Auf Wohnungssuche in Cumbayá

Schon am Tag nach unserer Ankunft begeben wir uns auf Wohnungssuche. Meine Frau hat Termine mit den örtlichen Maklern vereinbart, denn wir wollen uns gern einmal anschauen, wo man vielleicht wohnen könnte. Vor allem aber brennen wir natürlich darauf zu erfahren, wie viel der Spaß denn kostet. Die Maklerin hat ihre zwei Kinder (etwa fünf und neun Jahre) mitgebracht. Sie ist überaus freundlich und charmant und spricht meine Frau, wie es hierzulande üblich scheint, gleich mit dem Vornamen an. Mein Spanisch ist zu schlecht, um mitreden zu können. Ich höre nur zu, schaue mich um und denke mir meinen Teil. Man kann ja auch eine Meinung haben, ohne sie andauernd kundzutun.

Die erste Wohnung, die sie uns die Maklerin präsentiert, ist ein Traum: drei große helle Zimmer, zwei Bäder, Dachterrasse, Parkplatz im Erdgeschoss im eigenen Haus. Alles sieht nagelneu aus, wahrscheinlich sind wir die ersten, die sich das Objekt überhaupt anschauen dürfen. Mit uns zusammen besichtigen einige junge Leute aus Quitos Oberschicht das Objekt. Sie sehen sich gelangweilt um, beeindruckt scheinen sie nicht – wir aber sind es dafür umso mehr.

Die Wohnumgebung wirkt wie eine mediterrane Feriensiedlung gehobenen Standards – rundherum schöne neue Häuser in strahlendem Weiß; aus den Vorgärten wachsen Palmen, die Straßen sind ordentlich, die schicken neuen Autos adrett am Bordstein geparkt. Der Ausblick vom Wohnzimmer aus ist herrlich. Das Haus ist in einen Hang gebaut und so hat man freie Sicht. Der Bick geht über die anderen Häuser hinweg in ein grünes Tal, in dem sich die Siedlung allmählich verliert, Hohe Berge, an deren Flanken das Grün in die Höhe wächst, schließen die Talsenke ein. An den Hängen treiben Wolken gemächlich vorrüber.

Solch ein Traum hat natürlich auch seinen Preis – achthundert Dollar will die Maklerin dafür pro Monat. Wir wollen es uns überlegen. Sie merkt, dass wir zögern und bietet uns darum noch eine zweite Wohnung eine Etage tiefer an. Die Wohnung ist ebenso schön und neu wie die erste, nur deutlich kleiner. Dafür würde sie auch etwas weniger kosten. Die Wohnung gefällt uns sehr, doch sie hat einen gravierenden, ganz entscheidenden Makel: jeder Ausblick ist durch Betonwände verstellt. Nirgendwo hat man freie Sicht – sei es, dass ein Haus direkt davor steht, sei es, dass man in den nur schmalen Innenhof schaut. Schon nach kurzer Zeit kommt man sich vor wie in einem Gefängnis. Wir glauben, die Wohnung werde nur deshalb so preiswert angeboten, weil sie keiner haben will. Wir geben der Maklerin unsere Nummer. Wir wollen unbedingt in Kontakt bleiben, aber wir müssen uns die Sache erst einmal überlegen, denn schließlich geht der übliche Mietvertrag über einen Zeitraum von einem Jahr und die Kaution in Höhe von zwei Monatsmieten wird einbehalten, wenn man den Vertrag früher löst. Die Maklerin hat Verständnis für unsere Bedenken.

Am selben Tag haben wir noch einen zweiten Termin. Die Wohnung ist relativ klein und durchaus erschwinglich, aber der Grundriss behagt uns gar nicht. Eigentlich handelt es sich nur um einen langen, schmalen Gang, von dem ausschließlich auf einer Seite sämtliche Zimmer, die Küche und das Bad abgehen. Man kommt sich vor wie in einem Zellentrakt. Wir verwerfen das Angebot augenblicklich.

Die Wohnungen, die wir uns anschauen, befinden sich alle in Cumbayá. Cumbayá ist eigentlich nur eine östliche Vorstadt von Quito und bis vor ein paar Jahren wäre wahrscheinlich auch niemand auf die Idee gekommen, sich dort anzusiedeln. Doch Quito liegt in einem Tal und wird von allen Seiten von Bergen umschlossen. So gibt es wenig Platz zum Wachsen. In den letzten Jahren hat sich die Mittel- und Oberschicht nach neuen Möglichkeiten umgesehen, Grundbesitz zu erwerben. In Cumbayá ist sie fündig geworden, denn die kleine Siedlung hat alles, was es braucht: Sie liegt nur wenige Kilometer außerhalb Quitos und man kann hier relativ ruhig und geschützt wohnen und doch jeden Tag zur Arbeit nach Quito pendeln. Mittlerweile gibt es moderne Straßen, die es erlauben, in kürzester Zeit nach Quito und wieder zurück zu fahren.

