Am Scheideweg

Nur eine kurze Strecke nördlich von Archidona befinden sich die Cuevas de Jumandy. Dabei handelt es sich um ein weites Höhlensystem, das der Tourist in Begleitung fachkundiger Führer auch begehen und erkunden kann. Nachdem Tena sich als Enttäuschung erwiesen hat und uns auch die Zeit fehlt, an einer längeren Urwald-Expedition teilzunehmen – zumal es uns am Willen mangelt, länger auf die gewohnte Bequemlichkeit zu verzichten als bloß ein paar Stunden –, bieten die Höhlen noch einmal Gelegenheit, den unverfälschten Geschmack der Aventüre zu kosten. Die Cuevas de Jumandy sind der letzte Höhepunkt in einer an vielfältigen Eindrücken keineswegs armen Reise und nachdem wir uns bis an den Rand des Himmels vorgewagt haben, wollen wir nun in den Schoß der Erde hinabsteigen.

Der Parque Amazónico in Tena ist leider geschlossen und die Stadt selbst bietet dem neugierigen Reisenden zu wenig Reize, als dass er wünschte, länger zu verweilen. Nach einem Spaziergang entlang des Flussufers beschließen wir daher, weiter nach Norden zu fahren. Über Archidona, wo wir schon die Nacht verbrachten, geht es durch die Provinz Napo Richtung Baeza. Hier gabelt sich die Autopista: Ein Abzweig führt in weitem Bogen nach Nordosten, dicht entlang der Grenze zum Nationalpark Sumaco Galeras. Würden wir dieser Route folgen, könnten wir in wenigen Stunden Lago Agrio erreichen – vorausgesetzt, das Beförderungsmittel, das sich den stolzen Namen „Automobil“ anmaßt, wäre in der Lage, die Strecke zu meistern. Man darf es bezweifeln.

Lago Agrio oder Nueva Loja ist eine Gründung der Ölindustrie. Vor zwanzig Jahren war die Gegend noch unerschlossene Wildnis, doch die Gier nach dem schwarzen Gold brachte die Sünde in das grüne Paradies: neben Träumen von unermesslichen Reichtümern auch texanische Bohrspezialisten. Aus einem Mangel an Phantasie oder schlicht aus Bequemlichkeit liehen sie der Siedlung, die sie soeben aus dem lehmigen Boden gestampft hatten, den Namen ihrer Heimat nahe Houston: Sour Lake. Spanische Zungen können die englischen Namen mit den weichen Vokalen aber unmöglich aussprechen und deshalb werden Fremdwörter in die spanische Sprache eingemeindet, gnadenlos und ohne jede Ausnahme: So wurde Sour Lake zum ecuadorianischen Lago Agrio.

Der andere Abzweig, der in Baeza seinen Ausgang nimmt, führt in die entgegengesetzte Richtung, nach Westen. Diese Strecke ist uns bereits bekannt: Zunächst erreicht man die Thermen von Papallacta ehe man am Pass gleichen Namens auf über viertausend Metern die Kordillere überschreitet. Bis zur Passhöhe geht es stetig und unwiderruflich bergauf und schon kurz hinter Baeza betritt man das Reich der Berge mit den schneebedeckten Vulkangipfeln und den kalten nebligen Tälern. Wir ahnen, welche Qualen dem Automobilisten auf den langen Anstiegen noch bevorstehen, denn schon auf ebener Strecke tendiert das Beschleunigungsvermögen unseres Wagens gegen Null. Wir trösten uns mit dem Gedanken, dass dies die letzte Fahrt ist – schon zwei Tage später werden wir das Auto zurückgeben.

In die Caldera

Vor einigen Wochen hatten wir den Pululahua-Krater besucht. Wir waren damals jedoch am Kraterrand geblieben und hatten lediglich einen kurzen Blick in die Caldera riskiert, denn wir fürchteten, der Abstieg und noch viel mehr der unvermeidliche Aufstieg würden sich zur körperlichen Tortur auswachsen. Nun aber hatten wir uns doch dazu verleiten lassen hinabzusteigen.

Ich schätzte, dass ein geübter Wanderer in nicht mehr als einer Stunde bis zum Boden gelangen könnte, und dass er zwei Stunden benötigte, um wieder emporzusteigen. Es zeigte sich dann aber, dass man gerade eine halbe Stunde braucht, um nach unten zu gelangen, und eine Stunde, um wieder hinaufzusteigen, und dabei hatten wir uns noch nicht einmal beeilt, sondern viele Pausen eingelegt – um zu rasten, zu fotografieren und einfach, um den herrlichen Ausblick zu genießen.

Der Weg führt an der Wand der Caldera entlang und ein steiniger Saumpfad, der an manchen Stellen kaum breit genug ist, auch nur einer Person Platz zu bieten, windet sich im Zickzack der Serpentinen in die Tiefe. Beiderseits wird der Weg von dichter Vegetation gesäumt – Regen und die allabendlich über den Krater ziehenden Wolken spenden Feuchtigkeit genug, um üppigen Pflanzenbewuchs zu ermöglichen. Abfließendes Regenwasser hat tiefe Rinnen in den Boden gewaschen und freigelegte Gesteinsbrocken und allerlei Geröll machen den Abstieg oft zu einem schwierigen Balanceakt. Die Wahl festen Schuhwerks erweist sich in jedem Fall als eine kluge Entscheidung.

Auf dem Weg in den Krater begegnen einem kaum Menschen. Die meisten Touristen scheuen die anstrengende und vor allem zeitraubende Klettertour und sie bleiben daher oben am felsigen Kraterrand. Man steigt allenfalls fünfzig Meter hinab, schießt wie zum Beweis des eigenen Wagemuts ein paar schnelle Selfies und klettert dann wieder hoch zur Aussichtsplattform. Der Selfie-Stick ist dabei ein unerlässliches Utensil und ich habe noch nie so viele Menschen mit dem lächerlichen Stab auf einem Haufen gesehen.

Eigentlich hatten wir gar nicht vorgehabt, den Boden des Kraters zu besuchen, aber nach zehn Minuten war schon fast die Hälfte der Strecke zurückgelegt und es kam uns nicht einmal besonders anstrengend vor. Ich weiß nicht, ob es Entdeckergeist war oder einfach Neugier, aber da wir schon einmal so weit gekommen waren, erschien es uns irgendwie töricht, so kurz vor dem Ziel umzukehren. Wenn eine Wanderung so angenehm ist wie diese, verbietet es sich, an den Rückweg und seine Strapazen zu denken.

Während des Abstiegs begegneten uns zweimal Bewohner des Kraters. Beim ersten Mal war es eine ältere Frau. Sobald sie meine Kamera sah, machte sie mit einer unmissverständlichen Geste klar, dass sie nicht fotografiert zu werden wünschte. Wahrscheinlich gibt es viel zu viele Besucher, die den Krater für eine Art Freilichtmuseum halten und die sich nicht scheuen, seinen sehr zurückgezogen lebenden Bewohnern mit geradezu voyeuristischer Neugier zu begegnen. Der zweite Kraterbewohner, der uns an diesem Tag über den Weg lief, war ein Mann mit seinen beiden Maultieren. Eines der Tiere ritt er selber, das andere diente ihm als Lasttier; es war mit Bündeln und Kanistern bepackt. Er grüßte freundlich, beachtete mich und die Kamera aber sonst nicht weiter.

Wir gelangten schneller zum Kratergrund, als wir es für möglich gehalten hatten: Vor uns breitete sich eine weite Idylle aus Wiesen und Weiden aus. Feldwege führten schnurgerade durch den sattgrünen, bunt mit Blumen gesprenkelten Rasenteppich. An den Rändern sah man den Mais sich in die Sonne recken. Pferde galoppierten über die Weiden und Hunde trotteten gemächlich auf den Wegen daher.

Wir kamen an einem alten Gehöft vorbei, das durch Jahrzehnte der Vernachlässigung in Verfall geraten war. Die Dachbalken kragten wie die Spanten eines geplünderten Piratenschiffes in die Luft. Die Denkmalpflege hatte zwar verzweifelte Anstrengungen unternommen, die zerbröckelnden Mauern vor dem Einsturz zu bewahren, doch es schien, alle Bemühungen wären vergeblich, denn sie kamen zu spät. Die Zeit forderte ihren Tribut – der Verfall hatte längst das Stadium der Unumkehrbarkeit erreicht und alles, was von dem einstmals ansehnlichen Haus noch übrig ist, sind brüchige Mauern und eine Handvoll morscher Balken.

Gleich nachdem man den Kraterboden erreicht hat, führt der Weg an einem Haus vorbei. Der Bau ist rund wie eine Jurte und von der Höhe des Kraterwalls aus betrachtet, wirkt er er eher wie der Tank einer Kläranlage. Auf dem Grundstück war ein junger Mann gerade mit Gartenarbeiten zugange. Er sprach gebrochen Englisch und wir erfuhren, dass man Zimmer mieten könne, nur wusste er nicht, wie viel man zu bezahlen hätte. Später fragte er seinen Vater – zwanzig Dollar verlangte man für die Nacht. Es schien jedoch nicht viele Reisende zu geben, die von dem Angebot Gebrauch machten. Als ich später allein durch den Krater streifte, begegnete mir nur ein junges Paar, das sich offenbar auf eine romantische Abenteuerreise begeben hatte. Ansonsten war ich ganz allein. Zwischen den Kraterwänden herrschte eine so tiefe Stille, dass jedes fremde Geräusch wie der Vorbote einer Invasion wirkte.

Mitten im Krater gibt es ein kleines Hotel. Ich gelangte eher zufällig zu diesem Ort, während ich den Feldwegen ziellos durch die üppig grüne Flur folgte. Es schien, das Gasthaus stand leer und die einzigen Bewohner waren der Besitzer, seine Familie und eine Angestellte. Von der anderen Seite hörte ich Kinderlachen und als ich den Bau umrundete und einen neugierigen Blick wagte, sah ich eine Frau, die an irgendeiner Maschine mit etwas Schweißtreibendem beschäftigt war: Sie brauchte ihre ganze Kraft, um ein großes, schweres Handrad zu drehen. Ich weiß nicht, was genau sie da tat, aber es sah aus wie etwas, das Mägde und Knechte auf einem Gutshof um das Jahr 1900 getan haben würden. Zwei Kinder tollten in der Nähe herum. Ich wollte nicht stören und begab mich in den Gästeraum.

Das kleine Hotel ist so rustikal eingerichtet, dass man sich vorstellen könnte, man sei in einer Berghütte in den Rocky Mountains. Doch Bergsteiger und andere Abenteurer bekommt man hier wohl eher nicht zu Gesicht, denn es bedarf keiner besonderen körperlichen Fähigkeiten oder einer speziellen Ausrüstung, um zum Grund des Kraters zu gelangen. Es dauerte geraume Zeit, bis es mir gelang, auf mich aufmerksam zu machen. Ich wollte einfach nur eine Weile sitzen und ausruhen und damit ich einen Vorwand hätte, bestellte ich einen Kaffee.

Eine Angestellte war gerade damit beschäftigt, Caldo de pollo, also Hühnersuppe, zu kochen. Der aromatische Duft zog durch das ganze Haus und obwohl ich Suppen im Allgemeinen und Hühnersuppe im Speziellen gar nicht mag, bekam ich dennoch Appetit, weil es so verführerisch roch. Als die Frau dann endlich geruhte, meine Anwesenheit zu bemerken, nahm sie meine Bestellung in einer Mischung aus Verwunderung und Widerwillen entgegen. Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit bis der Kaffee kam. Nach guter alter Landessitte bestand er aus Instantpulver, das mit heißem Wasser aufgegossen worden war. Zumindest machten Milch und Zucker das Getränk einigermaßen genießbar.

Während ich so dasaß und meinen Kaffee trank – zum Glück war er heiß –, schaute der Besitzer vorbei. Er nahm von mir keinerlei Notiz, grüßte auch nicht, obwohl ich doch als der einzige Gast in der Lobby seines Hotels saß. Ich sprach ihn an, weil ich mehr über den Krater in Erfahrung bringen wollte, und wenn es jemanden gäbe, der darüber Bescheid wüsste, dann doch wohl er, da er hier lebte. Meine Spanischkenntnisse sind nicht der Rede wert, aber mein Englisch ist passabel und so fragte ich ihn, ob er Englisch spräche. Er bejahrte und ich hatte sogar den Eindruck, dass er die Sprache sehr gut beherrschte, fast wie jemand, der längere Zeit in den USA verbracht hatte. Doch ich kann mich natürlich auch täuschen, denn seine Antworten blieben einsilbig. Meist beschränkte er sich sogar nur auf ein, wie es schien, widerwillig dahingemurmeltes Ja oder Nein.

Schon nach wenigen Minuten ging mir der Redestoff aus und außerdem kommt man sich schnell wie ein Idiot vor, wenn man immer nur Fragen stellt, aber nie eine Antwort bekommt. Es ist alles andere als erbaulich zu versuchen, mit jemandem ein Gespräch zu führen, der nicht im Geringsten an einer Unterhaltung interessiert zu sein scheint. Der Mann verstand mein Angebot zum Smalltalk offenbar gründlich falsch und ich hatte sogar den Eindruck, er fühlte sich regelrecht belästigt. Vielleicht lässt man sich als Hotelbesitzer zu solcherart seichter Unterhaltung nur herab, wenn man es mit zahlenden Gästen zu tun hat.

Ich verabschiedete mich und machte mich auf den Rückweg. In der Einsamkeit des Kraters hat man sich menschlicher Gesellschaft offenbar bis zu dem Punkt entwöhnt, dass man selbst schon die flüchtige Begegnung mit Fremden als Störung empfindet. Ich hatte den Eindruck, die Leute wollten für sich bleiben und das mag auch der Grund sein, warum sie die Anwesenheit neugieriger Reisender nur ungern dulden. Ich wundere mich aber, warum man ausgerechnet ein Hotel betreibt, wenn man doch mit Menschen nichts zu tun haben möchte. Das ist ungefähr so, als würde jemand mit einer ausgeprägten Anthropophobie ausgerechnet im Kundenservice bei Ikea arbeiten.

Der Aufstieg hatte es in sich. Wenn man nicht daran gewöhnt ist, Treppen zu steigen oder sich in schier endlosen Trainingssitzungen auf dem Stepper zu kasteien, beginnen die Oberschenkel schon nach kurzer Zeit infernalisch zu brennen. Aber man hat es ja nicht eilig und man kann so viele Pausen machen, wie man eben braucht, um sich wieder zu erholen. Die Mittagssonne schien heiß auf die Kraterflanke und der Fels speicherte und reflektierte die Wärme wie die Ziegelwände in einem alten Bäckerofen. Die steil aufragenden Wände der Caldera unterbinden jede Luftzirkulation und an manchen Abschnitten des Weges staute sich die Hitze wie im Fokus eines Brennspiegels. Schon nach kurzer Zeit rann mir der Schweiß über den Rücken, als hätte ich ein anstrengendes Ausdauertraining absolviert. Das Shirt klebte mir auf dem Leib und ich hätte sonst etwas gegeben für eine kühlende Brise. Doch man spürte nicht den geringsten Lufthauch.

Anderen Spaziergängern machte der Aufstieg weniger zu schaffen: Als ich einmal rastete (und dabei die schöne Aussicht genoss), überholte mich eine Frau von vielleicht Siebzig. Sie trug einen dicken Wollpullover, dazu auf dem Kopf ein grünes Filzhütchen, wie es in Deutschland wohl nur passionierte Jäger im Seniorenalter aufzusetzen pflegen. Dazu hatte sie sich einen prall gefüllten Rucksack auf den Rücken geschnallt. Sie grüßte mich freundlich und stapfte dann in einem solch forschen Tempo den Pfad hinauf, dass man glaubte, sie wäre fest entschlossen, sämtliche Rekorde einzustellen. Während sie hurtig an mir vorbeizog, rätselte ich, wie man es in dieser Hitze fertigbringt, einen dicken Wollpullover zu tragen (wahrscheinlich war er aus molliger Alpaka-Wolle gefertigt) und dazu noch einen Filzhut und es dennoch vermeidet zu schwitzen.

Oberhalb des Kraters gibt es ein schönes Hotel mit einem gemütlichen Restaurant. Das Hotel sitzt auf dem Grat des Kraterwalls wie die Ananasspalte auf der Piña colada. Es gibt eine kleine Lobby unter einer Kuppel, in deren Zenit sich ein Fenster befindet, das gleich einem allsehenden Auge Licht spendet. Man sitzt entspannt in den überaus bequemen Sesseln, trinkt Tee aus Guayusa, einer Pflanze des Oriente, und schaut durch die riesigen Panoramafenster verträumt in die karge Hochgebirgslandschaft.

Vom Restaurant aus blickt man direkt in den Krater und an jedem Nachmittag wird man Zeuge, wie die Wolken gleich einem Wasserfall aus Trockeneisnebel in Zeitlupe über den Felsgrat in die Caldera stürzen. Wenn man vom behaglichen Innern des Hotels aus die aufregend andersartige Welt jenseits der Panoramafenster gewahrt, fühlt man den angenehmen Schauder des Exotischen und man kommt sich so vor, als befände man sich im beschützten Innern seines Raumschiffs, das gerade auf einem fremden, gefährlichen Planeten gelandet ist. Und aus der sicheren und komfortablen Kommandozentrale bewundert man die ganz und gar unvertraute Landschaft mit ihren grandiosen Schauspielen.

Botschaften von der anderen Seite der Straße

Eines Tages steckte eine Nachricht unter einem der Scheibenwischer unseres Autos. Ich wunderte mich, denn dies war kein Zettel, den man aus einem Notizblock gerissen und hastig beschrieben hatte, um jemanden in aller Eile über etwas Wichtiges in Kenntnis zu setzen. Vielmehr handelte es sich um einen sauberen Bogen Papier im DIN-A4-Format. Das Blatt war mit einem längeren Text beschrieben und mit einem Laserprinter ausgedruckt worden. Ich fragte mich ein wenig besorgt, wer die Person sei, die mir diese offenbar wichtige Mitteilung zukommen lassen wollte, aber der Verfasser ließ sich nicht ermitteln, denn die Unterschrift fehlte.

Obwohl ich den Inhalt mehr erriet, als dass es mir gelang, ihn mir aus dem Spanischen zusammenzureimen, war klar, dass es um unseren Wagen ging. Ich gab die Nachricht später meiner Frau und sie bestätigte mir, was ich ohnehin schon wusste: Man beschwerte sich in recht weinerlichem Ton darüber, dass wir unser Auto immer vor dem Haus auf der anderen Seite der Straße parken würden.

Man – offensichtlich handelte es sich um die Person, die in dem feudalen Anwesen gegenüber residiert – ersuchte uns dringend darum, den Wagen nicht mehr vor seinem (oder ihrem) Haus abzustellen. Die Gründe hierfür konnte man getrost als Vorwand abtun: Wortreich und gleichermaßen larmoyant erging sich der Verfasser darüber, dass das Parken auf der Straße den Verkehrsfluss behindere und überhaupt die allgemeine Ordnung störe (Ich muss annehmen, man arbeitet demnach bei der Verkehrspolizei). Um die Dringlichkeit der Botschaft zu unterstreichen, war gleich der gesamte Text in Versalien gesetzt worden, als handelte es sich um eine höchstrichterliche Anordnung, der man unter Strafandrohung Folge zu leisten hätte.

Man muss wissen, dass es in unserer Wohnanlage weder eine Parkordnung gibt, noch Sonderparkzonen. Jeder kann sein Auto abstellen, wo es ihm beliebt, vorausgesetzt, er steht nicht gerade auf dem Bürgersteig, blockiert keine Einfahrt und behindert nicht den Verkehr. Obwohl es sich um eine private Wohnsiedlung handelt, sind die Straßen allen Anwohnern gleichermaßen zugänglich. Alle Häuser in der Anlage verfügen ohnehin entweder über Parketagen oder den Hauseigentümern bzw. Mietern stehen eigene Parkplätze auf dem Grundstück zur Verfügung. Nicht viele scheinen jedoch die Parkmöglichkeiten im eigenen Haus zu nutzen, denn manche der Straßen innerhalb der Anlage sind so dicht mit Autos zugestellt wie eine vielbesuchte Einkaufsstraße im Zentrum von Quito.

Zwar haben auch wir einen eigenen Parkplatz im Parkkeller, doch liegt er abgelegen in einer Ecke, noch dazu genau neben einem Betonpfeiler. Es ist alles andere als ein Vergnügen, den Wagen dort ein- oder auszuparken, und hat man ihn erst einmal abgestellt, kommt man wegen der Enge nur mit größten Schwierigkeiten aus der Tür. Das Ausparken ist eine Qual, da man in der engen Garage immer mehrere Anläufe braucht, um zu drehen. Dabei muss man stets höllisch aufpassen, sich nicht den Lack an den Kanten des Betonpfeilers abzuschmirgeln. Da parke ich lieber gleich auf der Straße, wie viele andere Residenten der Anlage auch.

