Freundliche Parkranger

Wir folgten der Panamericana einige Kilometer weiter nach Süden und die Ausschilderung ließ tatsächlich nichts zu wünschen übrig. Wir fanden die Zufahrt zum Cotopaxi-Nationalpark ohne Probleme und nach kurzer Fahrt auf der schön asphaltierten Straße gelangten wir zum Eingangstor. Der ecuadorianische Staat hat seine Naturparks in den letzten Jahren nach US-Vorbild erschlossen und unter Verwaltung genommen. Das imposante Eingangsportal macht jedem Besucher klar, dass er im Begriff steht, eine Grenze zu überschreiten. Wenn man sich dann dem Tor nähert und schließlich hindurchfährt, befällt einen freudige Erregung wie sonst nur im Kino, wenn die Lichter ausgehen und der Film beginnt.

Ausnahmslos jeder, der den Park zu betreten wünscht, muss sich zunächst registrieren lassen. Selbst die Pässe werden eingesehen und das Prozedere erinnert ein wenig an die Abfertigung an einer streng bewachten internationalen Grenze. Der Besucherverkehr war an diesem Tag nicht besonders stark und der große Parkplatz vor dem Eingangstor lag größtenteils verwaist. Die Mehrheit der Besucher schienen Ecuadorianer zu sein. Gringos oder zumindest Menschen, die so aussahen, als wären sie welche (was auf mich zutrifft), sah man nicht. Eigentlich schien ich weit und breit der einzige Nicht-Ecuadorianer zu sein und deshalb fiel ich dem Bodenpersonal der Parkverwaltung natürlich sofort auf. So ist es auch nicht verwunderlich, dass mich der erste Parkranger ansprach, kaum dass ich aus dem Wagen gestiegen war.

Während meine Frau uns für den Besuch anmeldete und die Tickets kaufte, unterhielt ich mich mit dem Mann. Wir stellten einander vor. Er sagte, er heiße Giovanni und sei Parkranger. Mich verwunderte ein wenig, dass man uns so leutselig begrüßte, denn eine solche Umgänglichkeit geht den Leuten aus der Sierra meist ganz ab. Man ist eher verschlossen und oft auch ein wenig reserviert, insbesondere gegenüber Fremden. Hier nun hatte man aber jemanden als eine Art Conferencier angestellt, dem es sichtlich Spaß machte, die Gäste des Parks zu begrüßen, zu informieren und mit ihnen zu plaudern. Wenn man so begrüßt wird, fühlt man sich wirklich willkommen.

Ich fragte Giovanni, ob es denn seine hauptsächliche Beschäftigung sei, Gäste zu begrüßen. Eigentlich schon, meinte er, und er fügte hinzu, dass er seinen Job leidenschaftlich liebe. Doch oft hätte er auch im Park selbst zu tun und Gäste zu empfangen, sei zwar ein wichtiger und auch ein sehr angenehmer Teil seiner Arbeit, aber eben nur ein Teil. Ich bemerkte, er hätte es kaum besser treffen können: Immer sei er in der Natur und zumeist hätte er es mit gutgelaunten Menschen zu tun. Er pflichtete mir ohne Einschränkung bei. Ich fragte ihn, ob ich ein Foto von uns beiden haben könnte. Por supuesto – selbstverständlich! Und so kam die Aufnahme in die Galerie – ich mit Parkranger Giovanni.

Neben dem Eingangstor liegt das Gebäude der Parkverwaltung; man findet dort auch das Besucherzentrum, den unvermeidlichen Souvenirshop und ein Café. In einer Auslage des Cafés entdeckten wir rein zufällig, wonach wir schon so lange gesucht hatten: Coca-Blätter. Zwar nutzen die Einheimischen Coca seit jeher, um die Auswirkungen der Höhenkrankheit zu lindern, aber dennoch ist es ein Rätsel, warum man Coca-Blätter nirgendwo kaufen kann. Hier nun wurden wir fündig und wir kauften zwei kleine Päckchen mit getrockneten Blättern für Tee und eine Salbe. Wem die Höhe zu schaffen macht und wer sich schon hier, am Eingang des Parks, ein wenig flau fühlt, kann sich auch gleich im Café seinen Coca-Tee zur Stärkung bestellen. Im Besucherzentrum des Parks hat der Reisende zudem zum letzten Mal Gelegenheit, eine zivilisierte Toilette aufzusuchen. Die Tour durch den Park dauert mehrere Stunden und man ist gut beraten, das sanitäre Angebot zu nutzen.