Die Grundstückspreise waren anfangs noch niedrig, aber dann gab es einen regelrechten Run, so dass die Bodenpreise bald förmlich durch die Decke schossen. Reiche Ausländer heizten den Boom noch zusätzlich an. Heute hat Cumbayá eine Infrastruktur, die der Quitos in nichts nachsteht. Es gibt einfach alles. Wer aber dort leben und all diese Annehmlichkeiten genießen möchte, muss auch dass nötige Kleingeld mitbringen, denn die Preise haben teilweise astronomische Dimensionen erreicht, und nicht nur mir kommt es so vor, als kostete hier vieles sogar mehr als etwa in Europa oder in den USA.

Wir wissen noch nicht, ob wir eine der Wohnungen nehmen werden. Klug wäre es, noch weitere Angebote einzuholen. Wir möchten schon in Cumbayá leben, weil unser Sohn die Deutsche Schule besuchen wird, die sich ebenfalls dort befindet. Bei einer Anreise aus Quito muss man am Morgen unter Umständen lange Anfahrtzeiten in Kauf nehmen.

New Jersey

In New Jersey, dem direkt an New York angrenzenden Bundesstaat, scheint so etwas wie ein schleichender Besitzerwechsel stattgefunden zu haben. Zwar sehen die Städte exakt so aus, wie man sich amerikanische Städte vorstellt – also ein bisschen eintönig und auswechselbar –, aber die Menschen, die darin leben, sind überwiegend Zugewanderte der ersten Generation und ihre Kinder, die bereits in den Staaten geboren wurden. Auf den Straßen, in den Shopping-Malls, an der Tankstelle, im Supermarkt, nahezu überall hört man fast nur noch Spanisch. Die in den USA Geborenen sprechen natürlich in der Regel beide Sprachen, aber für einen Spanisch-Muttersprachler besteht überhaupt keine Veranlassung, noch irgendeine Notwendigkeit, jemals Englisch zu sprechen. Man kommt überall mit Spanisch durch. Die Auslagen in den Geschäften, die Werbung, Anzeigen – alles ist zweisprachig beschriftet bzw. verfasst, wenn nicht gleich nur auf Spanisch. Es gibt spanischsprachiges Fernsehen und Zeitungen auf Spanisch. Manche der Einwanderer der ersten Generation sprechen auch nach Jahrzehnten in den USA nur sehr schlechtes Englisch, so dass man schon genau hinhören muss, um sie überhaupt zu verstehen.

Meiner Frau, die Spanisch als Muttersprache spricht, war das alles schon ein bisschen unheimlich. Selbst auf sie wirkte diese Entwicklung wie eine feindliche Übernahme. So lange wir uns nicht gerade direkt in Newark (wo es tatsächlich noch vorkommt, dass man Englisch spricht), sondern in den kleineren Städten drumherum aufhielten, musste sie sich nie der englischen Sprache bedienen. Natürlich hätte man auch Englisch sprechen können, aber auf Spanisch ging alles viel einfacher und schneller: Im Elektronikshop wurden wir selbstverständlich auf Spanisch bedient. Im Verlaufe des Verkaufsgesprächs stellte sich heraus, dass der Verkäufer Ecuadorianer ist oder vielmehr Sohn ecuadorianischer Eltern, die in die Staaten eingewandert sind. Bei Marshalls, einem Kaufhaus für Bekleidung und Wohungseinrichtungen, stammte der Verkäufer ebenfalls aus Ecuador oder jedenfalls seine Eltern. Er selbst ist in den USA geboren und somit Amerikaner, aber die kulturelle Herkunft prägt. Anders als in Texas versucht man nicht schamvoll zu verheimlichen, woher man selbst stammt oder die Eltern. Die Hispanics sind in weiten Teilen des Bundesstaates längst in der Mehrheit und müssen sich nicht mehr verstecken.

Beim Abflug aus den USA gab es am Flughafen Probleme und es schien einen bangen Moment lang fraglich, ob wir die Reise überhaupt fortsetzen könnten. Meine Frau, die die Tickets gebucht hatte, regelte schließlich alles, ohne auch nur einmal auf das Englische zurückgreifen zu müssen. Der Angestellte der Fluglinie, der uns eincheckte und uns sehr half, stammte übrigens – na, woher wohl? – aus Ecuador, und zwar aus Portoviejo, einem Ort, der in der Nähe der Heimatstadt meiner Frau liegt. Man verständigte sich schnell, denn man hatte in denselben Restaurants gegessen und dieselben Strände besucht. Ich fragte mich einen Augenblick lang, ob ich eifersüchtig sein sollte, aber dann wurde mir klar, dass er viel zu jung war – und zu nett, wirklich nett, nicht diese aufgesetzte Business-Freundlichkeit. Wir haben ihm viel zu verdanken. Hoffentlich bleiben wir in Kontakt.