Jeder, der in unserer Wohnanlage residiert, glaubt, er sei ein kleiner König, ein Monarch nach eigenem Recht, ausgestattet mit Exklusivrechten, die niemand anderer für sich beanspruchen darf. Das ist keineswegs eine Übertreibung, sondern alltägliche Wahrheit: Ecuador ist trotz aller Veränderungen, die sich in den letzten Jahren mühsam ihren Weg gebahnt haben, immer noch ein Land der Klassen und der Klassengegensätze. Die Menschen, die in teuren Wohnanlagen wie dieser wohnen, gehören der Oberschicht an, einem Menschenschlag, der sein Selbstverständnis aus seinen Privilegien und seinem gesellschaftlichen Einfluss ableitet und der seine führende Position im Land seinem Besitz sowie Jahrhunderte alten Gewohnheitsrechten und Traditionen verdankt.

Die Leute, denen man hier in der Anlage begegnet – falls man ihnen begegnet, denn die meisten ziehen die aristokratische Distanz vor – sind in vielerlei Hinsicht ganz anders als die übrigen 99 Prozent der Bewohner dieses Landes. Herkunft, Stand und soziales Prestige sind über alle Klassengrenzen hinweg bedeutsam. Ständig wird man taxiert, wer man sei, was man hier wolle, wie man überhaupt hereingekommen wäre. Man kommt sich manchmal so vor, als stünde man vor den Pforten eines elitären Klubs und ein prüfender Blick des Hausbutlers entscheide, ob man eingelassen werde oder nicht. Selbstverständlich hat man jede Chance verwirkt, wenn man jetzt Cargo-Shorts und T-Shirt trägt, wenn man nicht glattrasiert ist und das Haar nicht kurzgeschnitten ist und ordentlich gescheitelt als wäre man ein Primaner.

Es ist schon merkwürdig, wie der gesellschaftliche Zwang zur Etikette das Aussehen der Leute vereinheitlicht: Alle sehen immer so aus, als kämen sie gerade aus dem Büro oder als wären sie dorthin unterwegs. Individualität drückt sich jedenfalls nicht im äußeren Erscheinungsbild aus und die schrägen Typen, die wie bunte Farbtupfer aus der Masse herausstechen, gibt es hier einfach nicht.

Ich weiß bis heute nicht, warum der Hausbesitzer Anstoß daran nahm, dass unser Wagen auf der Straße vor seinem Anwesen parkte. Eine Ordnungswidrigkeit war in jedem Fall ausgeschlossen. Wahrscheinlich empfindet er diesen Teil der Straße als sein Eigentum, als sein kleines Königreich, über das nur er gebieten darf und sonst niemand. Zwar gehört ihm die Straße nicht, und er hat auch kein Recht, irgendjemandem irgend etwas zu verbieten, aber wer würde da nicht die Beherrschung verlieren, wenn plötzlich ein fremder Wagen vor dem Wohnzimmerfenster stünde!

Ich war versucht, das Auto dennoch vor seinem Haus abzustellen, genau vor seiner Eingangstür und zwar so, dass er es gar nicht übersehen könnte. Doch man muss immer mit der Rachsucht jener Leute rechnen – ein Schelmenstück wie dieses würde sie in ihrer Ehre kränken und man weiß ja, wozu gekränkte Ehre fähig ist. Ein dicker Kratzer im Lack oder ein durchstochener Reifen bedeuteten am Ende mehr Ärger als die Sache überhaupt wert ist. Wann immer es möglich ist, parke ich daher auf unserer Seite der Straße. Ich habe mit diesen Leuten nichts zu schaffen und ich habe auch nicht vor, sie mir zu Freuden zu machen, solange ich hier in dieser Wohnanlage noch lebe. Aber wahrscheinlich sind sie genauso froh darüber wie ich, dass wir uns aus dem Weg gehen.

Die leidige spanische Sprache

Der Erwerb einer fremden Sprache folgt ganz eigenen Gesetzen. Wie man weiß, lernen die Menschen nicht alle auf dieselbe Weise, und ein Weg, der dem einen schnelle Erfolge verspricht, mag den anderen in eine Sackgasse führen. Aus Erfahrung weiß ich, dass ich eine Sprache am besten lerne, wenn ich sie nur oft genug höre, insbesondere, wenn die Worte von einem Muttersprachler gesprochen werden. Zumindest war es beim Englischen so, der einzigen Fremdsprache, die ich gut genug spreche, um darin sowohl eine gepflegte Unterhaltung zu führen, die nicht ständig an den eingeübten Floskeln des Smalltalks kleben bleibt, als auch ohne die Hilfe eines Wörterbuches Texte zu lesen, deren Schwierigkeitsgrad ein klitzekleines Bisschen über das Niveau der Dialoge bei den Teletubbies hinausgeht.

Experten – Linguisten, Lernforscher, Polyglotte – räumen ein, es mag zwar ausgewiesene Sprachtalente geben, dennoch könnten auch Menschen Fremdsprachen erlernen, die sich selbst überhaupt nicht für sprachbegabt halten (in diese Kategorie falle ich). Ich möchte der Expertenmeinung nicht grundsätzlich widersprechen und ich glaube sogar, dass unter idealen Bedingungen jeder eine Fremdsprache erlernen kann, doch meist sind die Bedingungen weit davon entfernt, ideal zu sein und dann hat natürlich derjenige, dem der Zugang zur Sprache leichtfällt, einen Vorteil gegenüber dem „Normalbegabten“.

Vor einigen Jahren traf ich in Berlin einen jungen Brasilianer, der erst seit wenigen Wochen in der Stadt lebte. Obwohl er sozusagen kaum angekommen war, sprach er so gut Deutsch, dass ich direkt neugierig wurde. Ich fragte ihn, wie er denn die Sprache so schnell habe erlernen können. Er erzählte mir, dass er sich, ein Jahr bevor er nach Deutschland kam, jeden Tag DVDs auf Deutsch angeschaut und auch oft die „Deutsche Welle“, das deutsche Auslandsfernsehen, geguckt hätte. Ich war begierig zu erfahren, ob er denn nicht Vokabeln habe lernen müssen oder ob er denn nicht Übungen zur Grammatik gemacht hätte, aber er verneinte. Natürlich sprach er nicht perfekt und manchmal fehlte ihm das eine oder andere Wort, doch war er dann zumindest fähig, wortreich und sehr anschaulich zu beschreiben, was er meinte, und wenn man nur deutlich genug sprach, verstand er fast alles auf Anhieb. Das ist mehr als erstaunlich und ich denke, nur wenige Menschen sind mit einem derartigen Sprachtalent gesegnet. Ich kann mit größter Sicherheit erklären, dass ich nicht zu diesen Glücklichen gehöre.

Gemeinhin stellt man sich vor, man müsse nur lange genug in einem fremden Land leben und wenn der Kontakt zu seinen Bewohnern auch eng genug ist, sei das Erlernen der Sprache dieses Landes ein Kinderspiel, etwas, das man gewissermaßen en passant erledigen kann – auch ohne lästiges Vokabelnpauken, ohne langweilige Grammatikübungen und vor allem ohne quälende Repititorien. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass an dieser Idee ungefähr so viel dran ist wie an der Illusion, man könnte übers Wasser laufen, wenn man es sich nur fest genug vornimmt.

Der Aufenthalt in einem fremden Land ist natürlich noch kein Garant dafür, dass man auch die Sprache erlernt, denn der Lernerfolg ist an bestimmte Bedingungen geknüpft, und fehlen diese, ist der Erwerb des fremden Idioms nur um den Preis von Blut, Schweiß und Tränen sowie jeder Menge Kopfschmerzen möglich. All die Expats, die sich in Kulturen eingerichtet haben, deren Sprache sie nicht sprechen – sei es, dass sie nicht wollen, sei es, dass sie nicht können –, und die deshalb auch noch nach Jahren in ihrer neuen Heimat wie Fremdkörper wirken, geben davon beredt Zeugnis. Ich habe in Berlin Menschen getroffen, die kaum fähig waren, auch nur ein Dutzend Worte auf Deutsch zu sagen, obwohl sie fünf Jahre oder länger in der Stadt lebten. Das ist bedauerlich, aber eigentlich sollte ich nicht sie, sondern mich selbst bedauern, denn im Augenblick bin ich gar nicht so weit davon entfernt, ihre Erfahrung zu wiederholen, und es gibt Momente des Versagens und der Unfähigkeit, in denen ich wirklich den Tränen nahe bin – Tränen der Wut.

Die wichtigste Bedingung für den Lernerfolg ist natürlich, dass man mit der Sprache, die man lernen möchte, überhaupt in Kontakt kommt – je öfter dieser Kontakt stattfindet und je nachhaltiger er ist, für umso wahrscheinlicher kann man es ansehen, dass man ein Verständnis für die neue Sprache entwickelt. Der Versuch, eine Sprache zu meistern, die man weder tagtäglich hört noch selbst zu sprechen gezwungen ist, kommt dem Bestreben gleich, das Schwimmen zu lernen, ohne jemals ein Schwimmbad von innen gesehen zu haben.

Ich komme hier mit absolut niemandem in Kontakt. Es scheint fast, als lebte ich in einem Paralleluniversum, das zufällig einige Überschneidungen mit dieser Welt aufweist, dem Universum von Newton und Einstein. Ansonsten aber gibt es nicht viele Gemeinsamkeiten zwischen meiner Welt und der Welt da draußen. Die Bewohner unserer Urbanisation entziehen sich größtenteils der Annäherung durch ihre Mitmenschen, aber die Wohnanlage ist ja auch keine normale Stadt mit einem normalen öffentlichen Leben, das die Möglichkeit böte, sich zu begegnen.

Es gibt hier eigentlich nur zwei Arten von Residenten: Die einen sind wohlhabend und die anderen sind steinreich. Verschwiegenheit bedeutet hierzulande Sicherheit (s.v. „Kriminalität“) – je weniger die Nachbarn von einem wissen, desto sicherer fühlt man sich und desto besser glaubt man sein Eigentum beschützt. Da ist es natürlich schwierig, einen Kontakt aufzubauen. Außerdem fahren alle mit dem Auto und nur ein paar Verrückte gehen manchmal joggen. Die einzigen Worte bzw. Redewendungen, die ich wirklich brauche, um einigermaßen komfortabel durch den Tag zu kommen, beschränken sich auf „Guten Tag“ und „Danke“. Mehr muss ich eigentlich nie sagen und manchmal ist auch das schon zu viel. Es leuchtet ein, dass man eine Sprache wohl kaum wird lernen können, wenn es keinen Anlass gibt, sie zu sprechen.

In den USA habe ich viel fern gesehen. Im Gegensatz zu seinem etwas biederen deutschen Gegenstück ist amerikanisches Fernsehen eine Sache mit erheblichem Suchtpotential; ich liebe US-TV, denn es ist einfach nur großartig und wie von einer psychedelischen Droge kann man davon eigentlich nie genug bekommen. Doch der Marathon vor der Glotze dient nicht nur rein hedonistischen Zielen, sondern hat zugleich auch einen ganz praktischen Zweck: Durch die Dauerberieselung verbessert sich das Hörverständnis ganz enorm. Selbst die Werbung nützt da. Es ist ein wirklich erhebendes Gefühl, wenn man plötzlich feststellt, dass man alles versteht und dass man zum Beispiel den witzigen Plaudereien in den Late-Night-Shows oder den Pointen der Comedians problemlos zu folgen vermag. Dazu muss man mit keinem besonderen Sprachtalent gesegnet sein – es reicht, die Mattscheibe anzubeten.

Leider haben wir hier in Ecuador keinen Fernseher und so bin ich fast vollkommen von der Möglichkeit abgeschnitten, zumindest hin und wieder etwas Spanisch zu hören. Ich könnte mir auf Youtube Videos hochladen, aber – mein Gott! – das hätte ich auch in Berlin tun können. Dazu hätte ich nicht um den halben Erdball reisen müssen. Zu allem Übel scheint sich im Fundus der spanischsprachigen Videos kaum etwas wirklich Gescheites zu finden. Man stößt nur immer wieder auf die unsäglichen Telenovelas. Ich hasse diese absurden Daily Soaps aber so sehr, dass sie für mich ein Grund wären, niemals auch nur eine einzige spanische Vokabel zu lernen.

Spanisch ist keine einfache Sprache. Ich möchte nicht bezweifeln, dass es Menschen gibt, die Spanisch leicht finden und die auch in kurzer Zeit Lernerfolge erzielen, von denen ich nur träumen kann. Für mich ist diese Sprache so kompliziert wie nur irgendein exotisches Idiom aus dem hintersten Winkel der Welt, und ich habe manchmal das Gefühl, ich könnte noch eher Mandarin oder Arabisch lernen als Spanisch. Ich muss mir eingestehen, dass ich leider überhaupt keine Ader für diese Sprache habe. Mit viel Fleiß könnte man sicher so manches erreichen, allein mir fehlt der Antrieb; und man kann so manches über mich sagen, aber zu behaupten, ich sei fleißig, wäre ungefähr so, als würde man Mario Barth witzig nennen. Was nützt es, eine Sprache zu lernen, wenn man mit niemandem sprechen kann!

Wenn ich viel Englisch höre, kann ich mir Redewendungen und Wörter merken, und es ist erstaunlich, wie viel mein Hirn festzuhalten vermag, auch ohne dass ich mich langwierigen Exerzitien über Vokabellisten verschreiben müsste und ohne dass ich mich der Selbstkasteiung des Grammatikstudiums auszuliefern hätte. Aus irgendeinem Grund, der für mich ein vollkommenes Mysterium bleibt, verweigert das störrische Denkorgan aber denselben Dienst, wenn es sich um Spanisch handelt. Ich denke manchmal, die Art der Verschaltung meiner Neuronen steht der Beherrschung dieser Sprache so sehr entgegen wie die berüchtigten zwei linken Füße einer Karriere als Rudolf Nurejew. Wir, die spanische Sprache und ich, sind einfach nicht füreinander geschaffen, und wie es aussieht, können wir niemals Freunde sein.

Ich habe das ungute Gefühl, je länger ich hier lebe, umso weniger verstehe ich und umso weniger bin ich überhaupt fähig, selbst einfachste Sätze zu bilden. Die meisten Wörter kann ich nicht einmal korrekt aussprechen und die wenigen Sprechversuche, zu denen mir der Alltag Anlass gab, gipfelten darin, dass man mich je nach Sympathie entweder unsicher lächelnd oder achselzuckend oder fragend oder völlig verwirrt ansah. Je mehr Mühe ich mir gebe, mich verständlich zu machen, desto größere Verwirrung scheinen meine stockend vorgebrachten Ausführungen zu stiften. Das ist einfach nur frustrierend und mittlerweile habe ich eine regelrechte Abneigung dagegen entwickelt, überhaupt irgendetwas auf Spanisch zu sagen. Aber das muss ich ja auch gar nicht. Wie man grüßt und sich bedankt, habe ich gelernt, und das reicht, um durch den Tag zu kommen. Mehr wird vielen Expats übrigens auch nicht abverlangt und ich fühle mich fast schon wie einer von ihnen.

Es ist ermüdend und gleichermaßen unfruchtbar, immer nur Vokabeln zu lernen, wenn man keine Möglichkeit hat, sie zu üben. Es ist wirklich erstaunlich, wie schnell man vergisst: Mein Kopf ist wie ein Schwarzes Loch, das alles, was hineingelangt, unerbittlich verschlingt und niemals wieder lässt es auch nur den kleinsten Zipfel davon wieder hervortreten. Ich frage mich, wo all die vielen Vokabeln geblieben sind, die ich mir unter so großen Mühen versucht habe ins Gedächtnis zu hämmern. In meinem Kopf sind sie jedenfalls nicht.

Dafür geschehen neuerdings kuriose Dinge: Während ich mich krampfhaft an eine spanische Vokabel zu erinnern versuche, schießen mir plötzlich russische Wörter ins Hirn, die ich seit einer Ewigkeit weder gehört, noch gesprochen habe und an die mich zu erinnern ich nicht einmal den Wunsch verspüre. Das ist schon eine merkwürdige Art von Ironie (wirklich, sehr witzig!) und zugleich ist dieser unerbetene „Besuch“ aus der Vergangenheit schon ein wenig befremdlich, denn eigentlich habe ich mich als Teenager mehr für die durchsichtigen Blusen meiner Russischlehrerin als für das Schul-Russisch erwärmen können.

Vielleicht ist dies eine Art himmlisches Zeichen, um mir zu verstehen zu geben, ich solle ja nicht glauben, es sei bereits vorbei mit der russischen Sprache. Als Atheist und Rationalist vermag ich mich zwar nicht so recht davon zu überzeugen, dass nicht existente himmlische Mächte mir Zeichen schicken, aber die Welt ist ja bekanntlich größer als der eigene Verstand und man sollte die Türen stets geöffnet halten für unerwarteten Besuch.

Es könnte sich auch bloß um eine pathologische Laune meines Gedächtnisses handeln, das wie bei einer voll belegten Festplatte fieberhaft Speicherplatz zu schaffen versucht, indem es den alten Datenmüll entsorgt. Kürzlich ist mir sogar die verrückte Idee gekommen, dass ich, zurück in Berlin, meine Russisch-Studien wieder aufnehmen könnte. Gelegenheit zu sprechen, gäbe es jedenfalls genug, denn schließlich gilt Berlin innerhalb Deutschlands als die heimliche russische Hauptstadt. Aber das ist sicher nur so eine Flitzidee, die sich schnell verliert, sobald ich wieder in den hektischen Alltag der Stadt eintauche.

Ein Friedenskuss zum Neuen Jahr

Am Abend des letzten Tages im Jahr waren wir gleich zweimal eingeladen: einmal bei der Madrina (also der Patentante meiner Frau) und dann bei der Tía, der Tante, der ich bei der Zubereitung des Truthahn geholfen hatte. So ein Silvesterabend ist in Bahía eine ganz beschauliche Angelegenheit: Man stellt Stühle vor das Haus, auf denen dann die Gäste zwanglos platziert werden. Es gibt Speisen und Getränke, man unterhält sich oder lauscht einfach nur der Musik. Fast immer feiert man mit der Familie.

An diesem Abend hatte Julio, der Mann der Madrina, ein paar Flaschen guten chilenischen Wein mitgebracht. Zu Essen gab es, ganz dem Brauch entsprechend, natürlich Truthahn und Condumio. Condumio ist eine gehaltvolle und traditionell zu Truthahn gereichte Soße, die so dick ist, dass man sie auf den ersten Blick für ein Frikassee halten könnte. Man bereitet Comdumio aus Weißbrot, Wein, Walnüssen sowie Gewürzen zu. Die Soße schmeckt leicht süßlich und passt ausgezeichnet zum Truthahnbraten. Ich trank an diesem Abend drei Gläser von dem exzellenten Rotwein, den Julio mitgebracht hatte, aber ich aß nicht allzu viel, da wir ja auch noch bei der Tante eingeladen waren. Mitten auf der Straßenkreuzung verbrannten derweil knisternd die Reste einer Silvesterfigur. Manchmal krachte das Holz in der Glut und dann stoben Funkengarben in den dunkelpurpurnen tropischen Nachthimmel.

Im Haus der Tante hatte sich zur selben Zeit die andere Hälfte der Familie versammelt. Der Truthahn war bereits tranchiert und selbst noch das letzte Fitzelchen Fleisch war fein säuberlich von den Knochen gelöst worden, als hätte eine Ameisenarmee erst kürzlich den Kadaver gesäubert. Die Gäste lobten das Essen und die Tante erklärte ihnen, ich hätte den Truthahn zubereitet. Das war natürlich eine maßlose Übertreibung, denn mein Anteil an der Vorbereitung dieses Essens bestand in kaum mehr, als den Puter in den Ofen zu schieben. Das ungerechtfertigte Lob war mir nachgerade peinlich und ich wies die fremden Lorbeeren umgehend zurück, indem ich erklärte, dass die Tante ganz allein gekocht und ich ihr beim Truthahn nur ein wenig assistiert hätte. Aber in der Tat war der Braten gut gelungen: Das Fleisch war wunderbar saftig und weich, was aber nicht zuletzt daran gelegen haben mag, dass die Tante einen Puter von guter Qualität gekauft hatte. Eine Spur Thymian rundete das Aroma perfekt ab.

Am Rande des Familienmahles kam ich mit Vladir ins Gespräch. Vladir ist der Ehemann einer Cousine meiner Frau. Er spricht sehr gut Englisch, so dass wir tatsächlich ein Gespräch führen konnten, denn mein mehr als dürftiges Spanisch gestattet mir nicht einmal die einfachste Konversation, ohne dabei ins Stottern zu geraten. Vladir fragte mich nach dem Rezept für den Truthahn, und ich fühle mich zum wiederholten Male bemüßigt zu erklären, dass nicht ich, sondern die Tante ganz allein gekocht hätte. Nachdem ich dies klargestellt hatte, weihte ich ihn in das „Geheimnis“ ein. Seine Frage rührte mehr aus beruflichem denn aus privatem Interesse her, denn Vladir hat erst kürzlich eine Ausbildung zum Koch abgeschlossen.

Vladir hat jahrelang in der Computerbranche gearbeitet. Später verlegte sich die Familie darauf, eine exklusive Privatschule zu betreiben. Dazu kaufte man im Zentrum Bahías ein leerstehendes Hotel – die Vorbesitzer hatten den Betrieb aus finanziellen Gründen einstellen müssen –, baute das ganze Objekt zur Schule um und stattete diese großzügig mit aller erdenklichen Technik sowie mit dem neuesten Lehrmaterial aus. Mit hochfliegenden Erwartungen nahm man den Betrieb auf.