Neue Keramik und alte Töpferkunst

Man kann Cuenca gut zu Fuß erkunden, denn die Stadt ist recht klein. Meine Frau ist auf der Suche nach Keramik und wir laufen die Straßen ab in der Hoffnung, irgendwo einen Laden zu finden, in dem man die traditionelle bunte Töpferware kaufen kann. Noch 1992 bekam man die schöne einheimische Keramik fast überall in der Stadt. Meine Frau, die eine Art Fetisch für solche Dinge hat, erstand damals ein schönes Tee-Service. Sie hat es heute noch und wir benutzen es nur, wenn Gäste im Haus sind. Das ist ein bisschen wie früher, zu Ur-Omas Zeiten, da man das „gute Geschirr“ nur zu ganz besonderen Anlässen auftrug. Obwohl wir die halbe Stadt absuchen, finden wir nicht ein einziges Geschäft. Später erfahren wir, dass die einheimische Keramikherstellung praktisch ganz zum Erliegen gekommen ist. Billige Importware hat die traditionellen Handwerkserzeugnisse verdrängt.

Töpferwaren ganz anderer Art kann man in der Stadt aber immer noch finden: Am Nachmittag besuchen wir das Museum für indigene Kulturen. Es regnet in Strömen und wir sind die einzigen, die zu dieser Stunde Einlass begehren. Die Exponate bieten einen repräsentativen Querschnitt durch fast alle bedeutenden Kulturen Ecuadors, angefangen bei den ältesten Zivilisationen bis in die Epoche der Inkas. Manche der Stücke sind wirklich beeindruckend, etwa die polychromen Tonskulpturen aus der Jama-Kultur. Meine Frau ist so begeistert, dass sie später die Replik einer Plastik ersteht. Laut Auskunft der Museumsdirektorin stellt die Skulptur einen Schamanen oder einen Priester dar.

Man muss sich immer vor Augen halten, dass die in allen Museen Ecuadors versammelten Ausstellungsstücke kaum einen Bruchteil dessen ausmachen, was wahrscheinlich an Schätzen noch in der Erde schlummert. Man muss sich aber auch immer wieder bewusst machen, wie viele unersetzbare Zeugnisse der indigenen Kulturen mutwilliger Zerstörung anheimfielen, wie viele einmalige Werke infolge von Gleichgültigkeit und Ignoranz dem Verfall überlassen wurden, wie viele Kulturgüter allein um der Befriedigung materieller Gier willen vernichtet wurden. Ein nicht geringer Teil des kulturellen Reichtums der Indigenen wurde bereits bei der Eroberung des Kontinents ausgelöscht und die folgenden Jahrhunderte meinten es kaum besser mit den kulturellen Zeugnissen der einheimischen Völker.

Die schönsten Stücke aber verschwanden oft in Privatsammlungen. Früher gab es kein Gesetz, das die Aneignung von Kulturgütern unter Strafe stellte. Jeder, den es danach gelüstete, konnte einfach irgendwo graben und wenn man dann etwas fand, durfte man es auch behalten und in den eigenen vier Wänden ausstellen, um es dem staunenden Hausgast nach dem Essen bei Kaffee und Brandy zu präsentieren. Einer der leidenschaftlichsten und kenntnisreichsten Sammler präkolumbianischer Kunst war Oswaldo Guayasamín. Obwohl er im Grunde nichts anderes als ein Raubgräber war – wenn auch aufgrund der Gesetzeslage kein Krimineller –, muss man ihm dankbar sein, denn ohne seine Sammelleidenschaft wären die meisten jener Stücke, die der kunstinteressierte Besucher in seinem Museum bewundern kann, heute wahrscheinlich verloren.

