Gesichtern sehr fremd aus.

Ein kurzer Blick reichte meiner Frau, um sich zu vergewissern, dass sie den Mann kannte. Wie nebenbei bemerkte sie, es handele sich um einen bekannten Drogenabhängigen der Stadt – früher jedenfalls wäre er dafür bekannt gewesen. Aber offenbar hat er sein Leben von Grund auf geändert, denn schließlich machen einen Drogen nicht jünger. Doch Spaß scheint ihm das neue Leben nicht zu machen: Ich sah ihn später wie das traumatisierte Opfer eines Flugzeugabsturzes völlig lethargisch auf den Stufen vor seinem Haus sitzen. Eine Schweißpfütze hatte sich zwischen seinen Füßen gebildet. Er guckte in die Gegend mit dem vollkommen leeren Gesichtsausdruck eines Menschen, der nicht begreifen kann, in welche Richtung sich sein Leben gewendet hatte.

An diesem Abend hatten sich ungewöhnlich viele Surfer am Strand versammelt. Sie schwammen wie die Seeotter auf der spiegelnden Oberfläche des Meeres und warteten auf die perfekte Welle. Ein warmer auflandiger Wind türmte die Brandung zu langen Wellenkämmen, die diagonal gegen die Küste rollten. Meist verharrten die Surfer bewegungslos im Wasser, aber wenn es einmal eine Welle schaffte, die Brandungszone zu überwinden, ohne zu Schaum zu zerfallen, warf sich ein Dutzend von ihnen zugleich auf die Bretter und paddelte der Welle wie auf Kommando davon. Wenn sie die Welle zu fassen bekam, sprangen sie auf das Brett und die Woge trug sie Richtung Strand. Das war keine Physik mehr, das war reine Magie. Die geschicktesten Surfer ritten die Welle, bis der Wellenkamm zusammenbrach und dann hechteten sie übermütig wie spielende Delfine in die brodelnden Wassermassen, nur um Augenblicke später als braungebrannte junge Meeresgötter aus der Gischt emporzutauchen.

Dann kam der Höhepunkt des Abends als die Sonne die Oberfläche des Meeres berührte. Alle folgten nun in atemloser Spannung dem Schauspiel und selbst die Surfer stellten für einen Moment ihre Jagd nach der perfekten Welle ein. Als die glühende Kupferscheibe unter den Horizont tauchte, brach die Menge in frenetischen Jubel aus. Die Menschen schickten dem Tag einen letzten Gruß hinterher und verabschiedeten das Tagesgestirn mit einem ausgelassenen Vale. In wenigen Minuten war es vorüber: Der Ozean verschluckte den letzten Rest flüssigen Goldes und die Welt erstrahlte in der ganzen Pracht des Abendrots, ehe sie in das mit Sternen gesprenkelte Gewand der Nacht schlüpfte. Wie ein Weltenbrand brach die Abenddämmerung über den Himmel und mit einem Mal schien es viel stiller geworden zu sein.

Doch am Strand ging die Party weiter und man feierte den Tag und das Leben bis in die späten Nachtstunden. Und auch am nächsten Tag würde die Sonne untergehen und die Bewohner Bahías werden dann wieder feiern, als wäre es der erste Sonnenuntergang seit Anbeginn der Zeit.