Was sich zunächst erfolgreich anließ, entpuppte sich aber schon bald als ein finanzieller Alptraum: Um die laufenden Kosten decken zu können, war man auf den regelmäßigen Eingang der Schulgelder angewiesen. Doch je länger der Schulbetrieb andauerte, als umso katastrophaler erwies sich die Zahlungsmoral der Leute, die den Ehrgeiz hatten, ihre Kinder auf eine exklusive und vor allem teure Privatschule zu schicken. Und da man die säumigen Zahler nicht alle auf einmal der Schule verweisen konnte, denn unter einer kritischen Anzahl an Immatrikulierten wäre der Betrieb nicht mehr tragfähig gewesen, geriet man immer mehr in eine Zwickmühle. Irgendwann war abzusehen, dass das Projekt, mit dem man so große Hoffnungen verbunden hatte, in ein finanzielles Desaster führen würde. Und so entschied man nach einiger Zeit, dass es das Beste wäre, den Schulbetrieb einzustellen. Die Schule wurde abgewickelt und man beratschlagte, was nun geschehen soll. Am Ende beschloss man, das Objekt wieder in das Hotel zurückzuverwandeln, als das man es ursprünglich gekauft hatte.

Seit der Eröffnung des „Buenavista Place“ könne man über mangelnden Zuspruch nicht klagen. In der Saison sind die Zimmer laut Vladir fast immer vollständig ausgebucht und auch den Rest des Jahres liefen die Geschäfte exzellent. Demnächst möchte man auch noch ein Restaurant eröffnen, um noch mehr zahlende Gäste anzulocken. Die erste Hürde hin zum eigenen Lokal hat Vladir schon einmal gemeistert – die Ausbildung zum Chef. Er taucht dann auch gleich den kleinen Finger ganz fachmännisch in das Butterfett aus dem Bräter, kostet und nach kurzem Nachdenken improvisiert er, wie er das durch den Braten aromatisierte Fett weiterverarbeiten würde.

Das „Buenavista Place“ ist übrigens ein sehr schönes Hotel und vor allem ist es ein modernes Hotel, denn es wurde ja erst kürzlich komplett neu aufgebaut. Wenn man die Lobby betritt und der Rezeptionist, in der Regel ein Mitglied der Familie, einen freundlich empfängt, fühlt man sich sofort wie Zuhause, was auch nicht verwunderlich ist, denn das Haus wird als reines Familienunternehmen geführt und alle, die hier arbeiten – sei es bei der Zimmerreinigung, sei es an der Rezeption, sei es in der Verwaltung –, sind mit Herzblut dabei. Auf der hoteleigenen Website kann man sich selbst ein Bild machen.

Das „Buenavista Place“ ist unübertroffen günstig gelegen: Direkt im Herzen Bahías, erreicht man alle sehenswerten Orte und auch die herrlichen Strände bequem zu Fuß. Und ein Spaziergang durch Bahía lohnt sich allemal! Wer nach Bahía kommt und im „Buenavista Place“ logieren möchte (vorausgesetzt, es sind noch Zimmer frei), darf gern erwähnen, dass er den Tipp von Henry hat. Vielleicht gibt es ja einen Descuentito, einen kleinen Rabatt. Dass ich quasi zum Feilschen angestiftet habe, muss freilich nicht erwähnt werden.

Wir unterhalten uns noch ein wenig über das Land, die Leute und über Politik. Vladir meint, der Unterschied zwischen dem Ecuador von 1992, als ich das Land zum ersten Mal besuchte, und dem Ecuador von Heute sei so groß, dass man kaum glauben könne, es handele sich um dasselbe Land. Ich muss ihm Recht geben. Allein in den letzten acht Jahren haben solche einschneidenden Veränderungen stattgefunden, dass die Generation der heute Sechzehn- oder Achtzehnjährigen ihre Heimat wohl kaum in dem rückständigen Flecken von damals wiedererkennen würde, der wie eine Insel der Ahnungslosen vom Rest der Welt abgeschnitten war. Doch nicht einmal an den entferntesten Enden der Erde könnte man sich noch verstecken vor einer Welt im Globalisierungsrausch. Einen Großteil des phänomenalen Erfolges wird man jedoch dem derzeitigen Präsidenten und seiner Regierung zuschreiben müssen, und die meisten Ecuadorianer sehen das genauso, übrigens auch die, die sich nicht unbedingt für Unterstützer der Regierung Correa halten.

Kritiker des Präsidenten werden freilich nicht müde zu behaupten, die gigantischen Infrastrukturprojekte, die Gründung ganzer Universitätsstädte, die Justiz-, Steuer- und Bildungsreformen seien nur auf Pump finanziert und hätten das Land an den Rand des Bankrotts gebracht. Als Kronzeugen bietet man immer wieder gern die ganze abgehalfterte Garde der Ex-Präsidenten auf, die sich dann auch mehr oder minder feindselig äußert. Doch bei der Frage, warum man beispielsweise Straßen, Schulen und öffentliche Einrichtungen über Jahrzehnte einfach verfallen ließ, während man den Wohlhabenden praktisch die Steuern schenkte, winden sie sich wie die Zitteraale. Aber als mit allen Wassern gewaschene Politprofis sind sie dann doch clever genug, sich im letzten Moment in irgendeine populistische Floskel zu retten.

Vladir meint, im Grunde gäbe es keine echte Alternative zur derzeitigen Regierung und ihm sei ein wenig bange für die Zeit nach der Präsidentschaft des gegenwärtigen Amtsinhabers. Denn es könne gut sein, dass viele der fortschrittlichen Entwicklungen, die in den letzten Jahren mühsam in die Wege geleitet wurden, wieder gestoppt werden. Ich möchte ihm nicht widersprechen, aber ich kann die Zukunft des Landes auch nicht als allzu düster empfinden, zumal die meisten der positiven Veränderungen mittlerweile so fest Fuß gefasst haben, dass es unmöglich scheint, sie wieder zu beseitigen, ohne einen Sturm des Protests zu entfachen und vor allem ohne auf den entschlossenen Widerstand der Bevölkerung zu treffen. Und wie man weiß, wurden in Ecuador schon Regierungen allein durch den Aufruhr der Straße gestürzt.

Die letzten Minuten des alten Jahres verstreichen und bald ist es Mitternacht. In meiner Heimatstadt Berlin erwartet man, dass um diese Zeit das Feuerwerk losbricht. Der nächtliche Himmel ist dann erfüllt vom grellen Farbenglanz der Illuminationen. Das Donnern der Raketen und Böller ist ohrenbetäubend. Mit Schlag Mitternacht setzt das Krachen ein, und zwar so plötzlich und in solcher Stärke, dass man glaubt, die Feldartillerie einer Invasionsarmee beschieße das Stadtzentrum; ein nicht endendes Stakkato aus Explosionen rollt über die Dächer, die Fensterscheiben erzittern und Pulverdampf liegt schwer in der Luft. In manchen Jahren zischten die Raketen in einem wahren Hagelsturm an den Fenstern vorbei, und man traute sich kaum, den Balkon zu betreten, weil man fürchten musste, wie eine Schießbudenfigur abgeknallt zu werden. Die Leute sind verrückt, aber Silvester ist eben nicht Silvester, wenn man nicht ein Vermögen für die Knallerei ausgibt.

In Bahía ist es ruhig. Es ist das ganze Jahr ruhig und auch in den letzten Sekunden des Jahres geht es nicht anders zu als an einem beliebigen Tag – von Knallerei, Partystimmung und Suff keine Spur. Die Leute erwarten das Ende des Jahres gefasst und zumeist nüchtern. Alkoholische Getränke werden in so homöopathischen Dosen genossen, dass es schon die große Ausnahme ist, wenn jemand, so wie Julio, gleich mehrere Flaschen Wein zum Essen mitbringt und die anderen Gäste auch noch zum Trinken animiert. Würde man sich nicht durch einen Blick in den Kalender und auf die Uhr vergewissern, dass das Jahr in wenigen Minuten endet, könnte man glauben, einer gewöhnlichen Reunión, einem zwanglosen Familientreffen, beizuwohnen. Eigenartige Gedanken schießen mir durch den Kopf und ich fühle mich einen Augenblick lang in Bradburys „Last Night of the World“ versetzt: Die Menschen wissen, es gibt keinen Morgen, denn die Welt wird in dieser Nacht untergehen, doch sie verhalten sich in der allerletzten Nacht auf Erden nicht anders als in allen Nächten zuvor.

Die Welt geht natürlich nicht unter, nicht in dieser Nacht und auch nicht in den paar Milliarden Nächten, die noch folgen werden. Und auch Bahía wird noch lange bestehen und seine Bewohner werden sich noch unendlich vieler ruhiger Abende erfreuen können. Doch dann ist es endlich Mitternacht, aber ohne Uhr würde man den Zeitpunkt glatt verpassen, so still ist es. Und nun erheben sich die Gäste feierlich von ihren Stühlen, umarmen und küssen einander und wünschen sich ein glückliches Neues Jahr. Für einen kurzen Augenblick habe ich das Empfinden, ich hätte mich in eine katholische Messfeier verirrt, wenn am Ende die Gläubigen einander den Friedenskuss geben. Ich umarme die Tante, den Onkel, drücke meine Frau an mich und gebe ihr einen dicken Kuss. Und irgendwie ist es dann doch schön – auch ohne Alkohol und Partys und buntes Raketenfeuerwerk.

United States of Bahía

Am Morgen des nächsten Tages, in aller Herrgottsfrühe, führte ich den Hund im Park aus, damit er dort sein Geschäft verrichten könnte. Der Park befindet sich praktisch direkt vor dem Haus der Tante. Man muss nur ein paar Schritte gehen und schon kann man über gepflegte Rasenflächen flanieren und an Blumenhecken vorbei spazieren, auf Bänken sitzen, oder in dem schönen Pavillon verweilen, um den Sonnenaufgang zu genießen. Freizeitsportler in neonfarbener Sportkleidung marschierten hurtig auf den Wegen entlang. Als ich die Rasenfläche betrat, wurde mir klar, dass ich die Tüte umsonst mitgebracht hatte, denn es gab kaum eine Stelle, die nicht bereits von Hundehaufen in allen erdenklichen Stadien der Frische übersät war. Es war fast unmöglich, ein paar Schritte zu geben, ohne auf eine der tückischen Minen zu treten. Ich nahm das Häufchen, das der Hund dann auch verlässlich produzierte, aber dennoch mit.

Den Pavillon hatte an diesem Morgen eine Gruppe Umweltaktivisten okkupiert: Man hatte einen Tisch aufgebaut, auf dem Informationsmaterial ausgebreitet lag; als Eyecatcher hatte man ein großes Plakat vor den Pavillon gespannt – es ging um den Erhalt irgendeines „Biocorredor“, ein berechtigtes Anliegen, zumal die Urwälder und die Mangrove innerhalb von nur dreißig Jahren bis auf wenige klägliche Reste verschwunden sind. Auf einem zweiten Tisch lagen Cookies und allerlei Gebäck bereit, um Neugierige anzulocken, aber keinen von den Freizeitsportlern schien das Anliegen der Aktivisten auch nur einen müden Blick wert. Unbeeindruckt zogen sie ihre Runden durch den Park. Vielleicht verschmähten sie die Cookies nur deshalb, weil Sportler sich nun einmal gesund ernähren.

Die Aktivisten selbst waren ausnahmslos Amerikaner. Man erkennt es immer sofort an der Kleidung, die entweder so aussieht, als richte man sich auf das ganz große Survival-Abenteuer ein oder auf enthemmten Freizeitspaß im luxuriösen Ferienressort, was so ziemlich auf dasselbe hinausläuft. Im Vorbeigehen hörte ich Englisch mit unverkennbarem amerikanischen Akzent, aber es mussten schon deshalb Amerikaner sein, weil Einheimische niemals auf die recht kuriose Idee kämen, morgens um sieben Uhr für ein Umweltprojekt zu werben. Müssen diese Leute denn immer den Rest der Menschheit missionieren, zu welchem Ende auch immer?

Vor dem Supermarkt, der eigentlich eher ein zu groß geratener Tante-Emma-Laden ist, traf ich noch mehr Amerikaner (mein Sohn wollte zum Frühstück unbedingt Schoko-Pops). Viele von ihnen haben sich mittlerweile in Ecuador niedergelassen, um irgendeinem Business nachzugehen, vielmehr aber noch, um die Tage ihres Renterdaseins friedlich und in relativem Wohlstand zu verleben – Wünsche, die in den Staaten nur für die Wohlhabenderen unter ihnen wahr werden. Aber hier in Ecuador kann jeder auf seine alten Tage ein König sein: Die Leute sind nett und anders als in Deutschland sind Alte hochgeachtet und ihr altersweiser Rat wird geschätzt. Niemand würde einen als senil bezeichnen, nur weil man allein nicht mehr nach Hause zurückfindet oder weil man die Bekannten mit den immer gleichen Geschichten nervt. Und im Übrigen zahlt man ab 60 überall nur die Hälfte. Und nicht zu vergessen: Hier in Ecuador herrscht immerwährender Sommer (oder Frühling, wenn man in Quito wohnt).

Im Grunde hat man in Bahía nie viel zu tun. Sicher, auch hier müssen die Leute arbeiten, dennoch erweckt die Stadt immer den Eindruck, dass nichts, aber auch gar nichts passiert. Die einzige, die immerfort behauptet, sie sei gestresst, weil sie ja so viel zu tun hat, ist meine Schwiegermutter. Ein Grund dafür mag darin liegen, dass sie Rentnerin ist und bekanntlich haben Rentner niemals Zeit. Alle übrigen aber lassen den Tag vorbeiziehen und warten einfach ab, was sich so ergibt.

Am Nachmittag will ich einmal wieder in meinem Lieblingsstudio trainieren. Es ist brütend heiß und damit genau die richtige Zeit für eine fordernde Trainingseinheit – nichts geht über ein gutes Workout in einem guten Studio und der Fitnessenthusiast lässt sich durch solche Kleinigkeiten wie dreißig Grad im Schatten nicht von seinen sportlichen Zielen ablenken. Das Gym ist nur ein paar Meter vom Hause der Tante entfernt: Man überquert die Hauptstraße, die Avenida Simón Bolívar, und schon befindet man sich vor dem Eingang. Man kann das Studio kaum verfehlen, denn wann immer es geöffnet hat, schallt Musik in infernalischer Lautstärke aus der Tür.

Ich habe schon die Sportschuhe unter dem Arm und bin im Begriff aufzubrechen, als es plötzlich an der Tür klingelt. Ein alter Amerikaner steht davor. Die heiße Äquatorsonne hat sein Gesicht in eine Tomate verwandelt; tiefe Runzeln durchziehen seine Haut wie Erdspalten nach dem Einschlag eines Meteoriten. Er hat das Schild am Haus der Tante gesehen: „Zimmer zu vermieten“. Er möchte die Tante sprechen. Leider spricht die Tante kein Englisch und der alte Amerikaner versteht überhaupt kein Spanisch. Während wir auf meine Frau warten, die beide Sprachen beherrscht und deshalb dolmetschen soll, machen wir ein wenig Smalltalk: Er stammt aus Texas und sein Südstaatenakzent ist so breit, dass ich Mühe habe, ihn überhaupt zu verstehen. Er ist erstaunt, von mir zu hören, dass wir einige Jahre im Norden von Texas gelebt haben. Er kenne die Gegend am Redriver, unsere alte Heimat, sehr gut, denn er sei nicht weit westlich davon aufgewachsen. Jetzt suche er eine Wohnung für den Sohn. Vorher hätten beide, Vater und Sohn, in Quito gelebt, doch nun seien sie hier, in Bahía, und hier wollten sie auch bleiben.

Das Gespräch zieht sich in die Länge. Eigentlich habe ich keine Lust, mich mit ihm zu unterhalten, denn ich will ins Studio und es kribbelt mir förmlich in den Beinen, aber ihn einfach so stehen zu lassen, wäre unhöflich. Schließlich kommt meine Frau und ich habe endlich einen Vorwand, das Weite zu suchen. Ich verabschiede mich und eile schnurstracks zum Studio. Mein Sohn meint später etwas despektierlich, der Typ sehe aber abgewrackt aus, und ich muss ihm leider zustimmen. Aber man weiß nie, was die Menschen für ein Schicksal hinter sich haben und darüber zu urteilen, steht ohnehin niemandem zu.

Vorbei an Skylla und Charybdis

Es ist vollbracht! Nach monatelangem nervenaufreibenden Ringen mit den Behörden scheint sich endlich ein Ende meiner Odyssee durch die Ämter anzubahnen: Wenn ich den Ankündigungen des Beamten der Migrationsbehörde Glauben schenken will, dann werde ich in ca. einem Monat meine unbefristete Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis ausgehändigt bekommen. Alle Papiere sind nun vollständig (sie beizubringen, kam geradezu einer Herkulesarbeit gleich) und es bleibt zu hoffen, dass der letzte Akt in diesem nervenzerreißend langen und zugleich tragikomischen Stück ohne weitere Verzögerungen über die Bühne geht.

Am Ende hat die ganze Sache viel Zeit gekostet und noch mehr Geld und das ständige Hin und Her auf den Ämtern zerrt einfach nur an den Nerven. Ohne einen Rechtsbeistand erreicht man nichts. Anfangs musste ich mich erst an die Vorstellung gewöhnen, dass man unbedingt einen Anwalt braucht, um die notwendigen Behördengänge zu erledigen und um die Sache überhaupt erst so recht ins Rollen zu bringen. Ein Anwalt ist in so einem Fall eine gute Sache und manchmal schlichtweg unverzichtbar, allerdings muss man dazu anmerken, dass der Rechtsbeistand für seine unschätzbaren Dienste auch ein üppiges Honorar verlangt.

Wenn man in einem fremden Land lebt, hat man sich nicht nur mit den offensichtlichen Problemen herumschlagen, die sich aus fremden Sitten, einer völlig verschiedenen Mentalität der Leute und einer Sprache ergeben, mit der man sich mehr schlecht als recht herumschlägt, viel mehr fällt der Umstand ins Gewicht, dass man sich um einen legalen Aufenthaltsstatus bemühen muss. Zwar benötigt man kein Visum, wenn man mit einem deutschen Pass nach Ecuador einreist, doch der legale Aufenthalt ist auf drei Monate begrenzt. Doch das Bleiberecht will erst verdient sein und um eine Aufenthaltsgenehmigung über die besagte Zeit hinaus zu erwirken, bedarf es nicht unbeträchtlicher persönlicher Anstrengungen des Antragstellers.

Neben dem sattsam bekannten Behördenungemach muss man sich auch noch auf nicht geringe finanzielle Ausgaben einstellen. Den größten Teil verschlingt dabei das Honorar des Rechtsbeistands; darüber hinaus muss man damit rechnen, dass jeder einzelne Besuch bei der Behörde Geld kostet – sei es, dass es sich um die Ausfertigung eines unverzichtbaren Schreibens handelt, sei es, dass eine Übersetzung wichtiger Dokumente vorgelegt werden muss, sei es, dass eine notarielle Beglaubigung zu erfolgen hat, sei es, dass Passbilder oder Kopien vorgelegt werden müssen. Alles kostet Geld. Es ist daher ratsam, immer einen ausreichenden Vorrat an Bargeld mitzunehmen, wenn man den Tag auf den Ämtern zu verbringen gedenkt. Nach ein paar Stunden auf der Behörde hat man im Durchschnitt an die dreißig, vierzig Dollar ausgegeben. Da es in der Regel nicht mit einem Besuch getan ist – wer schon einmal auf einer ecuadorianischen Behörde war, weiß, dass das unmöglich ist –, kann man sich leicht ausrechnen, welche nicht unbeträchtlichen Summen am Ende zu den Anwaltskosten addiert werden müssen.

Meine Frau ist bei der Deutschen Schule Quito angestellt und eigentlich ist in einem solchen Fall vorgesehen, dass der Arbeitgeber dabei hilft, den Familienangehörigen des Arbeitnehmers einen entsprechenden Aufenthaltsstatus zu verschaffen. Schließlich ist meine Frau nicht die erste, die sich aus Deutschland um eine Stelle an der Deutschen Schule beworben hat, und ganz sicher ist sie nicht die einzige, die mit Familienangehörigen ins Land einreist. Aus Gründen, die sich einer logischen Erfassung entziehen, hat der Arbeitgeber es leider versäumt, die notwendigen Schritte einzuleiten, so dass mein Aufenthaltsstatus letztlich ungeklärt ist. Aber wie behauptet schon die Redensart: Wenn man will, dass etwas getan wird, muss man es selber tun.