Vor Jahren schenkte mir ein Cousin meiner Frau ein kleines Tongefäß, auf dessen bauchigen Körper der Töpfer ein Gesicht modelliert hat. Ich glaube, es handelt sich um eine Arbeit der Bahía-Kultur. Der Künstler ist schon seit Jahrhunderten tot, aber sein Werk existiert immer noch und wahrscheinlich wird es auch noch da sein, wenn wir alle längst zu Staub zerfallen sind. Ich habe keinen Zweifel daran, dass es echt ist. Die Leute sind in solchen Dingen ganz arglos und sie haben keinerlei Schuldbewusstsein. Was man zufällig irgendwo in der Erde findet, behält man eben und darin sieht man auch gar kein Unrecht. Und wem sollte man den Fund denn schon melden, da zu befürchten steht, dass dann ein anderer die Lorbeeren einheimst oder das große Geschäft macht. Ich weiß nicht, ob ich eine strafbare Handlung begangen habe, indem ich das Geschenk annahm, aber es zurückzuweisen, hätte eine Beleidigung des Schenkenden bedeutet. Nun steht das kleine hübsche Tongefäß gut sichtbar im Regal und ich kann es Besuchern zeigen.

Als wir das Museum verlassen, kommen wir am Souvenir-Shop zufällig mit einer älteren Dame ins Gespräch. Wir wissen zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass es sich um die Direktorin der Einrichtung handelt, doch am Ausgang laufen wir an einem kleinen Schaukasten vorbei, in dem Fotos ausgestellt sind. Auf einem der Bilder sehen wir die Frau zusammen mit Fidel Castro, auf einem anderen mit dem ecuadorianischen Vizepräsidenten. Auf vielen Bildern posiert sie mit Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens. Ich muss annehmen, dass es sich um wichtige Persönlichkeiten handelt, aber keine der Personen ist mir bekannt, doch dieses Manko ist sicherlich nur meiner Ignoranz zuzuschreiben.

Meine Frau kauft noch eine kleine Figur aus der Jama-Kultur – wie gesagt, es handelt sich um eine Replik. Wir wissen natürlich nicht, dass die Figur ein Werk der Jama-Kultur ist, aber die vielfarbige Bemalung spricht uns an und macht die kleine Skulptur unter allen Ausstellungsstücken zu etwas ganz Besonderem (Jama, die Stadt, nach der diese Kultur benannt ist, liegt übrigens nur ca. dreißig Autominuten nördlich von Bahía). Als meine Frau Näheres über die Statuette erfahren möchte, blüht die Direktorin, die uns die Skulptur auch noch eigenhändig einpackt, förmlich auf. Offenbar hat sie nicht erwartet, dass jemand Fragen stellt, doch sie scheint geradezu glücklich darüber zu sein: Endlich einmal kann sie Besucher an ihrem enzyklopädischen Wissen über die präkolumbianischen Kulturen Ecuadors teilhaben lassen.

Man merkt sofort, wie engagiert sie ist, und das muss man als Leiterin eines Museums wohl auch sein in einem Land, in dem der Mehrheit der Bewohner alte Keramiken nicht so wichtig sind. Es wäre dem Museum zu wünschen, dass mehr Gelder zur Verfügung gestellt würden, damit die Ausstellung erweitert und damit vor allem die Löcher im Dach gestopft werden könnten, durch die es immer wieder in die Ausstellungsräume tröpfelt. Während wir uns im Museum aufhalten, regnet es ohne Unterlass und ich fühle mich fast wie ein Entdecker, der nach gefahrvoller Expedition durch die Wildnis die Schatzkammer einer untergegangenen Kultur entdeckt.

Da wir die einzigen Besucher sind, fragen wir die Direktorin, ob denn auch Ecuadorianer die Ausstellung besuchen würden. Die Dame meint, dass es vor allem Ausländer seien, die hierher kämen. Aber das ist verständlich, denn die Ecuadorianer kaufen sich keine Reiseführer, in denen der Besuch des kleinen Museums ausdrücklich empfohlen wird. Da man keine Museen besichtigen möchte, ist es nur allzu schade, dass es im alten Stadtkern von Cuenca keine Shopping-Malls gibt.

Manta: Leben hinter Mauern und zweimal Strand

Die Urbanisation Manta Beach liegt direkt am Highway und wenn man sich nähert, glaubt man zunächst, es handele sich nicht um einen Wohnpark, sondern um eine wichtige militärische Einrichtung, denn die Zufahrt ist gesichert, als würden hinter den Mauern nicht Menschen leben, sondern Atomsprengköpfe gelagert oder ein Arsenal tödlicher Biowaffen. In den USA habe ich Militärbasen gesehen, die weniger gut bewacht wirkten als der Eingang zu dieser Siedlung. Maria Vicenta, die Freundin meiner Frau, holt uns am Tor ab und wir fahren zu ihrem Haus.