Wir haben uns also eine Anwältin besorgt, die auf Fälle spezialisiert ist, in denen es um den Aufenthaltsstatus geht. Solch ein Rechtsbeistand ist nicht billig – 1.300 Dollar verlangt die Anwältin für ihre Dienste –, aber ohne ist man verloren. In der Theorie könnte man auch alles selbst erledigen, nur würde man dann unendlich viel Zeit opfern müssen. Vielleicht käme man billiger davon, aber die Nerven, die man dabei lassen müsste, würden die eingesparten Kosten am Ende um ein Mehrfaches überwiegen. Ich bin skeptisch, ob es einem ohne ausreichende Sprachkenntnisse und ohne Kenntnis der Arbeitsweise des bürokratischen Apparates gelingen würde, die begehrten Papiere am Ende in die Hände zu bekommen. Aufgrund meiner Erfahrungen würde ich jedem in einer ähnlichen Situation raten, sich nicht ausschließlich auf die eigenen Kräfte zu verlassen. Ein Profi kann unendlich mehr ausrichten, und das in viel kürzerer Zeit.

Bisher musste ich fünf- oder sechsmal nach Quito fahren, um mich mit der Anwältin oder einem ihrer Mitarbeiter zu treffen. Die Anwältin unterhält ein Büro in einer belebten Geschäftsstraße in Quito und sie beschäftigt insgesamt mindestens fünf Mitarbeiter, von denen zwei Sohn und Tochter sind. Ihr Sohn studiert Recht und es ist anzunehmen, dass er in die Fußstapfen der Mutter treten wird, auch wenn ich mir nicht recht vorzustellen vermag, dass dieser leise, etwas linkische und zudem sehr unsicher wirkende junge Mann einmal Klienten vor Gericht vertreten soll.

Die Tochter studiert irgendetwas mit Medien, aber ich habe vergessen, was genau es war. Sie sprach übrigens, im Gegensatz zu ihrer Mutter (und auch im Gegensatz zu ihrem Bruder), gut Englisch und daher konnte ich mich mit ihr ein wenig unterhalten (meist gehen Unterhaltungen aufgrund der Sprachbarriere nicht über das Stadium der Gestikulation hinaus: mein Spanisch ist viel zu schlecht und es scheint in diesem Land einfacher, jemanden zu finden, der Quechua spricht, als jemanden, der über elementare Englischkenntnisse verfügt). Ich fragte sie scherzhaft, ob ihre Mutter ein guter Chef sei. Sie bejahte dies, jedoch nicht ohne einen Augenblick über die Antwort nachzudenken, und sie fügte dann sehr ernst hinzu, dass die Mutter streng sei, sehr streng. Autoritäre Erziehung hin oder her – die beiden Kinder haben das Privileg, studieren zu dürfen, und zwar dank des Vermögens der Mutter. Eine fundierte Bildung ist in Ecuador kein kleines Geschenk des Schicksals.

Seltsam ist, dass die Anwältin nicht unter ihrem eigenen Namen tätig zu sein scheint, sondern im Auftrag eines Unternehmens namens „Industahl“. Auf dem Türschild an ihrem Büro ist nicht ihr Name, sondern „Industahl“ zu lesen und im Foyer hängt ein riesiges Werbeplakat, auf dem man ein Stahlwerk, Bohrtürme, eine Eisenbahn und ein Flugzeug vor einer unverkennbar europäischen Landschaft sieht. Der Firmenname ist mit dem Schwarz, Rot, Gold der deutschen Nationalflagge unterlegt und es drängt sich die Schlussfolgerung auf, dass Deutschland dank „Industahl“ von einem Wald aus Bohrtürmen überzogen ist. Die Firma hat eine eigene Website, aber ich hatte bisher keine Lust, dort nachzuschauen.

An zwei aufeinanderfolgenden Tagen begleitet mich Diego aufs Amt. Diego ist ebenfalls ein Mitarbeiter der Anwältin. Er übernimmt vor allem Botendienste, holt die Post ab, befördert Dokumente zum Notar oder zum Übersetzungsbüro und wieder zurück und schleppt gelegentlich hilflose Gringos mit aufs Amt. Er spricht leidlich Englisch und so war es möglich, dass wir uns unterhalten konnten. Diego erzählte mir, dass er seit seinem achtzehnten Lebensjahr für fast zwei Jahrzehnte in Spanien gelebt hätte. Er besitze einen spanischen Pass und sei darum, technisch gesehen, Spanier und als solcher könne er nach Herzenslust im Schengenraum umherreisen und auch überall arbeiten. Das sei viel wert, meint er, wohl wissend, dass der ecuadorianische Pass außer in Ecuador nirgends einen echten Vorteil bietet.

In den Zeiten der Krise verließen viele Ecuadorianer das Land, um sich anderswo eine neue Existenz aufzubauen. Spanien bot sich schon deshalb an, weil infolge der gemeinsamen kolonialen Vergangenheit dieselbe Sprache gesprochen wird, und wer nachweisen kann, dass er einen spanischen Vorfahren hat, bekommt auch einen spanischen Pass, womit er dann gleichzeitig Bürger der Europäischen Union wird. In Spanien ist übrigens eine der größten ecuadorianischen Auslandsgemeinden ansässig. Unter allen Immigranten bilden die Latinos die größte Gruppe und innerhalb dieser wiederum die Ecuadorianer.

Diego erzählte, er sei seit drei Jahren wieder zurück in Quito und gern wäre er in Spanien geblieben, aber er habe eine sehr kostspielige Scheidung hinter sich und außerdem sei seit dem Ausbruch der Bankenkrise nichts mehr so gewesen wie zuvor. Es habe sich einfach nicht mehr gelohnt, dort zu arbeiten, doch als er sein mühsam Erspartes nach Ecuador transferiert hatte, habe er erst einmal gemerkt, wie teuer hier alles geworden sei. Schon der Umtausch von Euro in Dollar habe einen nicht gerade kleinen Teil des Ersparten regelrecht aufgefressen. Immerhin hatte das Angesparte ausgereicht, um in Madrid zwei Wohnungen zu kaufen – eine habe er dann mit der Scheidung freilich gleich wieder an seine Exfrau abtreten müssen.

Er fragte mich allen Ernstes – mich, jemanden, der gerade erst zugezogen ist –, wie teuer eine Wohnung in unserer Wohnanlage sei. Er schien zu glauben, ich sei eine Art Immobilienmakler. Ich hatte mir einmal von unserer redseligen Vermieterin sagen lassen, dass sich der Preis für ein Haus innerhalb der Mauern der Urbanización auf eine halbe Million Dollar beliefe. Diego wollte es kaum glauben, aber solche Preise sind für die Filetstücke auf dem hiesigen Immobilienmarkt durchaus normal. Als mein Sohn seinen Mitschülern erzählte, er wohne in Vista Grande (das ist der Name der Wohnanlage), meinten sie, seine Eltern (also wir) müssten aber reich sein, um sich solch einen noblen Wohnsitz leisten zu können. Sie taten dabei so, als handelte es sich nicht bloß um eine Mietwohnung, sondern um den Präsidentenpalast. Die Ironie ist, dass wir exakt dieselbe Miete zahlen wie in Santa Inés, und dieser Stadtteil Cumbayás gilt nicht gerade als besonders gute Wohngegend.

Wann immer es etwas auf der Behörde zu erledigen galt, bei dem meine Anwesenheit unerlässlich war, pflegte mich die Anwältin per Stellungsbefehl in ihr Büro zu rufen, und meist wurde mein Erscheinen zu so unchristlichen Zeiten wie Montag morgen acht Uhr verlangt. Ich nahm es mit ecuadorianischer Lässigkeit und gönnte mir die üblichen dreißig Minuten Verzug, cum tempore sozusagen. Niemand nimmt hierzulande daran Anstoß und man gilt immer noch als Musterbeispiel an Pünktlichkeit, wenn man sich nur um eine halbe Stunde verspätet. Obwohl ich mit dem Auto nach Quito fuhr, nahmen wir uns für die Behördengänge immer ein Taxi – der Verkehr in Quito ist fast zu jeder Tageszeit so dicht, dass man ständig im Stau steht und selbst eine Fahrt drei Blocks weiter kann zur echten Nervenprobe ausarten. Zudem ist es schwieg, in der dicht bebauten Innenstadt einen Parkplatz zu finden, und hat man ihn gefunden, wird man sofort von den freundlichen Fußtruppen der Parkraumbewirtschaftung zur Kasse gebeten. Nimmt man das Taxi, hat man am Ende kaum mehr ausgegeben – eine Fahrt über die kürzeren Strecken kostet zwei oder drei Dollar –, jedoch schont so eine Taxifahrt die Nerven ungemein, und zwar schon allein deshalb, weil man sich nicht ständig über all die rücksichtslosen Autofahrer ärgern muss, mit denen man es in Quito allerorten zu tun hat.

Nur einmal begleitete mich die Anwältin persönlich – und dann brauchten wir auch fast den ganzen Tag, um das Notwendigste zu erledigen –, meist überließ sie mich der bewährten Aufsicht ihrer Tochter, die mich, getreu dem Befehl ihrer Mutter, sicher an der bürokratischen Skylla vorbei lotste. In der Regel pendelten wir mehrmals am Tag mit dem Taxi zwischen Registro civil, also der Meldestelle, und der Migrationsbehörde. Die vollständige Bezeichnung lautet „Ministerio de Relaciones Exteriores y Movilidad Humana“ und jeder, der sich für längere Zeit, sei es aus beruflichen oder privaten Gründen, im Lande niederzulassen wünscht, muss sich eher früher als später den Mühlen der Bürokratie überantworten.

Verglichen mit ihrem deutschen Gegenstück ist die Einwanderungsbehörde sehr klein – ein Wartesaal und ein halbes Dutzend Schalter, in denen ernst blickende Beamte hinter Glas sitzen, dazu noch ein kleines Büro, in das die Antragsteller einbestellt werden, um ihre Visa abzuholen. Gleich am Eingang gibt es einen Empfang mit einem überaus freundlichen und geradezu grotesk aufmerksamen Mitarbeiter, der die Besucher begrüßt, sich ihr Anliegen anhört und ihnen schließlich, nicht ohne einen hilfreichen Rat erteilt zu haben, Wartenummern aushändigt. Meist ist es voll wie in einem Bienenstock, doch dank des bewährten Nummernsystems wartet man nie lange, und wenn doch, hat man Zeit, das geschäftige Treiben zu beobachten und zu erraten, woher die Leute kommen, denn alle im Wartesaal sind Fremde in diesem Land.

Wie in jeder staatlichen Behörde üblich, patrouillieren grimmig aussehende Wachleute durch den Besucherraum und beäugen misstrauisch die Anwesenden. Sie tragen kugelsichere Westen, Schlagstöcke und für den Fall der Fälle steckt die obligatorische Handfeuerwaffe in einem Halfter an der Hüfte. Als meine Betreuerin Nachrichten auf dem Handy zu versenden versucht, baut sich die Wachschutzmitarbeiterin zur furchteinflößenden Größe von 1,50 Meter vor ihr auf und macht ihr unmissverständlich klar, dass der Gebrauch elektronischer Geräte untersagt sei. Meine Begleiterin steckt das Handy sofort ängstlich in die Tasche und fortan wagt sie nicht einmal mehr heimlich einen Blick darauf zu werfen.

Objektbewachung und -schutz ist in Ecuador übrigens nicht nur Männersache; genauso häufig sieht man Frauen diesen Job verrichten. Die Arbeit ist keinesfalls gefahrlos und die Handfeuerwaffe sowie der Schlagstock sind auch nicht bloß coole Accessoires, um die man immer wieder gern beneidet wird. Die Arbeit mag zwar nicht schön oder interessant sein, doch wird dieses Manko durch den Respekt aufgewogen, den man als Wachmann genießt: Man kann häufig beobachten, dass die Leute den Guardias (d.h. den Wächtern) mit ausgesuchter Höflichkeit, ja, geradezu unterwürfig begegnen. Vielleicht sollte ich meiner Frau, die als Lehrerin arbeitet, den Erwerb eines Schlagholzes ans Herz legen. Ich wette, dann wäre Ruhe in der Klasse.

Auf Behörden werden dann und wann Passbilder verlangt. Ich hatte mir extra welche in einem kleinen Fotoatelier in Cumbayá anfertigen lassen. Freilich, schöne Porträtbilder sehen anders aus, und zu behaupten, ich sei gut getroffen, wäre eine unstatthafte Schmeichelei oder glatte Verarsche. Aber schließlich kommt es nicht darauf an, ob man von den eigenen Verwandten erkannt wird, sondern allein darauf, dass man die Passbilder zur Hand hat, wenn man sie braucht. Als man mich auf der Einwanderungsbehörde nach den Bildern fragt, kann ich sie nirgendwo finden – selbstverständlich nicht –, dabei bin ich mir doch so sicher, das ich sie mitgenommen habe, und selbstredend habe ich sie so gut verwahrt, wie man sie eben nur verwahren kann, jedoch will mir beim besten Willen nicht mehr einfallen, wo das gewesen sein mag. Ich gehe mit nahezu hundertprozentiger Sicherheit davon aus, dass sich die Bilder bis zu meinem Lebensende nicht werden finden lassen. Ich durchsuche dennoch sämtliche Taschen, aber es ist natürlich sinnlos. Ich bin ratlos: Wo bekomme ich jetzt schnell – egal, ob schön oder nicht – ein paar brauchbare Passbilder her?

Wir verlassen gerade die Behörde, um uns nach einem Fotoladen umzusehen, als uns noch auf der Treppe ein kleiner quirliger Mann anspricht: Ob wir Passbilder benötigten? Es scheint, er kann unsere Gedanken lesen. Selbstverständlich benötigten wir Passbilder. Er meint, wir sollten ihm folgen. Wir gehen nur ein paar Schritte weiter; der Weg führt in das Souterrain eines abgelebten Wohnhauses. Durch einen nur spärlich beleuchteten Gang gelangen wir in ein kleines Büro, dessen Fenster auf einen staubigen Hinterhof hinausblicken. In einer Art Rezeption, dort, wo normalerweise die Sekretärin sitzt, stapeln sich ausgeschlachtete Bildschirme und Computer. Es könnte gut sein, dass die Laptops, die man uns gestohlen hat, hier oder in einem ähnlichen Hinterzimmer noch immer auf ihre Zweitverwertung warten.

Der Mann bittet uns in sein Büro – einen winzigen Raum mit einem abgeschabten Computerdesk und einem kleinen Schreibtisch, an dem ein älterer Herr sitzt und konzentriert Kreuzworträtsel löst. Er ist so vertieft, dass er uns gar nicht zu bemerken scheint (oder so sehr an das ständige Kommen und Gehen gewöhnt, dass es ihm gar nicht mehr auffällt). Der kleine quirlige Mann schaltet den Computer ein. Es dauert geraume Zeit bis Windows 7 endlich hochfährt, doch dann geht alles sehr schnell: Der Mann stellt mich vor eine weiße Tapete, schießt mit seinem Handy ein einziges Foto, lädt es auf seinen Computer, bearbeitet es mit unglaublicher Fingerfertigkeit auf Fotoshop und druckt es schließlich im Passbildformat auf Normalpapier aus. Schnell noch mit der Schere ausgeschnitten und fertig ist das Passbild! 3,50 Dollar kostet die Fotoarbeit, die sehr an einen Mug-shot erinnert, die aber dennoch kaum besser oder schlechter ist als die Bilder des Fotografen. Allerdings hat der Fotograf zwei Versuche benötigt und mich anschließend auch gefragt, welches Bild ich haben möchte (eigentlich wollte ich keines). Das neue Foto sieht so scheußlich aus wie das alte, aber darauf kommt es bekanntlich nicht an: Der Mitarbeiter der Behörde nahm es entgegen, ohne mit der Wimper zu zucken.

Von Santa Inés nach Nayón

Ich habe nun schon seit einer ganzen Weile keine neuen Beiträge mehr in meinen Blog einstellen können. Das liegt einmal daran, dass wir uns eine neue Wohnung suchen mussten, denn in unsere alte war eingebrochen worden. Die Suche und der Umzug nahmen sehr viel Zeit in Anspruch. Was man aber zum Schreiben vor allem braucht, ist Zeit – und natürlich Muße, sonst ist man nicht mit dem Herzen dabei. Ein anderer Grund für meine Schreib-Abstinenz liegt einfach darin, dass wir im Augenblick kein Internet haben und dass sich auch kein Cyber-Shop in der Nähe befindet. Mit dem Umzug haben wir unseren alten Anschluss verloren und nun müssen wir wieder warten, bis wir einen neuen bekommen. Das kann dauern – ich habe ja schon öfter darüber geklagt. Ohne Internet lebt man wie auf einem ganz anderen Planeten oder besser: man lebt ein ganz anderes Leben, das sich so anfühlt, als wäre es nicht mehr das eigene. Unser Mann beim Netzanbieter hat versichert, er werde sich darum kümmern. Da bin ich aber beruhigt!

Ich habe mich bemüht, das Wichtigste der letzten Tage festzuhalten, aber es kann natürlich nicht ausbleiben, dass man das eine oder andere vergisst oder mit dem zeitlichen Abstand als nicht mehr so wichtig erachtet. Was man eben nicht sofort niederschreibt, hat man auch gleich wieder vergessen. Was aber zu erfahren lohnt, will ich nun der Reihe nach berichten.

Auf Wohnungssuche

Seit man unsere Wohnung aufgebrochen und alles mitgenommen hat, was sich schnell zu Geld machen lässt, fühlten wir uns in den eigenen vier Wänden nicht mehr sicher. Der Besitzer der Wohnanlage ließ es sich zwar angelegen sein, das automatische Tor zur Parketage mit Stahlplatten zu verstärken (man hatte die Torflügel einfach aufgebogen und sich so Zutritt zum Haus verschafft) und ein zusätzliches Schloss in die Haustür einzubauen, unsere zerstörte Wohnungstür zu ersetzen oder einen neuen stabilen Türrahmen statt des alten aus Pressholz einzubauen, kam ihm anscheinend nicht in den Sinn. Ich weiß nicht, ob er nach der ersten provisorischen Reparatur überhaupt vorhat, die Türen vollständig erneuern zu lassen. Wahrscheinlich spekuliert er darauf, dass die neuen Mieter den Schaden gar nicht bemerken und vielleicht lässt er es darauf ankommen und erst, wenn man dann doch auf die Einbruchsspuren und die dilettantischen Ausbesserungsarbeiten aufmerksam wird, schwenkt er schnell um und behauptet heuchlerisch, es sei ihm ein Herzensanliegen, dass seine Mieter in Sicherheit leben und daher werde er unverzüglich neue Türen einbauen lassen. Ich glaube, es wird ihm gar nichts anderes übrigbleiben, denn in ihrem derzeitigen Zustand wird er unsere Wohnung kaum wieder vermieten können. Ich vermag mir jedenfalls nicht vorstellen, dass jemand in eine Wohnung ziehen möchte, an deren Tür die Spuren des letzten Einbruchs noch allzu deutlich sichtbar sind. So gern wir in Santa Inés gewohnt haben – die Gegend ist uns nicht mehr sicher genug und deshalb machten wir uns auf die Suche nach einer neuen Wohnung.

Man darf sich nichts vormachen: Absolute Sicherheit kann man weder in Ecuador noch in Deutschland erwarten. Die sozialen Unterschiede, die in Deutschland bis in die jüngste Zeit unter dem Mäntelchen von Sozialer Marktwirtschaft und Solidargemeinschaft verborgen geblieben sind, treten in Ecuador vor aller Augen und häufig auf so krasse Weise zutage, dass man es kaum glauben möchte. Und extreme soziale Unterschiede und ausweglose Armut waren noch immer ein Patentrezept für Kriminalität. Natürlich geht es darum zu beschützen, was man besitzt, denn zwar mögen wir wohlhabender als die meisten Einheimischen sein, aber reich sind wir deshalb noch lange nicht. Nur weniges hat einen wirklichen materiellen Wert; dazu gehören vor allem die Laptops und die Handys, die für meine Frau allein schon aus beruflichen Gründen unentbehrlich sind, und natürlich das Auto, das uns erst vor ein paar Tagen ausgeliefert wurde (endlich!). Wir können es uns nicht leisten (und zwar im Wortsinne), diese Dinge zu verlieren, denn über so viel Geld, um uns im Turnus von Wochen oder Monaten komplett neu auszustatten, verfügen wir keineswegs. Um es kurz zu machen: Wir brauchten eine neue Wohnung – eine sichere Wohnung.

Meine Frau hat sich mit den hiesigen Maklern in Verbindung gesetzt; wir haben Termine vereinbart und uns zu den interessanten Objekten fahren lassen. Alle Wohnungen, die wir uns anschauten, befanden sich in Guarded Communities, das sind beschützte Wohnanlagen, die 24 Stunden am Tag von einem oder mehreren Wächtern bewacht werden und in die man nur nach vorheriger Einlasskontrolle gelangt. Zwar befinden sich sowohl der Arbeitsplatz meiner Frau als auch die Schule meines Sohnes in bzw. in der Nähe Cumbayás, dennoch zogen wir auch in Erwägung, in Quito zu wohnen. Angeblich, so hört man von Leuten, die in Quito leben, könne man Cumbayá, das ein wenig außerhalb der Hauptstadt liegt, in zwanzig Minuten erreichen. Das mag der Fall sein, solange es keinen Stau gibt und solange man nicht von irgendeinem Wahnsinnigen aus der Spur gedrängt wird und deshalb die Abfahrt verpasst.

Die Maklerin zeigte uns an diesem Tag einige sehr schöne Wohnungen. Da freies Bauland in Quito knapp ist und lukrative Grundstücke selten frei werden, sind Investoren gezwungen, zu den Rändern des Tales hin auszuweichen und immer weiter auf die das Tal begrenzenden Hänge hinaufzuziehen. So befinden sich die neuen und schönen Appartements selten mitten in der Stadt, wo der Verkehr am dichtesten ist und der Smog das Atem schwer macht, sondern in der Höhe, an den malerischen Hängen der Berge. Dort sieht man die schönen mehrgeschossigen Apartment-Häuser sich erheben, mit ihren Balkons und ihren ausladenden Dachterrassen. Wir verabredeten uns mitten in der Stadt; die Maklerin holte uns mit dem eigenen Wagen ab und führte uns nacheinander durch mehrere attraktive Objekte. Das war eine wahre Tour de force, denn erst fuhren wir ein Stück mit dem Auto durch die Straßenschluchten Quitos, dann, nachdem endlich ein Parkplatz gefunden war, stiegen wir aus und als nächstes ging es vorbei am Wächter, vor dem die Maklerin sich umständlich auszuweisen hatte. Schließlich besichtigten wir die Wohnung. So ging es noch viele Male weiter.

Die Miete für die Appartements, die wir uns an diesem Tag ansahen, lag zwischen 750 und 1.100 Dollar pro Monat. Das hört sich nach viel an und das ist es in der Tat. Sicher kann man etwas günstiger wohnen, wenn man bereit ist, auf den Komfort und die Sicherheit zu verzichten, die man etwa aus Berlin gewohnt ist. Die günstige Plattenbauwohnung direkt im Zentrum sucht man hier allerdings vergeblich. Jedoch muss man zugeben, dass alle Wohnungen, die wir uns ansahen, ausnehmend schön waren. Etwas in vergleichbarer Lage und mit ähnlicher Ausstattung findet man in Berlin wohl nur im Luxussegment. Alle Appartements waren geräumig – geradezu riesig, verglichen mit unserer Wohnung in Berlin – und hatten einen sehr schönen Schnitt. Zusätzlich waren sie meist mit großen Wohnküchen ausgestattet. Die Sicherheit entsprach höchsten Standards: verstärkte Türen im Stahlrahmen und hochwertige Sicherheitsschlösser; die Anlage umgeben von meterhohen Mauern, die von Stacheldraht gekrönt werden. Wenn man solchen Sicherheitsaufwand nicht gewohnt ist, fühlt man sich manchmal ein bisschen wie im Gefängnis. Aber Sicherheit ist hierzulande eines der wertvollsten Güter überhaupt und also nimmt man die Mauern, den Stacheldraht und die Wächter in Kauf. Man sollte sich schon im Klaren darüber sein, welche Prioritäten man setzt.

Wenn man zu den Wohnungen selbst gelangen möchte, muss man eine Sicherheitsschleuse passieren. Hinter einem marmornen Tresen sitzt ein uniformierter, bewaffneter und mit kugelsicherer Weste ausgerüsteter Wächter. Ihm muss man sein Anliegen vortragen und sich ausweisen. Man wird nur dann eingelassen, wenn man die Erlaubnis bzw. Einladung des Eigentümers der Wohnanlage oder eines Mieters vorweisen kann. Unsere Maklerin für diesen Tag hatte eine entsprechende Akkreditierung und so winkte uns der Wächter zur Eingangstür, die er von seinem Platz aus öffnete. Merkwürdigerweise arbeiten in solchen Appartement-Häusern fast ausnahmslos ältere Herren als Wächter. In ihren Kampfanzügen, den schusssicheren Westen und mit den Waffen wirken sie auf den Besucher doch recht martialisch – ein Eindruck, der nur durch die von Falten zerfurchten freundlichen Gesichter gemildert wird. Die Mieter müssen sich natürlich nicht jedes Mal ausweisen, wenn sie ins Haus möchten. Jeder von ihnen bekommt eine ID-Card, die er nur über den Scanner ziehen muss. Dazu erfolgt noch der Gesichtsabgleich durch den Wächter.

Manche der Wohnungen waren wirklich ein Traum – die Mieten sind allerdings auch traumhaft. Nachdem man die Eingangstür mit dem Wächter glücklich passiert hat, gelangt man zunächst in eine Lobby, die jener eines beliebigen Fünfsternehotels in Berlin in keiner Weise nachsteht: Man geht vorbei an abstrakten Skulpturen und Wasserspielen; das Auge erfreut sich an geschmackvollen Pflanzenarrangements. Wände und Böden sind mit Granit oder edlem Marmor verkleidet; alles ist wie zum Empfang einer honorigen Persönlichkeit auf Hochglanz poliert. Eigentlich erwartet man, dass jeden Augenblick der livrierte Page auftaucht, einem die Tasche abnimmt und den Weg zur eigenen Suite weist. Doch wir waren allein und andere Menschen bekommt man in den Wohnanlagen des gehobenen Standards selten zu sehen. Ich war tief beeindruckt. Solchen Luxus hätte ich nicht in einem ganz „normalen“ Wohnhaus erwartet, wobei man „normal“ auf die renommiersüchtige ecuadorianische Mittelklasse beschränken muss. Und wenn das die „normalen“ Wohnungen sind, wie sehen dann die Luxusappartements aus?

Die Wohnungen, die wir zu sehen bekamen, hatten alles, was man sich nur wünschen kann – große, luxuriös ausgestattete Wohnküche, zwei oder drei Schlafzimmer, des weiteren zwei oder drei Bäder, weiträumiges Wohnzimmer, für das die Bezeichnung Salon nicht unangebracht wäre, edles Parkett in allen Räumen. Als wir uns gerade eine besonders schöne Wohnung ansahen, bemerkte die Maklerin, hier hätte vorher ein Amerikaner aus der Ölbranche gewohnt. Die Wohnung hätte uns gefallen, aber der Preis bereitete uns Bauchschmerzen und als wir scherzhaft fragten, ob der Vermieter uns entgegenkommen könnte, antwortete uns die Maklerin ebenso scherzhaft: sicher nicht.

Die Wohnungen waren alle schön, ausnahmslos, und eigentlich hätte uns jede gefallen. In den Wohnanlagen gibt es immer ein Public Area, ein Gemeinschaftsareal, das von allen Wohnparteien genutzt werden darf. Dort findet sich häufig eine Wiese, manchmal ein Kinderspielplatz sowie ein Bereich mit fest installiertem Grill und dem entsprechenden Zubehör. Wer will, kann hier nach Herzenslust grillen und das mitten in der Stadt, in einem dicht bebauten Viertel. Einige der Häuser verfügen sogar über einen eigenen Swimmingpool, in anderen gibt es Fitness-Studios oder zumindest Fitness-Räume, denn die Bezeichnung Studio für zwei oder drei Kardiogeräte und eine Hantel scheint mir etwas weit hergeholt. Aber immerhin, wer Körperertüchtigung treiben will, kann dies in den Grenzen der Wohnanlage tun. Für alles ist gesorgt und um die Sicherheit muss man sich auch keine allzu großen Sorgen machen, denn schließlich wird die ganze Anlage zu jeder Tages- und Nachtzeit bewacht. Wenn überhaupt, so haben diese Wohnungen nur einen Makel: Wohnt man auf einer der unteren Etagen, blickt man wegen der dichten Bebauung häufig auf nichts als Beton. Und selbst, wenn man eine Wohnung weiter oben bezieht, kann man sich zwar auf einer Seite eines wundervollen Ausblicks über die Stadt erfreuen, auf der anderen Seite schaut man auf den Berg, in dessen Flanke die Wohnanlage gesetzt wurde. Die Wohnungen waren alle sehr schön und hätte man eine Wahl zu treffen, müsste man die geringfügigen Nachteile gegen eine Vielzahl von Vorteilen abwägen. Was also sollte uns daran hindern, hier zu wohnen (außer dem Preis natürlich)?

Pico y Placa

Der Arbeitsplatz meiner Frau und die Schule unseres Sohnes befinden sich in Cumbayá. Das ist nicht sehr weit von Quito entfernt. Wenn man nicht gerade zur Hauptverkehrszeit fährt, kann man die Strecke mit dem Auto in weniger als einer halben Stunde bewältigen. Allerdings wäre man dann auch vom Auto abhängig, denn zwar gibt es Busse, die regelmäßig zwischen Quito und Cumbayá verkehren, doch muss man bedeutend mehr Zeit einplanen, zumal man, abhängig von der Gegend, in der man wohnt, auch noch umsteigen müsste. Mit dem Auto geht es eben am schnellsten. Aber abgesehen davon, ob man nun selber Auto fährt oder den Bus nimmt, gibt es eine Sache, die ein echtes Problem darstellt: pico y placa.

Pico wird die Rush-hour genannt und Placa ist das Nummernschild. Um nun den Verkehr auf den Haupteinfallrouten zwischen Quito und seinen Randbezirken etwas erträglicher zu gestalten, hat sich die Regierung ein System zur Steuerung des Verkehrsaufkommens einfallen lassen – pico y placa eben. Danach dürfen an bestimmten Tagen nur Fahrzeuge mit bestimmten Nummernschildern fahren. Ich habe mich darüber noch nicht weiter informiert, weil wir sowie nicht regelmäßig nach Quito fahren müssen. Das System ist aber ganz einfach: Beispielsweise dürfen Montags Fahrzeuge, deren Kennzeichen auf 1 und 2 enden, in der Zeit von 7:00 bis 10:30 Uhr nicht in die Stadt hineinfahren und auch nicht heraus. Dienstags sind dann die Fahrzeuge mit den Endnummern 3 und 4 dran usw. Wer sich nicht an die Regel hält und sich durch dringende Geschäfte veranlasst sieht, dennoch in die Stadt zu fahren, riskiert eine saftige Geldstrafe. Die Rede ist von zweihundert Dollar. Würden wir nun tatsächlich in Quito wohnen, müssten wir zumindest einmal pro Woche auf den Wagen verzichten und den Bus nehmen. Leute, die wohlhabend genug sind, lösen das Problem auf ihre Weise: Seit Einführung der Regelung sind die Verkaufszahlen für Autos gestiegen, denn wer es sich leisten kann, umgeht die strikte Regelung, indem er sich einfach einen Zweitwagen zulegt, dessen Kennzeichen auf einer anderen Ziffer endet. Ein Klassenkamerad meines Sohnes erzählte, dass seine Familie früher sieben Autos besessen hätte – für jeden Tag der Woche eines. Für uns scheidet diese Option aus naheliegenden Gründen aus: ich mag die Zahl Sieben nicht. Wir haben uns stattdessen entschieden, in Cumbayá zu bleiben.

Noch mehr Wohnungen in Cumbayá und Tumbaco

Alle nachfolgenden Besichtigungstermine fanden dann ausschließlich in Cumbayá und dessen Umgebung statt. Die erste Maklerin, mit der wir uns verabredeten, wollte uns eine Wohnung in einer bewachten Wohnanlage zeigen, doch mangels Akkreditierung wurde uns der Zutritt verwehrt. Der Wächter zeigte sich unnachgiebig. Die Maklerin telefonierte eine gefühlte Ewigkeit, um uns doch noch die Wohnung zeigen zu können, doch es nützte alles nichts. Wir waren umsonst gekommen. Die Frau sah ihre Provision davonschwimmen und versuchte uns noch einen zweiten Termin aufzudrängen, denn sie wollte sichergehen, dass wir ihr nicht entwischten, und so versprach sie, dass wir zu dem zweiten Termin ganz sicher Zugang zu der avisierten Wohnung erhalten würden. Doch an diesem Tag hatten wir noch weitere Besichtigungstermine mit anderen Maklern und deshalb machte meine Frau nur vage Versprechungen.

Die zweite Wohnung, die wir uns ansahen, gefiel uns von allen am besten. Der Makler, ein junger Mann, war leider verhindert und deshalb schickte er seine Mutter, um uns die Wohnung zu zeigen, was ich sehr süß fand. Die Wohnanlage liegt ein wenig außerhalb von Cumbayá, eigentlich auf halbem Wege zwischen Cumbayá und Quito. An der Autopista, die nach Quito führt, nimmt man eine Abzweigung und nach hundert Metern gelangt man an die mit einer Schranke gesicherte Pforte der Wohnanlage. Es gibt drei Zugänge: einen für Anwohner, einen zweiten für Besucher sowie einen dritten für Fußgänger. Zwischen den Schranken für die Ein- und Ausfahrt thront ein Wächterhaus, in dem sich die uniformierten Bewacher der Anlage immer zu mehreren aufhalten. Wer die Anlage als Besucher betreten möchte, muss sich, wie an fast allen solchen Checkpoints üblich, einer eingehenden Kontrolle unterziehen: man wird gefragt, wer die Person ist, die einen eingeladen hat; falls man eine Bestätigung erhält, muss man den Ausweis abgeben und dann erst darf man hinein.

Die Wohnung ist sehr schön und wir waren sofort begeistert. Merkwürdig ist, dass es zwar nur zwei Schlafzimmer, dafür aber drei Bäder gibt. Der Boden ist, wie hierzulande bei Wohnungen gehobenen Standards anscheinend üblich, mit Parkett ausgelegt, was den Räumen eine warme, ja geradezu anheimelnde Atmosphäre verleiht, aber auch jede Mengen zusätzliche Arbeit bedeutet. Die Vermieterin meinte, man müsste die Böden einmal im Monat mit einem Sud aus schwarzem Tee wischen und anschließend ein spezielles Wachs mit der Poliermaschine auftragen. Solange sie mir die Maschine zur Verfügung stellt, habe ich damit kein Problem, denn durch das Wachs ist das Parkett gut versiegelt und es bleibt dann auch ziemlich lange sauber. Der Schmutz perlt einfach ab und man muss nicht jedem Dreckfleck sofort mit dem Mob zu Leibe rücken. Die Vermieterin darf nur nicht erfahren, dass der Hund noch nicht stubenrein ist und frisch gewachstes Parkett ist so ziemlich das letzte, worum er sich schert. Am Morgen sind seine Häufchen nicht selten nach Art von Tretminen in der Wohnung verteilt und die Reinigung ist wirklich kein Vergnügen. Wenn dieser Hund etwas ganz hervorragend kann, dann ist es fressen, schlafen und kacken. Aber er ist lieb. Er würde keinem Einbrecher etwas zuleide tun. So ein lieber Hund!

Eigentlich hätten wir es nicht besser treffen können, zumal die neue Wohnung genauso viel kostet wie unsere alte, mit dem kleinen aber feinen Unterschied, dass sie rund um die Uhr von Wächtern beschützt wird, was bei unserer alten Unterkunft nicht der Fall war. Wir wollten uns aber nicht vorschnell entscheiden und uns deshalb erst noch die anderen Angebote ansehen. Vielleicht würden wir ja eine Überraschung erleben. Zum nächsten Termin kamen die Maklerinnen gleich im Doppelpack. Die Vermittlung von Wohnimmobilien scheint hierzulande eine echte Frauendomäne zu sein und so empfand ich es fast schon als Ausnahme, dass dann später zum Vertragsabschluss ein Makler auftauchte. Die beiden Vermittlerinnen fuhren uns zu einigen lohnenden Objekten, aber richtig zufrieden waren wir mit keiner der Wohnungen – zu teuer, überbewertet, abgewohnt, unattraktiv, keine Aussicht.

Die Maklerinnen fuhren uns bis nach Tumbaco – das ist die Nachbargemeinde Cumbayás weiter östlich –, aber auch hier fand sich keine Wohnung, die uns augenblicklich überzeugt hätte. Während wir kreuz und quer durch Tumbaco fuhren, erzählte die eine der Maklerinnen wahre Horrorgeschichten über diese Stadt (ich weiß nicht, ob sie schon von verkaufsfördernden Argumenten gehört hat): Danach sollen Kriminelle und Polizei den Ort in trauter Eintracht als eine Art Mafia beherrschen. So sei es völlig sinnlos, etwa nach einem Wohnungseinbruch oder einem Autodiebstahl Hilfe von der Polizei zu erwarten, denn die Gesetzeshüter steckten meist selber bis zum Hals im Sumpf des Verbrechens. Man merkt niemandem an, auf welcher Seite er steht, und so kommt man allmählich dahin, jedermann zu misstrauen, weil jeder einen bestehlen oder ausrauben könnte. Wenn meine Frau mir früher erzählte, dass man stets auf der Hut sein müsse und niemandem trauen könne, hatte ich dies für maßlose Übertreibung gehalten. Mittlerweile bin ich aber geneigt, ihr zu glauben. Es ist nur schade, dass man so Schritt für Schritt das Vertrauen in die Menschheit verliert, und ich fürchte, man wird es nie ganz zurückgewinnen, ganz gleich, wie freundlich oder hilfsbereit sich die Menschen einem gegenüber gezeigt haben mögen.

Man spricht Deutsch

Wir entschieden uns am Ende für die zweite Wohnung, die wir etwas außerhalb von Cumbayá, auf halbem Weg nach Quito gefunden hatten. Zum Vertragsabschluss kam auch der Makler – zum Besichtigungstermin hatte er seine Mutter geschickt, weil er verhindert war. Es war ein junger Mann von Anfang zwanzig, der so gut Deutsch sprach, dass ich ganz überrascht war. Ich fragte ihn, wie es käme, dass er die Sprache so gut beherrschte, und er erzählte mir, dass er die Deutsche Schule besucht und immer wieder in Deutschland geweilt hätte, um seine Sprachkenntnisse zu verbessern. Sein Deutsch sei jetzt allerdings ein bisschen eingerostet, weil er lange nicht mehr in Deutschland gewesen sei. Berlin gefalle ihm außerordentlich gut und er meinte, er würde dort gern längere Zeit leben. Er hatte dort schon einmal drei Monate verbracht und einen Sprachkurs absolviert. Man merkte, dass ihm manchmal das eine oder andere deutsche Wort nicht mehr ganz geläufig war, aber dies wurde mehr als wettgemacht durch seine exzellente Aussprache. Spanischsprecher haben in der Regel das Problem, dass sie Sprachen wie Englisch oder auch Deutsch nur schwer korrekt artikulieren können, denn viele Laute in diesen Sprachen haben im Spanischen keine Entsprechung. Bei dem jungen Mann hatte man aber nicht den Eindruck, dass seine Muttersprache ein Handikap darstellte, denn sein Deutsch war fast so klar wie das eines deutschen Muttersprachlers.

Alte Probleme in Santa Inés

Die Wohnung, die wir gefunden haben, ist wirklich sehr schön, wenn auch ein wenig kleiner als unser erstes Heim. Ich wäre sehr gern in Santa Inés geblieben, denn ich mag die Gegend, aber leider hatte der Besitzer es nicht für nötig erachtet, die dringend erforderlichen Sicherheitsmaßnahmen zu treffen und also war es das Beste für uns alle, wenn wir die Anlage verließen. Am Tage unseres Auszugs nahm die Frau des Besitzers die Wohnung ab und wir übergaben ihr die Schlüssel. Sie erzählte meiner Frau, dass sie und ihr Mann einen Kredit aufgenommen hätten, um die Wohnungen finanzieren zu können. Fünfzehn Prozent Zinsen zahlt man hierzulande, ein Satz, den man getrost als Wucher bezeichnen darf. Ich glaube, da bekommt man es als Vermieter mit der Angst zu tun, wenn sich Mieter plötzlich verabschieden. Aber ein Schaden hätte für alle Seiten vermieden werden können, wenn der Besitzer von Anfang an mehr Geld in die Sicherheit investiert hätte. Am Ende rächt es sich eben immer, wenn man bloß auf Billig setzt und dabei das Beste hofft.

Neben einigen Mietparteien gibt es in der alten Wohnanlage auch noch Eigentümer. Etwas weiter von der Straße entfernt stehen zwei Häuser, welche verkauft wurden und die sich nun im Besitz der Bewohner befinden. Nach zwei Einbrüchen machen sich die frischgebackenen Eigentümer berechtigte Sorgen, dass auch ihre Häuser ausgeraubt werden könnten, zumal ein Einbruchversuch wegen der versteckten Lage viel unauffälliger vonstatten gehen könnte als in unserem Haus – man könnte sich mitten am Tag mit der Flex an den Türschlössern zu schaffen machen und niemand würde etwas davon bemerken, denn irgendwo wird immer gebaut und Baulärm ist fast ständig zu hören. Die hohen Mauern, die eigentlich ein unbefugtes Eindringen verhindern sollen, wären ein idealer Sichtschutz. Tage vor unserem Auszug hatten sich Handwerker an den Türen zu schaffen gemacht. Da wurde gehämmert, geschweißt, gebohrt und geflext, was das Zeug hält. Es hatte den Anschein, die Hauseigentümer ließen in aller Eile und natürlich auf eigene Kosten ihre Türen und Zäune nachrüsten, um gegen einen etwaigen Einbruchversuch gewappnet zu sein. Vielleicht war die hektische Betriebsamkeit geeignet, das Gewissen der Hausbesitzer zu beruhigen, aber ob ihr teures Hab und Gut nun wirklich sicherer ist, mag dahingestellt sein.