Das Areal ist innerhalb der schützenden Mauern weiträumig bebaut und die ganze Anlage ist groß wie eine Kleinstadt. Die Grundstücke um jedes Haus sind so riesig, dass nirgendwo zwei Häuser aneinanderstoßen, und oft ist sogar Platz genug, dass ein Dutzend Leute dazwischen Fußball spielen könnten. Alles wirkt ein bisschen kahl, denn das trocken-heiße Klima verhindert, dass Bäume wachsen. Hier und da kämpft eine Palme gegen die Trockenheit und den Staub an, aber dort, wo Grundstücke verlassen stehen oder noch nicht erschlossen sind, sieht man nichts als staubtrockene Erde und Dornengestrüpp.

Die Vorgärten müssen auf den obligatorischen Rasen verzichten und manch einer, der sich damit nicht abfinden kann, versucht der Natur zu trotzen, indem er sich Kunstrasen vor dem Haus ausrollen lässt. Der Plasterasen ist so grün, dass es schon in den Augen sticht, und im Kontrast zu den teuren Häusern erscheint er nur um so billiger. Die Wohnanlage indes gehört zu den teuersten und exklusivsten der Stadt. Maria Vicenta versichert, es gäbe überhaupt nur eine Siedlung, die noch teurer sei. Die Häuser, die wir sehen, würden jedem Vorstadt-Nobelviertel in Deutschland zur Ehre gereichen.

Bis das Mittagessen fertig ist, dauert es noch eine Weile und so macht unsere Gastgeberin den Vorschlag, an die Playa de murcielago, den Fledermausstrand, zu fahren. Murcielago Beach ist einer der prominentesten Strände der Stadt und will man den Reiseführern glauben, der einzige Strand innerhalb der Stadtgrenzen, an dem man dank Strandpatrouille nicht fürchten muss, dass einem die Unterhosen nebst anderen Dingen abhanden kommen, während man sorglos im Meer schwimmt. Der Sohn Maria Vicentas arbeitet bei der Strandaufsicht und so müssen wir auch nicht die übliche Taxe für die Benutzung des Parkplatzes entrichten.

Die Playa de murcielago bietet alles, was sich der an den Komfort karibischer Ressorts gewöhnte Strandurlauber nur wünschen kann: Um eine große Plaza einen Steinwurf hinter dem Sandstrand reiht sich ein Dutzend Restaurants, deren Schlepper hungrige Spaziergänger mal marktschreierisch, mal höflich-reserviert in die auf Massenansturm ausgelegten Fresstempel zu locken versuchen. Zwischen den Restaurants finden sich die üblichen Souvenirshops und die unvermeidlichen Boutiquen, in denen Strandkleidung und Accessoires feilgeboten werden.

Es gibt eine unscheinbare Kaffeerösterei, welcher aber ein so verführerischer Duft nach frisch gerösteten Bohnen entströmt, dass man sofort Lust auf eine schöne Tasse Kaffee bekommt. Doch an diesem Tag herrscht eine infernalische Hitze und das einzige, wonach man sich nach einer Stunde auf dem heißen Sand wirklich sehnt, ist Schatten und ein kühles Blondes. Mitten auf der Plaza steht das Zelt eines Tätowierers, in dem sich der abenteuerlustige Strandbesucher das unvermeidliche Tribal oder einen neckischen Delfin zum Andenken stechen lassen kann. Für jedes noch so kleine Bedürfnis der zahlreichen Besucher an diesem Tag ist gesorgt, doch die eigentliche Sensation an der Playa de murcielago ist das Meer: Der Pazifik ist türkisblau und der Horizont scheint unter dem Azur des Himmels geradezu in eine jenseitige Welt entrückt. Wann im Leben sieht man schon einmal solches Blau!

Nach dem Mittagessen soll es nicht bei einer Stippvisite am Strand bleiben. Maria Vicenta fragt uns, welche Art Strand wir bevorzugen würden: den ruhigen, einsamen oder lieber einen solchen, wo sich Jubel, Trubel und der übliche Konsum ein Stelldichein geben. Ohne zu überlegen entscheiden wir uns für das Friedvolle. Nach zwanzigminütiger Fahrt über frisch gepflasterte Highways, über deren heißem Asphalt die Fata Morgana wabert, erreichen wir einen Strand außerhalb der Stadt. Man könnte mit dem Auto geradewegs ins Meer fahren, doch wir sind ja keine Barbaren und deshalb parken wir den Wagen ein wenig oberhalb des Strandes neben einer windschiefen Palmstrohhütte, dem einzigen Hinweis am ganzen Strand, dass Menschen diesen Planeten bewohnen. Nicht viele Besucher haben am Nachmittag hierher gefunden – kaum ein halbes Dutzend Autos parkt oberhalb des Strandes neben der Hütte. Die wenigen Besucher verlieren sich geradezu in der Einsamkeit des über einen Kilometer langen Sandstrandes.