Abenteuer Straße

Unsere neue Wohnung ist etwas weiter vom Arbeitsplatz meiner Frau entfernt als die alte, aber in weniger als zwanzig Minuten schafft man es mit dem Auto selbst in dichtem Verkehr von Tür zu Tür. Das Fahren selbst stellt dabei eine nicht geringe Herausforderung dar, denn die hiesige Fahrweise ist keinesfalls mit den Gepflogenheiten auf deutschen Straßen vergleichbar. Man muss hier stets mit dem Unerwarteten rechnen. Viele Leute halten sich nur dann an die Verkehrsregeln, wenn es ihnen gerade in den Kram passt, und gegenseitige Rücksichtnahme ist ein nie gehörtes Fremdwort: Erst kürzlich fuhr ich auf einer Straße mit nur einer Fahrspur in jede Richtung. An einer Kreuzung hielt ich, weil der kreuzende Verkehr Vorfahrt hatte. Ich wollte geradeaus weiterfahren. Der Fahrer des Wagens hinter mir war der Meinung, er könnte, während ich noch wartete, schon einmal nach rechts abbiegen. Er fuhr aber nicht, wie man es erwarten würde, hinter mir vorbei, sondern zog links von mir auf die Gegenfahrbahn, überholte mich – ich stand noch immer an der Kreuzung – und lenkte dann direkt vor mir haarscharf nach rechts. Es war ein Wunder, dass ihn niemand rammte und auch ich hätte niemals damit gerechnet, dass jemand die Verwegenheit besitzen würde, von links zu überholen, um dann nach rechts abzubiegen. Er aber hatte noch die Chuzpe, empört zu hupen (warum eigentlich?) und mir einen verständnislosen Blick zuzuwerfen. Ich fürchte, die hiesige Fahrweise färbt in gefährlicher Weise auf mich ab. Ich bin zwar noch keine drei Monate hier, aber ich ertappe mich immer öfter dabei, dass ich abbiege ohne zu blinken oder einfach die Spur wechsle, wenn mir danach ist. Ich hoffe nur, ich kann mir diese unschönen Marotten in Berlin wieder abgewöhnen.

Bei einer anderen Gelegenheit war die rechte Fahrspur nicht nutzbar, weil man gerade neuen Asphalt auf die Straßendecke gezogen hatte. Der Fahrstreifen war deutlich sichtbar mit einer dichten Kette aus rot-weißen Kegeln gesperrt. Da für den Verkehr nur die linke Spur zur Verfügung stand, stauten sich dort die Fahrzeuge vor der Kreuzung. Bei einigen der Fahrer schienen beim Anblick der freien Spur sämtliche Sicherungen durchzubrennen: Als wären sie Formel-Eins-Piloten und als hätten sie von der Boxengasse das Go bekommen, zogen sie um die Kegel und bretterten mit aufheulenden Motoren über den frischen Asphalt. Ihre schweren Pickups gruben tiefe Spuren in die noch weiche Straßendecke. An manchen Tagen empfindet man mehr als an anderen, dass man nur ein Fremder in einer fremden Welt ist.

Eine andere Sache, die einen außerordentlich nerven kann, ist das ständige sinnlose Gehupe. Es gibt Situationen, da ist es notwendig zu hupen: Wenn man etwa auf einer Straße fährt, auf der die Vorfahrt nicht zweifelsfrei geregelt ist (eine klare Rechts-vor-links-Regel oder etwas ähnliches gibt es nicht), kann es sinnvoll sein, dem von der Nebenstraße einbiegenden Fahrzeug durch kurzes Hupen zu signalisieren, dass man weiterfahren werde und es gefälligst stehen bleiben solle. Oft fahren die Leute auch unaufmerksam und ein freundliches Hupsignal kann verhindern, dass jemand anderer einen beim Ausparken rammt. Oft aber setzt man die Hupe ohne Sinn und Verstand ein.

Zum Beispiel gibt es am Morgen auf der Strecke von Cumbayá nach Nayón, wo wir wohnen, oft Stau. Alles will zur Arbeit nach Quito, aber es gibt nur die eine Route und alles muss durch dieses Nadelöhr. Während man also im Stau steht, hört man immer wieder das nervige Gehupe hinter sich. Anscheinend glauben manche Verkehrsteilnehmer, wenn sie den Fahrer des vorausfahrenden Fahrzeugs nur ausdauernd genug daran erinnerten weiterzufahren, würde sich der Stau schon auflösen. In solchen hartnäckigen Fällen von Realitätsverlust helfen eigentlich nur noch strengste erzieherische Maßnahmen und es gelüstet einen förmlich danach, die gute alte körperliche Züchtigung mal wieder in Anwendung zu bringen. Man möchte sie aus dem Auto zerren, ihr Gesicht mit der Faust bearbeiten, und zwar genauso ausdauernd wie sie sich haben einfallen lassen zu hupen, sie wieder hinter das Lenkrad setzen und ihnen einen schönen Tag wünschen. Ein gutes Beispiel, wie man es machen sollte, gibt Mr. Eddy in „Lost Highway“ von David Lynch – einfach großartig und mit Sicherheit unübertroffen in seiner erzieherischen Wirkung, wenn ich auch anmerken möchte, dass ich Gewalt zutiefst verabscheue. Aber eine kleine Tagträumerei mag doch erlaubt sein!

Abschied von Santa Inés

Ich nehme Abschied von Santa Inés mit einem Gefühl der Wehmut, denn, wenn es auch gefährlich sein mag, hier zu wohnen, weil man ausgeraubt werden könnte, ist man doch mehrheitlich von ganz normalen Leuten umgeben, also von den Ecuadorianern, die nicht in den Hochglanz-Reiseprospekten auftauchen. Dies kann man von unserer neuen Wohngegend nicht behaupten. In Santa Inés grüßten mich die Taxifahrer – die übrigens auch alle in der Gegend wohnen – und immerhin galt ich ihnen als so vertrauenswürdig, dass mir einer von ihnen eine Fahrt auf Kredit gewährte. Ein Stück entfernt von unserem Haus gab es das ecuadorianische Pendant zum Tante-Emma-Laden. Das kleine Geschäft wurde von einem steinalten Ehepaar betrieben, und wenn man etwas kaufen wollte, dauerte es eine halbe Ewigkeit, bis die Besitzer mit dem gewünschten Artikel zurückkamen, denn wegen ihres Alters bewegten sie sich quasi in Zeitlupe. Dabei hätten die Wege kaum kürzer sein können: Im vorderen Teil des Zimmers, den man durch ein Fenster mit einer Theke einsehen konnte, befand sich ihr kleiner Laden, und direkt dahinter, im selben Zimmer, nur durch ein Warenregel vor neugierigen Blicken geschützt, lag ihr Wohnzimmer mit der bequemen Fernsehcouch, von der aus sie die Telenovelas verfolgen konnten.

Die Besitzerin des Cyber-Shops um die Ecke wohnt mit ihrer Familie zu Fünfzehn (sic!) in einem Haus – Kinder, Eltern, Großeltern. Das Haus ist nicht schön und wer im reichen Westeuropa aufgewachsen ist und immer dort gelebt hat, umgeben vom Komfort und den Annehmlichkeiten der moderne Welt, würde hier sicher nicht gern wohnen wollen. Nur wenige haben Arbeit und sie sind es, die die ganze Familie ernähren. Man schlägt sich durch und hält sich zum Beispiel mit dem Verkauf von Essen gerade so über Wasser. Das sind anständige, nette und hilfsbereite Menschen, die verdient hätten, dass sie ein weniger von Sorgen beschwertes Leben führen könnten. Aber sie müssen sich den ganzen Tag abrackern und am Ende stehen sie dennoch mit leeren Händen da. Ein Taxifahrer kann nach einem Dreizehn-Stunden-Tag mit fünfzig Dollar Verdienst rechnen. Dafür lohnt es sich kaum, morgens aufzustehen, aber eine Alternative gibt es nicht. Und während die Alteingesessenen täglich ums Überleben kämpfen, kaufen die Wohlhabenden ihnen das Land ab, um darauf Appartement-Häuser zu errichten, die sie dann teuer an andere Wohlhabende vermieten oder verkaufen. In Berlin würde man so etwas Gentrifizierung nennen, hier aber empfinden viele dies sogar als Fortschritt und sehen darin den natürlichen Lauf der Dinge. Man vergisst dabei nur allzu gern, dass es lediglich eine Minderheit ist, welche es sich leisten kann, in den schicken neuen Appartements zu wohnen.

Unser neues Heim

Wir wohnen jetzt im Ghetto der Reichen. Ich hätte mir nie träumen lassen, noch hätte ich es je gewünscht, hier zu leben. Die Straßen ziehen sich schnurgerade eine Anhöhe hinauf und beiderseits der sauber gefegten Bürgersteige bilden Einfamilienhäuser und edel aussehende Mehrgeschosser Spalier. Die Siedlung wird von der obligatorischen Mauer umgeben und man muss entweder Resident, von einem Residenten eingeladen oder Angestellter sein, um das Eingangstor passieren zu dürfen. Alles wirkt ein wenig steril, denn dies ist keine Stadt, die über die Zeit gewachsen ist. Ich glaube, das hier ist überhaupt keine Stadt, sondern nur eine große Ansammlung Häuser, die von einer unüberwindlichen Mauer beschützt werden (man fühlt sich manchmal ein wenig an die letzte Szene aus „I am Legend“ erinnert, als die Überlebenden in ein von stählernen Mauern beschütztes Refugium eingelassen werden). Alles wurde irgendwann einmal, sicher vor nicht allzu langer Zeit, von einem Architekten geplant und dann gebaut und da steht es nun. Es gibt hier keine Kinder und keine alten Leute, dafür aber schöne Blumenrabatten und sorgfältig in Form gebrachte Straßenbäume. Alles wirkt so gediegen, so perfekt – viel zu perfekt, um Teil eines Landes zu sein, in dem eigentlich nichts perfekt ist.

Ganz gleich, zu welcher Tageszeit man auf die Straße geht – nur selten trifft man Menschen, die zu Fuß unterwegs sind, und wenn doch, kann man sicher sein, dass es sich um Angestellte handelt, um Gärtner, Haushälterinnen, Putzfrauen. Die Bürgersteige beleben sich immer am Morgen gegen Acht, wenn die Menschen den Berg hinauf ziehen, zu ihren Arbeitsstellen in den Häusern der Reichen, und gegen Vier, wenn der Strom der Passanten die umgekehrte Richtung nimmt und alles hinunter zum Tor wandert, um von dort den Bus nach Hause zu nehmen. Einmal sah ich einen fetten Mann auf einem Mountainbike unsere Straße hinauffahren. Die Leute hierzulande fahren Auto, als wären sie Teilnehmer der Trophy Paris-Dhakar, aber es gibt tatsächlich Menschen, die sich davon nicht abschrecken lassen und aufs Rad steigen – nicht aus einer Notwendigkeit heraus, etwa um zur Arbeitsstelle zu gelangen, sondern um sich fit zu halten oder einfach aus Spaß.

Man muss sich ehrlicherweise eingestehen, dass sich der Spaß angesichts der dichten Abgaswolken wohl eher in Grenzen hält. Ich fürchte, eine Stunde auf dem Rad und die verabreichte Schadstoffmenge entspricht ungefähr jener, die man mit einer Schachtel filterloser Marlboro inhalieren würde (nichts gegen Marlboro – mmh, lecker!). Wenn die Busse richtig Gas geben, quillt nicht selten eine schwarze Rußwolke aus dem Auspuff und man kann froh sein, wenn der Wind günstig steht und den Dreck in eine andere Richtung weht. Bei uns in der Siedlung fahren keine Busse und auch der Autoverkehr hält sich in Grenzen. Die Straße führt steil bergan und der Mann auf dem Mountainbike schnaufte so bedenklich, dass ich fürchtete, er würde gleich einen Zusammenbruch erleiden. Seine neonbunte Bikerkleidung und sein Tropfenhelm waren ihm anscheinend keine große Hilfe. Ich glaube nicht, dass er ein Angestellter war, der zu seiner Arbeitsstelle radelte.

Apropos Bus: Neulich beobachtete ich, wie ein Mann, der aussah, als wäre er ein Gringo (helle Haut, Sonnenbrille, Wanderstiefel, Rucksack), einen Bus per Handzeichen zum Halten zu bringen versuchte. Das war vielleicht lustig! Kaum hatte der Busfahrer den Mann am Straßenrand erspäht, gab er Gas, als wäre dies die erste Regel in den Vorschriften für Berufsbusfahrer. Er fuhr einfach weiter – Bleifuß auf dem Gaspedal –, ohne sich auch nur einmal nach dem Fußgänger umzudrehen. Schwarze Abgasnebel hüllten den Mann ein, der mit seiner Sonnenbrille aussah wie ein postapokalyptischer Wanderer in einer Fallout-Wolke. Er schrie dem Fahrer seine Empörung entgegen und blickte dem davonrasenden Bus mit hilfloser Geste hinterher. Wahrscheinlich war er noch nicht lange im Land, denn wäre er es, hätte er gewusst, dass die Busse, die auf den längeren Routen zwischen den Städten verkehren, niemals außerhalb der Haltestellen stoppen, um Fahrgäste aufzunehmen. Er schien auch nicht zu wissen, dass, wenn er der Straße nur zweihundert Meter folgte, er zu einer Haltestelle käme, an welcher der nächste Bus schon in ein paar Minuten Halt machen würde. Ich kann mir nicht erklären, was Leute antreibt, ein Abenteuer zu suchen, bei dem sie nicht wissen, was sie erwartet, und die dann auch noch enttäuscht oder gar wütend sind, wenn die Welt nicht so funktioniert, wie sie es sich im stillen Kämmerlein vorgestellt haben.

Aber zurück zu unserer Wohnsiedlung in Nayón: Wer hier lebt, ist in der Regel im besten erwerbsfähigen Alter. Im Fahrstuhl begegnen einem Menschen, die aussehen, als wären sie erfolgreiche Anwälte oder Versicherungsvertreter; man sieht Gringos oder reiche Señoras im reiferen Alter, die mit ihren Bekannten darüber parlieren, dass sie die nächsten Monate in Barcelona zu verbringen gedenken. Und Barcelona ist kein Dorf in der Nähe, das man mal eben mit dem Auto erreichen könnte. Ich glaube, viele, die hier wohnen, unterhalten nur einen Zweitwohnsitz, denn am Wochenende wirkt die Siedlung wie ausgestorben. Von Montag bis Freitag sieht man zumindest Autos auf den Straßen – Einwohnern, die zu Fuß gehen, begegnet man dagegen so gut wie nie –, aber am Wochenende wirkt alles wie tot. Wahrscheinlich fahren alle zu ihren Familien, zu alten Leuten und Kindern, die in echten Städten wohnen.

Dem Makler gegenüber (er hatte uns die Wohnung vermittelt) bemerkte ich, die Siedlung wirke für meinen Geschmack doch sehr künstlich. Es gäbe keine Geschäfte, keine Cafés, keine Bars, keine Restaurants. Man sehe nicht einmal normale Leute auf den Straßen. Dies sei eine reine Schlafstadt, eine Retortensiedlung vom Reißbrett. Der Makler wollte meinem Argument nicht folgten. Ich glaube sogar, er verstand nicht einmal, worauf ich hinaus wollte. Wenn es um die eigene Wohnstatt geht, zählen für Ecuadorianer offenbar nur zwei Dinge: dass sie möglichst repräsentativ (d.h. teuer) ist und dass sie sicher ist. Von beidem hat diese Siedlung eindeutig zu viel.

Mitten durch die Siedlung führt eine öffentliche Straße und auf der anderen Seite der Straße befindet sich ein Park. Der Park gehört ebenfalls zur Siedlung und ist privat. Eine Fußgängerbrücke führt über die Straße, so dass die Einwohner der Siedlung nicht einen Fuß außerhalb ihrer geschützten Anlage setzen müssen, möchten sie in den Park. Die Straße wird von beiden Seiten durch hohe Zäune begrenzt, und das Gelände diesseits und jenseits der Straße, das ja privat ist, dürfen nur Befugte betreten, d.h. die Einwohner der Siedlung. Als mein Sohn und ich über die Brücke gehen, sehen wir Kinder auf der Straße, die neugierig in den Park schauen. Vielleicht würden sie gern dort spielen, aber die Spielplätze auf der anderen Seite des Zaunes sind für sie so unerreichbar wie die Rückseite des Mondes.

Im Park selbst findet man Basketball-, Fußball- und Tennisplätze, auf denen gutbetuchte Rentner sich gemächlich die Bälle hin und her schlagen. Alles wirkt gepflegt und sauber, wenn auch die monatelange brütende Hitze den Rasen hat verdorren lassen. Es gibt Toiletten und Duschen, damit man sich nach dem Sport schnell am Ort frisch machen kann. Sogar an die Bedürfnisse unserer vierbeinigen Freunde hat man gedacht: Im Park verteilt findet man Spender, denen Frauchen und Herrschen Tüten entnehmen können, mit denen sich die lästigen Häufchen hygienisch entsorgen lassen. Allerorten sieht man Menschen auf teuren Mountain-Bikes über die Rasenflächen jagen. Ein Vater radelt über die Wiese; seine zwei Söhne im Alter von etwa sechs sind ausgerüstet wie Profi-Motocross-Fahrer und folgen ihm auf Elektro-Motorrädern. Begrenzt wird der Park von einer Privatstraße, an der schmucke Einfamilienhäuser stehen. An ihrer rückwärtigen Seite befinden sich kleine Gärten und direkt dahinter erhebt sich die Mauer, welche die Safe-Zone des Reichtums von der Hot-Zone der Armut trennt.

Als wir endlich unser Auto ausgeliefert bekamen (Halleluja!), machte uns der Angestellte des Autohauses freundlich darauf aufmerksam, dass wir den Wagen möglichst nicht auf unbewachten Parkplätzen abstellen sollten. Sehr gern nehme man die Dachantenne mit, falls der Besitzer vergessen habe, sie abzuschrauben, und den silbernen Typen-Schriftzug breche man einfach heraus. Warum? Einfach so, als Souvenir. Weil jemand anderer ein Auto besitzt, während man selber keines hat. So einfach ist das. In unserer beschützten Siedlung muss man solchen Vandalismus natürlich nicht fürchten. Dafür sorgen Wächter am Eingang und Patrouillen auf den Straßen. Man kann selbst in stockfinsterer Nacht ohne Angst auf den Straßen spazieren gehen. Allerdings vermag ich mir gut vorzustellen, dass man zu nächtlicher Stunde, allein und auch noch zu Fuß, selber für einen Einbrecher gehalten werden könnte. Vielleicht bleibe ich lieber in der Wohnung, damit ich nicht noch versehentlich von einer Patrouille des Wachschutzes niedergeknüppelt werde.

Auf der Insel

Ich lebe zur Zeit auf einer Insel mit mir als dem einzigen Bewohner. Seit wir das Auto haben, komme ich so gut wie gar nicht mehr in Kontakt mit „normalen“ Ecuadorianern, einmal abgesehen von meiner Frau, die jedoch nicht zählt, da ich sie ja schon kenne. Ich schließe die Türen des Wagens und bin in meiner eigenen kleinen Welt eingeschlossen. Ich muss nie auf die Straße, es sei denn, ich fahre mit dem Auto einkaufen oder ich hole meinen Sohn von der Schule ab. Im Grunde zwingt mich nichts und niemand, mit irgendeinem anderen Menschen zu sprechen. Die Leute, die ich zufällig in der Wohnanlage treffe – etwa wenn ich auf den Fahrstuhl warte oder wenn ich den Müll runter bringe –, sind nicht gerade redselig. Die einzige, die das Gespräch sucht, ist unsere Vermieterin. Sie gehört zu der Sorte Mensch, die einfach drauf los redet und sich nicht darum schert, ob man nun verstanden hat, was sie sagt, oder nicht. Die Leute, die hier im Haus wohnen, kommen mir ein wenig distanziert vor, gar nicht so wie die Menschen in Santa Inés. „Guten Tag“ ist meist schon alles, was man zu hören bekommt, und häufig, wenn man grüßt, wird man einfach nur wortlos angestarrt. Ich vermisse Bahía. Die Menschen dort sind einfach freundlicher. Aber um dies festzustellen, braucht es nicht mich. Das sagen selbst die Ecuadorianer.

Es ist eine Tatsache, dass ich in Berlin fast mehr Spanisch gehört habe als hier. Das klingt absurd und ist wirklich paradox, aber in der Gegend, in der ich wohnte, waren die Straßenbahnen morgens voll mit geschwätzigen spanischen Touristen und auch in der U-Bahn traf ich am Abend auf dem Weg nach Hause oft auf ganze Horden feierwütiger Leute von der iberischen Halbinsel. Hier treffe ich niemanden, denn wenn man mit dem Auto fährt, ist man für sich. Und in unserem Haus, in der Wohnanlage, sieht man nur selten andere Menschen, denn wer es sich leisten kann, fährt mit dem Auto (nur Angestellte gehen zu Fuß).

Mir ist das Eigenartige meiner Situation durchaus klar: Um einmal einen Muttersprachler Spanisch sprechen zu hören, muss ich auf Youtube gehen, obwohl ich doch in einem Land lebe, in dem Spanisch Amtssprache ist und es im Prinzip niemanden gibt, der diese Sprache nicht spricht. Eigentlich begegnet man hier kaum jemals einem Menschen, der eine andere Sprache als Spanisch spricht. Das ist fast schon bizarr (ich glaube, ich habe eine gewisse Affinität zu diesem Wort). Vielleicht melde ich mich in einer Sprachschule an und belege einen Sprachkurs. Das wäre zumindest eine lohnenswerte Alternative. Ich fürchte nur, dort treffe ich all die Gringos, denen ich bisher erfolgreich aus dem Weg gegangen bin. Doch das ist dann wohl Bestimmung.

Der Wahnsinn namens Alltag

Die wichtigste und nützlichste Tugend, die man in Ecuador haben kann, ist Geduld. Seit einigen Wochen leben wir nun schon in unserer neuen Wohnung, aber bisher haben wir weder Fernsehen, noch Internet, noch Telefon. Letzte Woche war der Internet-Mann da und machte uns drei Angebote mit jeweils unterschiedlichen Übertragungsgeschwindigkeiten und demzufolge jeweils unterschiedlichen monatlichen Gebühren. Wir nahmen das günstigste Angebot, das immerhin noch 35 Dollar pro Monat kostet, und verließen uns auf die Zusage, dass er sich um alles weitere kümmern würde. Ich habe das unbestimmte Gefühl, wir werden noch viele Wochen ohne Internet in unserer Wohnung sitzen (dazu auch hier und hier).

Zum Glück gibt es gleich um die Ecke einen Cyber, d.i. ein Cyber-Shop, in dem man für wenig Geld surfen und auch mal eine Seite oder zwei ausdrucken kann, wenn man keinen eigenen Drucker besitzt. Abends ab 18:00 Uhr sind fast alle Plätze ausnahmslos mit Teenies belegt, die entweder Call of Duty, Grand Theft Auto online spielen oder ihre Idole, Ikonen der Musikindustrie, anhimmeln. Neulich waren einige etwa 13- oder 14jährige Mädchen da, die immer wieder ihren Lieblingssong, gesungen von einer der hiesigen Pop-Diven, im Karaoke-Stil nachzusingen versuchten. Bestimmt eine Stunde oder länger konnte ich mir immer wieder den selben Song anhören – Mädchen-Pop der schlimmsten Sorte – und dazu noch den Gesang der Hobbypopsternchen, die oft nicht nur einen Ton danebenlagen. Sie genierten sich überhaupt nicht, dass alle im Raum zuhörten, und schienen erst zufrieden, als sie dann wenigstens ein paar Töne getroffen hatten.

Gleich neben dem Cyber-Shop befindet sich eine Art Restaurant, in dem sich die Anwohner Freitags und am Wochenende zum Essen und zum gemütlichen Beisammensein treffen. Zwar hat es in den letzten paar Jahren in Cumbayá viele tiefgreifende Veränderungen gegeben, weil reiche Quiteños oder solche, die sich bloß für wohlhabend halten, hierher gezogen sind, sich Grund und Boden inklusive neuer Häuser gekauft und damit letztlich die Grundstückspreise ruiniert haben, dennoch findet man immer noch Inseln, in denen die Alteingesessenen in ihren einfachen Häuser dem Luxuswahn trotzen. Das Restaurant ist nichts weiter als ein Holzkohlegrill unter einem mit Wellblech gedeckten Vordach. Dahinter, unter dem Dach, hat die Besitzerin einige Stühle und Tische für die Gäste aufstellen lassen. Die übliche Kundschaft kommt aus der Nachbarschaft. Es gibt solche einfachen Gerichte wie gegrilltes Fleisch mit Maiskolben oder Salchipapas, das sind dicke Pommes frites (Papas fritas) mit einer gegrillten Wurst (Salchicha). Die Leute sitzen in der lauen Abendluft, schlagen sich die Bäuche mit den deftigen Gerichten voll, trinken Bier aus der Flasche und unterhalten sich bis spät in die Nacht hinein. Einmal wollte ich mir auch eine Portion gestatten, aber meine Frau riet mir mit vor Entsetzen geweiteten Augen ab, als könnte ich mir durch die Bestellung eines einfachen Gerichts den Tod auf dem Teller einhandeln. Bei allem, was gegrillt, gebraten oder frittiert ist, muss man sich nicht wirklich sorgen. Acht geben sollte man jedoch bei den vermeintlich gesunden Nahrungsmitteln wie Salaten und frisch gepressten Säften, von denen ich, eingedenk meiner Erfahrungen während vorangegangener Reisen, lieber die Finger lasse. Vielleicht mag meine Frau auch deshalb nicht dort essen, weil kein Salat angeboten wird. Mein Sohn jedenfalls machte schon ganz große Augen als er den Teller mit den Papas fritas und der Salchicha sah.

Die meisten Leute haben nicht viel Geld in der Tasche und zehn oder zwanzig Dollar sind für manch einen ein kleines Vermögen. Auf der letzten Hausversammlung hatten die Mieter und die Besitzer von Wohneigentum lebhaft die Frage der Sicherheit diskutiert. Unbekannte waren in die Parketage eingedrungen und hatten versucht, eines der Autos gewaltsam aufzubringen. Auf der Versammlung hatte man in Abstimmung mit dem Besitzer der Anlage beschlossen, dass ein Concierge eingestellt würde, der sich um alle Belange kümmern könnte. Natürlich muss der Concierge von den Mietern bzw. Wohnungseignern bezahlt werden. Seit etwa einer Woche wirbelt ein junger Mann durch die Anlage, beseitigt den Müll, nimmt kleinere Reparaturen vor und schrubbt die Böden blitzblank. Das ist wirklich kein leichter Job, und den ganzen Tag Fußböden schrubben, kann einen schon ordentlich fordern. Ich habe erfahren, dass er eine Frau hat und dass die beiden ein Baby haben. Man müsste annehmen, dass die Arbeit, die er tagtäglich verrichtet, gut genug bezahlt ist, um die Familie ernähren zu können, zumal das Einkommen seiner Frau für die Zeit nach der Entbindung entfällt. Wie man sich erzählt, gehört er einer Familie an, in der das Dienstbotendasein Tradition hat: Seit Generationen steht man im Dienste „der Reichen“ und verrichtet all die niederen Tätigkeiten, die man sich – reich oder nicht – am liebsten ersparen möchte. Ich war schockiert zu hören, dass er gerade einmal dreihundert Dollar pro Monat verdient. Ich glaube allerdings nicht, dass es sich um eine Vollzeitstelle handelt. Aber man bräuchte schon mehrere solcher Jobs, um in einer derart teuren Stadt wie Cumbayá einigermaßen über die Runden zu kommen.

Das Leben in Ecuador und im Speziellen in Cumbayá ist unglaublich teuer; manchmal scheint mir, sogar noch teurer als in Deutschland. Ein Kollege meiner Frau gestand, er und seine Frau bräuchten im Monat gut tausend Dollar für Nahrungsmittel – ernähren sich diese Leute nur von Trüffel und Kaviar? Es ist jedoch wahr, dass man für einen ganz normalen Familienwocheneinkauf ein kleines Vermögen lassen kann. Einhundert Dollar sind schneller ausgegeben, als man es für möglich halten möchte, und damit ist ein Einkaufswagen, wie man sie üblicherweise in den Supermärkten vorfindet, noch kaum gefüllt.

Neulich Morgens fuhren wir mit dem Taxi zur Schule. In der Deutschen Schule beginnt die Arbeit um 7:30 Uhr und meine Frau muss ein wenig früher da sein, weil es Lehrern auch außerhalb der offiziellen Arbeitszeiten nie an Arbeit mangelt. Der Unterricht an der Schule meines Sohnes beginnt erst Punkt 8:00 Uhr. Also fahren wir mit dem Taxi zuerst zum Colegio Alemán, setzten meine Frau ab, und dann geht die Fahrt weiter zur British School. Die erste Etappe kostet 2,50 Dollar. Die Fahrt von der Deutschen Schule weiter zur Schule meines Sohnes, die etwas außerhalb liegt, schlägt noch einmal mit derselben Summe zu Buche. Dort angekommen, überreichte ich dem Taxifahrer einen Zwanzig-Dollar-Schein, um die Fahrt, fünf Dollar insgesamt, zu bezahlen. Doch der Fahrer hatte nicht genug Wechselgeld in seinem Portemonnaie und konnte mir nicht herausgeben. Die Situation hätte Anlass zu einiger Verwirrung geben können, doch der Taxifahrer meinte nur, ich könne ihm das Geld auch irgendwann später geben. Er wohne ebenfalls im Sektor Santa Inés (das ist unser Stadtteil in Cumbayá) und er werde Nachmittags um fünf Uhr vorbeikommen, um das Geld in Empfang zu nehmen. Als ich gegen halb drei mit dem Bus losfuhr, um meinen Sohn von der Schule abzuholen, sah ich ihn wieder mit seinem Taxi auf der Straße. Er fragte mich im Vorbeifahren, ob ich Geld gewechselt hätte, doch ich musste passen – ich hatte den großen Schein noch immer in der Tasche.

Wenn ich meinen Sohn von der Schule abhole, nehmen wir immer den Bus. Der Bus ist das weitaus geläufigste öffentliche Verkehrsmittel in Ecuador und fast überall das einzige. In Cuenca, einer Stadt im Süden des Landes, entsteht ein Straßenbahnnetz, doch Cuenca bleibt damit wohl auf lange Zeit eine Ausnahme. Das gewöhnliche und meistbenutzte Verkehrsmittel bleibt nach wie vor der Bus. Seit Jahren nun schon liegen Pläne vor, das arg strapazierte Verkehrsnetz von Quito durch eine U-Bahn zu entlasten. Die Planungen sind weit fortgeschritten und eigentlich hätte mit dem Bau schon begonnen werden müssen, wenn sich nicht Widerstand gegen das neue Verkehrsmittel geregt hätte. Eine U-Bahn-Fahrt soll vierzig Cent kosten. Die Fahrt wäre damit deutlich teurer als eine Fahrt mit dem Bus, die den Fahrgästen gerade einmal 25 Cents abverlangt, und zwar unabhängig davon, wie weit man fährt. Viele Menschen fürchten, dass sie sich dann Fahrten nicht mehr leisten könnten, und sie sind deshalb gegen den Bau der Metro.

Wenn man wissen will, wie dieses Land tickt, muss man mit dem Bus fahren. Das Liniennetz ist erstaunlich verzweigt und im Prinzip kommt man zu jedem Ort der Stadt ohne jemals ein Taxi benutzen oder weit zu Fuß gehen zu müssen. Selbstverständlich darf man auf einigen Strecken nicht denselben Komfort erwarten wie im eigenen Auto. Manchmal sind die Busse regelrecht überfüllt und man muss stehen, was wirklich unangenehm sein kann, wenn der Fahrer meint, die Passagiere bräuchten etwas Frischluft und in voller Fahrt die Türen aufreißt. Auf den längeren Routen, wie zum Beispiel zwischen Quito und Cumbayá, verkehren richtige Reisebusse mit bequemen Polstersitzen, und meistens ergattert man auch einen Sitzplatz, so dass man die Fahrt ganz entspannt genießen kann. Die Fahrer halten auch nur an den Haltestellen, und nicht etwa zwischendurch, wie auf den kürzeren Strecken, wo man nur den Arm heben muss, und schon bremst der Bus und man springt ab oder auf.

Auf den längeren Routen steigen an fast jeder Station fliegende Händler zu und versuchen, ihre Ware an den Mann oder die Frau zu bringen: frisches Gebäck, Eis, Feuerzeuge, Zeitungen, Kugelschreiber, Kaugummis, Schokolade. Es gibt kaum etwas, was man nicht im Bus kaufen kann. Die Fahrer lassen die Händler seelenruhig gewähren; vielleicht bekommen sie ein kleines Handgeld. Einmal versuchte ein Hare-Krishna-Jünger sein Glück. Zuerst hielt er eine Bekehrungsrede, die so professionell wirkte, dass jede x-beliebige Werbeagentur ihn von der Stelle weg eingestellt hätte. Nachdem er seine Ansprache beendet hatte, verteilte er Büchlein, in denen man Lebenshilfe und Anleitungen zur Meditation finden konnte. Wer mochte, konnte eines der Bücher für nur einen Dollar erstehen, die anderen sammelte er bis zum nächsten Stopp wieder ein. Am Ende war er bestimmt ein Dutzend Bücher losgeworden. Meine Frau war schon versucht, eines zu kaufen, aber mein skeptischer Blick hielt sie dann doch zurück.

Von unserem Viertel (Santa Inés) aus fährt so ein kleiner Tingel-Tangel-Bus bis ins Zentrum von Cumbayá und wieder zurück. Morgens können die Busse richtig voll werden, denn die Bediensteten der reichen Haushalte fahren von den ärmeren Vierteln, wo sie wohnen, in die Stadtteile der Reichen. Köchinnen, Wäscherinnen, Kinder- und Putzfrauen, Haushälterinnen, Gärtner, Chauffeure, Handwerker, Wachschutzleute – sie alle müssen zu Arbeit und sie alle nehmen den Bus, der nur schleppend vorankommt, denn alle fünfzig Meter ruft jemand „Gracias“ – das Zeichen, dass der Fahrer anhalten möge. Einige Menschen steigen dann aus und eilen auf zigfach gesicherte Tore oder Türen zu, durch die sie nach der üblichen Gesichtskontrolle eingelassen werden. So geht das über die ganze Strecke und wenn ich dann schließlich zuhause ankomme, ist der Bus fast leer.

Am Nachmittag, wenn ich meinen Sohn von der Schule abholen möchte, fahre ich erst bis ins Zentrum von Cumbayá. Dort nehme ich dann den Bus Richtung Tumbaco (das ist die nächste Gemeinde weiter östlich). An der Haltestelle muss man nie lange warten, denn während ein Bus abfährt, sieht man schon in der Ferne den nächsten anrollen. Eigentlich sind es nur drei oder vier Kilometer bis nach Tumbaco, doch die nagelneue Autopista nimmt einen ziemlich weiten Umweg um das Tal des Rio San Pedro. Der Fluss hat sich derart tief ins Erdreich gegraben, dass das Flusstal stellenweise zur Schlucht mit fast senkrechten Wänden wird. Nach Tumbaco geht es mit leichtem Gefälle abwärts und die Fahrer lassen keine Gelegenheit aus, um wieder einmal den Streckenrekord zu brechen. Da die Straße einige Kurven hat, ist es ratsam, sich gut festzuhalten, will man nicht ständig willenlos gegen den Sitznachbarn gepresst wird.

Ich fahre nie ganz bis nach Tumbaco, sondern steige immer schon an der Station „El Nacional“ aus. Dabei handelt es sich um eine riesige Trainingsstätte für Nachwuchsfußballer – Fußballfelder so weit das Augen reicht. Vom Bus aus sieht man zu jeder Tageszeit Dutzende von Nachwuchstalenten auf den penibel gepflegten Rasenplätzen kicken. Auf der anderen Seite der Straße liegt ein Park und genau davor befindet sich die Haltestelle, an der mein Anschlussbus schon startbereit wartet. Meist stärken sich die Fahrer jedoch erst mit einem Snack an den Imbissbuden direkt oberhalb der Haltestelle. Auch geben sie den Händlern so Gelegenheit, noch einmal durch die Busse zu gehen und ihre Waren feilzubieten.

Zur British School geht es überwiegend bergauf und die Busse schleppen sich mühsam auf den von Schlaglöchern gesäumten Straßen entlang. Es geht durch einfache Wohnviertel, manchmal sieht man Werkstätten oder kleine Geschäfte. Die Straße, an der die Schule liegt, ist die Calle Cunuyacu. Zu sehen gibt es nicht viel, doch seit einiger Zeit hat man auf einigen der Grundstücke, die direkt an die Straße grenzen, zu bauen begonnen. Riesige Werbetafeln, mit denen Käufer angelockt werden sollen, verraten mehr: Errichtet werden Luxus-Wohnsiedlungen, moderne, weitläufige Anlagen mit 24-Stunden-Bewachung, mit Mauern, Elektrozäunen und Scheinwerfern. Vielleicht, so das Kalkül der Bauherren, wollen dieselben Leute, die ihre Kinder auf eine teure und exklusive Privatschule schicken, gleich in der Nähe ihrer Schützlinge wohnen.

Von allen Eltern der etwa dreihundert Schüler der British School bin ich der einzige, der mit dem Bus anreist, um sein Kind abzuholen. Manchmal sieht man ein, zwei Taxis, der Rest fährt mit dem eigenen Wagen vor. Das sind Fahrzeuge im überwiegend hochpreisigen Segment, wenn nicht sogar aus der Luxussparte. Mehrmals sah ich tatsächlich einen Porsche, die meisten anderen Gefährte sind dagegen eher geländegängig, allradgetrieben und mehr als bloß ausreichend stark motorisiert. Man kommt sich vor, als wäre man auf einer Autoshow, denn viele der Wagen sehen nagelneu aus. Jedes Mal, wenn ich am Eingang der Schule stehe und auf den Bus warte, treffen mich neugierige wie gleichermaßen irritierte Blicke aus dem klimatisierten Innern der vorbeiziehenden Autokarawane: Gehört der dazu? Warum steht er dort? Ein Gringo-Opa guckte mich an, als hätte er noch nie jemanden auf den Bus warten sehen. Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass in den USA nur die Menschen mit dem Bus fahren, die so arm sind, dass sie sich kein eigenes Auto leisten können. Und da muss man schon wirklich sehr arm sein, denn kurioserweise gibt es Obdachlose, die in Autos leben. Ich glaube, auch wenn wir unser eigenes Auto bekommen sollten – es kann sich nur noch um Wochen handeln –, werde ich die Gewohnheit beibehalten, und mit dem Bus zur Schule meines Sohnes fahren.

Ich denke, viele der Menschen, die ihre Kinder auf solch teure Schulen schicken, haben den Kontakt zur Wirklichkeit in diesem Land verloren oder überhaupt nie einen Kontakt zum Leben gehabt. Mit dem wirklichen Leben, wie es sich direkt vor ihrer Haustür abspielt, kommen sie kaum je in Berührung. Wie sollte man auch – man wohnt in beschützten Wohnanlagen, fährt im klimatisierten Auto durch die Stadt anstatt auch nur ein paar Meter zu Fuß zu gehen, kauft in teuren Malls ein und lässt sich die Einkäufe auch noch vom Angestellten des Supermarktes ins Auto packen, das im gesicherten Parkhaus wartet. Viele dieser Leute begegnen niemals den „normalen“ Ecuadorianern, es sei denn als Hausangestellten und dann vermeidet man es wohl eher, von ihnen Kenntnis zu nehmen. Man umgibt sich mit seinesgleichen oder mit jenen Einheimischen, die durch ihren Reichtum ein ähnlich hohes soziales Prestige, wie man es selbst zu besitzen glaubt, für sich in Anspruch nehmen können. Manche von ihnen erscheinen vor der Schule tatsächlich mit ihren Hausangestellten, der Nanny etwa oder der Haushälterin. Man erkennt es an der Kleidung: Während der Herr Business-Anzug trägt und die Dame mit Geschmack sich mit teurer Designerkleidung und edlen Accessoires schmückt, ist die Bedienstete schmucklos in Kittelschürze und Arbeitsanzug gehüllt. Man zweifelt manchmal, ob all die Revolutionen, in die sich die Menschheit für eine bessere Welt stürzte, wirklich etwas genützt haben.

Oberhalb der Schule, nicht mehr als zweihundert Meter entfernt, thront ein Franziskaner-Konvent wie eine einsame Bergfestung am Hang. Dieselbe Straße, auf der die Eltern ihre teuren Autos parken, wenn sie die Kinder abholen, führt hinauf zum Sanctuario Eucaristico, wie auf einem Hinweisschild vor der Schule zu lesen ist. Ich frage mich, was die Franziskaner wohl denken mögen angesichts des eitlen Schaulaufens, das tagtäglich vor ihren Augen vorbeizieht. Ich hätte nicht übel Lust, einmal hinaufzugehen und sie zu fragen. Schließlich wies der Heilige Franz von Assisi, der Gründer des Ordens, jeglichen Besitz von sich und er vertrat sogar der Meinung, die Kirche sollte arm sein. Vielleicht ist es ein gutes Zeichen, dass der derzeitige Papst ihn zum Namenspatron erkoren hat. Ich hoffe, ich nehme irgendwann einmal all meinen Mut zusammen und statte den Brüdern auf dem Berg einen Besuch ab, vorausgesetzt, sie wollen mich überhaupt empfangen.

Die Rückfahrt von der Schule nach Hause ist weit spektakulärer als die Hinfahrt. Nicht nur führt die Strecke über weite Teile bergab, der Bus ist in der Regel auch voll besetzt. Eine Maximalkapazität scheint es nicht zu geben und jeder, der den Bus heranwinkt, wird auch mitgenommen. So kommt es gar nicht so selten vor, dass die Türen nicht mehr geschlossen werden können, weil sich die Fahrgäste so eng drängen, dass der Platz nicht mehr reicht, um für solche Nebensächlichkeiten wie geschlossene Türen zu sorgen. Ich muss allerdings zugeben, dass ich dies erst ein einziges Mal erlebt habe und dann auch nur am Morgen, wenn die Leute ohnehin spät dran sind und jeden Bus nehmen, den sie kriegen können. Ich hatte gerade meinen Sohn zur Schule gebracht, und da kam auch schon der Bus, mit dem ich nach Hause fahren würde. Als er vor mir hielt und die Tür sich öffnete, sah ich nichts als einen Wust von dicht gedrängten Leibern. Ich hätte auf den nächsten Bus in zehn Minuten warten können. Andererseits hatte ich noch nicht gefrühstückt und mir war deshalb schon ganz flau zumute. Länger wollte ich nicht warten. Also stieg ich ein in der Hoffnung, dass sich der Bus auf der Strecke rasch leeren würde.