Ockerfarbene Berge, rau und kahl wie die Abhänge eines Mondkraters, umschließen den Strand gleich dem gezackten Rand einer Muschelschale. Und in der Tat scheint es dem Auge, als schmiege sich der Sandstreifen an die Berge wie das glatte Innere der Muschel an den gewölbten Rand der Schale. Die Pazifikküste macht bei Manta einen scharfen Bogen und der Strand verläuft daher nicht in Nord-Süd- sondern in Ost-West-Richtung. Das westliche Ende der Bucht wird von einem Vorgebirge begrenzt, dessen äußerste felsige Ausläufer an eine Sphinx erinnern, die wie die Wächterin des Meeres über den Wellen thront und deren steinernes Antlitz hinaus auf den weiten Horizont des Ozeans gerichtet ist.

Ich sitze im warmen Sand und schaue den Jungs beim Herumtollen in den Wellen zu. Einmal gehe ich mit ins Wasser – das Meer reißt einen mit Gewalt von den Beinen und wirbelt einen herum, dass man glaubt, man würde nie wieder auftauchen. Ich lasse mich am Strand von der Sonne trocknen und schaue den Wellen dabei zu, wie sie sich matt legen und den Sand mit einem glänzenden Firnis überziehen. Noch herrscht Ebbe und der Strand ist so breit, dass ein ganzes Fußballfeld darauf Platz hätte.

Ein altes Ehepaar hat sich Campingstühle aufgebaut. Die Eheleute sitzen Hand in Hand wie frisch Verliebte vor der überwältigenden Szenerie des Meeres und warten auf den pazifischen Sonnenuntergang. Eine Joggerin läuft leichtfüßig an mir vorbei. Bei jedem Schritt vibriert die papierdünne Haut über den Muskelsträngen ihres Bauches. Ihre eng anliegende Sportkleidung und das zu einem dicken Zopf geflochtene Haar gemahnen an Lara Croft. Ich muss schmunzeln, aber sie nimmt nicht einmal Notiz von mir, obwohl sie auf Armeslänge an mir vorbeiläuft. Ihr Tempo ist mörderisch, sie fliegt förmlich über den Strand, aber ich höre sie nicht einmal atmen. Wie fit man sein kann. In der Ferne werfen sich ein paar Teenager quietschend vor Vergnügen in die Brandung. Auf dem Spiegel des Meeres ziehen weiße Jachten und Fischerboote vorüber.

Der Zivilisation zu entfliehen ist ein sinnloses Unterfangen; man könnte versuchen, selbst noch zu den entferntesten, gottverlassenen Orten der Welt zu entkommen, man würde dennoch eingeholt. Gibt es irgendein Paradies, das nicht besudelt worden wäre? Manchmal muss man sich wirklich fragen, wer eigentlich die Barbaren sind – die sogenannten Wilden oder diejenigen, die sich für zivilisiert halten?

Ich habe einen Bekannten, der in der Reisebranche arbeitet, und der das Reisen zu fernen, unbekannten Orten über alles liebt. Reisen ist seine Leidenschaft. Schon von Jugend an erforschte er die ganze Welt und irgendwann erfüllte er sich seinen großen Traum: Tahiti. In Tahiti hörte er Einheimische von einer geheimen Insel sprechen, einem Ort, der dem gewöhnlichen Touristen für immer verwehrt bleibt. Er machte sich auf die Suche nach dieser Insel und schließlich, nach vielen Mühen und Gefahren, fand er sie. Er überredete einen Fischer, ihn überzusetzen, und als er dann an dem menschenleeren weißen Sandstrand angelangt war und im kühlen Schatten eines einsamen Palmenhains rastete, vernahm er plötzlich Stimmen auf dem angeblich menschenleeren Eiland. Er folgte den Stimmen und dann verstand er sogar, was sie sagten, und als er nahe genug war, so dass er alles ganz genau hören konnte, wurde seine Verwunderung nur um so größer. Und dann begriff er und da erst zerbarsten all seine Hoffnungen und was blieb, war Enttäuschung, schwärzer als die dunkelste Ohnmacht, und sein vor Leidenschaft hämmerndes Herz wäre fast daran erstickt, wenn ihn nicht sein eigenes hysterisches Lachen erlöst hätte: Die Worte, achtlos in die Einsamkeit von Meer, Sonne, Wind gesprochen, drangen mit einem unverkennbar sächsischen Zungenschlag an sein Ohr. (Ich schwöre, die Geschichte ist nicht erfunden – soviel zu den Netzen der Zivilisation)