Ich hatte gerade meinen Fuß auf das Trittbrett gesetzt, als der Fahrer auch schon das Gaspedal bis zum Anschlag durchtrat. Man tut gut daran, sich mit aller Kraft festzuhalten, denn die Fahrer nehmen weder Rücksicht auf den Komfort noch die Sicherheit der Fahrgäste. Während der Bus beschleunigte, hing ich noch halb aus der Tür und es gelang mir auch nicht, mich zwischen die anderen Passagiere in den Bus zu schieben. Mir war nur zu deutlich bewusst, dass ich wohl unweigerlich mit dem nächsten Laternenpfahl Bekanntschaft machen müsste, würde ich den Griff loslassen – nicht, dass ich die Absicht gehabt hätte! Auf der Rückfahrt ist die Strecke ziemlich abschüssig und die Fahrer nutzen jede Gelegenheit, die Maximalgeschwindigkeit aus ihren Fahrzeugen herauszukitzeln. Bei manchen Bodenwellen hat man das Gefühl, der Magen würde sich umstülpen und in den Kurven zerren die Fliehkräfte so unerbittlich, dass man glaubt, man wäre nicht in einem Bus, sondern hätte sich ins Astronautentraining verirrt.

Der Fahrtwind pfiff scharf an meinem Gesäß vorbei und ich schmiegte mich ganz eng an den Bus, denn ich fürchtete, ich könnte an irgendeinem der Zaunpfähle oder Mauervorsprünge hängen bleiben, an denen wir mit wahnwitziger Geschwindigkeit vorbeirasten. Neben mir stand die Kassiererin; sie lehnte lässig in der Tür und hielt sich ebenso lässig fest. In der anderen Hand hatte sie das Wechselgeld. Das Buspersonal auf den längeren Strecken ist immer in Zweierteams unterwegs: einer fährt, der andere kassiert, nur weiß man nicht, welcher der anspruchsvollere Job ist, denn gerade wenn die Busse voll sind, hangeln die Kassierer sich mit nahezu artistischer Gelenkigkeit durch den Fahrgastraum oder springen bei Stopps aus einer Tür, kassieren in einem irren Tempo das Geld von den Fahrgästen, die gerade aussteigen, und springen ebenso verwegen wieder durch die andere Tür in den Bus, während der Fahrer schon mit Vollgas beschleunigt. Als die Kassiererin mich nach Fahrgeld fragte, konnte ich mit Mühe und Not den geforderten Vierteldollar aus der Tasche kramen. Dabei schielte ich immer wieder ängstlich auf die vorbeirasende Umgebung.

An der nächsten Haltestelle stiegen einige der Passagiere aus; etwas Platz wurde frei und ich nutzte die Gelegenheit, weiter ins Innere des Busses vorzudringen. Ein Mann neben mir fragte: „Do you speak English?“ Es kommt so gut wie nie vor, dass man in Ecuador auf Englisch angesprochen wird. Umso verwunderter war ich, dass mich ausgerechnet jemand im Bus fragte, wo doch selbst in den teuren Boutiquen der Shopping-Malls ausschließlich Spanisch gesprochen wird. Ich musste seine Frage bejahen und er schickte voller Neugier sofort die nächste Frage hinterher: woher ich käme. Ich sagte es ihm und er überlegte eine Weile, was dies wohl zu bedeuten hätte. Dann hielt der Bus, die Tür ging auf und weitere Passagiere drängten sich zwischen uns.

Auf der Strecke zwischen Tumbaco und Cumbayá wurde ich abermals „erkannt“: Ich stieg nichtsahnend in den Bus und hangelte mich bis in die Mitte vor, damit ich den Leuten, die aussteigen wollten, nicht im Wege stünde. Irgendwo mitten im Gang standen zwei junge Männer, die aussahen wie Gringos oder Europäer – also wie ich. Völlig ahnungslos blickte ich auf und sie deuteten den Blickkontakt offenbar als Zeichen, denn sie grüßten mich, als würden wir uns gut kennen, als wären wir seit ewigen Zeiten Kameraden und Reisegefährten auf abenteuerlichen Wegen. Man muss entweder ziemlich verzweifelt sein oder von starkem Heimweh geplagt werden, wenn man den Erstbesten grüßt, der aussieht, als würde er von dort stammen, wo man selbst herkommt. Ich erwiderte ihren Gruß eher desinteressiert, weil ich es für ganz schön kühn halte, jemanden als Geistesverwandten anzusehen, nur weil er vielleicht vom selben Kontinent stammt.

Es ist übrigens für einen normal großen Europäer oder Amerikaner gar nicht so einfach, eine längere Busfahrt zu unternehmen, wenn man dabei nur einen Stehplatz hat. Der normal große Ecuadorianer kann in einem landesüblichen Bus bequem stehen. Schwieriger wird dies für Menschen ab einer Körpergröße von etwa 1,85 Metern. Wenn ich in einem der Linienbusse aufrecht stehe, reibt mein Schädeldach am Wagenhimmel. Ich mache mich aber immer ein wenig kleiner, federe in die Knie und ziehe den Kopf ein, denn man muss stets damit rechnen, dass der Bus in eine Delle taucht oder über eine Bodenwelle springt. Die rasant-sportliche Fahrweise der meisten Fahrer tut noch ein Übriges. Der Reisekomfort ist doch ganz erheblich eingeschränkt, wenn einem der Kopf ständig gegen die Decke gerammt wird. Aber manchmal hat man ja Glück und kann sitzen. Da scherzt dann nicht das Schädeldach, sondern die Knie, denn auch der Abstand zwischen den Sitzen ist auf eine kleinere Körpergröße geeicht.

Ich habe die ersten Schritte unternommen, mich meinem kulturellen Umfeld zumindest optisch anzugleichen. Ein wenig Bräune macht aus mir zwar noch keinen Ecuadorianer, zumindest aber glaubt man nun nicht mehr, ich sei gerade dem Flugzeug entstiegen. Nichts sticht hier mehr hervor als ein kreideweißer Teint. Eigentlich ist hier niemand wirklich blass, es sei denn, er käme aus einem kalten, dunklen Land oder wäre rothaarig. Man müsste sich schon sehr anstrengen, um die aristokratische Blässe auf Dauer zu bewahren, denn die Sonne scheint am Tag nahezu ununterbrochen und schließlich kann man sich nicht für immer im dunklen Zimmer vergraben.

Zur Zeit ist es so warm wie an einem heißen Badetag in Berlin. Erst in den Abendstunden kühlen die Temperaturen dann aufgrund der Höhe wieder merklich ab, was aber zugleich den Vorteil hat, dass man gut schläft. Der Himmel strahlt blau in Blau und wenn doch einmal Wolken aufziehen, ist man froh darüber, dass einem die Sonne einmal nicht den ganzen Tag auf den Pelz brennt. Man fragt sich, ob es wohl hin und wieder regnet. Manch Schöne, die ihren makellos weißen Teint nicht durch den geringsten Anflug von Farbe entstellt sehen möchte, wechselt die Straßenseite im Laufschritt, nur um ja schnell wieder in den Schatten zu gelangen. Während sie durch die pralle Sonne eilt, hält sie ihre Hand über den Kopf, damit das Gesicht beschattet ist. Was würde sie wohl denken, wenn sie die sommerlichen Parks und Badestrände Berlins mit ihren Sonnenanbetern sähe? Ich habe gerade gelesen, dass die Temperaturen im spätsommerlichen Berlin noch einmal bis auf 25 Grad steigen. Wenn ich Berlin auch ein wenig vermisse, den Winter vermisse ich ganz bestimmt nicht! Ich bin froh, dass mir das nasskalte Wetter und die arktische Dunkelheit erspart bleiben. Zwar gibt es auch hier eine Art „Winter“, doch regnet es dann mehr. Richtig kalt wird es aber nie und wenn es einen doch danach verlangen sollte, wieder einmal im Schnee herumzutollen, müsste man schon bis auf fast 6.000 Meter aufsteigen. Man sollte nur Acht geben, dass man sich für diese Unternehmung keinen aktiven Vulkan aussucht, der kurz vor dem Ausbruch steht, wie derzeit der Cotopaxi, wenn man den Vulkanologen glauben will. Dann kann es nämlich richtig warm werden, höllisch warm.

Ich bin jetzt fleißig dabei, Spanisch zu lernen. Aber ich muss ehrlich bekennen: es fällt mir unglaublich schwer. Mein Hirn sträubt sich regelrecht dagegen, selbst die einfachsten Wörter zu behalten. Aber Vokabeln zu pauken ist auch wirklich nicht die Art von Ablenkung, die man sich an einem lauen Sommerabend wünscht, zumal hier jeder Abend ein lauer Sommerabend ist. Es geht langsam voran, viel langsamer als ich mir wünschte. Nichtsdestotrotz mache ich Fortschritte. Manchmal jedoch sind nicht Bücher die besten Lehrmeister, manchmal lehrt einen der Alltag mehr als alle Weisheit, die man in Büchern finden kann: Zumindest weiß ich jetzt, was in Ecuador „cool“ heißt: chevere (gesprochen: tschéwere; „Wie cool!“ heißt dann que chevere, gesprochen: ke tschéwere). Und auch solch ein nützliches, kaum zu unterschätzendes weil oft gebrauchtes Wort wie „Schlumpf“ kenne ich jetzt: pitufo. Damit ist es nun möglich, in jedem tiefschürfenden Gespräch den richtigen Akzent zu setzen: Que chevere, pitufo – Wie cool, du Schlumpf.

Mare tranquilitatis

Bahía de Caráquez ist eine Ausnahme unter den ecuadorianischen Städten. Die meisten Städte im Land, selbst die kleinen, sind quirrlig und chaotisch. Bahía hingegen ist eher ruhig – wenn nicht gerade Horden von Touristen und Ausflüglern einfallen. Als ich die Stadt 1992 zum ersten Mal besuchte, gab es so gut wie keinen Autoverkehr. Es war vollkommen egal, ob man auf der Straße ging oder auf dem Bürgersteig. In der ganzen Stadt fand man nicht eine Verkehrsampel (wozu auch?) und es war eine regelrechte Sensation, als man später eine aufstellte. Heute gibt es im Zentrum und an der Zufahrtsstraße gleich mehrere, und wie in allen Städten tun sie zuverlässig ihre Arbeit und bremsen den Verkehr aus, der übrigens stark zugenommen hat. Vor 23 Jahren war die Brücke, welche die Stadt mit dem Festland verbindet, noch nicht gebaut und man musste weite Wege in Kauf nehmen, um zur anderen Seite zu gelangen. Heute ist das kein Problem mehr: Man läuft einfach hinüber zur anderen Seite oder joggt, was der sportbegeisterte Teil der Einwohnerschaft gelegentlich tut.

Da die Stadt auf einer Halbinsel liegt, hat sie naturgegeben wenig Platz, um sich auszubreiten. Von drei Seiten wird der Ort von Meer eingeschlossen, nur die Seite zur Halbinsel hin ist offen. Und genau hier wurde in den letzten Jahren am meisten gebaut: Firmen haben sich angesiedelt und Privatleute haben Land gekauft, um Häuser darauf zu bauen. Direkt an der Zufahrtsstraße nach Bahía, etwas außerhalb der Stadt, aber gerade noch zu Fuß zu erreichen, hat man ein riesiges Einkaufszentrum, ein Centro comercial bzw. eine Shopping Mall, errichtet. Als wir vorbeifuhren, hatte ich kurz ein Deja vu und ich glaubte, ich befände mich vor den Hellerdorfer Arkaden oder vor irgendeinem beliebigen Wall-Mart in den USA. Lediglich der Schriftzug „Centro Comercial“ belehrte mich eines Besseren. Die Architektur solcher Malls ist so austauschbar, dass man glauben könnte, ein einziger Verantwortlicher hätte sämtliche Shopping Malls auf der ganzen Welt konzipiert.

Wenn man nicht gerade der Besitzer einer der zahllosen kleinen Geschäfte ist, welche in großer Zahl die Straßen säumen, hat man in Bahía nicht viel zu tun: man kann an den Strand gehen oder eines der vielen kleinen Restaurants besuchen. Schließlich bleibt noch die Möglichkeit, auf dem Balkon oder vor dem Haus zu sitzen und die Leute auf der Straße zu beobachten, was die Einheimischen auch gern tun. Für Feierwütige bietet die Stadt nicht viele Gelegenheiten. Während der Saison, die bis Mitte August dauert, gibt es manchmal Straßenpartys, aber sonst sucht man vergeblich nach Zerstreuung. Man lässt die Tage eher gelassen angehen, denn Zeit spielt eigentlich keine Rolle. Jeder Tag ist wie alle Tage – es passiert nichts; die Sensationen des Lebens spielen sich im privaten Bereich ab.

Am Vormittag wollte ich trainieren und da ich erfahren hatte, dass es gleich eine Straße weiter ein Studio gäbe, stand meinem Entschluss nichts mehr im Wege. Nach drei Wochen ohne Training fühlte ich mich schon ganz eingerostet und ich konnte meinen Bewegungsdrang kaum noch bändigen. Ich brauchte unbedingt ein gutes Workout, sonst würde mich das Rumsitzen, Abhängen und Chillen noch umbringen. Das Studio breitet sich auf drei Etagen eines Wohnhauses aus. Auf der mittleren Etage befinden sich die Privaträume des Besitzers und man muss notgedrungen an ihnen vorbeilaufen, wenn man in die oben befindlichen Studioräume gelangen möchte. Das Studio selbst ist sehr spartanisch eingerichtet: ein paar Maschinen, die aussehen, als wären sie in Heimarbeit zusammengeschweißt worden, ein paar Bänke und Gott sei Dank eine gute Auswahl an Lang- und Kurzhanteln. Das Studio erfüllte dann auch seinen Zweck – das Workout war gut, doch nicht ohne Wehmut dachte ich an meine alte Arbeitsstelle, das Studio im Sportzentrum der Turngemeine in Berlin. Ich glaube nicht, dass es hier in Ecuador auch nur ein Studio damit aufnehmen kann. Und ich dachte auch an die Freunde und Kollegen in Berlin, denen ich Lebewohl gesagt hatte, an Christoph, an Marte und an all die anderen – viele herzliche Grüße!

Der Besitzer des Studios, in dem ich trainieren wollte, sieht aus wie ein fetter deutscher Pumper, ist aber offenbar waschechter Ecuadorianer. Ich versuchte, mich mit ihm auf Englisch zu unterhalten, aber hier im Land spricht fast niemand Englisch. Genausogut hätte ich es mit Hindi oder Kisuaheli versuchen können. Ich kenne Leute, die seit fünf oder mehr Jahren in Berlin leben und gerade mal „Guten Tag“ auf Deutsch sagen können. In Berlin besteht keine wirkliche Notwendigkeit, Deutsch zu lernen, weil man mit Englisch fast überall durchkommt. Hier ist das anders: Niemand spricht Englisch, wirklich niemand. Selbst in Quito, der Hauptstadt, ist es ausgeschlossen, dass man in einer der großen Shopping-Malls auf Englisch bedient wird. Eine einfache Unternehmung wie eine Order im Restaurant kann zur Tortur werden, wenn einem die Worte fehlen. Die Leute, die hier leben, empfinden dies aber nicht als Einschränkung, denn schließlich spricht man fast auf dem ganzen Kontinent Spanisch und immerhin sind Spanisch und Portugiesisch bzw. Brasilianisch miteinander verwandt und sie sind sich so ähnlich, dass man sich gegenseitig versteht, ohne die Sprache des anderen lernen zu müssen. Zählt man übrigens die Sprecher einer Sprache, die dieses Idiom als ihre Muttersprache ansehen, so steht Spanisch nach Chinesisch auf dem zweiten Rang, noch vor dem Englischen. Man darf nicht vergessen: Im Gegensatz zum Deutschen ist das Spanische eine Weltsprache – schon deshalb lohnt es sich, diese Sprache zu lernen.

Es gibt auch hier kleine Kolonien von Ausländern, meist Amerikanern, in denen man sich hartnäckig weigert, die Landessprache zu lernen. Die Ecuadorianer sprechen von ihnen mit einer gewissen Verachtung. Diese Leute leben nur unter sich, sie haben mit den Einheimischen nicht viel zu tun und vermutlich wollen sie auch gar nicht mit ihnen zu tun haben. Die Ecuadorianer sind sehr gastfreundliche Menschen, aber solch eine ablehnende Einstellung gegenüber der Landeskultur sehen sie mit tiefster Missbilligung. Ich finde, sich zu weigern, die Landessprache zu lernen, ist ein Zeichen von Arroganz und zeugt von schlechten Manieren. Gewiss gelingt es nicht jedem, die Sprache leicht zu erlernen – viele müssen sie quälen (ich gehöre auch dazu), aber letztlich zählt doch die Einstellung. Die Einheimischen merken sehr schnell, was man über ihr Land denkt und was man von ihrer Kultur hält. Wenn man hier auf Dauer leben möchte, ist es nicht nur klüger, sondern auch profitabler – und zwar in jeder Hinsicht –, wenn man versucht, sich anzupassen. Spanisch gehört in jedem Fall dazu.

In Bahía sollte man an den Strand gehen, denn er ist eine der wenigen Attraktionen, welche die Stadt zu bieten hat. Und das Beste daran: Alles ist kostenlos. Besucht man den Strand bei Ebbe, wird man von einem hundert Meter breiten Streifen aus feinem Sand empfangen. In der Bucht, die der Stadt ihren Namen gab (Bahía bedeutet Bucht), sollte man lieber nicht baden, es sei denn, man sehnt sich nach juckendem Hautausschlag. Etwa einen Kilometer oberhalb der Badestelle werden nämlich die Abwässer der Stadt ins Meer eingeleitet und was aus dem Rohr kommt, sieht nicht wirklich appetitlich aus. Das Rohr endet über der Wasserlinie und man kann dabei zusehen, wie der Unrat sich in der Bucht verteilt. Der Fluss spült ihn direkt an den Badenden vorbei. Auch die Abwässer der Shrimp-Farmen werden in die Bucht eingeleitet; die leckeren Krebstierchen mag man zwar gern essen, doch in ihren Exkrementen und den Antibiotika, die man ihnen mit dem Futter verabreicht, möchte man nicht unbedingt baden. Überdies besteht die Gefahr, dass man von der Strömung erfasst wird. Schließlich badet man in einer Flussmündung, die dazu noch Gezeitenzone ist. Vom Strand aus kann man die Strömungen und Strudel gut sehen, die sich schon wenige Meter vom Ufer entfernt bilden. Es hat in den letzten Jahren immer wieder tödliche Unfälle gegeben. Die Badenden, zumeinst sind es Touristen aus der Sierra, d.h. aus den Gebirgsregionen, scheinen davon gehört zu haben, denn sie wagen sich nicht weiter als bis zum Bauchnabel ins Wasser hinein.

Gesünder und vor allem weniger gefährlich ist es, man geht auf die andere Seite der Landzunge, dorthin, wo die Wellen des Pazifiks auf den Stand rollen. Die Schar der Badelustigen ist hier eigenartigerweise überschaubar, obwohl das Wasser sauberer ist und obwohl es riesigen Spaß macht, sich in die Wellen zu stürzen. Das Wasser ist warm wie in einer Badewanne, obgleich dicht an der Küste der kalte Humboldtstrom vorbeifließt. Vor Kleiderdieben muss man sich nicht fürchten, aber man muss aufpassen, dass die Sachen, die man am Strand zurückgelassen hat, nicht von der Flut überspült werden. Wir warfen uns den halben Tag lang in die Wellen und gingen an den malerischen Stränden direkt vor der Stadt spazieren. Die Strandpromenade war gepflastert mit mobilen Verkaufsständen, die den Badetouristen Erfrischungen und Snacks anboten. Es sind die Tage vor dem 10. August, des Tages des Primer Grito de la Indepencia – des „ersten Schreis nach Unabhängigkeit“. Die Menschen, darunter viele Familien mit Kindern, strömen in die Stadt, um ein paar schöne Tage am Meer zu verleben.

So ganz genau weiß ich noch nicht, was es mit dem 10. August auf sich hat. Als ich meine Frau, die es ja wissen müsste, fragte, meinte sie in typischer Lehrermanier, ich solle mich im Selbststudium darüber informieren (6 – setzen! Arbeit nachschreiben!). In den nächsten Monaten habe ich Zeit und es ist durchaus lohnend und interessant, sich mit der an Umstürzen und Revolutionen reichen Geschichte dieses Landes zu befassen. Zwar habe ich schon viel gelesen, aber alles kann man natürlich nicht wissen. Schließlich bin ich ja erst kürzlich zugezogen; da verzeiht man schon mal den einen oder anderen Fauxpas.