Natürlich war der Strand, an dem wir unseren Nachmittag verbrachten, kein wirklich unentdecktes Land, dessen Koordinaten auf der Landkarte etwa nur ein weißer Fleck markiert hätte. Und so blieb es nicht aus, dass man auch hier von den üblichen nervigen Abgesandten der Zivilisation behelligt wurde: Einer der Besucher des Strandes hatte sämtliche Türen seines Wagens sowie die Heckklappe geöffnet und dann die Stereoanlage auf volle Lautstärke gestellt. Aus den Boxen, die groß genug waren, um ein ganzes Stadion zu beschallen, dröhnte Partysalsa der schlimmsten Sorte. Ich wollte eigentlich den Strand und den Klang des Meeres genießen, doch dieses bescheidene Vergnügen blieb mir dank dieses Idioten versagt. Die einzige Maßnahme, um den Tag noch zu retten, hätte wohl darin bestanden, den Möchtegern-DJ mit dem Basie windelweich zu prügeln – einfach so, aus purer Lust und natürlich aus erzieherischen Gründen! Denn man weiß ja: Erziehung ist alles. Leider hatte ich zufällig keinen Basie dabei. Schade.

Am entferntesten Ende des Strandes sah man einen SUV nur wenige Meter entfernt von den Wellen im Sand stehen. Zufällig kam eine Polizeistreife vorbei. Der Polizeiwagen hielt neben dem motorisierten Strandbesucher und man sah, wie der Halter des Fahrzeuges und der Polizist in eine angeregte, um nicht zu sagen, in eine heftige Diskussion gerieten. Wahrscheinlich machte der Gesetzeshüter den Mann darauf aufmerksam, dass es nicht gestattet sei, den Strand mit dem Auto zu befahren. Der Mann antwortete wahrscheinlich, wozu hätte er sich denn ein allradgetriebenes Auto gekauft, wenn er damit nicht einmal über den Strand fahren dürfe. Das bisschen Motoröl könne doch wohl kaum dem riesigen Ozean schaden, und überhaupt sei so ein Biotop nur gesund, wenn es beständig durch Umweltveränderungen herausgefordert werde. Um also einen wirklichen Beitrag für die Umwelt zu leisten, müsste eigentlich an Ort und Stelle ein kompletter Ölwechsel vorgenommen werden. Und da das allein bei einem so gewaltigen Ozean keinesfalls ausreichend sei (immerhin handele es sich um den Pazifik!), könne man ja gleich noch die alte Batterie im Meer entsorgen … Der Polizist und der SUV-Fahrer diskutierten noch eine ganze Weile. Leider konnte man überhaupt nichts hören, weil die Entfernung und das Donnern der Wellen jedes Geräusch erstickten. Manchmal wünscht man sich, der Punisher würde sich öfter melden. Gelegenheit, sein gerechtes Werk zu verrichten, gäbe es jedenfalls genug – in Ecuador wie anderswo.

Im Licht der untergehenden Sonne ließ sich ein junges Hochzeitspaar vor der Kulisse einer steil aufragenden Felswand fotografieren: er im schwarzen Anzug, sie im blütenweißen Brautkleid mit Schleier und Brautstrauß. Beide lächelten gegen die sinkende Sonne an, aber die geologischen Schichtungen im Hintergrund, die von Jahrmillionen des Wechsels von Land und Meer, Hitze und Kälte, Regen und Trockenheit erzählten, degradierten das Glück des jungen Paares zu nicht mehr als einem kurzen Augenblick, kaum länger als ein einziges schnelles Blinzeln in einem langen Menschenleben.